Tanz am Geysir

Es ist soweit: Der erste Vorbote aus Yumi Itos im November auch physisch erscheinenden Album Stardust Crystals kommt in Form der Single „Little Things“ mit dazugehörigem Video. Darin huldigt sie unverkennbar ihrer großen Liebe Island, und die Klänge gehen eine wunderbare Synthese mit der Natur ein. Well done, Yumi!

Yumi Ito: „Little Things“
Quelle: youtube

Radiotipp: Kristallines Orchester

Yumi Ito, Foto: Maria Jarzyna

Liebe Freund*innen,

am Dienstag, den 22.9. strahlt SRF 2 Kultur in der Sendung Jazz & World aktuell ab 20h meinen Beitrag über die Basler Musikerin Yumi Ito aus.

Jazz, Klassik, Pop, Songwriting – mit solchen dürren Begriffen kommt man der Musik von Yumi Ito nicht bei. Die Absolventin des Basler Jazzcampus agiert in den unterschiedlichsten Formationen, tritt solo, im Duo und Trio, aber auch mit einem Ensemble von 11 Musikern auf. Mit diesem Orchestra veröffentlicht sie jetzt das Album „Stardust Crystals“, das sie auch am 25.9. im Atlantis Basel im Rahmen des dortigen Jazzfestival vorstellt.

Die Sendung ist hier im Live-Stream zu verfolgen:
https://www.srf.ch/radio-srf-2-kultur/

Yumi Ito: „Stardust Crystals“ – album teaser
Quelle: youtube

Nachlese Festival „Ins Weite“ #3: Yumi Ito & Feven Yoseph

Foto: Mayada Wadnomiry

Das Festival „Ins Weite“ zog für zwei wunderbare Konzerte an den kühlen Waldsee.

Foto: Alexandra Heneka

Die Basler Sängerin, Komponistin und Pianistin Yumi Ito, deren Album Stardust Crystals dieser Tage erscheint, gastierte mit ihrem Trio (Kuba Dworak, Bass und Íago Fernández, Drums) und spielte ein Set voller kristalliner Zwischentöne und fein gemalter Improvisationen.

Foto: Alexandra Heneka

Yumi sang von einem Mammutbaum in San Francisco, von der mächtigen Natur in Island, widmete dem schwülen Abend ein Jazz-Haiku und ließ das Publikum in eine brasilianisch inspirierte Zugabe einstimmen.

Foto: Alexandra Heneka

Drei Tage später besuchte uns die Äthiopierin Feven Yoseph mit ihrem Berliner Quintett um den Trompeter Marcus Rust.

Foto: Mayada Wadnomiry

Feven brachte jede Menge Soul auf Amharisch mit, immer wieder aber schimmerten die Roots ihrer Heimat durch und auch eine Widmung an den Grandseigneur des Ethio-Jazz Mulatu Astatke ließ sie sich nicht nehmen.

Foto: Stefan Franzen

Danke an unser Publikum, dass diese beiden Konzerte unter erschwerten Bedingungen zu einem so familiären Erlebnis gemacht hat.

Foto: Mayada Wadnomiry

Festival „Ins Weite“: Augustgäste am Waldsee

Feven Yoseph, Foto: Andy Spyra

Liebe Freund*innen,

die franko-marokkanische Band Bab L’Bluz hat gestern Nacht den Mensagarten in Trance versetzt – fesselnder Schlusspunkt eines spannenden Konzertwochenendes mit begeistertem, zahlreichem Publikum.

Jetzt wechselt das vom Kommunalen Kino Freiburg initiierte Festival

„Ins Weite. Reisen in Film, Musik und Literatur“

seine Spielorte und macht für die Musik am Waldsee Station.

Hier haben wir bis Ende des Monats drei wunderbare Shows mit starken Frauen zu verkünden.

Am Donnerstag, den 20.8. um 19h30 gastiert die junge Basler Sängerin, Pianistin, Songwriterin, Pianistin, Komponistin und Arrangeurin Yumi Ito mit ihrem Trio und einer Klangsprache zwischen Jazz, Björk und Impressionismus.

Yumi Ito: Schaffhauser Jazzfestival 2020
Quelle: youtube

Eine Entdeckung aus Äthiopien ist die Sängerin Feven Yoseph, die am Sonntag, den 23.8. um 19h30 mit ihrem Quintett ostafrikanische Roots und Skalen in eine soulige Umgebung bettet.

Feven Yoseph: „Yetsegaw Kiber“
Quelle: youtube

Gleich drei starke Frauen begegnen sich am Sonntag, den 30.8. um 19h30, wenn Julia Galas und Steffi Sembdner vom Tanztheater J.U.S.T. und ihrem Stück „mitteschön“ auf einen akustischen Roadtrip von New Orleans nach Detroit der Straßburger Sängerin Barefoot Amhell und ihrem Trio treffen. Dieses Konzert veranstaltet „Ins Weite“ in Kooperation mit dem Café Atlantik.

Amhell & Her Backdoor Men: „She’ll Be Gone“
Quelle: youtube

Tickets sind ausschließlich auf der Website des Festivals erhältlich, dort wird selbstverständlich auch über das Hygienekonzept informiert:
https://www.koki-freiburg.de/insweite/

Musikprogramm des Festivals „Ins Weite“

Szene aus Ulrike Ottingers Film „Johanna d’Arc of Mongolia“ (zu sehen am 27.8. bei „Ins Weite“)

Liebe Freund*innen,

mit einem bewegenden und ausverkauften Konzert des Awa Ly Duos ist das Festival

„Ins Weite. Reisen in Film, Musik und Literatur“

am vergangenen Wochenende im Freiburger Mensagarten gestartet. An drei Spielorten – im Mensagarten, am Waldsee und am Alten Wiehrebahnhof – wird es bis zum 15.9. aus vielen Perspektiven ums Thema Reise gehen: in Open Air-Kinoabenden, Konzerten und Lesungen renommierter Autor*innen. „Ins Weite“ ist eine Initiative des Kommunalen Kino Freiburg e.V., das örtliche Partner an Bord geholt hat, unter ihnen Slow Club, Swamp, Café Atlantik und Tamburi Mundi e.V.

Das Thema Reise mit seinen drei geographischen Schwerpunkten USA / Westafrika / Asien wollen wir musikalisch von Afro-Soul über Post- und Surfrock bis Poetry Slam und Jazz abbilden: lokal und regional, aber auch mit internationalen Gästen, „ins Weite“ gehend.

Dieses Festival ist anders: In Zeiten der Pandemie dürfen wir nur eine limitierte Zahl von Zuhörer*innen einlassen und arbeiten mit einem Hygienekonzept. Die Zeit für Werbung ist knapp, da wir erst vor 10 Tagen – nach Unterstützung von der Stadt, dem SC Freiburg und weiteren Sponsoren – auch Fördermittel vom Land Baden-Württemberg erhalten haben. Das Programm haben wir daher in kürzester Zeit auf die Beine gestellt, Improvisation und Spontaneität sind die Tugenden der Stunde und wir freuen uns über jede Art der Multiplikation!

Musikprogramm – Übersicht:

Mensagarten:
22.07. – DJ Swampster / DJ Hercules: My Daddy Was A Hippie Punk – Psychedelic Beatsounds from the late 60s til early 70s (Freiburg) 20h
24.07. – Stunchile (Freiburg) 19h
27.07. – Art Of Being…On The Road: Deutsch-amerikanische Literaturperformance mit Musik von Joe Killi und Muneer B. Fenell (Freiburg) 20h30
30.07. – Marvin Suckut – Atlantik Slam (Freiburg/Waldkirch/Konstanz/Esslingen) 19h
31.07. – „Under The Big Blue Sky“ (Mongolei/Iran/Türkei/Freiburg) 19h
14.08. – Leopold Kraus Wellenkapelle (Freiburg) 19h
15.08. – Iman & Dub Tub (Freiburg) 19h
16.08. – Bab L’Bluz (Marrakesch/Lyon) 21h

Yumi Ito feat. Szymon Mika: „Little Things“
Quelle: youtube

Waldsee:
20.08. – Yumi Ito Trio (Basel/Japan/Polen/Spanien) 19h30
23.08. – Feven Yoseph (Äthiopien/Berlin) 19h30
30.08. – Tanztheater „mitteschön“ (Company J.U.S.T., Freiburg) / Barefoot Amhell & Her Backdoor Men (Straßburg) 19h
03.09. + 04.09. – We Stood Like Kings (Belgien) je 21h
06.09. – Masaa (Libanon/Köln/Berlin) 21h
10.09. – Hosh Neva (Türkei/Mannheim) 19h

Kommenden Mittwoch werden DJ Swampster und DJ Hercules mit einem psychedelischen Set die Einstimmung zum Roadmovie-Klassiker „Easy Rider“ besorgen. Am Freitag stellt sich die junge Rockband Stunchile aus Freiburg vor: Das Powertrio um die Sängerin Leonie Maier ist ganz frisch mit der Jazzhaus Records-Single „The Blues Loves You“ am Start – ein Konzert, das der Slow Club mit uns veranstaltet. Die Brücke zur Festivalsparte des geschriebenen Wortes schlagen wir am 27.7. mit einer deutsch-amerikanischen Literaturperformance, zu der der Gitarrist Joe Killi und der Cellist Muneer B. Fenell die Klänge beisteuern. Einen Poetry Slam-Abend zum Thema Reisen gestaltet Marvin Suckut mit Wortkünstler*innen aus Waldkirch, Konstanz und Esslingen, Partner bei diesem Abend ist das Café Atlantik.

Stunchile: „The Blues Loves You“
Quelle: youtube

Besonders freuen wir uns über zwei Kooperationen mit dem Festival Tamburi Mundi. Beim ersten Partnerkonzert, zugleich der Eröffnung von Tamburi Mundi, wird der mongolische Künstler Enkhjargal Dandarvaanchig einen Abend mit Freund*innen bestreiten: „Under The Big Blue Sky“ vereint sich der Sänger und Pferdekopfgeiger in verschiedenen Konstellationen mit der persischen Hackbrett-Virtuosin Arezoo Rezvani, der mongolischen Sängerin Baadma und ihren beiden Schwestern, sowie Tamburi Mundi-Chef Murat Coşkun.

Arezoo Rezvani & Murat Coskun: „Khazan“
Quelle: youtube

Surfsound aus Freiburg? Das funktioniert exzellent und originell, wie die zahlreichen Anhänger*innen der Leopold Kraus Wellenkapelle wissen, die bei uns ein intensives Augustwochenende einläutet, gefolgt von der nicht nur in Kennerkreisen hochgeschätzten Reggaeformation Iman & Dub Tub, die neue Songs mitbringen. Beide Konzerte veranstalten wir in Partnerschaft mit dem Swamp. Die Reihe im Mensagarten beschließt das französisch-marokkanische Quartett Bab L’Bluz: Letzten Sommer haben sie bei Rock am Bach in Kirchzarten abgeräumt und kehren jetzt mit ihrem Debütalbum auf Peter Gabriels Label Real World in die Regio zurück: Ihre hypnotische Mischung aus Power-Rock, Gnawa-Grooves und Wüstenblues schickt die Hörer*innen auf eine spannende Reise nach Marrakesch.

Bab L’Bluz: „El Watane“
Quelle: youtube

Im August wechseln wir den Spielort und richten uns mit der Musikbühne direkt am Ufer des Waldsees ein: Dort macht die junge Basler Sängerin Yumi Ito mit ihrem Trio den Anfang: Sie bringt ihr neues Album „Stardust Crystals“ mit, auf dem sie Jazzimprovisation mit Songwriting-Anklängen an Björk und Radiohead verknüpft, und sie erzählt in ihren Kompositionen von Reisen nach Island, Kalifornien und Brasilien. Die äthiopische Sängerin Feven Yoseph wird für Freiburg eine echte Entdeckung sein: Derzeit in Berlin lebend verbindet sie in ihrer Musik äthiopische Skalen mit R&B- und Gospel-Anklängen in Quintettbesetzung.

Feven Yoseph: „Mengedinja“
Quelle: youtube


Gespannt sein darf man auf den Double Bill zum Augustausklang, den das Café Atlantik beiträgt: Julia Galas und Steffi Sembdner von der Freiburger Company J.U.S.T. gestalten im Tanztheater-Stück „mitteschön“ die Reise zweier Menschen in ihrer Lebensmitte, die auf engstem Raum – in einer gemeinsamen Hose – stattfindet. Diesen Spätsommerabend verlängert die Straßburger Band Barefoot Amhell & The Backdoor Men, die uns auf eine Reise durch die Songs starker Frauen der amerikanischen Popmusikhistorie mitnimmt, von New Orleans bis Detroit.  Zu einer stilbildenden Instanz bei der Vertonung von Stummfilmen gemausert hat sich das belgische Quartett We Stood Like Kings, das der gerade preisgekrönte Slow Club uns vorgeschlagen hat: An zwei Abenden zeigen sie, wie der sowjetische Klassiker „Ein Sechstel der Erde“ von Dziga Wertow und der US-Kultfilm „Koyaanisqatsi“ mit Postrock-Begleitung zu neuen Ehren kommen.

We Stood Like Kings: „Volchovstroy“
Quelle: youtube

Der September ist die Zielgerade von „Ins Weite“: Mit der deutsch-libanesischen Band Masaa kommen sowohl Jazzfans als auch Lyriker zum Zuge: Mit seinem neuen Gitarristen Reentko Dirks und den Versen des Sängers Rabih Lahoud verknüpft das mehrfach preisgekrönte Quartett die Raffinesse des Wortes mit der Dynamik des Jazz.  Den Abschluss der Konzertstrecke des Festivals „Ins Weite“ bildet die zweite Kooperation mit Tamburi Mundi e.V.: ein Sufi-Konzert des Ensembles Hosh Neva unter der Leitung der Brüder Mehmet und Ali Ungan am Waldsee, die in die spirituelle Klangwelt der Bektashi- und Mevlevi-Orden entführen, inklusive Derwischtanz.

Masaa: „Herzlicht“
Quelle: youtube

Auf der Website zum Festival wird nach und nach das gesamte Programm mit allen Filmen, Lesungen und Konzerten abrufbar sein. Aufgrund der Corona-Auflagen sind vorläufig noch ausschließlich dort Tickets für die einzelnen Veranstaltungen zu erwerben, und dort wird selbstverständlich auch über das Hygienekonzept informiert:

https://www.koki-freiburg.de/insweite/
https://de-de.facebook.com/koki.freiburg/

Ermöglicht wird „Ins Weite“ durch die Unterstützung von: Land Baden-Württemberg, Stadt Freiburg, SC Freiburg, Studierendenwerk Freiburg, Gaststätte Waldsee, iz3w, Carl Schurz-Haus, Artik, E-Werk, Fairburg, Literaturhaus und Centre Culturel Français.

Leopold Kraus Wellenkapelle: „Plattfuß am Texasfluss“
Quelle: youtube

Saint Quarantine #14: Aus dem Sternenstaub


Heute sollte das Jazzfestival in Schaffhausen mit einem Release-Konzert der Schweizer Musikerin Yumi Ito starten. Pandemiebedingt hat sich die Leitung entschieden, die Künstler in einem Digitalformat ihre Konzerte in reduzierter Form präsentieren zu lassen. Yumi Ito wird heute Abend 45 Minuten hier online mit ihrem Set zu hören sein, als Vorgeschmack auf ihr Orchestra-Album
Stardust Crystals. Die eigentliche Veröffentlichung soll nun im September erfolgen, das neue Releasekonzert ist in ihrer Heimatstadt Basel für den 25.9. angesetzt, Infos folgen. Anlässlich des Schaffhausener Sets teile ich hier meinen Artikel aus dem Programmheft, der nach einem Interview mit ihr in Basel entstand.

„Ich habe am Rheinufer auf einer Wiese gelegen und in den blauen Himmel gestarrt“, erzählt Yumi Ito. „Und da habe ich plötzlich Klänge gehört, hatte die Vision von einem größeren Ensemble, das meine Songs spielt. Doch wie ich da hinkommen sollte: keine Ahnung!“ Der Weg zur Verwirklichung dieser Vision, er war spannend und gewunden. Doch am Ende führte er hinein in dieses gelungene Abenteuer voll eigenwilliger Zwischentöne und kleiner Geschichten mit Unebenheiten, mit Vertiefungen. Die 29-Jährige liebt das, was nicht allzu offensichtlich ist – und mischt daraus eine wunderbare, einzigartige Palette.

Um Yumi Itos Klangphilosophie zu verstehen, hilft es, in ihre künstlerische Biographie einzutauchen: Mit einer polnischen Mutter, Konzert- und Opernsängerin sowie Gesangspädagogin, und einem japanischen Vater, Konzertpianist, könnte die musikalische Laufbahn ja fast vorgezeichnet sein. Die Liedzyklen von Chopin schweifen durchs dreisprachige Elternhaus, in dem auch Fernost nachhaltig zu ihrem Erbe beiträgt: „Japan hat mich vielleicht durch die Art, wie ich denke und wie zielstrebig ich meine Projekte verfolge, geprägt. Das Geordnete, das Repetitive zieht mich an, dieses Minimalistische, das es auch im japanischen Design und bei japanischen Komponisten gibt.“

Doch neben ihren klassischen Pianostunden und dem mütterlichen Gesangstraining interessiert sich die Teenagerin bald für Pop-Vocals, fürs Keyboardspielen, hört Punkrock, sie will eine kräftige, soulige Stimme haben. Aber sie entdeckt auch – durch die Bossa Nova und Sängerinnen wie Gretchen Parlato – dass man die Stimme sprechend nutzen kann, nicht so voluminös singen, keine Verzierungen machen muss. Fürs Studium sucht sie sich den Jazz aus, findet als Leitsterne Ella Fitzgerald, Bobby McFerrin und Al Jarreau, letzterer ist als Juror bei einem Wettbewerb in Montreux begeistert von ihr. Der Jazz, er ist ja nur ein Gefäß, das ihr die größtmöglichen Freiheiten gibt: „Schon als Kind, als ich noch gar nicht wusste, dass es verschiedene Stile gibt, habe ich improvisiert und ich tue es bis heute fast täglich. Mich faszinieren diese Reibungen im Jazz, diese speziellen Akkorde, die ja auch im Impressionismus schon da waren. Aber gleichzeitig ist meine Musik auch viel vom ‚Nicht-Jazz‘ geprägt. Starke, eingängige Melodien sind mir wichtig, und mein Wunsch ist es, beides zu kombinieren, Komplexität mit Eingängigkeit zu verbinden. Es geht mir ganz klar darum, mich zu lösen vom Genre-Denken.“

Und das tut sie „breitbandig“: In Zürich, an der Hochschule der Künste, und in Basel am Jazzcampus lotet sie mit prominenten Lehrer*innen wie Lisette Spinnler, Guillermo Klein, Lucas Niggli und Mark Turner Komposition, Gesang und freie Improvisation aus. Natürlich auch die Standards: Doch die dehnt sie 2016 auf ihrem Debüt „Intertwined“ mit ihrem Quartett schon auf neunminütige, aufregende Gebilde. Und immer mehr – da ist der Hang zu starken Melodien – zeigt sich, dass sie kleine Geschichten aus ihrem Alltag und ihrem Umfeld in eigenen Songs festhalten und erzählen möchte, sie schreibt sie zunächst am Klavier. „Songs helfen mir, mich zu reflektieren. Ich kann regelrecht süchtig nach einem Song werden, der mir gefällt, höre ihn dann hundertmal“, gibt sie lachend zu. Der Campus mit seinem internationalen Studentenflair direkt am Dreiländereck bietet der „Nomadin im Herzen“ (Ito über Ito) für all das einen fruchtbaren Boden: Hier kann sie sich in den unterschiedlichsten Konstellationen, mit Gleichgesinnten aus allen möglichen Ländern auszuprobieren. Und als sie schließlich 2017 ihr grandioses Abschlusskonzert gibt, leitet sie fast ein Dutzend junger Musiker aus sieben Nationen an: Da steht schon die Urformation ihres eigenen Orchestra auf der Bühne.

Wir kehren zurück zur intuitiven Visionärin am Rheinufer die nicht weiß, wie die orchestralen Klänge in ihrem Kopf Wirklichkeit werden können. „Es erschien mir sehr unrealistisch“, erinnert sich Ito. „Doch dann habe ich mit meinem Cellisten Jo Flüeler darüber geredet, und der ermutigte mich: Mach einfach!“ Autodidaktisch schafft sie sich ein Arrangierprogramm drauf, beginnt, ihre Songs für Streicher zu setzen. Um die Musiker zusammenzustellen, nutzt Ito all ihre Kontakte von den Hochschulen, knüpft Querverbindungen zwischen all den prägenden Klangstationen ihrer Vita. Immer mehr Instrumente aus ihren akustischen Kopfgebilden kommen dazu, und die sind eher ungewöhnlich. Nein, eine Jazz-Bigband ist das definitiv nicht! Eher ein Large Ensemble, das mit einem Bein in der Kammermusik eines Claude Debussy steht, mit Harfe, Vibraphon und Flöte. „Mein Vater hat neben Klavier auch Flöte studiert, ich bin also als Kind ständig mit ihrem Klang in Berührung gewesen“, erklärt Yumi Ito ihre Vorliebe fürs Filigrane und zitiert auch die feingewobene Textur in den Werken von Toru Takemitsu als Einfluss.

Und so nehmen ein Repertoire, ein Bühnenprogramm, ein Album Gestalt an, der Titel „Stardust Crystals“ kristallisiert sich heraus. „Wir alle sind gemacht aus Kristallen von Sternenstaub“, heißt es im Titelsong. „Jeder verschieden und einzigartig, still aus dem Himmel herabfallend und in der Ewigkeit herumwirbelnd.“ Das könnte auch eine poetische Beschreibung für ihre Songs sein. Denn viele von ihnen, am Klavier noch embryonal und schlicht, wechseln jetzt ihren Aggregatzustand, werden hinggeweht zu anderen Färbungen und Harmonien, gehen manchmal abenteuerliche Wege der Metamorphose. „Meine Stücke funktionieren auch in ganz reduzierter Form, solo oder im Trio mit meinem Bassisten Kuba Dworak und Iago Fernandez am Schlagzeug“, sagt Ito. „Aber zu hören, wie sie orchestral erblühen können, mit so vielen wunderbaren Musiker*innen, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl auf der Bühne zu spüren, das ist das Größte.“ Und diese Zusammengehörigkeit heißt auch: Jedes Bandmitglied ist in den ausdifferenzierten Arrangements gleichberechtigt, Jeder und Jedem ist der Part auf den Leib geschneidert, wird Raum für Soli eingeräumt. Stücke beginnen mal mit Geige, Viola und Cello, mal nur mit Harfe oder Array Mbira, mal mit Bassklarinette und Drums. Reizvolle Dialoge zwischen den Instrumentengruppen sind auskomponiert, man kann sie im Konzert geradezu räumlich miterleben.

Schauen wir uns doch ein paar dieser wirbelnden Sternenstaub-Kleinode näher an: Diese unbeschreibliche Kreuzung aus Empfindsamkeit und hymnischem Ton im Titelstück, sie erinnert an das Song-Universum von Björk. Die Streicherversionen aus dem Schaffenskatalog der Isländerin haben Ito in den Bann gezogen, genau wie die machtvolle nordische Sphäre der Insel selbst – drei Mal ist sie inzwischen da gewesen im Rahmen einer Künstlerresidenz. Ein Streichtrio nicht als romantischen Teppich auszurollen, sondern es in die rhythmische Arbeit miteinzubeziehen, da ist sie Björk wesensverwandt. Und auch in ihrer Eigenart, die Natur als beseelt zu sehen, die Zerbrechlichkeit des Planeten poetisch einzufangen. „Wir denken, wir sind die Könige der Erde, dabei zerstören wir unser eigenes Königreich“, so die Schlusszeile in dem Song, der von einer TV-Doku über die Arktis seinen Impuls empfangen hat.

Yumi Ito spürt, dass sie mit ihrer Musik immer wieder Geschichten erzählen will, die dem Innenraum, der Stille eine Stimme geben. Denn eine ähnliche ruhige Naturverbundenheit wohnt im „Old Redwood Tree“, ein Song, der so natürlich fließt, dass man seine ungerade Taktart gar nicht mehr wahrnimmt. In einer Frühversion kam der Groove noch vom Klavier, jetzt ist er auf die glasig-transparente Klangfarbe der Array Mbira, ein Daumenklavier des 21. Jahrhunderts von Izabella Effenberg übertragen. „Inspiriert ist das Stück von den Muir Woods in San Francisco, diesem Park von Mammutbäumen, der mich so beeindruckt hat, dass ich dachte, die Bäume sprechen zu mir“, so Itos Überzeugung. „Ich glaube, das Kristalline des ganzen Albums wird gut repräsentiert in diesem Stück.“ Und dann springt einen plötzlich ein Song mit einer kapriolenhaften, textlosen Melodie an, ein Ohrwurm, der sich festbeißt: „What Seems To Be“, entstanden aus einer ihrer vielen Improvisationsschnipsel, die Yumi Ito tagtäglich auf ihrem Smartphone aufzeichnet.

Sie singt das mit einer wie verwandelten Stimme – alles Nachdenkliche macht purer Freude und überschwänglicher Sinnlichkeit Platz. Dabei sind die Lyrics hintergründig: Es ist nicht alles so, wie es scheint, wir sollten zweimal hinschauen und immer kritisch bleiben. In dies Stimmungslage passt auch „Little Things“, ein Song darüber, wie wesentlich die kleinen Dinge im Leben sind, wie wichtig es ist, zu sich selbst zu stehen, Probleme mitzuteilen – gerade in Zeiten persönlicher Bedrängnis. Und genau darum geht es ihr auch in der Musik: das Anderssein, das Abweichen von der Coolness zulassen, nicht die glatte Fassade vorzuspiegeln. Man könnte auch sagen: die besonderen, auch schmerzlich gelebten Töne feiern.

„Schon als Kind habe ich mich als Sängerin und Schauspielerin gesehen, und diese schauspielerische Seite in mir ermöglicht es mir, dass ich in verschiedene Rollen schlüpfe. Doch ich bin dabei immer ich selbst“, erklärt Ito ihre vokale Wandlungsfähigkeit. Die sich in einem anderen Stück in Vollendung zeigt, ein Stück, dass unversehens wie ein Fremdkörper hereinplatzt: Der „Spaziergang in Prag“ ist eine Gruselmär‘ mit freier Vokalimprovisation, Kafka-esk und Zapppa-esk zugleich, ein mal schleichender, mal sprunghafter Gang durch die Gassen. Hinter jeder Ecke scheint der Golem zu lauern, wenn sich die Gesangslinien katzenhaft winden, ein plappernder Scat vom Zaun gebrochen wird, das Orchester sich in Kollektivimprovisation aufbäumt. Dieses Stück „Programmmusik“ spiegelt Yumi Itos Vielseitigkeit am überraschendsten wider.

Wo wird es für Yumi Ito hingehen? Das wagt man kaum vorherzusagen. Ihre Musik wird jedenfalls immer eine Weltsprache sein. Die Nomadin bekräftigt, es führe sie regelmäßig in die Ferne, um sich Inspirationen zu holen. Reisen sieht sie – nicht nur für eine Künstlerin – als Nährstoff: „Es erlaubt mir, anders auf die Schweiz zu schauen, vielleicht auch mehr zu hinterfragen, auch die positiven Dinge hier stärker wahrzunehmen“, sagt die erklärte Liebhaberin des interkulturellen Basels. Nicht zuletzt diese Vielfalt am Rheinknie spiegele sich in der außergewöhnlichen Instrumentierung ihrer Orchestermusik. In den kleinen Unebenheiten, Vertiefungen. Und aus diesen erwächst: große Musik.

© Stefan Franzen, erschienen im Programmheft des Jazzfestivals Schaffhausen

Hier nochmals der Hinweis: Yumi Itos Live-Set heute Abend, Mittwoch, den 13.5.2020 zwischen 21h15 und 22 h zu hören:
https://live.jazzfestival.ch/

Überraschender Klangfarbkasten

Es ist ein leichtfüßiges Thema mit jubilierenden Kapriolen, mit dem die Musiker von der Bühne gehen. Gerade hat Yumi Ito mit ihrem 11-köpfigen Orchester das Konzert in der Reihe „Jazz ohne Stress“ am Freiburger Waldsee beendet und schenkt den Zuhörern diese Melodie für den Gang hinaus in die kalte Winternacht.

Die 28-jährige Schweizerin mit japanischen und polnischen Wurzeln hat im vergangenen Jahr am Jazzcampus Basel ihren Masterabschluss gemacht und gilt zurecht als Newcomerin mit hohem Potenzial, in Montreux konnte sie auch einen Juror namens Al Jarreau überzeugen. In verschiedensten Projekten von experimenteller Duobesetzung über Quartett bis zu ihrem Orchester erprobt sie ihre Talente als Sängerin, Pianistin, Improvisatorin und Komponistin, die ihre Arrangements selbst schreibt. Mit dem auf allen Positionen glänzend besetzten Orchester, junge Musiker aus sieben europäischen Ländern, bündelt sie all diese Qualitäten.

Lange wird man suchen müssen, um bei Arrangeurinnen ihrer Altersklasse auf vergleichbare Raffinesse in der Textur zu stoßen – und das sorgt für eine äußerst spannende, kurzweilige Stunde. Die originelle Besetzung der „Bigband“ tut ihr Übriges: Denn aus dem Jazz ist nur die Rhythmussektion und ein gemischter Bläsersatz (Sax, Bassklarinette, Flöten) übriggeblieben, drum herum agieren ein Streichtrio, Vibraphon und Harfe – das öffnet einen ungewohnten, überraschenden Klangfarbkasten.

Da entfaltet sich nach freiem Einstieg in der „Ballad For The Unknown“ aus Streichern und Flöte heraus ein großer elegischer Atem, in dem eine Vibraphon-Impro Platz hat. Kleinzellige Dialoge zwischen Pizzicati, Sax und Harfengirlanden wechseln im Anschlusssong die Seiten, während Ito mit fantasievollem Scat ihren Sopran lyrisch auskostet. Von chromatischen Verdickungen und Trübungen lebt „Little Things“, das zuvor noch mit einer hüpfenden, vogelgleichen Melodie anfing. Und dann ein Exotikum: Das intim besetzte „Komori Uta“ lockt mit Flöte und Harfe auf eine Debussy-Fährte, die in einen fernöstlich-folkigen Walzer übergeht. Doch das Lullaby mündet in eine lautmalerisch-experimentelle Spielwiese, auf der Ito auch in tiefe Stimmenregister souverän abtaucht.

Wie sie Komplexität mit Unbeschwertheit paart, dafür ist „Old Redwood Tree“ ein Paradebeispiel: ein Stück im Dreizehnachtel-Takt, das sich dramaturgisch von glasigen Spielfiguren über Liegetöne der Streicher bis zu polternden Drums aufbauscht und doch stets an einen Gang durch die Natur erinnert. Und Yumi Ito beherrscht auch die Popsprache: „Stardust Crystals“ könnte mit seinem gemessenen, „nordischen“ Gesangsgestus und seinem eingängigen Lamento-Charakter auch eine frühe Ballade von Björk sein.

Noch einmal herausgerissen aus der Melancholie wird das Publikum mit einer nokturnen Tour durch Prag – eine gruselhaft-groteske Schauermär mit zähen Streichern, fahler Flöte und katzenartigen Vocals, bei der an jeder Straßenecke neuer Spuk lauert. Mit relaxt pendelnder Harfe wird dann die Zugabe eingeläutet – und das eingangs erwähnte Kapriolenthema gewinnt Raum. Allein schon dieser Melodie wegen kann man sich auf die 2019 erscheinende CD des Yumi Ito Orchestras freuen.

Stefan Franzen
erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 13.12.2018

Auslotung der Freiheit

Foto: Pierre Pallez

Unter den Vokalistinnen der jungen Schweizer Jazzszene ist sie eine der vielversprechendsten. Wobei: Das mit dem „Jazz“ sollte man gleich mal mit Vorbehalt aussprechen. Denn für Yumi Ito wird die stilistische Freiheit ganz groß geschrieben: „Schon als Kind habe ich improvisiert, da wusste ich noch gar nicht, dass es Klassik und Jazz und Pop gibt“, erzählt die 26-jährige. „Als Studiengang war der Jazz für mich schließlich der attraktivste, weil er dieses Improvisatorische am meisten fördert.“

Aufgewachsen als Tochter einer polnischen Mutter und eines japanischen Vaters habe sie das Universum Japans habe eher indirekt geprägt, reflektiert sie: „Vielleicht eher in der Art, wie ich denke, die Zielstrebigkeit, mit der ich meine Projekte verfolge. Aber auch die Japonismen im Impressionismus von Debussy finde ich toll, diese Farben.“ Polnische Volksmusik wurde via Chopin eine Wegbegleiterin, und natürlich war die Mutter, selbst klassische Sängerin, ihr erstes großes Vorbild, zu dem sich aber bald Ella Fitzgerald, Bobby McFerrin und Al Jarreau gesellten. „Während meiner Teenagerjahre habe ich viel Punkrock gehört, wollte laut sein mit der Stimme, ein Volumen haben wie eine Soulsängerin.“ Doch durch die Bossa Nova und Vertreterinnen der leisen Töne wurde Yumi Ito klar: Die Stimme lässt sich auch quasi sprechend nutzen, ohne die ganze Zeit Verzierungen machen zu müssen. Es ist diese Souveränität des Verzichts, die in ihrer Arbeit immer wieder durchscheint, neben der anderen Souveränität: der, über die verschiedensten Genres zu verfügen und daraus eine Freiheit zu schöpfen.

Intertwined hieß ihre erste Visitenkarte, ein Debütalbum, voller Standards von Cole Porter bis Pat Metheny. Standards, die sie aber freilich schon auf acht oder neun Minuten dehnte, mit erfindungsreichen Ausflügen ins Latinfach oder Experimentelle bereicherte, inmitten eines gleichberechtigten Quartetts. Aus dieser Band ist ein wichtiges Element geblieben: Pianist Yves Theiler. „Es war für mich sofort klar, dass wir als Duo weitermachen. Denn Yves hat eine sehr eigene Stimme auf dem Klavier, ist zugleich auch Perkussionist in seinem Spiel. Unsere Kompositionen passen gut zueinander, und wenn wir zusammen musizieren, überraschen wir uns immer wieder gegenseitig von Neuem. Mit ihm kann ich aus einer kleinen Idee etwas ganz Großes entwickeln.“

Foto: Sandro Foschi

Ergebnis des Teamworks ist die Duo-CD Ypsilon. Das aufregende Repertoire aus Eigenkompositionen reicht von einer Indiepop-artigen Melodie zu komplett freier Improvisation, von lautmalerischen Experimenten bis zu einem minimalistischen Wiegenlied mit japanischem Titel. Für Yumi Ito verkörpert sich in diesem Projekt ganz konsequent ihr Wunsch nach größtmöglicher musikalischer Freiheit, eine Freiheit, die sie am Jazzcampus bei Lehrern wie Fred Frith, Mark Turner oder Lisette Spinnler auslotet. Hier wird sie in wenigen Monaten auch ihren Masterabschluss machen, und sie ist voll des Lobes über die Basler Institution. „Ich habe vorher im Toni Areal an der Zürcher Hochschule der Künste studiert, dagegen ist es hier heimeliger und ruhiger. Aber alles ist sehr auf internationale Studenten und Dozenten ausgerichtet, es gehen immer mehr Türen Richtung Frankreich und Deutschland auf. Hier kann ich mich auf Komposition und Arranging konzentrieren.“

Was von Yumi Ito zu erwarten sein wird, das hält sie sich offen. Eines ist klar: Die Betitelung „Jazzsängerin“ ist zu eng gefasst, sie sieht sich als „Künstlerin“ – und zieht einen unerwarteten Vergleich aus der Tasche: „Egal aus welcher Ecke man kommt, es ist wichtig, dass man eine Tradition lernt, und dann sein Eigenes entwickelt. In diesem Sinne ist Picasso für mich ein großer Leitfaden.“

© Stefan Franzen

Yumi Ito & Yves Theiler: „Komori Uta“, Live @Mehrspur Zürich“
Quelle: YouTube


nächste Livetermine:
18.05.2017 – Yumi Ito & Yves Theiler, CD-Release Ypsilon @ Offbeat Jazz Festival, Dorfkirche Riehen
23.-25.05.2017 – Arismar do Espirito Santo @ Birdseye Jazzclub, Basel 

26.05.2017 – Alex Ventling Quartet @ Carambolage, Basel
27.05.2017 – Yumi Ito Project @ Kleine Leckerbissen Festival, Luzern

weitere Termine auf: yumiito.ch