Franko-kanadische Trouvailles


Nach Kanada ist vor Kanada: Auch nach der Beendigung meiner Canada 150-Serie im Juli werde ich hier natürlich weiterhin die musikalischen Entwicklungen zwischen Halifax und Vancouver verfolgen.

Gelegenheit für feine Entdeckungen aus dem frankophonen Teil Kanadas bieten sich vom 19. bis 24. September in Zürich: „Sounds aus Frankophonien“ ist das Motto des Festivals Chanson En Stok, das zum achtzehnten und letzten Mal im Theater Stok über die Bühne gehen wird. Das besondere Konzept des Teams um den Veranstalter und Kurator Ulrich Schuwey: Chanson wird hier als global frankophones Phänomen verstanden, demzufolge auch Künstler aus Frankreich, der Schweiz und Kanada eingeladen. Aktuelle Entdeckungen aus dem französischsprachigen Teil des Ahornstaates haben in den letzten Jahren dabei ein besonderes Gewicht bekommen.

So sind in der 2017er-Ausgabe vier franko-kanadische Acts zu hören. Die Songwriterin Safia Nolin aus Québec Ville, Bluesrockerin Samuele aus Montréal und Sarah Toussaint-Léveillé (Foto oben) mit ihrem poetischen Folk werden allesamt als Aushängeschilder der starken weiblichen Szene der Provinz Québecs erstmals im deutschsprachigen Raum zu entdecken sein. Ihr Kollege Jeff Moran ist mit seiner Reibeisenstimme schon seit einiger Zeit in der Szene Montréals etabliert. Mit der Folkpopperin Mize und dem Indie-Chanson-Quartett Charlotte Peut-Être finden sich Gäste aus der schweizerischen Romandie ein. Aus dem Mutterland der Sprache Frankreich kommt Nachwuchs-Chansonière Leila Huissoud in den Keller des Theater Stok, darüber hinaus das Rockjazz-Fusiontrio iAross und die franko-iberische Songwriterin Nyna Loren.

Sarah Toussaint-Léveillé: „La Mal Lunée“
Quelle: youtube

Logbuch aus der Gaspésie (#15 – Canada 150)

Bears Of Legend (Québec)
aktuelles Album: Ghostwritten Chronicles (Absilone/Galileo)

Ihre maritime Ballade „When I Saved You From The Sea“ war mein Song des Jahres 2016, und ihr Werk Ghostwritten Chronicles mein Lieblingsalbum. Deshalb stehen die Bears Of Legend, dieses großartige Septett aus Trois-Rivières in der Region Mauricie als Highlight am heutigen 150. Geburtstag Kanadas als Schlusspunkt der Serie „Canada 150“. Die „Bären“ sind auch live bei uns zu erleben, sie spielen am 8. und 9. Juli auf dem Rudolstadt-Festival, darüber hinaus gibt es später im Sommer Auftritte in Frankreich und Benelux. Ich kenne keine andere Folkband momentan, die derart schöne, kraftvolle Melodien schreibt. Die Bears-Pianistin und Sängerin Claudine Roy zum Interview beim Montréal en lumière-Festival zu treffen, war deshalb eine besondere Ehre. Am heutigen 150. Geburtstag Kanadas bildet es den Schlusspunkt meiner Serie.

Claudine, euer Bandname lässt einen an die Premières Nations denken, ist er eine Hommage an die Ureinwohner Kanadas?

Claudine Roy: Ja, auf jeden Fall. Unser erstes Album ist hauptsächlich von den amerindischen Legenden unserer Heimatregion beeinflusst. Der Bär kehrt in diesen Sagen immer wieder, als Symbol der Kraft und Weisheit. Was uns außerdem zum Namen der Band inspiriert hat, waren die einfachen Werte dieser Menschen, die Liebe, der Respekt vor der Natur, dem Wald, dem Fluss, der Erde.

Ihr kommt aus der Region Mauricie, welches sind die kulturellen Eigenheiten dort?

Roy: Die Mauricie ist zwar sehr frankophon, aber auch von einem kulturellen Mix geprägt. Es gibt bei uns auch viele Anglophone, wenn man Richtung Montréal geht, sind mehr französischstämmige Einwohner zu finden, Richtung Osten dagegen englisch geprägte Leute. Aber es vermischt sich alles gut…

...diese Zweisprachigkeit hat sich ja auch in eurer Musik niedergeschlagen. David Lavergne, der Bandleader, dichtet fast ausschließlich auf Englisch…

Roy: In der Gruppe sind wir alle zweisprachig. David, unser Sänger, hat mit seinem Vater zum Beispiel als Kind Englisch gesprochen. Sein Papa hat ihn auch dazu ermuntert, ein kleines Tagebuch auf Englisch zu führen. So hat sich das für ihn ganz natürlich ergeben, dass er auch als Musiker anfing, seine Texte auf Englisch zu schreiben. Er hat sich nie die Frage gestellt: Ich bin frankophon, warum dichte ich also auf Englisch? Zugleich sind wir stolz darauf, dass wir frankophon sind und wir haben ja auch pro Album ein Lied, das auf Französisch getextet ist. Weiterlesen

West Trainz: Montage meets Swiss Radio

Foto: courtesy of Erik West Millette

Mein Freund Erik West Millette, Mastermind des West Trainz-Projekt in Montréal, hat mich gerade über eine wunderbare Video-Montage des Canada 150-Specials von SRF 2 Kultur in Kenntnis gesetzt, das am 16.6. lief. Man bekommt sofort Lust nach Montréal zu fahren und sich in einen der Waggons der Canadian Pacific zu setzen. Auf seiner Facebook-Seite ist das Video zu sehen, das Thierry Francis aus der West Trainz-Crew für Erik erstellt hat.

Erik hat ebenso mitgeteilt, dass er daran arbeitet, die West Trainz-Show nach Deutschland zu bringen. Wir sind gespannt.

Canada 150: Die Radioserie

Die Canada 150-Serie geht auf Sendung.


1.
Es startet mit der Passage im Schweizer Radio SRF 2 Kultur am 16.6. von 20h-21h:

Vielfalt als Stärke
Das rote Ahornblatt aus der kanadischen Flagge, auf den Jubiläumsplakaten wird es derzeit in allen Farben des Regenbogens dargestellt: So schillernd entrollt sich im Jahr 2017 auch die Musikszene. Wer durch Kanada reist, erlebt ein Land, das sich zum 150. Geburtstag am 1.Juli Geburtstag viele Fragen nach seiner Identität und dem Umgang mit seiner Vergangenheit stellt. Musiker sind dabei die sensibelsten Seismographen der aktuellen Stimmung. Ein Rail- und Roadmovie für die Ohren zum runden Geburtstag, beginnend in einem „Train-Laboratorium“ an den Gleisen der Canadian Pacific in Montréal, über die kreativen Brüchen zwischen Franko- und Anglophonem und die bittere Geschichte der First Nations und Inuit bis hin zur experimentellen Klassik und dem Pop der Immigranten.


2.
Am 21.6. wird SWR 2 Kultur um 20h03 mit dem Thema Musik folgen:

Weltgewandt und grenzenlos
„The World needs more Canada“ heißt ein beliebter Werbespruch einer Buchladenkette, den auch schon Barack Obama aufgegriffen hat. Was können wir lernen von diesem zweitgrößten Land der Erde, das am 1. Juli seinen 150. Geburtstag feiert? Einige Antworten gibt die die Vielfalt der Musikkulturen: Die Traditionen der First Nations und Inuit treffen auf urbane Klangexperimente, die Erben von Leonard Cohen und Joni Mitchell sorgen von der Prärie bis zur Ostküste für eine lebendige Songwriter-Szene. Weltgewandter Immigranten-Pop und grenzenlose Worldmusic blüht in Toronto, Québec und die atlantischen Provinzen offenbaren sich als kreative Brutstätten.


3.
Vom 26.6. bis 30.6. gestalte ich in SWR 2 Kultur jeweils von 9h05-10h morgens in der Musikstunde eine ganze Woche zur Musikgeschichte Kanadas:
Montag: I – Terra Incognita: Die klassische Musik Kanadas zwischen europäischem Einfluss und eigenständiger Sprache
Dienstag:  II – Leonard, Joni und ihre Erben: Kanada als Folk- und Songwriter-Land par excellence
Mittwoch: III – Katajaq und Powwow, Protest und Experiment: Die Musik der First Nations und Inuit im Wandel
Donnerstag: IV – Von Akadien in die Diaspora: Franko-kanadische Glanzlichter
Freitag: V – Legenden und Migranten: Von den einstigen Rock-Ikonen zu globalen Popfarben


4.
Am 2.7. ab 23h wird Radio Globo auf NDR Info die Widmungen an Kanada mit einer weiteren Reisereportage beschließen.

So wie ich es überblicke, werden sämtliche Sendungen auch online auf den Seiten der jeweiligen Sender noch 7 Tage lang nach der Erstausstrahlung zu hören sein.

Die folgenden lieben Menschen haben mit ihrem Herz, ihrer Hilfe, ihrer Kunst und ihrem Wissen diese Reise und diese Serie in Wort und Klang möglich gemacht.

Große Dankeschöns an:

in Kanada:
Alejandra Ribera und ihre Band in Montréal und Paris – Alysha Brilla – Ana-Maria Lipoczi – Andrew Morrison – Annie Aningmiuq – Claudine Roy – Cynthia Pitsiulak – David Lavergne – Éliane Lévesque – Erik West Millette & seine West Trainz-Crew – Estelle Roy – Geneviève Toupin – Gina Brault – Jace Lasek – Jaron Freeman-Fox – Jean Massicotte – Jen Eisler – Joel Henderson – Joelle Saint-Pierre – Julie Aubé – Katrine Noël – Kevin Howes – Laurent Saulnier – Marie-Eve Bourdage – Maritza Bossé-Pelchat – Matthew Fava – Matt Holubowski – Maude Laberge Boudreau – Maxime Jarry – Nicole Lizée – Renaud Lussier – Richard Flohil – Stephen Wingfield – Trent Freeman – Trevor Mann – Vivienne Roy

in Deutschland und der Schweiz:
Andrea Samborski – Angela Gobelin – Bernard Senn – Bettina Winkler – Kerstin Unseld – Minusch Afonso – Peter Bürli – Peter Disch – Sabine Trieloff – Sebastian Bargon – Ulrich Schuwey

Besonderer Dank gilt meinem Tonmeister Manuel Braun, der mit seinen feinen Ohren aus meinen Skripts kleine Kunstwerke gemacht hat.

Viel Spaß beim Hören!

Terra Incognita: Kanadas Klassik (#14 – Canada 150)

Das Torontoer Canadian Music Centre (rechts), (Foto: Stefan Franzen)


Matthew Fava & Steve Wingfield (Ontario)
The Canadian Music Centre, Toronto


In der kommenden Woche startet auf SWR 2 Kultur meine Serie zur kanadischen Musikgeschichte. Am morgigen Montag befasst sich das erste Kapitel mit der klassischen Musik Kanadas. Seien wir ehrlich: Über Glenn Gould hinaus müssen die meisten von uns da mit weiteren Kenntnissen passen, auch mir ging das so. Deshalb habe ich im März in Toronto das Canadian Music Centre (CMC) angesteuert, eine Organisation, die seit 60 Jahren kanadische Komponisten vertritt, deren Partituren und Aufnahmen verlegt.

Zwischen den Wolkenkratzern von Downtown duckt sich eine Backsteinvilla mit verspielten Türmchen, als hätte man sie aus dem viktorianischen England importiert. Hier ist das CMC zuhause – aber verstaubter viktorianischer Geist? Fehlanzeige. Matthew Fava, der Direktor der Ontario-Abteilung des CMC und sein Kollege Steve Wingfield haben sehr zukunftsgewandte Ansichten über das kulturelle Selbstverständnis Kanadas. Im vorletzten Teil dieser Blog-Interviewserie ein Auszug aus einem zweistündigen Gespräch mit vielen unerwarteten, überraschenden Seitenpfaden und Erkenntnissen.


Matthew, Steve, was sind die Aufgaben des Canadian Music Centre? Geht es um Unterstützung aktueller Komponisten oder auch um die Pflege des Vermächtnisses von Künstlern früherer Epochen?

Matthew Fava: Viele der heutigen Aktivitäten können auf die Komponisten zurückgeführt werden, die wir in einer CD-Serie namens „Ovation“ versammelt haben. Es ist die erste Generation der Nachkriegskomponisten, mit denen das CMC immer noch eine Interaktion pflegt. Vielfach geht die Grundlage der kanadischen Komponisten dieser Epoche auf den Einfluss europäischer Komponisten zurück. Das CMC diente 30 Jahre nach seiner Gründung diesen Komponisten als Service-Organisation, wo sie ihre Werke hinterlegen konnten, und dann konnte man über sie – in einer Prä-Google-Ära – recherchieren. Weiterlesen

Wall Of Sound der Wildnis (#13 – Canada 150)

The Besnard Lakes (Saskatchewan)
aktuelle Alben: The Besnard Lakes Are The Divine Wind (EP) /
A Coliseum Complex Museum (beide: Jagjaguwar)


Kanadas Rockmusik ist in meiner Serie bislang etwas kurz gekommen. Vielleicht liegt das daran, dass ich ein wenig Vorbehalte habe, ist man doch als Kind der 70er und 80er durch Leute wie Bryan Adams oder Alanis Morissette nicht optimal vorgeprägt. Doch jenseits des Mainstreams ist die Rockszene des Ahorn-Landes spannend, vielfältig, untergründig, psychedelisch, sphärisch – ein bisschen von alldem findet sich im Sound der Besnard Lakes um das Ehepaar Jace Lasek und Olga Goreas, die in Montréal wirken, aber ihre tiefen Wurzeln in der Einsamkeit von Saskatchewan haben. Mit Lasek habe ich mich bereits im letzten Sommer, vor meiner Kanadareise unterhalten.

Jace, ihr habt die Band nach einem See benannt, und wenn man eure Cover anschaut, könnte man vermuten, dass die Natur euch eine sehr große Inspirationsquelle liefert.

Jace Lasek: 80 bis 90 Prozent unserer Bevölkerung sitzen ja an der kanadisch-amerikanischen Grenze, und der Rest ist einfach Wald und Wildnis. Wir haben unheimlich viel offene Landschaft, das macht es leicht, campen zu gehen. Zum Besnard Lake gehen meine Frau und ich seit 20, 25 Jahren immer wieder hin. Er hat etwas Besonderes, wie jeder Ort, an dem du den Zugang zu Kommunikationsmöglichkeiten verlierst. Es ist sehr abgelegen, du bekommst das Gefühl, dass du dort der einzige Mensch bist. Ich kann da wirklich vom Montréaler Alltag abschalten, wo ich lebe und Platten produziere. Es ist eine so schöne Landschaft, sie inspiriert mich. Wir nehmen manchmal Gitarren mit und schreiben, meistens aber gehen wir dahin, um einfach nichts zu tun und uns zu re-setten, was für jeden Menschen wichtig ist. Weiterlesen

Pazifisch-arabisches Powerhouse

Haram (British Columbia)
aktuelles Album: Her Eyes Illuminate (Songlines Recordings)

Gegen Ende meiner Canada 150-Serie schiebe ich außer Plan ein Sonderkapitel ein – aus freudigem und aktuellem Anlass: Das Tentett Haram um den Oud-Spieler Gordon Grdina wird in wenigen Tagen in Basel im Parterre gastieren.

Wer den außergewöhnlichen Songwriter Dan Mangan kennt, der ist auch schon mit zwei Namen vertraut, die in den Reihen dieses Kollektivs aus Vancouver Island wirken. Bandleader Gordon Grdina ist ein Weggefährte Mangans und steht hier mit seiner irakischen Oud im Zentrum der Arrangements, Drummer Kenton Loewen spielt ebenso in Mangans Reihen. Die Violinen-Position ist prominent besetzt: Jesse Zubot ist für seine experimentellen Bogenführungen bei der Inuit-Avantgardistin Tanya Tagaq bekannt und berüchtigt.

Experiment wird auch bei Haram großgeschrieben, auf der anderen Seite sind sie tief in einer Tradition verankert. Doch da es in British Columbia wenig eigene Wurzeln gibt, auf die man zurückgreifen könnte, wie schon Jaron Freeman-Fox im Rahmen dieser Serie bekräftigte, treten Haram eine ungewöhnliche Flucht nach außen an: Im Zentrum stehen ihre Versionen von Stücken der populären arabischen Musik vergangener Jahrzehnte: Sie greifen Kompositionen des Libanesen Ziad Al-Rahbani, des ottomanischen Komponisten Cemil Bey oder des syrischen Gesangsstars Farid El Attrache auf, bauen sie zu gewaltigen Kollektiv-Improvisationen aus.

Für vokale Festigkeit in der arabischen Welt sorgt der Sänger Emad Armoush, der den Folk des Nahen Ostens und die klassische Musik verklammert. Mitunter bekommen die arabischen Klangtableaus Farben aus dem Free Jazz der experimentellen Szene Vancouvers und die Energie von ungestümem Rock. Oum Kalthoum ist an Kanadas Westküste angekommen – wohl selten lagen Mittelmeer und Pazifik näher beieinander.

© Stefan Franzen

Haram live:
Parterre Basel, 15.6., veranstaltet von Eclipse Concerts

Haram In Studio
Quelle: youtube

Von der Karibik nach Québec (#12 – Canada 150)


Maritza (Québec)
aktuelles Album: Libérons-Nous (Ste-4 musique)


Maritza Bossé-Pelchats Geschichte spiegelt Kanadas multikulturelle Struktur wider: Sie stammt aus der Donimikanischen Republik und wurde von einer Familie bei Québec Ville adoptiert. Dort ist sie auch aufgewachsen und hat ihre ersten musikalischen Schritte gemacht. Maritza konnte ich vor dem Release-Konzert ihres neuen Albums
Libérons-Nous im prächtig-plüschigen Cabaret Lion D’Or beim Montréal en lumière-Festival zu einem kurzen Gespräch treffen.

Maritza, kannst du deine frühen musikalischen Einflüsse skizzieren?

Maritza: Ich wuchs in L’Ancienne-Lorette auf, das ist bei Québec Ville. Meine erste große Liebe war das Tanzen, aber ich war in einem Schulchor, einfach zum Spaß. Am meisten Spaß machte es mir aber, Choreographien zu erfinden und Shows in meiner Schule zu organisieren. Zu der Zeit hatte ich noch überhaupt keine Ambitionen, Musikerin zu werden, ich hatte auch keine musikalische Ausbildung. Aber die Musik hatte schon eine große Wirkung auf mich, denn ich war sehr introvertiert. Musik half mir, weinen zu können. Ich hörte viel Janis Joplin, ihr „Cry Baby“, Tracy Chapman, hatte auch eine Countryphase, in der ich Johnny Cash hörte…

…aber der war kein Gesangsvorbild für dich….

Maritza:…nein! Außerdem Whitney Houston und Maria Carey, und ich ahmte sie ein bisschen nach, diese 80er-Stimmen, ohne dabei daran zu denken, selbst Musikerin zu werden. Weiterlesen

Eine andere Musikgeschichte Kanadas (#11 – Canada 150)

Foto: Stefan Franzen

Während der 150. Geburtstag Kanadas näher rückt, ist nicht allen zum Feiern zumute. Diejenigen, die vor 1867 schon seit Jahrtausenden auf kanadischem Boden gelebt hatten, mussten nach der Ankunft der Kolonisatoren Vertreibung, Missbrauch und Ermordung über sich ergehen lassen. Die lange Leidensgeschichte der First Nations, Inuit und Métis wird seit 2008 durch die Truth & Reconciliation Commission aufgearbeitet, doch die Aufklärung der Verbrechen ist nur ein erster Schritt. Wer mit den Ureinwohnern sprechen möchte, deren Kultur in Kanada am 21.6. mit dem National Aboriginal Day geehrt wird, trifft oft auf Einsilbigkeit oder Schweigen – ich habe das auf meiner Reise selbst erfahren müssen.

Doch das Thema ist in der öffentlichen Diskussion angelangt und wird auch musikalisch aufgearbeitet. Im letzten Herbst hat Gord Downie, der krebskranke Sänger der Rockband The Tragically Hip mit seiner Platte The Secret Path die Geschichte des 12-jährigen Anishinaabe-Jungen Chanie Wenjack erzählt, der 1966 in einer kirchlichen Residential School in Ontario missbraucht wurde, floh und auf seinem 600 Kilometer langen Nachhauseweg an Entkräftung neben den Bahngleisen starb. Ihm bleibe noch Zeit, eine Geschichte zu erzählen, sagte Downie, und es war klar für ihn, dass es diese sein müsse.

Gord Downie: „The Stranger“
Quelle: youtube

Auch in die klassische Musik sind Versöhnungsversuche eingeflossen: Der Komponist Christos Hatzis lässt in seiner Musik zum Tanztheaterstück Going Home Star, das eine ähnliche Story wie die von Chanie Wenjack erzählt, Katajaq, First Nation-Gesänge und eine Orchesterpartitur aufeinander treffen. Mit We Are The Halluci-Nation hat die in Ottawa beheimatete Band A Tribe Called Red ein HipHop-Statement für die Fortdauer der First Nation-Kultur veröffentlicht. Und schließlich treten auch Inuit-Künstler wie die progressive Tanya Tagaq oder die tanzbaren Jerry Cans für das Erstarken eines neuen arktischen Selbstbewusstseins auf den Plan. An dieser Stelle möchte ich gerne nochmals verweisen auf mein Anfang des Jahres auf diesem Blog veröffentlichtes Interview mit den beiden Inuit-Frauen Cynthia Pitsiulak und Annie Aningmiuq.

Mit einem zweiten Interview möchte ich jetzt nachlegen: Der Plattensammler Kevin Howes vom Label Light In The Attic, Experte für marginalisierte Musikkulturen seiner Heimat, ist der Protagonist. Nach fünfzehn Jahren Nachforschungen in unzähligen Plattenläden und den Archiven der Canadian Broadcasting Corporation hat er 2015 Native North America, ein CD-Buch mit 34 Titeln von First Nations- und Inuit-Künstlern kompiliert, die von Mitte der 1960er bis in die 1980er entstanden. Das von mir transkribierte Interview hat mein Kollege Peter Disch mit Howes geführt – ich stelle Exzerpte daraus vor. Weiterlesen

Engagierte Bounciness (#10 – Canada 150)

Alysha Brilla (Ontario)
aktuelles Album: Human ( SunnyJam Records)

Mitten in einem Schneesturm treffe ich in der Zwillingsstadt Kitchener-Waterloo südlich von Toronto ein. Ein besonders kurioses Beispiel für Kanadas Einwanderergeschichte: Bis in die 1920er hieß der Ort aufgrund der vielen Deutschstämmigen Berlin. Dabei wäre München passender: Im Zentrum der Stadt thront ein Laden, in dem sich Dirndl und Bierkrüge erstehen lassen, und eine riesige Mehrzweckhalle kündet vom alljährlich stattfindenden Oktoberfest, angeblich das zweitgrößte der Welt.

Die Nachbarstadt Waterloo dagegen ist in der Hand von Studenten. Nur mit Mühe finde ich in den Schneeverwehungen ein kleines vegetarisches Restaurant, wo ich mit Alysha Brilla verabredet bin. Sie hat mich zum Interview hierher eingeladen, denn sie will, dass ich ihre Heimatstadt kennenlerne. Mit beschlagener Brille stolpere ich die enge Treppe hinauf und stehe erst einmal in einem Plattenladen: Vollgestopft mit Vinyl-Raritäten bis unter die Dachschräge. Alysha aber sitzt unten bei einer heißen Suppe. Biographisch und musikalisch ist sie eine Art Bilderbuchmodell für die kanadische Diversität: die Mutter weiße Christin, der Vater indo-tansanischer Muslim.

Ich möchte mit deinem gemischten Hintergrund starten: Wie waren als Kind und Jugendliche deine Erfahrungen als Tochter einer Kanadierin und eines Indo-Tansaniers? Fühltest du dich als Außenseiterin?

Alysha Brilla: Ich fühlte mich mit meinem gemischten Erbe schon ein bisschen als Außenseiter, als ich jünger war, denn ich kannte nicht viele Leute, die auch diesen Background hatten. Klar, die Leute aus der Karibik durch ihre Vorfahren, aber ich kannte nicht viele, deren Mum aus einem und deren Dad aus einem anderen Land kamen. Das hat dazu geführt, dass ich viel über die Bedeutung von Identität nachgedacht habe. Meine Eltern hatten ja auch verschiedene Religionen: Meine Mutter wuchs als Christin auf, mein Großvater war ein Geistlicher, wohingegen mein Vater ein Schiit ist. Manchmal gingen wir zur Kirche, manchmal zum Jamatkhana-Gotteshaus, manchmal waren wir sehr westlich angezogen, wenn wir zur Jamatkhana gingen dagegen indische Kleidung. Und auf der Basis dieses gemischten Hintergrunds gab es immer viele politische Diskussionen in meinem Elternhaus. Weiterlesen