Ein Blick ins Jenseits

Wenn Teodor Currentzis über Gustav Mahler spricht, erzählt er gerne Geschichten aus seinem eigenen Leben. Wie kürzlich diese, beim Stuttgarter Werkstattgespräch: Als Student in St. Petersburg grübelt der angehende Dirigent über die Bedeutung einer Passage aus dem Adagio der Neunten Symphonie. Für wen bloß ist diese Musik, fragt er sich. Ein Freund führt ihn zu verlassenen Gleisen, an denen eine Frau sitzt, leergeweint, doch immer noch sehnend und hoffend auf einen Zug, der nie kommen wird.

Was hat es mit diesem Werk auf sich, diesem 80-minütigen Koloss, der das Ende der Spätromantik verkörpert und so intensive Gefühlsausbrüche in sich birgt, dass das Hören zur gewaltigen seelischen Erschütterung geraten muss?

Stellen Sie sich einen Mann von knapp 50 Jahren vor. Er weiß, dass sein Herz ihn nicht mehr lange leben lassen wird und er leidet mit jedem Atemzug unter dieser Beklemmung. Seine geliebte Tochter ist ihm vor zwei Jahren gestorben und mit der Vitalität seiner viel jüngeren Frau kann er nicht Schritt halten. Als Dirigent an der Metropolitan Opera in New York bricht er unter permanenter Arbeitsüberlastung fast zusammen. Um seiner eigentlichen Berufung, dem Komponieren, nachgehen zu können, bleiben Gustav Mahler nur die Sommermonate, die er im idyllischen Toblach in den Sextener Dolomiten verbringt. Hier hat er sich unter Fichten eine schlichte Bretterhütte zimmern lassen, und in diesem entrückten „Komponierhäusl“ schreibt er 1909 vier Sätze, wie sie die Symphonik zuvor noch nicht gekannt hat.

Man kann die paar Quadratmeter heute noch besichtigen, der Verschlag hat die 110 Jahre überdauert. Inmitten eines Streichelzoos mit Wildsauen, Ziegen und Emus steht das „Häusl“, karg bestückt mit Fototafeln. Drumherum die mächtigen Felszinnen der Kalkalpen, und sie müssen in diesem auch heute noch behäbigen Kurort auf Mahlers Schöpferkraft abgefärbt haben. Ja, man kann die Neunte, Mahlers letzte vollendete, mit ihren vielen Hornrufen und volksmusikhaften Drehfiguren oberflächlich als „alpin“ hören. Doch sie erzählt vor allem vom metaphysischen Kampf eines hochsensiblen Künstlers, der sein Ende kommen spürt.

Mahlers Komponierhäusl in Toblach, Foto: Herbert Franzen

Musikalisch über den Tod nachgedacht hatte Gustav Mahler seit seiner zweiten Symphonie immer wieder. Doch während er zuvor Sterben, Jüngstes Gericht und Auferstehung ganz plastisch auskomponierte, ist in seinen späten Jahren diese katholische Gewissheit weggefegt. Um sein Verzweifeln abzubilden, stellt er in der Neunten alle herkömmlichen Regeln der Symphonik auf den Kopf, Satzabfolge, thematische und harmonische Entwicklung. Im langsamen Eröffnungssatz stürzt das innig von Hörnern, Holzbläsern und Geigen gesungene Lebewohl mehrfach in düstere bis schlichtweg brutale Abgründe. In Bruchstücken springt einem im nachfolgenden Ländler die österreichische Volkskultur als Totentanz entgegen, ein groteskes Rondo schließt sich furios lärmend an, heute würde man diese Musik als „industrial“ bezeichnen: Die Welt aus den Fugen, ihr Getümmel ein absurdes Theater.

Und dann das Schlussadagio, das größte und ergreifendste der abendländischen Musikgeschichte. Teodor Currentzis hat es letzte Woche in seinem Stuttgarter LAB-Gespräch „Vehikel zur Unendlichkeit“ genannt. Mahler zitiert Beethovens Klaviersonate „Les Adieux“ und zugleich das trostsuchende Kirchenlied „Abide with me“. Doch Gott scheint kein verlässlicher Begleiter auf diesem letzten Weg, nach wenigen Tönen wandelt sich der Choral zu einem herzblutenden Gesang, der fast taktweise zwischen Gebet, Hingabe, Sehnsucht, Furcht vor dem Tod und Auflehnung gegen das Schicksal schwankt. Currentzis nennt das ein „Wunderland des Schmerzes“. Hier wohnt die Frau an den Gleisen, aber hier wohnt auch jeder Sterbliche, jeder Zweifelnde, jeder von uns.

Zerschnitten wird dieser zutiefst bewegende Gesang mehrfach von eigenartigen, leisen Passagen mit Fagott und Flöte, ein Schattenreich, in dem wie aus einer anderen Dimension Johann Sebastian Bachs strenger Kontrapunkt nachhallt. Nach langem Widerstreit glüht zart himmlisches Licht auf, schließlich löst sich alles in körperloses Nichts. Die Pausen übernehmen die Hauptrolle. Der irdische Zeitbegriff ist außer Kraft gesetzt. Mahler, das ist die Deutung von Leonard Bernstein, ist nach schmerzvollem Abschied von der Schönheit der Erde nun bereit, sein Ich aufzugeben, ohne zu wissen, was ihn „drüben“ erwartet. Dieses endgültige Hingeben in Töne zu fassen, ist vielleicht keinem anderen Komponisten in so zutiefst menschlicher Ehrlichkeit gelungen. Es im Konzertsaal mitzuvollziehen, kann ein Leben verändern. Denn am Ende schwingt die Tür ins Jenseits auf – und auch in eine neue musikalische Epoche.

Stefan Franzen
dieser Text erschien in einer gekürzten Form in Der Sonntag, Ausgabe 15.12.2019

Teodor Currentzis dirigiert Mahlers 9. Symphonie, SWR Symphonieorchester:
16.12. Konzerthaus Wien, 18.12. Elbphilharmonie Hamburg, 19.12. Konzerthaus Dortmund, 20.12. Konzerthaus Freiburg, 22.12. Mozartsaal Mannheim

 

Mahler-Herbst II: Schön scheitern in Dobbiaco

Um von Gustav Mahlers frühester Lebensstation zu der seiner letzten drei großen Werke zu gelangen, braucht es auch heute noch eine 12-stündige Zugfahrt. Zwischen dem tschechischen Jihlava und Toblach in Südtirol sind es zwar nur knapp 600 Kilometer, aber die Züge bummeln, abgesehen von der Strecke Salzburg – Innsbruck so vor sich hin wie wohl auch zu Lebzeiten des Komponisten. Daher komme ich auch erst zu komplett dusterer Abendstunde im eisigen Dobbiaco an, mein Wirt hat die Abholung vergessen, und um nicht mit Koffer am Seitenstreifen der unbeleuchteten Schnellstraße entlangzutingeln, muss ich einen absurd teuren Zubringdienst in Anspruch nehmen.

Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, zum Finale der Interrail-Reise durch sieben Länder die paar Quadratmeter zu besuchen, auf denen die für mich erschütterndsten Werke der spätromantischen Symphonik entstanden sind. Etwas abgelegen vom Ort haben Alma und Gustav Mahler in den Jahren 1908-1910 im Gasthof der Familie Trenker die Sommermonate verbracht. Mahler, der hochsensible Geräuschphobiker, ließ sich noch etwas weiter abgelegen vom Hof unter Nadelbäumen ein Komponierhäusl zimmern. In diesem Verhau, heute ein winziges Museum, schrieb er „Das Lied von der Erde“, die Neunte Symphonie und das Particell zur nicht beendeten Zehnten – die für mich heiligen letzten drei Werke. Sich seines baldigen Endes bewusst, schrieb er sie, herzkrank aber nicht nur in biologischem Sinne, denn hier flog auch Almas Seitensprung mit Walter Gropius auf.

Ein Tag reicht locker für den kurzen Pilgermarsch vom Dorfzentrum dorthin, doch als ich am Sonntagmorgen aufwache, ist der Himmel derart blau, die Luft derart klar, dass ich einer hochalpinen Versuchung erliege: Nicht zum Häusl im Tal, sondern zu den Drei Zinnen zieht es mich, zumal es der letzte Tag ist, an dem der Bus aufs Ausgangsplateau auf 2200 Meter hochfährt. Die Umrundung der drei berühmt-berüchtigten dolomitischen Felsentürme – gegen den Uhrzeigersinn, so wie die tibetischen Bön ihren heiligen Kailash umrunden – ist genauso umwerfend, wie sie sich auch dahinzieht. Ich will ehrlich sein: Sie ist so überwältigend, dass ich bei einer Rast beim Umpacken meinen Geldbeutel liegen lasse und den grandiosen Weg zweimal genießen darf.

Von der Höhenluft völlig ermattet, würde der Gang zum Häusl nach der Rückkehr zum Ding der Unmöglichkeit geraten. Sense. Heute geht wirklich nichts mehr. Fürs Häusl bleiben also nur noch zwei Stunden am Montagmorgen vor der  – wiederum 12-stündigen – Zurückschaukelei durch Pustertal, Vinschgau und Engadin nach Hause. Ich stolpere dann noch eher unfreiwillig in ein Gala-Diner meiner Herberge hinein und werde von meinen Tischnachbarn während des opulenten mehrstündigen Mahls über die Freuden der Alpendurchquerung per Motorrad unterhalten. Endlich: Ich darf ins Bett.

Eine gewisse Panik steigt in mir auf, als ich am nächsten Morgen mit schnellem Schritt am Waldsaum entlanghaste. Plötzlich ist das Häusl nicht mehr ausgeschildert. Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Die Zeit wird knapp. Keuchend male ich mir aus, wie Mahler hier mit Alma und befreundeten Komponisten spazieren ging, wahrscheinlich im gleichen Tempo, denn mit ihm konnte kaum jemand Schritt halten. Eine Kuh steht mit Grandezza auf dem Weg und hinter ihr eine Hütte, wie es sie hier vielfach gibt. Mahlers Refugium ist das nicht. Da lichten sich die Wipfel und ich stehe vor dem trutzigen Trenkerhof. Hier haben die Mahlers gewohnt, unverkennbar weist eine Tafel stolz darauf hin, die Nachfahren der Wirtsfamilie sind auch heute noch Besitzer des Anwesens.

Gegenüber ein breiter, hoher Zaun, der Eingang zum „Wildpark“, in dessen Mitte das Komponierhäuschen liegt. Er ist mit einem dicken Schloss versperrt. Mit bösen Vorahnungen klingele ich am Hof. Fensterläden öffnen sich, die Wirtin lugt heraus. Ob sie den Wildpark aufmachen könnte für einen großen Gustav Mahler-Fan? Das ginge auf keinen Fall, sagt sie bestimmt, schließlich sei jetzt schon Wintersaison, demnächst drohe der Schnee, Reparaturarbeiten seien im Gange, die Tiere gar nicht im Gehege, und wenn mich auch nur eine Katze ins Bein beiße, müsse sie, die Wirtin, dafür haften. Ich riskiere einen Blick hinüber.

In der fast sommerlichen Sonne grasen friedlich Wildsauen, Emus und anderes zahmes Getier in seinen Gehegen, eine pastorale Atmosphäre, gegen die auch Mahler nichts gehabt hätte, sofern die Tiere sich schön ruhig verhalten hätten. Ich bettele, ich flehe, ich ziehe schließlich die Journalistenkarte: Ich sei mitten in Recherchen über eine Gustav Mahler-Story fürs Radio und habe eine 12-stündige Anfahrt hinter mir. Im Grunde ist es ja nicht einmal gelogen. Nein, die Trenker-Donna ist unerbittlich. Der Park bleibt zu. Ob ich denn nicht im Internet geschaut hätte? Da stünde, dass ab Oktober geschlossen sei. Aber halt nicht unter dem Suchbegriff „Gustav Mahler“ und „Komponierhäusl“, sondern unter „Wildpark“, denke ich innerlich seufzend.

Es hilft nichts. Die Fensterläden klappen wieder zu, ich stehe vor dem Zaun, der nach allen Seiten hoch und unüberwindbar um das Gelände gezogen ist. Was hätte Gustav dazu gesagt, dass sein Häusl 110 Jahre nach der Entstehung seiner letzten Werke inmitten eines Streichelzoos von der Öffentlichkeit abgeschirmt wird? Ich hätte alles darum gegeben, einmal auf den Brettern zu stehen, auf denen der zutiefst berührende „Abschied“ aus dem „Lied von der Erde“ entstand, die erschütternden Adagios der 9. und 10., mit denen er einen Blick ins Jenseits wagte. In denen er tiefsten seelischen und physischen Schmerz und die bohrende Ungewissheit über das Leben nach dem Tode in Töne fasste, und sich dieser Ungewissheit schließlich übergab. Der Moment kommt mir fast banal vor, angesichts der Größe dieser Musik.  Einmal noch linse ich in Richtung der Baumgruppe, die das Komponierhäusl vor mir verbirgt. Dann lenke ich sehr rasch meine Schritte weg von diesem Gatter, an dem ich am Ende der Reise gescheitert bin.

Stefan Franzen

Konzerthinweis: Am 20.12. dirigiert Teodor Currentzis das SWR-Symphonie-Orchester im Konzerthaus Freiburg – das einzige Werk des Abends: Mahlers Neunte.

 

Crowdfunding für die Frauenstimmen des Iran

Die Zeitgenössische Oper in Berlin hat im Jahre 2017 und 2018 zwei vielbeachtete Festivals namens „Female Voice Of Iran“ mit Frauenstimmen aus dem Iran veranstaltet. jetzt wird die Situation der Sängerinnen im Land anhand eines gleichnamigen Films dokumentiert. Die iranische Musikologin Yalda Yazdani und Filmemacher Andreas Rochholl, die auch für die Durchführung des Festivals verantwortlich zeichneten, haben hierzu gerade die Dreharbeiten vor Ort abgeschlossen. Der Streifen erzählt Geschichten über den Alltag der Künstlerinnen, die sie bei ihren Recherchen seit 2015 kennengelernt haben. Derzeit wird am Filmschnitt gearbeitet.

Die Situation iranischer Musikerinnen ist seit der Etablierung des „Gottesstaates“ im Jahre 1979 von unzähligen Hürden geprägt. Öffentlicher Sologesang ist verboten, Zensur und Schikane bei der Durchführung von Konzerten an der Tagesordnung. Die Sanktionen der Wirtschaft durch die US-Regierung, der sich viele europäische Firmen angeschlossen haben, lässt die kulturelle Szene weiter ausbluten. Um den letzten Schritt für die Realisierung des Films zu ermöglichen, haben die Macher eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen, die hier unterstützt werden kann:

www.startnext.com/femalevoiceofiran

„The Female Voice Of Iran“ – Crowdfunding
Quelle: youtube

Side tracks #28: Klassenunterschiede


Niels Frevert: „Speisewagen“
(aus: Paradies der gefälschten Dinge, Grönland Records 2014)

„Ich suchte nach Worten für etwas, das nicht an der Straße der Worte lag“ – treffender als in diesem Titel aus seinem aktuellen Album Putzlicht könnte Niels Frevert seine Songwriting-Philosophie in einem Satz nicht zusammenfassen. Der Hamburger stellt mit der deutschen Sprache etwas an, was wenige, vielleicht keiner derzeit hierzulande vermag: seelenvoll, aber nie gefühlig zu sein, leichte Ironie im Mundwinkel spielen zu lassen ohne sarkastisch zu werden, fließende Wortgebilde schöpfen, die überhaupt nicht verkopft sind. Diese kleinen Text-Wunderwerke setzt er dann zu Harmonien, die weit mehr als das klassische Songschema erfüllen – sie sind mit ihren unerwarteten Farbwechseln nochmals für sich selbst kleine Geschichten.

Gestern hat dieser grandiose Wortkünstler und Songpoet, denn ich durch eine Kollegin der hiesigen Zeitung kennenlernen durfte, seine Deutschlandtour zum aktuellen Album Putzlicht im Freiburger Jazzhaus begonnen, nur mit Unterstützung durch Christoph Bernewitz an den Gitarren und Martin Hornung an den Keyboards – in dieser intimen Atmosphäre leuchten seine Lieder, die mir den Glauben an die deutsche Musiksprache zurückgegeben haben, am schönsten. Hier ehre ich ihn mit einem schon etwas älteren Lied, das so wunderbar in diese Bahn-Kolumne passt. Denn Niels Frevert ist ein echter „Side tracker“ im flussbegradigten Streckennetz.

Die Daten:
03.12. Stuttgart – Im Wizemann Studio, 04.12. Augsburg – Soho Stage, 05.12. Ulm – Roxy, 06.12. Mannheim – Alte Feuerwache, 07.12. Hannover – Pavillon, 08.12. Oldenburg – Wilhelm13, 09.12. Leipzig – nato, 12.12. Rostock – Helgas Stadtpalast, 13.12. Magdeburg – Moritzhof

Niels Frevert: „Speisewagen“
Quelle: youtube

Senegals Weltbürgerin

Gute Nachrichten für alle, die die Songs von Awa Ly lieben: Im März 2020 wird die Senegalesin ihr neues Album veröffentlichen, vorab kommt schon mal die Single „Close Your Eyes“ nebst eindrucksvollem Video – eine, so ihre Presseabteilung, „Einladung zur Selbstbeobachtung, damit wir uns mehr öffnen können in einer Zeit, in der sich alles auf Image und Aussehen stützt und die Menschen die Welt durch ihr Smartphone betrachten. Das Video dazu ist eine Hommage an alle Frauen die aufstehen, und ihr Leben riskieren, indem sie sich zu Wort melden.“ Gerne erinnere ich mich an ihre Auftritte in Freiburg und Lörrach und eine Persönlichkeit, die im Interview einen seltenen Spagat zwischen engagierter Resolutheit und Warmherzigkeit hinbekam.

Awa Ly: „Close Your Eyes“
Quelle: youtube

Gegen das Vergessen

Foto: Stadtarchiv Freiburg

Man kann es den jungen Wähler*innen, aber auch den Ewiggestrigen nicht oft genug vor Augen halten:
Hierhin führen völkische Ideologie, Rassenhass und der blinde Glaube an Heilsversprechen.
So sah meine Stadt heute vor 75 Jahren aus.

23 Minuten reichten, um 3000 Menschen zu töten und die Errungenschaften von Jahrhunderten dem Erdboden gleichzumachen.

Auch heute geht Krieg von deutschem Boden aus: Unsere Waffenindustrie schafft mit Milliardengeschäften die Voraussetzungen für Flucht und Vertreibung und dafür, dass es in etlichen Ländern genauso aussieht wie auf dem Foto oben – mit Genehmigung unserer Regierung.

Hymne des Zusammenhalts

Foto: José de Holanda

Lucas Santtana ist einer der sehr engagierten Songwriter Brasiliens, der mit eigener Klangsprache die Gesetze der Música Popular aushebelt. Auf seinem neuen Werk O Céu É Velho Há Muito Tempo (No Format/Indigo) geht er schonungslos mit dem Rassisten und Sexisten Jair Bolsonaro ins Gericht. Sein musikalisches Rezept gegen den menschenverachtenden Präsidenten sind nur Akustikgitarre und Stimme, die ruhig und besonnen zur Demonstration aufruft, Nationalismus, Unterwanderung der Justiz und Korruption anprangert. Mit gelegentlichen Spuren von Bossa und Blues gemahnt Santtanas Ton an die Balladen der frühen Tropikalisten, die ja auch schon unter dem Joch politischer Barbarei ächzten. In der Ruhe liegt die Revolte.

Lucas Santtanas Song „Ninguém Solta A Mão De Ninguém“ (niemand lässt die Hand von niemandem los) ist seine Hymne für die gleichnamige Bewegung, die sich gegen die autoritäre Regierung und ihre Zerstörung der Menschenrechte, des Regenwalds und der dort lebenden Indigenen, gegen das Klima von Rassismus und Diskriminierung der LGBTQ-Gemeinschaft positioniert hat. Der Slogan stammt aus der Zeit der Militärdiktatur der 1960er und hat heute, wo man gegen die Ultrarechten zusammenhalten muss, wiederum traurige Aktualität. Da müssen wir nicht nach Brasilien schauen. Im Song, dessen Video ich hier teile, hat Santtana die Gäste Linn da Quebrada, Jaloo und Juçara Marçal dabei. Der Clip widmet sich unterschiedlichen Aspekten des Kampfs um die Bürgerrechte und greift auf historisches Bildmaterial zurück. Die Botschaft: Die eigene Geschichte darf niemals in Vergessenheit geraten.

Lucas Santtana: „Ninguém Solta a Mão de Ninguém“
Quelle: youtube

Kleine Abgründe

Foto: Justin Higuchi

Sophie Auster
Jazzhaus Freiburg
15.11.2019

Musikerkinder von Musikereltern haben es schwer, sind ständig bohrenden Vergleichen ausgesetzt. Befreiter aufsingen und -spielen können die Sprösslinge von Literateneltern, sie haben sich ihre eigene Künstlersphäre erobert, und trotzdem umgibt sie der familiäre Nimbus. „Gerne mal die Eltern erwähnen“, wünscht sich Sophie Austers Promo-Firma von den Journalisten. Das ist aber gar nicht nötig ist, denn die 32-jährige New Yorkerin kann sich auf ihre eigenen Meriten berufen. Seit dreizehn Jahren ist sie eine der interessanteren Singer/Songwriterinnen im Gewühle der vielen Kolleginnen am Hudson, noch länger ist sie auf der Kinoleinwand zu sehen. Im Jazzhaus Freiburg feierte sie am Freitagabend ihren europäischen Tour-Auftakt.

Austers Songs leben auf der aktuellen CD Next Time von fülligem Popsound, träumerischen Hall-Räumen und cleveren Bläsertexturen. Doch sie haben die Klasse, auf der Bühne auch in einem kargen Trio-Setting zu funktionieren, denn allein diese Stimme nimmt sofort gefangen: mit suggestiv-souligen Tiefen, die ein wenig an Annie Lennox erinnern, aber auch mit leuchtenden Höhen in mäandernden, textlosen Uuuuh-Phrasen. Auster ist keine Rampensau, aber noch weniger Mauerblümchen, und da kommt ihr vielleicht die parallele Schauspielerinnenlaufbahn zupass: Sie setzt auf gezielte Flirts mit dem Publikum, ein angedeutetes Küsschen hier, eine hochgezogene Augenbraue da, Textstellen und Trommelwirbel untermalt sie mit tiefen Blicken und dem Spiel ihrer Finger. Fast ein wenig überzogen wirkt ihre schmerzvolle Mimik, denn nur ganz selten bricht diese Stimme aus dem Wohlklang aus, faucht mal andeutungsweise, steigert sich mal kurz in wütendes Glühen, wird nur für ein Songfinale zum Vamp. Vom reduzierten Drum-Set kommt dafür stets kernige und präzise Unterstützung, die an keiner Stelle die Vocals übertüncht, und aus den Keyboards schlüpfen sehr variantenreich mal glasig funkelnde Farben à la Sixties, mal knallig-bunte Achtziger-Anleihen wie in der aktuellen Single „If I Could“.

Zwischen diesen beiden Jahrzehnten spreizen sich oft die Bezüge des Songrepertoires, in dem sich Doppelbödigkeiten verbergen: Der „Dollar Man“ schleicht sich hintergründig mit Dub-Bässen an, das als Trinklied angekündigte „Tom Collins“ ist nicht raubeinig, sondern voll schmachtender Bitterkeit. Und zeigt sie im träumerischen „Mary Jane‘s“ nicht plötzlich den Stinkefinger? Dass Auster auch den hohen Gipfel klassischer Songwritingkunst erklimmen kann, zeigt sich in „Black Water“, eine grandiose Ballade mit melodischer Dichte und harmonischen Schattierungen im ruhigen Fluss. Ihre Eigenkompositionen bereichert sie mit Covermaterial, das alles andere als naheliegend ist: Die selten gehörte Freddie Mercury-Nummer „Cool Cats“ kommt zu femininen Ehren, und der frühe Soulhit „Baby, It’s You“ von den Shirelles erhält eine elegant modernisierte Politur.

In den Zugaben noch zwei völlig konträre Facetten der Sophie Auster: Ihr Hit „Mexico“, ein lauer Shakira-Verschnitt, bleibt weit unter ihren Qualitäten. Die strahlen nochmals in einem unveröffentlichten Stück, in dem sie mit akustischer Gitarre zur Folklady wird. Doch auch hier lauert ein kleiner Abgrund: Es ist einem Ex-Lover gewidmet, der sich ohne Ankündigung von ihr zurückzog – ein Thema, das fast aus einem der Romane ihres Vaters stammen könnte. Bei den nächsten Lesungen von Paul Auster und Siri Hustvedt also gerne auch mal die Tochter erwähnen.

© Stefan Franzen, erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 18.11.2019

Sophie Auster: „If I Could“
Quelle: youtube

Mahler-Herbst I: Moravian Rhapsody

Endlich wird die Landschaft schön. Ein scheinbar endloser Weg von Krakau aus liegt hinter mir, unvorstellbar langatmige Zuckelfahrten durch polnisch-mährisches Grenzgebiet, kaum nennenswerte Hügel, geschweige denn Berge zu durchqueren, dann eine kurze rasante Strecke, als es auf Prag zuging. Ich jedoch steige in Kolín um, wo der Regionalexpress nach Jihlava abzweigt, Gustav Mahlers große Lebensstation der Kindheit und Jugend. Der Zug fährt in die Dunkelheit der mährisch-böhmischen Wälder hinein, sanft geschwungen die Topographie, sanft geschwungen auch die Trasse. Das Abteil habe ich für mich, viele Leute wollen nicht in diese Kleinstadt von 30.000 Einwohnern, die früher mal Iglau hieß und eine deutsche Sprachinsel bildete.

Eine Schaffnerin kommt herein, sieht mein Interrail-Ticket, gestikuliert aufgeregt, sagt „Autobus“ und wiederholt immer wieder den Namen Havlíčkův (die absurden Akzente habe ich nicht erfunden), und ich denke mir, während ich den Namen des Ortes pausenlos wiederhole, um ihn nicht zu vergessen: OK, Schienenersatzverkehr also auch in Tschechien. Zwei Stationen weiter, ein Typ mit Rockermähne und Lederjacke reißt die Abteiltür auf. Kurioserweise hat auch er einen Schaffnerknipsapparat in der Hand. Instintkiv begegne ich seiner Ansprache mit einem Kopfschütteln, woraufhin er etwas finster gefärbt „Tickets“ sagt. Offenbar hat der Zug eine regionale Grenze überquert, was den Austausch des Personals erforderte.

Ich verpasse den Ort mit dem Kringel auf dem „u“ nicht, da steht auch ein Bus, und eine halbe Stunde später komme ich im dunklen Jihlava an, vielmehr in einem Außenbezirk, in dem es zwar meine Herberge gibt, aber sonst nur eine riesige Sportbar, wo die Jugend Billard spielt und die Küche kalt bleibt. Auch der Supermarkt hat vor drei Minuten dicht gemacht. Das Abendessen fällt also mager aus, eine halbe Packung Mandeln, die Minibar offeriert ein alkoholfreies Pflaumenbier mit einem erschreckenden Etikett, das Zeug schmeckt ähnlich wie der Weißwein, der uns vor 14 Jahren in Rio de Janeiro als „vinho da casa“ kredenzt wurde, eine Mischung aus fauligem Obstkorb und Essig. Im Fernsehen wird Gott beerdigt, was im tschechischen Dativ putzig klingt: „s Karlem Gottem“.

Mit sehr dürftigem tschechischem Grundvokabular ausgestattet mache ich mich am nächsten Morgen per Stadtbus ins Zentrum von Jihlava auf. „Náměstí“ heißt Marktplatz (unter drei Akzenten pro Wort geht es nicht), ein riesiges, abschüssiges Rechteck mit einigen herausgeputzten, bunten Häusern und mehreren Kirchen, doch mein erstes Ziel ist das Dům Gustava Mahlera in der Znojemské ulici čp. 4, das Gustav Mahler-Haus in der Znaimer Straße 4. Hier ist der von mir so geschätzte Komponist und Seelenverwandte von frühester Kindheit an aufgewachsen bis er 15 Jahre alt war. Der Vater Bernhard, ein Schnapsbrenner und Wirt, hatte das Haus erworben, in einer Zeit, als die Ansiedlung von Juden  ausdrücklich erwünscht war. Heute ist ein Museum in den Räumlichkeiten, dass Mahlers Leben in Iglau von 1860-75 genauso akribisch wie lebendig dokumentiert. Jana Součková, die Leiterin des Hauses versorgt mich fachkundig und engagiert mit Materialien für den Rest des Tages, den ich auf den Spuren Mahlers verbringen werde.

Man kann sich dank der detailverliebten, mit viel Herzblut gestalteten Vita-Schau hinabsenken in dieses Leben: Eine große Bilderstrecke mit Fotos der Eltern und Geschwister, Dokumente aus seiner Kindheit, von Schulzeugnissen bis zu Zeitungsbesprechungen seiner ersten Konzerte in der Stadt sind auf den Tafeln erfasst, ein paar Instrumente der böhmischen und mährischen Bauernmusik, die ihn beeinflusste, schließlich auch Grafiken von Künstlern aus der Umgebung, die vom Werk Mahlers inspiriert sind. Hier, in diesen Räumen, machte er seine ersten musikalischen Gehversuche, aß, schlief und träumte, und hier litt er sicherlich auch, unter dem jähzornigen Vater und wohl auch damals schon unter dem Lärm aus der Gaststätte im Erdgeschoss, in der jetzt ein Café geplant ist.

Mahler war ein Hochsensibler, wenn es um Geräusche ging. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, hier in dieser Familiengeschichte herumzustapfen, fast komme ich mir vor wie ein Eindringling. Und wieder einmal bin ich, wie bei Villa-Lobos, Grieg und de Falla, der einzige Besucher: Am genius loci ihrer großen Klangschöpfer ist die Welt offenbar nicht interessiert, nicht einmal vor Ort: Von Jana erfahre ich, dass beim Zuspruch der Einheimischen gegenüber dem Museum noch viel Luft nach oben ist.

Apropos Luft: Der Tag ist schön, herbstliche Sonne strahlt über Jihlava und ich will davon profitieren, mache mich auf zum Stadtrundgang.
Das Zentrum ist hübsch und überschaubar, in seiner Mitte der riesenhafte Marktplatz: Unten, wo früher die Marktstände waren, spielte Mahler schon im Vorschulalter für die Beschicker Akkordeon, die obere Hälfte war der Garnison vorbehalten, die dort ihre Aufmärsche machte, die Sounds der Blechblaskapellen machten mächtig Eindruck auf das Kind, nicht von ungefähr kommen den Klarinetten, Trompeten, Posaunen, Hörnern und Tuben prominente Rollen in allen Mahler-Symphonien zu. Die mächtigen Steintürme der Jakobuskirche etwas abseits, hier sang Gustav im Chor, und sein Lehrer Heinrich Fischer, selbst Komponist, war eine prägende Vaterfigur in der Musik.

Hinter dem Kirchhof, an der Stadtmauer entlang und weiter nach unten öffnet sich der „Heulos“, das Igel-Tal, parkartig. Ich setze mich auf eine Bank und stelle mir vor, wie hier – das ist überliefert – der vierjährige Gustav von seinem Vater vergessen wurde, und inmitten des Grüns plötzlich den berühmten „Naturton“ hörte, ein schockartiges pantheistisches Erlebnis für das Kind, das er zu Beginn seiner 1. Symphonie, dem „Titan“, so eindrücklich verarbeitet hat.

Vorbei geht der Weg an Mahlers Gymnasium, heute Jihlavas Stadtbibliothek, hin zum ehemaligen riesigen Garnisonshaus. Von hier liefen die Kapellen hinaus und schmetterten die Klänge, die sich im akustischen Gedächtnis Gustavs für immer festsetzten. Innen befindet sich ein Restaurant mit Volxküchen-Charakter, die Düfte locken zum Mittagessen, aber die Aufmerksamkeit der Kellnerinnen und Kellner, teils rustikal gepierct und ein bisschen auf Punk getrimmt, zu erregen, gelingt mir nicht so schnell wie der Hunger es will. Also fällt das Mahl etwas spießiger aus, nebenan im gediegenen „Hotel Gustav Mahler“ mit rotem Plüsch und nachgebildeten Schriftstücken des Namensgebers an den Wänden.

Gesättigt gehe ich weiter zum Theater, wo der junge Musiker im Teenager-Alter erste Erfolge mit einem Klavierabend feierte, nicht mehr lange sollte es ihn dann hier halten, mit 15 ging er zum Studium nach Wien, nur noch für Elternbesuche kehrte er ab 1875 zurück auf seinen Jugend-Turf. Am schönsten huldigt Jihlava seinem berühmten Sohn im Gustav Mahler-Park: Die Statue von Jan Koblasa lässt den Künstler ganz aus Kopf und ätherischem Körper bestehen, ein durchscheinendes, unirdisches und doch elegantes, himmelsbrausendes Wesen ist in dieser Skulptur eingefangen, die vor allem dem Dirigenten Mahler gerecht wird. Die Umgebung ist etwas gewollt hingestaltet – ein Brunnen, dessen 10 Fontänen die 10 Symphonien verkörpern sollen, Vogel- und Fischplastiken, die auf Mahlers Naturliebe hindeuten sollen, aber so abstrahiert sind, dass ich sie kaum ausfindig machen kann. Trotzdem: eine schöne Oase, die auf den Fundamenten der ehemaligen Synagoge errichtet wurde, die die Nazi-Schergen dem Boden gleich gemacht haben.

Der große jüdische Friedhof, auf dem man immer noch ans Grab von Mahlers Eltern treten kann, liegt ein Stück außerhalb: Marie, von ihm abgöttisch verehrt und der aufbrausende Bernhard ruhen hier. Es ist ein wenig tröstlicher Ort, der aus der Zeit gefallen ist. Schon vor dem 2. Weltkrieg hat Jihlava / Iglau gelitten: Die spannende und teils bittere Geschichte der ältesten Bergbaustadt der Region, ist im Frauentor dargestellt, von den Hussiten über die schwedische Besatzung während des Dreißigjährigen Krieges bis zu den grausamen Ereignissen während der nationalsozialistischen Jahre. Oben lässt sich eine schwere Klappe lupfen und ich stehe auf der Plattform im Freien, der Blick schweift über die Türme und die angrenzenden Felder der Region Vysočina, das „Dach Europas“ wird sie kurioserweise genannt, es ist – auch wenn man bei der Anfahrt das gar nicht merkt – eine gewaltige Hochebene. Und auch aus dieser Entfernung grüßt Koblasas Mahler-Statue mit ihrer unverkennbaren Silhouette im Spätnachmittagslicht.

Ein letzter Rundgang, bei dem ich auch ein temporäres Wohnhaus von Friedrich Smetana entdecke, und dann ein denkwürdiger Moment, der mir offenbart, dass Mahler nicht der Einzige ist, dem hier Schaufensterplatz eingeräumt wird: In einem Etablissement, das zumindest von außen ein wenig Underground-Retro-Flair hat, breiten sich Devotionalien für den gerade verstorbenen Schlager-Karel aus: Zerfledderte Singles, in deren Mitte ein schwarzer Leuchter mit abgebranntem Teelicht thront. Sterben wie Gott in Mähren.

Der Tag neigt sich, ein letzter Weg zurück zum kühlen Igel-Tal und zur Musikschule gegenüber der Jakobuskirche: Aus einem Fenster dringen Klavieretüden, um die Ecke schlägt die Turmuhr sechs, und plötzlich dröhnt aus einem anderen Proberaum eine satte, tieftraurige Blaskapelle. Gustav hätte dieses Durcheinander gefallen. Als ich am nächsten Morgen – wie einst Mahler im tiefsten Winter – in einem völlig überheizten Abteil mit Kopfschmerzen Richtung Budweis schaukele, habe ich den „Titan“ auf den Ohren – und ja, auch wenn der „Naturton“ durchs Rattern des Regionalzuges kaum zu hören ist, der Ausbruch der Bläserfanfaren ist es. Und er passt einfach zu dieser Szenerie aus Wäldern und Feldern, die im gleißenden Herbstmorgenblau vor dem Fenster vorbeirollt.

© Stefan Franzen
das Gustav Mahler-Haus in Jihlava: https://www.jihlava.cz/de/dgm/

Dünnhäutiges Tagebuch

Patrick Watson
Wave
(Domino Records/Goodtogo)

Wie ändert sich der persönliche Klang eines Musikers, wenn ihm in schneller Abfolge viele Dinge genommen werden? Wenn ihn unerwartet eine Monsterwelle überspült, der er nicht standhalten kann? Wenn ihm sein Leben plötzlich nicht mehr wie sein eigenes vorkommt? Tod der Mutter, Trennung von der Partnerin, Abschied musikalischer Weggefährten: Das passierte Patrick Watson. Weniger aus dem Schmerz heraus, eher mit ihm, schuf er ein berührendes Album mit Songs so dünnhäutig wie Pergament, so zerbrechlich wie Porzellan.

Schon immer war Watson einer der sensibelsten Musiker von Montréal. Die wohl kreativste Songwriter-Metropole Nordamerikas hat über die Jahrzehnte so große Geister wie Leonard Cohen, Lhasa de Sela oder Rufus Wainwright hervorgebracht. Am St. Lawrence-Strom herrscht ein besonderes Werkstatt-Flair, hier schichtet man mit Vorliebe Pop, Klassik, Weltmusik, Chanson und psychedelischen Rock, und auch Watson ist ein Meister dieser Sprache, die Genres sprengt. Klassisch am Piano ausgebildet und mit einem starken Hang zum Cineastischen bildete er seine Klangwelt ab der Jahrtausendwende mit einem Quartett heraus, das die unterschiedlichsten Einflüsse von Kammermusik bis Hardrock vereint. Das Magnum Opus lieferte die Band 2006 mit Close To Paradise, baute eine großartige Dramaturgie aus epischen Stücken um seine stets brüchige Falsettstimme. Es ist ein Meilenstein der kanadischen Musikgeschichte, dessen Konzeptwucht Watson danach nie mehr angestrebt hat. Sein aktuelles Werk erreicht künstlerische Höhe mit einer ganz anderen Sprache.

Schicksalsschläge als notwendiger Motor für neue Inspiration – das kann zynisch klingen. Doch auf „Wave“ trifft diese Formel ohnehin nur bedingt zu. Das Werk tönt nicht nach der von Journalisten gebetsmühlenhaft herbeizitierten Katharsis, es ist ein Leidensalbum. Man hört, dass es dem 40-Jährigen nicht gut geht. Da singt einer, der gerade erst vom Krankenlager der Seele aufgestanden ist und wieder zaghaft die ersten Schritte versucht. Gegenüber den ausgefeilten Texturen früherer Alben muten diese zehn Miniaturen simpel gestrickt an. Einfach, aber nicht banal: Denn im Schmerz wohnt immer Würde und Menschlichkeit. Oft instrumentiert Watson nur mit verhalltem Piano, mit Tönen in hoher Lage, die kurz auffunkeln, wie Lichtreflexe, die beim Durchbruch der Sonne auf der sonst düsteren Meeresoberfläche tanzen. Oder mit ein paar lapidaren Gitarrentupfern und Streicherseufzern, wie in „Dream For Dreaming“, wo er darum bittet, jemand möge ihn doch aus diesem einsamen Traum herausreißen.

Patrick Watson: „Dream For Dreaming“
Quelle: youtube

Gelegentlich schleicht sich auch Geräuschhaftes in die Songs, garstige Keyboardriffs, schreiende Stimmen, übersteuerte Synthesizereffekte. Das ist kein wohliges, selbstgefälliges Baden in Niedergeschlagenheit. Im Titelstück, das aus gleißenden Keyboards mal ausnahmsweise fast zu Rockbombast à la Sigur Rós anschwillt, spürt man die Kraft der Welle, die ihn so wegspült, dass die Textfetzen seiner Falsettstimme fast nicht mehr verständlich sind. Latino-Flair kommt bei der „Melody Noir“ ins Spiel: „Ich habe ein Loch in meinem Innern, das ist so groß wie deine Berührung, und jedes Mal, wenn ich versuche, es zu füllen, wird es größer“, singt er mit fast körperloser Diktion, und die Geliebte verflüchtigt sich dabei zum Windhauch, zur schönsten Melodie, die er je gesungen hat. In die Bruststimme zu gehen, das würde die Melancholie dieses Albums aushebeln, und als Watson es endlich einmal wagt, merkt man, welch unendliche Kraft es ihn kostet.

Die Gelassenheit des hymnischen Finalwalzers „Here Comes The River“ spendet eine kleine Dosis Trost für alle Hörer*innen, die wie Watson in der Talsohle festkleben. Wenn du den Kopf nicht über Wasser halten kannst, musst du dich der Welle beugen, der Strömung hingeben, sagt der Text. Und dann wird es vermutlich weitergehen, irgendwie.

© Stefan Franzen, erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe vom 02.11.2019

Patrick Watson: „Here Comes The River“
Quelle: youtube

Ein Studio-Konzert, in dem Patrick Watson seine ganze Platte spielt, hat CBC hier kürzlich verfügbar gemacht.