Wanderung ins Wegkomponierte

Das Gustav-Mahler-Festival im österreichischen Steinbach feierte seinen zehnten Jahrgang. Mit der Dritten Symphonie im Zentrum werden Werk und Gedankengebäude des Komponisten erleb- und begehbar. Zum heutigen 166. Geburtstag von Mahler ein paar Eindrücke aus seiner Sommerfrische.

Machtvoll türmt sich die Wand des Höllengebirges in den milchig-blauen Himmel dieses Hitzetages. Ein Blick, der auch nach 130 Jahren noch unverändert ist. Wir lagern auf Decken unterm Fels und lauschen. Nein, nicht der Natur. Es sind Klänge, die aus einem Lautsprecher strömen. Musik, die 1896 genau hier erfunden wurde, und als sie gegen die steinernen Kolosse schallt, überwältigt sie heute wie damals. Aus einer unbeseelten, starren „Vorwelt“ von dräuenden Hörnern und Posaunen schläen sich spitze Trompeten-Fanfaren, krähende Holzbläser, schließlich ein brutal-triumphaler „Bacchus-Zug“. So hat Gustav Mahler sich das Erwachen des Naturgottes Pan vorgestellt. Eine Schöpfungsgeschichte in einem 35minütigen Satz, die sich in mehreren Anläufen und mehrfachem Zurückfallen in die „Ursuppe“ vollzieht. So lang wie eine eigene Symphonie, dabei ist es lediglich die Eröffnung seiner dritten. Ursprünglich betitelte er den Satz „Der Sommer marschiert ein“. Pünktlich zur Apotheose, zum Sieg des Sommers über das Unbelebte, rattert eine Mähmaschine an uns vorbei. Sie übertönt selbst Mahlers Marsch-Fortissimo.

Ja, akustisch hat sich Einiges verändert seit damals, der Fuhrpark an landwirtschaftlichen Maschinen ist im Dauereinsatz hier am österreichischen Attersee, doch die Felsen türmen sich heute wie damals. Auch wenn der Komponist gegenüber dem Dirigenten Bruno Walter, der ihn hier besuchte, mit einer Handbewegung zum Gebirge behauptete: „Das habe ich schon alles wegkomponiert.“ Von 1893 bis 96 erkor sich Lärm-Allergiker Mahler das kleine Salzkammergut-Dorf Steinbach aus. Mit Schwester Justine und – platonischer – Freundin Nathalie Bauer-Lechner logierte er im „Gasthof zum Höllengebirge“. Der ihm aber auch noch zu laut war, so dass er sich am Saum des Attersees sein berühmtes Komponierhäusl errichten ließ. Heute, nach Zweckentfremdung als Schlachthaus und Waschküche, ist dieses schlichte Refugium wieder hübsch hergerichtet als Pilgerstätte für alle Mahler-Jünger, inmitten von Wohnmobilen und Liegestühlen eines Campingplatzes. Den Gasthof gibt es auch noch, heute wird er von Georg Föttinger und Familie geführt und dient als behagliches Basislager für Musizierende und Besuchende des Gustav-Mahler-Festivals, das gerade sein zehntes Jubiläum feiert.

„Mahler hat immer gesagt, der See habe eine eigene Sprache, der See rede zu ihm. Bis hinauf, ins Gasthaus, da könne er ihn nicht hören, daher müsse er das Häuschen knapp am Ufer haben. Wenn er dem See zuhören kann, dann komponiert es sich leichter, und die Kompositionen fließen dann förmlich aus seinem Kopf.“
(Franz Lösch, Erbauer des Komponierhäusls)

Wer hierher kommt, ist Hardcore-Fan des böhmisch-österreichischen Tonschöpfers und offensichtlich eher der gesetzten Altersklasse zuzurechnen. Viele Briten und Amerikaner haben sich auf den Mahler-„Camino“ gemacht, aber auch Deutsche, Belgier, Italiener. Sie alle eint: Es reicht nicht, Mahlers Sinfonien und seine Lieder einfach nur zu hören. Sie wollen das Ideengebäude dahinter begreifen, die Weltdeutungs-Modelle. Möchten die spirituelle Suche nach den letzten Dingen nachvollziehen, der sich der Komponist wie kaum ein anderer seiner Zunftkollegen zeitlebens verpflichtet fühlte. „Ich bin seit 40 Jahren Physiker, aber wenn ich Mahler höre, werde ich von einer Wirkung überrollt, die ich nicht erklären kann“, bekennt ein Teilnehmer beim Einführungsvortrag.

So ein Mahler-Mekka braucht eine Leitfigur, eine charismatische Persönlichkeit, omnipräsent während der Tage in Steinbach. Morten Solvik begrüßt die Besucher mit herzlichem Handschlag. Der US-Norweger und Wahl-Wiener ist ein rühriger und jovialer Musikologe in seinen Sechzigern, dem man sein Alter nicht ansieht. Seit Jahrzehnten ist er der wohl wichtigste „Mahler-Erklärer“ unserer Epoche,  Vorstandsmitglied der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft und Vizepräsident der Mahler Foundation. Das Festival am Attersee hat er mitbegründet und führt es als künstlerischer Leiter. Sein Verdienst: Er hat die Musikwissenschaft von den Trockenübungen der Hörsäle befreit, geht ins Feld, zu den Originalschauplätzen der Mahler-Vita, macht sein Werk erleb- ja, begehbar. Sein Credo: „Mahler ist für alle da!“ Und tatsächlich schafft er es, „Mahlers Universum“, so der Titel der diesjährigen Ausgabe, plastisch zu entfalten. Auch wenn er solche schwierigen Themen anpackt wie die Geistesverwandtschaft des Komponisten zu Schopenhauer und sein gespaltenes Verhältnis zu Nietzsche. Das Schopenhauer-Konzept des bloßen, unbedingten „Willens“ zum Leben, den der Künstler durch Streben nach der Erkenntnis eines tieferen Sinnes erhöhen kann, ist der rote Faden hinter den sechs Sätzen dieser gigantischen dritten Symphonie. Von der ihr Schöpfer sagte, eine unsichtbare Kraft habe ihm den Auftrag zum Schreiben erteilt.

Jedes Jahr setzt Solvik Gustav Mahler in ein neues Beziehungsgeflecht, die Kulturlandschaft bietet ihm eine Palette von historischen Themen dafür, denn auch Johannes Brahms und Gustav Klimt sommerfrischten hier ausnehmend gerne. Solvik, Föttinger und ihr Team binden diese Querbezüge, den Ort, die Region, ihre Menschen clever ein. In diesem Jahr, zum 130. Geburtstag der Dritten Symphonie gelingt das auf der Klangwanderung besonders schön. Musikpädagogin Angelika Dorfer bringt uns nach einer Einordnung Mahlers ins  hiesige dörfliche Leben auf eine Wiese, dort übernimmt Sabine Pumberger vom Naturpark Attersee-Traunsee in Sennerinnen-Tracht mit einem eigens geschriebenen Blumengedicht, bevor dann der zweite Satz ertönt: „Was mir die Blumen auf der Wiese erzählen“ ist ein Menuett, allerdings keine putzige Blümchen-Musik, sondern es erzählt auch von der Furcht der Wiesengewächse vor dem Sturm. Und wie zum Beleg beugen die Blüten vor uns ihre Köpfe unter auffrischenden Windstößen.

Waldpädagogin Martina Huemer, die aussieht, wie man sich eine Waldpädagogin vorstellt, braungebrannt, mit wilder dunkler Mähne, übernimmt nun den Wanderstab. Ob sie über den einzigartigen Perlfisch im See schwärmt oder ihrer Besorgnis über die gegenwärtige Trockenheit Ausdruck verleiht: Sie tut das alles mit besonnener, in sich ruhender Stimme. Es geht in den dunklen Tann, über Wurzeln und spitze Steine, Amsel, Mönchsgrasmücke, Sommergoldhähnchen, Zaunkönig und Zilpzalp liefern die akustische Kulisse. „Was mir die Tiere im Wald erzählen“, der dritte Satz ist nun Thema. Ein groteskes Scherzo über den toten Kuckuck, der ohne Mitleid von der Nachtigall ersetzt wird, vom Fressen und Gefressen-Werden. Zwei Zeckenstiche werden der Kollateralschaden nach der akustischen Rast auf einem morschen Baumstumpf sein. Mahler, der sich als „Sänger der Natur“ sah, wusste um ihre unerbittlichen Gesetze jenseits aller romantischen Idylle. Doch mittendrin in dieser „pan-ischen“ Jagd ein langes, zu Herzen gehendes Horn-Solo: Der Postillon stoppt seine Kutsche am Friedhof, dort gedenkt er mit seiner Melodie dem toten Freund. Mahler leitet über in die Sphäre des Menschen: Während die Natur unbarmherzig ist, können wir Trauer empfinden – und Rücksicht auf die Schöpfung nehmen.

Die Posthorn-Melodie ertönt abends nochmals live, von der offenen Hintertür des Konzertsaals hinaus in die Seitengassen des Dorfes, gespielt von der Solistin des britischen Orchestra For The Earth. Es ist mit seinem jungen Dirigenten John Warner Stammgast in Steinbach. Ein erfrischendes Kammerensemble, das pionierhaft dem alten Bild vom elitären, ganz und gar nicht Ressourcen schonenden klassischen Musikbetrieb jugendliches Umweltbewusstsein entgegensetzt. Warner und seine Nachwuchsmusiker haben es sich auf die Fahnen geschrieben, alle Tourneen ohne Flugmeilen zu bewältigen. Was dieses Jahr dank maroder Deutscher Bahn für eine strapaziöse 17stündige Anreise sorgte. „Steinbach ist in all den Jahren eine Heimat für uns geworden“, sagt Warner im Gustav-Mahler-Saal, mehr rustikaler, geräumiger Dachstuhl als Konzerthalle. Mit hoher Körperspannung, regelrecht zackig dirigiert er seine eigenen Kammer-Arrangements von Mahler-Liedern und Symphoniesätzen. Vor dem Orchester erinnert seine Silhouette tatsächlich an die bekannten Scherenschnitt-Karikaturen von Mahler in Aktion. Wenn er die Partitur umblättert, zischt es wie ein Peitschenhieb. Bis beim „Abschied“, dem ins Ewige, in den Naturkreislauf entschwindenden Finalsatz aus dem „Lied von der Erde“, der Bariton Rory Greene zusammen mit dem Orchester einen zutiefst berührenden, wehmütigen Flow schafft.

Dass das Orchestra For The Earth seinen Besuch nicht auf das Konzert beschränkt, sondern am nächsten Tag mit Kindern der Volksschule von Steinbach auch an einer Pflanzaktion gestaltet, zeigt, wie ernst es den jungen Leuten mit ihrem Öko-Engagement ist. Sind diese Baumpflanzaktionen nur ein vergebliches „Aufbäumen“ gegen den unvermeidlichen Klimakollaps? Gerade sucht eine beispiellose Hitzewelle Europa heim, von der auch die alpine Region nicht verschont bleibt. Und der letzte Festivalabend, eine Komplettaufführung der Dritten mit dem Brucknerorchester Linz wird nach der Abreise des Autoren dieser Zeilen nur über die Bühne gehen können, weil eilends Klimageräte nach Steinbach geschafft werden, um den Konzertsaal im Laufe dreier Tage auf irgendwie erträgliche Temperaturen für Mensch und Instrument runterzubringen.

Die letzten Stationen der Wanderung sind erreicht, wir tauchen wieder ein in die „Zivilisation“. Im Gemeindezentrum von Steinbach hängt ein beeindruckendes Glas-Mosaik des Künstlers Christian Ludwig: Mahlers Konterfei wächst hier aus einer Flut von Andeutungen an seine symphonischen Themen heraus. Am beeindruckendsten: Dem Komponisten wachsen Äste aus dem Körper, die aber alle abgesägt, manche sogar blutig sind. „Das ist ein Sinnbild für die Kreativität, die ihm immer wieder durch die äußeren Umstände verwehrt wurde“, erläutert Regierungsrat Franz Kneißl, unser Guide für die letzten Stationen. Der vierte Satz ertönt, „Was mir der Mensch erzählt“. Mahler lässt hier die menschliche Stimme ins Geschehen eintreten, der Alt singt Verse aus „Zarathustras Nachtlied“ von Friedrich Nietzsche. Der Wettstreit von Leid und Lust um die Ewigkeit wird erst mit somnambulem Schwebeklang in Szene gesetzt, dann mit einem Thema aus waidwunden Streicher-Aufschwüngen, für das Mahler aus Wagners „Siegfried“ Inspiration empfing. Das aber – Mahler-Biograph Jens Malte Fischer weist darauf hin – eine fast schon unheimliche Ähnlichkeit mit Sebastián Yradiers weltberühmtem Hit „La Paloma“ haben, wenn man sich den Habanera-Rhythmus dazu denkt.

Dann führt man uns hinüber in die kühle Bergkirche von Steinbach. Neben dem Altar sprechen Kneißl und Solvik über die letzten beiden Sätze, mit denen Mahler in die himmlische Sphäre führt. „Was mir die Liebe erzählt“, heißt das Finale, im innigen Choralton gehalten. Zuerst hatte Mahler anstelle der Liebe das Wort „Gott“ gesetzt, doch sein überkonfessioneller, pantheistischer Geist siegte. Wichtiger als die Vorstellung eines dogmatischen Gottes, so Solvik, war ihm die Idee der Vergebung, des Mitgefühls, der Liebe in ihrer reinen Form. Wie sich diese Liebe über zwanzig Minuten immer klarer gegen die Verzweiflungsschübe durchsetzt, wie sich Gewissheit über Vergebung im massiven Schluss-Dur Bahn bricht, lässt nicht nur Morten Solvik aufseufzen, auch etliche Teilnehmer in den Bänken haben feuchte Augen. Diese endlose Quelle lässt sich nicht weg-, sie lässt sich immer nur neu komponieren.

Was bleibt von Gustav Mahlers Botschaft heute? Kann man seinen Geist in Steinbach erspüren? Wäre er heute ein Umweltbewegter? „Mahler wäre heute nicht der Mensch, der er damals war, alles andere ist Spekulation“, sagt eine Dame aus Böblingen während wir im Bus am See entlangfahren. Auf dem man während der Woche auch für knapp 100 Euro bei einer Bootsfahrt Backhendl und Marillenknödel mit Mahlers Antlitz vertilgen kann. Teil eines Event-Konzepts, das mit den Zeichen der Zeit geht und bei allen Festivals dieser Art im Aufgebot ist. Eine „Genuss-Beimischung“. Die aber nicht den hohen Anspruch übertünchte, Mahlers Ringen um Weltdeutung in vielen Konzerten, Vorträgen und Naturerlebnissen nahezubringen. Ein Ringen, das so faszinierend, da zeitlos ist. Das Streben nach metaphysischer Erkenntnis, aber auch nach Vergebung, Mitgefühl, Rücksicht auf die Umwelt, ja, und auch nach Stille: Fast ist es eine Binsenweisheit, dass diese Botschaft im  lauten Weltgetriebe von 2026, dem permanenten Aufmerksamkeits-Erhaschen, dem Zeitalter „alternativer Fakten“, erlahmender Öko-Bewegung und der Entwicklung zu protofaschistischen Gesellschaften mehr gehört werden müsste. Nicht zuletzt, weil viele das in Mahlers Musik spüren, dürfte er eine so große Relevanz in unserer Ära haben.

Spätabends noch einmal unten am Komponierhäusl. Ein sanftes Schwappen der Wellen, im Rücken die mondbeschienene Felsenwand. Mähdrescher, Laubbläser und Heckenscheren schweigen, auch die Rückfahrwarner der Wohnmobile. Und wenn man Glück hat, und gerade kein röhrender Feuerstuhl an der Uferstraße entlangfegt oder draußen auf dem Wasser keine Technoparty auf einem Motorboot gefeiert wird, dann bekommt man eine Ahnung. Einen leisen Schauer davon, in welcher stillen Atmosphäre Mahler hier noch sein Weltgebäude aus Tönen errichten konnte, das jede empfindende Seele bis heute zum Schwingen bringt.

© Stefan Franzen

alle Fotos © Stefan Franzen

Das nächste Festival befasst sich 2027 mit dem Thema „Mahler und Beethoven“ und findet vom 30. Juni bis zum 4. Juli 2027 statt.

Auf der Wanderung gehört wurde eine Live-Einspielung (2010) von Mahlers Dritter Sinfonie mit dem Royal Concertgebouw Orchestra unter Mariss Jansons, den Mezzo-Sopran singt Bernarda Fink.

 

Listenreich III: 25 Konzerte für 2025

Ledisi, Heidecksburg Rudolstadt 4.7.2025
WINTER
„Ohren auf Weltreise“ feat. Awa Ly & Lucie Cravero 01.02.
 Alondra de La Parra, David Enhco, Duisburger Philharmoniker, Mercatorhalle Duisburg 19.02.
 „Ohren auf Weltreise“ feat. Matthieu Saglio, Schloss Allensbach / Stadtscheuer Waldshut 14.+15.03.
Aynur, Theater Freiburg 16.03.
FRÜHLING
Arezoo Rezvani & Liron Meyuhas, Tamburi Mundi 20.04.
Sophie Hunger, Kaserne Basel 03.05.
Marco Mezquida Trio +Matthieu Saglio Quartet, Gare du Nord Basel 05.05.
Salvador Sobral, Stadthalle Waldshut 17.05.
„Alcina“ (Georg Friedrich Händel), Maeve Höglund u.a., André de Ridder, Philharmonisches Orchester Freiburg 18.05.
„Éclairs de L’Au-Delà“ (Olivier Messiaen), Philharmonisches Orchester Freiburg, André de Ridder, Konzerthaus Freiburg 27.05.
„Sinfonie der Tausend“ (Gustav Mahler), Tonkünstlerorchester, Yutaka Sado, Musikvereinssaal Wien 04.06.
„Das Lied von der Erde“, (Gustav Mahler), Wiener Philharmoniker, Iván Fischer, Konzerthaus Wien 05.06.
Joolaee Trio + Wishamalii, Porgy & Bess Wien 06.06.
„Der Rosenkavalier“ (Richard Strauss), Ann-Beth Solvang u.a., Georg Fritzsch, Badische Staatskapelle, Badisches Staatstheater Karlsruhe 19.06.
SOMMER
Rita Payés, JazzBaltica Timmendorfer Strand 27.06.
Ledisi & Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt, Heidecksburg Rudolstadt 04.07.
Daniel Lazar & Almir Meskovic, Theater Rudolstadt 06.07.
Maxjoseph, Stadtkirche Rudolstadt 06.07.
ELSA, Jazzhaus Freiburg 20.09.
HERBST
Carolin Trischler, Jazzhaus Freiburg 23.09.
Owen Pallett & Philharmonisches Orchester Freiburg, André de Ridder, Theater Freiburg 8.10.
Simin Tander, Jazzhaus Freiburg 19.10.
Sílvia Pérez Cruz & Salvador Sobral, Elbphilharmonie Hamburg 17.11. / Philharmonie Köln 21.11.
Pedros Klampanis Trio, Jazzhaus Freiburg 30.11.
Monty Alexander Trio, Tonhalle Villingen, 13.12.
alle Fotos © Stefan Franzen

Sturm des Schöpfergeists in Wien


In der Vorpfingstwoche wehte der Geist Gustav Mahlers durch Wien – mit zwei grandiosen Konzerten:

Mahlers Achte, die „Sinfonie der Tausend“, mit 350 Mitwirkenden im Musikvereinssaal:
Das Tonkünstlerorchester, unterstützt durch 3 Chöre (unter ihnen die Wiener Sängerknaben) bereitete Yutaka Sado nach 10 Jahren Wirkens in St. Pölten einen atemberaubenden Abschied.
Der Pfingsthymnus „Veni Creator Spiritus“ kombiniert mit der Schlussszene aus Goethes „Faust“: Mahlers Verbeugung vor dem glühenden, schöpferischen Sturm des Eros.

Und im Konzerthaus die Wiener Philharmoniker unter Iván Fischer und dem wunderbar warm-expressiven Alt von Tanja Ariana Baumgartner mit dem „Lied von der Erde“ – als berührendes Bekenntnis zur Vergänglichkeit des physischen Menschen im ewig sich immer wieder selbst schöpfenden Kreislauf der Natur.

Beide Konzerte sind dank ORF nachzuhören:
Mahlers „Symphonie der Tausend“ | DI | 10 06 2025 | 19:30 – oe1.ORF.at
Philharmonisches mit Iván Fischer | SO | 08 06 2025 | 11:51 – oe1.ORF.at

Mahler trifft auf Art-Pop


Dirty Pr
ojectors, David Longstreth & stargaze
Song Of The Earth
(Transgressive/Nonesuch)

Stargaze, das multinational besetzte Kollektiv von Freiburgs GMD André de Ridder, spannt mit der US-Indierock-Band Dirty Projectors zusammen. Die Inspiration lieferte Gustav Mahler.

Welche Musik komponiert man im unmittelbaren Angesicht der Klimakatastrophe? Nachdem Waldbrände atemraubend bis an sein Haus in L.A. gezüngelt waren, schuf David Longstreth, Mastermind der Dirty Projectors, kein dystopisch lärmendes Klangszenario. Vielmehr ist sein Zyklus „Song Of The Earth“ ein Werk, in dem trotz ausufernder Besetzung Verletzlichkeit im Zentrum steht. Vor allem das Besingen der irdischen Naturwunder und der Verzweiflung, wie wir unser offensichtliches, selbstverschuldetes Ende verdrängen, entfaltet sich opulent in 24 Kapiteln. Um Longstreths empfindsame Vocals agieren die drei Frauenstimmen der Dirty Projectors plus Gäste von Steve Lacy bis Ayoni. Sie begegnen Stargaze: Quintette aus Streichern und Bläsern, die teils noch orchestral aufgestockt werden, dazu Klavier, Cembalo, opulentes Schlagwerk. Diesen vielköpfigen Zwitter aus Orchester und Band am Pult bündelnd und bändigend: Crossgenre-Spezialist André de Ridder, dessen Wunsch es ist, das Stück einmal in Freiburg auf die Bühne zu bringen.

Zugegeben, das 64-minütige Opus ist überambitioniert, überfordert Pop-Hörgewohnheiten. Auch wenn sich ein paar Leitmotive herausschälen, geht, wer herkömmliche Songstrukturen erwartet, fast leer aus. Es gibt sehr stille, folkige Momente zur Gitarre, lyrische Chorschichtungen, kristalline Streichersounds, pastorale Anmutungen. Besonders ausgearbeitet sind die Holzbläser-Texturen, oft loop-artig und an den Minimalisten Philip Glass erinnernd. Die verschrobenen Instrumentenkombinationen und Taktwechsel lassen an Beach Boy Brian Wilsons „Pet Sounds“-Phase denken. Doch um die Ecke lauert der Kipppunkt, immer wieder greifen drohende Blech-Fanfaren an. „Schönheit gespickt mit Zerstörung“, nennt Longstreth das.

In dieser Verwitterung der Grenzsteine zwischen Songwriting und Klassik liegt vielleicht die Zukunft der Musik. Die letzte Pop-Generation mit Bryce Dessner und Owen Pallett entwirft ja schon länger selbstbewusst Orchesterpartituren, und auch ein Longstreth bindet sich vielsagend an das Erbe der Spätromantik an: Seinen Werktitel hat er dem „Lied von der Erde“, Gustav Mahlers Vokalsymphonie von 1908 entlehnt. Auch wenn die musikalischen Parallelen allenfalls am Ende aufscheinen, in Longstreths Elegie „Blue Of Dreaming“, sind die beiden über Zeitalter hinweg Verwandte im Geiste: Beide erzählen ergreifend und melancholisch vom Zurücklassen-Müssen einer Erde, die sich immerfort zyklisch erneuert – auch nach unserer Selbstzerstörung.

© Stefan Franzen

Dirty Projectors, David Longstreth & stargaze: „Blue Of Dreaming“
Quelle: youtube

Radiotipp: Refugien – musikalische Zufluchten

Edvard Griegs Komponierhäuschen am Nordåsvannet, Januar 2009 (Foto: Stefan Franzen)

Refugien – musikalische Zufluchten
Die Musikstunde – SWR Kultur
15. – 19.04.2024, 9h05 – 10h00

von Stefan Franzen

Refugien, Rückzugsorte, Fluchtpunkte – gerade in unserer krisenbeladenen Zeit sind sie gefragter denn je.

Auch die Musikgeschichte kennt natürlich Refugien: Komponist*innen verkriechen sich gerne in spartanischen Häuschen oder genießen Waldeslust und Inselglück, Pop- und Weltmusiker*innen graben sich in Studios in der ländlichen Isolation ein. Als Refugium kann aber auch eine prächtige Villa oder eine steinerne Festung dienen.

Die Musikstunde begibt sich auf Zufluchtssuche zwischen dem brasilianischen Rio und dem norwegischen Bergen, zwischen Mallorca, Massachusetts, dem Iran und dem Wörther See. Mit Musik von u.a. Edvard Grieg, Sergej Rachmaninoff, Paul Hindemith, Kayhan Kalhor, Kate Bush, Joni Mitchell, Beirut, Etta Scollo und Gustav Mahler.

Zu hören live auf SWR Kultur oder in der SWR Kultur App / der ARD Audiothek.

Refugien – Musikalische Zufluchten (1-5) – SWR Kultur

Edvard Grieg: „Violin Sonata No. 3 in C Minor, Op. 45: II. Allegretto espressivo alla romanza“ (Eldbjørg Hemsing)
Quelle: youtube

Listenreich III: 23 Konzerte für 2023

Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks, Gewandhaus Leipzig (22.5.)
WINTER
– Witch’n’Monk (Freiburg.Phil.Club), Jazzhaus Freiburg  17.1.
– Philharmonisches Orchester Freiburg, Peter Carp, André de Ridder, Inga Schäfer u.a.: Nico Muhly „Marnie“, Theater Freiburg  19.1.
– Holst Sinfonietta, Steve Reich „Desert Music“, E-Werk Freiburg  28.1.
– Philharmonisches Orchester Freiburg, André de Ridder, Richard Strauss: „Eine Alpensinfonie“, Konzerthaus Freiburg  14.2.
– Lady Blackbird, Mascotte Zürich  21.2.
Lady Blackbird, Mascotte Zürich (21.2.)
– Masaa, Reithalle Offenburg  11.3.
– Golnar Shahyar, Theater Basel  20.3.
FRÜHLING
– Sílvia Pérez Cruz, Teatro Municipal Girona  21.4.
Sílvia Pérez Cruz, Teatro Municipal Girona (21.4.)
– Niels Frevert, Waldsee Freiburg  11.5.
– City of Birmingham Symphony Orchestra, Roberto Treviño: Gustav Mahler – Sinfonie Nr.10, Gewandhaus Leipzig  21.5.
– BR-Symphonieorchester, Daniel Harding:  Gustav Mahler – Sinfonie Nr.7, Gewandhaus Leipzig  22.5.
– Budapest Festival Orchestra, Iván Fisher:  Gustav Mahler – Sinfonie Nr.9, Gewandhaus Leipzig  23.5.
– Kayhan Kalhor, Konzerthaus Freiburg  3.6.
SOMMER
– Derya Yildirim, Kommunales Kino Freiburg  14.7.
– ADG7 & Sahra Halgan, Rosenfelspark Lörrach  26.7.
– Marcia Griffiths, African Music Festival Emmendingen  5.8.
– Fergus McCreadie Trio, Forum Merzhausen  21.9.
Caetano Veloso, Elbphilharmonie Hamburg (4.10.) © Daniel Dittus
HERBST
– Caetano Veloso, Elbphilharmonie Hamburg  4.10.
– Joyce Moreno & Louis Matute, Moods Zürich  15.10.
Joyce Moreno & Louis Matute Quintet, Moods Zürich (15.10.)
– Misagh Joolaee & Behnam Samani, Schloss Ebnet  3.11.
– Bill Frisell Trio, Jazzdor Strasbourg  10.11.
Bill Frisell Trio, Jazzdor Strasbourg (10.11.)
– Philharmonisches Orchester Freiburg, Anna Rakitina: Sergej Rachmaninoff – Sinfonie Nr.2 u.a.  12.12.
– SWR Symphonieorchester, Teodor Currentzis: Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 10 u.a.  15.12.

Leipziger Trilogie

Danke, Leipzig, für dieses einmalige, unvergessliche Erlebnis.

 

Gustav Mahler, 7. Sinfonie: Symphonie-Orchester des Bayrischen Rundfunks, Daniel Harding

Gustav Mahler, 10. Sinfonie: City Of Birmingham Orchestra, Robert Treviño

Gustav Mahler, 9. Sinfonie: Budapest Festival Orchestra, Iván Fischer

alle Fotos Stefan Franzen

Listenreich III: 16 Konzerte für 2022

KKL Luzern, 6.9.2022
WINTER
– Emiliano Sampaio Trio, Forum Merzhausen 25.3.

FRÜHJAHR
– Chamber Orchestra of Europe, Simon Rattle / Magdalena Kožená / Andrew Staples : Gustav Mahler „Das Lied von der Erde“, Elbphilharmonie Hamburg 7.6.
„Das Lied von der Erde“, Elbphilharmonie Hamburg, 7.6.
SOMMER
– Chorwärts Freiburg: John Tavener „The Veil Of The Temple“, Martinskirche Freiburg 9.7.
– Misagh Joolaee / Schaghajegh Nosrati, Kleine Musiktage Freiburg, Schloss Ebnet 16.+17.7.
– Cimafunk, Rosenfelspark Lörrach 26.7.

Cimafunk, Rosenfelspark Lörrach 26.7.
– Wiener Philharmoniker, Esa-Pakka Salonen / Bertrand Chamayou: Olivier Messiaen „Turangalîla-Symphonie“, KKL Luzern 6.9.
– Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Vladmir Jurowski: Gustav Mahler Symphonie Nr. 5, Philharmonie Berlin, 13.9.

„Das klagende Lied/ Kindertotenlieder“, Staatsoper Wien, 13.10.
HERBST
– Wiener Philharmoniker, Lorenzo Viotti, Calixto Bieito: Gustav Mahler „Das klagende Lied/Kindertotenlieder“, Staatsoper Wien 13.10.
– Ensemble Kontrapunkt: Franz Schreker „Kammersymphonie“, Musikvereinssaal Wien 17.10.
– Quatuor Ébène: György Ligeti „Streichquartett Nr. 1, Stadtcasino Basel 1.11.
– Gretchen Parlato, Atlantis Basel 6.11.

Gretchen Parlato, Atlantis Basel 6.11. (credits: Goffredo Loertscher)
– Philharmonisches Orchester Freiburg, André de Ridder: Igor Strawinsky „Le Sacre du Printemps“, Konzerthaus Freiburg 15.11.
– Håkon Kornstad Trio, Forum Merzhausen, 20.11.
– Mitglieder des  SWR Symphonieorchesters, Band in the Bix, Libor Šima: „Focus Stan Getz“, E-Werk Freiburg 25.11.
Libor Šima, Focus Stan Getz, E-Werk Freiburg 25.11.
– Philharmonisches Orchester Freiburg, André de Ridder, Marco Štorman: Alban Berg „Wozzeck“, Theater Freiburg 26.11.
– CATT, Jazzhaus Freiburg 7.12.

Mahler-Herbst III: Schleife über Maiernigg

Ausflüge zu Mahlers Komponierhäusln scheinen von einer eigenartigen Aura umgeben.

Vor drei Jahren berichtete ich über mein Scheitern an Gustav Mahlers drittem Häuschen in Toblach, zum Ende meiner Interrail-Tour durch neun europäische Länder. Ich musste unverrichteter Dinge umkehren. 2020 dann machte ich einen neuerlichen, wiederum vergeblichen Versuch, das Refugium zu betreten. Über diesen Versuch habe ich hier den Mantel des Schweigens gebreitet, auch die anschließende Fahrt zum ersten Häusl am Attersee habe ich hier nicht dokumentiert. Diese schön kuratierte Stätte liegt inmitten eines Campingplatzes (nun ja, besser als der umgebende Hängebauchschwein- und Ziegenpark in Toblach). Auch vom Attersee musste ich umdrehen, da just an jenem Tag Wien Hochrisikogebiet wurde.

Inzwischen sind viele Corona-Viren die Alpentäler hinuntergeflossen und ich wagte einen neuen Versuch. Nein, wohlweislich nicht nach Toblach, wo die Wiedereröffnung der Stätte für irgendwann demnächst angekündigt ist, sondern – nach acht Tagen Aufenthalt  in Wien – an das noch fehlende zweite Häusl in Maiernigg am Wörther See, unweit Klagenfurt.

Hier – und in der direkt unterhalb, in Privatbesitz befindlichen und daher nicht zu besichtigenden Villa Schwarzenfels – hat der Komponist seine Sommermonate von 1900 bis 1907 verbracht und den Hauptteil seiner Werke von der 4. bis zur 8. Symphonie mit dieser Aussicht erschaffen:
Die Maiernigger Zeit wurde durch einen grausamen Schicksalsschlag beendet: Am 12.7.1907 stirbt Mahlers ältere Tochter Maria Anna an Scharlach und Diphtherie. Nach ihrer Beerdigung rudert Mahler mit seiner Frau Alma auf den Wörther See hinaus und versenkt ein großes Bund mit allen Schlüsseln der Villa und des Häusls, so will es die Legende. Er verbietet auch den Nachkommen, diesen Ort zu betreten.

Im Herbstwald strahlt der Ort heute eine behagliche Ruhe aus, man kann nachempfinden, wie Mahler hier mit seinem Frühstück auf der Bank vor dem Häuschen saß, bevor er ans Schöpfen ging. Wären da nicht plötzlich die Waldarbeiten, die sich mit zwei Kettensägen laut bemerkbar machen. Margot Peterlini führt mich durch den Raum, in dem heute sogar ein Arbeitspiano steht, auf dem Mahler selbst gespielt hat. Zahlreiche seltene Dokumente und Fotographien aus der Maiernigger Zeit sind versammelt, auch der Safe, in dem Gustav Mahler seine Goethe- und Kant-Ausgaben sowie Noten von Johann Sebastian Bach verwahrte, ist noch in der Wand.

Im Gegensatz zu allen anderen Komponier-Refugien und Wohnhäusern von Tonschöpfern, die ich besucht habe, bleibe ich hier nicht ganz allein, ein Herr aus Wien interessiert sich auch für die Stätte. Ich nehme mir vor, hierhin zurückzukehren, wenn im Sommer wieder das Mahler-Forum stattfindet, das seit 2021 im Sommer wie die Konzertreihe „Sonntagsmahlern“ hier stattfindet.

Sonntagsmahlern am Komponierhäusl Maiernigg
Quelle: youtube

 

Zwischen Bach und Sesotho-Gebet


Geschätzt von Yo-Yo Ma, gefeiert bei den BBC Proms, mit einem Bein in der afrikanischen Tradition, mit dem anderen in der Musik der Zukunft: Der Cellist, Komponist, Arrangeur und Sänger Abel Selaocoe aus Südafrika definiert schwarzes Selbstbewusstsein in einer stilentgrenzten Klassik neu. Ich konnte ihn kürzlich über Zoom interviewen, nachfolgend unser Gespräch in ungeschnittener Länge. Selaocoe wird am 6.9. beim Lucerne Festival in der Lukaskirche auftreten.

Abel Selaocoe, gab es einen Schlüsselmoment, in dem Sie erfuhren: Das Cello ist mein Instrument?

Selaocoe: Der erste Einfluss kam von meinem Bruder. Er war ein großartiger Fagottist und so begeistert von Musik, dass er mich mitzog. Als ich mir das Cello aussuchte, hatte ich schon eine Vorstellung davon, was für einen Umfang an Tönen man produzieren kann, dass man sehr hoch „singen“ kann, aber auf einem Instrument auch sehr tiefe Basslinien spielen kann. Mein Bruder sagte zu mir: Wenn du in der Musik wirklich verschiedene Dinge ausprobieren möchtest, wie wir das mit unseren Stimmen gemacht haben, als wir anfingen, dann könnte das Cello das richtige Instrument für dich sein. Aber angefangen hat alles mit der Stimme, und auch auf dem Instrument habe ich dann versucht das auszudrücken, was ich zuvor schon mit der Stimme gemacht hatte.

Hatten Sie auf dem Cello ein Vorbild, ein Idol?

Selaocoe: Ja, eine Rolle bei der Wahl des Cellos spielten natürlich auch die Leute, die damals um mich herum waren. Es war nicht nur das Instrument, das ich liebte, sondern auch die Menschen, die mich inspirierten. Weil ich aus einem Township stamme, in dem ich von viel Armut umgeben war, hielt ich immer nach Menschen Ausschau, die aussahen wie ich, aber außergewöhnliche Dinge machten. Kutwlano Masote war einer von ihnen. Er wurde mein allererster Cellolehrer, und zu sehen, was er auf dem Cello machte, wurde eine große Inspiration für mich. Es war auch sein Charakter, denn er war gleichzeitig auch eine Persönlichkeit im Radio, lotete sehr viele verschiedene Dinge in der Musik aus und spielte mit Leuten aus verschiedenen Stilen. Ich liebte ihn sehr als Person und konnte es nicht erwarten, mich in eine ähnliche Richtung zu entwickeln.

Ist die Technik, die Sie in ihrer klassischen Ausbildung erlernten, auch heute noch dominant oder gab es einen Zeitpunkt, zu dem Sie beschlossen, sich zu befreien und Ihre eigenen Varianten von Staccato, Spiccato oder Pizzicato zu verwenden, die möglicherweise aus anderen musikalischen Traditionen stammen?

Selaocoe: Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Nun, die klassische Musik hilft mir in so vieler Hinsicht als Grundlage für mein Spiel, aber auch wenn es ums Zuhören geht. Klassische Musik besitzt eine Schönheit, einen Reichtum, eine Dynamik. Das Zarteste, das ich je gespielt habe, war eine Stelle aus einer Mahler-Symphonie. Ich wertschätze solche Momente und schöpfe in meinen Improvisationen daraus. Ich lerne eine Menge in der klassischen Musik, besonders was Streichinstrumente angeht. Ich habe mich entschieden, auch Einflüsse von afrikanischen Streichinstrumenten  aufzunehmen. Es gibt eine einsaitige westafrikanische Fiedel, die Goje heißt, und dann gibt es eine andere, die ist aus Äthiopien und Eritrea und hat kein Griffbrett. Du presst von der Seite dagegen, und vom Druck ist abhängig, in welcher Oktavlage der Ton rauskommt. In der klassischen Musik spielen wir immer auf- und abwärts, aber in afrikanischen Kulturen kann man Druck verwenden, um verschiedene Tonhöhen zu erzielen. Das ist unglaublich, Du hast nur fünf Töne, aber es ist so abwechslungsreich. Ich habe gerade angefangen, in dieser Welt zu leben und versuche, ein sehr viel perkussiverer Spieler zu werden. In diesem Zusammenhang bin ich auch inspiriert von einem Instrument namens Ohadi, da schlägt man mit einem Stick auf eine Saite und erzeugt dadurch Obertöne. Manchmal entstehen auch neue Sachen durch Rumalbern im Probezimmer, etwa, in dem ich dasitze und versuche ein Kind zu imitieren, wie es eine Sprache lernt. Das ist die Reise meines Lebens, und ich habe das Gefühl, dass ich immer noch am Anfang meines Lernprozesses bin, wie ich das Cello spielen kann um Orte zu erreichen, die ich mir nie erträumt hätte. Weiterlesen