Radiotipp: Refugien – musikalische Zufluchten

Edvard Griegs Komponierhäuschen am Nordåsvannet, Januar 2009 (Foto: Stefan Franzen)

Refugien – musikalische Zufluchten
Die Musikstunde – SWR Kultur
15. – 19.04.2024, 9h05 – 10h00

von Stefan Franzen

Refugien, Rückzugsorte, Fluchtpunkte – gerade in unserer krisenbeladenen Zeit sind sie gefragter denn je.

Auch die Musikgeschichte kennt natürlich Refugien: Komponist*innen verkriechen sich gerne in spartanischen Häuschen oder genießen Waldeslust und Inselglück, Pop- und Weltmusiker*innen graben sich in Studios in der ländlichen Isolation ein. Als Refugium kann aber auch eine prächtige Villa oder eine steinerne Festung dienen.

Die Musikstunde begibt sich auf Zufluchtssuche zwischen dem brasilianischen Rio und dem norwegischen Bergen, zwischen Mallorca, Massachusetts, dem Iran und dem Wörther See. Mit Musik von u.a. Edvard Grieg, Sergej Rachmaninoff, Paul Hindemith, Kayhan Kalhor, Kate Bush, Joni Mitchell, Beirut, Etta Scollo und Gustav Mahler.

Zu hören live auf SWR Kultur oder in der SWR Kultur App / der ARD Audiothek.

Refugien – Musikalische Zufluchten (1-5) – SWR Kultur

Edvard Grieg: „Violin Sonata No. 3 in C Minor, Op. 45: II. Allegretto espressivo alla romanza“ (Eldbjørg Hemsing)
Quelle: youtube

Listenreich III: 23 Konzerte für 2023

Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks, Gewandhaus Leipzig (22.5.)
WINTER
– Witch’n’Monk (Freiburg.Phil.Club), Jazzhaus Freiburg  17.1.
– Philharmonisches Orchester Freiburg, Peter Carp, André de Ridder, Inga Schäfer u.a.: Nico Muhly „Marnie“, Theater Freiburg  19.1.
– Holst Sinfonietta, Steve Reich „Desert Music“, E-Werk Freiburg  28.1.
– Philharmonisches Orchester Freiburg, André de Ridder, Richard Strauss: „Eine Alpensinfonie“, Konzerthaus Freiburg  14.2.
– Lady Blackbird, Mascotte Zürich  21.2.
Lady Blackbird, Mascotte Zürich (21.2.)
– Masaa, Reithalle Offenburg  11.3.
– Golnar Shahyar, Theater Basel  20.3.
FRÜHLING
– Sílvia Pérez Cruz, Teatro Municipal Girona  21.4.
Sílvia Pérez Cruz, Teatro Municipal Girona (21.4.)
– Niels Frevert, Waldsee Freiburg  11.5.
– City of Birmingham Symphony Orchestra, Roberto Treviño: Gustav Mahler – Sinfonie Nr.10, Gewandhaus Leipzig  21.5.
– BR-Symphonieorchester, Daniel Harding:  Gustav Mahler – Sinfonie Nr.7, Gewandhaus Leipzig  22.5.
– Budapest Festival Orchestra, Iván Fisher:  Gustav Mahler – Sinfonie Nr.9, Gewandhaus Leipzig  23.5.
– Kayhan Kalhor, Konzerthaus Freiburg  3.6.
SOMMER
– Derya Yildirim, Kommunales Kino Freiburg  14.7.
– ADG7 & Sahra Halgan, Rosenfelspark Lörrach  26.7.
– Marcia Griffiths, African Music Festival Emmendingen  5.8.
– Fergus McCreadie Trio, Forum Merzhausen  21.9.
Caetano Veloso, Elbphilharmonie Hamburg (4.10.) © Daniel Dittus
HERBST
– Caetano Veloso, Elbphilharmonie Hamburg  4.10.
– Joyce Moreno & Louis Matute, Moods Zürich  15.10.
Joyce Moreno & Louis Matute Quintet, Moods Zürich (15.10.)
– Misagh Joolaee & Behnam Samani, Schloss Ebnet  3.11.
– Bill Frisell Trio, Jazzdor Strasbourg  10.11.
Bill Frisell Trio, Jazzdor Strasbourg (10.11.)
– Philharmonisches Orchester Freiburg, Anna Rakitina: Sergej Rachmaninoff – Sinfonie Nr.2 u.a.  12.12.
– SWR Symphonieorchester, Teodor Currentzis: Gustav Mahler – Sinfonie Nr. 10 u.a.  15.12.

Leipziger Trilogie

Danke, Leipzig, für dieses einmalige, unvergessliche Erlebnis.

 

Gustav Mahler, 7. Sinfonie: Symphonie-Orchester des Bayrischen Rundfunks, Daniel Harding

Gustav Mahler, 10. Sinfonie: City Of Birmingham Orchestra, Robert Treviño

Gustav Mahler, 9. Sinfonie: Budapest Festival Orchestra, Iván Fischer

alle Fotos Stefan Franzen

Listenreich III: 16 Konzerte für 2022

KKL Luzern, 6.9.2022
WINTER
– Emiliano Sampaio Trio, Forum Merzhausen 25.3.

FRÜHJAHR
– Chamber Orchestra of Europe, Simon Rattle / Magdalena Kožená / Andrew Staples : Gustav Mahler „Das Lied von der Erde“, Elbphilharmonie Hamburg 7.6.
„Das Lied von der Erde“, Elbphilharmonie Hamburg, 7.6.
SOMMER
– Chorwärts Freiburg: John Tavener „The Veil Of The Temple“, Martinskirche Freiburg 9.7.
– Misagh Joolaee / Schaghajegh Nosrati, Kleine Musiktage Freiburg, Schloss Ebnet 16.+17.7.
– Cimafunk, Rosenfelspark Lörrach 26.7.

Cimafunk, Rosenfelspark Lörrach 26.7.
– Wiener Philharmoniker, Esa-Pakka Salonen / Bertrand Chamayou: Olivier Messiaen „Turangalîla-Symphonie“, KKL Luzern 6.9.
– Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Vladmir Jurowski: Gustav Mahler Symphonie Nr. 5, Philharmonie Berlin, 13.9.

„Das klagende Lied/ Kindertotenlieder“, Staatsoper Wien, 13.10.
HERBST
– Wiener Philharmoniker, Lorenzo Viotti, Calixto Bieito: Gustav Mahler „Das klagende Lied/Kindertotenlieder“, Staatsoper Wien 13.10.
– Ensemble Kontrapunkt: Franz Schreker „Kammersymphonie“, Musikvereinssaal Wien 17.10.
– Quatuor Ébène: György Ligeti „Streichquartett Nr. 1, Stadtcasino Basel 1.11.
– Gretchen Parlato, Atlantis Basel 6.11.

Gretchen Parlato, Atlantis Basel 6.11. (credits: Goffredo Loertscher)
– Philharmonisches Orchester Freiburg, André de Ridder: Igor Strawinsky „Le Sacre du Printemps“, Konzerthaus Freiburg 15.11.
– Håkon Kornstad Trio, Forum Merzhausen, 20.11.
– Mitglieder des  SWR Symphonieorchesters, Band in the Bix, Libor Šima: „Focus Stan Getz“, E-Werk Freiburg 25.11.
Libor Šima, Focus Stan Getz, E-Werk Freiburg 25.11.
– Philharmonisches Orchester Freiburg, André de Ridder, Marco Štorman: Alban Berg „Wozzeck“, Theater Freiburg 26.11.
– CATT, Jazzhaus Freiburg 7.12.

Mahler-Herbst III: Schleife über Maiernigg

Ausflüge zu Mahlers Komponierhäusln scheinen von einer eigenartigen Aura umgeben.

Vor drei Jahren berichtete ich über mein Scheitern an Gustav Mahlers drittem Häuschen in Toblach, zum Ende meiner Interrail-Tour durch neun europäische Länder. Ich musste unverrichteter Dinge umkehren. 2020 dann machte ich einen neuerlichen, wiederum vergeblichen Versuch, das Refugium zu betreten. Über diesen Versuch habe ich hier den Mantel des Schweigens gebreitet, auch die anschließende Fahrt zum ersten Häusl am Attersee habe ich hier nicht dokumentiert. Diese schön kuratierte Stätte liegt inmitten eines Campingplatzes (nun ja, besser als der umgebende Hängebauchschwein- und Ziegenpark in Toblach). Auch vom Attersee musste ich umdrehen, da just an jenem Tag Wien Hochrisikogebiet wurde.

Inzwischen sind viele Corona-Viren die Alpentäler hinuntergeflossen und ich wagte einen neuen Versuch. Nein, wohlweislich nicht nach Toblach, wo die Wiedereröffnung der Stätte für irgendwann demnächst angekündigt ist, sondern – nach acht Tagen Aufenthalt  in Wien – an das noch fehlende zweite Häusl in Maiernigg am Wörther See, unweit Klagenfurt.

Hier – und in der direkt unterhalb, in Privatbesitz befindlichen und daher nicht zu besichtigenden Villa Schwarzenfels – hat der Komponist seine Sommermonate von 1900 bis 1907 verbracht und den Hauptteil seiner Werke von der 4. bis zur 8. Symphonie mit dieser Aussicht erschaffen:
Die Maiernigger Zeit wurde durch einen grausamen Schicksalsschlag beendet: Am 12.7.1907 stirbt Mahlers ältere Tochter Maria Anna an Scharlach und Diphtherie. Nach ihrer Beerdigung rudert Mahler mit seiner Frau Alma auf den Wörther See hinaus und versenkt ein großes Bund mit allen Schlüsseln der Villa und des Häusls, so will es die Legende. Er verbietet auch den Nachkommen, diesen Ort zu betreten.

Im Herbstwald strahlt der Ort heute eine behagliche Ruhe aus, man kann nachempfinden, wie Mahler hier mit seinem Frühstück auf der Bank vor dem Häuschen saß, bevor er ans Schöpfen ging. Wären da nicht plötzlich die Waldarbeiten, die sich mit zwei Kettensägen laut bemerkbar machen. Margot Peterlini führt mich durch den Raum, in dem heute sogar ein Arbeitspiano steht, auf dem Mahler selbst gespielt hat. Zahlreiche seltene Dokumente und Fotographien aus der Maiernigger Zeit sind versammelt, auch der Safe, in dem Gustav Mahler seine Goethe- und Kant-Ausgaben sowie Noten von Johann Sebastian Bach verwahrte, ist noch in der Wand.

Im Gegensatz zu allen anderen Komponier-Refugien und Wohnhäusern von Tonschöpfern, die ich besucht habe, bleibe ich hier nicht ganz allein, ein Herr aus Wien interessiert sich auch für die Stätte. Ich nehme mir vor, hierhin zurückzukehren, wenn im Sommer wieder das Mahler-Forum stattfindet, das seit 2021 im Sommer wie die Konzertreihe „Sonntagsmahlern“ hier stattfindet.

Sonntagsmahlern am Komponierhäusl Maiernigg
Quelle: youtube

 

Zwischen Bach und Sesotho-Gebet


Geschätzt von Yo-Yo Ma, gefeiert bei den BBC Proms, mit einem Bein in der afrikanischen Tradition, mit dem anderen in der Musik der Zukunft: Der Cellist, Komponist, Arrangeur und Sänger Abel Selaocoe aus Südafrika definiert schwarzes Selbstbewusstsein in einer stilentgrenzten Klassik neu. Ich konnte ihn kürzlich über Zoom interviewen, nachfolgend unser Gespräch in ungeschnittener Länge. Selaocoe wird am 6.9. beim Lucerne Festival in der Lukaskirche auftreten.

Abel Selaocoe, gab es einen Schlüsselmoment, in dem Sie erfuhren: Das Cello ist mein Instrument?

Selaocoe: Der erste Einfluss kam von meinem Bruder. Er war ein großartiger Fagottist und so begeistert von Musik, dass er mich mitzog. Als ich mir das Cello aussuchte, hatte ich schon eine Vorstellung davon, was für einen Umfang an Tönen man produzieren kann, dass man sehr hoch „singen“ kann, aber auf einem Instrument auch sehr tiefe Basslinien spielen kann. Mein Bruder sagte zu mir: Wenn du in der Musik wirklich verschiedene Dinge ausprobieren möchtest, wie wir das mit unseren Stimmen gemacht haben, als wir anfingen, dann könnte das Cello das richtige Instrument für dich sein. Aber angefangen hat alles mit der Stimme, und auch auf dem Instrument habe ich dann versucht das auszudrücken, was ich zuvor schon mit der Stimme gemacht hatte.

Hatten Sie auf dem Cello ein Vorbild, ein Idol?

Selaocoe: Ja, eine Rolle bei der Wahl des Cellos spielten natürlich auch die Leute, die damals um mich herum waren. Es war nicht nur das Instrument, das ich liebte, sondern auch die Menschen, die mich inspirierten. Weil ich aus einem Township stamme, in dem ich von viel Armut umgeben war, hielt ich immer nach Menschen Ausschau, die aussahen wie ich, aber außergewöhnliche Dinge machten. Kutwlano Masote war einer von ihnen. Er wurde mein allererster Cellolehrer, und zu sehen, was er auf dem Cello machte, wurde eine große Inspiration für mich. Es war auch sein Charakter, denn er war gleichzeitig auch eine Persönlichkeit im Radio, lotete sehr viele verschiedene Dinge in der Musik aus und spielte mit Leuten aus verschiedenen Stilen. Ich liebte ihn sehr als Person und konnte es nicht erwarten, mich in eine ähnliche Richtung zu entwickeln.

Ist die Technik, die Sie in ihrer klassischen Ausbildung erlernten, auch heute noch dominant oder gab es einen Zeitpunkt, zu dem Sie beschlossen, sich zu befreien und Ihre eigenen Varianten von Staccato, Spiccato oder Pizzicato zu verwenden, die möglicherweise aus anderen musikalischen Traditionen stammen?

Selaocoe: Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Nun, die klassische Musik hilft mir in so vieler Hinsicht als Grundlage für mein Spiel, aber auch wenn es ums Zuhören geht. Klassische Musik besitzt eine Schönheit, einen Reichtum, eine Dynamik. Das Zarteste, das ich je gespielt habe, war eine Stelle aus einer Mahler-Symphonie. Ich wertschätze solche Momente und schöpfe in meinen Improvisationen daraus. Ich lerne eine Menge in der klassischen Musik, besonders was Streichinstrumente angeht. Ich habe mich entschieden, auch Einflüsse von afrikanischen Streichinstrumenten  aufzunehmen. Es gibt eine einsaitige westafrikanische Fiedel, die Goje heißt, und dann gibt es eine andere, die ist aus Äthiopien und Eritrea und hat kein Griffbrett. Du presst von der Seite dagegen, und vom Druck ist abhängig, in welcher Oktavlage der Ton rauskommt. In der klassischen Musik spielen wir immer auf- und abwärts, aber in afrikanischen Kulturen kann man Druck verwenden, um verschiedene Tonhöhen zu erzielen. Das ist unglaublich, Du hast nur fünf Töne, aber es ist so abwechslungsreich. Ich habe gerade angefangen, in dieser Welt zu leben und versuche, ein sehr viel perkussiverer Spieler zu werden. In diesem Zusammenhang bin ich auch inspiriert von einem Instrument namens Ohadi, da schlägt man mit einem Stick auf eine Saite und erzeugt dadurch Obertöne. Manchmal entstehen auch neue Sachen durch Rumalbern im Probezimmer, etwa, in dem ich dasitze und versuche ein Kind zu imitieren, wie es eine Sprache lernt. Das ist die Reise meines Lebens, und ich habe das Gefühl, dass ich immer noch am Anfang meines Lernprozesses bin, wie ich das Cello spielen kann um Orte zu erreichen, die ich mir nie erträumt hätte. Weiterlesen

Hamburger Traum vom Lindenbaum

Mahler grüßt den Lohengrin an der Alster (Still aus dem Film „Gustav Mahler Magic Tour“ im Komponistenquartier Hamburg)


Heute feierte Gustav Mahler seinen 162. Geburtstag, was mir schmerzlich in Erinnerung ruft, dass ich schon längst an meiner losen Folge der „Versuche über Mahlers Metaphysik“ weiterarbeiten wollte. Sie wird hoffentlich bald fortgesetzt.

Um seinen Tag zu ehren heute aber eine Reminiszenz an einen Juni-Besuch im wunderbaren Komponistenquartier in Hamburg, das an die Zeit des Komponisten in der Hansestadt mit zwei liebevoll gestalteten Räumen erinnert. Zwischen 1891 und 1897 hat Mahler an der Elbe gewirkt, reichlich das Radfahren entdeckt, noch reichlicher unter dem Stadtlärm gelitten und versucht, seine legendäre Affäre mit der Starsopranistin Anna von Mildenburg geheim zu halten.

Parallel zu seiner herausfordernden Tätigkeit an der Oper schrieb er vorrangig während der Sommer-Urlaube fern von Hamburg, oft im Steinbacher Komponierhäusl am Attersee. Unter anderem komponierte und revidierte er in jenen Jahren neben der Zweiten und Dritten Symphonie auch zwei seiner Liedzyklen, die Lieder eines fahrenden Gesellen und die Lieder aus des Knaben Wunderhorn. Für solche Miniaturformen hatte er auch in Hamburg ab und an Zeit.

Im Januar 1896 stellte er die Orchester-Partitur des ersteren Zyklus fertig, den er bereits in den 1880ern für Bariton und Klavier geschrieben hatte. In ihm ist das tief bewegende „Die zwei blauen Augen“ enthalten.  Melodische Querverweise dieses melancholischen, an Schubert-Motive anknüpfenden Liedes, das dann in das feingewobene Dur-Traumbild vom Lindenbaum entrückt wird,  sind im 3. Satz der 1. Symphonie zu finden. Nicht sehr oft hört man die A Cappella-Version des Liedes: Clytus Gottwald hat sie für vier vierstimmige Chöre gesetzt – und holt so noch mal eine ganz andere Substanz aus diesem fast überirdischen Mahler-Moment heraus.

Gustav Mahler: „Die zwei blauen Augen“, arr. Clytus Gottwald
Erato Choir / Dario Ribechi
Quelle: youtube

Entrückt mit Rückert

Komponierhäusl Maiernigg, Foto: Johann Jaritz (Creative Commons)

Heute ist Gustav Mahlers Geburtstag. Die Sommerzeit bot ihm regelmäßig das einzige Fenster für seine wahre Berufung, das Komponieren, dem er während der Ferien in verschiedenen Komponierhäusln nachging. Vor genau 120 Jahren beschäftigte er sich in seinem Refugium in Maiernigg am Wörthersee neben der 5. Sinfonie auch mit Vertonungen zu Gedichten von Friedrich Rückert. „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ ist für mich Mahlers schönstes Lied. Ein zeitloser, entrückter Gesang, der mit Orchester, kammermusikalisch, im großen Chorsatz und selbst mit Blechbläsern seine Wirkung entfaltet, wie die untenstehenden Versionen zeigen.

Unsterblich wurde das Lied in der Interpretation der englischen Altistin Kathleen Ferrier, die mit dem Dirigenten und Mahler-Schüler Bruno Walter hier Überirdisches geschaffen hat. Und das Eingangssolo dürfte zu den schönsten Englisch Horn-Passagen der ganzen klassischen Musikliteratur zählen.

Hier geht es nicht um Weltflucht oder gar einen Freitod. Es geht um ein Bekenntnis zur Musik, die sich abseits des ruhelosen, überdrehten und leeren Weltgetriebes eine eigene Sphäre bewahrt. Daher ist dieses Lied heute von größerer Aktualität denn je.

Kathleen Ferrier und die Wiener Philharmoniker, Leitung Bruno Walter (1952)
Quelle: youtube

SWR Vokalensemble Stuttgart: Arrangement von Clytus Gottwald für 16-stimmigen Chor
Quelle: youtube

Günther Groissböck & Gerold Huber: Fassung für Bariton und Klavier
Quelle: youtube

Mnozil Brass: Fassung für Blechbläser-Ensemble
Quelle: youtube

Äquinoktien-Klang


Auch wenn das Eis auf den Pfützen es vielleicht nicht verrät: Heute ist astronomischer Frühlingsbeginn. Zu den ersten Äquinoktien 2021 teile ich hier ein frühes Frühlingslied in doppelter Hinsicht: Gustav Mahler hat es mit Anfang Zwanzig für Stimme und Klavier geschrieben, man hört es – wie alle seiner 14 Jugendlieder – eher selten. Das Jewish Chamber Orchestra Munich (JCOM) unter Daniel Grossmann hat den ganzen Zyklus kürzlich in der Synagoge Hainsfarth mit dem Bariton Ludwig Mittelhammer eingespielt, in einer wunderbar feinfühligen Adaption für Kammerensemble.

Es lohnt sich im übrigen, auf der Seite des JCOM zu stöbern: Grossmann und sein Orchester haben es sich zum Ziel gesetzt, jüdische Kultur aus allen möglichen Hörwinkeln zu beleuchten, passend zum großen Jubiläum, das 2021 hierzulande begangen wird: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland.

Jewish Chamber Orchestra: „Frühlingsmorgen“ (Gustav Mahler)
Quelle: youtube

Saint Quarantine #21 : Heiliger Dankgesang


Dieses Jahr mit einem Dankgesang enden zu lassen, scheint auf den ersten Blick vielleicht nicht passend zu sein. Ganz zu schweigen von den Situationen für die vielen Alten und Kranken, die Menschen im Pflege- und Krankenhausbetrieb, war 2020 für die Kulturszene ein oft existenz-, wenn nicht lebensbedrohender Spießrutenlauf, der leider noch lange nicht zu Ende ist.

Es bleibt die Hoffnung und das Ausharren. Mir hat dabei dieses Jahr vor allem die Rückbesinnung auf klassische Musikwerke geholfen, in denen Stärke aus Innerlichkeit erwächst. Ohne das Adagio aus Schuberts Streichquintett C-Dur, ohne Mahlers „Lied von der Erde“ und die Ecksätze seiner 9. Sinfonie, ohne die Klaviermusik von Federico Mompou, und vor allem ohne die späte Kammermusik des Jubilars Beethoven hätte ich dieses Jahr nicht so gut gemeistert.

Daher möchte ich 2020 auch mit einer Reverenz an Ludwig van Beethoven beenden. 1825 hatte er eine schlimme Darmentzündung, die ihn für etliche Wochen in seiner Schöpferkraft komplett lahmlegte. Als er wieder genesen war, komponierte er einen 20-minütigen langsamen Satz, der in sein 15. Streichquartett eingeflossen ist, als „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit in der lydischen Tonart“.

Das Danish String Quartet spielt dieses ruhige, erhabene und schlichte Gebet, das zweimal von hoffnungsfrohen, jubilierenden Ausbrüchen der Gesundung unterbrochen wird, wie kein anderes Ensemble – mit grandioser Hingabe an jeden einzelnen Ton. In diesem Sinne: Möge die Gesundheit zurückkehren und die Welt danach im positiven Sinne nicht mehr dieselbe sein.

Danish String Quartet: „Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit in der lydischen Tonart“ (Ludwig van Beethoven)
Quelle: youtube