Zenturio der Sinne

Der Brasilianer Ed Motta ist einer der originellsten Soul- und Funkmusiker unserer Tage. Als verrückter Plattensammler, Comic-Freak, Film-Liebhaber, Kompiler des letzten Kapitels von Too Slow To Disco und überhaupt Genussmensch verfügt er über unzählige Inspirationsquellen für seine eklektische Musik. Dabei ist er strikter Traditionalist und schert sich nicht um aktuelle Trends. Nach einem Intermezzo in Berlin ist Motta in die Heimat zurückgekehrt, wo er sein neues Album „Criterion Of The Senses“ einspielte. Vor seiner Deutschlandtournee habe ich ihn Interview getroffen.

Ed, jemand hat bei der Erstellung des Pressezettels dein neues Album aus Versehen „Centurion Of The Senses“ genannt. Das wäre doch auch ein schöner Titel für dich: „Der Zenturio der Sinne“…

Ed Motta: Hahaha! Nein, es heißt wirklich „Criterion“. Der Titel bezieht sich auf die Art und Weise, wie ich Dinge auswähle, die Kriterien für die richtigen Akkorde, Stimmen und Noten, die Sounds und die Arrangements. Diese Detailarbeit, die für die acht neuen Songs ein ganzes Jahr verschlungen hat. Harte Arbeit für die Sinne, aber auch für das Hirn. Ich habe viele Sachen, die ich über Produktion gelernt habe, da reingesteckt. Der Sound mit den beiden Pianos und der Gitarre lässt die Akkorde fett klingen, größer als der Schwarzwald.

Dein letztes Album hast du in Pasadena mit einer US-Band eingespielt, auf Criterion Of The Senses sind es wieder brasilianische Musiker, die mit dir in Rio gearbeitet haben. Es klingt mal nach Marvin Gaye, mal nach nach Steely Dan und auch mal nach funky Disco. Aber klingt es auch brasilianisch?

Motta: Nein, gar nicht. Die Jungs sind alle Imitatoren wie ich. Du kannst unsere Herangehensweise mit der einer indischen Bluesband vergleichen: Auch wenn es Inder sind, wird es sich bei ihnen irgendwie nach Blues anhören. Es steckt nichts Brasilianisches in dem Album, vielleicht ein Hauch davon in der besonderen Harmonik. Aber unterm Strich ist es viel mehr Steely Dan als Brasilien, die Akkorde klingen mehr nach Donald Fagen als nach Tom Jobim. Das ist eben mein Leben, meine musikalische Realität.

Auf Perpetual Gateways hast du strikt Gitarren vermieden, jetzt sind sie wieder da, ein Track hört sich sogar fast nach Nile Rodgers, dem Rhythmusgitarristen von Chic an.

Motta: Ja, dieses Album ist fast eine Ode an die Gitarren, ein Gitarren-Manifest. Und es ist schade, dass man heute nicht mehr viel Gitarre hört, verglichen mit der Musik aus der Zeit vor meiner Generation, die ja so auf Turntables und Electronics steht. Das wirst du nie in meiner Musik hören. Niemals! Es wird bei mir immer organisch sein, Musik, wie sie vor der Punk -und der HipHop-Bewegung der 1980er war.

Dabei hast du mit „Shoulder Pads“ ein Stück auf dem Album, in dem du den Achtzigern nachtrauerst…

Motta: Ja, aber nicht der Musik! Damals waren britische Indie-Bands wie The Cure in Brasilien ganz groß, gar nicht meine Sache. Doch ich vermisse die Schulterpolster, die Vokuhila-Frisuren, die coolen Fernsehserien. Wenn ich aus der Schule zurückkam, habe ich mir angeguckt, wie „Magnum“ ein Schinken-Käse-Sandwich verdrückt hat. Deshalb verwenden wir seine Titelmelodie auch als Intro zu meinen Shows.

Seit zwei Alben textest du auch selbst, und du bist von Science Fiction, Agentenstories und auch Literatur beeinflusst. Genießt du deine neue Rolle als dein eigener Textschreiber?

Motta: Total, denn endlich kann ich meine Vorliebe für diese Sachen mit der Musik verbinden. Es sind Film Noir-Atmos mit Verschwörungen, Spielern und Gaunern, Geschichten wie in Don Siegel- oder John Cassevetes-Filmen, die ich erzähle. Und einmal kommt auch Kafka in einem Text vor, den ich  wirklich in Prag geschrieben habe, als mal wieder ein Flug gestrichen wurde. Das passiert mir in Europa andauernd: Mein Gepäck geht verloren oder mein Flug wird gecancelt. Eine wirklich kafkaeske Situation.

© Stefan Franzen
erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe vom 2.11.2018

Tourdaten:
3.11. Hannover, Jazz Club – 7.11. Karlsruhe, Tollhaus – 8.11. Freiburg, Jazzhaus – 9.11. Stuttgart, Bix – 10.11. Erfurt, Franz Mehlhose – 11.11. Wiesbaden, Walhall-Theater – 14.11. Ingolstadt, Bürgerhaus Alte Post – 15.11. Berlin, Quasimodo – 16.11. Kassel, Thetaerstübchen – 17.11. Dresden, Jazztage – 18.11. Dinslaken, Stiftung Ledigenheim Dinslaken-Lohberg

Ed Motta: „Your Satisfaction Is Mine“
Quelle: youtube

Tönender Alpinismus

Für internationale Stars wie Björk, Anoushka Shankar oder das Cinematic Orchestra ist der Perkussionist Manu Delago auf den Bühnen der Welt unterwegs. Für sein neues Soloprojekt kehrte der Tiroler in seine Heimat zurück und hat mit Parasol Peak gleichzeitig so etwas wie ein neues Genre erfunden: den musikalischen Alpinismus. Zur Premiere seines Films und seiner CD habe ich ihn Zürich getroffen. Wie immer folgt hier das Interview ungeschnitten und ungekürzt.

Manu, wie wichtig ist Landschaft für dich selbst als Element, das dich zum Schöpfen, zum Kreativwerden anregt? Brauchst du die Landschaft als Inspiration oder kannst du in einer Stadt genauso schöpferisch wirken?

Ich bin ja nicht nur Musiker, sondern auch Komponist. Und als Komponist ist man ständig auf der Suche nach etwas Neuem. Und bei Alpinisten gibt’s auch die Suche nach etwas Neuem, die suchen halt nach neuen Gipfeln, die sie besteigen können oder neuen Routen, die sie erklimmen können. Ich bin sehr, sehr gerne in den Bergen. Ich bin ein Hobby-Alpinist, ich bin kein Extrembergsteiger. Aber ich glaube, bei diesem Projekt sind diese beiden Gedanken von etwas Neuem in den Bergen und etwas neuem Musikalischem verschmolzen, und so ist Parasol Peak entstanden. Ich bin mit Parasol Peak eigentlich ziemlich zu den Wurzeln zurückgekehrt: einerseits geographisch. Ich bin in Tirol, in Österreich aufgewachsen, lebe aber seit elf Jahren in London, und bin für das Projekt wieder zurück nach Tirol in die Berge. Es war aber auch zurück zu den Wurzeln im Sinne der musikalischen Instrumente, des Akustischen. Ich habe auf sämtliche Electronics verzichtet, wir hatten in den Bergen auch keinen Strom. Es war ein völlig akustisches Projekt, bei dem wir nicht nur unsere Instrumente bespielt haben, sondern auch die Natur bespielt haben, Bäume und Wasser und Steine und alles Mögliche, und auch teilweise unser eigenes Equipment, also wir haben Eispickel, Wanderstücke, Helme verwendet, um Musik zu machen .So war das eben ein Schritt zur Natur und zurück zu den Wurzeln.

Spielt auch die Sehnsucht nach der Heimat eine Rolle, da du als international gefragter Künstler nicht mehr oft zuhause bist?

Ja, ich wollte auf jeden Fall ausbrechen vom üblichen Alltag. Ich bin jetzt seit 10 Jahren international tourend unterwegs, verbringe meistens sechs bis acht Monate im Jahr on the road, im Flugzeug, im Tourbus. Mit diesem Projekt war es sicher mal eine gewisse Entschleunigung, ein Ausbrechen aus dem Alltag. Es war auch für die anderen Musiker ein ganz besonderes Projekt, wo wir alle mal etwas Anderes gemacht haben und in anderen Situationen Musik gemacht haben, und es war sehr inspirierend. Es war auch einschränkend in vielen Belangen, was die Möglichkeiten betrifft, wenn man sehr weit auseinandersteht, also teilweise bis zu 100 Meter auseinander, wo man sich nicht mehr hört, dann gab es auch Situationen, wo wir uns nicht gesehen haben. Es war also wirklich schwierig, es war extrem kalt, meistens zwischen 0 und 5 Grad. Aber diese Einschränkungen habe ich auch in die Kompositionen eingebaut, und diese Einschränkungen waren gleichzeitig sehr inspirierend, um diese Musik zu komponieren.

Nach welchen Kriterien wurden die Musiker für das Septett ausgewählt? Mussten sie auch alpine Kletterkünste mitbringen?

Ja, richtig. Ich kenne ungefähr 500 Musiker persönlich, und die Kriterien waren: Die Person muss ihr Instrument sehr gut spielen können, die Person muss ihr Instrument tragen können, und das durch Klettersteige, am Gletscher, also auch wirklich fit sein und keine Höhenangst haben. Und dann sind eigentlich nur sechs oder sieben Leute übrig geblieben. Das war eine sehr, sehr kleine Auswahl an Musikern, die ich mir da vorstellen konnte. Glücklicherweise waren die alle sehr motiviert für das Projekt und haben gleich alle ja gesagt.

Die Besetzung: Perkussion, Cello, Klarinette, Flöte, Trompete, Posaune, Akkordeon: Auf Transportleichtigkeit wurde keine Rücksicht genommen! Ist das eine besondere Instrumentierung, traditionelle Vorbilder?

Ja, die Instrumente habe ich wirklich ein bisschen dem Zufall überlassen. Ich wollte schon schauen, dass wir ungefähr eine ausgewogene Mischung haben aus hohen und tiefen Instrumenten. Mit Georg Gratzer zum Beispiel, der ja Holzbläser ist, hatten wir Bassklarinetten als tiefes Instrument, aber auch Flöten und B-Klarinetten als mitteltönige Instrumente. Einige Musiker haben auch zwei oder drei Instrumente gespielt. Aber grundsätzlich war die Auswahl auf Alpinismus und Portabilität und höchste Qualität des Musikerseins zurückzuführen.

Waren die musikalischen „Rastplätze“ vorher festgelegt? Gab es Vorerkundungen akustischer Art?

Ich bin mit Johannes Aitzetmüller, das ist einer der beiden Regisseure, alle Locations vorher abgegangen, auch noch viel mehr Locations, wir haben also wirklich sehr viel Locations-Scouting betrieben, und haben dann unsere acht Lieblingslocations ausgewählt. Die Kriterien dafür waren, dass die Locations sehr sehr unterschiedlich sind, dass sich eine sehr schöne Reise ergibt von unten bis oben auf den Gipfel. Die Musiker waren großteils nie an den Loacations. Ich habe ihnen versucht, das bei den Proben so gut wie möglich zu erklären. Aber viele Faktoren konnten wir einfach nicht vorplanen oder einproben, weil wir am Berg so weit auseinander waren, oder weil es so kalt war. Vieles war denn sehr offen oder war einfach eine Überraschung am Berg.

Waren die Stücke also durchkomponiert oder gab es auch noch Raum für Improvisation?

Es gab schon Raum für Improvisation, aber von der Idee und der Struktur waren die Stücke vorkomponiert. Ich war eben vorher an allen Locations, habe mich von den Locations inspirieren lassen, hab‘ geschaut, welche Sounds kann ich verwenden, was kann ich featuren in den Locations. Es gab dann auch Locations, wo bestimmte Musiker Freiraum hatten zum Improvisieren, wo sie sich einfach von der Landschaft inspirieren lassen können, oder wo es fast ein bisschen wie das Stille-Post-Spiel war, wo man von einem eine Phrase hört und gibt sie weiter und der Nächste übernimmt die Phrase dann wieder, weil wir uns eben nicht immer alle gegenseitig gehört haben. Manchmal habe ich zwei Musiker gehört, aber nicht die anderen vier, und die anderen vier haben wiederum jemand Anderen gehört und so weiter, und so haben sich da sehr interessante, komplexe Klanggebilde ergeben.

Die Beziehung zum Hang: Würdest du sagen, das Hang, das ja in Bern entwickelt wurde, ist ein Instrument, in dem die Alpen irgendwie resonieren – oder ist das ein universeller Klang, den es erzeugt, der nicht an eine bestimmte Topographie gebunden ist?

Das Hang ist zwar in Bern erfunden worden, aber da es im 21. Jahrhundert erfunden worden ist, ist es sehr schnell zu einem globalen Phänomen geworden. Es ist eben nicht lokal langsam gewachsen wie die Instrumente vor 100 Jahren vor dem Internet und so weiter. Von daher könnte ich das jetzt nicht sagen. Aber das Hang hat sich relativ gut angeboten, weil man es gut am Rücken tragen kann, und weil es auch bei der Kälte gut gestimmt und gut funktioniert hat. Es wird zwar sehr kalt, aber es ist leichter  zu spielen als eine Klarinette oder Trompete oder Posaune bei null Grad Celsius.

Extreme Bedingungen mit Kälte und Schnee: Das war nicht geplant von der Jahreszeit her…

Wir hatten genau ein paar Tage vor Drehbeginn einen extremen Wintereinbruch, über einen halben Meter Neuschnee da oben. Es kam dann die Frage auf, ob wir das Projekt überhaupt realisieren können. Aber die Musiker sind von überall her angereist, das Kamerateam ist auch teilweise aus England angereist. Wir mussten den Zeitraum einfach durchziehen, und so ist es durch die Kälte und den Neuschnee und das auch nicht optimale Wetter zu einer großen Herausforderung geworden.

Welcher Berg wurde erstiegen? Ist das ein fiktiver Name? Oder willst du den Berg geheimhalten?

Ja genau. Es ist immerhin ein Film und auch ein Album, ein Kunstprojekt, und „Parasol Peak“, diesen Namen habe ich selbst erfunden.

Parasol ist ja auch eine bestimmte Pilzart, hat das damit was zu tun?

Ja, das hat damit was zu tun. Der Parasol ist ein Pilz, den ich sehr gerne mag. Einerseits optisch, wenn man ihn findet, andererseits ist er aber auch essbar, er schmeckt sehr gut. Die Geschichte ist so entstanden: Als wir Locations gesucht haben, war die letzte Location, die wir entschieden haben, eine Waldlocation. Und wir fanden es relativ schwierig, etwas zu finden, was eine Waldlocation besonders macht. Am Gipfel hat man die Aussicht, und am Gletscher hat man diese Weite und die Spalten, am Klettersteig hat man die Vertikale und das extreme Ausgesetztsein. Beim Waldstück haben wir lange nicht gewusst, was macht es so besonders, denn jedes Waldstück ist voll von Bäumen und immer gleich. Und dann ist mir eingefallen, dass, immer wenn ich im Wald bin und ich finde einen Parasolpilz, der sehr selten ist, dann ist das für mich immer sehr erfüllend und ein glücklicher Moment. Und so haben wir uns ein Waldstück gesucht, wo ein Parasol ist, und dieser Parasol hat dem ganzen Projekt und auch dem Gipfel den Namen verliehen.

Welches Anliegen über die Musik hinaus steckt in Parasol Peak? Soll auch darauf aufmerksam gemacht werden, wie bedroht die alpine Kulturlandschaft durch die globale Erhitzung ist? Also ein ökologischer Hintergrund?

Ich glaube, dieses Projekt hat sehr viele Seiten. Zum einen ist es natürlich ein Musikprojekt und es ist ein alpinistisches Projekt. Aber ich bin im Laufe des Projekts immer mehr drauf gekommen, dass es auch ein sehr menschliches Projekt ist. Es gibt sehr viel Teamgeist, und das Projekt war unglaublich zusammenschweißend für die Gruppe, für die Musiker, aber auch für die Crew. Wir haben uns gegenseitig sehr viel helfen müssen Equipment tragen, wir haben uns gegenseitig motivieren müssen, dass wir noch bis zum Schluss durchhalten, auch bei den einzelnen Locations durchhalten. Die Gruppe ist so zusammengewachsen und das gemeinsame Musizieren war so emotional, dass ich so etwas noch nie oder selten erlebt habe. Und ein weiterer Aspekt ist sicher auch die ökologische Seite, dass es ein Projekt ist, wo wir völlig ohne Strom ausgekommen sind. Das Kamera- und Audio-Equipment war zwar akkubetrieben, aber oben hatten wir keinen Strom. Und ich hatte auch bewusst die Musik so komponiert mit der Natur im Hinterkopf, und ich wollte vor allem, wenn wir in der Nacht gespielt haben und hoch oben gespielt haben, sehr leise musizieren und nicht die Natur oder die Tiere oder die Pflanzen stören, das Ganze sehr bewusst machen und keine Spuren hinterlassen. Wir haben das Ganze schon sehr naturbewusst durchgezogen.

Das Resultat hört sich von der Akustik sehr „clean“ an. Wurden die Aufnahmen nachbearbeitet?

Die Musik ist zu hundert Prozent live in den Bergen bis zu 3000 Meter Seehöhe aufgenommen, und mir war das sehr wichtig, dass es so echt wie möglich ist, dass wir diesen bestimmten, diesen besonderen Moment einfangen. Als wir am Gipfel gespielt haben, das war so ein besonderer Moment für uns, dort gemeinsam anzukommen und dort Musik zu machen, und ich wollte dann keineswegs im Nachhinein das Audio nochmals aufnehmen. Ich war sehr beeindruckt, wie gut das Audio klang, wir hatten am Berg nie die Möglichkeit, das Audio anzuhören. Ich wusste dass das Video gut aussehen würde, allerdings hatte ich nicht gehofft, dass das Audio so gut klingen würde. Das Einzige, was im Nachhinein gemacht wurde, war eben, dass wir das gemischt haben. Wir haben mit 12 Mikrofonen aufgenommen, das war für Michael Reisigl, den Tontechniker ein extrem aufwendiger Job da oben, der hatte wahrscheinlich den aufwendigsten Job von allen. Und diese 12 Kanäle haben wir dann gemischt, einfach die Lautstärke der verschiedenen Spuren angepasst, aber es gab keine Overdubs, und es war mir sehr wichtig, diesen besonderen Moment da oben einzufangen und auch zu verewigen.

Wie würdest du die Musik charakterisieren? Ist es alpine Minimal Music?

Prinzipiell versuche ich, stilistische Beschreibungen Anderen zu überlassen, als das selbst zu definieren. Aber ich würde grundsätzlich sagen, dass ich extrem von urbaner und elektronischer Musik beeinflusst und inspiriert bin, aber im Falle von Parasol Peak diese komplett anders umgesetzt habe, völlig akustisch. Aber es gibt sicher viele Inspirationen, die eben aus meinem Leben in London und aus der Clubszene und aus elektronischer Musik herstammen.

Ist das eine kleine Bewegung unter Künstlern des Alpenraumes, dass man sich der Natur wieder mehr bewusst wird, und mehr noch: dass man mit der Natur musiziert, siehe Christoph Zehnders Echo Topos-Projekt, oder die Schweizdurchquerung beim Festival Neue Musik Rümlingen im Jahre 2013?

Ich muss zugeben, dass ich jetzt da gar nicht so im Bilde bin. Aber es ist schön zu hören, dass Andere auch Naturprojekte machen, und ich werde mir das sicherlich ansehen. Ich suche als Komponist immer neue Wege, Musik zu machen und Musik zu veröffentlichen und zu präsentieren, und ich glaube, dass bei Parasol Peak dem ganzen Ensemble das gut gelungen ist, weil wir eben einfach nicht wussten, es waren so viele Ungewissheiten, es war ganz anders als bei einer Aufnahme im Studio. Und wir sind sehr glücklich mit dem Endresultat.

© Stefan Franzen

am 9.10. sendet SRF 2 Kultur in der Sendung Jazz & World aktuell zwischen 20 und 21h meinen Beitrag zu Manu Delago

„Parasol Peak“ – Trailer
Quelle: youtube

Die Poesie des Vakuums – 50 Jahre „2001“

Es zischt, kracht, rumst und scheppert. Laserkanonen blitzen auf, Antimaterie-Bomben fliegen einem um die Ohren, Armadas von Raumschiffen, ganze Himmelskörper gehen in Flammenmeeren auf. Für Erdlinge, die mit den Science Fiction-Filmen ab „Star Wars“ sozialisiert wurden, ist die immer rasanter geschnittene, computergenerierte Materialschlacht der Normalfall geworden. Vielleicht haben Sie, sollten Sie der „Generation 2001“ angehören, das auch schon erleiden müssen: Beim gemeinsamen Anschauen des Kultstreifens von Stanley Kubrick langweilen sich die Jüngeren, schlummern vielleicht sogar ein – und sie fühlen sich am Ende allesamt um den logischen Schluss betrogen.

Was da im deutschsprachigen Raum im Herbst 1968 in die Kinos kam, ist bis heute ein nahezu singuläres Ereignis geblieben. „2001 – Odyssee im Weltraum“: ein Film, dessen Drehzeit ein paar Monate betrug, auf dessen Spezialeffekte aber, sämtlich mechanisch oder photochemisch erzeugt, zwei Produktionsjahre verwendet wurden. 141 Minuten, die nicht weniger als die Geschichte des Homo sapiens erzählen, seine Begegnung mit Intelligenz außerirdischer (der ominöse Monolith) und künstlicher Art (der Bordcomputer HAL 9000). Ein vollendeter Spagat zwischen langsamem, poetischem Flow und filmtechnischer Perfektion, die ein Jahr vor der ersten Mondlandung den aktuellen Stand der Weltraumforschung miteinbezog. „Science“ und Fiction“ tatsächlich in harmonischem Zweiklang.

Im Deutschen Filmmuseum Frankfurt erinnert anlässlich des Jubiläums eine Ausstellung an das Meisterwerk. Die Kuratoren sahen sich dabei mit einer ziemlich hohen Hürde konfrontiert: Kubricks Albtraum war es, dass die Produktionsfirma MGM seine eigens gefertigten Bauten und Requisiten für weitere Filme verwenden würde, er ließ deshalb fast alles konsequent vernichten. Dennoch gewinnt der Film beim Rundgang sowohl für Neulinge als auch für Eingeschworene enorm an Plastizität.

Allein die räumliche Konzeption ist ein schöner Kniff. Sie befindet sich an Bord einer Art Kommandobrücke, ein zweiter konzentrischer Kreis liegt im Dunkel darum: das Weltall. Zu sehen gibt es einen roten Raumanzug, Urmenschkostüme aus der Eingangssequenz, Modelle aller Raumfahrzeuge und der Zentrifuge des großen Spaceships „Discovery“. Sie ist ein umgebautes Riesenrad, in dem Kubrick mit speziellen Kamera-Aufhängungen die Trennung von „oben“ und „unten“ schwerelos auslöschte. Die „weightless condition“ eben: Eine Schalttafel mit dieser glühenden Aufschrift immerhin hat die Zerstörungswut des exzentrischen Regisseurs überdauert.

Tiefenschärfe bekommt „2001“ in Frankfurt aber durch unspektakuläre Fundstücke. Da lässt sich etwa Kubricks Briefwechsel mit Arthur C.Clarke verfolgen: Seine Erzählung „The Sentinel“ hatte den Filmstoff angeregt, er garantierte auch den wissenschaftlich korrekten Hintergrund. Es gibt Vorabskizzen von der Mondstation und von Urzeitlandschaften zu bewundern, Konzeptmalerei für den Flug ins Sternentor, Kostümentwürfe. Zu Ehren kommen so Dutzende von Illustratoren und Produktionsdesignern, die der Regisseur um sich scharte. Schließlich erhält auch Kubricks Charakter Konturen: Polaroids verschiedenster Einstellungen, die ihm halfen, die Belichtungen und Kamerawinkel zu erproben, seine berühmten täglichen Karteikarten fürs Set, sie enthüllen ihn als peniblen, besessenen Perfektionisten.
Auch 1968 war der Film alles andere als unumstritten: Das verraten die in Frankfurt ausgehängten Rezensionen der damaligen Tageszeitungen. Da prallten die konservativen Erbauer des Wirtschaftswunders auch im Kinosaal auf eine revolutionierende Jugend. Man kann sich gut vorstellen, wie die 68er-Generation die ohnehin schon psychedelische Fahrt durchs Sternentor anhand entsprechender Substanzen noch mehr genoss. Dieser rauschhafte, von György Ligetis „Lux Aeterna“ begleitete Trip mit seinen bis heute, auch mit digitalen Mitteln nicht erreichten Lichteffekten ist es, die für viele als Herzstück von „2001“ gilt. Und auch wenn sie im Filmmuseum entmystifiziert wird, durch die Erläuterung der sogenannten Slitscan-Technik, behält sie auf immer ihre enigmatische Qualität.

Heute dagegen scheint der Weltraum nicht nur auf der Leinwand, sondern auch in Realität ein entzauberter Ort: Jede Menge menschengemachter Schrott treibt dort, Politiker wollen in ihm einen neuen Kriegsschauplatz ausmachen, und neben Wissenschaftlern schicken sich Milliardäre an, ihn zu „erobern“. Ist „2001“ 50 Jahre nach seinem Start nur noch romantische Erinnerung? Sicherlich auch. Doch Kubricks Magnum Opus bleibt trotz alledem zeitlos – als Mythos der ewigen Frage der Menschheit: Woher komme ich, wo gehe ich hin? Die ungebrochene Faszination dieser filmischen Odyssee: Sie wagte es, das Fragezeichen stehen zu lassen. Und wagte auch, eine banale Tatsache zu respektieren: Im Vakuum zischt und rumst es nicht. Es ist dort still.

© Stefan Franzen, erschienen in der bz basel vom 24.08.2018

Fotos: courtesy of Deutsches Filmmuseum Frankfurt (1,4), Stefan Franzen (2,3,5)

 

Spiritueller Protest


Foto: Pierrick Guidou

Die amerikanische Sängerin Indra Rios-Moore singt gegen die Entmenschlichung ihres Landes an – mit tiefempfundenen Balladen von Gershwin bis Steely Dan, mit Latino-Erbe und skandinavischer Ruhe. Morgen, am 2.8. tritt sie beim Stimmenfestival in der Reithalle des Riehener Wenkenparks (CH) auf, am 5.10. singt sie in der Berliner Apostel-Paulus-Kirche. Vorab habe ich mit ihr gesprochen.

Indra Rios-Moore, Sie hatten eine klassische Ausbildung – wie beeinflusst die noch Ihre heutige Gesangsweise?

Indra Rios-Moore: Sie gab mir die Basis und Unterstützung für alles, was ich singe, völlig unabhängig vom Stil, ein Verständnis für die Gesundheit der Stimme. Zugleich wusste ich schon mit 18, dass ich keine klassische Sängerin werden wollte. Meine Gesangslehrerin hat mir meinen Liebling Gershwin verboten und hatte Angst, ich würde mir mit Folk die Stimme kaputt machen.

Sie sind als die Tochter eines Jazzbassisten und einer Puertoricanerin aufgewachsen, wie haben die Eltern abgefärbt?

Rios-Moore: Mein dänischer Ehemann, der Saxofonist in meiner Band ist, sagt immer: „Indra, du hast eine echt kitschige Ader!“ Und das habe ich!  Als ich bei meiner Mutter aufwuchs, liefen da die ganze Zeit spanische Liebeslieder. Meinen Vater dagegen habe ich nut sonntags gesehen und er hat mich zu seinen Brunchkonzerten mitgenommen. Das schien mir damals wie eine Welt von übertriebener, falscher Männlichkeit, denn er war ein Kind der großen Auswanderungswelle in den Norden der USA, wo es nicht viel Platz für Verletzlichkeit geben durfte. Einen viel größeren Einfluss hat meine Mutter auf mich ausgeübt, sie war auch eine Expertin, die sich in der ganzen Musikgeschichte bestens auskannte.

Indra Rios-Moore: „Little Black Train“
Quelle: vevo

Kein Wunder, dass Ihr neues Album Carry My Heart Songs vom klassischen Jazz über Soul bis zum Pop beinhaltet. Sie bezeichnen es als eine Sammlung von Protestsongs, dabei gibt es überhaupt keinen Zorn darauf…

Rios-Moore: Man muss sich daran erinnern, was die afro-amerikanischen Spirituals für die Sklaven waren. Sie waren allesamt Protestlieder, in denen man sich nach der Freiheit sehnte, Lieder, die klarmachten: Da gibt es mehr als das Leid. Das war meine Inspiration. Amerika hat sich entschlossen so zu sein, wie es ist. Trump ist die Manifestation einer tief liegenden Krankheit. Doch es gibt viele Leute, die kein Teil davon sind, mit ihrer Spiritualität, mit ihrer Energie. Wie gehe ich mit dieser herzzerreißenden Situation um?  Wenn mir jemand in die Augen schaut und mir sagt, dass ich als Latina kein Stück Scheiße wert bin, muss ich es schaffen, zurückzuschauen und Mitgefühl zu haben. Das ist die höchste Herausforderung für die Amerikaner. Denn die Alternative ist Bürgerkrieg. Die Funktion der Musik, meiner Musik ist: Ich will die Herzen besänftigen, damit die Menschen in Ruhe über die Dinge nachdenken können, die wir teilen und nicht die, die uns trennen. Ich werde nicht im Zorn leben. Ich werde der Kaltblütigkeit und dem Klima der Furcht Widerstand leisten durch Liebe. Das ist mein Protest.

Das Titelstück „Carry My Heart“ haben Sie selbst geschrieben. Es hört sich an, wie Ihre eigene Version von Gospel.

Rios-Moore: Ja, das ist richtig. Ich habe es in dem Sommer geschrieben, in dem so viele Flüchtlinge nach Europa kamen. Ich hörte von einer Organisation, die Babytragen nach Griechenland brachten, um Frauen zu unterstützen, die ihre Kinder diesen langen Weg tragen mussten. Dabei dachte ich auch an meinen eigenen kleinen Sohn. Denn wenn du dein Baby trägst, dann trägst du dein Herz. Das ist das Thema des Songs für mich.

Wie singt es sich als Amerikanerin mit einer skandinavischen Band?

Rios-Moore: Würde ich mit New Yorker Musikern spielen, müssten sie die ganze Zeit zeigen, was sie drauf haben. Skandinavier dagegen schaffen Raum, ruhen in sich selbst, sie müssen nicht die ganze Zeit ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen. In Skandinavien reagiert das Publikum auch sehr gut auf den Raum und auf die Pausen. Das erinnert mich an ein Miles Davis-Zitat: „Wenn du nichts zu sagen hast, dann spiel nicht. Lass den Raum zu. Das Schweigen wird genauso stark für dich sprechen.

© Stefan Franzen (das Interview erschien im Magazin des Stimmen-Festivals)

Indra Rios-Moore: „Cary My Heart“
Quelle: youtube

Syrische Hoffnung


Musik aus Syrien bereichert seit einigen Jahren verstärkt die mitteleuropäische Musikszene. Wir kennen alle die bittere Ursache dafür, und wer syrische Künstler zum Interview trifft, wird zwangsläufig mit Schicksalen konfrontiert, die einem die Kehle zuschnüren können. Das ist beim jungen Oudspieler und Komponisten Bahur Ghazi nicht anders. Aus dem Schweizer Exil heraus hat er es geschafft, seine Sehnsucht nach einer friedlichen Heimat zu einer spannenden Synthese von traditioneller arabischer Musik und Jazzimprovisation zu formen. Seine neuen Weggefährten sind vier Könner der helvetischen Jazzszene.

„Bidaya“, der Titel von Bahur Ghazis Debüt-CD, ist das arabische Wort für Anfang, Start, Beginn. Und in der Tat gab es in der noch jungen Vita des Oudspielers gleich mehrfach einen Neustart, privat und musikalisch. Wer ihn zum Interview trifft, sitzt einem hellwachen, vor Begeisterung sprühenden jungen Mann gegenüber, der in sympathisch bündnerisch gefärbtem Deutsch über sich und seine Musik erzählt. „Ich komme aus Dar‘ā an der jordanischen Grenze, eine kleine Stadt mit 40.000 Einwohnern. Die Gegend ist von Bauern geprägt, es gibt viel Gemüse und ein bisschen Musik“, lacht Ghazi. Das „Bisschen“ ist eine glatte Untertreibung, denn die Volksmusik ist überall präsent auf den Straßen, in jedem Haus gibt es eine Oud, wie er gleich hinzufügt. Da bleibt es nicht aus, dass auch er, ältester Sohn in einer Familie mit elf Geschwistern, eine Faszination für die Laute entwickelt und anfängt zu spielen.

Als er elf ist, hört er im Radio eine Oud, die ihn mit ihrem kristallklaren Klang gefangen nimmt. Es ist das Instrument des berühmten irakischen Musikers Naseer Shamma. „Was hat der für Saiten? In welcher Stimmung spielt er? Das fragte ich mich und ging auf die Suche nach CDs und Kassetten von Shamma. Ich fand heraus, dass sie im Irak seit den 1920ern die technischen Möglichkeiten des Instruments vorangetrieben, andere Abmessungen entwickelt haben. So wollte ich auch spielen lernen! Ich versuchte, auf meiner Oud irgendwie Shammas Stücke hinzukriegen.“ Schließlich trifft er bei einem Konzert in Damaskus Shamma persönlich, und nach einem Vorspiel ist der Meister so beeindruckt, dass er ihm in Kairo, wo er lehrt, ein Stipendium ermöglicht. Zuvor hatte Ghazi schon versucht, am Konservatorium in Damaskus aufgenommen zu werden. Doch wer dort etwas werden will, so erfährt er am eigenen Leib, sollte mit der Regierung oder ihren Behörden verbandelt sein. „Als sie hörten, dass ich aus dem kleinen Dar‘ā komme, sagten sie nur zu mir: ‚Geh wieder zurück, Tomaten pflanzen.‘“

Bahur Ghazi gerät in der ägyptischen Hauptstadt während seiner Uni-Zeit mitten in die Aufbruchstimmung des arabischen Frühlings hinein, wohnt er doch nur einige Straßenzüge entfernt vom Tahrir-Platz. „Kurze Zeit später ging es auch los mit der Revolution zuhause“, erinnert er sich. „Wir Künstler, Musiker, Schriftsteller und Grafiker haben in Kairo friedlich vor der syrischen Botschaft für ein freies Land demonstriert. Wir wollten kein Syrien mehr, in dem die Bevölkerung Angst vor ihren eigenen Behörden haben muss.“ Auch musikalisch entwickelt er sich in Kairo, wo er bald selbst an der Musikakademie lehrt, zu einem Freigeist: Aus den herkömmlichen Taktgebungen bricht er aus, entwickelt krumme Metren, neue Melodien. Bei seinen Kollegen erntet er dafür Unverständnis, sie sind der Auffassung, seine Musik sei „falsch“. „Sie wollten nur den Vierviertel-Takt akzeptieren. Aber ich fing eben an, im Elfertakt oder in Fünf- und Siebenachtel-Metren zu schreiben. Das erste Stück, in dem ich freier bin, in dem ich weggehe von der traditionellen Musik, das ist ‚Bidaya‘, und das hat jetzt auch meiner CD den Titel gegeben. Es hat mir so Freude bereitet, dass ich so etwas komponieren konnte. Und wenn du freier komponierst, dann ist es immer interessant!“

Zurück nach Syrien kann Bahur Ghazi bald nicht mehr. Sein Heimatbezirk Dar‘ā wird von den Kämpfen eingeholt: Ein Bruder stirbt fast beim Gang zum Bäcker durch die Laune eines Heckenschützens, ein anderer wird bei der Verweigerung des Militärdienstes verhaftet. Nach und nach verschlägt es viele Geschwister ins Exil, nach Schweden, Venezuela und die USA. Und er selbst ist nach den Demos in Kairo im Visier der Häscher von Assad, denn die Demonstrationen wurden gefilmt. Ein Land, in dem man ohne Angst leben und frei Musik machen kann, findet er schließlich in der Schweiz.

Doch es folgen zunächst vier Jahre im Schwebezustand: Im Asylheim des bündnerischen Cazis wartet er auf eine Entscheidung über seine Zukunft. Als klar ist, dass er bleiben kann, sucht er nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten: „Die erste Zeit war schwierig. Ich habe Sachen gespielt, die ich nicht kenne, die für mich keinen Sinn ergaben. Aber ich habe immer fest daran geglaubt, dass Musik die universelle Sprache ist, wenn man integriert werden will. Ich sagte mir, ich mache weiter, bis die Schönheit hörbar wird.“ Bei den Walliser Seema findet er eine erste musikalische Heimat, spielt mit der Band Chanson, Rock, Reggae, Folk, und er findet mit der Oud in dieser für ihn noch fremdartigen Musik seine Rolle.

Schließlich stößt er auf den Jazzbassisten Luca Sisera, der für ein aktuelles Projekt einen Lautenisten sucht. Er wird für ihn wie ein Bruder, bringt ihm Musik und Sprache der Schweiz nahe. Sie entschließen sich zu langfristiger Zusammenarbeit, Lucas Bruder Dario am Schlagzeug, beider Lehrer Christoph Baumann am Piano und die führende helvetische Akkordeonistin Patricia Draeger kommen dazu. Seine so entstandene neue Band nennt Bahur Ghazi Palmyra, nach der antiken Oasenstadt Syriens.

Bahur Ghazi’s Palmyra: „Longa“
Quelle: youtube

„Ich habe mir immer gewünscht, Palmyra zu besuchen, aber ich war nie da“, bedauert er. „Doch die ganze Geschichte dieser hochstehenden Zivilisation dort mit Kunst und Wissenschaft, dieser Knotenpunkt der Kulturen von Griechen und Persern, von Indien bis nach Marokko, beeindruckt mich. Ich fühle Palmyra so tief in meinem Herzen, den Sonnenuntergang hinter den Tempeln, den Geschmack der Luft, die Wüste.“ Wie das Titelstück der CD „Bidaya“, das für ihn der Anfang für seine neuen musikalischen Abenteuer war, steht auch die Komposition „Palmyra“ in einem ungeraden, „nicht normalen“ Metrum. „Denn was dort passiert ist, ist ja auch nicht normal“, sagt Ghazi. „Es war sehr traurig, von den Zerstörungen zu hören, die der IS da angerichtet hat. Als Musiker musste ich dem mit etwas Schönem begegnen. Musste dem Krieg, dem Hass, der Gewalt etwas entgegensetzen.“

Die CD balanciert mit jazziger Improvisation zwischen lyrischen, geheimnisvollen Momenten und ungestümen, fast rockigen Ausbrüchen. Eine Vierteltontrompete schaut vorbei, plötzlich liegt auch ein Salsa-Rhythmus in der Luft. Ghazis Widmung an den Qasioun, den Hausberg von Damaskus, wird als melancholischer und genauso virtuoser Oudgesang ausgekleidet. Und in der epischen „Salvation Voyage“ gelingt die Verbindung von Orient und Okzident am organischsten, mit singendem Bass und fast balkanischer Schwermut im Akkordeon. Ein Stück schließlich nennt sich „Phoenix Ressumption“: „Ich glaube daran, dass Palmyra wieder aus der Asche ersteht“, sagt Ghazi. Und auch sein Land, so hofft er, werde es dem Phoenix eines Tages gleichtun. Er sehnt sich danach, Syrien und seine Familie wieder besuchen zu können. Zwei Schwestern leben noch dort, versorgen sich mit Gemüsegärten selbst. Über ihnen schweben ständig die todbringenden Flugzeuge, ob es Assad, die Russen, die Amerikaner, die Israelis sind, das weiß man nicht. „Die Politiker und Behörden tun nichts dafür, dass in Syrien wieder irgendwann Frieden sein wird. Wir normalen Menschen müssen dafür Sorge tragen, und Musiker müssen in ihrer Arbeit diese Hoffnung zeigen“, so Bahur Ghazis Überzeugung. Mit „Bidaya“ hat er einen bewegenden Beitrag dazu geleistet.

© Stefan Franzen
dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Folker, Ausgabe 4/2018

Bahur Ghazi ist am 20.7. live auf dem Horizonte-Festival in Koblenz am zu erleben

Bahur Ghazi’s Palmyra
Quelle: youtube

Weltreise an der Saale

Am Sonntagabend ging die 28. Ausgabe des Rudolstadt-Festivals zu Ende.
Impressionen von einer Weltreise zwischen Heidecks- und Ludwigsburg, Stadtkirche, Theater und Heinepark.
(alle Fotos: Stefan Franzen)

Fatoumata Diawara (Mali) – Mittlerin zwischen Afro-Roots, Rock und Funk

Die 80-jährige Legende Shivkumar Sharma aus Kashmir kam mit seinem Sohn Rahul für einen Abendraga

Der Gitano Diego El Cigala (Spanien) verband Flamenco mit Kubanischem und Tango

Betsayda Machado (Venezuela) stellte mit La Parranda El Clavo rituell gefärbte Festmusik vor und brachte den Park zum Tanzen

Mit Lula Pena kam eine moderne Troubadourin Portugals zu einem intensiven Solo-Recital an die Saale

Ganz selten in unseren Breiten zu sehen und zu hören: Salukat – ein balinesisches Gamelan-Orchester inklusive dreier Tänzerinnen

Melancholisch-mitreißenden Pop spielte die Kapverdin Elida Almeida

Die strenge Schönheit der Maqam-Klänge von einer der führenden Sängerinnen der Seidenstraße: Munadjat Yulchieva (Usbekistan)

Das von Pink Floyd- und Nick Drake-Produzent Joe Boyd zusammengestellte Ensemble Saz’iso ließ nachts die Stadtkirche mit albanischer Polyphonie schwingen

Ein Highlight auf der Heidecksburg: Der Senegalese Seckou Keita bei einem Crossover mit dem Kuba-Kollegen Omar Sosa

 

Spagat mit Afro-Fiedel

Foto: Stefan Franzen

Sudan Archives
B-Sides-Festival Luzern/CH, 15.06.2018

Das „B-Sides“ oberhalb von Luzern ist wohl eines der relaxten Sommerfestivals der Eidgenossen. Man fährt mit dem Bähnli auf den Sonnenberg hoch, wo ein paar tausend Zuhörer, viele um die Dreißig, Musik auf drei Bühnen zwischen lokalen Helden und globalen Farben vom Libanon bis nach Kenia entdecken. Ein paar wenige gucken Fußball, man genießt Dinkelbier und Bioburger, und nach kurzem Spaziergang sind da nur noch Kuhglocken und Nachtigall. Ein wenig ist es, als habe die Hippie-Ära ihre Nische im digitalen Zeitalter gefunden.

In der hereinbrechenden Nacht wehen ganz spielerische Geigenklänge heran, eine Silhouette mit Afromähne hebt sich aus dem blauen Nebel der Zeltbühne ab, plötzlich kontrastieren harte Beats von der Loopstation mit der Fiedel. Brittney Denise Parks hat ihren Auftritt begonnen, und sie passt in dieses entspannt-experimentelle Setting wunderbar hinein. Parks, die sich als Künstlerin Sudan Archives nennt, inszeniert sich mit wehendem Umhang und apfelsinenfarbenen Hot Pants, im Gegenlicht der Scheinwerfer hat sie etwas von einer Violine spielenden Yoruba-Gottheit, und die Sounds wirken, als wären Erykah Badu und Laurie Anderson eine heiße Liaison eingegangen.

„Am Anfang war alles klassisch, ich spielte im Schulorchester. Später probierte ich irische Jigs aus, aber irgendwann fing ich auch an, mit Sounds auf meinem iPad zu experimentieren“, sagt die 23-Jährige aus Cincinnati, Ohio vor ihrem Auftritt, während wir im kreativen Chaos des Pressebüros sitzen. Die Idee, ihre Geige mit Elektronik zu kombinieren, hat sie einem Afrikaner zu verdanken. „In einem Vinylladen in Hollywood stieß ich auf eine Platte des Kameruners Francis Bebey, und wie er traditionelle afrikanische Musik mit Synthesizern kombiniert, das hat mich sehr beeinflusst.“ Parks vertiefte sich in seine ethnomusikologischen Schriften und entdeckte dank Bebey die Streichinstrumenten-Familien zwischen dem Sudan und Ghana. Die Riffs der dortigen Musiker wurden stilbildend für ihre Songs.

Sudan Archives: „Water“
Quelle: youtube

„Wie sie spielen, ist faszinierend, rau und kratzend, und irgendwie aber doch weicher als die Geiger des Westens“, findet Parks, die eine Goje, eine einsaitige Fiedel der Haussa genauso spielt wie eine E-Geige mit Effektpedalen und eine MIDI-Violine, die es ihr erlaubt, 900 verschiedene Sounds zu erzeugen. Ihr Künstlername ist zum einen geographische Widmung an die archaischen Musiker – zum anderen will sie das „archives“ durchaus auch als Metapher verstanden wissen: „Es geht darum, tief in seiner eigenen Geschichte zu graben und Sachen zutage zu fördern. Jemand hat meine Musik mal als Verkörperung der ‚black history‘ beschrieben. Das finde ich cool“, meint die junge Frau mit nigerianischen Wurzeln, die auch Jimi Hendrix‘ Gitarrenskapaden und den Komponisten Igor Stawinsky inspirierend findet, weil er in der Klassik der Avantgarde den Weg geebnet hat.

Foto: Stefan Franzen

Im Alleingang auf dem Laptop hat sie sie gebaut, ihre „Songs“, und das Wort kommt einem nicht leicht aus der Feder. Denn viele der Zweiminutenstücke auf ihren zwei bislang erschienenen EPs bestehen gerade mal aus ein oder zwei Lyrik-Zeilen, die sie in nonchalanter Neo-Soul-Manier singt, einem gezupften oder gestrichenen Fiedel-Riff, und einem minimalen Geflecht von emblematischen Beats darunter. „Ich sehe sie wie Samen, oder wie diese kurzen japanischen Gedichte, die Haikus“, sagt Parks, „denn sie bestehen ja eigentlich nur aus einer Phrase und viel Raum. Um ehrlich zu sein: Ich hatte beim Aufnehmen keine Ahnung, wie man Musik produziert. Die EPs sind der Ausdruck von totaler Freiheit. Aber aus diesen Samen wird bald ein großer Garten mit vielen Bäumen, Früchten und Gemüse wachsen.“ Sie spielt auf ihr Debüt an, das bald mit Gastmusikern unter dem Namen „Yorubaland“ erscheinen soll.

Vorerst entdeckt man Sudan Archives‘ Musik am besten via youtube. Denn dort sind zu vielen ihrer Stücke großartige Begleitvideos zu finden, die von einer mythischen, elementaren Bildsprache leben, oft in Afrika eingefangen. Es überrascht nicht, dass sie sich in erster Linie als visual artist begreift. „Eigentlich albere ich ja nur ein bisschen mit Instrumenten und Effekten herum, während ich versuche, meine visuellen Ideen umzusetzen. Die Videos sind meine größte Leidenschaft, und langsam habe ich den Bogen raus, wie ich die Bilder in meinem Kopf auch auf der Bühne umsetzen kann.“ Das Luzerner Publikum jedenfalls war von dem Bühnenspagat zwischen afrikanischer Archaik, Neo-Soul und Electronica ziemlich angetan.

© Stefan Franzen

Sudan Archives: „Nont For Sale“
Quelle: youtube

Voices like Bagpipes!


„Legendäre, aber fast vergessene Chorsängerinnen suchen Popstar vom anderen Ende der Welt für zweiten Frühling“. So könnte, ein bisschen ironisch und überspitzt, die Anzeige gelautet haben, die zu diesem Treffen führte. Hier: ein zwanzig Stimmen starker Frauenchor aus Bulgarien, der weltweit Menschen zu Tränen rührt und dessen Mysterium bis heute unerklärlich scheint. Und dort: Eine australische Wave-Ikone, die seit 30 Jahren mit ihrer betörenden Stimme ein Publikum von Gothic bis Weltmusik fasziniert.

„The Mystery Of The Bulgarian Voices“ und Lisa Gerrard von der Band Dead Can Dance:  ein ungleiches Paar oder eine Traumhochzeit? Das habe ich in Köln im Interview mit Lisa Gerrard, der Chorleiterin Dora Hristova und Produzentin Boyana Bounkova versucht herauszufinden.

Der Titel der CD, BooCheeMish, klingt sehr lautmalerisch. Bedeutet er etwas Konkretes?

Boyana Bounkova: „BooCheeMish“, allerdings anders geschrieben, ist der Name eines Folkloretanzes im 15/16-Takt. Einem Stück auf dem Album liegt dieser Tanz zugrunde, das ist „Rano Ranila“. Wir haben ziemlich lange nach einem Namen für das Album gesucht und haben uns dann entschieden, diesen Namen zu verwenden, ihn aber absichtlich falsch zu schreiben und so auf eine Art Freiheit auszudrücken. Denn das ist der Geist des ganzen Albums. Unsere Musik und unsere Kultur kommuniziert darauf mit anderen Kulturen und Musikstilen anderer Kontinente. Wir dachten, wenn wir dieses Wort benutzen, das auf einen expressiven Tanz zurückgeht, dann ist das der Ausdruck von Freiheit. Der Geist des Albums ist dynamisch, groovy, offen.

Dora Hristova, Sie haben den Chor schon einmal 1974 geleitet und dann wieder ab 1988. Wie stellt sich die Arbeit mit den Frauen heute dar,  ohne staatliche Unterstützung und mit der Konkurrenz durch andere Chöre wie Bulgarian Voices Angelite?

Hristova: Heute ist es sehr schwierig zu überleben, eben wegen der Konkurrenz zwischen den Chören. Aber wir versuchen die besten zu sein. Es gibt eine Krise, was das Repertoire angeht. Viele Arrangeure und Komponisten sind nicht mehr am Leben. Es braucht junge Leute, die sich für die Folklore interessieren. Am Konservatorium von Sofia findet die Musikerziehung im westlichen Stil statt. Der Unterricht in traditioneller Musik ist nicht so prominent. Wir haben eine Kunstakademie in Plovdiv, ich habe dort mehr als 10 Jahre unterrichtet. Doch die traditionelle Musik verursacht Schäden an den Stimmen der jungen Sängerinnen. Dazu kommt, dass die Tradition westlich beeinflusst ist und dadurch ihre Originalität verliert. Das sind die heutigen Probleme. Meine Mission war es, die Einzigartigkeit und Ursprünglichkeit dieses Chors, den Stil des Open Throat-Singings und das Repertoire zu bewahren. Vor drei Jahren haben wir die Leute von Schubert Music und natürlich auch Lisa kennengelernt und wir haben probiert, einen neuen Weg zu finden, dieses Nationalerbe, diesen Schatz weiterzuentwickeln. Und ich denke, wir waren erfolgreich! Weiterlesen

Polyphone Offenbarung


Ein weißer Fleck auf der musikalischen Landkarte, gibt es das noch? Tatsächlich lässt sich mitten in Europa noch eine Klangkultur finden, die den akustischen Schatzsuchern weitestgehend entschlüpft war. Wer könnte von sich schon sagen, er wäre mit der Musik des albanischen Südens vertraut? Selbst der Amerikaner Joe Boyd, der seit den 1980ern durch sein Label Hannibal maßgeblich am Aufschwung der Weltmusik beteiligt war, hatte das kleine Land lange Zeit nicht auf dem Zettel.

Der schillernde Produzent war schon in den 1960ern beim Newport-Festival Produktionsleiter, als Bob Dylan zum Entsetzen der Folkies seine E-Gitarre einstöpselte. Er war 1967 für die erste Pink Floyd-Single verantwortlich, wurde Mentor des schwermütigen Songwriters Nick Drake und entdeckte die Folkrocklegenden von Fairport Convention. Seine wilden Sechziger beschreibt er in dem spannenden Buch „White Bicycles“. Im besten Alter, mit 75, hat Boyd jetzt aber noch mal ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen. „Albanische Musik hatte mich schon seit einiger Zeit fasziniert“, erzählt er mir im Interview. „Das lag natürlich auch daran, dass man fast keinen Zugang zu ihr hatte, es gab kaum Platten. Es muss 1986 gewesen sein, dass ich Videos vom großen Festival in Gjirokastra sah. Es schien mir fast surreal: Diese Musiker mit den konischen Hüten, die wehenden Fahnen und die Bergkulisse im Hintergrund. Und dann diese polyphonen Gesänge namens Saze! Für mich war klar, da muss ich hin.“

Doch es dauerte fünfundzwanzig Jahre, bis ihn die BBC-Kollegin Lucy Duran für eine Sendereihe in den Südosten Europas mitnahm. Eine Reise, die für Boyd mehrere Konsequenzen hatte: Er lernte dort seine zukünftige Frau Andrea Goertler kennen, in Albanien für die Gesellschaft für Zusammenarbeit tätig und mit der dortigen Musik bestens vertraut. Zusammen mit ihr und weiteren Experten initiierte er das Projekt Saz’iso, in dem nun die besten Musiker der südalbanischen Polyphonie versammelt und auf einer CD verewigt sind. Die Sessions hat der feinfühlige Jerry Boys geleitet, der auch schon in Havanna den Buena Vista Social Club aufnahm.

Saz’iso: Sessions zur CD „At Least Wave Your Handkerchief At Me“
Quelle: youtube

Was ist nun das Einzigartige an dieser Musik, dem Saze? Auch all die, deren Ohren mit allen Wassern der exotischen Klänge gewaschen sind, müssen beim Lauschen an Stimmen aus einer anderen Welt denken. „Die Kombination eines Borduns mit zwei Stimmen, die sich improvisierend umkreisen, das gibt es meines Wissens nach nirgendwo anders auf dem Balkan“, sagt Boyd. Musikethnologen sprechen von „iso-polyphonisch“. Unter den genauso schneidenden wie warmen Stimmen liegt die Llautë, eine Laute mit Metallsaiten, Klarinette und Geige treten mit verzierungsreichem, schluchzendem Spiel hinzu. Die Instrumentalformen heißen „Vale“ und „Kaba“ – und mit letzterem verbindet sich eine berühmte Entstehungsanekdote: Als ein Mann über den nahen Tod seiner Ehefrau klagte, rief die vom Totenbett: „Hol deine Klarinette und lass sie an deiner Stelle weinen.“ Für uns ist der Gesamteindruck von Saze und Kaba trotz der manchmal tänzerischen Rhythmen in der Tat ausgesprochen melancholisch. “Die Geschichten sind sehr traurig“, bestätigt Boyd.

„Da singt etwa ein Schäfer, den Banditen töten werden, sein Abschiedslied. Emigrantenlieder sind dabei, denn viele Albaner mussten immer ins Ausland, um Arbeit zu finden, und ihre Familie erfuhr dann oft Jahrzehnte nichts über ihren Verbleib.“ Das ist auch ganz konkret der Fall bei den Musikern auf der CD: Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Apparats unter dem Autokraten Enver Hodscha gingen Saz’isos Sängerinnen Donika Pecallari und Adrianna Thanou beide nach Athen, ihre Musikausübung aufrecht zu erhalten, war schwierig. Die männliche Stimme dagegen, Robert Tralo, ist von Berufs wegen eigentlich orthodoxer Priester, tauscht abends das Messgewand für Auftritte bei Hochzeitspaaren, die er kurz zuvor in der Kirche gesegnet hat. „Hodschas Herrschaft war ein zweischneidiges Schwert“, urteilt Boyd. „Er liebte den Saze und förderte ihn, auf der anderen Seite hatte die Musik positiv zu sein, sollte den Sozialismus preisen. Heute gibt es die Zwangsjacke nicht mehr, aber eben auch keine Förderung.“

Der Saze ist von der UNESCO mittlerweile als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Doch wird das seiner Zukunft nützen? Boyd ist verhalten optimistisch: „Die stilbildenden Sänger und Instrumentalisten sind tot. Doch auf den Hochzeiten ist die Musik immer noch lebendig. Die Albaner lieben ihre Volkstradition und schauen nicht auf sie herab wie manche andere Länder, und es gibt auch ein paar junge Musiker, die neben Jazz und Rock den Saze spielen.“ Im Sommer lässt sich dank Saz’iso diese einzigartige Musik nun auf ausgesuchten Festivals auch in unseren Breiten erleben.

© Stefan Franzen
dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Folker, Ausgabe 3/2018

Saz’iso live: Domizil Dortmund, 19.5., Rudolstadt-Festival 6. +7.7.

Saz’iso: „Tana“
Quelle: youtube

Die Humanistin

Es gibt wenige Sängerinnen, die entlang ihrer Lieder und ihrer Interviews eine ganze Welt entwerfen – zwischen Lyrik, Literatur, Geschichte, Politik und Biographie. Die Sizilianerin Etta Scollo gehört zu diesen Sängerinnen, und wer das Glück hat, mit ihr zu sprechen, vergisst die Zeit. Auf ihrem neuen Album Il Passo Interiore bschwört sie einmal mehr die für sie zutiefst menschliche Kraft der Poesie. Sie ist die einzige Hoffnung, die wir  haben, sagt sie.

Signora Scollo, wer zum ersten Mal mit Ihrer Musik in Kontakt kommt, der wird – bevor er sich um die Texte kümmert – zuerst von Ihrer unvergleichlichen Stimme berührt. Wie würden Sie sie selbst beschreiben?

Scollo: Für mich war meine Stimme immer etwas, was mehr mit der Erde zu tun hat als mit der Freiheit oder der Luft. Vielleicht, weil ich als Kind schon große Schwierigkeiten hatte mit ihr. Ich bin in einer Wolke von Nikotin aufgewachsen, mein Vater war Kettenraucher, schon als ich ganz klein war, bekam meine Stimme dadurch einen Belag. Wenn ich etwas sagen wollte, was mir am Herzen lag, war da so etwas wie ein Gewicht auf den Stimmbändern. Ich singe nicht, weil ich dachte, ich habe großes Talent, im Gegenteil. Ich habe nur instinktiv gesungen. Singen ist für mich Arbeit, ich muss immer wieder sehr viel üben. Als ich die Biographie von Frida Kahlo gelesen habe, habe ich sie verstanden, wie sie aus diesem Krüppel-Sein Kunst geschaffen hat. Meine Art, Lieder zu singen, kommt aus diesem fast schmerzhaften Zustand. Ich muss jeden Tag üben wie ein Sportler, der seine Muskeln weich kriegen will.

Aber Sie haben, wie mir scheint, eine sehr passende musikalische Umgebung für Ihre Stimme gefunden, mit Cello, Akkordeon, Mandola, Piano, ein bisschen Klarinette, Perkussion und einem Gesangstrio. Mich erinnert das fast an den Klang von Renaissance und Barock.

Scollo: Die Renaissance- und Barockmusik hat mich mein Leben lang begleitet, und sie fließt in Italien auch oft ein in die populäre Musik. Ich fühle eine gewisse Freiheit in diesen Klängen und Harmonien, mag auch sehr die Idee des „recitare cantando“ aus den Opern: eine singende Erzählung, in der alles miteinander verbunden ist. Es ist wie ein schönes, freies Spiel, und das hat auch wiederum eine Verbindung zur modernen Jazzimprovisation.
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