Das Schöpfen aus der Stille

Foto: Anna Day

Unter den Schweizer Jazzstimmen ist sie eine der rührigsten. Zu Lisette Spinnlers herausragenden Markenzeichen gehörte bislang ein virtuoses, verspieltes auch mal exaltiertes Singen in einer Fantasiesprache. Nun meldet sich die Liestalerin mit einer Musik zurück, die sie ganz aus der Stille geschöpft hat.

Lisette, der Titel deines neuen Albums Sounds Between Falling Leaves passt herrlich in die Jahreszeit. War es geplant, das im Herbst zu veröffentlichen?

Spinnler: Tatsächlich hat es gar nichts mit dem Herbst zu tun! Sondern vielmehr mit dem Suchen und In-die-Stille-Gehen. Der Titel ist eigentlich eine Metapher für die Zeit, in der ich das Album geschrieben habe. Ich habe mich zurückgezogen, war viel in der Ruhe, habe in den Nächten komponiert, mich mit Themen wie Krishnamurti, Meditation, und Yoga beschäftigt, auch mit Gedichten. Das „Between“, die Mitte, in der man nichts sieht, die Stille, in der man etwas sucht, was nicht direkt vor Augen ist, das spiegelt die Musik wider, die auf der CD ist.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das dich veranlasst hat, diesen Weg der Stille einzuschlagen?

Spinnler: Eigentlich kam das nach der Geburt meiner ersten Tochter. Weil ich mehr zuhause war, spielten die Ablenkungen von draußen, die Eindrücke vom Unterwegs sein keine so große Rolle mehr. Bis dahin hatte ich oft sehr virtuose Musik gemacht, die Stimme als Instrument eingesetzt mit Fantasie-Silben. Jetzt setze ich mich mit Worten auseinander, auch auf Englisch. Ich spürte, ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich Neues schöpfen möchte, und das gelang mir, indem ich ganz in mich hineinging. Ein langer Weg.

Worin besteht für die Stimme denn die besondere Herausforderung, wenn man von den vielen Tönen zu den wenigen geht, und diese dann sehr souverän und mit großer Inspiration singt, ohne dass es sich schal oder langweilig anhört?

Spinnler: Eigentlich ist es die Auseinandersetzung mit der Sprache. Man fühlt genau, wo die einzelnen Wörter im Mund sind und was die Stimme damit macht, die dann darauf gelegt wird. Ich finde es spannend, in die englische Sprache reinzugehen, die ja nicht meine Muttersprache ist. Das ist immer wie ein Fremdkörper, den ich näher und näher zu mir bringen wollte, ohne nur an der Oberfläche zu tanzen. So entstanden die Melodien. Und dazu kommt: Da ich die Musik am Klavier komponiert habe und eigentlich keine Pianistin bin, habe ich Akkorde gelegt, auch das in einem Kontext großer Ruhe.

Neben deinen eigenen Texten hast du zwei Poems von Emily Brontë vertont. Was zieht dich so an bei dieser englischen Dichterin des 19. Jahrhunderts?

Spinnler: Ihr Bezug zur Natur, der fasziniert mich ganz besonders, denn ich selbst bin sehr naturbezogen aufgewachsen. Während andere Party gemacht haben, bin ich als Teenager stundenlang allein im Wald unterwegs gewesen. Doch dieser dunkle Zugang, den Brontë hatte, ist eigentlich in mir nicht so drin. Melancholie habe ich erst später erfahren, als eine Melancholie der Schönheit, als Ruhepol und nicht als Traurigkeit. Ich hatte zum Glück noch nie Depressionen, ich habe das Sonnen-Gen geerbt!

Es gibt ja auch lebhafte Stellen auf dem Album, wo du nach wie vor in deiner Fantasiesprache singst.

Spinnler: Ja, denn diese verspielten Melodien sind nach wie vor in mir drin. Die kann ich komponieren, egal, wo ich bin, beim Einkaufen oder unterwegs, ohne Klavier, einfach mit ein paar Claps und die Stimme improvisiert darüber. Das ist etwas, was mich nie loslässt, es ist das Kind in mir drin, das immer wieder ganz stark nach vorne kommt.

Du arbeitest auf dem Album mit deinem Quartett, Musiker, mit denen du schon seit längerem zusammen spielst. Was macht dieses Ensemble so einzigartig?

Spinnler: Mit ihnen ist es musikalisch und menschlich eine runde Sache, sie lassen mir viel Platz und sie hören mir zu. Stefan Aeby ist ein Poet am Klavier. Ich wusste, wenn ich diese Poems bringe und meine eigenen Lyrics mit ihm spiele, dass er das sehr gut versteht. Patrice Moret am Bass ist die Erde pur für mich, und noch tiefer ins Magma hinein, dort befindet sich sein Spiel. Er spielt nie aus Ego-Trips heraus, ist aber zugleich sehr innovativ. Michi Stulz ist ein wunderbarer Free-Player am Schlagzeug, er lockt die Band, er möchte, das wir auf die Äste rausgehen. Vor allem live werden das die Leute sehen. Diese drei haben einen Flow kreiert, in dem ich mich auch mal gerne ganz zurücknehmen konnte.

© Stefan Franzen

Lisette Spinnler: „The Night is Darkening Around Me“ (Teaser)
Quelle: youtube

Album: Sounds Between Falling Leaves (VÖ 17.11., Neuklang)
Live: Gare du Nord Basel, 10.11.

 

Bei Heitor, Edvard & Manuel: Allein zuhaus‘

Etliche Staaten der Erde rühmen sich eines Nationalkomponisten. Das ist oft dann der Fall, wenn es in den betreffenden Ländern gerade mal einen Meister gibt, der einen nationalen (nicht zwingend patriotischen) Ton geschaffen und womöglich mit seiner Popularität auch die Landesgrenzen durchdrungen hat. Einer, auf den man also besonders stolz sein kann. Diese Lichtgestalten tragen zum Teil klingende Namen wie Bela Bartók, Jean Sibelius oder Mikis Theodorakis.

Doch es geht auch anders: Zugegebenermaßen werden vom Schweden Hugo Alfvén, dem Bulgaren Pantcho Vladigerov oder dem Mexikaner Manuel Maria Ponce über Stockholm, Sofia und Mexiko City hinaus doch eher nur ausgebuffte Klassikfreaks etwas vernommen haben. Dass diese Komponisten aber in ihrer Heimat, wenn nicht überirdischen Glanz besitzen, so doch mindestens hohe Wertschätzung erfahren, zumindest einige ihrer Landsleute die Wirk- und Wohnstätten pilgernderweise heimsuchen, sollte sich da von selbst verstehen. Oder etwa doch nicht?

Der Zufall, nein, ich korrigiere mich sofort, fast immer vorsätzliche Planung wollte es so, dass ich in den letzten 15 Jahren in ganz verschiedenen Weltgegenden drei Mal Institutionen und Wohnhäuser von Nationalkomponisten besuchte. Ich zähle diese eher zur Kategorie der altvertrauten Namen. Dabei habe ich einen zweifelhaften, traurigen Ruhm erworben: Ich war in allen drei Fällen der einzige Gast weit und breit.


Rio de Janeiro (BRA), Ende September 2002


An einem brennend heißen Frühlingstag entschloss ich mich, während der Rush Hour das Museu Villa Lobos im Stadtteil Botafogo aufzusuchen, um etwas durchzuschnaufen. Die Institution ist nicht zu übersehen, sie liegt als stattliche Villa an einer der Hauptverkehrsstraßen. Ohne Zweifel haben die Betreiber, was Forschung, Archivierung und Organisation von Konzertereignissen angeht, großartige Arbeit geleistet, um das Werk von Heitor Villa-Lobos für die Nachwelt zu erschließen. Doch die Präsentation seiner Vita? Von meinem Besuch sind mir nur noch kleine Bruchstücke im Gedächtnis verblieben, das lässt tief blicken. Ich erinnere mich an zwei kläglich ausgestattete Räume mit Memorabilia wie ein paar Schriftstücke, Hut und Spazierstock. In einer Vitrine fristete traurig und verloren das Cello des großen Meisters sein nun ungespieltes Dasein.


Die portugiesischen Schautafeln konnte ich nicht lesen: Weniger aus mangelnder Sprachkenntnis, sondern vielmehr, weil die beiden Bediensteten sich in Saallautstärke unterhielten. Wie in jedem brasilianischen Museum, das ich besucht habe, sind es deren stets zwei. Niemals mehr – doch sie haben sich viel zu erzählen. Beim Rausgehen habe ich, glaube ich, „muito impressionante“ ins Gästebuch geschrieben. Das war eine freundliche Lüge. Vielleicht, weil ich Mitleid mit dem beim 36 Grad vor sich hin schwitzenden Cello hatte.

Bergen (N), 13. Januar 2009



Eine denkbar entgegengesetzte Szenerie: Perkussionist Terje Isungset hatte mich eingeladen, die Konzerte seines Ice Music Festival im norwegischen Geilo oben auf dem Fjell zwischen Oslo und Bergen journalistisch zu begleiten. Am letzten Tag war es schon damals dank Erderhitzung so warm, dass die musikalischen Artefakte aus Eis einfach wegschmolzen. 1000 Meter tiefer, in Bergen nahe zum offenen Meer, herrschte nach dem Festival noch wüstere Witterung: Sturm und Dauerregen bei ca. 15 Grad. Ideal also für einen Besuch im Anwesen Troldhaugen (sprich: trullheugen), Edvard und Nina Griegs Heim mit angegliedertem Komponierhäusl in stilechtem Walblutrot. Die Touristenströme, die Griegs Wohnhaus im Sommer erlebt, waren im Januar gänzlich versiegt. Und so kam ich in den Genuss einer Exklusivführung von einer profund informierten Dame, durfte nach dem Gang durch die behaglichen, hölzernen Räumlichkeiten schließlich noch in der Hütte am Fjord sitzen.


Und mich in die Gefühlswallungen des Norwegers hineinversetzen, die er während des Blicks hinaus aufs Wasser beim Schaffen wohl hatte. Dort konnte er sich auch prima verstecken, wenn ein ungebetener Gast, etwa der in der Nachbarschaft residierende Schriftsteller Bjørnstjerne Bjørnson, das Anwesen aufsuchen wollte. Am meisten beeindruckt hat mich Griegs Statue in Lebensgröße (siehe oben): Als Nationalkomponist kann man durchaus ein Winzling sein.

Granada (E), 24. Oktober 2017

Was auch auf den dritten im Bunde zutrifft: den 1 Meter 55 großen Manuel de Falla. Da dieser Besuch erst einige Tage zurückliegt, kann ich hier viel mehr aus der Erinnerung schöpfen. Von den drei Visiten bei den Meistern war diese im andalusischen Granada mit Abstand die schrulligste. Eigentlich war sie gar nicht vorgesehen, aber bei einem Konzert ein paar Tage zuvor im Auditorio Manuel de Falla mit der Flamenco-Sängerin Argentina, die unter anderem De Falla-Werke auf ihre Weise neu belebte, hatte ich entdeckt, dass direkt neben der Konzerthalle seine Casa liegt. Ein Katzensprung entfernt zur Alhambra übrigens. Also kletterte ich an meinem letzten Tag in Granada nochmals den Hügel rauf. Manuel de Falla wohnte von 1921 bis zu seiner Auswanderung nach Argentinien in diesem Carmen und hatte eine grandiose Aussicht:

Da kann man schon mal schöpferisch werden. Im Gegensatz zu Heitor Villa-Lobos und Edvard Grieg, mit deren Werken ich einigermaßen gut vertraut bin, sind mir Manuel de Falla und sein Schaffen ein Buch mit sieben Siegeln. Ich nehme es vorweg: Daran wird sich auch nach dem Gang durch die Casa nicht so schrecklich viel geändert haben. Vorerst aber steuere ich voller Vorfreude auf neue Erkenntnisse die blaue Eingangstüre an, die mich darauf hinweist, dass gerade eine Führung im Gange sei, ich einige Minuten warten solle. Ich genieße also die südspanische Herbstsonne und das kühle Lüftchen von der Sierra Nevada herunter. Nach vielen Minuten ziehe ich dann doch mal am zierlichen Glöcklein. Eine knarrende Luke öffnet sich alsbald, und ein freundliches Männlein bedeutet mir, noch zwei Minuten Geduld zu haben. Dann tut sich die Türe auf.


Unmittelbar stehe ich in Manuel de Fallas Küche und werde nach meiner Provenienz gefragt. Deutschland? „I never left Spain“, sagt der Führer bedauernd und beginnt seinen Exklusivvortrag für mich auf Englisch. Angesichts der Kücheneinrichtung wird mir zuerst mitgeteilt, dass Manuel de Falla nie geheiratet hatte und seine Schwester ihm den Haushalt führte. Doch dann der Hinweis auf eine Schwarzweiß-Fotographie mit einer distinguierten Dame: „Girl friend. How do you say in German?“ „Freundin“, sage ich, und mein Guide schnalzt entzückt mit der Zunge. „Fr-eeuun-din, beautiful word!“ Er wiederholt das dreimal und will genau den Unterschied zwischen Freundin und Frau wissen.

Es dämmert mir rasch, dass er mit seinem Wissen vielleicht nicht gänzlich in die Tiefen von De Fallas Werk vorgedrungen ist. Doch im Stiegenhaus, im Arbeitszimmer für den Winter und in dem für den Sommer kann er dafür jedes Bild an der Wand benennen, mich auf eine Kopie von Matisse, Zeichnungen von Picasso, Porträts von Rossini hinweisen. „War Rossini denn sein Vorbild?“ „No, Wagner“, gibt er mir zu verstehen. Im Salon ein schmucker Tisch, an dem der Tondichter mit Freunden gesessen hat, unter ihnen der berühmte Gitarrist Andrés Segovia.

Wir betreten die Schlafkammer: neben seinem Bett ein Haufen trübe Fläschchen und angegilbte Schächtelchen. „Hypochonder“, verrät El Guía. Ich ziehe die Augenbrauen hoch, das wird mir jetzt etwas zu intim. „Aren‘t we all hypochonders?“, fragt er dann und hält eine Flasche hoch, die er als das erste Prozac der Welt preist, und dann auch noch aus Europa! Im Winter-Arbeitszimmer ist eine Art Bastmatte vor die Wand gestellt. „Feuchtigkeit“, bedeutet mit der Führer mit genussvollem Auskosten des „eu“. Seine Vorliebe für dieses germanische Dipthong ist unverkennbar. „Trullheugen“ und „Komponierheusl“ – diese Worte würden ihm auch gefallen. Ich erfahre dann noch, dass Manuel de Falla ein Dandy war, der sich immer akkurat kleidete.

Im Sommerarbeitszimmer mit dem guten Klavier – wir haben inzwischen in ein sehr, meinerseits, radebrechendes Spanisch gewechselt – wird mein Begleiter wehmütig. Er deutet hinaus, dort, wo in der Ferne eine Wolkenbank auf der Ebene liegt. „El mar, y después… Marruecos.“ Doch er habe ja nie Spanien verlassen. Und mit 44 sei es jetzt schwierig, eine andere Sprache zu lernen, vielleicht werde er eine Stelle als Mathematiklehrer in Irland antreten. Die deutsche Grammatik hingegen sei ihm viel zu kompliziert.

Dann öffnet er eine weitere Tür, von der eine steile Außentreppe hinunter nach Granada führt. Es sei besser, hier hinauszugehen. Er scheint es eilig zu haben, mich zu verabschieden, vielleicht hat am Eingang wieder jemand die Glocke geläutet. Doch er will noch mal wissen: „Freundin: not married. Frau: married. Right?“ Ich bestätige das und gehe immerhin mit dem Wissen von dannen, dass Manuel de Falla dank seiner von den unmusikalischen Eltern als brotlos erachteten Kunst immer nur eine heimliche Geliebte haben durfte. Zuhause besucht habe ich ihn jetzt ja schon mal. In sein Werk und seine Biographie werde ich mich bald ausgiebig vertiefen.

Fotos 4 – 6, 8, 10 & 11 Stefan Franzen

Ich kann den Besuch in de Fallas Anwesen nur wärmstens empfehlen: Mit wie viel Detailliebe die Spanier die Lebensumstände ihrer Ikone nach wie vor pflegen, kann man nur als vorbildlich bezeichnen – sie haben sogar sein Prozac aufgehoben. Eine spannende Zeitreise in die Jahre 1921-1939. Ja, spätestens wenn man am Eingang zur Alhambra feststellt, dass man vielleicht doch besser Karten ein paar Wochen im Voraus bestellt hätte, kommt dieses alternative Besichtigungsprogramm sehr gelegen!

Als Nächstes würde ich gerne Maurice Ravels Haus in Montfort L‘Aubery besuchen – er hat fast genau zur gleichen Zeit dort gelebt wie de Falla in Granada. Und ein Dandy und winzig war er ebenfalls. Dass ich im Belvédère allerdings allein sein werde, ist so gut wie ausgeschlossen: Es werden dort nur Gruppenführungen angeboten.

© Stefan Franzen

Paddy Bush II: Schmuse-Instrumente und ein Phönix

                                              Paddy Bush nach dem Vortrag in Aarau, Foto: Stefan Franzen

Die Schlusstakte von „The Red Shoes“ verklingen, Paddy beantwortet ein paar Fragen und ich blicke unruhig auf meine Uhr. Er sei etwas müde, denn um in die Schweiz zu kommen, war er sehr früh aufgestanden, hat man uns am Anfang schon gesagt. Zudem hat er deutlich die vorgesehene Zeit seines Vortrags überschritten. Im Geiste schreibe ich das versprochene Interview schon ab, oder stelle mich darauf ein, dass ich mich mit einem Viertelstündchen begnügen muss.

Doch nach etlichen Handshakes und Selfies mit den Gästen stellt mich Eva Keller ihm vor, und er setzt überhaupt keine zeitliche Begrenzung. Er hat nur eine Bitte: Eine Tasse Tee möchte er gerne haben. Und so sitzen wir in gemütlichen Ledersesseln in einem hohen Raum mit einem bemalten Fries unter der Decke und starten. Vielmehr: Paddy startet, denn wie sich schnell herausstellt, kann man diesen unvergleichlichen Geschichtenerzähler wenig lenken und erst recht nicht stoppen. Aus dem befürchteten Viertelstündchen werden sagenhafte 70 Minuten, während derer ich meinen Fragezettel bald wegwerfe und einfach zuhöre.

Wie wir auf das Eingangsthema kommen, ist mir im Nachhinein schleierhaft: Weit holt Paddy aus über die Unterschiede des Musizierens zwischen den 1920ern und 1960ern. Die Uilleann pipes, der irische Dudelsack und die sardischen Launeddas klängen auf alten Aufnahmen sehr kantig, Staccato-haft, sagt er, in den Sechzigern sei dann plötzlich ein Flow in die traditionelle Musik hineingekommen, an vielen Orten der Welt unabhängig voneinander. Ein Bewusstseinssprung, wie mit den Affen, die Kartoffeln waschen, werfe ich ein. Ja, oder wie mit den Schafen in Wales, die gemerkt haben, dass sie über das cattle grid rollen können und dann in die Gärten der Nachbarn eingedrungen sind, um sie zu verwüsten, meint Paddy. Das wird ein lustiges Gespräch, denke ich mir. Und nutze eine Sekunde, in der er am Tee nippt , um ihn zu fragen, wie er denn ursprünglich zur Musik gekommen ist.

Bush: Auf der Seite meiner Mutter gab es viele traditionelle Musiker aus Irland. Mein Großvater war auch ein Instrumentenbauer. Sie waren arm, um also Zugang zu bestimmten Dingen zu bekommen, mussten sie sie selbst herstellen. Und ich vertrete die gleiche Sichtweise: Einige Dinge, an die du nicht rankommst, musst du dir eben selbst bauen.

Keltische Musik war also der Startpunkt für dich?

Bush: Es war das Folkrevival der 1960er, das für mich den Ausgangspunkt bildete. Ich machte meine erste Feldaufnahme von traditioneller englischer Tanzmusik als ich dreizehn war. Ich hatte ein Tonbandgerät, das unglaublich viele Batterien verbrauchte, aber Aufnahmen von fantastischer Qualität machte. Das war noch das Zeitalter vor den Kassettenrekordern. Ich habe traditionelle Musik immer geliebt und hatte immer eine sehr fixierte Sicht auf Musik als die einzig wahre Religion. Aber es kamen eben immer wieder Dinge vorbei, die meinen Glauben komplett zerstört haben. Weiterlesen

Paddy Bush I: Ein Zither-Gott und königliches Theater

Paddy Bush
„The Beauty & Complexity of Malagasy Music“

Forum Schlossplatz Aarau, 21.09.2017

Bis in die letzte Stuhlreihe ist der kleine Saal im Forum Schlossplatz besetzt. Als ein „Ort der Reflexion und Debatte“ stellt sich die seit 1994 im schweizerischen Aarau bestehende Einrichtung dar. Das Publikum soll hier “zur Auseinandersetzung mit kulturellen und gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart“ angeregt werden. Dafür haben die Macher aber auch wirklich eine schöne Stätte gefunden: eine Villa, die hoch über der Aare thront, am Eingang zur Altstadt der Aargau-Metropole mit ihren trutzigen Häusern. Was hier gleich passieren wird, darauf weisen in diesem schönen Saal mit seinen knarrenden Dielenböden und dem Kronleuchter zwei Dinge hin: Vorne, auf einem kleinen Podest, ruht ein länglicher Metallkasten mit Saiten, den man als Experte vielleicht als die Zither Marovany erkennt. Und an der Wand ist eine kleine Karte von Madagaskar festgepinnt.

Von hinten erschallt ein „Good Evening“ und ein Mann mit grauem Wuschelkopf nimmt im Schneidersitz an der Marovany Platz. Im nächsten Moment ist der Raum erfüllt von filigranen Tongirlanden, die nicht nur Weltmusikfreaks bekannt vorkommen. Auf Kate Bushs Alben The Sensual World und The Red Shoes kann man solche auch entdecken. Kein Wunder, denn besagter Herr mit dem grauen Wuschel und dem fast zarten Lächeln ist ihr Bruderherz Paddy Bush. Klar, er hat sich schon ein wenig verändert, seit er in der Fernsehfassung des Songs „The Wedding List“ den Bösewicht spielte oder auf den Werbefotos für The Red Shoes posierte, doch man erkennt ihn sofort. Was um Himmels willen tut er mitten in der Schweiz? Die Antwort ist denkbar einfach: Er möchte Begeisterung wecken für seine größte Leidenschaft seit Jahrzehnten, die Musik Madagaskars. Weiterlesen

Ravel, der Remixer


Seit einem Jahrzehnt zählt das Trio Vein zu den bekanntesten Jazz-Acts in Basel, doch Pianist Michael Arbenz, sein Bruder Florian am Schlagzeug sowie Bassmann Thomas Lähns arbeiten parallel auch in der klassischen Musik. Aus diesem doppelten Erfahrungsschatz erwuchs jetzt ihre Platte Vein Plays Ravel. Vor dem Konzert in Basel, das die Offbeat-Saison eröffnet, habe ich mit Michael Arbenz über die Hommage an den Impressionisten gesprochen.

Michael, was kann Maurice Ravel 80 Jahre nach seinem Tod heute einem Jazzmusiker sagen?

Michael Arbenz: Es gibt viele Facetten, die aus heutiger Sicht interessant sind. Da wäre seine Arbeitsweise, oft Stücke aus anderen Musikstilen aufzugreifen, sei es aus der spanischen Musik, dem Barock, oder eben auch aus dem Jazz. Mit einem modernen Wort gesagt hat er schon so etwas wie Remixes gemacht. Das ist ein guter Aufhänger für eine Hommage. Ravel ist auch deshalb spannend, weil er genau auf der Schnittstelle von gegenständlicher Musik des 19. Jahrhunderts zur abstrakten Musik des 20. Jahrhunderts gewirkt hat. Das Wichtigste aber: Die Musik von Ravel ist einfach wunderschön, er ist ein Meister der Klangfarben, der Melodien, auch der Rhythmen, dessen Poesie uns schon lange immer sehr berührt und auch begleitet hat. Weiterlesen

The Quartetness of the Universe

Im März konnte ich sie in Toronto bei der Weltpremiere von Nicole Lizées Stück „Black MIDI“ sehen, wo sie öfters mal die Instrumente zur Seite legten, um lustige Schwirrschläuche und elektronische Rappelkisten zu betätigen. Ein Vierteljahr später habe ich Kronos Quartet-Gründer David Harrington an der Strippe, um mit ihm über ein denkbar gegenteiliges Projekt, das neue Album Folk Songs zu sprechen.

David, wie entstand die Idee zu Folk Songs? Kam das von Kronos oder von den beteiligten Sängern?

David Harrington: Bob Hurwitz, der Präsident von Nonesuch zu jener Zeit, hatte die Idee, den 50. Geburtstag des Labels zu feiern. Ein Bestandsteil davon sollten Konzerte sein. Er wusste, dass Kronos über die Jahre hinweg mit vielen Sängerinnen und Sängern gearbeitet hatte, von Dawn Upshaw über Asha Bhosle bis zu Tom Waits und Tanya Tagaq, viele Sänger aus den verschiedensten Ecken der Welt. Für mich klang die Idee mit dem Konzert sehr verlockend, also stellte Bob uns Rhiannon Giddens, Sam Amidon, Olivia Chaney und Nathalie Merchant vor. Die Musik von Rhiannon und Natalie kannte ich schon. Über eine Arbeitsphase von mehreren Monaten dachten wir darüber nach, was die schönsten Songs wären, und als wir die Liste kürzten, überlegten wir dann, wer der Arrangeur der jeweiligen Melodie werden sollte, wer am besten unsere Möglichkeiten in die Arbeit der jeweiligen Sänger übersetzen könnte. Weiterlesen

Auslotung der Freiheit

Foto: Pierre Pallez

Unter den Vokalistinnen der jungen Schweizer Jazzszene ist sie eine der vielversprechendsten. Wobei: Das mit dem „Jazz“ sollte man gleich mal mit Vorbehalt aussprechen. Denn für Yumi Ito wird die stilistische Freiheit ganz groß geschrieben: „Schon als Kind habe ich improvisiert, da wusste ich noch gar nicht, dass es Klassik und Jazz und Pop gibt“, erzählt die 26-jährige. „Als Studiengang war der Jazz für mich schließlich der attraktivste, weil er dieses Improvisatorische am meisten fördert.“

Aufgewachsen als Tochter einer polnischen Mutter und eines japanischen Vaters habe sie das Universum Japans habe eher indirekt geprägt, reflektiert sie: „Vielleicht eher in der Art, wie ich denke, die Zielstrebigkeit, mit der ich meine Projekte verfolge. Aber auch die Japonismen im Impressionismus von Debussy finde ich toll, diese Farben.“ Polnische Volksmusik wurde via Chopin eine Wegbegleiterin, und natürlich war die Mutter, selbst klassische Sängerin, ihr erstes großes Vorbild, zu dem sich aber bald Ella Fitzgerald, Bobby McFerrin und Al Jarreau gesellten. „Während meiner Teenagerjahre habe ich viel Punkrock gehört, wollte laut sein mit der Stimme, ein Volumen haben wie eine Soulsängerin.“ Doch durch die Bossa Nova und Vertreterinnen der leisen Töne wurde Yumi Ito klar: Die Stimme lässt sich auch quasi sprechend nutzen, ohne die ganze Zeit Verzierungen machen zu müssen. Es ist diese Souveränität des Verzichts, die in ihrer Arbeit immer wieder durchscheint, neben der anderen Souveränität: der, über die verschiedensten Genres zu verfügen und daraus eine Freiheit zu schöpfen.

Intertwined hieß ihre erste Visitenkarte, ein Debütalbum, voller Standards von Cole Porter bis Pat Metheny. Standards, die sie aber freilich schon auf acht oder neun Minuten dehnte, mit erfindungsreichen Ausflügen ins Latinfach oder Experimentelle bereicherte, inmitten eines gleichberechtigten Quartetts. Aus dieser Band ist ein wichtiges Element geblieben: Pianist Yves Theiler. „Es war für mich sofort klar, dass wir als Duo weitermachen. Denn Yves hat eine sehr eigene Stimme auf dem Klavier, ist zugleich auch Perkussionist in seinem Spiel. Unsere Kompositionen passen gut zueinander, und wenn wir zusammen musizieren, überraschen wir uns immer wieder gegenseitig von Neuem. Mit ihm kann ich aus einer kleinen Idee etwas ganz Großes entwickeln.“

Foto: Sandro Foschi

Ergebnis des Teamworks ist die Duo-CD Ypsilon. Das aufregende Repertoire aus Eigenkompositionen reicht von einer Indiepop-artigen Melodie zu komplett freier Improvisation, von lautmalerischen Experimenten bis zu einem minimalistischen Wiegenlied mit japanischem Titel. Für Yumi Ito verkörpert sich in diesem Projekt ganz konsequent ihr Wunsch nach größtmöglicher musikalischer Freiheit, eine Freiheit, die sie am Jazzcampus bei Lehrern wie Fred Frith, Mark Turner oder Lisette Spinnler auslotet. Hier wird sie in wenigen Monaten auch ihren Masterabschluss machen, und sie ist voll des Lobes über die Basler Institution. „Ich habe vorher im Toni Areal an der Zürcher Hochschule der Künste studiert, dagegen ist es hier heimeliger und ruhiger. Aber alles ist sehr auf internationale Studenten und Dozenten ausgerichtet, es gehen immer mehr Türen Richtung Frankreich und Deutschland auf. Hier kann ich mich auf Komposition und Arranging konzentrieren.“

Was von Yumi Ito zu erwarten sein wird, das hält sie sich offen. Eines ist klar: Die Betitelung „Jazzsängerin“ ist zu eng gefasst, sie sieht sich als „Künstlerin“ – und zieht einen unerwarteten Vergleich aus der Tasche: „Egal aus welcher Ecke man kommt, es ist wichtig, dass man eine Tradition lernt, und dann sein Eigenes entwickelt. In diesem Sinne ist Picasso für mich ein großer Leitfaden.“

© Stefan Franzen

Yumi Ito & Yves Theiler: „Komori Uta“, Live @Mehrspur Zürich“
Quelle: YouTube


nächste Livetermine:
18.05.2017 – Yumi Ito & Yves Theiler, CD-Release Ypsilon @ Offbeat Jazz Festival, Dorfkirche Riehen
23.-25.05.2017 – Arismar do Espirito Santo @ Birdseye Jazzclub, Basel 

26.05.2017 – Alex Ventling Quartet @ Carambolage, Basel
27.05.2017 – Yumi Ito Project @ Kleine Leckerbissen Festival, Luzern

weitere Termine auf: yumiito.ch

 

Gefühlte Muttersprachen

Ein freigeistiges Instrumentalquartett und eine herausragende Männerstimme – das sind die Zutaten für die vielleicht glücklichste Verbindung von Jazz und arabischer Färbung, die sich derzeit in Deutschland finden lässt. Das Quartett Masaa ist auf seinem dritten Album Outspoken zur Meisterschaft gereift: Die Stücke haben nun die Stringenz von Popsongs, und wie Geistesblitze fliegen die Improvisationen zwischen der Stimme des gebürtigen Libanesen Rabih Lahoud und der Trompete von Markus Rust hin und her. Am Piano liefert Clemens Pötzsch vorwärtsdrängende Akkorde und lyrische Passagen, erfindungsreich gestaltet Perkussionist Demian Kappenstein die perkussive Arbeit, auch mit Schrotteilen und Glöckchen. Anlässlich des Release habe ich mit Rabih Lahoud gesprochen.

Rabih, euer drittes Album heißt Outspoken. Dass ihr diesen Titel so formuliert habt, könnte ja implizieren, dass auf den Vorgängern noch eine Vorsicht da war, dass Manches nicht so direkt ausformuliert wurde…

Rabih Lahoud: Der Titel Outspoken signalisiert auf jeden Fall eine Weiterentwicklung von uns als Musikern, und auch von mir selbst als Sänger und Texter. Ich habe selbst das Gefühl, dass das jetzt gerader ist und stärker nach vorne ausgesprochen. Ich habe das im Rückblick wahrgenommen: nach der Einspielung habe ich die älteren Aufnahmen angeschaut, und auf meine Stimme, auf die Art des Zusammenspiels geachtet. Und da hatte ich sofort den Eindruck, dass jetzt alles klarer ist, wie ein Spiegel, der sauber gemacht wurde. Der Titel der CD hat aber auch damit zu tun, dass so viele verschiedene Botschaften durch die unterschiedlichen Sprachen drinstecken: Die Möglichkeit, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln das sagen zu können, was einen gerade bewegt. Weiterlesen

Zurück ohne Stuck

joy denalane

Nach sechs Jahren Albumpause kehrt Joy Denalane, die Erfinderin des Deutschsoul mit „Gleisdreieck“ zurück. Das Album ist eine Widmung an Berlin und an ihre Vergangenheit in der Sprache eines sehr zeitgemäßen R&B und HipHop. Ein Interview mit der Queen des German Soul.

Joy, das Berliner Gleisdreieck hat nicht nur eine wechselvolle Geschichte seit über einem Jahrhundert, es ist auch in die „Die drei Detektive“ oder Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“ verewigt. Du bist in diesem Areal aufgewachsen – warum gerade jetzt die Widmung an diesen Ort?

Joy Denalane: Das Album war schon fertig, hatte aber noch keinen Titel. Eines Morgens bin ich mit der U-Bahn am Gleisdreieck vorbei gekommen und hatte die Eingabe, dass dieser Titel gleich auf mehreren Ebenen passt: Zum einen bin da ich mit meiner DNA begründet, zum anderen ist es auch eine Metapher: Diese Gabelung, an der man um- und aussteigt, sich begegnet und verabschiedet, immer mit der Möglichkeit des Zurückkehrens. Das fand ich poetisch und treffend. Weiterlesen

Hommage an die Fantasiewelt

mockemaloer ganterVor mehr als zehn Jahren brach die Sängerin Magdalena Ganter aus Hinterzarten im Schwarzwald nach Berlin auf. Dort schuf sie mit Keyboarder Simon Steger und Drummer Martin Bach als Mockemalör einen unverwechselbaren Sound zwischen Elektropop, Chanson und Variété. Jetzt sind sie mit dem Album Riesen auf Tour – dazu ein kurzes Gespräch mit Magdalena, das ich im Sommer geführt habe.

Magdalena Ganter, der Name eurer Band ist sehr einprägsam, trotzdem wissen die Wenigsten, was sich dahinter verbirgt!

Ganter: „Mocke“ ist ein alemannischer Begriff für ein Stück, eine Einheit, und das Malheur ist ja im Französischen das Missgeschick. In der Kombination bekommt es bei uns aber eine etwas andere Bedeutung: ein schönes Missgeschick.

Auf eurem ersten Album Schwarzer Wald hast du noch Alemannisch gesungen, Riesen ist ausschließlich auf Hochdeutsch. Warum dieser Sinneswandel?

Ganter: Damals hat der Dialekt für mich Sinn ergeben, denn das war die Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln, die Besinnung auf die Herkunft, auch eine Art Verschlüsselung, da ich über die Region hinaus nicht verstanden wurde. Aber die nächste Stufe war: Hey, ich habe Lust verstanden zu werden und ich brauche mich nicht mehr verstecken. Denn jetzt fühle ich mich in Berlin angekommen, hier denke und schreibe ich auf Hochdeutsch. Es wäre ein Umweg, alles wieder ins Alemannische zu verpacken. Weiterlesen