Duoreise durch die Zeiten

Unter den herausragenden Jazzstimmen der deutschen Szene, die ich während der letzten Jahre auf diesem Blog vorgestellt habe, hat Simin Tander eine ganz persönliche Färbung. Das setzt sich auch in ihren aktuellen Arbeiten fort. Vor wenigen Tagen hat sie eine Facette daraus mit dem Cellisten Jorg Brinkmann auf der Messe Jazzahead in Bremen vorgestellt. Eine Duoreise durch die Jahrhunderte in nur vier Stücken: Sie reicht vom französischen Barock über Guillaume de Machaut bis zu einer Eigenkomposition und einer Adaption der afghanischen Sängerin Gulnar Begum – stets aus der Perspektive starker Frauen. Berührend und verblüffend, wie die beiden Zeiten und Geographien überwinden.

Simin Tander & Jörg Brinkmann: Live At „Jazzahead“ 2019
Quelle: jazzahead / radiobremen

Die Mystik zweier Welten

gustavsen tander vespestad

Es mag zunächst weit hergeholt klingen: Norwegische Kirchenhymnen werden mit der afghanischen Sprache Paschtu neu eingekleidet und wechseln sich ab mit Texten des persischen Mystikers Rumi, die wiederum auf Englisch gesungen werden. Doch je tiefer die Beschäftigung mit spirituellen Traditionen, desto mehr lösen sich Grenzen auf, werden Parallelen von Islam und Christentum spürbar. Gerade mit musikalischem Fokus kann eine solche Verschränkung zu einem beglückenden Resultat führen. So wie bei What Was Said (ECM), dem gemeinsamen Album der deutsch-afghanischen Sängerin Simin Tander mit den beiden norwegischen Musikern Tord Gustavsen und Jarle Vespestad. Simin Tander im ungeschnittenen Interview.

Simin, du hast mehrfach betont, wie großartig du Tord Gustavsen findest, und dass mit dieser Zusammenarbeit ein Traum in Erfüllung geht. Was ist für dich das Besondere an seinem Spiel?

Er schafft es, auf eine natürliche Art und Weise sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Er ist sehr leidenschaftlich und trotzdem oft reduziert, er traut sich das. „Trauen“ verbindet man ja oft mit einer sehr wilden Art zu spielen, aber ich finde, man muss es auch erst mal wagen, sich auf kleine Melodien, auf einen einzigen Ton konzentrieren, ohne das Gefühl zu haben, man müsste mehr machen. Ich glaube, es geht ganz vielen Musikern so, wenn sie sehr virtuos sein möchten, dass das auch ein Hindernis sein kann. Tord kann alles spielen, es mangelt ihm nicht an Virtuosität. Er fühlt sehr schnell, worum es ihm geht, was ist der Kern des Stückes, des Sounds. Es ist ein tolles Gefühl, mit einem Pianisten zu spielen, der jeden Atemzug von einem mitnimmt und trotzdem Freiraum gibt. Tord hat ja mit sehr vielen Sängerinnen gespielt und auch schon als er jung war viele Kirchenchöre begleitet, er ist also sehr stimmenorientiert. Er kann meiner Phrasierung genau folgen, er fühlt auch genau, wann es Zeit ist nah zu sein und wann, ein Stück zurückzugehen.
Weiterlesen

Listenreich: 2014

Die Jahresabrechnung.

Viel Spaß beim affirmativen Nicken und verständnislosen Kopfschütteln.
Und einen guten Rutsch!

ALBEN

jahresalben 2014
1. Simin Tander (Deutschland/Afghanistan): Where Water Travels Home (Jazzhaus Records/in-akustik)
2. The Gloaming (Irland/USA): The Gloaming (RealWorld/Indigo)
3. Susheela Raman (Großbritannien/Indien): Queen Between (World Village/Harmonia Mundi)
4. Tania Saleh (Libanon): A Few Images (Kirkelig Kulturverksted/Indigo)
5. Blitz The Ambassador (Ghana): Afropolitan Dreams (Jakarta/Groove Attack)
6. Iiro Rantala Trio (Finnland/Slowenien/Polen): Anyone With A Heart (ACT/edel)
7. Somi (Ruanda/ Uganda/USA): The Lagos Music Salon (Okeh/Sony)
8. Woima Collective (Deutschland): Frou Frou Roko (Kindred Spirits/Groove Attack)
9. Márcio Faraco (Brasilien): Cajueiro (World Village/Harmonia Mundi)
10. Kasai All Stars (DR Kongo): Beware The Fetish (Crammed/Indigo)
11. Masaa (Deutschland/Libanon): Afkar (Traumton/Indigo)
12. The Heliocentrics feat. Melvin van Peebles (GB/USA): The Last Transmission (Now Again/Groove Attack)
13. Eddi Reader (Schottland): Vagabond (Reveal/Rough Trade)
14. Noura Mint Seymali (Mauretanien): Tzenni (Glitterbeat/Indigo)
15. Prince (USA): Art Official Age (Warner)
16. Toco (BRA): Memoria (Schema/Groove Attack)
17. Springintgut & F.S.Blumm (Deutschland): The Bird And White Noise (Pingipung/Kompakt)
18. 9Bach (Wales): Tincian (RealWorld/Indigo)
19. Jeri Jeri (Senegal): 800% Ndagga (Ndagga/Indigo)
20. Medeski, Scofield, Martin & Wood (USA): Juice (Okeh/Sony)
21. Conor Oberst (USA): Upside Down Mountain (Nonesuch/Warner)
22. Otis Trio (Brasilien): 74 Club (FarOut/H’ART)
23. Meklit (Äthiopien/USA): We Are Alive (Six Degrees/Exil)
24. William Fitzsimmons (USA): Lions (Grönland/Rough Trade)
25. Pheno S. (Mali): Kani (SahelSounds)

TRACKS DES JAHRES

jahresernte tracks 2014
1. „Shababeek Beirut“ (Tania Saleh)
2. „Clouds“ (Prince & Lianne La Havas)
3. „Freedom“ (Iiro Rantala String Trio)

KONZERTE

jahresernte konzerte
1. Kate Bush, Hammersmith Apollo London, 17.9.
2. Jeff Lynne’s ELO, Hyde Park London, 14.9.
3. Turangalîla-Sinfonie, Konzerthaus Freiburg, 14.10.
4. Black Warriors, TFF Rudolstadt, 6.7.
5. Ed Motta, jazznojazz Zürich, 1.11.
6. Billy Bragg, Rosenfelspark Lörrach, 19.7.
7. Hossein Alizadeh, Kath. Akademie Freiburg, 2.11.
8. Simin Tander, Jazzhaus Freiburg, 6.4.
9. Fat Freddy’s Drop, ZMF Freiburg, 18.7.
10. Carminho, Augusta Raurica, 2.8.

FILME

jahresernte 2014 filme
1. Michael Kohlhaas (Arnaud Des Pallières, Frankreich)
2. Timbuktu (Abderrahmane Sissako, Mauretanien)
3. My Sweet Pepper Land (Hiner Saleem, Kurdistan)
4. Die Andere Heimat (Edgar Reitz, Deutschland)
5. Inside Lllewyn Davis (Ethan & Joel Coen, USA)
6. Grand Budapest Hotel (Wes Anderson, USA)
7. Melaza (Carlos Lechuga, Kuba)
8. Get On Up (Tate Taylor, USA)
9. Mittsommernachtstango (Viviane Blumenschein, Deutschland)
10. Snowpiercer (Bong Joon-ho, Südkorea)

BÜCHER

(im Gegensatz zu Tonträgern genieße ich bei Geschriebenem den Komfort, dass ich mich nicht um Aktuelles kümmern muss. Deshalb rutschen Klassiker und Wiedergelesenes hier ebenbürtig rein. Das gilt m.E. auch für die Filme.)

FICTION
jahresernte buecher 2014

1. John Steinbeck (USA): To A God Unknown
2. Taiye Selasi (Ghana): Ghana Must Go
3. Italo Calvino (Italien): Wenn Ein Reisender In Einer Winternacht (SZ Bibliothek)
4. José Saramago (Portugal): Das Zentrum
5. Michael Chabon (USA): Telegraph Avenue

NON-FICTION

1. Thomas Metzinger (Deutschland): Der Ego-Tunnel (Bloomsbury)
2. Burt Bacharach (USA): Anyone Who Had A Heart (Harper)
3. Bernie Krause (USA): Das Große Orchester der Tiere (Kunstmann)
4. Pim van Lommel (Niederlande): Endloses Bewusstsein (Knaur)
5. Graeme Thomson (Großbritannien): Under The Ivy – The Life & Music Of Kate Bush (Omnibus Press)
6. Iris Radisch (Deutschland): Camus (Rowohlt)
7. Byung Chul-Han (Südkorea): Duft der Zeit (transcript)
8. Douglas Rushkoff (USA): Present Shock (Current)
9. Hajo Düchting (Deutschland): Paul Klee – Painting Music (Prestel)
10. Giulia Enders (Deutschland): Darm Mit Charme (Ullstein)

Die Reise zum Kern

simin tander  - where water travels home
Simin Tander: Where Water Travels Home (Jazzhaus Records/in-akustik)
„Wo das Wasser nach Hause fließt“ – das bedeutet für die Sängerin aus Köln eine Erkundung ihrer afghanischen Gene.  Dieses Album ist ein Horchen auf ihre Wurzeln – nicht, um irgendein schickes Kolorit zu erzeugen,  sondern aus einem tiefen Bedürfnis heraus. Die Klangsprache berührt: Jazz-Improvisationen begegnet sehr persönlichem Songwriting, Gedichte auf Paschtu einer Miniatur in Fantasiesprache, gekrönt von Tanders ergreifender Adaption eines Brel-Chansons. Eine der außergewöhnlichsten Stimmen aus Deutschland derzeit und eine heiße Kandidatin für die Platte des Jahres. Simin Tander ist bis Dezember auf Tournee – nicht verpassen.

Simin Tander: De Kor Arman (live at Bimhuis Amsterdam)
Quelle: youtube