Neo-Soul-Flow aus London

Als Mitmusikerin von Prince machte sie zuletzt von sich reden, dann war sie fünf Jahre weitgehend von der Bildfläche verschwunden. Bis sie sich im Februar mit einem Paukenschlag zurückmeldete: Mit dem BBC Symphony Orchestra kleidete Lianne La Havas ihr Repertoire in ein mächtiges, symphonisches Gewand. Zu hören auch einige neue Songs, Vorboten ihres dritten, selbstbetitelten Opus das jetzt erscheint (VÖ: 17.7.). Neue Band, neue Einflüsse von Radiohead bis Joni Mitchell und ein neuer Neo Soul-Flow: Zeit für ein telefonisches Update mit der 30-jährigen Südlondonerin.

„Ich hatte ja keine Ahnung, was da auf mich zukommt, hatte noch niemals zuvor mit einem Orchester gespielt“, erinnert sich La Havas an ihren Abend mit dem Symphonieorchester. „Aber dann: Wow! Das hat mir eine so große Kraft verliehen, fühlte sich so befreiend an und ich war einfach extrem glücklich, mit einem der tollsten Klangkörper der Welt meine Songs zu spielen.“ „Befreiung“ ist tatsächlich auch der Überbegriff für ihr drittes Studiowerk, das sie in L.A. ersonnen, aber in London eingespielt hat.

Es ist mittlerweile schon acht Jahre her, dass die Tochter einer Jamaikanerin und eines Griechen in die Soulwelt mit ihrem Debüt „Is Your Love Big Enough?“ hineinexplodierte. Ihre sonnengetränkte und frische Ausstrahlung setzte sie in trotzigen Soulhymnen mit querstehenden Gitarrenriffs, genauso aber in charmanten, fast jazzigen Miniaturen um. Der Nachfolger „Blood“ peilte coolen R&B an, hatte aber eine etwas glatte Oberfläche. Beide Welten hat Lianne La Havas auf dem dritten Werk austariert. „Das erste Album war experimentell, sprang zwischen allen Genres, die ich mag, hin und her, das zweite war produzierter. Dieses neue Werk liegt in der Mitte, klingt sehr live, hat viele Gitarren, großen Gesang, berücksichtigt aber auch alle meine Studioideen“, analysiert La Havas. Selbstbewusst, aber nicht abgeklärt tönt „Lianne La Havas“. Viele der Stücke wurden in L.A. ersonnen, ihrer Lieblingsstadt zum Abhängen. Eingespielt wurde aber in London, mit Musikern, die von ihrem langjährigen Produzenten und Keyboarder Matt Hales zusammengestellt wurden, aus verschiedensten Bereichen, von Pop über afrikanischer Musik bis zu Jazz, Soul und HipHop.

„Ich wollte zunächst mal austesten, wie ich mit dieser neuen Band im Studio arbeiten kann, dafür nahmen wir uns ‚Weird Fishes‘ von Radiohead vor, einen Song, den ich schon ewig auf der Bühne gespielt hatte“, sagt La Havas. „Es war perfekt! Alle meine Hoffnungen haben sich erfüllt, denn jeder brachte seine Individualität ein. Diese Jungs haben mir wirklich geholfen, meinen Sound zu definieren. Es ist nicht einfach britischer Soul, sondern es klingt durch und durch nach mir.“ Ermutigt durch diese Synergieeffekte, begann La Havas Lyrics zu schreiben, die sehr intim von all dem erzählen, was sie durchlebte während der letzten Jahre. Vom Wiedergewinnen des Selbstvertrauens nach einem Tournee-Burnout im hymnischen „Bittersweet“. Von der liebevollen Erinnerung an ihre verstorbene Großmutter, deren Lebensweisheiten sie mit dem hymnischen „Sour Flower“ ein Denkmal gesetzt hat. Und von neuer Liebe, die sich in „Read My Mind“ mit elegant-süffigem Neo-Soul-Flow die Bahn bricht.

Sie tut das mit einer Stimme, die immer noch ihr unverkennbares Vibrato besitzt, das nur Lianne La Havas hat, die sich aber auch verändert hat: „Meine Artikulation ist viel stärker geworden. Ich lasse keine Töne mehr aus, bin nicht mehr so nachlässig oder zu relaxt. Hoffentlich wird die Stimme, wie sie jetzt ist, für lange Zeit meine Stimme sein!“ Lianne La Havas souliger Planet hat auf diesem dritten Opus auch ein paar überraschende Satelliten eingefangen. „Green Papaya“ ist so ein Song, der unweigerlich an die kanadische Songwriterin Joni Mitchell denken lässt. Und tatsächlich: „Ich dachte immer, ich sei ein großer Joni-Fan, aber während der Aufnahmen lernte ich erstmals ihr Album ‚Hejira‘ kennen. Mir gefiel, wie sie und der Bassist Jaco Pastorius da ganz nackt, ohne Beats zu hören sind. Das inspirierte diesen Song, der ebenfalls ganz ohne Drums auskommt.“ Das ruhige, psychedelisch-folkige „Courage“ hat sie ihrer Liebe zum Brasilianer Milton Nascimento zu verdanken, es ist eine Auslotung der süffigen tropischen Harmonien der 1970er.

Und schließlich kann man immer wieder, in den Gesangsschichtungen und den Gitarrengrooves, auch ihren Mentor Prince durchhören. „Sein Tod war ein Schock für mich und es vergeht keinen Tag, an dem ich nicht an ihn denke“, blickt La Havas zurück. „Jeder spricht von seiner rätselhaften Natur, aber ich entdeckte eine sehr liebevolle Seite an ihm und seinen hartnäckigen Willen, Bewusstsein und Kreativität immer noch mehr auszuweiten. Er unterbrach diesen Prozess in keiner Sekunde. Das kristallisierte sich alles in seiner Forderung heraus: ‚Sei du selbst, und rechtfertige dich niemals dafür.‘ Für mich ist das sein Vermächtnis.“

© Stefan Franzen, erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe vom 15.07.2020

Lianne La Havas: „Can’t Fight“
Quelle: youtube

Happy Birthday To Ya – Stevie 70

Einer der bekanntesten Geburtstags-Songs der Popgeschichte stammt aus seiner Feder, Adressat: Martin Luther King. Heute kann man ihm selbst „Happy Birthday To Ya“ singen: Stevie Wonder wird 70 Jahre alt. Das klingt fast etwas unwirklich, denn alles Wichtige in seinem Leben ist mit der Jugend verbunden, passierte sehr früh. Mit zwölf Jahren veröffentlichte er seine ersten LPs, mit 21 erkämpfte er sich künstlerische Selbstbestimmung, sein Magnum Opus schrieb er mit 25.

Als „Little Stevie Wonder“ stellt ihn Motown 1962 vor, und die gesamten Sechziger hindurch bleibt der Wunderknabe, großes Vorbild Ray Charles, mit mehr als einem Dutzend Alben fest in der Hit-Diktatur von Labelchef Berry Gordy gefangen. Der Multiinstrumentalist begeistert mit seiner fantastisch flexiblen, glockenhellen Stimme und seinem sonnigen Mundharmonikaspiel, liefert Chartstürmer wie „Signed, Sealed & Delivered“, „I Was Made To Love Her“ oder „My Cherie Amour“.

Ähnlich wie Labelkollege Marvin Gaye begehrt er an der Wende zu den 1970ern gegen das kommerzielle Korsett auf. Wonder belegt Musiktheorie, baut ein eigenes Studio, handelt seinen Motown-Vertrag neu aus und vollzieht mit den Werken Where I’m Coming From und Music Of My Mind eine Metamorphose zum vielfältigsten Soul-Künstler seiner Zeit. Seine Songs umfassen jetzt ein Spektrum von harscher Sozialkritik bis zu dahinschmelzenden Liebesballaden, er formt Jazz, Funk, Gospel und Reggae zu einem eigenen Stil. Seine Songs baut er aus fast klassisch komplexen Harmoniegängen, die Stimme gewinnt an Tiefe und Innerlichkeit, und eine Pioniertat ist sein Gebrauch von Synthesizern.

Hits schreibt er weiterhin, darunter „You Are The Sunshine Of My Life“ und das aufgekratzt-funkige „Superstition“, beide von der Platte „Talking Book“ (1972). Fast von Geburt an blind entwickelt er ab Innervisions eine zunehmend spirituelle Bildsprache und wird zugleich immer politischer, greift mit dem ätzenden „You Haven‘t Done Nothin‘“ direkt Präsident Nixon an. Die ungeheure Kreativitätsphase gipfelt 1976 in Songs In The Key Of Life: Das opulenteste Konzeptalbum des Soul bis dahin spannt sich thematisch von „Pastime Paradise“, einem tiefgründigen Plädoyer gegen Müßiggang, das später Rapper Coolio aufgreift, bis zur zündenden Duke Ellington-Hommage „Sir Duke“ auf.

Noch einmal, 1980 mit Hotter Than July, schafft er ein Meisterwerk inklusive seiner Reggae-Lesart in „Master Blaster“. Dann führt ihn sein Weg in den – manchmal seichten – Pop: Das sentimentale „I Just Called To Say I Love You” hat ihm so mancher Fan der Frühzeit bis heute nicht verziehen. Duette mit Paul McCartney und Michael Jackson sowie Filmmusiken flankieren den weiteren Weg, Alben gibt es nur noch sporadisch. Das letzte Werk A Time To Love mit Gästen von India.Arie bis Prince liegt 15 Jahre zurück. Generationen von Musikern und Soul-Aficionados hat Stevie Wonder geprägt, sein berühmtester Fan, Barack Obama, machte ihn zum Stammgast bei den Konzerten im White House. Neben der Musik gilt bis heute sein unermüdliches Engagement einem Amerika ohne Rassismus.

© Stefan Franzen, erschienen in der Badsichen Zeitung, Ausgabe 13.05.2020

Zeitreise durch den Soul

Brittany Howard & Michael Kiwanuka
Baloise Session, Basel
29.10.2019

Zwei, drei Mal die Ohren gerieben, doch dann steht fest: Ja, Brittany Howard hat sich John Lennons „Revolution“ unter den Nagel gerissen. Und wie! Mit ihrer neunköpfigen Band stampft sie durch einen heftig rollenden Südstaaten-Bluesrock, fast lässt sich die feuchte Erde riechen, die Beatles sind da kaum noch zu erkennen. Doch da sind wir schon bei den Zugaben, nachdem sie bei ihrem Auftritt auf der Baloise Session eine fantastische Stunde lang einen eigenwilligen Zickzack-Parcours – nicht nur – durch die Soulhistorie gefahren hat.

Howard, die mit der Formation Alabama Shakes den Soul der Sechziger mit Garagenrock paarte und dafür gleich vier Grammys bekam, ist seit diesem Jahr auch unter eigenem Namen unterwegs. Als Solokünstlerin stöbert sie ausgiebig in den Geschichtsbüchern von Soul, Funk und Blues, ist aber viel zu eigenwillig, um auch nur in die Nähe einer Epigonin zu geraten. Irgendwie spiegelt schon die Typologie ihrer Band eine gelungene Inklusion der musikalischen Epochen: Hinter der Leaderin mit Sekretärinnenbrille und Glitzerumhang versammelt sich eine Truppe, in der klassische Soul-Ladies, krautbärtiges Hipstertum und kahlgeschorene Moderne versammelt sind. Und diese Vielschichtigkeit setzt sich in der Musik fort: Aus Jackie Wilsons „Higher And Higher“ beschwört Howard mit ihrer Shouter-Stimme ein mittleres Erdbeben herauf, in „Stay High“ dagegen thront sie derart triumphierend im Falsett, dass man meint, Smokey Robinson hätte die Bühne betreten.

Ein wenig Disco-Soul wird in „You’re What I’m All About“ serviert, im katzenartigen Herumschweifen von „Goat Head“, ein hintergründiges Statement gegen Rassendiskriminierung, grüßt sie den Neo-Soul einer Erykah Badu. Etliches hat Brittany Howard Prince zu verdanken, den sie in „Breakdown“ covert: die grandiosen Leuchtspuren der Gesangsharmonien zwischen ihr und den beiden Backgroundvokalistinnen Karita Law und Shanay Johnson, oder die wie aus dem Nichts einsetzenden Gewitter der E-Gitarren (dreifach besetzt: Brad Williams, Alex Chakour und sie selbst).

Doch am überzeugendsten ist die Frau aus Alabama tatsächlich, wenn sie fernab aller Referenzen ganz sie selbst ist: in ihrer gewaltigen Zorneshymne auf die Liebhaberin, die sich von ihr trennt („Baby“), aber auch im sanften „Short & Sweet“, in dem sie sich nur mit Akustikgitarre zärtlichen Träumereien hingibt. “He Loves Me“, von Spoken Word-Attacken durchzogen, ist ihre Hymne an Gott, der sie auch liebt, wenn sie nicht in die Kirche geht, und in der anschließenden Ballade „Georgia“ köchelt Lloyd Buchanan eine ganze Gospelmesse auf seinen Orgeltasten gar. Schließlich fährt die Tochter aus einer gemischten Ehe auch noch ihre ganz eigene Predigt von Gewaltfreiheit und Rassengleichheit auf, die durch ein rhythmisch querständiges Schlagzeugsolo von Nate Smith gekrönt wird. Das Erbe von Martin Luther King, na klar, aber katapultiert in die Jetztzeit. Einigermaßen atemlos lässt das den Saal zurück.

Brittany Howard: Stay High“
Quelle: youtube

Entspannen kann man dagegen bei Michael Kiwanuka. Der Londoner ugandischer Herkunft war schon mal vor vier Jahren beim Open Air der Basler Kaserne zu Gast. Seine morgen erscheinende, dritte Platte ist ein spirituelles Meisterwerk, hallverliebt, mit Sonnenaufgangschören und vielen Streichertexturen. Auf der Bühne allerdings kommt diese Räumlichkeit nicht rüber. Da ist er mit seinen geradlinig gestrickten Songs eher dem Retro-Folkrock als dem -Soul verpflichtet: eine schrammelige und eine leicht psychedelische Gitarre, ein paar glitzernde Gimmicks aus den wimmernden Keyboards, fröhliche „Na-na-na“-Chöre der beiden Chordamen.

Es dauert etliche Songs, bis das Publikum sich auf Kiwanukas unprätentiöses Charisma einlassen kann. Mit geschlossenen Augen verbeißt sich dieser grundsympathische Kerl regelrecht in seine Phrasen, manche wiederholt er Mantra-gleich, zelebriert so eindrücklich sein Anderssein: „I‘m a black man in a white world“. Die Stimme, sie ist weniger „golden“ wie im Motto des Abends, man würde dieser Mischung aus Rost und Karamell eher einen Bronzeton attestieren. Es ist die Backgroundsängerin Emily Holligan, die mit einem grandiosen Solo das Eis bricht. Danach finden Kiwanuka und Band zu mehr Ausdifferenzierung: in einer wunderbaren Version des frühen Hits „Home Again“ mit funkelnder Fender Rhodes, mit einer seelenruhigen Fingerpicking-Miniatur. Und eine faustdicke Überraschung liefert der Folksoul-Barde mit einem schwofigen Stehblues, den er am Ende selbst mit einem Stromgitarren-Feuer in Brand setzt.

© Stefan Franzen, erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 31.10.2019

Michael Kiwanuka: „Piano Joint“
Quelle: youtube

Avantgarde im barocken Park

Foto: Elise Malterre

Sudan Archives
Festival Stimmen, Reithalle Riehen/CH, 18.07.2019

„Reingefiedelt“ habe sich Sudan Archives in die alternative Musikszene, spöttelte die Musikzeitschrift Spex, als es sie noch gab. An der 24-Jährigen aus Ohio mit Wohnsitz L.A. scheiden sich zuweilen die Geister. Die Geige als Hauptinstrument in der elektronischen Musik, zudem eine ruppig und kratzig behandelte – das sorgt nicht nur für Begeisterung, erinnert manche an ihre verzweifelten Versuche auf der Musikschule, andere wittern wurzelige Folk-Tümelei. Doch Sudan Archives bricht mit Violinen-Klischees: Im Alleingang baut sie um ihr Instrument fantastische Soundscapes, die sich zwischen futuristischem R&B, Neo-Soul und Electro-Performance einpendeln. Afrikas urtümliche Streichfiedeln haben ihr anfänglich den Kick gegeben.

Man konnte sich fragen, warum die Stimmen-Verantwortlichen den progressivsten Act ihres diesjährigen Programms ausgerechnet in den „konservativsten“ Spielort setzten. Deutlich sichtbarer Effekt schon vor dem Gebäude: Etliche junge Leute hat es in den barocken Park gezogen. Und der Clash zu Beginn der Show macht Spaß: hier der großbürgerliche Wohnzimmer-Charme des Bühnenhintergrundes, dort die Avantgarde-Künstlerin, die im kirschroten Umhang an eine Wüstenprinzessin erinnert und spröde Pizzicato-Phrasen schichtet. Ganz so, als wolle sie erst mal vorsichtig unter ihrer Kapuze die Stimmung in diesem wunderlichen Saal antesten. Das Pferdehaar ihres Geigenbogens – zunächst die einzige Verbindung zur Gestüt-Atmosphäre. Die abwartende, gespannte Haltung auf beiden Seiten – sie sorgt für fast hörbares Knistern.

Dann ist die Kennenlernphase vorbei, und Sudan Archives, einst mit stolzer Afromähne als Markenzeichen, gibt sich mit seitlich rasiertem Pony und Pferdeschwanz zu erkennen. Von ihrem Roland SP-404-Sampler lässt sie monströse House-Rhythmen in die Halle knallen, zu den gezupften Linien treten langgezogene, heulende Glissandi, die sich in ihrem Fluss aneinander reiben. Mit Fingern und Knöcheln bearbeitet wird der Geigenkorpus außerdem zur Perkussionsfläche, verzahnt sich mit den programmierten schmatzenden, schabenden und klackernden Rhythmusfragmenten, die auch mal tönen, als klatsche man mit der hohlen Hand auf Wasser. Diese Patchwork-Konstrukte aus Programmiertem und live Gespieltem, gelegentlich mit abrupten Taktwechseln versehen, besitzen schon so viel Räumlichkeit in sich selbst, dass die hallige Akustik des Saals stellenweise störend wirken kann.

Auch ihre Stimme, weder soulig noch virtuos, muss sich vorarbeiten, und als sie das schafft, erkennt man in ihrem lakonischen, fast sprechenden Ton tatsächlich Anleihen an Neo-Soulqueen Erykah Badu, mit der sie oft verglichen wird. Die dicht gepackten schweifenden Chöre erinnern phasenweise an den seligen Prince. Nicht so ganz passt die ebenfalls öfters gezogene Parallele zu Laurie Anderson: Viel weniger akademisch ist Sudan Archives Musik, viel mehr um einfache melodische Floskeln kreisend und auf afrikanische Archaik verweisend. Bilder von einem Kamelritt der Nomaden entstehen in einem gemächlicheren Moment, auch fernöstliche Tupfer blitzen auf – nie geographisch konkret, diese Frau entwirft ihre eigene Landkarte. Und wie um sich über Virtuosität zu mokieren, schiebt sie mit fliegendem Bogen plötzlich ein rasantes „Orange Blossom Special“ ein, halsbrecherischer Klassiker der Country-Fiddle.

Sudan Archives, die sich auch als Visual Artist sieht und grandiose Videoclips zu ihren Stücken dreht, geht mit Effekthascherei fürs Auge auf der Bühne eher sparsam um: Nur kurz wird der Geigenbogen mal zum Laserschwert, mal tanzt sie für einen Moment als Ballerina im Kreis, pflückt dann aus der Girlande am Mikroständer eine Blume fürs Publikum heraus. Man muss keine feinen Antennen haben, um recht bald zu spüren: Das Experiment glückt. Diese manchmal noch unausgegorene und leicht überfrachtete, aber oft verblüffende Electro-Spielwiese läuft im eher braven Setting, der überwiegende Teil des Publikums lässt sich mitreißen, den Ausgang suchen nur Einige, verschreckt von Lautstärke und technoidem Gestus. Ja, Vieles ist programmiert. Ja, Vieles wird geloopt: Doch die Interaktion zwischen Maschinen und alleiniger Akteurin lehnt sich nie bequem ins Vorfabrizierte zurück, Sudan Archives hält sie immer lebendig. In die langweiligen Drei-Akkorde-Gitarrenmädchen und die Gutelaune-Combos, die den Festivalsommer bevölkern, hat diese junge Frau eine frische, aufregende, wagemutige Schneise gepflügt.

© Stefan Franzen
erschienen in der Badischen Zeitung Lörrach, Ausgabe 20.07.2019

Sudan Archives: The Electric-Soul Artist Reimagining The Violin
Quelle: youtube

Klangreisen für Herbert George

Foto: George Charles Beresford, 1920

Ob er ein  Science Fiction-Autor war oder doch eher ein Meister der fantastischen Erzählung – darüber lässt sich trefflich debattieren: H.G.Wells wäre heute 150 Jahre alt geworden.

Sieben Reisen durch die Zeit zu Ehren seines bekanntesten Buches! Weiterlesen

Prinz & Löwenherz: Ms. Bush & Mr.Nelson

kate prince

Zehn Tage nach Princes Tod möchte ich einen seiner eher außergewöhnlichen Songs würdigen. Es ist ein fast schon kurios zu nennendes Teamwork mit einem anderen Alphatier der Popmusik, zu finden auf dem Album The Red Shoes von Kate Bush (1993). Die beiden Querköpfe haben sich zu dieser transatlantischen Kollaboration zu einem Zeitpunkt zusammengefunden, in dem sie in völlig unterschiedlichen Lebensphasen steckten: Kate noch unter dem Eindruck des Todes ihres Gitarristen Alan Murphy, sowie der sich langsam abzeichnenden Trennung von Partner, Soundengineer und Bassist Del Palmer, Prince in überschwänglicher Laune, nachdem er sich von der dunklen Phase des Black Album spirituell befreit hatte. Ob über Kates transatlantisches Tête-à-tête mit Prince nach dem frühen Tod des Querkopfs aus Minnesota noch ein paar Details mehr ans Licht kommen? Wir wissen ja schon eine Menge. Weiterlesen

Listenreich: 2014

Die Jahresabrechnung.

Viel Spaß beim affirmativen Nicken und verständnislosen Kopfschütteln.
Und einen guten Rutsch!

ALBEN

jahresalben 2014
1. Simin Tander (Deutschland/Afghanistan): Where Water Travels Home (Jazzhaus Records/in-akustik)
2. The Gloaming (Irland/USA): The Gloaming (RealWorld/Indigo)
3. Susheela Raman (Großbritannien/Indien): Queen Between (World Village/Harmonia Mundi)
4. Tania Saleh (Libanon): A Few Images (Kirkelig Kulturverksted/Indigo)
5. Blitz The Ambassador (Ghana): Afropolitan Dreams (Jakarta/Groove Attack)
6. Iiro Rantala Trio (Finnland/Slowenien/Polen): Anyone With A Heart (ACT/edel)
7. Somi (Ruanda/ Uganda/USA): The Lagos Music Salon (Okeh/Sony)
8. Woima Collective (Deutschland): Frou Frou Roko (Kindred Spirits/Groove Attack)
9. Márcio Faraco (Brasilien): Cajueiro (World Village/Harmonia Mundi)
10. Kasai All Stars (DR Kongo): Beware The Fetish (Crammed/Indigo)
11. Masaa (Deutschland/Libanon): Afkar (Traumton/Indigo)
12. The Heliocentrics feat. Melvin van Peebles (GB/USA): The Last Transmission (Now Again/Groove Attack)
13. Eddi Reader (Schottland): Vagabond (Reveal/Rough Trade)
14. Noura Mint Seymali (Mauretanien): Tzenni (Glitterbeat/Indigo)
15. Prince (USA): Art Official Age (Warner)
16. Toco (BRA): Memoria (Schema/Groove Attack)
17. Springintgut & F.S.Blumm (Deutschland): The Bird And White Noise (Pingipung/Kompakt)
18. 9Bach (Wales): Tincian (RealWorld/Indigo)
19. Jeri Jeri (Senegal): 800% Ndagga (Ndagga/Indigo)
20. Medeski, Scofield, Martin & Wood (USA): Juice (Okeh/Sony)
21. Conor Oberst (USA): Upside Down Mountain (Nonesuch/Warner)
22. Otis Trio (Brasilien): 74 Club (FarOut/H’ART)
23. Meklit (Äthiopien/USA): We Are Alive (Six Degrees/Exil)
24. William Fitzsimmons (USA): Lions (Grönland/Rough Trade)
25. Pheno S. (Mali): Kani (SahelSounds)

TRACKS DES JAHRES

jahresernte tracks 2014
1. „Shababeek Beirut“ (Tania Saleh)
2. „Clouds“ (Prince & Lianne La Havas)
3. „Freedom“ (Iiro Rantala String Trio)

KONZERTE

jahresernte konzerte
1. Kate Bush, Hammersmith Apollo London, 17.9.
2. Jeff Lynne’s ELO, Hyde Park London, 14.9.
3. Turangalîla-Sinfonie, Konzerthaus Freiburg, 14.10.
4. Black Warriors, TFF Rudolstadt, 6.7.
5. Ed Motta, jazznojazz Zürich, 1.11.
6. Billy Bragg, Rosenfelspark Lörrach, 19.7.
7. Hossein Alizadeh, Kath. Akademie Freiburg, 2.11.
8. Simin Tander, Jazzhaus Freiburg, 6.4.
9. Fat Freddy’s Drop, ZMF Freiburg, 18.7.
10. Carminho, Augusta Raurica, 2.8.

FILME

jahresernte 2014 filme
1. Michael Kohlhaas (Arnaud Des Pallières, Frankreich)
2. Timbuktu (Abderrahmane Sissako, Mauretanien)
3. My Sweet Pepper Land (Hiner Saleem, Kurdistan)
4. Die Andere Heimat (Edgar Reitz, Deutschland)
5. Inside Lllewyn Davis (Ethan & Joel Coen, USA)
6. Grand Budapest Hotel (Wes Anderson, USA)
7. Melaza (Carlos Lechuga, Kuba)
8. Get On Up (Tate Taylor, USA)
9. Mittsommernachtstango (Viviane Blumenschein, Deutschland)
10. Snowpiercer (Bong Joon-ho, Südkorea)

BÜCHER

(im Gegensatz zu Tonträgern genieße ich bei Geschriebenem den Komfort, dass ich mich nicht um Aktuelles kümmern muss. Deshalb rutschen Klassiker und Wiedergelesenes hier ebenbürtig rein. Das gilt m.E. auch für die Filme.)

FICTION
jahresernte buecher 2014

1. John Steinbeck (USA): To A God Unknown
2. Taiye Selasi (Ghana): Ghana Must Go
3. Italo Calvino (Italien): Wenn Ein Reisender In Einer Winternacht (SZ Bibliothek)
4. José Saramago (Portugal): Das Zentrum
5. Michael Chabon (USA): Telegraph Avenue

NON-FICTION

1. Thomas Metzinger (Deutschland): Der Ego-Tunnel (Bloomsbury)
2. Burt Bacharach (USA): Anyone Who Had A Heart (Harper)
3. Bernie Krause (USA): Das Große Orchester der Tiere (Kunstmann)
4. Pim van Lommel (Niederlande): Endloses Bewusstsein (Knaur)
5. Graeme Thomson (Großbritannien): Under The Ivy – The Life & Music Of Kate Bush (Omnibus Press)
6. Iris Radisch (Deutschland): Camus (Rowohlt)
7. Byung Chul-Han (Südkorea): Duft der Zeit (transcript)
8. Douglas Rushkoff (USA): Present Shock (Current)
9. Hajo Düchting (Deutschland): Paul Klee – Painting Music (Prestel)
10. Giulia Enders (Deutschland): Darm Mit Charme (Ullstein)

Wolkenmädchen

lianne-la-havasFoto: okayplayer.com

2013 erzählte sie mir im Interview, sie arbeite mit Prince, wollte aber nichts Genaues verraten. Seit wenigen Tagen ist nun mit der Geheimniskrämerei vorbei. Dass das Teamwork von Lianne La Havas und Mr. Nelson in eine so pure, himmeljauchzende Schönheit münden würde, wie mit der Single „Clouds“ – hätte ich nicht erwartet. Zumal ich mit dem Herrn über Paisley Park öfters Probleme hatte.  Diese paar Minuten aber möchte ich derzeit auf Endlosschleife hören.

Prince feat. Lianne La Havas: „Clouds“
Quelle: musicplayon

Ich bin gespannt, ob sich Minneapolis bei London revanchieren wird, dann, wenn das neue Album der griechisch-jamaikanischen Songstress erscheinen wird. Unterdessen geizt Miss La Havas noch mit neuem Material, covert lieber Radiohead und Little Dragon. Mal vor Leuten, mal vor Kühen.

Lianne La Havas live at Glastonbury 2013: „Weird Fishes“
Quelle: youtube
Lianne La Havas, Barn Sessions: „Twice“
Quelle: youtube