Motowns raueste Versuchung

Seine raugeschmirgelte Stimme wird immer mit dem Hit „Papa Was A Rolling Stone“ in Verbindung bleiben: Dennis Edwards war der charismatische und charaktervolle Leadsänger in der vielleicht spannendesten Phase der Detroiter Supergroup The Temptations. 1968 stieg er als Nachfolger von David Ruffin ein und prägte die psychedelisch gefärbten Hits voller orchestraler Dramatik, neben dem erwähnten Papa etwa „Cloud Nine“, „Psychedelic Shack“ oder „Masterpiece“. Gestern ist Edwards einen Tag vor seinem 75. Geburtstag gestorben.

The Temptations feat. Dennis Edwards: „Psychedelic Shack“
Quelle: youtube

Spiritueller Triumph

Sharon Jones & The Dap-Kings
Soul Of A Woman
(Daptone/Groove Attack)

Wie singt jemand im Angesicht des Todes den Soul? Bei der vor einem Jahr verstorbenen Sharon Jones scheint die Gewissheit über das Kommende einen heiligen Ernst entfacht zu haben. Auf dem nun posthum erscheinenden Soul Of A Woman hat sie zu einem machtvoll glühenden Ton ohne ein Quäntchen Pathos gefunden, der in „Matter Of Time“ oder „Sail On“ an die Intensität von Aretha Franklins ersten Atlantic-Alben erinnert, flankiert von den beißenden Horns der Dap-Kings, die wie ein großes Groove-Organ atmen.

Und in der Mitte passiert etwas Großartiges: Nach der weitgehend funky A-Seite (auch die CD folgt der LP-Ästhetik), reihen sich fantastische Balladen ganz unterschiedlicher Couleur aneinander: Ihr Phrasieren zur glimmenden Orgel in „Pass Me By“ gemahnt an den Minimalismus des jungen Al Green, das zum Niederknien mit Motown kokettierende „When I Saw Your Face“ lebt von gleißenden Streichern, „Girl“ von orchestralem Hochgebirge. Das kurze Album verdankt seine Magie auch der exzellenten Produktion – der unglaublich kompakte, zeitlose Sound macht Prädikate wie „retro“ endlich überflüssig. „Call On God“ heißt das Gospel-betupfte Finalstück aus Jones‘ eigener Feder – ein Schwanengesang, der zum spirituellen Triumph über den Tod geraten ist.

Sharon Jones & The Dap-Kings: „Call On God“
Quelle: youtube

Crooner der gebrochenen Herzen

jimmy ruffin
Er stand im Schatten seines jüngeren Bruders David und hatte nie einen Nummer 1-Hit bei Motown. Doch sein „What Becomes Of The Brokenhearted“ ist eine Soul-Ballade, die jeden, der mal an einem gebrochenen Herzen gelitten hat, tief berühren muss.

R.I.P. Jimmy Ruffin

Jimmy Ruffin: „What Becomes Of The Broken Hearted“
Quelle: youtube