(he)artstrings #26: Gedankenleser

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„If You Could Read My Mind“ (Gordon Lightfoot)
(aus:  If You Could Read My Mind, Reprise 1970)

Zuerst gehört habe ich das Lied sicher in der deutschen Version von Daliah Lavi („Wär‘ ich ein Buch“). Danach wurde es während der Olympischen Sommerspiele von München und Montréal von der ARD als Begleitmusik zur Wahl der schönsten Sportlerin verwendet. Der Name Gordon Lightfoot sagte mir damals natürlich gar nichts, erst viel später habe ich mich mit der Biographie des Mannes befasst, dem dieser empfindsame Bariton gehört. Aber die melancholisch fließende, in sich ruhende Melodie hat mich damals so in Beschlag genommen, dass dieser Song tatsähclich zu einem der ersten Ohrwürmern meines Lebens wurde.

Gordon Lightfoot hat heute in Kanada den Status einer nationalen Legende. Die meisten seiner singenden Landsleute müssen in den 1960ern aus wirtschaftlichen Gründen in die Staaten gehen, und es gerät zu ihrem Stigma, dass viele von ihnen bis heute für Amerikaner gehalten werden. Lightfoot dagegen kehrt nach kurzem US-Intermezzo früh/bald in die Heimat zurück. Mit seiner Lesart von Country und Folk formt er einen sehr persönlichen Ton – ein Ton, der sich nie patriotisch gibt, aber das Publikum glaubt, in ihm typisch kanadische Mythen zu entdecken: Starke Naturbilder tauchen in seinen Songs auf, sie handeln vom Unterwegssein in der weiten Landschaft, von der Geschichte der Eisenbahn, dem Untergang von Schiffen, den Arbeitern auf den Wolkenkratzern. Lightfoot, der privat mit vielen Dämonen von Alkoholismus bis zu notorischer Untreue kämpft, singt auch oft über die Liebe, manchmal zynisch, nie sentimental, aber durchaus philosophisch, wie eben in „If You Could Read My Mind“.

Nach Joni Mitchell ist Gordon Lightfoot die zweite Kreativkraft aus Kanada, die diesen Monat einen runden Geburtstag feiert, und zusammen mit Joni und Leonard Cohen bildet er die Triade der größten Songwriter des Ahornstaates. Happy 80th birthday, Mr. Lightfoot!

Gordon Lightfoot: „If You Could Read My Mind“, live 1972
Quelle: youtube

(he)artstrings #25: Die Murmel-Erde

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Kate Bush
„Hello Earth“ (Kate Bush)

(aus: Hounds Of Love, 1985)

Heute feiert die englische Sängerin, Songwriterin, Pianistin und Produzentin Kate Bush ihren 60. Geburtstag. Seit dem Erscheinen ihrer Single „Wuthering Heights“ (inspiriert durch den gleichnamigen Roman von Emiliy Brontë, die heute 200 Jahre alt würde) im Februar 1978 hat mich ihre Musik begleitet, begeistert, fasziniert, verstört, getröstet, elektrisiert. Lange habe ich mir überlegt, wie ich ihren Geburtstag auf dieser Seite feiern kann. Und dann war mir klar: mit einer Würdigung ihres für mich überragenden Songs. Die Analyse habe ich vor einiger Zeit für morningfog.de geschrieben.

Kate Bush: „Hello Earth“
Quelle: youtube

Eine gespenstische Szenerie war das, als mir diese sechs Minuten und zwölf Sekunden zum ersten Mal begegneten, der Song, der mir von allen aus Kates Werk bis heute am meisten bedeutet. Ich war siebzehn, mit ein paar Kumpels hatte ich gerade eine Nachtwanderung unternommen, in tiefer Nacht stiegen wir ins Auto und fuhren Richtung Tal zurück. Jemand stellte das Kassettenradio an, und während draußen im schemenhaften Licht die Baumkronen vorbeizogen, ertönte dieser unfassbare Chor. „Was ist das?“, fragte ich sofort entgeistert. „Das ist die neue Kate Bush-Platte“, meinte der Freund. „Kann nicht sein“, entgegnete ich. Bis dahin kannte ich nur die Klangwelten entfernte Singleauskopplung „Running Up That Hill“. Doch da begann die zweite Strophe und ich hörte ihre Stimme. Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass mir seitdem vielleicht nie mehr bei einem Hörerlebnis so die Haare zu Berge standen.

„Hello Earth“ weitet innerhalb von „The Ninth Wave“, das die komplette zweite LP-Seite von Hounds of Love einnimmt,  die Sphäre des Persönlichen zum Kosmischen. Man kann die Suite ja nicht nur als konkreten Zeitstrahl lesen, als die Nacht einer Ertrinkenden im Wasser. Kate Bush hat hier ein vielschichtiges Psychogramm entworfen, spielt mit dem Schwebezustand zwischen Leben und Tod, liefert sich ein Pingpong mit dem Dies- und Jenseits. Dabei bieten sich viele Deutungen an, ganz gleich, ob die Erzählerin nun tatsächlich über Bord gegangen ist, oder auch das nur träumt. Ist das, was bis „Jig Of Life“ geschehen ist, Traum, Halluzination bei einer Schlaflähmung, Nahtoderlebnis, eine Art „Totenbuch“ à la Bush?

Kate Bush: „Jig Of Life“
Quelle: youtube

In „Hello Earth“ jedenfalls gewinnt das Jenseits an Einfluss. Die Stimme, die da singt, ist ganz weit hinauskatapultiert ins kalte All, was schon durch die NASA-Funksprüche signalisiert wird (die auch schonmal kurz in „And Dream of Sheep“ reingemischt wurden und wohl von der Landung des Space Shuttle Challenger im Jahre 1983 stammen müssen). Die Sängerin scheint ganz abgeklärt zu sein, hat sich abgefunden mit der Loslösung von der Erde, die fast liebevoll als Spielzeug, wie eine Murmel betrachtet wird. „Peek a boo, peek a boo, little earth.“ Kate Bush ist ganz alleine da draußen, und das ist auch grandios eingefangen auf musikalischer Ebene, denn sie sitzt ja zunächst allein am Piano, viel Hall um sie herum. Ein großer Balladenmoment, der auf der Achse von „The Man With the Child In His Eyes“ bis „Moments Of Pleasure“ einen Ehrenplatz einnimmt.

Doch dann, wie so oft während „The Ninth Wave“, wechselt die Perspektive ein ums andere Mal. Erst in ein rührendes Bild: Die Protagonistin fährt nach Hause, mit der schlafenden Erde auf dem Rücksitz. Eine tiefe Liebe zum Planeten kommt da zum Ausdruck, eine Liebe von jemandem, der wohl weiß, dass er seine Heimat verlassen muss. Man denkt fast an die wehmütigen Gefühle, die Gustav Mahler hatte, als er todkrank „Das Lied von der Erde“ komponiert hat. Das Orchester setzt ein, dazu sehr langsam eine rhythmische Stütze von Stuart Elliotts Drums. Sein Kollege Charlie Morgan erzählt, wie schwierig es für Stuart gewesen sei, den Takt zu finden, denn Bush hatte ihren Part zuvor ohne Click-Track auf den Ohren frei eingespielt und -gesungen. Und es wird sehr cinemaskopisch: Unter dem großen Nachthimmel, dem „big sky“ steht die Sängerin und beobachtet wie ein großes Licht näher kommt. Außerirdische? Eine Antwort auf das „little light“, das in „And Dream Of Sheep“ die ganze Suite eröffnet und das – wie man in ihrer Londoner Konzertreihe „Before The Dawn“ 2014 sehen konnte – aus ihrer Rettungsweste blinkt? Das würde dem Titel „Hello Earth“ noch eine ganz andere Bedeutung geben.

Und nun passiert einer der fantastischsten Stimmungswechsel der Popmusikgeschichte. Man kann erst mal draufschauen, was da harmonisch passiert. „Hello Earth“ beginnt mit einem Motiv aus drei Akkorden, das sich latent durchs ganze Album ziehen, „Cloudbusting“ und „And Dream of Sheep“ beruhen auf dem Motiv, in „Running Up That Hill“ steckt es auch drin, allerdings in einer anderen Tonart. Doch dann kommt ein Sprung von cis-moll nach F-Dur.  Funktionsharmonisch gibt es da keinerlei Verwandtschaften, die Tonarten sind einen Tritonus voneinander entfernt, das Intervall, das Jahrhunderte lang als „Diabolus in musica“ galt. Der Effekt muss also naturgemäß für unsere Hörgewohnheiten gewaltig sein. Er bedeutet den Wechsel in ein radikal Anderes, den Einbruch des Jenseitigen. Verstärkt wird das natürlich nochmals dadurch, dass Kate hier einen Chor in einer fremden Sprache sprechen lässt.

Immer, wenn Kate Bush etwas aus dem Fernsehen aufgeschnappt hatte und unbedingt in ihr Universum einbauen wollte, hat das den betreffenden Song zu einem magisch funkelnden Ding gemacht: So geschehen mit „Wuthering Heights“, mit „Delius“, mit „The Red Shoes“, oder eben auch hier. Wie sie mehrfach bekräftigt hat stieß sie auf diesen Chor, als sie Werner Herzogs „Nosferatu“ (1978) schaute. Er wird in der Szene gegen Ende eingeblendet, als die Pest Wismar überrollt hat und Isabel Adjani über einen Platz irrt, auf dem Särge stehen, Leute den Veitstanz vollführen, ihr Henkersmahl nehmen und schon die Ratten das Zepter übernommen haben.

Werner Herzog: „Nosferatu“, Pest-Szene
Quelle: youtube

Herzog spielt gerne mit dem Bruch zwischen Bild- und Tonspur, und hier konfrontiert er die orgiastische Aushebelung des normalen menschlichen Alltags (visuell) mit dem ruhig vorgetragenen akustischen Signal einer fremden Macht / Welt (akustisch). Nicht nur fremd, ja, gruselig wirkt dieser Chor auf mich. Sowohl bei Kate Bush als auch bei „Nosferatu“, und es geht vielen so, mit denen ich über das Stück gesprochen habe. Die Bühnenumsetzung in der Londoner Liveshow bestätigte, dass der Chor auch für Kate „haunting“ ist: Zu den Chorklängen tragen sie die „fish people“ von der Bühne weg in ihr (Toten-)Reich.

Im Original allerdings ist diese Wirkung gar nicht beabsichtigt. Denn ursprünglich ist es ein georgisches Traditional namens „Tsintsqaro“ (es gibt verschiedene Schreibweisen in der Übertragung) aus den Regionen Kartlien und Karchetien. Der Text ist zarte Liebeslyrik: „Ich wanderte an der Quelle entlang und traf ein schönes Mädchen, das hielt einen Krug auf ihrer Schulter. Ich sagte etwas zu ihr und sie war empört, ging zur Seite.“ Es wäre also wahnsinnig spannend, von jemandem aus Georgien zu erfahren, wie er mit seinen/ihren anderen Hörgewohnheiten und dem Verständnis des Textes „Hello Earth“ rezipiert.

Hamlet Gonashvili: „Tsinskaro“
Quelle: youtube

Für Kate Bush selbst war es nicht so wichtig, wo dieser Chor denn geographisch anzusiedeln ist. Im Abbey Road-Interview von 1985 kommt sie kurz in Verlegenheit, ob das denn nun ein „czechoslovakian or russian theme“ sei. (Zur Erinnerung: Wir sind hier ja noch vor dem Zusammenbruch des Ostblocks!) Im Hintergrund flüstert ihr jemand dann „russian“ zu, wahrscheinlich der Bruder Paddy.

Und als sie im Abspann von „Nosferatu“ gesehen hat, von wem das Stück stammt, wird sie ihren ethnomusikologisch bewanderten Bruder gefragt haben, ob er eine Aufnahme des Vokal Ansambl Gordela von 1969 in seiner immensen Plattensammlung hat. Ich habe keinen Zweifel daran, dass die da stand. Credits haben in den Liner Notes dann Werner Herzog und rätselhafterweise sein Soundtrack-Komponist Florian Fricke bekommen, nicht aber das Ensemble Gordela. Korrekt finde ich das nicht – denn wäre Kate nicht auf diese Stimmen gestoßen, wäre „Hello Earth“ eben nur halb so spannend. Es gibt übrigens etliche weitere Aufnahmen von „Tsintsqaro“. Aber weder kommt das Lied, wie auf youtube behauptet, in Ron Frickes Film „Bakara“ (1992) vor, noch war es ein Teil des Soundtracks jener ominösen, von einem Team um Carl Sagan kompilierten Goldplatte namens „Murmurs Of Earth“, die die NASA im August und September 1977 an Bord der Sonden Voyager 1 und 2 ins All geschossen hat – ein paar Wochen vor der Veröffentlichung von „Wuthering Heights“. Natürlich ist es ein schöner Gedanke: Die Musik, die einst in unbekannte Weiten hinausreiste, kommt nun zur Erde zurück. Und es ist tatsächlich auch ein georgisches Stück auf der Goldplatte, nur eben das wesentlich rustikalere „Tchakrulo“.

Das war ein langer Exkurs zu „Tsintsqaro“! Zurück zum Stück. Der Chor hat zuerst nur einen Durchgang, dann geht es in die zweite Strophe. Wieder sind wir im All, und da bleiben wir jetzt auch. Quasi aus einer Felix Baumgartner-Perspektive heraus wird die Sängerin hilflos Zeuge, wie sich ein Sturm über Amerika zusammenbraut und auf die See hinausbraust. Es ist der Sturm, der sie in diese missliche Lage gebracht hat und dessen Geburt sie jetzt außerhalb von Raum und Zeit selbst miterlebt. Sie sieht die mächtige, entsetzliche neunte Welle von oben. Die Strophe mündet in eine bewegende Warnung an alle, die auf dem Meer unterwegs sind, schleunigst „Land zu gewinnen“: „Get out of the waves, get out of the water“ wurde ja schon in „Waking The Witch“ eingeführt. Dazu bäumt sich das Orchester im breitwandigen Arrangement von Michael Kamen auf, und die irischen Musiker von Planxty stimmen ein. Wie hier die Uilleann Pipes von Liam O’Flynn aufheulen, das ist großartig. In geschichteten Vokalspuren „schreit“ Kate Bush dem Sturm „murderer, murderer of calm“ entgegen und fragt dann „Why did I go?“ Warum bin ich bloß aufs Meer hinausgefahren? Oder auch: Warum musste ich aus dem Leben gehen? Für mich ist diese Passage die grandioseste auf dem ganzen Album Hounds Of Love.

Und wieder setzt der Chor ein, dieses Mal mit drei Durchgängen. Der zweite wird teils im Forte gesungen (so laut wie in keiner georgischen Originalaufnahme), die jenseitige Macht tritt jetzt richtig dominant auf. Im ersten und dritten Durchgang bleiben fast immer die Violinen mit einem Liegeton über den Stimmen, am Ende auch ein Bordun von den Bässen. Das intensiviert die schaurige Wirkung noch, ebenso eine geisterhafte Stimme am Ende, die den Chor begleitet.

„Hello Earth“, Szene aus der Live-Show „Before The Dawn“, Hammersmith Apollo London, 2014

Und dann die nochmals erstaunliche Schlusswendung. Wir sind wieder im Meer, und zwar ganz weit unten. Der Geleitchor ins Totenreich hat sich verabschiedet, die Orchesterbässe saufen zu den Echolotpulsen richtig ab, von F-Dur geht es nach Fis-Dur (wieder eine ganz entfernte Tonart). Ein mächtiges tieftöniges Unterwasser-Soundscape aus Echolot, Schiffsmotor und Haltetönen im Orchester, Brausen und Pfeifen herrscht jetzt, gekrönt vom berühmten Satz „Tiefer, tiefer, irgendwo in der Tiefe gibt es ein Licht.“ Als sie diese Sounds zusammengestückelt hat, da wäre ich gerne dabei gewesen.

Warum driftet sie hier ins Deutsche? An anderer Stelle wurde das schon vor ein paar Jahren geklärt, mit Verweis auf einen „Stern“-Artikel, in dem Bush offenbarte, dass sie neben der erklärten Inspiration von Charles Frends „The Cruel Sea“ (1952) auch von Wolfgang Petersens „Das Boot“ gefesselt war. Ob der – von Gabi Zangerl, nicht von Kate Bush – gesprochene Satz im „Boot“ wörtlich auftaucht, müsste man mit Fleißarbeit mal ergründen. Das anfänglich aus dem All heranreisende Licht, es findet sich nun am Meeresgrund wieder. Die Pforte zum Jenseits liegt nicht „irgendwo in der Höhe“, sondern im Schoß der Erde. „Go to sleep little earth“, flüstert die fast Ertrunkene noch mit verträumter, ersterbender Stimme, als Gruß an den Heimatplaneten, den ihre Seele nun endgültig verlässt, während ihr Körper in seiner Tiefe bleibt.

Das ist EINE Deutungsmöglichkeit. Es gibt zahllose weitere, da bin ich mir sicher. Alles andere als zahllos sind die Coverversionen. Dieser Song ist zu einzigartig, zu sehr Kate Bush, da traut sich kaum jemand ran. Die einzige Version, die ich akzeptieren kann, ist die vom Dortmunder Musiker Theo Bleckmann, er hat sogar sein ganzes Bush-Tribut nach dem Song benannt. Und es bleiben immer noch ungeklärte Fragen: Was sagt die Funkstimme, die beim ersten und zweiten „Hello Earth“ kurz eingeblendet wird? Ist die „Geisterstimme“ am Ende ein verlangsamter Möwenschrei? Als ich „Hello Earth“ im September 1985 auf jener Fahrt durch den nächtlichen Wald zum ersten Mal hörte, wusste ich nicht, dass da so viel drin steckt. Aber vielleicht ahnte ich es schon, und war deshalb so verstört, gefesselt, überwältigt. Und das bis heute.

© Stefan Franzen

Kate Bush: „Hello Earth“
Quelle: youtube

(he)artstrings #24: Racheengel mit Cmaj7

„Silver Springs“ (Stevie Nicks)
(aus: Fleetwood Mac: Rumours – Outtake, 1977)

Rumours war eine der ersten Rock-LPs, die ich – mit etwas Verzögerung – wahrgenommen habe. Meine erste Begegnung mit der Stimme von Stevie Nicks war in Frank Laufenbergs Top Ten auf SWF 3 irgendwann im späten 1977. Dort war über Wochen ihre Komposition „Dreams“ platziert, und ich weiß noch, dass mich neben den Vocals schon damals Lindsey Buckinghams eigenwillig gespielte Slidegitarre fasziniert hat. Gekauft habe ich mir Rumours erst beträchtliche Zeit später. Als Plattensammler bin ich dann erst mit dem Nachfolgealbum Tusk in den Fleetwood Mac-Katalog eingestiegen, das mich zwar musikalisch über die ganzen 4 Seiten ein bisschen anödete, aber die Bildercollagen der Platteninnentaschen haben mich komplett in den Bann gezogen.

Was auf der LP-Ausgabe von Rumours ohnehin fehlte, war das beste Stück der Aufnahmesessions im kalifornischen Sausalito. Unerklärlicherweise hat die Band es zu einem Outtake herabgewürdigt. Vielleicht wäre sonst ein Ungleichgewicht zwischen den Stücken von Stevie Nicks und Christine McVie entstanden. „Silver Springs“ also kam mir erst viele, viele Jahre später zu Gehör, hat mich aber sofort begeistert. Es ist vielleicht die schönste Racheengel-Nummer überhaupt der Rockgeschichte. Unscheinbar und fast zart beginnend, mit einem wunderbar gänsehäutigen Cmaj7-Akkord mit Quart im Bass die Spannung aufbauend, und dann die Wut im Schlussteil entladend: „Mein Fluch wird dich treffen, und bis ans Ende deiner Tage wird dich meine Stimme verfolgen.“

Es ist unschwer zu erkennen, dass der Song zumindest autobiographische Züge trägt und auf die liaison terrible von Nicks und Buckingham anspielt. Heute singt Stevie Nicks den Song bei Fleetwood Mac-Konzerten noch, aber sie exerziert ihn als Schauspiel von längst Vergangenem durch, liegt Buckingham am Schluss in den Armen – so habe ich das zumindest bei einem Auftritt im Oktober 2013 in Stuttgart erlebt. „Silver Springs“ existiert in verschiedensten Versionen, auch als schöne Demo-Fassung, unten gibt es aber die von der B-Seite der ersten Rumours-Singleauskopplung, „Go Your Own Way“ – als Hommage an Stevie Nicks, die fast den ganzen Mai hindurch noch 69 Jahre alt ist.

© Stefan Franzen

Fleetwood Mac: „Silver Springs“
Quelle: youtube

(he)artstrings #23: Wildes Fest auf der Wies’n

„Una Festa Sui Prati“ (Adriano Celentano & Mariano Detto)
aus: Adriano Celentano – Le Robe Che Ha Detto Adriano, 1969

Als ich klein war, wohnte meine reiselustige Tante Hannelore im 3. Stock unseres Reihenhauses. Bei ihr fanden sich plattentechnisch wahre Schätze, die mir spannende südeuropäische Alternativen zum  genauso faszinierenden klassischen Plattenschrank des Papas eröffneten: Melina Mercouri, Georges Moustaki, türkische Folklore, Mikis Theodorakis, Miguel Rios, Leonard Cohen. Wurde hier der Grundstock für meine spätere Weltmusik-Vorliebe gelegt? Bei den Singles fanden sich Vicky Leandros‘ „Après Toi“ oder auch eine Canzone des oben abgebildeten Herren, der heute sage und schreibe 80 Jahre jung wird.

Adriano Celentanos „Una Festa Sui Prati“ war für mich immer die bessere Wahl vor „Azurro“: eine sich rauschhaft steigernde ländliche Party mit satten Bläsern und virilen Schrammelgitarren. Als Sechsjähriger konnte ich mir kaum irgendetwas Wilderes in der Musik vorstellen als das elefantöse Finale dieses Songs. Immer wieder habe ich der Tante die Single stibitzt, um sie in meinem Kinderzimmer auf dem Mister Hit-Plattenspieler abzuspielen. Tanti auguri, Adriano! E ugualmente grazie mille, Zia Giovanna Eleonora!

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Adriano Celentano: „Una Festa Sui Prati“
Quelle: youtube

(he)artstrings #22: Orchestraler Ohrwurm

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„Can’t Get It Out Of My Head“ (Jeff Lynne)
aus: Electric Light Orchestra – Eldorado (1974)

Der zweite Song für die (he)artstrings aus der Feder von Jeff Lynne, zu Ehren seines heutigen 70. Geburtstages – und eines jener Lieder, welches im Text genau das beschreibt, was mit dem Hörer passiert: Man kriegt es einfach nicht mehr aus dem Kopf, es beisst sich fest, ob man will oder nicht.

Als Jeff Lynne dieses Lied schrieb, hatte er 1973 mit On The Third Day gerade die experimentelle Phase des Electric Light Orchestra hinter sich gelassen und mit „Ma-Ma-Ma-Belle“ einen frühen Radiohit gelandet. Eldorado im Folgejahr allerdings wurde zum ersten Konzeptalbum von ELO, die Geschichte eines unbekannten Helden auf der Suche nach dem sagenhaften Goldparadies, umgesetzt in romantischen, traumgleichen Klangtableaus, die den Rock- und Blues-Aspekt etwas in den Hintergrund treten lassen. Erstmals ist auch ein komplettes Symphonieorchester mitsamt Chor konsequent in die Arrangements integriert – angeblich wollte sich der damals 26-jährige Lynne damit von seinem Vater, einem Klassikliebhaber, die Legitimation für sein Dasein als Rockmusiker abholen.

„Can’t Get It Out Of My Head“ ist die erste Station dieser Symphonie, nachdem die pompöse Ouvertüre verklungen ist. Eine unspektakuläre Melodie aus wenigen Tönen, umschlungen von schillernden Orchesterfarben, wie sie nur Jeff Lynne schreiben konnte. Was er mit seiner aktuellen ELO-Verkörperung (die teils aus den Musikern der Take That-Band besteht) aus der Träumerhymne gemacht hat, ist leider nur ein müder Abklatsch und kann den Patinazauber von 1974 nicht wiedergeben.

Ich habe den Song glatte zehn Jahre nach Erscheinen von Eldorado kennengelernt, als ich mir zwischen 1982 und 1984 sämtliche ELO-LPs gekauft habe – ausgelöst wurde mein Fieber durch das Album Time. Und dann ging es mir eben wie vielen anderen: Ich bekam den Song über Monate nicht mehr aus dem Kopf. Also Vorsicht beim Anklicken des unfreiwillig komischen Clips mit seinem ruralen Siebziger-Charme…

Herzlichen Glückwunsch an das Songschreiber-Genie Jeff Lynne zum 70.!

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ELO: „Can’t Get It Out Of My Head“
Quelle: youtube

 

(he)artstrings #21: Anrufung im Regengroove


„De Cara A La Pared“ (Lhasa De Sela & Yves Desrosiers)
aus: Lhasa – La Llorona (Audiogram, 1997)

Dieser Tage schickte mir das Montréal Jazz Festival einen Hinweis auf ein Tributkonzert an Lhasas Album La Llorona. Zwanzig Jahre ist es schon her, dass dieses Debüt erschien, ich kann das kaum glauben. Damals arbeitete ich in einem Plattenladen, und jedes Mal wenn ich die CD einschob und dieses Eingangsstück mit dem prasselnden Regen und dem Groove aus Wasser ertönte, legte sich sofort eine traumgleiche Stimmung über den Verkaufsraum.

Lhasa lässt in diesem Stück ihr ansonsten so gebrochenes, tiefes Timbre beiseite und singt in einer eher hohen Tonlage, nicht nur  melancholisch, sondern fast tränenerfüllt. Dazu treten die Gypsy-hafte Geigenmelodie und die perkussive Gitarre. Wenn sich die Stimme zu Chören schichtet, hört sich das fast an wie ein in der Ferne heulender Zug. „Ich weine, mit dem Gesicht zur Wand, die Stadt erlischt, ich weine, und nichts bleibt mir, als vielleicht zu sterben. Wo bist du?“: Im Grunde ist „De Cara A La Pared“ eine einzige Anrufung an die Mutter Gottes, sie möge die Liebesbedürftige erhören, ein Betteln um Befreiung aus der Einsamkeit. Und die Tränen werden zum Rhythmus, zur Sintflut, die die Sängerin umschließt.

Ich bin gespannt, wer am 16. Dezember beim Tributkonzert in Montréaler MTELUS dieses fast nicht zu covernde Lied interpretieren wird. Um 20 Jahre La Llorona zu feiern, gibt es über das Konzert hinaus von Lhasas Label Audiogram eine neue CD mit bislang unveröffentlichten Live-Aufnahmen aus Reykjavik von 2009. Wer diese einzigartige US-mexikanische Sängerin noch nicht kennt: Als sie am 1. Januar 2010 die Welten wechselte, habe ich für den Blog des Radiosenders byte.fm einen Nachruf verfasst, der immer noch hier nachzulesen ist.

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Lhasa de Sela: „De Cara A La Pared“
Quelle: youtube

(he)artstrings #20: Symphonische Wetter-Ode


Mr. Blue Sky“ (Jeff Lynne)
aus: Electric Light Orchestra – Out Of The Blue (1977)

Heute wird nicht nur das Album Out Of The Blue des Electric Light Orchestras auf den Tag genau 40 Jahre jung, auch dieser Blog feiert seinen 3. Geburtstag. Die unvergleichliche Truppe um Mastermind Jeff Lynne zum Jahrestag hier zu platzieren, passt umso besser, als ich diesen Blog 2014 u.a. mit der Besprechung des Konzerts im Hyde Park gestartet habe.

Ich weiß nicht, ob mich irgendein Stück Popmusik als Neunjähriger mehr begeistert hat als „Mr. Blue Sky“. Es kam wohl erstmals als blau-transparente Vinylsingle meiner nur wenig älteren Tante zu mir, und es beherrschte Anfang 1978 über Wochen die Hitparaden. Für einen Jungen, der vom Elternhaus mit Klassik geprägt wurde, selbst Geige spielte und trotzdem in seinem Jugendzimmer das Ohr an den aktuellen Hits aus UK hatte, gab es wohl keine idealere Stilkombination.

Die Ode an den blauen Himmel, die als Finale des viersätzigen „Concerto For A Rainy Day“ gesetzt war, ist einer der größten Meisterstreiche von Mr. Lynne, mit einer triumphalen Melodie, einem pointierten, bluesig angehauchten E-Gitarren-Soli und einer gewaltigen symphonischen und choralen Schlussformel mit Anklängen von Barock bis Spätromantik.
Das dazugehörige Doppelalbum Out Of The Blue habe ich in seiner Gänze erst Anfang der 1980er gekauft – da waren die Exemplare mit dem beigelegten Falz-Raumschiff schon nicht mehr auf dem Markt.

Es gibt viele grässliche, aber auch ein paar schöne Coverversionen von „Mr. Blue Sky“, z.B. vom Neo-Soulmann Mayer Hawthorne. Auch die Live-Versionen von Lynne und seinen Mannen selbst kommen – wie so oft beim Klangbastler – nicht an die Studioversion heran.
Entstanden ist das Regenkonzert zu aller Überraschung nicht in einem verregneten englischen Herbst, sondern in einem ebensolchen Sommer in München, wo ELO ihre Platte damals in den Musicland Studios einspielten.

Leider existiert im Netz nur eine ziemlich miserable Fassung des Originals (die erst bei 0:13 einsetzt und mit Livebildern unterlegt wurde).

Electric Light Orchestra: „Mr. Blue Sky“
Quelle: youtube

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(he)artstrings #19: Feingewobenes aus Britannien

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„The Music Weaver“ (Sandy Denny)
(aus: Sandy Denny – Sandy, 1972)

Vor exakt 45 Jahren erschien eines der großen Alben des britischen Folkrocks. Es zeigt eine Sängerin auf dem Zenit ihrer poetischen Erfindungskraft, Lieder, die mich in einer Zeit gefesselt haben, in der kaum irgendjemand was von Folk hören wollte. Auf meinen Interrail-Touren und in den frühen Studienjahren hat mich die Musik von Sandy Denny täglich begleitet – und von ihren Liedern und ihren phasenweisen Begleitbands Fairport Convention und The Strawbs ausgehend haben sich für mich unzählige Entdeckungen weiterverzweigt. Ich weiß noch, was für ein Riesenerlebnis es war, 1993 beim Cropredy-Festival in England auf dem heiligen Rasen zu sitzen und Vicky Clayton zusammen mit Fairport die Lieder von Sandy singen zu hören. Oder wie ich 1996 am Tag der Abgabe meiner Magisterarbeit abends im Freiburger Jazzhaus selbst Fairport Convention veranstaltet habe.

Doch zurück zum Album: Ich hätte hier eigentlich jeden Songs für die (he)artstrings auswählen können. Sandy Dennys zweites Solowerk beinhaltet so großartige Hymnen wie „Listen, Listen“ und „It’ll Take A Long Time“. Sie singt mit mächtig geschichteten Chören „Quiet Joys Of Brotherhood“, die englische Fassung des keltischen „My Lagan Love“. Und man findet das elegant-angerockte „Bushes & Briars“, das eigentlich ein Traditional sein könnte, aber aus ihrer Feder stammt. „The Music Weaver“ ist letztendlich der Song, der mich bis heute am meisten berührt – eine zeitlose Ballade über die Einsamkeit des fahrenden Musikanten, dem nichts bleibt als seine Manuskripte und seine Klänge. Wenn am Schluss der inzwischen auch verstorbene Fiddler Dave Swarbrick seine sparsamen Töne über dem gleißenden Orchesterarrangement entfaltet, habe ich immer noch Gänsehaut. Wäre Sandy Denny 1978 nicht eine blöde Treppe runtergefallen, hätte sie die Musik der Insel vermutlich bis heute mit großen Songs bereichert.

Sandy Denny: „The Music Weaver (solo)“
Quelle: youtube
Sandy Denny: „The Music Weaver“ (orchestral)
Quelle: youtube

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(he)artstrings #18: Galateas Artrock-Tanz


„Turn of The Century“ (Jon Anderson, Steve Howe, Alan White)
(aus: Yes: Going For The One, 1977)

Man kann heute nicht nur Elvis gedenken, sondern auch eine andere 40 bemühen: Nicht exakt am 16.8., aber im Sommer 1977 erschien das für mich herausragendste Album der Artrock-Giganten Yes. Live mitbekommen habe ich das damals nur indirekt, mittels der Single-Auskopplung „Wonderous Stories„, der ich als Neunjähriger in meinem großen Dachzimmer lauschte, denn sie stand wochenlang auf Platz 1 von Frank Laufenbergs Pop Shop-Top Ten auf SWF 3. Die gesamte LP Going For The One habe ich erst sechs oder sieben Jahre später entdeckt, wie so etliche meiner Zeitgenossen, die sich entnervt vom Achtziger-Sound rückblendend auf Erkundungspfade in die Dekade davor begaben.

Beim ersten Hören war es mir nicht möglich, all die instrumentatorischen Details und die komplexen Harmonieverläufe zu erfassen. Die Nadel fraß sich in den Folgemonaten sicherlich um etliche µ ins Vinyl hinein (heute klingt die Platte von damals nach Bratpfanne), bis feststand: Neben dem ausufernden „Awaken“ war es vor allem die epische Ballade „Turn Of The Century“, die mich fesselte. Inspiriert von Verdis La Bohème und dem antiken Mythos von Pygmalion und Galatea hat Jon Anderson hier die Geschichte eines Bildhauers vertont, dessen Skulptur zum Leben erwacht und in die er sich verliebt.

Heute stehe ich etwas distanziert zu diesem arg übersteigerten, verschraubten neunminütigen Werk – doch irgendwie bleiben Andersons artifizielle Lyrics und seine affektierte Kopfstimme, die entgrenzten melodischen Eskapaden von Steve Howe auf der Gitarre, das sich Emporschrauben von Bass und Klavier und die eigentümlich glasig-sphärischen Passagen der folkigen Stille faszinierend. Ich kann verstehen, warum mich diese verkopfte, breit angelegte Hymne auf Galatea in meiner Sturm-und-Drang-Phase zwischen Rock und Klassik mindestens zwei Jahre lang fast täglich begleitet hat.

Yes: „Turn Of The Century“
Quelle: youtube

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(he)artstrings #17: Unterwassersuche

luka-bloomLuka Bloom: „Exploring The Blue“
(aus: The Acoustic Motorbike, 1992)

Vor fast genau 25 Jahren fing ich an, Radio zu machen, zuerst bei einem freien Sender, der kürzlich 40 wurde und dem ich damit etwas verspätet gratuliere. Die Folk-Sendung, die ich damals sonntagnachmittags gestaltete, hieß „Saitensprung“ (der Name war vorgegeben, stammte nicht von mir). Zum ersten, immer wieder gespielten „Hit“ der Sendung wurde dieser Song: eine träumerische Ballade des nach New York ausgewanderten Iren, der mit einer machtvollen Gitarre in offener Stimmung von einer ewigen Suche erzählt, die auf der Metaphernebene viele Gestalten annehmen kann von Liebe bis Erleuchtung. Dazu bedient er sich eines tiefblauen Bildes, einer Szenerei von einem Tauchgang in ungeahnte Tiefen. Oder ist es doch ein Höhenflug in den endlosen Azurhimmel? „Exploring The Blue“ ist eine zeitlose Hymne auf das Suchen, die mit minimalistischen Mitteln gestaltet wird und bei jedem Luka Bloom-Solokonzert auch wunderbar auf der Bühne funktioniert. Die dazugehörige Platte, The Acoustic Motorbike besitzt ebensolche aus der Zeit gefallenen Qualitäten, von einer Adaption des Elvis-Schmachtfetzens „Can’t Help Falling In Love“ bis zum originellen Titelstück, einem gerappten Hörspiel über eine Radtour auf der grünen Insel.

Luka Bloom: „Exploring The Blue“
Quelle: youtube

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