(he)artstrings #23: Wildes Fest auf der Wies’n

„Una Festa Sui Prati“ (Adriano Celentano & Mariano Detto)
aus: Adriano Celentano – Le Robe Che Ha Detto Adriano, 1969

Als ich klein war, wohnte meine reiselustige Tante Hannelore im 3. Stock unseres Reihenhauses. Bei ihr fanden sich plattentechnisch wahre Schätze, die mir spannende südeuropäische Alternativen zum  genauso faszinierenden klassischen Plattenschrank des Papas eröffneten: Melina Mercouri, Georges Moustaki, türkische Folklore, Mikis Theodorakis, Miguel Rios, Leonard Cohen. Wurde hier der Grundstock für meine spätere Weltmusik-Vorliebe gelegt? Bei den Singles fanden sich Vicky Leandros‘ „Après Toi“ oder auch eine Canzone des oben abgebildeten Herren, der heute sage und schreibe 80 Jahre jung wird.

Adriano Celentanos „Una Festa Sui Prati“ war für mich immer die bessere Wahl vor „Azurro“: eine sich rauschhaft steigernde ländliche Party mit satten Bläsern und virilen Schrammelgitarren. Als Sechsjähriger konnte ich mir kaum irgendetwas Wilderes in der Musik vorstellen als das elefantöse Finale dieses Songs. Immer wieder habe ich der Tante die Single stibitzt, um sie in meinem Kinderzimmer auf dem Mister Hit-Plattenspieler abzuspielen. Tanti auguri, Adriano! E ugualmente grazie mille, Zia Giovanna Eleonora!

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Adriano Celentano: „Una Festa Sui Prati“
Quelle: youtube

(he)artstrings #22: Orchestraler Ohrwurm

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„Can’t Get It Out Of My Head“ (Jeff Lynne)
aus: Electric Light Orchestra – Eldorado (1974)

Der zweite Song für die (he)artstrings aus der Feder von Jeff Lynne, zu Ehren seines heutigen 70. Geburtstages – und eines jener Lieder, welches im Text genau das beschreibt, was mit dem Hörer passiert: Man kriegt es einfach nicht mehr aus dem Kopf, es beisst sich fest, ob man will oder nicht.

Als Jeff Lynne dieses Lied schrieb, hatte er 1973 mit On The Third Day gerade die experimentelle Phase des Electric Light Orchestra hinter sich gelassen und mit „Ma-Ma-Ma-Belle“ einen frühen Radiohit gelandet. Eldorado im Folgejahr allerdings wurde zum ersten Konzeptalbum von ELO, die Geschichte eines unbekannten Helden auf der Suche nach dem sagenhaften Goldparadies, umgesetzt in romantischen, traumgleichen Klangtableaus, die den Rock- und Blues-Aspekt etwas in den Hintergrund treten lassen. Erstmals ist auch ein komplettes Symphonieorchester mitsamt Chor konsequent in die Arrangements integriert – angeblich wollte sich der damals 26-jährige Lynne damit von seinem Vater, einem Klassikliebhaber, die Legitimation für sein Dasein als Rockmusiker abholen.

„Can’t Get It Out Of My Head“ ist die erste Station dieser Symphonie, nachdem die pompöse Ouvertüre verklungen ist. Eine unspektakuläre Melodie aus wenigen Tönen, umschlungen von schillernden Orchesterfarben, wie sie nur Jeff Lynne schreiben konnte. Was er mit seiner aktuellen ELO-Verkörperung (die teils aus den Musikern der Take That-Band besteht) aus der Träumerhymne gemacht hat, ist leider nur ein müder Abklatsch und kann den Patinazauber von 1974 nicht wiedergeben.

Ich habe den Song glatte zehn Jahre nach Erscheinen von Eldorado kennengelernt, als ich mir zwischen 1982 und 1984 sämtliche ELO-LPs gekauft habe – ausgelöst wurde mein Fieber durch das Album Time. Und dann ging es mir eben wie vielen anderen: Ich bekam den Song über Monate nicht mehr aus dem Kopf. Also Vorsicht beim Anklicken des unfreiwillig komischen Clips mit seinem ruralen Siebziger-Charme…

Herzlichen Glückwunsch an das Songschreiber-Genie Jeff Lynne zum 70.!

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ELO: „Can’t Get It Out Of My Head“
Quelle: youtube

 

(he)artstrings #21: Anrufung im Regengroove


„De Cara A La Pared“ (Lhasa De Sela & Yves Desrosiers)
aus: Lhasa – La Llorona (Audiogram, 1997)

Dieser Tage schickte mir das Montréal Jazz Festival einen Hinweis auf ein Tributkonzert an Lhasas Album La Llorona. Zwanzig Jahre ist es schon her, dass dieses Debüt erschien, ich kann das kaum glauben. Damals arbeitete ich in einem Plattenladen, und jedes Mal wenn ich die CD einschob und dieses Eingangsstück mit dem prasselnden Regen und dem Groove aus Wasser ertönte, legte sich sofort eine traumgleiche Stimmung über den Verkaufsraum.

Lhasa lässt in diesem Stück ihr ansonsten so gebrochenes, tiefes Timbre beiseite und singt in einer eher hohen Tonlage, nicht nur  melancholisch, sondern fast tränenerfüllt. Dazu treten die Gypsy-hafte Geigenmelodie und die perkussive Gitarre. Wenn sich die Stimme zu Chören schichtet, hört sich das fast an wie ein in der Ferne heulender Zug. „Ich weine, mit dem Gesicht zur Wand, die Stadt erlischt, ich weine, und nichts bleibt mir, als vielleicht zu sterben. Wo bist du?“: Im Grunde ist „De Cara A La Pared“ eine einzige Anrufung an die Mutter Gottes, sie möge die Liebesbedürftige erhören, ein Betteln um Befreiung aus der Einsamkeit. Und die Tränen werden zum Rhythmus, zur Sintflut, die die Sängerin umschließt.

Ich bin gespannt, wer am 16. Dezember beim Tributkonzert in Montréaler MTELUS dieses fast nicht zu covernde Lied interpretieren wird. Um 20 Jahre La Llorona zu feiern, gibt es über das Konzert hinaus von Lhasas Label Audiogram eine neue CD mit bislang unveröffentlichten Live-Aufnahmen aus Reykjavik von 2009. Wer diese einzigartige US-mexikanische Sängerin noch nicht kennt: Als sie am 1. Januar 2010 die Welten wechselte, habe ich für den Blog des Radiosenders byte.fm einen Nachruf verfasst, der immer noch hier nachzulesen ist.

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Lhasa de Sela: „De Cara A La Pared“
Quelle: youtube

(he)artstrings #20: Symphonische Wetter-Ode


Mr. Blue Sky“ (Jeff Lynne)
aus: Electric Light Orchestra – Out Of The Blue (1977)

Heute wird nicht nur das Album Out Of The Blue des Electric Light Orchestras auf den Tag genau 40 Jahre jung, auch dieser Blog feiert seinen 3. Geburtstag. Die unvergleichliche Truppe um Mastermind Jeff Lynne zum Jahrestag hier zu platzieren, passt umso besser, als ich diesen Blog 2014 u.a. mit der Besprechung des Konzerts im Hyde Park gestartet habe.

Ich weiß nicht, ob mich irgendein Stück Popmusik als Neunjähriger mehr begeistert hat als „Mr. Blue Sky“. Es kam wohl erstmals als blau-transparente Vinylsingle meiner nur wenig älteren Tante zu mir, und es beherrschte Anfang 1978 über Wochen die Hitparaden. Für einen Jungen, der vom Elternhaus mit Klassik geprägt wurde, selbst Geige spielte und trotzdem in seinem Jugendzimmer das Ohr an den aktuellen Hits aus UK hatte, gab es wohl keine idealere Stilkombination.

Die Ode an den blauen Himmel, die als Finale des viersätzigen „Concerto For A Rainy Day“ gesetzt war, ist einer der größten Meisterstreiche von Mr. Lynne, mit einer triumphalen Melodie, einem pointierten, bluesig angehauchten E-Gitarren-Soli und einer gewaltigen symphonischen und choralen Schlussformel mit Anklängen von Barock bis Spätromantik.
Das dazugehörige Doppelalbum Out Of The Blue habe ich in seiner Gänze erst Anfang der 1980er gekauft – da waren die Exemplare mit dem beigelegten Falz-Raumschiff schon nicht mehr auf dem Markt.

Es gibt viele grässliche, aber auch ein paar schöne Coverversionen von „Mr. Blue Sky“, z.B. vom Neo-Soulmann Mayer Hawthorne. Auch die Live-Versionen von Lynne und seinen Mannen selbst kommen – wie so oft beim Klangbastler – nicht an die Studioversion heran.
Entstanden ist das Regenkonzert zu aller Überraschung nicht in einem verregneten englischen Herbst, sondern in einem ebensolchen Sommer in München, wo ELO ihre Platte damals in den Musicland Studios einspielten.

Leider existiert im Netz nur eine ziemlich miserable Fassung des Originals (die erst bei 0:13 einsetzt und mit Livebildern unterlegt wurde).

Electric Light Orchestra: „Mr. Blue Sky“
Quelle: youtube

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(he)artstrings #19: Feingewobenes aus Britannien

sandy-denny

„The Music Weaver“ (Sandy Denny)
(aus: Sandy Denny – Sandy, 1972)

Vor exakt 45 Jahren erschien eines der großen Alben des britischen Folkrocks. Es zeigt eine Sängerin auf dem Zenit ihrer poetischen Erfindungskraft, Lieder, die mich in einer Zeit gefesselt haben, in der kaum irgendjemand was von Folk hören wollte. Auf meinen Interrail-Touren und in den frühen Studienjahren hat mich die Musik von Sandy Denny täglich begleitet – und von ihren Liedern und ihren phasenweisen Begleitbands Fairport Convention und The Strawbs ausgehend haben sich für mich unzählige Entdeckungen weiterverzweigt. Ich weiß noch, was für ein Riesenerlebnis es war, 1993 beim Cropredy-Festival in England auf dem heiligen Rasen zu sitzen und Vicky Clayton zusammen mit Fairport die Lieder von Sandy singen zu hören. Oder wie ich 1996 am Tag der Abgabe meiner Magisterarbeit abends im Freiburger Jazzhaus selbst Fairport Convention veranstaltet habe.

Doch zurück zum Album: Ich hätte hier eigentlich jeden Songs für die (he)artstrings auswählen können. Sandy Dennys zweites Solowerk beinhaltet so großartige Hymnen wie „Listen, Listen“ und „It’ll Take A Long Time“. Sie singt mit mächtig geschichteten Chören „Quiet Joys Of Brotherhood“, die englische Fassung des keltischen „My Lagan Love“. Und man findet das elegant-angerockte „Bushes & Briars“, das eigentlich ein Traditional sein könnte, aber aus ihrer Feder stammt. „The Music Weaver“ ist letztendlich der Song, der mich bis heute am meisten berührt – eine zeitlose Ballade über die Einsamkeit des fahrenden Musikanten, dem nichts bleibt als seine Manuskripte und seine Klänge. Wenn am Schluss der inzwischen auch verstorbene Fiddler Dave Swarbrick seine sparsamen Töne über dem gleißenden Orchesterarrangement entfaltet, habe ich immer noch Gänsehaut. Wäre Sandy Denny 1978 nicht eine blöde Treppe runtergefallen, hätte sie die Musik der Insel vermutlich bis heute mit großen Songs bereichert.

Sandy Denny: „The Music Weaver (solo)“
Quelle: youtube
Sandy Denny: „The Music Weaver“ (orchestral)
Quelle: youtube

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(he)artstrings #18: Galateas Artrock-Tanz


„Turn of The Century“ (Jon Anderson, Steve Howe, Alan White)
(aus: Yes: Going For The One, 1977)

Man kann heute nicht nur Elvis gedenken, sondern auch eine andere 40 bemühen: Nicht exakt am 16.8., aber im Sommer 1977 erschien das für mich herausragendste Album der Artrock-Giganten Yes. Live mitbekommen habe ich das damals nur indirekt, mittels der Single-Auskopplung „Wonderous Stories„, der ich als Neunjähriger in meinem großen Dachzimmer lauschte, denn sie stand wochenlang auf Platz 1 von Frank Laufenbergs Pop Shop-Top Ten auf SWF 3. Die gesamte LP Going For The One habe ich erst sechs oder sieben Jahre später entdeckt, wie so etliche meiner Zeitgenossen, die sich entnervt vom Achtziger-Sound rückblendend auf Erkundungspfade in die Dekade davor begaben.

Beim ersten Hören war es mir nicht möglich, all die instrumentatorischen Details und die komplexen Harmonieverläufe zu erfassen. Die Nadel fraß sich in den Folgemonaten sicherlich um etliche µ ins Vinyl hinein (heute klingt die Platte von damals nach Bratpfanne), bis feststand: Neben dem ausufernden „Awaken“ war es vor allem die epische Ballade „Turn Of The Century“, die mich fesselte. Inspiriert von Verdis La Bohème und dem antiken Mythos von Pygmalion und Galatea hat Jon Anderson hier die Geschichte eines Bildhauers vertont, dessen Skulptur zum Leben erwacht und in die er sich verliebt.

Heute stehe ich etwas distanziert zu diesem arg übersteigerten, verschraubten neunminütigen Werk – doch irgendwie bleiben Andersons artifizielle Lyrics und seine affektierte Kopfstimme, die entgrenzten melodischen Eskapaden von Steve Howe auf der Gitarre, das sich Emporschrauben von Bass und Klavier und die eigentümlich glasig-sphärischen Passagen der folkigen Stille faszinierend. Ich kann verstehen, warum mich diese verkopfte, breit angelegte Hymne auf Galatea in meiner Sturm-und-Drang-Phase zwischen Rock und Klassik mindestens zwei Jahre lang fast täglich begleitet hat.

Yes: „Turn Of The Century“
Quelle: youtube

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(he)artstrings #17: Unterwassersuche

luka-bloomLuka Bloom: „Exploring The Blue“
(aus: The Acoustic Motorbike, 1992)

Vor fast genau 25 Jahren fing ich an, Radio zu machen, zuerst bei einem freien Sender, der kürzlich 40 wurde und dem ich damit etwas verspätet gratuliere. Die Folk-Sendung, die ich damals sonntagnachmittags gestaltete, hieß „Saitensprung“ (der Name war vorgegeben, stammte nicht von mir). Zum ersten, immer wieder gespielten „Hit“ der Sendung wurde dieser Song: eine träumerische Ballade des nach New York ausgewanderten Iren, der mit einer machtvollen Gitarre in offener Stimmung von einer ewigen Suche erzählt, die auf der Metaphernebene viele Gestalten annehmen kann von Liebe bis Erleuchtung. Dazu bedient er sich eines tiefblauen Bildes, einer Szenerei von einem Tauchgang in ungeahnte Tiefen. Oder ist es doch ein Höhenflug in den endlosen Azurhimmel? „Exploring The Blue“ ist eine zeitlose Hymne auf das Suchen, die mit minimalistischen Mitteln gestaltet wird und bei jedem Luka Bloom-Solokonzert auch wunderbar auf der Bühne funktioniert. Die dazugehörige Platte, The Acoustic Motorbike besitzt ebensolche aus der Zeit gefallenen Qualitäten, von einer Adaption des Elvis-Schmachtfetzens „Can’t Help Falling In Love“ bis zum originellen Titelstück, einem gerappten Hörspiel über eine Radtour auf der grünen Insel.

Luka Bloom: „Exploring The Blue“
Quelle: youtube

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(he)artstrings #16: Der Brexit als Allegorie

john smithJohn Smith
„England Rolls Away“ (John Smith)
(aus: Great Lakes, 2013)

Die Größe eines Songwriters ermisst sich unter anderem darin, dass sämtliche Vergleiche nicht mehr taugen. Und dass seine Songs vielerlei Deutungen zulassen. Beides ist beim bärtigen Herren aus dem UK zutreffend. Man hat John Smith mit Nick Drake, John Martyn und anderen verglichen, aber die Färbung seiner waidwunden Stimme ist durch und durch eigenständig- und -sinnig. Ebenso verhält es sich mit den Lyrics: Man könnte diesen Text heute als Allegorie auf den Brexit lesen, doch Smith hat ihn schon 2013 geschrieben. Und so ist es wohl eher die tieftraurige Geschichte über ein gebrochenes Herz, das an einer Dame namens England leidet, und an der er nach eigener Aussage über ein Jahr lang geschrieben hat.

John ist ab dem 19.4. in Deutschland und der Schweiz unterwegs, besonders empfehle ich den Termin im Basler Parterre am 29.4., den Andrea Samborski im Rahmen ihrer neuen Reihe Eclipse Concerts organisiert hat. Und Mitte Mai erscheint sein neues Werk Headlong.

John Smith: „England Rolls Away“
Quelle: youtube

(he)artstrings #15: Le Premier Souvenir

juliette greco - les enfants qui s'aimentJuliette Gréco
„Les Enfants Qui S’Aiment“ (Jacques Prévert/Joseph Kosma)
(aus: St. Germain Des Prés, 1956)

Verlässlich zu sagen, welches das allererste Lied war, dass einen als Kind bewusst gefangen genommen hat, ist nahezu unmöglich. Doch ich bin mir sicher, dass „Les Enfant Qui S’Aiment“ auf mich als Vier- oder Fünfjährigen bereits einen nachhaltigen Eindruck gemacht hat.

Joseph Kosma hat die Verse von Jacques Prévert für den Film Les Portes De La Nuit (1946) vertont, auch das weitaus bekanntere „Les Feuilles Mortes“ (ebenfalls mit Versen von Prévert) kommt in diesem Streifen vor. Während „Les Enfants…“ in diesem Film von Fabien Loris zu einer Akkordeon-dominierten Begleitung gesungen wird, gibt es auch eine Version von Yves Montand, der sich nur zur Gitarre begleitet. Ein Jahrzehnt nach dem Film veröffentlichte Juliette Gréco ihre Interpretation mit dem schillernden Orchester von André Grassi, in ihrem Konzertrepertoire hatte sie es aber schon einige Jahre zuvor, und mit Pianobegleitung gibt es eine Aufahme für die italienische RAI von 1953.

Ich denke, was mich als Kind so beeindruckt hat, war das Zusammenspiel dieser dunklen Stimme mit den reichen Orchesterfarben aus der 1956er-Version. Die abgrundtief traurigen Streicher im Intro, die Harfe und die Celesta, auf die die fernen Bläser folgen. Und dann der Einsatz von Gréco, die mit einer Mischung aus herrischer Strenge und warmherzigen Pathos singt. Ich kann mich erinnern, wie mich die zweifach wiederholte Passage „Et C’est Seulement Leur Ombre..“ und „Ils Ont Ailleurs…“ in den Bann gezogen hat: Dieses Innehalten des ganzen Orchesters, während die Geigen zittern wie Espenlaub und dann am Ende gleißende Farben malen zu den glühenden Hochtönen der Sängerin, und wie dann alles auf dem Wort „éblouissante“ mit Harfengirlanden kulminiert. Auch die Dur-Lösung am Ende mit der verlorenen Flöte fand ich sehr geheimnisvoll.

Dass es in dem Chanson um die Sphäre der kindlichen Unschuld geht, wusste ich damals natürlich nicht, ist aber eine schon fast unheimliche Koinzidenz. Juliette Gréco, die im letzten Jahr ihre Auftritte absagen musste und der es offensichtlich gar nicht gut ging, will nun 2017 wieder zurück auf die Bühne. Die Frau, der ich zwei Mal im Leben begegnet bin – einmal geplant, einmal ungeplant – wird heute 90 Jahre alt. Bon anniversaire, Madame!

Juliette Gréco: „Les Enfants Qui S’aiment“
Quelle: youtube

(he)artstrings #14: Statue mit Rheuma

freiheitsstatue traenen

Sophie Hunger
„Z’Lied Vor Freiheitsstatue“
(aus: The Danger Of Light, 2012)

Diesen Song wollte ich eigentlich erst viel später in die (he)artstrings aufnehmen.
Doch er passt leider auf diesen Tag, an dem sich ein Teil der Welt durch das Dekret eines Dummkopfes endgültig von seinem nationalen Symbol verabschiedet.

„Die Freiheitsstatue ist sich ihrer ambivalenten Existenz bewusst, sie kann sich nicht bewegen und kann nicht sprechen“, sagt Sophie Hunger – und schrieb ihr einen inneren Monolog auf den Leib. „I han es Riesse, aber riesse chani nüt“, sagt die alte Dame zu sich. Rheumageplagt hat sie keinerlei Einfluss auf die Welt. Sie sehnt sich danach, ins Wanken gebracht zu werden, bietet sogar einen Tanz an, wenn sie nur von ihrem steinernen Sockel steigen könnte. „Oder bini ächt scho gstorbe?“, fragt sie sich.

Ihre Konzerte hat die Schweizerin früher oft mit diesem Song in einer Acappella-Version beschlossen. Mir gefällt die Studioversion mit den Gitarrenlinien des „Chili Peppers“ Josh Klinghoffer am besten. Von allen wunderbaren Liedern, die Sophie Hunger geschrieben hat, ist das vielleicht das Wunderbarste. Und leider passt es heute wohl wie kein anderes.

Sophie Hunger: „Z’Lied vor Freiheitsstatue“
Quelle: YouTube