Schatzkiste #32: Pastorale Idyllen


Catherine Howe: What A Beautiful Place
(Reflection, 1971, reissue: The Numero Group, 2007)

Der Guardian bezeichnete sie mal als „Kate Bush ihrer Zeit“. Tatsächlich finden sich taktweise ein paar Übereinstimmungen mit ganz frühen Aufnahmen, aber Howes Stimme ist weitaus weniger kapriziös, und auch die Arrangements dieser Vinyl-Perle von 1971 spielen viel mehr ins Folkig-Orchestrale. Die Sängerin aus Halifax (im englischen Yorkshire, nicht im kanadischen Newfoundland) schlug Ende der 1960er in London die Laufbahn einer Theaterschauspielerin ein, die Musik siegte aber über das Drama. Mit 18 reichte sie ihre Kompositionen beim kleinen, unabhängigen Label Reflection ein, das schließlich für die Aufnahmen den US-Produzenten Bobby Scott einflog. Der hatte schon für Leute wie Aretha Franklin oder Nana Mouskouri grandiose orchestrale Kulissen gebaut.

Scott verpflichtete das London Symphony Orchestra, das um die träumerischen Vocals der Sängerin Girlanden aus Flöten, pastorales Englisch Horn, ferne Hörner und flirrende Streicher lieferte. Das Spektrum reicht von Stücken, die einen in die englische Parklandschaft katapultieren und wie uralte Folksongs anmuten, bis hin zu dem fast brasilianisch angetupften Groove von „It Comes With The Breezes“. Unglücklicherweise ging Reflection unmittelbar nach Veröffentlichung des Albums vor die Hunde – dieses Kleinod fand zwar die Aufmerksamkeit der Kritiker, verkaufte sich aber aufgrund der Umstände erbärmlich. Howe konnte später bei einem anderen Verlag unterkommen – doch die leuchtenden Farben und die sommerliche Melancholie ihres Debüt-Meisterwerks hat die Engländerin nie mehr erreicht.

Catherine Howe: „It Comes With The Breezes“
Quelle: youtube

Schatzkiste #31: Die Liebe trägt Ocker

Willie Hutch
Season For Love
(Sony, 1970)

Sooo dankbar bin ich, dass dieses Album seit etwa einem Jahr als Re-Issue vorliegt, war es doch in der Originalpressung unbezahlbar. Von lieben Menschen wurde es mir kürzlich zum Wiegenfeste zugeeignet. Willie Hutch kennt man vor allem von späteren Alben, als er sich zum Soundtrack-Schreiber für Blaxploitation-Kracher wie „Foxy Brown“ betätigte. Ein paar Jahre früher allerdings war Hutch noch nicht auf die funky Schiene eingeschwenkt: Aus der klassischen Blütezeit des Genres kommend verströmt dies Scheibe vielmehr einen sonnigen, unbeschwerten Funkel-Soul, Geigen, die sich wie ein Schwarm von Schmetterlingen aufschwingen, schmetternde Attacken von Trompetensynkopen. Herausragend: Das dramatisch schmachtende „Hurt So Bad“, hier noch unbeleckt von den späteren Disco-Versionen. Und ein Album, auf dem Jimmy Webbs „Wichita Lineman“ mit seelenvoller Legierung beschichtet wird, kann nicht übel sein. Beneidenswert beim Blick aufs Cover : Damals konnte man(n) einfach so mit coolem, ockerfarbenem Anzug gewandet im dunklen Tann herumsitzen. Eine nahezu unschlagbare Begleitmusik für einen azurblauen Julimorgen, bevor die Hitze zuschlägt.

Willie Hutch: „Hurt So Bad“
Quelle: youtube

Schatzkiste #30: Melodramatik à la Montréalaise

antoine corriveau - cette choseAntoine Corriveau
Cette Chose Qui Cognait Au Creux De Sa Poitrine Sans Vouloir S’Arrêter
(Coyote Records)

Allein schon der Titel! („dieses Ding, das da in seiner Brusthöhle hämmerte ohne aufhören zu wollen“). Der 31-Jährige Franko-Kanadier mag zwar ein wenig aussehen wie Bob Geldof, musikalisch ist er aber eher an der Kreuzung zwischen Benjamin Biolay und Nick Cave zu finden. Ein opulentes Opus mit verzweifelter Streichergrandezza, Platz für Piano-Lyrizismen und satte Mauern aus verschleppten, tiefen Blechbläsern. Dazu eine verlebte, abgründige Stimme, die die Melancholie langer kanadischer Winter in sich trägt, aber sicherlich auch von der verwandten französischen Romantik profitiert. Ein Fin-de-Siècle-Album mitten im jungen 21. Jahrhundert.

Auch dieses Album habe ich bei Aux 33 Tours in Montréal entdeckt, zusammen mit Soundscapes in Toronto der schönste Ort für einen Mélomane in Kanada.

aux 33 tours

Antoine Corriveau: „Rendez-Vous“
Quelle: youtube

Schatzkiste #29: Yorkville remembered

joni mitchell - cloudsJoni Mitchell
Clouds
(Reprise, 1969)

Als ich heute kurz vor einem Schneesturm bei minus 10 Grad (der kanadische März…) durch Yorkville streifte, das ehemalige Hippie-Viertel Torontos, konnte ich mir kaum mehr vorstellen, was sich dort in den 1960ern abgespielt haben muss. Die Gegend ist gentrifiziert bis gesichtslos, viele der ehemaligen Clubs sind abgerissen. Auch das Gebäude des legendären Riverboat, 134 Avenue Road steht nicht mehr.
Hier haben zwischen 1964 und 1978 Richie Havens, Simon & Garfunkel, Gordon Lightfoot und auch Joni Mitchell gespielt, von Joni wird gesagt, hier habe sie „Night In The City“ geschrieben und ihren Hit „Both Sides Now“ erstmals einem Publikum vorgestellt. Ehrensache also, dass ich ihr zweites Album, auf dem sich diese erhabene Folkhymne befindet, aus Kanada mitbringe, auch wenn ich es nicht in der Ontario-Metropole, sondern im großartig sortierten Aux 33 Tours in Montréal gefunden habe.

Joni Mitchell: „Both Sides Now“
Quelle: youtube

Schatzkiste #28: Golden Era Highlife

stargazers-broadway-dance-band

Stargazers & Broadway Dance Bands
Those Days
(Decca 1976, orig. 1950/60s)

OK, es ist nur eine Kompilation, aber da die Aufnahmen mit frühem Highlife so unglaublich schwierig zu bekommen sind, ist auch die Gold wert. Während westafrikanische Klänge der späten 60er und 70er durch die Vinyldigger gerade bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet werden, ist die Ära ca. zehn Jahre davor noch ein weitestgehend weißer Fleck. Die Stargazers und die Broadway Dance Band waren im Ghana der frühen Unabhängigkeit führend im Bigband-Highlife, Combos, die sich nach amerikanischem Vorbild zusammenfanden, um die akustische Palmwine-Musik mit Bläsern auszuschmücken.  Bei den Stargazers aus Kumasi war unter anderem auch mal der großartige Sänger und Gitarrist Ebo Taylor Mitglied, der vor einigen Jahren durch die Afrofunk-Retrowelle im hohen Alter zu neuen Ehren kam und als der ghanaische Fela Kuti gilt. Man muss keinen Palmwein trinken, um diese auf Twi gesungenen feinen Stücke zu genießen, sie kommen auch gut als Alternative zum Sonntagmorgen-Jazz.
Gefunden habe ich das schwarze Gold Ghanas auf der Plattenbörse in Freiburg am Stand dieses Herrn: www.lp-house.com

Stargazers Dance Band: „Won Ntuntun Hewura Edusei“
Quelle: youtube

Schatzkiste #27: Groovy Huldigung an die Götter

eloah - os orixásEloah
Os Orixás
(Som Livre, 1978 / reissue: Mr. Bongo, 2016)

In der brasilianischen Popmusik gab und gibt es viele Versuche, die Zeremonien der afro-brasilianischen Candomblé-Rituale zu vertonen. Die schönste Verknüpfung von Música Popular, Samba Soul und Anrufungen an die Orixás ist für mich diese LP, in der die Komponisten Berimbau und Ildásio Tavares sich mit dem Arrangeur Hélcio Alvares zusammengetan haben. Das Resultat sind zwölf Klangtableaus, die den wichtigsten Gottheiten des Candomblé gewidmet sind, vokal gekrönt von der ausdrucksstarken Stimme der Sängerin Eloah. Was dieses Album, das Mr. Bongo gerade neu auf Vinyl aufgelegt hat, aber einzigartig macht, sind die Liner Notes des brasilianischen Nationalautors Jorge Amado und die Covergestaltung des Argentiniers Carybé, der in Bahia im Laufe seines langen Lebens die berühmten Ikonographien der Orixás geschaffen hat. Auf diesem Cover zu sehen: der Donnergott Xangô. Als Klangbeispiel gibt es das Loblied auf Oxum, die Göttin des Süßwassers und der Schönheit.

Eloah: „Oxum“
Quelle: youtube

Schatzkiste #26: Süßer Gitarrenschmelz

franco & t.p.o.k.jazz - en colèreFranco & Le T.P.O.K. Jazz
En Colère – On Entre O.K. On Sort K.O.
(Makossa International Recordings, 1980)

gefunden auf: ebay

Der 1989 verstorbene kongolesische Gitarrenkönig mit seiner Bigband in Hochform. Die Aufnahme stammt aus der Phase, als die rootsige kongolesische Rumba sich zum plakativen Soukouss verdichtet hatte, aber noch nicht mit Drummaschinen und klebrigen Keyboards aufgefüllt wurde.  Vier epische Stücke, in denen sich elegante Mänerchöre, Bläser, die mich schon fast an die Basler Guggenmusik erinnern, swingende Polyrhythmik und vor allem Francos glitzernde Gitarrenphrasen zwischen dem 22. und 24. Bund austoben. Mein Soundtrack zum Augustausklang.

Franco & Le T.P.O.K. Jazz: „Tomkoma Bacamarade Pamba“
Quelle: youtube

 

 

Schatzkiste #25: Algerische Nostalgie

line monty

Line Monty
Line Monty
(Dounia/Editions El Kahlaoui Tounsi, 1978)

entdeckt bei: Crocodisc, 42, rue des Écoles, Paris

Auch Paris bleibt – ganz abgesehen von EM-Turbulenzen und Streiks – derzeit nicht vom nassen Juni-Herbst verschont. Das optimale Wetter also für einen Vinylstreifzug, auf dem ich auch jedes Mal Crocodisc nahe der Sorbonne ansteuere, denn dort findet der Mélomane immer etwas. Bei diesem Trip einen Klassiker der jüdisch-algerischen Diva par excellence: Line Monty (1926-2003) war eine glamouröse Schnittstelle zwischen arabischen Melismen und französischem Chanson, quasi ein schillernder Vokalhybrid zwischen Édith Piaf und Oum Kalthoum. Von Kollegen der orientalischen Welt wurde ihr „Crossover“ nicht immer wohlwollend aufgenommen. Hier sind einige ihrer Standards versammelt, unter anderem der Hit „Ana Loulia“, der aus der algerischen Folklore kommt oder die Hymne „Alger Alger“ an ihre Heimatstadt aus der Feder des Landsmanns Lili Boniche. Ein duftender Rausch für die Ohren, ich rieche schon nach ein paar Takten den Gewürz- und Kaffeesouk in der Mellah von Marrakesch.

Line Monty: „Ana Loulia“
Quelle: youtube

Schatzkiste #24: Opulente Soul-Symphonie

jerry butller - spice of life

Jerry Butler
Spice Of Life
(Mercury, 1972)

Ihn habe ich lange Zeit unterschätzt. Als ich diese Doppel-LP letzte Woche in Stuttgart entdeckt habe, war das endgültig vorbei. Gänsehaut, feuchte Augen. Der Mann, der schon in den Fünfzigern bei  den Impressions angefangen hatte und dann eine Solokarriere über vier Jahrzehnte hinlegte, hat für meine Begriffe hier sein Magnum Opus geschaffen. Getragen durch Orchesterarrangements (Samuel F. Brown III), die in den besten Momenten an Charles Stepney oder Jimmy Webb erinnern, bündelt er hier sechzehn opulente Songs, die mal an den elegischen Ton von Marvin Gayes What’s Going On gemahnen, mal an den funkigen Eros von Isaac Hayes, auch wenn Jerrys Stimme in weitaus höherem Register angesiedelt ist. Die Stücke mit Partnerin Brenda Lee Eager bringen eine weibliche Note ins Spiel, und das Krönchen setzen zwei Versionen von Bacharach & David auf. Bisher dachte ich immer, Bobby Womacks Lesart von  „Close To You“ sei unübertreffbar – jetzt gerät sie ins Wanken.

Jerry Butler: „So Far Away“
Quelle: youtube

Schatzkiste #23: Geehrt unter Palmen

honore avolonto - et l'rchestre black santiagoHonoré Avolonto
Et L’Orchestre Black Santiago
(Éditions Satel Cotonou, ca. 1978/79)

entdeckt auf der Plattenbörse Freiburg

Bei der Fülle an Afrofunk, die die Hipster seit einigen Jahren zutage fördern, ist es schwierig die Spreu vom Weizen zu trennen. Hier eindeutig Weizen! Eine Perle der spätsiebziger Tanzmusik aus dem Benin. Honoré Avolonto ist einer der bekanntesten Komponisten und Perkussionisten des westafrikanischen Staates, arbeitete unter anderem auch mit dem legendären Orchestre Poly-Ritmo de Cotonou. Mit dem Orchestre Black Santiago verfolgt er einen etwas smootheren Sound: Als die Funkphase in Westafrika abgeebbt war, schien es wieder süßlicher, schmelzender, geschmeidiger zu werden, beeinflusst von Soukouss, Salsa und Afrobeat.

Honoré Avolonto & L’Orchestre Black Santiago: „N’Fa Nouwé“
Quelle: youtube