Dünnhäutiges Tagebuch

Patrick Watson
Wave
(Domino Records/Goodtogo)

Wie ändert sich der persönliche Klang eines Musikers, wenn ihm in schneller Abfolge viele Dinge genommen werden? Wenn ihn unerwartet eine Monsterwelle überspült, der er nicht standhalten kann? Wenn ihm sein Leben plötzlich nicht mehr wie sein eigenes vorkommt? Tod der Mutter, Trennung von der Partnerin, Abschied musikalischer Weggefährten: Das passierte Patrick Watson. Weniger aus dem Schmerz heraus, eher mit ihm, schuf er ein berührendes Album mit Songs so dünnhäutig wie Pergament, so zerbrechlich wie Porzellan.

Schon immer war Watson einer der sensibelsten Musiker von Montréal. Die wohl kreativste Songwriter-Metropole Nordamerikas hat über die Jahrzehnte so große Geister wie Leonard Cohen, Lhasa de Sela oder Rufus Wainwright hervorgebracht. Am St. Lawrence-Strom herrscht ein besonderes Werkstatt-Flair, hier schichtet man mit Vorliebe Pop, Klassik, Weltmusik, Chanson und psychedelischen Rock, und auch Watson ist ein Meister dieser Sprache, die Genres sprengt. Klassisch am Piano ausgebildet und mit einem starken Hang zum Cineastischen bildete er seine Klangwelt ab der Jahrtausendwende mit einem Quartett heraus, das die unterschiedlichsten Einflüsse von Kammermusik bis Hardrock vereint. Das Magnum Opus lieferte die Band 2006 mit Close To Paradise, baute eine großartige Dramaturgie aus epischen Stücken um seine stets brüchige Falsettstimme. Es ist ein Meilenstein der kanadischen Musikgeschichte, dessen Konzeptwucht Watson danach nie mehr angestrebt hat. Sein aktuelles Werk erreicht künstlerische Höhe mit einer ganz anderen Sprache.

Schicksalsschläge als notwendiger Motor für neue Inspiration – das kann zynisch klingen. Doch auf „Wave“ trifft diese Formel ohnehin nur bedingt zu. Das Werk tönt nicht nach der von Journalisten gebetsmühlenhaft herbeizitierten Katharsis, es ist ein Leidensalbum. Man hört, dass es dem 40-Jährigen nicht gut geht. Da singt einer, der gerade erst vom Krankenlager der Seele aufgestanden ist und wieder zaghaft die ersten Schritte versucht. Gegenüber den ausgefeilten Texturen früherer Alben muten diese zehn Miniaturen simpel gestrickt an. Einfach, aber nicht banal: Denn im Schmerz wohnt immer Würde und Menschlichkeit. Oft instrumentiert Watson nur mit verhalltem Piano, mit Tönen in hoher Lage, die kurz auffunkeln, wie Lichtreflexe, die beim Durchbruch der Sonne auf der sonst düsteren Meeresoberfläche tanzen. Oder mit ein paar lapidaren Gitarrentupfern und Streicherseufzern, wie in „Dream For Dreaming“, wo er darum bittet, jemand möge ihn doch aus diesem einsamen Traum herausreißen.

Patrick Watson: „Dream For Dreaming“
Quelle: youtube

Gelegentlich schleicht sich auch Geräuschhaftes in die Songs, garstige Keyboardriffs, schreiende Stimmen, übersteuerte Synthesizereffekte. Das ist kein wohliges, selbstgefälliges Baden in Niedergeschlagenheit. Im Titelstück, das aus gleißenden Keyboards mal ausnahmsweise fast zu Rockbombast à la Sigur Rós anschwillt, spürt man die Kraft der Welle, die ihn so wegspült, dass die Textfetzen seiner Falsettstimme fast nicht mehr verständlich sind. Latino-Flair kommt bei der „Melody Noir“ ins Spiel: „Ich habe ein Loch in meinem Innern, das ist so groß wie deine Berührung, und jedes Mal, wenn ich versuche, es zu füllen, wird es größer“, singt er mit fast körperloser Diktion, und die Geliebte verflüchtigt sich dabei zum Windhauch, zur schönsten Melodie, die er je gesungen hat. In die Bruststimme zu gehen, das würde die Melancholie dieses Albums aushebeln, und als Watson es endlich einmal wagt, merkt man, welch unendliche Kraft es ihn kostet.

Die Gelassenheit des hymnischen Finalwalzers „Here Comes The River“ spendet eine kleine Dosis Trost für alle Hörer*innen, die wie Watson in der Talsohle festkleben. Wenn du den Kopf nicht über Wasser halten kannst, musst du dich der Welle beugen, der Strömung hingeben, sagt der Text. Und dann wird es vermutlich weitergehen, irgendwie.

© Stefan Franzen, erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe vom 02.11.2019

Patrick Watson: „Here Comes The River“
Quelle: youtube

Ein Studio-Konzert, in dem Patrick Watson seine ganze Platte spielt, hat CBC hier kürzlich verfügbar gemacht.

Jazzig-ägyptische Edelsteine

Natacha Atlas
Strange Days
(Whirlwind/Indigo)

Auf bislang nicht oft erkundetem Terrain finden wir Natacha Atlas mit ihrem neuen Werk: Strange Days ist das mit Abstand jazzigste Werk der Weltbürgerin mit ägyptischen Wurzeln. Umgeben von einer Band, in der der obertonverliebte ägyptische Geiger und Song-Mitautor Samy Bishai genauso zu finden ist wie Londons erste Jazzriege (Pianistin Alcyona Mick und Bassist Andy Hamill unter ihnen) überrascht es durchgängig, wie mühelos sie ihre Vokalmäander in die ausladenden improvisatorischen Gebilde einfügt. Auflockernd wirkt eine tänzelnde Bossaminiatur („Sunshine Day“), und mit „Words of A King“ betritt sie auch mal das Reich des süffigen R&B. Mit großem Streichorchester dagegen wird James Browns „It’s A Man’s World“ als nokturne Ballade inszeniert, bevor der umwerfende finale Edelstein „Moonchild“ mit fantastisch herbstlicher Bläsertextur aufwartet. Ohne Zweifel: Natacha Atlas‘ größter Wurf überhaupt.

© Stefan Franzen

Natacha Atlas: „Maktoub“
Quelle: youtube

Haudegen sterben nicht

Rachid Taha
Je Suis Africain
(Naive/Soulfood)

Es passiert nicht selten, dass nach dem Tod eines Musikers plötzlich „unentdeckte“ Aufnahmen auf den Markt geworfen werden, um noch ein bisschen Geld aus seinem Ableben zu pressen. Bei dem im September 2018 verstorbenen Rachid Taha liegt der Fall anders: „Je Suis Africain“ (Naïve/Soulfood) hat der algerische Haudegen, der Rai, Châabi, Rock und Techno wie kein anderer vor ihm kombinierte, kurz vor seinem Ableben fertiggestellt, es wäre ohnehin als sein elftes reguläres Album erschienen. Doch jetzt werden die mit Toma Feterman, Kopf der Combo La Caravane Passe geschriebenen Arabo-Chansons zu seinem Vermächtnis. Taha knüpft an den Sound seines Albums „Diwan“ an, ehrt oftmals den Sound der duftenden algerischen Popmusik von einst, den Châabi. Mit reichen Ornamenten schluchzt das Geigenorchester in „Ansit“, machtvoll brausen die ruppigen Chorgesänge in den Refrains.

Für schmachtende weibliche Vokalakzente sorgt die Genferin Flèche Love im grandiosen „Wahdi“, „Insomnia“ hört sich mit Banjo, Trompete und gepfiffener Melodei fast wie ein arabischer Spaghettiwestern an, während in „Like A Dervish“ der Gnawa-Bass dröhnt. An seine besten Technopunk-Zeiten erinnert der Algerier in „Andy Waloo“, ehrt die Helden der Nouvelle Vague und der Pop Art. Und ein Bekenntnis des Maghrebiners zum ganzen Kontinent steckt im Titelstück: Hier verbinden sich Talking Drum, Soukouss-Gitarren und melismatische Streicher zu einer Hommage an den ganzen Erdteil.

© Stefan Franzen

Rachid Taha feat. Flèche Love: „Wahdi“
Quelle: youtube

Öko-Poesie aus Marrakesch

Oum
Daba
(MDC/LOF Music/Galileo)

Die Marokkanerin Oum El Ghait Benessahraoui ist eine Vorkämpferin für die moderne arabische Frau in der Musik – diesen Anspruch untermauert sie mit ihrem dritten Werk. Die Vorzeichen sind ein wenig anders als auf den ersten beiden Alben. Als Aufnahmeort hat sie sich die Berliner Jazzanova-Studios auserkoren, wo eine andere starke Persönlichkeit der frauenbewegten arabischen Szene, Kamilya Jubran, ihre künstlerische Leiterin war. Durch diese Konstellation hat Oums Klangwelt noch an Konturen gewonnen. Der Sound ist smoother und hat zugleich mehr Raum zum Atmen, Oud, Sax, Trompete und Bass klingen eingebundener in ein Bandgefüge, verzichten auf lange Soloimprovisationen, schaffen einen aufregenden orientalischen Sog.

Oums Stimme hat in ihren Melismen mehr Souveränität, klingt blumiger, wie im Opener „Fasl“ auch geheimnisvoller als früher, wie etwa in dem grandios sich steigernden „Rhyam“. Mit Bedacht wurde elektronische Textur eingeflochten – das ist geglückt, da sie nur pointiert und nicht durchgängig spürbar ist. Ihre Lyrics hat Oum dieses Mal sehr ökologisch angelegt, preist die Natur, insbesondere den Ozean, und sie hat mit ihrer poetischen Kraft eine große Brücke von der Flüchtlingsproblematik bis zu zarter Liebeslyrik gespannt – im finalen Stück „Sadak“ gipfelt diese Dichtkunst in gemeinsamen Versen mit Jubran.

© Stefan Franzen

Oum: „Daba“
Quelle: youtube

Die Sounds der grünen Lunge

Diverse
Jambú E Os Míticos Sons Da Amazônia
(Analog Africa/Groove Attack)

Vor nahezu fünf Jahren habe ich diesen Blog als musikalische Plattform ins Leben gerufen und bislang ganz bewusst so weit als möglich politische Anliegen aus diesen Seiten herausgehalten. Das ändert sich jetzt. Es gibt zu viele – im wahrsten Sinne des Wortes – brennende Probleme auf dem Planeten, zu viel Dummheit und Skrupellosigkeit in höchsten politischen Etagen, zu viel latenten und offenen Rückfall in rassistisches Denken, zu viel Schändung der Schöpfung. Ich werde ab jetzt meine musikalischen Artikel, wenn es mir angebracht scheint, explizit mit politischen Links verknüpfen.

Wenn dieser Tage eine Kompilation mit Musik aus dem Amazonas erscheint, muss man mit blutendem Herzen an die Tausende von Bränden im Regenwald denken, die nicht nur, aber auch die Folge des Handelns eines Rassisten, Sexisten und Umweltvernichter an der Spitze des brasilianischen Staates sind. Der Druck auf diesen Machthaber ohne jegliche Moral kann nur über Geld funktionieren, und ich hoffe, dass die G7 ihn dadurch in die Knie zwingen werden – auch wenn es bei den Industriestaaten zuhause natürlich alles anderes als vorbildhaft aussieht.

Mit Jambú E Os Míticos Sons Da Amazônia taucht das Label Analog Africa, spezialisiert auf Vintage-Vinyl der 1960er  bis 80er in eine neue Welt ein. Plattensammler Samy Ben Rejeb kam durch den australischen DJ Carlos Xavier auf die Spur der Popmusik im amazonischen Belém, Hauptstadt des Bundesstaates Pará. In der vierhundertjährigen Geschichte der Kautschukmetropole verschmolzen die Traditionen der Indigenen mit der der Afrikaner und Portugiesen. Ab den 1940ern spielte das Radio eine große Rolle dabei, dass Beléms Klänge bereichert wurden durch Musik aus Kolumbien, Surinam, Guyana, Kuba und Peru. Die Plattenindustrie, die in den 1970ern in der Stadt ins Rollen kam, machte die amazonischen Sounds massentauglich.

Ein Gewirr von Stilen entstand: Der Carimbó, über den bis heute debattiert wird, ob er aus indigenen oder afrikanischen Quellen entsprang,  der Siriá, geformt aus den Traditionen entflohener Sklaven mit Zutaten von Mambo und Merengue, die E-Gitarren-zentrierte Guitarrada, schließlich die Hit-Genres Lambada und Brega. Ein zündendes Gemisch aus schlurfender Perkussion, feuchter Blechblassektion, wimmernden Orgeln und Chören, die sich auch aus den afro-brasilianischen Religionen speisen.

Rejeb versammelt hier 19 patinagetränkte Aufnahmen von Musikern, die er in den letzten Jahren teils auch zum Interview treffen konnte (Auszüge aus den Gesprächen sind im Booklet abgedruckt). Legenden wie Mestre Cupijó, Pinduca, Verequete und Janjão lernen wir kennen, trinkselige und rituell gefärbte Miniaturen, die mal zum Tanzen animieren, mal zum melancholischen Nachhorchen in die grüne Lunge – eine Lunge, die gerade mit Tausenden von Feuern vergiftet wird, allein im letzten Jahr einer halben Milliarde ihrer Bäume beraubt und auf der eine Fläche von 500.000 Fußballfeldern einplaniert wurde.

Hier geht es zu zwei Petitionen – eine will Druck auf den brasilianischen Kongress machen, die andere auf den Gemeinderat meiner Heimatstadt Freiburg. Begreift man die Erde als ein großes Öko-System, ist jeder Baum wichtig, und auch in der „Green City“ Freiburg sollen 190 Bäume geopfert werden, zugunsten eines Parkplatzes für ein Heilbad.

https://secure.avaaz.org/campaign/de/amazon_apocalypse_loc/

https://www.change.org/p/freiburger-stadtbau-verbund-gesch%C3%A4ftsf%C3%BChrung-magdalena-szasblewska-und-ralf-klausmann-kein-kahlschlag-am-eugen-keidel-bad-b%C3%A4umem%C3%BCssenbleiben

Stefan Franzen

Mestre Cupijó E Seu Ritmo: „Despedida“
Quelle: youtube

Zärtliche Dekonstruktion


Caoimhín Ó Raghallaigh & Thomas Bartlett
Caoimhín Ó Raghallaigh & Thomas Bartlett
(RealWorld/PIAS/Rough Trade)

Nordwest-europäische Seelenmusik: Der irische Geiger und der US-amerikanische Pianist, beide Mitglieder der Formation The Gloaming, haben auf ihrem selbstbetitelten Album noch mehr als in ihrem Stammquartett keltische Musik auf ihre meditative Tiefensubstanz untersucht. Wie die Dance Tunes und Melodien aus Irland entschleunigt werden und buchstäblich in ihre Partikel zerfallen, das übt einen faszinierenden Sog aus, gerade auch durch den gedeckten Klang der Hardanger D‘Amore-Fiedel. Es ist aber auch immer eine Gratwanderung, denn ohne Bündelung durch Gesang droht das Duo-Spiel gerade in den längeren Stücken auch mal aus dem Folk-Orbit in den leeren Raum abzudriften. Eine zärtliche Dekonstruktion. (VÖ: 27.9.)

© Stefan Franzen

Caoimhín Ó Raghallaigh & Thomas Bartlett: „Kestrel“
Quelle: youtube

Freigeistiger Fluss

Chicuelo & Marco Mezquida
No Hay Dos Sin Tres
(DL/Galileo)

Wenn der Flamenco sich in Dialog mit Jazz und Klassik begibt, können dabei Höhenflüge entstehen. Das ist der Fall beim gemeinsamen Album des Gitarristen Chicuelo und des Pianisten Marco Mezquida. Vielleicht hat ihre Herkunft aus Barcelona und Menorca dazu beigetragen, dass sie weitab der reinen andalusischen Lehre mit dem Genre sehr freigeistig umgehen. No Hay Dos Sin Tres spielt – nur unterfüttert mit ein wenig Perkussion auf Cajón und Rahmentrommel (Paco De Mode) – hochvirtuos mit dem Urmaterial von Zapateado, Buleria, Tanguillo und gar einem Samba. Klavier und Gitarre formen daraus quasi Canciones ohne Vokalpart. Die acht Stücke strahlen im geistreichen Dialog und elegant tänzelnden Fluss, besonders Mezquida kostet die Register kontrapunktisch aus. Am ergreifendsten ist der melodische Überschwang in „Reloj De Arena“, wo sich sanfte Trompetenphrasen einfügen. Einen schöneren Sommersoundtrack kann man sich kaum wünschen.

Chicuelo & Marco Mezquida: „Romesco“
Quelle: youtube

Jenseits von Afrika

Santana
Africa Speaks
(Concord/Universal)

Wie man schon letzten Sommer in Colmar feststellen konnte: Carlos Santana macht auch in seinem dritten Frühling nicht sonderlich Anstalten, geistig seine Woodstock-Blase zu verlassen. Gleichzeitig ist er nicht bescheidener geworden, wie schon die Verlautbarungen zu seinem neuen Werk zeigen, bevor man auch nur einen Ton gehört hat: Miles Davis und John Coltrane würden sich fragen, wie er das bloß gemacht hätte, könnten sie sein neues Album noch hören. Aber er wolle ja nicht auf dicke Hose machen.

Carlos Santana hat im 50. Jahr seiner internationalen Karriere Afrika für sich entdeckt. Damit man das auch merkt, ist auf dem Cover eine Fantasie-Maske zu sehen, die freilich auch genauso aus einer indigenen Kultur Lateinamerikas stammen könnte. Und tatsächlich ist auf dem ganzen Album kein definiert afrikanischer Rhythmus zu hören, alles, was man hört, hat bereits die transatlantische Passage hinter sich. Und damit offenbart Santana nichts Neues, denn an den schwarzen Tönen zwischen Mexiko und Brasilien hat er sich ja schon immer abgearbeitet. Neu ist allerdings die Sängerin Buika – und mit ihr kommen wir zum Hauptproblem: Die Spanierin mit äquatorial-guineischen Wurzeln begeistert seit 15 Jahren mit ihrer glühenden Stimme im Flamenco- und Kuba-Kontext, die Entfaltung ihrer Vocals wurde dabei stets gefördert von der feinen Nuancierung ihrer Umgebung.

Doch die bietet ihr Carlos Santana nicht: Seine mitunter nachlassende Griffsicherheit in den Soli kompensiert er dadurch, dass er auch mal mehrere Gitarren übereinanderlegt, und seine trommelnde Gattin Cindy Blackman – die im Jazz ohne Zweifel ihre Meriten hat – patscht mit draller Wucht alles zu, was Afrika an polyrhythmischem Gewebe doch eigentlich ausmacht. Gegen diese dicke Kleisterei hat Buika sich also zu behaupten und hat nur eine Wahl: Sie muss des öfteren schreien, und wo sie das nicht tut, wurde ihre Stimme trotzdem ans Limit komprimiert. Wenn es mal etwas entspannter beginnt, wie in „Oye Este Mi Canto“, kommt zwangsläufig der Turboschalter hinterher. Ein Ruhepol hätte „Blue Skies“, Buikas Duett mit Laura Mvula werden können, doch es zerfasert sich über neun Minuten in uninspirierter Blues-Improvisation.

„Breaking Down The Door“ bietet gediegene Latinhit-Kost à la Shakira mit einem schönen Posaunensolo und Akkordeonriff, „Los Invisibles“ schert funky in den arabischen Raum aus, der verstorbene Rachid Taha hat hier mitgeschrieben. Aus „Luna Hechicera“ hören Geübte ein wenig senegalesische Wolof-Anleihen heraus, die aber wegpoliert wurden. Zum Finale gibt es ein klein wenig Afrobeat-Spannung in „Candombe Cumbele“, über die Blackman aber wieder völlig unnötig Paukenwirbel und Santana einen brüllenden Saitenexzess ohne Zielrichtung legt. Was in diesem Stück die nigerianische Legende Easy Kabaka Brown beigesteuert hat, die in den Credits erwähnt wird, bleibt eher ein Rätsel.

Verhindern können hätte das Fiasko ein Mann fürs Feinmotorische oder zumindest mit Erfahrung im Afro-Fach am Pult, aber auch da wurde eher ein Zupacker engagiert: Rick Rubin als Produzent hatte Leute wie Slayer, Kid Rock und Metallica als Kunden. Unterm Strich bleibt ein überdrehtes Latinrock-Album, das nichts mehr von der räumlichen, atmosphärischen Tiefe früherer Glanztaten in sich trägt und zudem fürchterlich anachronistisch wirkt. Denn gerade im afrikanischen Kontext sind es die leisen, kammermusikalischen Töne, die seit etlichen Jahren immer mehr den Trend beherrschen. Carlos Santana, der Friedensmann und Weltzusammenbringer, ist am schwarzen Kontinent auf ganzer Länge gescheitert. Man muss es tatsächlich auf den Nenner bringen: Africa speaks – but Santana didn’t listen.

© Stefan Franzen

Santana feat. Buika: „Breaking Down The Door“ (live)
Quelle: youtube

Funky folk noir

Frollein Smilla
Freak Cabaret
(t3 records/Galileo)

Nach dem Gewinn der Freiburger Leiter auf der Kulturbörse im Januar meldet sich die quirlige Berliner Kapelle Frollein Smilla mit ihrem zweiten Album zurück. Die acht Musiker um Sängerin Desna Wackerhagen balancieren charmant zwischen morbider Zirkus-Lyrik wie im funkigen Folk Noir des Titelstücks, sommerleichten Liebesballaden auf Deutsch („Wie Es Ist“), einem Hauch Chanson und frecher Nostalgie, die an die Charleston-Ära verweist („Burning Sun“). Dabei spielt die Blechblasektion eine zentrale, aber keine dominante Rolle, das Bandgefüge ist fein austariert zwischen Horns, Stimmen und Saitenriege.

Wird‘s melancholisch, klingt’s mal ein bisschen nach Sophie Hunger-Walzer („Anfang Von Gestern“), ein Streichquartett beduftet zwei Stücke („Dear Bereaved“, The Garden“), feine Vokalsätze werden famos eingewoben. Und dass die Texte kleine kritische Stupfer gegen das System parat halten, gehört zum guten Ironie-Ton einer Berliner Kapelle „(Hunderte Mehr“, oder das ein wenig nach Neue Deutsche Welle tönenden „Klappspaten“). Einzig der Ausflug ins Spanische ist nicht ganz überzeugend geraten.

© Stefan Franzen

Frollein Smilla: „Anfang von gestern“, live bei MDR Kultur
Quelle: youtube

Transpazifische Kreuzfahrt

Minyo Crusaders
Echoes Of Japan
(Mais Um Discos/Indigo)

Der Name dieser Combo gibt zunächst einmal Rätsel auf. Wer kreuzt hier wo? Der Reihe nach: Wir haben es hier mit einer zehnköpfigen Bigband aus Nippon zu tun, deren Leader Katsumi Nataka nach dem verheerenden Erdbeben von 2011 auf Wurzelsuche im eigenen Land ging – denn er hatte gespürt, wie schnell eine Kultur ausgelöscht werden könnte. Alte, „Min’yō“ genannte Volkslieder aus dem Repertoire der Fischer, Sumo-Ringer und Minenarbeiter förderte er zutage, doch seine Band hat diese fern jeglicher Nostalgie oder musikethnologischer Sprödigkeit arrangiert. Denn die Folksongs aus den verschiedenen Präfekturen von Fukushima bis Yamagata haben neue Partner auf anderen Kontinenten gefunden, und die heißen Cumbia, Beguine, Boogaloo, Ethio-Jazz und Reggae.

Wie die expressiven Falsett-Vocals, gewürzt mit theatralischem Vibrato, von Latin-Rhythmen und -Bläsern flankiert werden, das klingt zumindest amüsant, in vielen Momenten aber richtig gelungen. Der Geist eines Verstorbenen kehrt zu einem Afrobeat-Rhythmus zurück, Japans winzigstem Vogel wird funky gehuldigt, und ein Reggae ist einem pockennarbigen Mann gewidmet. Stellenweise erinnert man sich schmunzelnd an Señor Coconuts Kraftwerk-Adaptionen. Ein transpazifischer Brückenschlag, der weit davon entfernt ist, nur Klamauk zu sein. Vielmehr wird das fernöstliche Erbe aus einer Perspektive beleuchtet, die es in eine weltweit verständliche und zudem noch tanzbare Sprache umsetzt.

© Stefan Franzen

Minyo Crusaders: „Aizu Bandaisan“
Quelle: youtube