Funky folk noir

Frollein Smilla
Freak Cabaret
(t3 records/Galileo)

Nach dem Gewinn der Freiburger Leiter auf der Kulturbörse im Januar meldet sich die quirlige Berliner Kapelle Frollein Smilla mit ihrem zweiten Album zurück. Die acht Musiker um Sängerin Desna Wackerhagen balancieren charmant zwischen morbider Zirkus-Lyrik wie im funkigen Folk Noir des Titelstücks, sommerleichten Liebesballaden auf Deutsch („Wie Es Ist“), einem Hauch Chanson und frecher Nostalgie, die an die Charleston-Ära verweist („Burning Sun“). Dabei spielt die Blechblasektion eine zentrale, aber keine dominante Rolle, das Bandgefüge ist fein austariert zwischen Horns, Stimmen und Saitenriege.

Wird‘s melancholisch, klingt’s mal ein bisschen nach Sophie Hunger-Walzer („Anfang Von Gestern“), ein Streichquartett beduftet zwei Stücke („Dear Bereaved“, The Garden“), feine Vokalsätze werden famos eingewoben. Und dass die Texte kleine kritische Stupfer gegen das System parat halten, gehört zum guten Ironie-Ton einer Berliner Kapelle „(Hunderte Mehr“, oder das ein wenig nach Neue Deutsche Welle tönenden „Klappspaten“). Einzig der Ausflug ins Spanische ist nicht ganz überzeugend geraten.

© Stefan Franzen

Frollein Smilla: „Anfang von gestern“, live bei MDR Kultur
Quelle: youtube

Transpazifische Kreuzfahrt

Minyo Crusaders
Echoes Of Japan
(Mais Um Discos/Indigo)

Der Name dieser Combo gibt zunächst einmal Rätsel auf. Wer kreuzt hier wo? Der Reihe nach: Wir haben es hier mit einer zehnköpfigen Bigband aus Nippon zu tun, deren Leader Katsumi Nataka nach dem verheerenden Erdbeben von 2011 auf Wurzelsuche im eigenen Land ging – denn er hatte gespürt, wie schnell eine Kultur ausgelöscht werden könnte. Alte, „Min’yō“ genannte Volkslieder aus dem Repertoire der Fischer, Sumo-Ringer und Minenarbeiter förderte er zutage, doch seine Band hat diese fern jeglicher Nostalgie oder musikethnologischer Sprödigkeit arrangiert. Denn die Folksongs aus den verschiedenen Präfekturen von Fukushima bis Yamagata haben neue Partner auf anderen Kontinenten gefunden, und die heißen Cumbia, Beguine, Boogaloo, Ethio-Jazz und Reggae.

Wie die expressiven Falsett-Vocals, gewürzt mit theatralischem Vibrato, von Latin-Rhythmen und -Bläsern flankiert werden, das klingt zumindest amüsant, in vielen Momenten aber richtig gelungen. Der Geist eines Verstorbenen kehrt zu einem Afrobeat-Rhythmus zurück, Japans winzigstem Vogel wird funky gehuldigt, und ein Reggae ist einem pockennarbigen Mann gewidmet. Stellenweise erinnert man sich schmunzelnd an Señor Coconuts Kraftwerk-Adaptionen. Ein transpazifischer Brückenschlag, der weit davon entfernt ist, nur Klamauk zu sein. Vielmehr wird das fernöstliche Erbe aus einer Perspektive beleuchtet, die es in eine weltweit verständliche und zudem noch tanzbare Sprache umsetzt.

© Stefan Franzen

Minyo Crusaders: „Aizu Bandaisan“
Quelle: youtube

Mosaik mit melodischem Überschwang

Wo sind die originellen Melodien geblieben? Wer noch mit dem Pop des alten Jahrtausends aufgewachsen ist und sich heute quer durch die Mainstream-Trends hört, kommt sich vor wie in einer Wiederholungsschleife. Wie Musik ihre Diversität verliert, darüber gibt es schon akademische Untersuchungen. Einer der Gründe ist sicher, dass uns die Algorithmen der Suchmaschinen Lieder mit verwandten Klangmuster vorschlagen, die dann auch von jungen Songschreibern bevorzugt werden. Will ich viele Likes, fotografiere ich für Instagram die beliebtesten Orte, töne ich am besten ähnlich wie andere Viel-Gelikte auf Youtube. Doch keine These ohne Antithese: Gerade wer sich aus dieser Instagramisierung fürs Ohr ausklinkt, hat die besten Chancen aufzufallen. Vampire Weekend, die in den 1980ern vielleicht niemand wahrgenommen hätte, sind das Paradebeispiel.

Als die New Yorker 2007, durch trendige Blogs gepusht, international ins Rampenlicht traten, suchten sie Wege sowohl vorbei an den Ritualen des Kommerzpops als auch den Dresscodes der Indierocker. Sie schrieben freche Melodien, die mal an fröhlichen Punk, mal an süßen Folksong erinnerten. Und für deren Unterbau griffen sie Rhythmen und Gitarrenriffs aus Afrika auf, woraufhin etliche Rock-Leitmedien plötzlich die „Afrobeat“-Welle ausriefen. Ein Missverständnis: Mit dem vom Nigerianer Fela Kuti geprägten, politisierten Genre Afrobeat hatten Vampire Weekend nichts zu tun. Sie beriefen sich vielmehr auf den Soukous, die süffige Tanzmusik des Kongo mit ihren irre hoch kletternden E-Gitarren, nahmen Anleihen beim Pop aus Soweto oder der Palmwine-Musik Westafrikas. „Es gibt zwei Gitarrentraditionen auf der Welt, die für mich wirklich wichtig waren, die eine ist die des Rock, die andere die Afrikas“, so Bandchef Ezra Koenig. „Aber diese Dualität aufzustellen ist ohnehin Nonsens, denn alle Rockmusik hat über den Blues letztendlich eine afrikanische Verbindung. Ich habe immer die Gemeinsamkeiten gehört, im Stil von Johnny Marr von The Smiths entdecke ich auch das senegalesische Orchestra Baobab.“

Das unauffällige musikalische Umarmen der Welt mit den Mitteln eines Dreiminutenpopsongs, niemand meistert es so gewinnend wie Vampire Weekend. Es steckt auch in „Father Of The Bride“, dem vierten Werk nach sechsjähriger Pause. Die achtzehn knackigen Songs, manchmal gerade hundert Sekunden lang, wirken oft wie en passant gefertigte Skizzen, sind aber kleine Meisterwürfe. War der Vorgänger „Modern Vampires Of The City“ ein wenig dunkler geraten, herrscht jetzt eine positive, lebensbejahende Grundstimmung vor. Dass Koenig Vater geworden ist und seiner Partnerin Rashida Jones wegen, Tochter der Produzenten- und Jazzlegende Quincy Jones, nach L.A. gezogen ist, hat nach seiner eigenen Aussage kaum eine Rolle gespielt beim Songwriting. Doch die Texte beschäftigen sich oft originell mit den Mühen des zweisamen Alltags. Sie lassen sich aber auch beiseitelegen, denn man hat schon alle Ohren voll zu tun, die Bläsertupfer, Synthie-Spielereien und vor allem den ansehnlichen Gitarren-Fuhrpark zu ordnen. Ein bunt getürmtes Mosaik, aber keine aufgepappte Exotik – und Koenigs Knabenstimme feiert stets schamlos den melodischen Überschwang.

Vampire Weekend: „Harmony Hall“
Quelle: youtube

Eröffnet wird das Werk mit Country- und Folkflair, der durch einen Chor von den Salomonen-Inseln und die Gaststimme von Danielle Haim gefärbt ist. Und schon überrumpelt einen „Harmony Hall“: Mit seinem flinken Piano, seiner blubbernden Akustikgitarre und dem jubilierenden Refrain ist das eine ungebremste Sommerhymne mitten im Frühling. Bei sonnigem Rock’n’Roll nehmen die „Vampires“ öfters Quartier, er kann ein wenig hispanisch nach Los Lobos tönen, aber auch schmalzig nach Everly Brothers. „My Mistake“ berührt das Terrain des nostalgischen Chansons. Brüche in Stil, Instrumentation und Taktart gibt es zwischen und auch in den Stücken: „Sympathy“ schwankt zwischen Akustik-Punk, Gypsy Rumba und Disco, in „Flower Moon“ mixen sich Dreampop und großes perkussives Besteck. Plötzlich scheppert die Gitarre des 1994 verstorbenen Palmwine-Gitarristen S.E. Rogie aus Sierra Leone und wird mit besoffenen Streichern gepaart. Und an anderer Stelle mogelt sich ein Fetzen des japanischen Produzenten Haruomi Hosono vom Yellow Magic Orchestra hinein.

Für Koenig ist das kein Klau: “Wenn du jemanden sampelst, dann heißt das nicht nur: Ich beziehe mich auf dich, sondern du bist Teil des Songs, er gehört dir genau wie mir.“ Am Ende schwirren einem angenehm die Sinne, weil jeder Song eine neue Welt eröffnet. Wo sich viele Pop-Acts heute gleichen wie ein Ei dem anderen, ähneln Vampire Weekend nicht einmal sich selbst.

© Stefan Franzen
erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 4.5.2019

Vampire Weekend: „Sunflower“ (6 Music Live Room)
Quelle: youtube

Rockeiro in Hochform

Lenine
Em Trânsito
(Wrasse/Galileo)

Wer einmal ein Konzert des brasilianischen Songwriters Lenine besucht hat, weiß, dass der Mann auf der Bühne gelegentlich ein noch zupackender Rockeiro sein kann als in seinem Studiokatalog. Das spiegelt sich eindrucksvoll auf dem Live-Album Em Trânsito wider, das er im Februar 2018 mit seinem Quartett in Rio eingespielt hat. Nach kurzem, versonnenen Intro heulen in „Sublinhe E Revele“ die treibenden Stromgitarren wütend auf, Bass und Drums stemmen sich kraftmeiernd synkopisch dagegen, und auch der Rausschmeißer „Umbigo“ ist ein hartkantiger Schrammelrock mit selbstsicherer Mackerpose im Text.

Dazwischen jedoch entfaltet sich die ganze Palette dieses vielseitigen Barden aus Pernambuco: Die Traditionen des Nordostens hat er clever in die Call-and-response-Struktur von „Virou Areia“ eingebacken, live packt einen das noch erheblich stringenter. Afro-brasilianische Färbungen kann er auch a cappella ausloten, wenn er in „Ogan Erê“ die rituellen Rhythmen nur aus geatmeten Beats erzeugt. „Lá Vem A Cidade“ wird live zum spacigen Indierock-Biest, entrollt die Historie einer Stadt mit mythischem Unterton. Und schließlich kommen auch balladeske Töne zum Tragen: Das melancholische „Lua Candeia“, nur mit Piano instrumentiert, erinnert fast an die Lyrik eines Milton Nascimento.

Besonders in einem solchen soften Moment zeigt sich: Lenine, äußerlich deutlich gealtert, hat sein vokales Charisma völlig unverändert in seine reifere Schaffensphase hinübergetragen. Schön, dass das Booklet zudem auch noch englische Übersetzungen der Texte parat hält. Zweifellos einer der besten brasilianischen Konzertmitschnitte der letzten Jahre.

© Stefan Franzen

Lenine: „Lá Vem A Ciade“ (live)
Quelle: vevo

Afro-Jam aus London Town II

Kokoroko
Kokoroko EP
(Brownswood Recordings/Rough Trade)

Es sind nur vier Stücke, aber die haben es ziemlich in sich: Kokoroko zählen zu den interessantesten Newcomern in Londons quirligem Afrobeat-Zirkel. Aus dem Genre, das vor rund 50 Jahren Tony Allen und Fela Kuti in Nigeria geprägt haben, holt dieses Oktett mit einem ausschließlich weiblichen Bläsersatz um Trompeterin Sheila Maurice-Grey einen unorthodoxen Ansatz heraus. Die Hornsection agiert dreckig und fast nachlässig in „Adwa“, macht Platz für ein sehr jazziges, freies Gitarrensolo. Maurice-Greys Trompete geht in „Tide“, einem träumerischen Zwischenspiel mit trillernder Gitarre auf eine abenteuerliche Reise, bevor sich fast gospelige Chorharmonien durchsetzen. „Uman“ wird von funkigen Gitarrenriffs vorangetrieben, Achterbahn fahrende Bläser prägen diese Hommage an die schwarze Frau. Das gemächlich schaukelnde „Abusey Junction“ verweist mit beschwipstem Saitenspiel sogar an die süffige Palmwine Music. Übersetzt aus dem Orobo-Idiom heißt der Bandname „Sei stark!“ Das hat diese famose Combo, die das Jazzfestival in Basel eröffnen wird, schon bewiesen.

© Stefan Franzen

Kokoroko live: 26.4. Basel, Kaserne (support für Somi) – 8.5.  Zürich, Exil – 9.5. Berlin, XJazz Festival – 16.+18.5. Strasbourg, Pelpass Festival – 1.6. Hamburg, Elbjazz Festival

Kokoroko: „Uman“
Quelle: youtube

Afro-Jam aus London Town I

Nubiyan Twist
Jungle Run
(Strut/Indigo)

Londons Szene scheint mit umso aufregenderen neuen Bands zu pulsieren, je absurder das Brexit-Theater wird. Auf seinem zweiten Album swingt das zwölfköpfige Kollektiv Nubiyan Twist zwischen den Koordinaten Jazz, Funk, HipHop, Brasil und Afrobeat. Benannt nach Nubiyan Brandon, der soulig schmachtenden bis cool rappenden Stimme im Epizentrum von vier Stücken, geizt die Band nicht mit weiteren Protagonisten. Denn nicht weniger seelenvoll ist Nick Richards, der für das funkige „Tell It To Me Slowly“ vom Sax auf die Vocals umsattelt und fast Marvin Gaye-Qualitäten entfaltet.  „Basa Basa“ und vor allem das atemlose „They Talk“ bündeln mit dem Ghanaer K.O.G. am Mikro eine ganze Palette westafrikanischer Anklänge. In „Addis To London“ drängen sich im dichten Bläsersatz die mysteriösen Skalen des Ethiojazz nach vorne, Stargast Mulatu Astatke am glimmenden Vibraphon inklusive. „Borders“ wartet mit schwülen brasilianischen Jazzharmonien in geschichteten Flöten und Stimmen auf. Und im Intro zum Finale „Sugar Cane“ blitzt plötzlich eine Art HipHop-Billie Holiday auf.

© Stefan Franzen

Nubiyan Twist: „Tell It To Me Slowly“
Quelle: youtube

Irakisch-israelische Tanzparty

Dudu Tassa & The Kuwaitis
El Hajar
(Membran)

Es ist eine spannende Geschichte, die 2011 auch schon Stoff für einen Dokumentarfilm geliefert hat: Zwei kuwaitische Brüder werden im Bagdad der 1930er bis 50er Musikstars, erneuern den damaligen Pop des Irak, avancieren zu Lieblingen von König Faisal, gründen gar den Rundfunk der Hauptstadt mit. Unter Saddam Hussein wird ihre Musik verboten, denn der Diktator findet heraus, dass die beiden Brüder  Juden sind. Nichts von alledem weiß der Enkel Dudu Tassa, der nach der Auswanderung der Familie längst in Israel ansässig ist, bis er in den Hinterlassenschaften auf dem Speicher eine alte Plattenkiste entdeckt. Tassa, selbst Rockstar in Tel Aviv, schlägt einen Seitenpfad seiner Karriere ein und begibt sich auf die Klangfährte von Opa und Großonkel, den Kuwaiti Brothers.

El Hajar ist bereits die dritte Scheibe auf den Spuren seiner Vorfahren, die Tassa mit einem jüdisch-arabischen Bandprojekt realisiert: Er schafft mit seinen neuen Versionen der mit Patina besetzten Hits von einst einen betörenden Sound, der zugleich retro klingt, aber durch dezente Elektronik auch im 21. Jahrhundert verankert ist („Hmayyed“). Oft erinnert er an die rockig-rebellischen Arabesken eines Rachid Taha (Anspieltipp: „Ya Khayib Ana“) oder, wie in „Blint El Moshab“, an den kompakten Arab-Beat der frühen Dissidenten. Die besondere Würze der Songs kommt auch mal durch eine Anreicherung mit tiefmelancholischen Geigen- und Vokalsamples der Originalaufnahmen zustande, so etwa in „Ahibbek“. In stilleren Momenten aber, etwa wenn die Sängerinnen Nassreen Qadri oder Rehela das Zepter übernehmen, wirkt diese großartige Scheibe wie ein karamellisiertes Duftwässerchen aus tausendundeiner Nacht. Und zum Finale wird es mit sonorer Oud und klappernder Bechertrommel ganz traditionell.

© Stefan Franzen

Dudu Tassa & The Kuwaitis: „Bint El Moshab“
Quelle: youtube

Armenisch-türkische Versöhnung

Vardan Hovanissian & Emre Gültekin
Karin
(Muziek Publique/Galileo)

Oft wirken musikalische Versöhnungsprojekte gewollt und gekünstelt. In diesem Falle aber steht die Zwiesprache zweier Ausnahmekönner im Mittelpunkt, die einen grandiosen Flow zwischen einem ganzen Mosaik von Regionen des Kaukasus und Anatoliens herstellen. Der armenische Duduk-Virtuose Vardan Hovanissian, Enkel eines Genozid-Überlebenden und der türkischstämmige Saz-Spieler Emre Gültekin beschreiten diese Brücke mit belgischen Mitmusikern an Kontrabass und Perkussion zum zweiten Mal auf einem Album. Es nennt sich Karin und feiert eine Ära des friedlichen Miteinanders in der gleichnamigen armenischen Metropole von einst, die heute türkisch ist und jetzt Erzurum heißt. Traditionelle Stücke aus der Zeit des armenischen Barden Sayat Nova wechseln sich mit Neukompositionen ab,Instrumentals mit gesungenen Stücken in vier Sprachen (Armenisch, Türkisch, Kurdisch, Georgisch).

Ein ergreifender und melancholischer Ton liegt über der gesamten CD, reich wird die Textur durch das Ausreizen aller Mitglieder der Saz-Familie sowie weiteren Saiteninstrumenten wie der Kopuz oder der Shvi-Flöte. Das kammermusikalische Musizieren wird immer dann besonders intensiv, wenn Vokalisten hinzutreten: So etwa in “Mawda”, einer Widmung der Sängerin Gülçiçek Bakur an ein erschossenes kurdisches Flüchtlingsmädchen, oder in der tiefen Spiritualität des alevitischen Gedichts “Medet Erelner”, in der sich Gültekin selbst als seelenvoller Bariton erweist. Lebhafte Einschübe wie “Hamchena Par”, ein 9/8-Tanz der armenischen Hemshin-Minderheit, ein Hochzeitstanz aus der Schwarzmeermetropole Trabzon oder ein georgisches Lied über enttäuschte Liebe mit kehligem Chorgesang bilden ein schönes Gleichgewicht zur Innerlichkeit.

© Stefan Franzen

Vardan Hovanissian & Emre Gültekin: „Vard Siretsi“
Quelle: youtube

Aufbruch aus dem Korsett

Carminho
Maria
(Warner)

Mit drei in rascher Folge erschienenen Alben hat sich Portugals Shootingstar einen festen Platz in der jungen Fadoszene gesichert, bevor sie sich 2016 auch mit Jobim-Interpretationen auf Brasilianisches eingelassen hat. Die Rückkehr zum Fado auf Album Nummer fünf geschieht nun unter veränderten Vorzeichen. Carminho präsentiert auf „Maria“ (Warner) etliche Eigenkompositionen, die dem klassischen Klang des Genres eigene Feinheiten hinzufügen. Wie sie es auch gerne in Liveshows handhabt, interpretiert sie einen Fado a cappella – ein grandioser Streich, mit dem sie die souveräne Expressivität ihrer Stimme gleich zum Auftakt untermauert. In der Folge wechseln „konservative“ Fado-Besetzung im Quartett mit einer freien Sprache ab, die das strenge harmonische Korsett des portugiesischen Nationalgenres verlässt.

„O Menino E A Cidade“ ist so ein Highlight, auf dem die guitarra portuguesa durch eine Schicksalsballade für einen Stadtjungen leitet. In „As Rosas“ lässt sie sich im fast romantisch-liedhaften Sinn nur vom Piano begleiten. Am weitesten von der Schwerkraft des Fados entfernt sich Carminho in „Estrela“, wenn sie erstmals in ihrem Repertoire überhaupt zur E-Gitarre greift und eine nackte Indierock-Ballade in ihrer ureigenen Machart erschafft. „Pop Fado“ transferiert die fröhlichen und tänzerischen Farben des Fadorepertoires auf eine genauso elektrifizierte Besetzung. Und eine grandiose Dramaturgie wohnt in „ A Mulher Vento“, ein Reverenz an die weibliche Stimme als Naturkraft. Carminhos Weg von der Fadista zur Songwriterin erzeugt kein Entweder-Oder, vielmehr bringt sie beide Facetten erstmalig überzeugend unter ein Dach.

Carminho: „A Mulher Vento“
Quelle: youtube

Klarinetten in der Kirche

Great Lake Swimmers
The Waves, The Wake
(Nettwerk)

Unter Kanadas Indierock-Bands sind sie die meditativsten. Seit 15 Jahren suchen die Great Lake Swimmers um Sänger Tony Dekker ungewöhnliche Orte auf, um ihre von Naturbildern geprägten Songs einzuspielen. Auch auf ihrem siebten Werk The Waves, The Wake, das Dekker und Co in einer alten Kirche in London, Ontario aufnahmen, bleibt die Klangphilosophie introspektiv. Feinfühlig bauen sie die transparenten Texturen in Hall-verliebten Arrangements auf, zur fragilen Kopfstimme und dem Falsett-Satzgesang gesellen sich ungewöhnliche Instrumente.

Im lyrischen Opener „The Talking Wind“ ist das ein ganzes Klarinettenensemble, in „Falling Apart“ umwinden sich Piano und Harfe. Celli treten im trabenden „Root Systems“ mit den Vocals in Dialog, „Holding Nothing Back“ schichtet ein Gespinst aus Marimba- und Vibraphonen. Am Ende wächst in „The Open Sea“ eine gewaltige Ton-Kathedrale in den Himmel. Großartige Klanglandschaften von den kanadischen Brüdern der amerikanischen Fleet Foxes.

live: Swamp Freiburg, 15.12.

Great Lake Swimmers: „The Talking Wind“
Quelle: youtube