Die Eroberung von Elysium

Björk
Utopia
(One Little Indian)

Ihr Leib: nur noch ein Block aus schwarzer Lava-Schlacke, geopfert auf dem Altar der Schmerzen. Ganz allmählich kann sie die Vagina-artige Wunde in ihrem Brustkorb mit silbernen Perlen und leuchtenden Fäden schließen, die Heilung beginnt. Mit plakativer Symbolik wie dieser breitete Björk auf dem Vorgängeralbum Vulnicura (Wundpflege) die einzelnen Kapitel ihrer Trennung aus. Utopia ist ein logischer Nachfolger: Die Genesende erzählt uns, nicht minder episch, nicht weniger bildgewaltig, wie sie zur ewigen Kraft der Liebe zurückfindet – ohne die Narben zu verschweigen.

Um die radikale Preisgabe von Emotionen in Musik und Text für sich und ihr Publikum erträglich zu machen, hüllt sich die Isländerin seit einiger Zeit in Video, Bild und auf der Bühne in maximale Maskerade: Auf dem Cover präsentiert sie sich als extrem stilisiertes Zwitterwesen zwischen Klingonenkriegerin und Porzellanpuppe, die Vagina ist auf die Stirn gewandert, ein Fötus ruht an ihrer Schulter, eine Flöte hält sie in der Hand. Hatte sie auf den vergangenen Werken schon immer eine bestimmte Klangfarbe mit Elektronik kombiniert, mal einen Chor, mal Blechbläser oder ein Streichquartett, ist es diesmal tatsächlich ein vierzehnköpfiges weibliches Flötenensemble, dem eine Schlüsselrolle zukommt. Für die Synths hat sie sich wieder den Venezolaner Arca geholt, Harfe und Cello bereichern in Nebenrollen den überwältigend räumlichen Sound.

Zunächst fällt es nicht leicht, sich innerhalb der 72 Minuten zurecht zu finden. Denn irgendwann um das „Medulla“-Album herum ist Björk die melodische Strahlkraft der früheren Werke abhanden gekommen. Statt zu Hook Lines und Refrains neigt sie oft zu einer Art Rezitation, für die sie in der isländischen Tradition des Rímur-Gesangs ein Vorbild hat. Doch da jeder „Song“ auf eine geschlossene Geschichte verzichtet, stattdessen einen Seelenzustand beschreibt, eine „emotional landscape“, wie sie es schon im Hit „Jóga“ vor zwanzig Jahren sang, passt es wiederum, dass sie Phrasen wiederholt statt entwickelt.

Nach der gleichnamigen Datingplattform hat Björk Utopia scherzhaft als ihr „Tinder“-Album bezeichnet. Und am Anfang sind wir wirklich Ohrenzeuge einer neuen, spontanen Liaison, in der jeder Kuss eine Explosion ist, Vokalspuren als Freudenschreie getürmt werden. In der Harfengirlanden umherschwirren und – wie in der Single „The Gate“ – immer wieder die Fürsorge für den anderen beschworen wird. Das Verliebtsein wird durch Musik getriggert: Sie ist vernarrt in seine Songs, Mixtapes werden als Streicheleinheiten ausgetauscht. Dass Björk ein zuckrig-verzärteltes Turteltauben-Werk serviert, glaubt man spätestens, als seufzende Exotikvögel den ersten Auftritt der Flöten umgarnen – und die kommen nicht als wildes, phallisches Element daher, sondern fast höfisch-barock. Doch auch wenn diese „Paradise Pipers“ jetzt nicht mehr von den Hörern weichen, kippt genau hier die Stimmung.

Utopia will erst erobert werden, und dafür durchmisst Björk nochmals ihre Schmerzensbahn: Unterstützt durch einen Chor erzählt sie mit gewaltiger Sounddramaturgie von der Entfremdung der Liebe in der Stadt, träumt sich ins mythische Nordland zurück, wo Körper und Natur verschmelzen. Hier bekommen Arcas atmende Beats mehr und mehr ihre große Stunde: Sie scheren sich oft nicht um Taktgebungen, sind eher Herzstolperer, dazwischenfauchende Wesenheiten, zischende Geysire, bis über die Grenze der soundtechnischen Überfrachtung hinaus geht das. Wir müssen abtauchen in die Schattenseiten, in die Tretmühle der Liebe: unerwiderte Gefühle, bittere Rache, patriarchale Übergriffe, das Vererben der Elternsünden an die Kinder.

In all dem Tumult mühen sich die Flöten, Leitfaden zum Licht zu sein, und therapeutische Sätze wie dieser: „Loss of love we all have suffered / how we make up for it defines who we are.“ Endlich kann in „Claimstaker“ das Land Utopia neu in Besitz genommen werden, mit allen Sinnen und dem Körper, der bei Björk auch immer Biographie und Geologie ist. Leider verpufft am Ende diese großartige Ohrenkino in einem entrückten Elysium. Der Himmel hängt voller Flöten, als eine allegorische Heilige auftritt und zum Reich ewiger Liebe geleitet: „Music heals, too, and I‘m here to defend it.“

Dann löst sich jegliche Rhythmik auf, selbst das Vogelkonzert verstummt. Synthetische Steeldrums und Björks verzückteste Sopranlinien duettieren. Nach so viel Körperlichkeit, nach so viel Kampf das Vakuum, „Utopia“ wörtlich genommen als „Nicht-Ort“. Björk, die Jeanne d‘Arc der Musik (= Liebe) im luftleeren Raum, das ist eine anrührende, aber irgendwie auch unbefriedigende Apotheose.

© Stefan Franzen, erschienen in der Badischen Zeitung vom 29.11.2017

Björk: „The Gate“
Quelle: youtube

Die Krümel des Flamenco


„Wir sind die Krümel, die vom Flamenco-Brot abfallen“ – so formulierte es die Sängerin Sílvia Pérez Cruz einmal, als sie nach dem lustigen Namen des Frauenquartetts Las Migas (migas = Krümel) gefragt wurde. In der Tat hat die 2004 von Musikstudentinnen gegründete Band aus Barcelona voller Respekt den Flamenco immer als Anlaufstation genutzt, allerdings in einer sehr freien Les- und Spielart. „Der Flamenco hat seine Wurzeln in all unseren Familien“, sagt die klassisch ausgebildete Gitarristin Marta Robles aus Sevilla, die auch etliche der Songs schreibt, im Interview mit El Mundo. „Er berührt uns vor allem, weil er aus den Dörfern, aus der Armut kommt. Alles an ihm ist authentisch. Es ist eine Musik, die Wahrheit atmet.“

Anfangs traten die vier als multinationale Angelegenheit mit katalanischer Vokalistin, zwei andalusischen und bretonischen Gitarristinnen und einer deutschen Geigerin auf den Plan, und sie deckten auch abseits des Flamenco von Klassik bis Bossa viele Facetten über Iberien hinaus ab. Schnell machten sich die Frauen über Spanien hinaus einen Namen, galten als sympathisch-sinnliche Vorreiterinnen eines neuen weiblichen Aufbruchs in der mediterranen Weltmusik. Turbulent drehte sich in den letzten Jahren das Besetzungskarussell der „Krümel“. Sílvia Pérez Cruz ist ausgestiegen und verfolgt mittlerweile eine grandiose Solokarriere. Geblieben ist im neuen, wiederum rein weiblichen Aufgebot von den Gründerinnen nur Marta Robles. Geblieben ist aber ebenso die Vorliebe für den Flamenco, auch wenn nach der Experimentierphase nun alles ein wenig poppig gestrafft tönt.

So zumindest auf dem dritten Album Vente Conmigo, das in Spanien zum besten Werk des Jahres in diesem Genre gekürt wurde. An der Vokalposition agiert seit einigen Jahren Alba Carmona: Sie wurde als Flamencosängerin ausgebildet, hat das Genre mit koreanischen und brasilianischen Begegnungen bereichert, sang in Carlos Sauras letztem Bühnenspektakel oder mit dem aufstrebenden Flamencogitarristen Jesus Guerrero. In ihrer Stimme finden sich noch Spuren aus dem rauen, traditionellen Cante Jondo, doch sie ist genauso imstande, einen Popsong mit romantischem Schmelz zu krönen. Marta Robles und Alicia Grillo, die beiden Andalusierinnen, teilen sich die Gitarrenarbeit in ausgefeilten Arrangements, ohne sich mit allzu viel Virtuosität hervortun zu müssen. Auch die Geige ist weiterhin fest im Las Migas-Sound verankert: Roser Loscos flicht mit ihr jazzige Töne und Anklänge an Bluegrass ein; besonders wenn sie Carmonas Stimme umgarnt, führt das zu einem geschmeidigen Dialog.

Auffällig am neuen Repertoire ist ein Hang zum lateinamerikanischen Flair: Immer wieder mischen sich in die Flamenco-Vokabeln Rhythmen und Melodien, die aus der kubanischen oder argentinischen Musik bekannt vorkommen. Schließlich zollt das Quartett auch seinem Standort Barcelona Tribut: Mit „La Plaça Del Diamant“ ist ein Klassiker aus dem Repertoire von Ramon Muntaner eingeflossen, einer der Liedermacher-Protagonisten aus der heißen Phase der Nova Cançó-Bewegung Kataloniens. Las Migas sind mit ihrem katalanisch-andalusischen Doppel ein besonders charmanter Beweis dafür, dass über alle politischen Unebenheiten hinweg diese beiden Regionen gemeinsam großartige Kultur hervorbringen können.

Las Migas sind auf Tournee durch D-A-CH:
23.11. Mainz, 24.11. Innsbruck/A, 25.11. Biel/CH, 27.11. Freiburg, 28.11. Schaan/LIE, 30.11. Stuttgart, 1.12. Berlin. mehr Infos auf ihrer Website.

© Stefan Franzen

Las Migas: „La Plaça Del Diamant“
Quelle: youtube

Goodbye, Deloreese


Von Klassik über Gospel bis Blues, von Schlager über Jazz bis Funk: Sie war eine der vielseitigsten Diven des 20. Jahrhunderts. Mein Lieblingstitel von ihr war immer die bissige Version des Les McCann-Protestsongs „Compared To What“ von 1969. RIP Deloreese Patricia Early alias Della Reese.

Della Reese: „Compared To What“
Quelle: youtube

Spiritueller Triumph

Sharon Jones & The Dap-Kings
Soul Of A Woman
(Daptone/Groove Attack)

Wie singt jemand im Angesicht des Todes den Soul? Bei der vor einem Jahr verstorbenen Sharon Jones scheint die Gewissheit über das Kommende einen heiligen Ernst entfacht zu haben. Auf dem nun posthum erscheinenden Soul Of A Woman hat sie zu einem machtvoll glühenden Ton ohne ein Quäntchen Pathos gefunden, der in „Matter Of Time“ oder „Sail On“ an die Intensität von Aretha Franklins ersten Atlantic-Alben erinnert, flankiert von den beißenden Horns der Dap-Kings, die wie ein großes Groove-Organ atmen.

Und in der Mitte passiert etwas Großartiges: Nach der weitgehend funky A-Seite (auch die CD folgt der LP-Ästhetik), reihen sich fantastische Balladen ganz unterschiedlicher Couleur aneinander: Ihr Phrasieren zur glimmenden Orgel in „Pass Me By“ gemahnt an den Minimalismus des jungen Al Green, das zum Niederknien mit Motown kokettierende „When I Saw Your Face“ lebt von gleißenden Streichern, „Girl“ von orchestralem Hochgebirge. Das kurze Album verdankt seine Magie auch der exzellenten Produktion – der unglaublich kompakte, zeitlose Sound macht Prädikate wie „retro“ endlich überflüssig. „Call On God“ heißt das Gospel-betupfte Finalstück aus Jones‘ eigener Feder – ein Schwanengesang, der zum spirituellen Triumph über den Tod geraten ist.

Sharon Jones & The Dap-Kings: „Call On God“
Quelle: youtube

Tropischer Opernabend


Gilberto Gil, Cortejo Afro, Nucleo de Opera da Bahia &
Orquestra Nova Lisboa

Baloise Session Basel, 7.11.2017

Noch einmal in satter Besetzung! Das hatte man von Gilberto Gil, dem Begründer des Tropikalismus, der Ikone der Música Popular, diesem streitbaren, politisch aktiven und sozial engagierten Musiker gar nicht mehr erwartet. Der 75-jährige Ex-Kulturminister, seit über einem halben Jahrhundert auf den Bühnen der Welt, hatte sich zuletzt auf intime Projekte zurückgezogen: eine Live-DVD nur in Zwiesprache mit seinem Sohn, eine wunderbar transparente Samba-Platte. Doch nun noch einmal das ganz große Besteck – mit der Carnavalsgruppe Cortejo Afro und vier klassischen Sängern aus seiner Heimatstadt Salvador da Bahia, sowie dem portugiesischen Kammerensemble des Orquestra Nova Lisboa. Ein Projekt, das derzeit nur ein paar handverlesene Male in Europa zu erleben ist, so auch bei der Baloise Session.

Gil geht hier an eines seiner Herzensthemen zurück: Er als Mann aus Bahia, dem schwärzesten Bundesstaat Brasiliens, hat sich immer um das afrikanische Erbe der Kultur Brasiliens gekümmert, in Afrika selbst musikalische Querverweise über den Atlantik erforscht. Genau zu diesem Zweck gründete sich auch vor rund zwanzig Jahren in Salvador da Bahia der Cortejo Afro, der den kommerzialisierten Karneval neu erdet.
Dass karnevalesker Überschwang an diesem Abend allerdings kaum eine Rolle spielen wird, damit hatten wohl die wenigsten Zuschauer gerechnet.

Als das 12-köpfige Orchester in weißen Gewändern und mit neckischen Federhütchen Platz nimmt, werden die Klänge des afrikanischen Erbes zwar zelebriert, allerdings als selbstbewusster Weg in die abendländische Klassik hinein: Unter Leitung des Italieners Aldo Brizzi gibt es Auszüge aus Scott Joplins mit Ragtime und Blues angetupfter Oper „Treemonisha“. Melancholisch sinnen Flöten und die Geige nach, das Blech verweist auf die Kapellen der frühen Kolonialzeit. Eine Arie wird mit Belcanto-Schmelz von Sopranistin Maria Das Graças De Almeida gefüllt, und die sieben Perkussionisten des Cortejo Afro halten sich mit Sambareggae-Rhythmen teils im Hintergrund.

Gilberto Gil selbst kommt spät auf die Bühne, hat aber zugleich joviale Präsenz, streut mit seiner leicht brüchigen Stimme Dialoge in Richtung Gesangsquartett. Und es ist eine weitere Oper, die den Kern dieses Abend bildet: Mit „Negro Amor“, basierend auf Sanskrittexten, erzählen Gil und Brizzi aus brasilianischer Perspektive die Krishna-Liebesgeschichte mit grandioser Dramaturgie: Kraftvolle chorale Schübe und Blechfanfaren sind die Mittel, aber auch süffige, romantische Brasiljazz-Harmonien mit ergreifenden Flöten- und Klarinettenlinien, inmitten derer Gil seine Stimme mehr und mehr zu altem, warmem Glanz entwickelt. Arrangements, die keine Angst vor Sentimentalitäten haben.

Gils Querschnitt durch seine eigenen Hits sind nur noch der Kitt zwischen den beiden Opernblöcken, doch in diesem Setting leuchten sie neu: „Andar Com Fé“ bekommt durch den Chor einen hymnisch-erhabenen Touch, und „Eu Vim Da Bahia“ singt er mit den für ihn so typischen Jauchzern, verbreitet fast jugendlichen Charme. Mit schmetternden Trompeten wird die Capoeira-Atmosphäre von „Filhos de Gandhi“ bereichert, und zum Schluss donnert seine frühe Erfolgsnummer „Expresso 2222“ mit dem organischen Motor der Trommelgruppe mächtig über die Bühnenbretter.

Einen ganz großen, fast schockierenden Höhepunkt gestaltet Gil komplett solo: „Não Tenho Medo Da Morte“ – ich habe keine Angst vor dem Tod, aber vor dem Sterben: Mit grollender Stimme gestaltet er die Auseinandersetzung des alten Mannes, mit dem, was da kommen wird. Alle, die zum Tanzen gekommen waren, wurden über weite Strecken bitter enttäuscht. Offene Ohren allerdings erlebten einen spannenden Abend – und man ging mit der Erkenntnis davon, dass Brasiliens Ikone auch mit 75 für eine dicke Überraschung gut ist.

Stefan Franzen, veröffentlicht in der Badischen Zeitung, 9.11.2017

Das Schöpfen aus der Stille

Foto: Anna Day

Unter den Schweizer Jazzstimmen ist sie eine der rührigsten. Zu Lisette Spinnlers herausragenden Markenzeichen gehörte bislang ein virtuoses, verspieltes auch mal exaltiertes Singen in einer Fantasiesprache. Nun meldet sich die Liestalerin mit einer Musik zurück, die sie ganz aus der Stille geschöpft hat.

Lisette, der Titel deines neuen Albums Sounds Between Falling Leaves passt herrlich in die Jahreszeit. War es geplant, das im Herbst zu veröffentlichen?

Spinnler: Tatsächlich hat es gar nichts mit dem Herbst zu tun! Sondern vielmehr mit dem Suchen und In-die-Stille-Gehen. Der Titel ist eigentlich eine Metapher für die Zeit, in der ich das Album geschrieben habe. Ich habe mich zurückgezogen, war viel in der Ruhe, habe in den Nächten komponiert, mich mit Themen wie Krishnamurti, Meditation, und Yoga beschäftigt, auch mit Gedichten. Das „Between“, die Mitte, in der man nichts sieht, die Stille, in der man etwas sucht, was nicht direkt vor Augen ist, das spiegelt die Musik wider, die auf der CD ist.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das dich veranlasst hat, diesen Weg der Stille einzuschlagen?

Spinnler: Eigentlich kam das nach der Geburt meiner ersten Tochter. Weil ich mehr zuhause war, spielten die Ablenkungen von draußen, die Eindrücke vom Unterwegs sein keine so große Rolle mehr. Bis dahin hatte ich oft sehr virtuose Musik gemacht, die Stimme als Instrument eingesetzt mit Fantasie-Silben. Jetzt setze ich mich mit Worten auseinander, auch auf Englisch. Ich spürte, ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich Neues schöpfen möchte, und das gelang mir, indem ich ganz in mich hineinging. Ein langer Weg.

Worin besteht für die Stimme denn die besondere Herausforderung, wenn man von den vielen Tönen zu den wenigen geht, und diese dann sehr souverän und mit großer Inspiration singt, ohne dass es sich schal oder langweilig anhört?

Spinnler: Eigentlich ist es die Auseinandersetzung mit der Sprache. Man fühlt genau, wo die einzelnen Wörter im Mund sind und was die Stimme damit macht, die dann darauf gelegt wird. Ich finde es spannend, in die englische Sprache reinzugehen, die ja nicht meine Muttersprache ist. Das ist immer wie ein Fremdkörper, den ich näher und näher zu mir bringen wollte, ohne nur an der Oberfläche zu tanzen. So entstanden die Melodien. Und dazu kommt: Da ich die Musik am Klavier komponiert habe und eigentlich keine Pianistin bin, habe ich Akkorde gelegt, auch das in einem Kontext großer Ruhe.

Neben deinen eigenen Texten hast du zwei Poems von Emily Brontë vertont. Was zieht dich so an bei dieser englischen Dichterin des 19. Jahrhunderts?

Spinnler: Ihr Bezug zur Natur, der fasziniert mich ganz besonders, denn ich selbst bin sehr naturbezogen aufgewachsen. Während andere Party gemacht haben, bin ich als Teenager stundenlang allein im Wald unterwegs gewesen. Doch dieser dunkle Zugang, den Brontë hatte, ist eigentlich in mir nicht so drin. Melancholie habe ich erst später erfahren, als eine Melancholie der Schönheit, als Ruhepol und nicht als Traurigkeit. Ich hatte zum Glück noch nie Depressionen, ich habe das Sonnen-Gen geerbt!

Es gibt ja auch lebhafte Stellen auf dem Album, wo du nach wie vor in deiner Fantasiesprache singst.

Spinnler: Ja, denn diese verspielten Melodien sind nach wie vor in mir drin. Die kann ich komponieren, egal, wo ich bin, beim Einkaufen oder unterwegs, ohne Klavier, einfach mit ein paar Claps und die Stimme improvisiert darüber. Das ist etwas, was mich nie loslässt, es ist das Kind in mir drin, das immer wieder ganz stark nach vorne kommt.

Du arbeitest auf dem Album mit deinem Quartett, Musiker, mit denen du schon seit längerem zusammen spielst. Was macht dieses Ensemble so einzigartig?

Spinnler: Mit ihnen ist es musikalisch und menschlich eine runde Sache, sie lassen mir viel Platz und sie hören mir zu. Stefan Aeby ist ein Poet am Klavier. Ich wusste, wenn ich diese Poems bringe und meine eigenen Lyrics mit ihm spiele, dass er das sehr gut versteht. Patrice Moret am Bass ist die Erde pur für mich, und noch tiefer ins Magma hinein, dort befindet sich sein Spiel. Er spielt nie aus Ego-Trips heraus, ist aber zugleich sehr innovativ. Michi Stulz ist ein wunderbarer Free-Player am Schlagzeug, er lockt die Band, er möchte, das wir auf die Äste rausgehen. Vor allem live werden das die Leute sehen. Diese drei haben einen Flow kreiert, in dem ich mich auch mal gerne ganz zurücknehmen konnte.

© Stefan Franzen

Lisette Spinnler: „The Night is Darkening Around Me“ (Teaser)
Quelle: youtube

Album: Sounds Between Falling Leaves (VÖ 17.11., Neuklang)
Live: Gare du Nord Basel, 10.11.

 

Bei Heitor, Edvard & Manuel: Allein zuhaus‘

Etliche Staaten der Erde rühmen sich eines Nationalkomponisten. Das ist oft dann der Fall, wenn es in den betreffenden Ländern gerade mal einen Meister gibt, der einen nationalen (nicht zwingend patriotischen) Ton geschaffen und womöglich mit seiner Popularität auch die Landesgrenzen durchdrungen hat. Einer, auf den man also besonders stolz sein kann. Diese Lichtgestalten tragen zum Teil klingende Namen wie Bela Bartók, Jean Sibelius oder Mikis Theodorakis.

Doch es geht auch anders: Zugegebenermaßen werden vom Schweden Hugo Alfvén, dem Bulgaren Pantcho Vladigerov oder dem Mexikaner Manuel Maria Ponce über Stockholm, Sofia und Mexiko City hinaus doch eher nur ausgebuffte Klassikfreaks etwas vernommen haben. Dass diese Komponisten aber in ihrer Heimat, wenn nicht überirdischen Glanz besitzen, so doch mindestens hohe Wertschätzung erfahren, zumindest einige ihrer Landsleute die Wirk- und Wohnstätten pilgernderweise heimsuchen, sollte sich da von selbst verstehen. Oder etwa doch nicht?

Der Zufall, nein, ich korrigiere mich sofort, fast immer vorsätzliche Planung wollte es so, dass ich in den letzten 15 Jahren in ganz verschiedenen Weltgegenden drei Mal Institutionen und Wohnhäuser von Nationalkomponisten besuchte. Ich zähle diese eher zur Kategorie der altvertrauten Namen. Dabei habe ich einen zweifelhaften, traurigen Ruhm erworben: Ich war in allen drei Fällen der einzige Gast weit und breit.


Rio de Janeiro (BRA), Ende September 2002


An einem brennend heißen Frühlingstag entschloss ich mich, während der Rush Hour das Museu Villa Lobos im Stadtteil Botafogo aufzusuchen, um etwas durchzuschnaufen. Die Institution ist nicht zu übersehen, sie liegt als stattliche Villa an einer der Hauptverkehrsstraßen. Ohne Zweifel haben die Betreiber, was Forschung, Archivierung und Organisation von Konzertereignissen angeht, großartige Arbeit geleistet, um das Werk von Heitor Villa-Lobos für die Nachwelt zu erschließen. Doch die Präsentation seiner Vita? Von meinem Besuch sind mir nur noch kleine Bruchstücke im Gedächtnis verblieben, das lässt tief blicken. Ich erinnere mich an zwei kläglich ausgestattete Räume mit Memorabilia wie ein paar Schriftstücke, Hut und Spazierstock. In einer Vitrine fristete traurig und verloren das Cello des großen Meisters sein nun ungespieltes Dasein.


Die portugiesischen Schautafeln konnte ich nicht lesen: Weniger aus mangelnder Sprachkenntnis, sondern vielmehr, weil die beiden Bediensteten sich in Saallautstärke unterhielten. Wie in jedem brasilianischen Museum, das ich besucht habe, sind es deren stets zwei. Niemals mehr – doch sie haben sich viel zu erzählen. Beim Rausgehen habe ich, glaube ich, „muito impressionante“ ins Gästebuch geschrieben. Das war eine freundliche Lüge. Vielleicht, weil ich Mitleid mit dem beim 36 Grad vor sich hin schwitzenden Cello hatte.

Bergen (N), 13. Januar 2009



Eine denkbar entgegengesetzte Szenerie: Perkussionist Terje Isungset hatte mich eingeladen, die Konzerte seines Ice Music Festival im norwegischen Geilo oben auf dem Fjell zwischen Oslo und Bergen journalistisch zu begleiten. Am letzten Tag war es schon damals dank Erderhitzung so warm, dass die musikalischen Artefakte aus Eis einfach wegschmolzen. 1000 Meter tiefer, in Bergen nahe zum offenen Meer, herrschte nach dem Festival noch wüstere Witterung: Sturm und Dauerregen bei ca. 15 Grad. Ideal also für einen Besuch im Anwesen Troldhaugen (sprich: trullheugen), Edvard und Nina Griegs Heim mit angegliedertem Komponierhäusl in stilechtem Walblutrot. Die Touristenströme, die Griegs Wohnhaus im Sommer erlebt, waren im Januar gänzlich versiegt. Und so kam ich in den Genuss einer Exklusivführung von einer profund informierten Dame, durfte nach dem Gang durch die behaglichen, hölzernen Räumlichkeiten schließlich noch in der Hütte am Fjord sitzen.


Und mich in die Gefühlswallungen des Norwegers hineinversetzen, die er während des Blicks hinaus aufs Wasser beim Schaffen wohl hatte. Dort konnte er sich auch prima verstecken, wenn ein ungebetener Gast, etwa der in der Nachbarschaft residierende Schriftsteller Bjørnstjerne Bjørnson, das Anwesen aufsuchen wollte. Am meisten beeindruckt hat mich Griegs Statue in Lebensgröße (siehe oben): Als Nationalkomponist kann man durchaus ein Winzling sein.

Granada (E), 24. Oktober 2017

Was auch auf den dritten im Bunde zutrifft: den 1 Meter 55 großen Manuel de Falla. Da dieser Besuch erst einige Tage zurückliegt, kann ich hier viel mehr aus der Erinnerung schöpfen. Von den drei Visiten bei den Meistern war diese im andalusischen Granada mit Abstand die schrulligste. Eigentlich war sie gar nicht vorgesehen, aber bei einem Konzert ein paar Tage zuvor im Auditorio Manuel de Falla mit der Flamenco-Sängerin Argentina, die unter anderem De Falla-Werke auf ihre Weise neu belebte, hatte ich entdeckt, dass direkt neben der Konzerthalle seine Casa liegt. Ein Katzensprung entfernt zur Alhambra übrigens. Also kletterte ich an meinem letzten Tag in Granada nochmals den Hügel rauf. Manuel de Falla wohnte von 1921 bis zu seiner Auswanderung nach Argentinien in diesem Carmen und hatte eine grandiose Aussicht:

Da kann man schon mal schöpferisch werden. Im Gegensatz zu Heitor Villa-Lobos und Edvard Grieg, mit deren Werken ich einigermaßen gut vertraut bin, sind mir Manuel de Falla und sein Schaffen ein Buch mit sieben Siegeln. Ich nehme es vorweg: Daran wird sich auch nach dem Gang durch die Casa nicht so schrecklich viel geändert haben. Vorerst aber steuere ich voller Vorfreude auf neue Erkenntnisse die blaue Eingangstüre an, die mich darauf hinweist, dass gerade eine Führung im Gange sei, ich einige Minuten warten solle. Ich genieße also die südspanische Herbstsonne und das kühle Lüftchen von der Sierra Nevada herunter. Nach vielen Minuten ziehe ich dann doch mal am zierlichen Glöcklein. Eine knarrende Luke öffnet sich alsbald, und ein freundliches Männlein bedeutet mir, noch zwei Minuten Geduld zu haben. Dann tut sich die Türe auf.


Unmittelbar stehe ich in Manuel de Fallas Küche und werde nach meiner Provenienz gefragt. Deutschland? „I never left Spain“, sagt der Führer bedauernd und beginnt seinen Exklusivvortrag für mich auf Englisch. Angesichts der Kücheneinrichtung wird mir zuerst mitgeteilt, dass Manuel de Falla nie geheiratet hatte und seine Schwester ihm den Haushalt führte. Doch dann der Hinweis auf eine Schwarzweiß-Fotographie mit einer distinguierten Dame: „Girl friend. How do you say in German?“ „Freundin“, sage ich, und mein Guide schnalzt entzückt mit der Zunge. „Fr-eeuun-din, beautiful word!“ Er wiederholt das dreimal und will genau den Unterschied zwischen Freundin und Frau wissen.

Es dämmert mir rasch, dass er mit seinem Wissen vielleicht nicht gänzlich in die Tiefen von De Fallas Werk vorgedrungen ist. Doch im Stiegenhaus, im Arbeitszimmer für den Winter und in dem für den Sommer kann er dafür jedes Bild an der Wand benennen, mich auf eine Kopie von Matisse, Zeichnungen von Picasso, Porträts von Rossini hinweisen. „War Rossini denn sein Vorbild?“ „No, Wagner“, gibt er mir zu verstehen. Im Salon ein schmucker Tisch, an dem der Tondichter mit Freunden gesessen hat, unter ihnen der berühmte Gitarrist Andrés Segovia.

Wir betreten die Schlafkammer: neben seinem Bett ein Haufen trübe Fläschchen und angegilbte Schächtelchen. „Hypochonder“, verrät El Guía. Ich ziehe die Augenbrauen hoch, das wird mir jetzt etwas zu intim. „Aren‘t we all hypochonders?“, fragt er dann und hält eine Flasche hoch, die er als das erste Prozac der Welt preist, und dann auch noch aus Europa! Im Winter-Arbeitszimmer ist eine Art Bastmatte vor die Wand gestellt. „Feuchtigkeit“, bedeutet mit der Führer mit genussvollem Auskosten des „eu“. Seine Vorliebe für dieses germanische Dipthong ist unverkennbar. „Trullheugen“ und „Komponierheusl“ – diese Worte würden ihm auch gefallen. Ich erfahre dann noch, dass Manuel de Falla ein Dandy war, der sich immer akkurat kleidete.

Im Sommerarbeitszimmer mit dem guten Klavier – wir haben inzwischen in ein sehr, meinerseits, radebrechendes Spanisch gewechselt – wird mein Begleiter wehmütig. Er deutet hinaus, dort, wo in der Ferne eine Wolkenbank auf der Ebene liegt. „El mar, y después… Marruecos.“ Doch er habe ja nie Spanien verlassen. Und mit 44 sei es jetzt schwierig, eine andere Sprache zu lernen, vielleicht werde er eine Stelle als Mathematiklehrer in Irland antreten. Die deutsche Grammatik hingegen sei ihm viel zu kompliziert.

Dann öffnet er eine weitere Tür, von der eine steile Außentreppe hinunter nach Granada führt. Es sei besser, hier hinauszugehen. Er scheint es eilig zu haben, mich zu verabschieden, vielleicht hat am Eingang wieder jemand die Glocke geläutet. Doch er will noch mal wissen: „Freundin: not married. Frau: married. Right?“ Ich bestätige das und gehe immerhin mit dem Wissen von dannen, dass Manuel de Falla dank seiner von den unmusikalischen Eltern als brotlos erachteten Kunst immer nur eine heimliche Geliebte haben durfte. Zuhause besucht habe ich ihn jetzt ja schon mal. In sein Werk und seine Biographie werde ich mich bald ausgiebig vertiefen.

Fotos 4 – 6, 8, 10 & 11 Stefan Franzen

Ich kann den Besuch in de Fallas Anwesen nur wärmstens empfehlen: Mit wie viel Detailliebe die Spanier die Lebensumstände ihrer Ikone nach wie vor pflegen, kann man nur als vorbildlich bezeichnen – sie haben sogar sein Prozac aufgehoben. Eine spannende Zeitreise in die Jahre 1921-1939. Ja, spätestens wenn man am Eingang zur Alhambra feststellt, dass man vielleicht doch besser Karten ein paar Wochen im Voraus bestellt hätte, kommt dieses alternative Besichtigungsprogramm sehr gelegen!

Als Nächstes würde ich gerne Maurice Ravels Haus in Montfort L‘Aubery besuchen – er hat fast genau zur gleichen Zeit dort gelebt wie de Falla in Granada. Und ein Dandy und winzig war er ebenfalls. Dass ich im Belvédère allerdings allein sein werde, ist so gut wie ausgeschlossen: Es werden dort nur Gruppenführungen angeboten.

© Stefan Franzen

Ein Lied von der Erde

Man kann übers Reisen raffinierter reimen als „prima Klima in Lima“. Doch es braucht schon ein sprachgewitztes Cleverle dazu – einen wie Claude M’Barali alias MC Solaar. Nach zehn Jahren taucht der Meister mit einem neuen Album namens Géopoétique aus der Versenkung. In Frankreich ist es gestern erschienen. Das Titelstück verquickt die literarischen Interessen und lyrischen Kompetenzen des Parisers zu einem jazzigen Surf rund um den Erdball.

MC Solaar: „Géopoétique“
Quelle: youtube