Proyecto Drama


Die katalanische Sängerin Sílvia Pérez Cruz arbeitet seit einem halben Jahr an ihrem interdisziplinären „Proyecto Drama“. Hier koppelt sie Canciones mit Fotografie, Film und Make-Up-Kunst. Ob daraus auch ihre nächste CD entstehen wird?

Das Geheimnis kann ich hier noch nicht lüften – aber heute einmal das 8. Kapitel vorstellen, das im Titel „Grito Pelao“ zum einen anknüpft an ihr ebenfalls interdisziplinäres gleichnamiges Projekt mit der Tänzerin Rocío Molina, sie zum anderen aber zeigt, wie sie mit dem wunderbaren long time companion Mario Más an der Gitarre an Flamenco-Frühzeiten anknüpft – gefilmt im derzeit so turbulenten Barcelona und gerade gestern veröffentlicht.

Sílvia Pérez Cruz & Mario Más: „Grito Pelao“
Quelle: youtube

Moonwalk VIII

Die Kapsel von Apollo 11 befindet sich mittlerweile auf dem Rückweg zur Erde. Während sie sich vom Mond entfernt, spielt das katalanisch-spanische Frauenquartett Las Migas („Die Krümel“) eine wunderbare Mondballade. In Barcelona haben sie Anfang des Jahrzehnts ihre Mischung aus Flamenco, iberischen Folkeinflüssen und Pop geprägt. Las Migas gibt es auch heute noch in veränderter Besetzung, die damalige Sängerin Sílvia Pérez Cruz, die auf diesem Blog schon mehrfach zu Gast war, hat einen fulminanten Solopfad eingeschlagen.

Las Migas feat. Sílvia Pérez Cruz (Katalonien/Spanien): „Perdonamé Luna“
Quelle: youtube

 

Wiedergeburt zwischen zwei Städten

„180 Tage in einem tiefen Traum, in tiefem Frieden, nicht wie einer, der schläft, nicht wie einer, der stirbt, aber fast.“ Salvador Sobral singt die Eingangszeilen seines neuen Albums in verletzlichem Falsett, und dazu scheppert und poltert das Schlagzeug wie ein verschleppter Herzschlag. Dieser Mann hat eine Menge hinter sich. Kurz nachdem er 2017 den Eurovision Song Contest gewonnen hat, wird bekannt, dass sein eigenes Herz ihn nicht mehr lange am Leben erhalten würde. Kurzatmig, mit 25 Litern überflüssigem Wasser im Körper übersteht er kaum die Torturen des ESC, seine Schwester Luísa, Ko-Autorin des Siegertitels „Amar Pelos Dois“, fängt ihn auf, wo es geht.

Ein halbes Jahr zermürbender Warterei folgt. Doch Sobral findet einen Spender, und nach erfolgreicher Transplantation kehrt der heute 29-Jährige Schritt für Schritt ins Leben zurück, legt nun ein wunderbares neues Werk namens Paris, Lisboa vor. „Dieser erste Song auf dem Album steht für meine Katharsis“, sagt Sobral am Telefon aus Lissabon. Auch seine Sprechstimme hat dieses Empfindsame, Poetische, das ihn beim Singen so auszeichnet. „Es ist der Moment, in dem ich von Neuem starte, meine Wiedergeburt. Danach beginnt das eigentliche Album, frisch und leicht.“ Doch der Weg dorthin ist ein Kraftakt. Nach der OP geht er durch eine lange Reha-Phase, Sobral hört sich seine alten Alben an, versucht, die Kraft zum Singen zurückzugewinnen. „Natürlich hatte sich meine Stimme nicht nur auf physischer, sondern auch auf psychologischer und emotionaler Ebene verändert“, erinnert er sich.

Der Spross aus einer portugiesischen Adelsfamilie begeisterte sich schon früh für Jazz, nahm an der Castingshow „Ídolos“ teil, studierte an der Taller de Músics in Barcelona. Seine Auffassung vom Genre ist allerdings eine sehr freigeistige: „Ja, ich sehe mich selbst als Jazzmusiker, aber ich habe einen ganzen Haufen Bands, und in jeder erforsche ich verschiedene Charaktere und Persönlichkeiten. In meinem englischen Projekt Alexander Search bin ich eher ein Rocker, in einer anderen Band steht der Tanz im Vordergrund. Ich will ja schließlich nicht vor Langeweile sterben!“

Diese Experimentierfreude erklärt auch, dass er sich auf das Abenteuer ESC eingelassen hat. Heute sieht er diesen Ausflug mit seinem ganzen außermusikalischen Bohei sehr kritisch, spricht sogar davon, dass der Grand Prix „seine Prostitution“ war.
Wenn man Paris, Lisboa, Sobrals drittes Werk anhört, erkennt man schnell, dass er ein denkbar untypischer ESC-Sieger ist. Der Titel ist an „Paris, Texas“ von Wim Wenders angelehnt, dessen Filme Sobral mag, nicht musikalisch, aber wegen des Schwebezustands zwischen den beiden Orten. „In ihm befand ich mich die letzten achtzehn Monate, physisch und sentimental, denn meine Liebe lebt in Paris. Paris bedeutete für mich Befreiung nach dem Krankenhaus, endlich konnte ich wieder reisen! Ich ging ins Kino, in Museen, spazierte endlos durch die Straßen.“ Seine „Liebe“ ist die französische Schauspielerin Jenna Thiam, mit ihr ist er inzwischen verheiratet, sie hat das reizende Chanson „La Souffleuse“ für das Album beigesteuert.

Ein Album, das meist in Quartettbesetzung gekonnt durch die Stile etlicher Weltgegenden steuert, jazzige Improvisation mit englischem Songwriting und südamerikanischer Sonne verknüpft. Ein kubanischer Bolero erzählt vom Meer, ein Samba aus Brasilien, Sobrals größtes musikalisches Steckenpferd, wandelt sich in eine Jazzballade. Und ein fast philosophisches Liebesgedicht von Fernando Pessoa löst sich in spielerische Leichtigkeit. Schwester Luísa ist auch dabei, mit ihr singt er nur zur Harfenbegleitung die Miniatur „Prometo Não Prometer“. Die Geschwister verstehen sich blind, sangen schon als Kleinkinder stundenlang miteinander auf Urlaubsfahrten.

Der eigentliche Star ist Salvador Sobrals wandelbare Stimme, deren frühere Flexibilität er sich fast zurückerobert hat, wie er erzählt. „Während meiner Jazzausbildung habe ich gelernt, wie ich die Timbres von Caetano Veloso, Billie Holiday und Sílvia Pérez Cruz in einen großen Topf werfe, sie vermische und dann kam diese Stimme heraus.“  Schelmisch fügt er hinzu: „Ich bin ja nur ein Dieb.“ Aber ein sehr cleverer, kann man hinzufügen. Am Ende von „Paris, Lisboa“ mündet alles in einen ausgelassenen Tanz mit der kleinen Rajão-Gitarre aus Madeira, eine Erinnerung an einen Inselurlaub. Auf dieser roots- und popgefärbten Jazzscheibe, die kräftig untermauert, wie ein Musiker seine Schaffenskraft zurückerlangt hat, ist es ist die letzte, sonnigste Station. „Jedes Mal, wenn ich diese kleine Gitarre höre“, sagt Sobral, „denke ich an den Sommer in Madeira. Und dann muss ich lächeln.“

© Stefan Franzen
erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe vom 29.03.2019

Salvador Sobral: „Cerca Del Mar“
Quelle: youtube

Lorca, Bruckner und der Klang der Stille

Sílvia Pérez Cruz & Marco Mezquida / Sílvia Pérez Cruz & Quinteto de Cordas
Café de la Danse, Paris, 07.02. & 08.02.2019

„In der Musik ist es wie im Leben – manchmal geht es mit jemandem, manchmal nicht. Und hier…“ Sílvia Pérez Cruz beendet den Satz in ihrem charmant improvisierten Französisch im rappelvollen Pariser Café de la Danse nicht einmal. Sie zeigt nur auf ihren Bühnenpartner, Marco Mezquida. Das Publikum weiß da schon seit fast zwei Stunden, dass es ging.

Das Duo mit dem katalanischen Pianisten ist die neueste Bühnenkonstellation für Iberiens schönste Stimme. Und sie klappt deshalb so gut, weil Mezquida wie seine Partnerin über Genregrenzen nicht einmal nachdenkt, sich in alle erdenklichen Klangtableaus hineinversetzen kann. Rücken an Rücken beginnen die beiden mit dem Jazzstandard „My Funny Valentine“ am Pianino, ein Instrument, so warm und gedämpft, man könnte es sich in einem alten kubanischen Salon vorstellen. „Vestida De Nit“, die von ihren Eltern geschriebene Meereshymne erklingt am Flügel, doch Mezquida dämpft die Saiten, unterlegt den melismatischen Gesang von Pérez Cruz zackig-hölzern, was den stolzierenden Habanera-Rhythmus viel mehr herausmeißelt als bei allen anderen Versionen. In der hübschen Miniatur „Plumita“, das auf einem Kurzgedicht des uruguayischen Dichters Mauricio Rosencof basiert, spannt das Duo einen wunderbaren Bogen von fast zitternder Intimität der kleinen Feder bis zum monströsen Aufbäumen des Konzertflügels, in gewaltig tremolierenden Akkorden.

Immer wieder begeistert der Tastenmann mit seinen Umschwüngen von kleinzelliger, intimer Spielweise in den Habitus des romantischen Konzertpianisten mit voluminösem Gestus. Der Abend lebt nicht nur von dynamischen, auch von transatlantischen Sprüngen – und die ungewöhnliche Adaption des Liedgutes: Den Fado „Barco Negro“, der mit seiner Sklavenschiff-Thematik Afrika in sich birgt, lässt Mezquida ansatzweise zum Blues mutieren, das Regenwunschlied „Asa Branca“ aus Brasiliens trockenem Nordosten bekommt jazzige Improeinlagen. Zum lockeren Tänzchen am Klavier fordert „Siga El Baile“ heraus, Pérez Cruz verfeinert das polternde Stück aus der Tango-Sphäre mit verführerischer Eleganz. Das Schweigen und die Stimme sind Thema in Federico García Lorcas „El Niño Mudo“ – Verse, die einst von der chilenischen Politfolk-Gruppe Quilapayún vertont wurden, und hier nun im ergreifenden, dichten Duo, vierhändig begleitet, immer wieder im Nachhorchen und Verklingen der Worte verharren.

Schließlich wird auch der hispanische Kulturkreis durchbrochen. Das Schweigen und die Stimme, noch einmal: Ein wenig vergaloppiert hat sich Sílvia Pérez Cruz vielleicht in ihrer Lesart von „The Sound Of Silence“: Paul Simons enigmatische Verse zerpflückt sie in die Einzelteile, der schlichte folkige Flow wird dadurch gehemmt. Doch zum erstaunlichsten Brückenschlag wird das Finale, dem mit dem Wort Medley nicht beizukommen ist: Sitzend am Flügel interpretiert Pérez Cruz Anton Bruckners „Christus Factus Est“ mit kristallin-sakraler Ergriffenheit, fast wie ein Chorknabe, der sich dann wortlos in Ornette Colemans „Lonely Woman“ löst, Mezquida baut eine wahre Akkordkathedrale auf. Doch letztlich sinkt alles wieder in die melancholische Verlorenheit von „My Funny Valentine“ zurück. Zwei Zugaben zeigen nochmals das gewaltige Spektrum dieses Traumpaares, dem man ein langes Bühnenleben wünscht: Für Radioheads „No Surprises“ wird eigens ein Toy Piano auf die Bühne getragen, die Pophymne in pures Spielzeugland aufgelöst. Nur um einen letzten Kontrast heraufzubeschwören: mit Leonard Cohens Lorca-Adaption „Pequeño Vals Vienés“, das ins spanische Original zurückgeführt wird und in dem große Flamenco-Dramatik siedet.

Sílvia Pérez Cruz & Marco Mezquida
Quelle: youtube

Während das Duo weiterhin weltweit zu hören sein wird, gestaltet Sílvia Pérez Cruz in ihrer Kurzresidenz im Café de la Danse den zweiten Abend mit einem Auslaufmodell: Dabei hätte es das Streichquintett-Programm „Vestida de Nit“, hier schon mehrfach besprochen, verdient, immer weiter gegeben zu werden. Denn  der Vergleich zum Konzert in Girona vor 16 Monaten zeigt, wie viel an Intensität und neuen Variationen das Zusammenspiel von Sängerin und den Streichern um Cellist Joan Antoni Pich nochmals gewonnen hat. Alle sechs warten mit neuen Improvisationseinfällen auf, Sílvia Pérez Cruz pflegt mit jedem einzelnen Quintettmitglied befeuernde Dialoge.

Ihre „Lambada“ durchschreitet sie noch kantabler, „Ai, Ai, Ai“ wird fast zum Volksfest mit Publikumsgesang. Noch inniger und bittersüß-verschmitzt kommt das Mexikos Pathos nachempfundene „Mañana“ im Duo mit Carlos Montfort daher, „No Hay Tanto Pan“, diese Hymne für alle Verlierer der Immobilienkrise in Spanien, gipfelt in fast atemloser Verausgabung. Und die schönste Überraschung: Das Lied von der Taube, „Cucurrucucú“, es wurde seit Caetano Velosos meditativer Version aus dem Film „Hable Con Ella“ nicht mehr volkstümlich interpretiert – Sílvia und ihr Quintett schaffen eine tänzerische Rückführung aufs Mariachi-Parkett ohne jeglichen Kitsch.

© Stefan Franzen

alle Fotos Stefan Franzen

Listenreich III: 20 Konzerte für 2018

Fatoumata Diawara, Heine-Park Rudolstadt 8.7. (Foto: Stefan Franzen)

WINTER
– Glen Hansard (Irland) – Volkshaus Zürich, 16.2.
– Sílvia Pérez Cruz (Katalonien) – Philharmonie Luxembourg, 15.3.
– Reis – Demuth – Wiltgen mit Joshua Redman & Vince Mendoza (Luxemburg/USA) – Philharmonie Luxembourg, 16.3.
– Nagash Ensemble (Armenien) – Salmen Offenburg, 21.3.Glen Hansard, Volkshaus Zürich, 16.2. (Foto: Heinz-Peter Mosebach)


FRÜHLING
– 3MA (Marokko/Mali/Madagaskar) – PROGR Bern, 18.4.
– João Nuno Bernardo Trio (Portugal) – Hot Clube de Portugal Lissabon, 24.5.
– Kayhan Kalhor (Iran) – Elbphilharmonie Hamburg, 7.6.
– Gustav Mahler: „Das Lied von der Erde“: Badische Staatskapelle, Daniela Sindram, Norbert Ernst (Deutschland) – Badisches Staatstheater Karlsruhe, 17.6.Kayhan Kalhor, Elbphilharmonie Hamburg, 7.6. (Foto: Stefan Franzen)

SOMMER
– Saz’iso (Albanien) – Stadtkirche Rudolstadt, 6.7.
– Shivkumar & Rahul Sharma (Indien) – Theater im Stadthaus Rudolstadt, 7.7.
– Fatoumata Diawara (Mali) – Heinepark Rudolstadt, 8.7.
– Indra Rios-Moore (USA/Puerto Rico/Dänemark) – Reithalle Riehen, 2.8.Shivkumar & Raul Sharma, Theater im Stadthaus Rudolstadt, 7.7. (Foto: Stefan Franzen)

HERBST
– Sophie Hunger & Matt Holubowski (Schweiz/Kanada) – Laiterie Strasbourg, 17.10.
– Idris Ackamoor & The Pyramids (USA) – Kaserne Basel, 9.11.
– Lloyd’s Choir London, Collegium Vocale Strasbourg-Ortenau, Sing-Akademie Ortenau (UK/Frankreich/Deutschland) – Église Saint-Paul Strasbourg, 17.11.
– John Smith / Josienne Clarke & Ben Walker (UK) – Bogen F Zürich, 28.11.
– Pulsar Trio (Deutschland) – E-Werk Freiburg, 8.12.
– Lula Pena &  Peter Schröder (Portugal/Deutschland) – Ev. Stadtkirche Lörrach, 9.12.
– Yumi Ito Orchestra (CH/PL/UK/F/E/GR/D) – Waldsee Freiburg, 11.12.
– Keren Ann & Quatuor Debussy (F) – Filature Mulhouse, 18.12. Keren Ann & Quatuor Debussy, Filature Mulhouse 18.12. (Foto: Stefan Franzen)

Mond-Töne

„Moon over Madalena“ (Lune cendrée, Pico, Azoren, 17.5.2018), Foto: Stefan Franzen

Es hat eine kleine Tradition: Astronomische Ereignisse werden auf diesem Blog musikalisch begleitet.
So auch heute, da abends die längste Mondfinsternis des Jahrhunderts zu erleben ist. Nicht wie oben als Aschemond, den ich auf den Azoren gesichtet habe, sondern in voraussichtlich blutigem Teint wird das Gestirn sich zeigen, da es bei der Eklipse tief am Himmel steht und die Atmosphäre seine Oberfläche im Erdschatten rot färben wird. Sieben Blut-, Super- und sonstige -mondlieder zwischen Venezuela und Estland sollen das Spektakel flankieren.

1. Roseaux (Frankreich): „Walking On The Moon“
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Schon als Kind fand ich den Police-Song „Walking On The Moon“ toll, weil er den Reggae weit ins All katapultierte. Diese Coverversion übertrifft das Original: Das französische Projekt von 2012 hat sich für diesen Titel den Neo Soul-Star Aloe Blacc an Land gezogen.

2. Simón Díaz (Venezuela): „Tonada De Luna Llena“
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Tonadas, ursprünglich aus dem barocken Asturien und Kantabrien stammend, sind in Venezuela ländliche Lieder, die zum Arbeiten gesungen werden, aber auch zum Ausruhen, wie wohl diese magische Vollmond-Anrufung von 1973. Simon Díaz, der vor vier Jahren steinalt starb, war einer der großen Volkssänger des Landes, inspirierte Pina Bausch, Pedro Almodóvar und Caetano Veloso.

3. Sophie Hunger (Schweiz): „Supermoon“
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Das Titelstück aus dem vorletzten Album der helvetischen Songwriterin ist ein Selbstporträt: Die Künstlerin sieht sich als Supermond, der in kalter Isolation vom Rest der Welt um sich selbst kreist. Es fröstelt einen umgehend, sobald die Anfangsakkorde erklingen – und man möchte instinktiv nach einem Thermoanzug greifen.

4. Sílvia Perez Cruz & Ravid Goldschmidt (Katalonien): „Luna“
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Ein frühes Duo aus der Karriere der katalanischen Ausnahmestimme. Nur mit Hang-Begleitung hat sie 2011 ihre vielseitigen Qualitäten mit einem Liedrepertoire zwischen Brasilien und mediterranem Raum bewiesen – dieses Mondlied ist von einer Soleá des Copla- und Flamenco-Sängers Juanito Valderrama inspiriert.

5. Fainschmitz (Österreich): „Mond“
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Die Band mit dem tollen Namen ist in Wien ganz neu am Start und setzt sich aus österreichischen, italienischen und deutschen Jazzern zusammen, die ihren Stil „Jungle Swing“ nennen. Die nonchalanten Megaphon-Vocals sind ihr Markenzeichen – und man sollte auch unbedingt das Stück „Delphine zählen“ abchecken!

6. Alejandra Ribera (Kanada): „Blood Moon Rising“
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Gestirne spielen in den Songs der Kanadierin eine prominente Rolle: Neben diesem Highlight aus ihrem aktuellen Werk This Island hat sie auf dem Vorgänger La Boca auch gleich hundert Monde („Cien Lunas“) und den „Mars“ besungen – der neben dem Blutmond heute Abend übrigens auch erdnah wie selten strahlen wird.

7. Curly Strings (Estland): „Kuu“
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Die vier Esten verbinden die baltische Tradition mit den Klängen amerikanischer String Bands – und sind die Speerspitze der sehr jungen estnischen Folkszene. Ihre Ballade an den Mond aus dem Debütalbum Hoolima gefällt mir am besten.

Am Montag setzt greenbeltofsound das Himmelsspektakel fort: Dann werden wir anlässlich des 60. Geburtstages eines Popstars die Erde aus der Ferne betrachten.

Luxus für die Lauscher

Ist das, was da in der hereinbrechenden Nacht wie ein Raumschiff daliegt, der schönste europäische Konzertsaal? Als ich kürzlich für zwei Abende in der linsenförmigen Philharmonie Luxemburg sein durfte, habe ich mich das immer wieder gefragt. Zwischen 1996 und 2003 hat der französische Architekt Christian de Portzamparc hier ein Gebäude in geschwungen-futuristischer Eleganz entworfen, das die umliegenden kalt-funktionalen Bauten des Europaviertels enorm aufwertet. Für mich als architektonischen Laien werden da sogar Erinnerungen an die organischen Gebäude von Oscar Niemeyer in Brasilia und Rio wach.

Danke an Sílvia Pérez Cruz für ein berührendes Chill at the Phil-Solokonzert im Kammermusiksaal, der mit seinem ineinander verschachtelten, fast biomorphen Aufbau an eine Muschel erinnert.  (Hier findet sich ein schöner Bericht von einem französischsprachigen Kollegen!) Danke an Vince Mendoza, Joshua Redman, das Trio Reis-Demuth-Wiltgen und das Philharmonische Orchester Luxemburg für ein fulminantes Klangfarbenerlebnis zwischen Klassik und Jazz.

Geburtstagskind mit Goldkehle

Heute feiert die katalanische Sängerin Sílvia Pérez Cruz Geburtstag.
Genau in einem Monat (15.3., 19h) wird sie in der Philharmonie Luxemburg mit einem Solokonzert gastieren, das ich allen Leser*innen dieses Blogs wärmstens empfehle. Denn oft tritt sie im – in diesem Falle erweiterten – deutschsprachigen Raum nicht auf. Auch das Geburtstagsvideo, das ich ausgesucht habe, ist daher ein Solorecital: Ihre akustische Version des Stückes „Iglesias“ aus ihrem Debütalbum 11 de Novembre.

¡Feliz cumpleaños, Sílvia!

Sílvia Pérez Cruz: „Iglesias“ (off TV)
Quelle: youtube

Von unserer Liebe, unserem Meer, unseren Nächten

Foto: Stefan Franzen

Unter allen Interviews, die ich 2017 geführt habe, war dieses eines der eindrücklichsten: Die katalanische Sängerin Sílvia Pérez Cruz kam Ende August nach Zürich, um dort mit dem Gitarristen Jaume Llombart ein Konzert am Seeufer zu spielen. Am Nachmittag habe ich mit ihr über das neue Werk Vestida De Nit gesprochen, das sie im Mai mit Streichquintett veröffentlicht hat, und auch ein bisschen über ihre Karriereschritte davor. Alex Sanchez hat mir über mein brüchiges Spanisch hinweggeholfen und wunderbar als Dolmetscher fungiert! Ich habe das Gespräch in ganzer Länge bislang nicht veröffentlicht.

Sílvia, unter all deinen CDs ist Vestida de Nit diejenige, die der klassischen Musik am Nächsten steht. Kannst du erklären, was dich als Sängerin daran fasziniert, mit einem Streichquintett zu arbeiten?

Sílvia Pérez Cruz: Zuerst möchte ich sagen, dass ich nicht in Stilen denke, nicht in Begriffen wie klassische Musik oder Rock. Ich denke in Gefühlen und Liedern. Zufällig hörte ich vor ungefähr zehn Jahren ein Streichquartett und ich erinnerte mich daran, dass ich immer schon mal mit einem Quartett singen wollte. Mit dem Kontrabassisten Miquel Angel Cordero und dem Cellisten Joan Antoni Pich hatte ich schon länger in verschiedenen Projekten gearbeitet, und die beiden habe ich gebeten, die übrigen Musiker zusammenzustellen. Der Kontrabass als Ergänzung zum herkömmlichen Quartett erzeugt dabei ein zusätzliches Gewicht und sorgt für reichere Farben. Ich sehe das nicht als klassisches Projekt, und ich bin stolz darauf, wie das Ergebnis jetzt klingt. Wert habe ich vor allem darauf gelegt, dass wir ohne Noten spielen, aus der Erinnerung, und dass wir keine Angst davor haben, auch mal Fehler zu machen, wie das eben in der populären Musik auch der Fall ist.

Für die Arbeit mit dem Quintett hast du auch Lieder ausgewählt, die du schon lange singst. War es dein Bedürfnis, diese Lieder auf ein „höheres“ Niveau zu heben und ein ganz anderes Gesicht zu zeigen, ihre Universalität vor Ohren zu führen?

Pérez Cruz: Die Hälfte der Lieder auf der Platte habe ich schon in anderen Versionen aufgenommen, die andere Hälfte ist neu. Der Grund dafür ist: Ich wollte mich auf ein Repertoire stützen, mit dem ich vertraut bin, sodass ich damit die Freiheit habe, die verschiedenen Klangmöglichkeiten und Dynamik des Quintetts auszuprobieren. Diese Lieder sind flexibel und großzügig, sie gestatten es mir, die Grenzen dieser Besetzung auszuloten, denn die war ja Neuland für mich. Als ich vor fast fünf Jahren mit diesem Projekt begann, war es nur dazu gedacht, in Konzerten gespielt zu werden. Die ersten Songs arrangierten Freunde von mir und ich selbst. Nach dem ersten Konzert stellten wir fest, dass diese Arbeit eine Fortsetzung verdiente. Es kamen dann neue Lieder dazu, auch neue Arrangeure. Ursprünglich sollte es gar kein Album werden.

Das Titelstück wurde von deinen Eltern geschrieben, die Streichquintett-Version ist so intensiv, dass sie zu Tränen rühren kann. Als Kind, so habe ich gelesen, fandest du das Lied langweilig. Kannst du erklären, wie deine Gefühle gegenüber „Vestida De Nit“ sich entwickelt haben, so dass du dich schließlich entschlossen hast, es aufzunehmen?

Sílvia Pérez Cruz & Càstor Pérez: „Vestida De Nit“
Quelle: youtube

Pérez Cruz: Dieses Lied ist so alt wie ich. Die Worte stammen von meiner Mutter Glória Cruz, die Musik von meinem Vater Càstor Pérez. Es ist eigenartig: Dieses Lied war ein Teil meiner Kindheit, wie viele andere. Es hat mich damals nicht bewegt, auf die Dinge, die zuhause passieren, legt man ja nicht so viel Wert, sie scheinen nichts Besonderes zu sein. Kurz bevor mein Vater starb, vor sieben Jahren, haben wir beide ein Konzert in Calella gegeben und Habaneras gesungen. Von diesem Moment an hat sich alles verändert: Die Leute fingen an, nach dem Lied zu verlangen, das Publikum dachte, das wäre ein traditionelles Lied. Auch meine Gefühle haben sich verändert: Ich fand es angenehm, es zu singen, fühlte mich zuhause in dem Lied. Sehr interessant, wie sich die Geschichte dieses Liedes in meinem Leben verändert hat.

Das dazugehörige Video entstand auf Mallorca. Ist das der Ort, der im Text besungen wird? Oder geht es überhaupt nicht um einen konkreten Strand, ein konkretes Meer?

Pérez Cruz: Es ist ein realer Ort, und er erzählt über die Landschaft in meiner Heimat. Aber es handelt sich nicht um einen konkreten Strand, von dem da die Rede ist. Das stammt alles aus der Vorstellungskraft meiner Mutter, es ist ihre typische Art, über das Leben zu erzählen. Sie spricht über die Natur, als wäre sie eine Person. „Vestida De Nit“ erzählt von unseren Seeleuten, unserer Liebe, unserer Landschaft, unserem Meer, unseren Nächten.

Es ist ja auch eine Habanera, und ich bin mir sicher, dass viele Leute in Mitteleuropa diese Form ausschließlich mit Kuba in Verbindung bringen. Doch sie ist auch in Spanien und Katalonien populär.

Pérez Cruz: Die Habanera ist kubanisch. Aber es gab eine Epoche, während der viele Katalanen nach Kuba gingen, und sie haben von dort nicht nur Ideen und Besitztümer, sondern auch Lieder mit zurück gebracht. Die Form und der Rhythmus sind in Katalonien die gleichen, doch die Texte haben sich natürlich verändert. Sie sprechen von ihrer Vorstellung von Kuba. In Kuba war die Habanera nicht sehr erfolgreich, sie ist nicht sehr tanzbar, in Katalonien und anderen Teilen Spaniens dagegen hat sie sich durchgesetzt. Wie sich die Habanera in Spanien während der Sommerfestivals kommerzialisiert hat, das mag ich nicht so sehr. Aber ich mag die Version, wie sie in den Tavernen gesungen wird, das ist authentisch, als würde sich ein kubanischer Matrose mit einem katalanischen unterhalten. So habe ich die Habanera mit meinem Vater gesungen. Er war einer der wichtigsten Erforscher der Habanera, hat in Havanne als Anthropologe dieses Stils gewirkt. Ich habe im Laufe meines Lebens viele Habaneras gehört, sie sind „unter meiner Haut“, aber ich singe nur drei oder vier, es ist nicht mein Hauptstil.

Vielleicht sind sie dir sogar zu nahe, sodass du keine Distanz hast, dass sie zu „heilig“ sind?

Pérez Cruz: Meine Beziehung zur Musik ist so, dass ich nicht über sie nachdenke. Ich habe zuhause Habaneras gehört, habe aber auch Klassik und Jazz studiert. Ich fühle einfach, dass in den Habaneras wunderschöne Melodien stecken, auch wenn ich nicht besonders in diesem Genre drin bin.

Foto: Stefan Franzen

Seit deinem Album 11 De Novembre hast du Stile aus Katalonien, Kastillien, Galicien und Portugal in deinem Repertoire gehabt, aber du bist auch bis nach brasilien, Peru und Venezuela gegangen, so wie etwa auf den ersten drei Songs von Vestida De Nit. Ist es dein Ziel, alle iberischen und lusitanischen Kulturen zu zeigen?

Pérez Cruz: Ich bin mir bewusst über die Unterschiede der Stile und Sprachen in den Liedern, die ich aufgreife. Aber in den letzten Jahren sind mir diese Unterschiede immer weniger wichtig geworden. Ich suche nach den Gemeinsamkeiten in den Liedern, und diese Gemeinsamkeiten sind die Schönheit und die Gefühle. Das macht sie universell verständlich und das ist für mich der Schlüssel zu einem Lied. Wenn ich das fühle, dann ist das für mich eine schöne Entschuldigung, den Text zu lernen, egal in welcher Sprache. Da plane ich vorher nichts. Ich bin Musikerin, wenn es mir gefällt, dann gefällt es mir. In diesem Moment werden die Dinge ganz einfach, das passiert in einer sehr emotionalen Weise. Wenn die Leute zum Beispiel „Olé“ rufen, oder „Yeah!“, dann, weil da eine Wahrheit drin steckt, weil das Gewicht hat.

Das kann vielleicht auch über den Duende gesagt werden, der nicht nur im Flamenco steckt, sondern sich auch in anderen Stilen offenbart.

Pérez Cruz: Ja, die Wahrheit zeigt sich, wenn jemand etwas tut, was er oder sie liebt. Das bezieht sich auf alle Handlungen in deinem Leben, wenn du ein Lied ausprobierst, wenn du singst, wenn du liebst, sprichst, wenn du ein Interview führst.

Das Stück „Loca“, ist das inspiriert von einem Trancezustand oder eher von einer pathologischen Verrücktheit? Du hast deine Stimme da ja übereinander geschichtet, als würden verschiedene Persönlichkeiten im Kopf tönen. Andererseits könnte ich mir das Stück auch getanzt vorstellen, mit Derwischen auf der Bühne…

Pérez Cruz: Das ist sehr gut, was du sagst. „Loca“ begann mit einem sehr konkreten Zustand des Verrücktseins. Ich habe es für ein Theaterstück geschrieben, in dem es um einen Typen ging, der unter Schizophrenie leidet und deshalb diese verschiedenen Stimmen in seinem Kopf hört. Was mir in diesem Stück gefiel, war die Tatsache, dass er sich trotzdem verlieben konnte, auch wenn die Verbindung zwischen seinem Gehirn und seinem Herzen nicht richtig funktionierte. Über dieses Thema habe ich das Stück geschrieben. In dieser Version mit dem Streichquintett haben wir im Studio improvisiert, denn ich wollte die Verrücktheit eines menschlichen Wesens in der freien, spontanen Gestaltung widerspiegeln. Zum Schluss haben wir dann noch experimentiert und meine Stimme zweifach übereinander geschichtet, um das Thema des Songs im wörtlichen Sinne einzufangen. Der Startpunkt war die Verrücktheit einer anderen Person, die hat mich dann dazu inspiriert, meine eigene Verrücktheit, die nach Liebe und Musik hineinzubringen. Lustig, dass du das mit der Choreographie erwähnst: In Sevilla haben wir das tatsächlich mit einem improvisierten Tanz aufgeführt, mit der Tänzerin Rocío Molina! Und in Arles war sie auch dabei und hat „Corrandes D‘Exili“ getanzt, danach kamen dann tatsächlich Derwische auf die Bühne und haben sie eingeladen mitzumachen.

Sílvia Pérez Cruz & Rocío Molina: „Corrandes d’Exili“
Quelle: youtube

Du hast „Corrandes d‘Exili“ erwähnt, ein Lied des katalanischen Liedermachers Lluís Llach, das du schon lange singst. Ist Llach für dich immer noch ein Symbol der katalanischen Freiheit, und ebenso für die junge Generation Kataloniens?

Pérez Cruz: Die Symbolfunktion hatte er mehr für die Generation meiner Eltern. Aber ich hatte mehrfach die Gelegenheit mit ihm zu singen und deshalb ist er auch ein Teil meines, unseres „Soundtracks“.

Welche Idee steckte hinter der Adaption des Achtzigerjahre-Hits „Lambada“? Der ist ja eigentlich sehr weit weg von der Atmosphäre eines Streichquintetts!

Pérez Cruz: Das ist ein gutes Beispiel, um meine Beziehung zu Liedern und Menschen zu erklären. Wenn ich ein Lied höre, dann bin ich gleich in der Lage, die Schönheit darin zu erkennen. Dieses Lied hat mich schon begeistert als ich ganz klein war. Das ist doch eine so wunderschöne Melodie! (Sie singt.) Ich habe einem Gitarristen, mit dem ich arbeitete, vorgeschlagen, mit mir eine langsamere Version zu versuchen, um diese schöne Melodie noch mehr zur Geltung zu bringen. Dann wollte ich noch mehr Regeln brechen: Mit dem Streichquintett hatten wir in einem klassischen Auditorium unsere Premiere, und ich wollte in diesem Rahmen eine Version von „Lambada“ vorstellen, die nichts mit der Popversion, aber auch nichts mit klassischer Musik zu tun hat. Die erste Version, die ich kennenlernte, war natürlich die Brasilianische, sie spielen das schnell und fröhlich, es ist ein Sommerhit. Erst später hörte ich die bolivianische Version, das Original von „Lambada“, und dann merkte ich, dass da schon mehr Traurigkeit drinsteckt.

Du schließt das Album mit Leonard Cohens „Hallellujah“. Dieser Song ist so oft gecovert worden, von Jeff Buckley bis zu Bon Jovi, es ist sehr schwierig, da noch ein neues Licht draufzuwrerfen. Wie ist dir das gelungen?

Pérez Cruz: Es ist nicht einfach gewesen, diesen Song zu adaptieren. Viele Leute sagten, der gehört nicht aufs Album, denn die ganze Welt hatte ihn vorher schon gesungen. Aber wenn mir ein Song gefällt, dann möchte ich nicht irgendetwas Neues oder Besseres hinzufügen. Ich spüre einfach, dass ich ihn singen MUSS. Bei der ersten Aufnahme, die wir machten, war ich nicht zufrieden mit meiner Interpretation und wir haben sie erst mal beiseite gelegt. Kurz nachdem Leonard Cohen starb, war ich mit meinem Toningenieur Juan Casanovas im Studio. Ich sagte ihm, wir sollten dem Song eine neue Chance geben. Ich fühlte, dass ich es aus einer anderen Perspektive versuchen sollte, nicht aus der eines alten Mannes, der Alkoholiker ist und das Lied nachts anstimmt, dieses Gewicht habe ich nicht. Ich sang es in meiner Weise und ich sang es für Leonard Cohen, aber auch von Leonard aus, ich sang es für die Freude am Leben, und die Freunde im Leben. Das Lied kam plötzlich von einem ganz anderen Ort, und zwar von einem sehr emotionalen.

Sílvia Pérez Cruz: „Hallelujah“ (live)
Quelle: youtube

Du bist geboren und aufgewachsen in Katalonien, hast dann Jazz studiert, Flamenco gesungen. Würdest du sagen, dass auch noch heute in deinem Gesang etwas typisch Katalanisches zu finden ist?

Pérez Cruz: Als ich jung war, haben mich die Leute aus meiner Region gefragt: „Woher kommst du? Aus Andalusien?“ Und ich sagte: „Nein, ich bin von hier!“ In der Stimme liegt Vieles: Sie ist nicht nur ausschließlich etwas Physisches oder etwas Territoriales. Was ich sagen kann: Ja, meine Stimme ist eine iberische Stimme. Da ist etwas in den Stimmen der Großmütter und Urgroßmütter, die traditionelle Lieder gesungen haben, das nicht nur Fado oder Flamenco ist, und ich glaube, das habe ich in meiner Stimme auch.

Es gibt im Internet Clips aus deiner Konzertreihe Concerts Privats, wo du mit den Gitarristen Raúl Fernandez Miró und Mario Mas singst, und ich habe immer den Eindruck, dass das niemals die herkömmliche Gruppierung von Sängerin und Begleiter ist, sondern ein Dialog. Hast du das auch bei den Streichern angestrebt, sie nicht anzuführen, sondern auf Augenhöhe zu agieren?

Pérez Cruz: Ja, wie gut, dass du das siehst. Genau so gehe ich Musik an. Ich bin eine Musikerin und bin mit Musikern groß geworden. Ich muss fühlen, dass da auch eine Person jenseits des Musikers oder der Musikerin ist. Es muss eine kleine Gemeinschaft auf der Bühne entstehen. Ich bin mir bewusst, dass ich die Leaderin bin, aber jeder in der Gruppe muss seine Rolle haben, auch seine Freiheiten. Nur so kommt ein Dialog zustande zwischen diesen Personen.

Als Deutscher muss ich das fragen: Für dein Album Granada hast du zwei Lieder von Robert Schumann aufgenommen, mit einer fast schon experimentellen Gitarre: Wie bist du auf den Liederzyklus Dichterliebe aufmerksam geworden?

Pérez Cruz: In diesem konkreten Fall habe ich sie über meinen Gitarristen Raúl kennengelernt, seine Mutter hat diese Lieder viel gehört. Er hat sie eines Tages zum Mittagessen mitgebracht, sie dort vorgespielt und ich habe sie sofort gemocht und wollte sie selbst singen. Die Melodie von „Im wunderschönen Monat Mai“ ist sehr gefühlsbetont. Was den Text angeht: All diese Texte sprechen von den gleichen Sachen, von Liebe, von Frühling, von Tod. (Sie singt). Für mich ist diese Melodie universell! Und deshalb kannst du sie auf sehr verschiedene Art und Weise singen.

Und zum Abschluss eine zweite „deutsche Frage“! Das Eröffnungsstück aus 11 De Novembre nennt sich „Lietzenburgerstraße 1976“. Wie kamst du dazu, eine Hommage an eine Straße in Berlin zu singen, und dann auch noch versehen mit einem Datum, das vor deiner Geburt liegt?

Pérez Cruz: Das ist kein Gedicht von mir, das stammt von Feliu Formosa. Wenn ich ein Gedicht lese, dann fühle ich die Musik, komponiere schon in meinem Kopf. Ich stellte mir eine kleine, romantische, idyllische Straße vor, auf der sich eine Liebesgeschichte abspielte, fast mit einem Pariser Flair. Später, als das Lied schon aufgenommen war, war ich in Berlin und habe mich zur Lietzenburgerstraße durchgefragt. Ich kam dort an, und es stellte sich heraus, dass es eine total unpersönliche, industriell geprägte Straße war, und ich merkte, dass die Geliebte im Gedicht doch eigentlich eine Prostituierte ist. Aber so ist Kunst! Du kannst sie auf deine Weise interpretieren und etwas völlig Anderes kommt heraus.

Zwei Monate nach dem Interview habe ich Sílvia Pérez Cruz im Teatro Municipal Girona in einer atemberaubenden Show nochmals live gesehen, dieses Mal mit dem Quintett. Zum Abschluss des Interviews teile ich ein Stück aus dem Vestida De Nit-Repertoire, das sie vor kurzem auf youtube veröffentlicht hat – eine Hommage an den großen Flamencosänger Enrique Morente.

© Stefan Franzen

Sílvia Pérez Cruz: „Estrella“(Live)
Quelle: youtube

Listenreich I: 20 Songs für 2017

Blue Rose Code (Schottland) : „Over The Fields“
Quelle: youtube
Cristina Branco (Portugal): „E Às Vezes Dou Por Mim“
Quelle: vevo
Cristobal & The Sea (UK): „Goat Flokk“
Quelle: youtube
Joy Denalane (Deutschland): „Zuhause“
Quelle: vevo

Alemayehu Eshete & The Polyversal Souls (Äthiopien/Deutschland): „Alteleyeshegnem“
Quelle: youtube
Grèn Sémé (La Réunion): „Hors Sol“
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Matt Holubowski (Kanada): „The Warden & The Hangman“
Quelle: youtube
Iris Electrum (Österreich): „Of Tigers And Owls (No Future, No Past)“
Quelle: youtube
Awa Ly (Senegal): „Wide Open“
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MC Solaar (Frankreich): „Géopoétique“
Quelle: youtube
Sílvia Pérez Cruz (Katalonien): „Vestida De Nit“
Quelle: youtube
Sílvia Pérez Cruz & Pájaro (Katalonien/Spanien): „Pequeño Vals Vienés“
Quelle: youtube
Cemil Qoçgiri (Deutschland/Kurdistan): „Ero Bezar“
Quelle: youtube
Alejandra Ribera (Kanada): „I Am Orlando“
Quelle: youtube
Saltland (Kanada): „Light Of Mercy“
Quelle: vimeo

Oumou Sangare (Mali): „Fadjamou“
Quelle: youtube
Saz’iso (Albanien): „Tana“
Quelle: youtube

Sun-El Musician feat. Samthing Soweto (Republik Südafrika): „Akanamali“
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Tribalistas (Brasilien): „Baião Do Mundo“
Quelle: youtube

Trio Da Kali & Kronos Quartet (Mali/USA): „Eh Ya Ye“
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