Lorca, Bruckner und der Klang der Stille

Sílvia Pérez Cruz & Marco Mezquida / Sílvia Pérez Cruz & Quinteto de Cordas
Café de la Danse, Paris, 07.02. & 08.02.2019

„In der Musik ist es wie im Leben – manchmal geht es mit jemandem, manchmal nicht. Und hier…“ Sílvia Pérez Cruz beendet den Satz in ihrem charmant improvisierten Französisch im rappelvollen Pariser Café de la Danse nicht einmal. Sie zeigt nur auf ihren Bühnenpartner, Marco Mezquida. Das Publikum weiß da schon seit fast zwei Stunden, dass es ging.

Das Duo mit dem katalanischen Pianisten ist die neueste Bühnenkonstellation für Iberiens schönste Stimme. Und sie klappt deshalb so gut, weil Mezquida wie seine Partnerin über Genregrenzen nicht einmal nachdenkt, sich in alle erdenklichen Klangtableaus hineinversetzen kann. Rücken an Rücken beginnen die beiden mit dem Jazzstandard „My Funny Valentine“ am Pianino, ein Instrument, so warm und gedämpft, man könnte es sich in einem alten kubanischen Salon vorstellen. „Vestida De Nit“, die von ihren Eltern geschriebene Meereshymne erklingt am Flügel, doch Mezquida dämpft die Saiten, unterlegt den melismatischen Gesang von Pérez Cruz zackig-hölzern, was den stolzierenden Habanera-Rhythmus viel mehr herausmeißelt als bei allen anderen Versionen. In der hübschen Miniatur „Plumita“, das auf einem Kurzgedicht des uruguayischen Dichters Mauricio Rosencof basiert, spannt das Duo einen wunderbaren Bogen von fast zitternder Intimität der kleinen Feder bis zum monströsen Aufbäumen des Konzertflügels, in gewaltig tremolierenden Akkorden.

Immer wieder begeistert der Tastenmann mit seinen Umschwüngen von kleinzelliger, intimer Spielweise in den Habitus des romantischen Konzertpianisten mit voluminösem Gestus. Der Abend lebt nicht nur von dynamischen, auch von transatlantischen Sprüngen – und die ungewöhnliche Adaption des Liedgutes: Den Fado „Barco Negro“, der mit seiner Sklavenschiff-Thematik Afrika in sich birgt, lässt Mezquida ansatzweise zum Blues mutieren, das Regenwunschlied „Asa Branca“ aus Brasiliens trockenem Nordosten bekommt jazzige Improeinlagen. Zum lockeren Tänzchen am Klavier fordert „Siga El Baile“ heraus, Pérez Cruz verfeinert das polternde Stück aus der Tango-Sphäre mit verführerischer Eleganz. Das Schweigen und die Stimme sind Thema in Federico García Lorcas „El Niño Mudo“ – Verse, die einst von der chilenischen Politfolk-Gruppe Quilapayún vertont wurden, und hier nun im ergreifenden, dichten Duo, vierhändig begleitet, immer wieder im Nachhorchen und Verklingen der Worte verharren.

Schließlich wird auch der hispanische Kulturkreis durchbrochen. Das Schweigen und die Stimme, noch einmal: Ein wenig vergaloppiert hat sich Sílvia Pérez Cruz vielleicht in ihrer Lesart von „The Sound Of Silence“: Paul Simons enigmatische Verse zerpflückt sie in die Einzelteile, der schlichte folkige Flow wird dadurch gehemmt. Doch zum erstaunlichsten Brückenschlag wird das Finale, dem mit dem Wort Medley nicht beizukommen ist: Sitzend am Flügel interpretiert Pérez Cruz Anton Bruckners „Christus Factus Est“ mit kristallin-sakraler Ergriffenheit, fast wie ein Chorknabe, der sich dann wortlos in Ornette Colemans „Lonely Woman“ löst, Mezquida baut eine wahre Akkordkathedrale auf. Doch letztlich sinkt alles wieder in die melancholische Verlorenheit von „My Funny Valentine“ zurück. Zwei Zugaben zeigen nochmals das gewaltige Spektrum dieses Traumpaares, dem man ein langes Bühnenleben wünscht: Für Radioheads „No Surprises“ wird eigens ein Toy Piano auf die Bühne getragen, die Pophymne in pures Spielzeugland aufgelöst. Nur um einen letzten Kontrast heraufzubeschwören: mit Leonard Cohens Lorca-Adaption „Pequeño Vals Vienés“, das ins spanische Original zurückgeführt wird und in dem große Flamenco-Dramatik siedet.

Sílvia Pérez Cruz & Marco Mezquida
Quelle: youtube

Während das Duo weiterhin weltweit zu hören sein wird, gestaltet Sílvia Pérez Cruz in ihrer Kurzresidenz im Café de la Danse den zweiten Abend mit einem Auslaufmodell: Dabei hätte es das Streichquintett-Programm „Vestida de Nit“, hier schon mehrfach besprochen, verdient, immer weiter gegeben zu werden. Denn  der Vergleich zum Konzert in Girona vor 16 Monaten zeigt, wie viel an Intensität und neuen Variationen das Zusammenspiel von Sängerin und den Streichern um Cellist Joan Antoni Pich nochmals gewonnen hat. Alle sechs warten mit neuen Improvisationseinfällen auf, Sílvia Pérez Cruz pflegt mit jedem einzelnen Quintettmitglied befeuernde Dialoge.

Ihre „Lambada“ durchschreitet sie noch kantabler, „Ai, Ai, Ai“ wird fast zum Volksfest mit Publikumsgesang. Noch inniger und bittersüß-verschmitzt kommt das Mexikos Pathos nachempfundene „Mañana“ im Duo mit Carlos Montfort daher, „No Hay Tanto Pan“, diese Hymne für alle Verlierer der Immobilienkrise in Spanien, gipfelt in fast atemloser Verausgabung. Und die schönste Überraschung: Das Lied von der Taube, „Cucurrucucú“, es wurde seit Caetano Velosos meditativer Version aus dem Film „Hable Con Ella“ nicht mehr volkstümlich interpretiert – Sílvia und ihr Quintett schaffen eine tänzerische Rückführung aufs Mariachi-Parkett ohne jeglichen Kitsch.

© Stefan Franzen

alle Fotos Stefan Franzen

Navegare necesse est

Caetano Veloso: „Os Argonautas“
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2019 – das Jahr runder Jubiläen von Entdeckern und Eroberern.

Am 20.7.1969 setzt erstmals ein Mensch seinen Fuß auf den Mond, 50 Jahre später trägt die dunkle Seite des Erdtrabanten erste chinesische Schriftzeichen.

Vor 500 Jahren, am 10.8.1519 startete Fernão de Magalhães, bei uns als Magellan bekannt, bei Sevilla zur ersten Weltumseglung, die er selbst nicht vollendete, dehnte damit das portugiesische Weltreich mit all seinen dunklen Konsequenzen für die lokalen Völker aus.

„Navegare necesse est, vivere non est necesse“ – Navigieren ist eine Notwendigkeit, leben nicht. Diesen Satz, den Plutarch Pompeius Magnus zuschrieb, lässt sich dichterisch, philosophisch und metaphysisch weiterspinnen, und viele haben es getan, Fernando Pessoa und Caetano Veloso unter ihnen.

Und so setzt der Brasilianer, der 2018 auf greenbeltofsound beschlossen hat, auch wieder den Startpunkt in diesem Jahr der Argo- und Astronauten – mit dem Mondlied „Lua, Lua, Lua, Lua“ (1975) und „Os Argonautas“ (1969).

Caetano Veloso: „Lua, Lua, Lua, Lua“
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Terra 50


Das letzte 50-jährige Geburtstagskind für 2018.

Vor genau 50 Jahren, am Heiligabend 1968, nahm die Apollo 8-Mission diesen Erdenaufgang auf – und erstmals sah die Menschheit ihren eigenen Planeten aus Mondentfernung.

Caetano Veloso hat über diesen Anblick das schönste Lied geschrieben.

Allen Blog-Leser*innen fried- und seelenvolle Festtage und einen guten Start ins Jahr 2019.

Caetano Veloso: „Terra“
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Ne me quitte pas, Brasil


Maria Gadú & Tribalistas

Baloise Session Basel, 2.11.2018

Am letzten Sonntag wurde in Brasilien ein rassistischer, frauenfeindlicher und homophober Ex-Leutnant ins Präsidentenamt gewählt, der sich gerne an die Zeit der Militärdiktatur erinnert. Während dieser düsteren Jahre (1964-85) hatten viele der prominenten Songschreiber und Dichter unter täglicher Gängelung und Zensur zu leiden, mussten teilweise ins Exil gehen. Ein Abend mit großen brasilianischen Musikern, wie jetzt bei der Baloise Session, kann derzeit nicht losgelöst von diesen aktuellen Ereignissen erlebt werden. Zumal sich fast alle Künstler des Landes gegen den Wahlsieger positionierten, jetzt ihre Schockstarre überwinden müssen.

Da ist zum Beispiel Maria Gadú: In der Heimat ist die 31-Jährige als offen lesbische Künstlerin Rollenmodell für Vielfalt und Toleranz. Als er sie entdeckte, nannte der große Caetano Veloso sie einen „Jungen mit der Stimme einer Prinzessin“. Doch Gadú hat sich ganz signifikant gewandelt. Nur mit ihrem Drummer Felipe Roseno kommt sie auf die Bühne, und allein ihr Outfit, roter Arbeiter-Overall und Kriegsbemalung einer Xingu-Indigenen, ist schon eine Kampfansage. Wo sie zu Beginn der Karriere ihre Lieder noch oft im lyrischen Folkpop-Ton sang, fährt sie jetzt mit einer schrundigen Telecaster-Gitarre lautere Geschütze auf. Mit viel Hall-Effekten und ausgefuchster Schlagwerkvarianz ersetzt das Duo in intensivem Dialog eine ganze Band. Gadús Stimme kann noch immer sehr sanft und vollmundig klingen, aber im richtigen Moment auf zornig und ruppig umschalten.

Als sie sich direkt ans hochprozentig brasilianische Auditorium wendet, beschwört sie den demokratischen Zusammenhalt und stellt klar, dass sie natürlich auch weiterhin mit ihrer Ehefrau zusammenleben wird. Völlig unbegleitet lässt sie eine kraftstrotzende Version des berühmten Jacques Brel-Songs folgen, der auch zum Flehen an die Heimat wird: „Ne me quitte pas, Brasil.“ Dafür erntet sie fast geschlossen stehende Ovationen. Und gleich danach der zweite Höhepunkt mit dem afrobrasilianischen „Axé Acappella“: Sie hatte das Lied schon für die Großdemos vor der Fußball-WM geschrieben – es wird nun als Schlachtruf der Straße hochaktuell bleiben.

Nach diesem starken Auftritt wird der ausgelassen feiernde Saal in die Siebziger zurückkatapultiert: Schreiend bunt und hippie-esk treten die Tribalistas an, Brasiliens schillerndste Songwriter-Supergroup, nach ihrem zweiten Album innerhalb fünfzehn Jahren erstmals überhaupt auf Tour. Alle drei für sich schon Stars, kann man ihre gemeinsame Kreativkraft mit dem Output von Lennon-McCartney vergleichen: jeder Song ein Dreiminuten-Ohrwurm-Meisterwerk, melodienselig und mit cleveren Harmonien bestückt. Als Fee im lila Samtmantel singt Marisa Monte ihre schönen Sopranschleifen, Carlinhos Brown wirkt mit seinem Perkussionsarsenal wie ein tropischer Sultan im Glitzerfrack, und der mit abgrundtiefem Bass gesegnete Arnaldo Antunes inszeniert sich in einer Art Priesterkutte.

Jammerschade: Vor allem dem Unisono-Gesang, aber auch dem fantasiereichen Akustikzauber gehen in einem rumpeligen, breiigen Sound die Feinheiten verloren. Und davon gibt es viele: Afrobrasilianische Glocken, marokkanische Kastagnetten, Horntröte, Vogelpfeife. Glockenspiel und Melodica zieren die Arrangements, die immer dann grandios aufleuchten können, wenn sich der Drummer aus der Begleitband zurückhält. Die Botschaft freilich, sie ist auch hier unüberhör- und sehbar: Bekenntnis zur Regenbogen-Pracht statt furchtgesteuerte Politik.

© Stefan Franzen
erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe vom 5.11.2018

Maria Gadú: „Ne Me Quitte Pas“ live
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Brasilien nach dem Schock


Zeichnung: Thereza Nardelli Silva

Nach der Wahl des rassistischen, frauenfeindlichen und homophoben Jair Bolsonaro zum neuen Präsidenten Brasiliens am vergangenen Sonntag ist das Entsetzen unter Intellektuellen und Künstlern groß. Musiker wie Caetano Veloso, Chico Buarque und Milton Nascimento haben während den 21 Jahren der Militärdiktatur (1964-85) unter Drohungen, Zensur und Exil gelitten und erleben nun im fortgeschrittenen Alter, wie einer, der diese Zeit verherrlicht, an die Macht kommt. Vor der Wahl haben sie alle sich klar und öffentlich gegen Bolsonaro und für den Kandidaten der Arbeiterpartei, Fernando Haddad, positioniert. Als Warnung vor einer Wiederholung der Ereignisse veröffentlichte Nascimento etwa ein Dokument, das den Eingriff der Zensurbehörde in seine Texte dokumentiert.

Auch die ein bis zwei Generationen jüngeren Musiker haben sich organisiert: Federführend bei den Bolsonaro-Gegnern war hier der Songschreiber Rodrigo Amarante, der singend nochmals einen letzten Appell für die Demokratie und gegen eine Stimmenabgabe aus Furcht ans Volk richtete. Besonders flammend gegen Bolsonaro und für Freiheit und Vielfalt hat sich Daniela Mercury geäußert, die dafür das Lied „Pagode Divino“ geschrieben hat. Mercury betonte vor der Wahl, dass sie unabhängig vom Resultat mit ihrer Kunst weiterhin für das kämpfen werde, woran sie glaube, und veröffentlichte nach dem Sieg die Friedensbotschaft „Niemand wird des Anderen Hand loslassen“.

Auch der/die bekannteste transsexuelle Musiker*in Brasiliens, Pabllo Vittar, ist ungebrochen und kündigte, untermalt von einem Regenbogenfoto, an: „Ich leiste Widerstand“. Unterdessen machen sich in den „sozialen Medien“ Anfeindungen gegen die Bolsonaro-Gegner breit: Veloso, Nascimento und Vittar wurde unter anderem geraten, das Land zu verlassen. Die Sängerin Preta Gil, Gilberto Gils Tochter fasst die Stimmung nach der Wahl für viele Kolleg*innen zusammen: „Ein trauriger Tag in unserer Geschichte, aber ich habe viele Dinge nicht verloren: Meine Würde, meine Kraft, meinen Charakter. Wir werden weiter nach vorne blicken und in unserem Kampf zusammenstehen.“

Angesichts der jüngsten Ereignisse in Brasilien kommen mir Zeilen des großen Songschreiber-Doppels João Bosco und Aldir Blanc in den Sinn, das mit „O Bêbado E A Equilibrista“ den widerständischen Kräften in der Diktatur 1979 eine feinsinnige Hymne lieferte: „Die Hoffnung tanzt mit einem Schirm auf dem Drahtseil, und mit jedem Schritt kann sie sich verletzen. Pech gehabt, doch die balancierende Hoffnung weiß stets, dass im Leben eines Künstlers die Show weitergehen muss.“ (der komplette Text mit englischer Übersetzung hier) Ob solche Metaphern demnächst wieder in der Musik Brasiliens nicht aus poetischen, sondern aus politischen Gründen gedichtet werden müssen? Elis Regina hat das Lied damals unsterblich gemacht.

Elis Regina: „O Bêbado E A Equilbrista“
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Mond-Töne

„Moon over Madalena“ (Lune cendrée, Pico, Azoren, 17.5.2018), Foto: Stefan Franzen

Es hat eine kleine Tradition: Astronomische Ereignisse werden auf diesem Blog musikalisch begleitet.
So auch heute, da abends die längste Mondfinsternis des Jahrhunderts zu erleben ist. Nicht wie oben als Aschemond, den ich auf den Azoren gesichtet habe, sondern in voraussichtlich blutigem Teint wird das Gestirn sich zeigen, da es bei der Eklipse tief am Himmel steht und die Atmosphäre seine Oberfläche im Erdschatten rot färben wird. Sieben Blut-, Super- und sonstige -mondlieder zwischen Venezuela und Estland sollen das Spektakel flankieren.

1. Roseaux (Frankreich): „Walking On The Moon“
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Schon als Kind fand ich den Police-Song „Walking On The Moon“ toll, weil er den Reggae weit ins All katapultierte. Diese Coverversion übertrifft das Original: Das französische Projekt von 2012 hat sich für diesen Titel den Neo Soul-Star Aloe Blacc an Land gezogen.

2. Simón Díaz (Venezuela): „Tonada De Luna Llena“
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Tonadas, ursprünglich aus dem barocken Asturien und Kantabrien stammend, sind in Venezuela ländliche Lieder, die zum Arbeiten gesungen werden, aber auch zum Ausruhen, wie wohl diese magische Vollmond-Anrufung von 1973. Simon Díaz, der vor vier Jahren steinalt starb, war einer der großen Volkssänger des Landes, inspirierte Pina Bausch, Pedro Almodóvar und Caetano Veloso.

3. Sophie Hunger (Schweiz): „Supermoon“
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Das Titelstück aus dem vorletzten Album der helvetischen Songwriterin ist ein Selbstporträt: Die Künstlerin sieht sich als Supermond, der in kalter Isolation vom Rest der Welt um sich selbst kreist. Es fröstelt einen umgehend, sobald die Anfangsakkorde erklingen – und man möchte instinktiv nach einem Thermoanzug greifen.

4. Sílvia Perez Cruz & Ravid Goldschmidt (Katalonien): „Luna“
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Ein frühes Duo aus der Karriere der katalanischen Ausnahmestimme. Nur mit Hang-Begleitung hat sie 2011 ihre vielseitigen Qualitäten mit einem Liedrepertoire zwischen Brasilien und mediterranem Raum bewiesen – dieses Mondlied ist von einer Soleá des Copla- und Flamenco-Sängers Juanito Valderrama inspiriert.

5. Fainschmitz (Österreich): „Mond“
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Die Band mit dem tollen Namen ist in Wien ganz neu am Start und setzt sich aus österreichischen, italienischen und deutschen Jazzern zusammen, die ihren Stil „Jungle Swing“ nennen. Die nonchalanten Megaphon-Vocals sind ihr Markenzeichen – und man sollte auch unbedingt das Stück „Delphine zählen“ abchecken!

6. Alejandra Ribera (Kanada): „Blood Moon Rising“
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Gestirne spielen in den Songs der Kanadierin eine prominente Rolle: Neben diesem Highlight aus ihrem aktuellen Werk This Island hat sie auf dem Vorgänger La Boca auch gleich hundert Monde („Cien Lunas“) und den „Mars“ besungen – der neben dem Blutmond heute Abend übrigens auch erdnah wie selten strahlen wird.

7. Curly Strings (Estland): „Kuu“
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Die vier Esten verbinden die baltische Tradition mit den Klängen amerikanischer String Bands – und sind die Speerspitze der sehr jungen estnischen Folkszene. Ihre Ballade an den Mond aus dem Debütalbum Hoolima gefällt mir am besten.

Am Montag setzt greenbeltofsound das Himmelsspektakel fort: Dann werden wir anlässlich des 60. Geburtstages eines Popstars die Erde aus der Ferne betrachten.

1968 – Ein guter Jahrgang II

Feine Dinge, die dieser Tage 50 werden!

Caetano Veloso: „Tropicália“ (aus: Caetano Veloso, 1968)
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Aretha Franklin: „You’re A Sweet, Sweet Man“ (aus Aretha Now, 14.6.1968)
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Shivkumar Sharma, Brijbushan Kabra & Hariprasad Chaurasia: „Nat Bhairav“ (aus: Call Of The Valley, 1968)
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Neapel trifft Ipanema

Stefano Bollani
Que Bom
(Alobar/Galileo)

Die vielen kulturellen Anknüpfungspunkte zwischen Italien, Brasilien und auch dem weitergefassten Latin-Raum hat Stefano Bollani auf seinem neuen Werk mit Finesse ausgereizt. Zunächst erweitert der italienische Pianist sein Stammtrio um zwei Perkussionisten, was eine detaillierte, durch Brummtopf bis Bongo aufgefächerte Rhythmusarbeit ermöglicht. Und dann baut er, weit über bloßes Namedropping hinaus, prominente Köpfe aus Übersee ein. Der ohnehin italophile Caetano Veloso hat einen starken Auftritt, wenn er über den Nebel von Neapel singt, gestützt durch Jaques Morelenbaums zartes Cellopastell. Hamilton de Holanda lässt sein bauchiges Bandolim in einem Baião tanzen, und João Bosco kleidet mit dem Italiener seinen Samba „Nação“ in ein intimes Jazzgewand. Voll balladesker Leuchtkraft sind aber auch die Momente der Kernbesetzung, etwa die vor ruhigem Lebensglück schillernden Stücke „Cente Giornate Al Mare“ oder „Criatura Dourada“. Dieses Werk macht sommertrunken.

Stefano Bollani: „Galapagos“
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Im Kleid der Nacht

Sílvia Pérez Cruz
Vestida De Nit
(Universal Spain)

Über den romanischen Kulturraum hinaus hat ihr Name kaum eine Bedeutung. Vielleicht ist das ein Beweis dafür, wie wenig Europa immer noch zusammengewachsen ist. Wie sonst könnte es möglich sein, dass man wenige Hundert Kilometer von ihrer Heimat wenig bis nichts von ihr weiß, wo die Katalanin doch – und da lege ich mich fest – über eine Stimme verfügt, die rückblickend vom Jahre 2100 zu einer der schönsten des Jahrhunderts gehören wird.

Bevor ich überhaupt über ihre Biographie oder ihre neue Platte spreche, möchte ich zwei ihrer Versionen des mexikanischen Klassikers „Cucurrucucú Paloma“ voranstellen. Klar, dass sie von der Lesart Caetano Velosos aus dem Film „Hable Con Ella“ inspiriert sind, doch in der unmittelbaren Fokussierung auf das Duospiel geht die Katalanin noch weiter. Es reicht, sich einen der beiden Clips anzuschauen, in jedem steckt eigentlich alles, was musikalische Zwiesprache überhaupt ausmacht.

Sílvia Pérez Cruz & Raül Fernández Miró: „Cucurrucucú Paloma“
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Sílvia Pérez Cruz & Mario Mas: „Cucurrucucú Paloma“
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Sílvia Pérez Cruz wird 1983 in Palafrugell geboren und erhält zunächst klassischen Gesangs- und Saxophonunterricht. Sie ist doppelt musikalisch vorgeprägt: Ihr Vater ist der galicische Sänger Cástor Pérez, ihre Mutter die Poetin, Komponistin und Sängerin Glória Cruz. Die erste Band, mit der sie in Erscheinung tritt, ist das Frauenquartett Las Migas, das sie bereits während ihrer Studienzeit in Barcelona mitbegründet und mit dem sie sich vor allem auf dem Flamenco-Parkett erprobt. Es folgen verschiedenste Experimente, etwa ein Teamwork mit dem Hang-Spieler Ravid Goldschmidt oder eine Platte mit der spanischen Popband Immigrasons.

Mit dem Bassisten Javier Colina taucht sie intensiv in eine Jazzerfahrung ein, bevor 2012 ihre erste Soloplatte unter dem Titel 11 De Novembre, Geburts- und Todestag ihres Vaters, erscheint. Das Debüt ist ein intimes Tagebuch mit teilweise Hörspielcharakter: Regenrauschen, Fahrradgeräusche und Samples aus „Moon River“ sind hineingewoben in die ausschließlichen Eigenkompositionen, leise Klanggedichte mit Gitarren, Englischhorn, Blechbläsern und Streichern. Familienmitglieder steuern Chöre bei, ein Loblied auf die Mutter, Schwester und Oma wird zum Samba. Ihrer berührenden Sopranstimme hört man den Schmerz über den Verlust des viel zu früh verstorbenen Vaters noch an. Produziert hat der Gitarrist Raül Fernández Miró (Refree), der auf dem Folgewerk Granada auch Duopartner wird.

Hier schlagen die beiden, durchaus in einer Indie-Folk-Philosophie, einen Spagat, der von Schumann-Liedern über Piafs Liebeshymne und einer psychedelischen Nummer aus dem Tropikalismus Brasiliens bis zur glühenden Vertonung von Féderico Garcia Lorca in „Pequeño Vals Vienés“ reicht – stets in einer nackten, aufs Skelett reduzierten Textur, die auch mal in harsche Stromgitarrenattacken münden kann. Wenig später geht Pérez Cruz unter die Schauspielerinnen, übernimmt die Hauptrolle in „Cerca De Tu Casa“, einem unter die Haut gehenden Sozialdrama über die Schicksale jener Spanier, deren Existenz durch die Immobilienblase vernichtet wird – den Soundtrack (Domus) schreibt sie gleich mit.

Und nun Vestida De Nit, ihre atemberaubende Visitenkarte für die klassische Sphäre. Mit dem Streichquintett um den Cellisten Joan Antoni Pich arbeitete Pérez Cruz seit mehr als drei Jahren auf großen Bühnen zwischen Cádiz und San Sebastian, bis sie sich nun zur Studioeinspielung entschloss. Das Repertoire umfasst etliche Lieder, die sie bereits in anderen Fassungen über Jahre erprobt hat, doch in diesem Kontext, Arrangements von vier verschiedenen Musikern, entfalten sie ungekannten Glanz und ein ausgearbeitetes Relief. Die „Tonada de Luna Lleva“, ursprünglich ein lyrischer Sehnsuchtsgesang an den Mond des venezolanischen Volkssängers Simón Díaz, wird hier in große Serenadendramaturgie gekleidet. „Loca“ zieht mit seinen Stimmenschichtungen über dem simplen Akkordwechsel in einen Vokalstrudel hinein, unentrinnbar und voll glühender Verzweiflung, und „Mechita“ lebt von pfiffigen Dialogen zwischen tänzerischer Stimme und Pizzicati der Instrumente.

Pérez Cruz‘ Affinität zum lusophonen Kulturraum zeigt sich in dem Wagnis, einen Amália Rodrigues-Fado zu covern, völlig freigeräumt von divenhaftem Pathos. Und ein fast spirituelles Geleit für ihren Vater, ebenfalls auf Portugiesisch, ist die Neufassung ihres „Não Sei“, das die Streicher introspektiv verfeinern. Mit „Ai, Ai, Ai“ veredelt sie Latinpop à la Shakira, und die bolivianisch-brasilianische „Lambada“ , Welthit der späten Achtziger, bekommt eine ganz andere Färbung, die die melancholische Grundsubstanz herausmeißelt.

Selbst das seit Leonard Cohens Tod ad absurdum genudelte „Hallellujah“ lässt sich hier wieder gut hören, gekrönt von einem Arrangement, das subtile Anleihen bei Dvořák und Ravel nimmt. Der emotionale Kern der ganzen Scheibe ist allerdings das Titelstück: Vor mehr als dreißig Jahren haben es Sílvias Eltern zusammen geschrieben, eine Habanera, die mit zarten Naturbildern von zimtbestreuten ruhigen Buchten und Wiegen aus Muschelschalen erzählt. Eine Gratwanderung, hier nicht in Kitsch abzurutschen – doch Pérez Cruz überhöht diese Lyrik zu einer zeitlosen Nostalgie, die zu Tränen rührt.

Sílvia Pérez Cruz ist in der Kategorie der größten Stimmen Iberiens anzusiedeln, schon jetzt, mit 34, vereinigt sie die Facetten einer Maria del Mar Bonet, einer Mariza, einer Lola Flores – und ich schreibe das im Bewusstsein, dass all diese Vergleiche hinken. Sie vereint die kulturellen Spektren und Sprachen von Lissabon bis Barcelona, plus Seitenpfade ins Latino-Gefilde, mit einer Gefühlsintensität, die nur ganz wenige Sängerinnen unserer Zeit erreichen. Mit ihrem Sopran kann sie mediterrane Sonnenkraft, südamerikanische Ausgelassenheit und die Archaik Jahrhunderte alter Arabesken bündeln. Ein Kritiker kommentierte, er würde sich gerne in eine Ameise in ihrem Haar verwandeln, um immer ihre Stimme hören zu können. Man muss es ja nicht übertreiben. Es genügte schon, ein größeres Publikum entdeckte sie endlich auch in unseren Breiten.

© Stefan Franzen

Sílvia Pérez Cruz: „Vestida De Nit“ (live in San Sebastian)
Quelle: YouTube


Silvia Perez Cruz live in unserer „Nähe“:
30.5. Teatre Fortuny, Reus/Catalunya
13.7. Festival Les Suds, Arles/F
weitere Termine auf silviaperezcruz.com

Tropischer Fado-Flirt

carminhoFoto: Leo Aversa

Carminho ist Portugals größte Fadosängerin der heutigen Generation. Mit ihrem Quartett eröffnet die 30-jährige am 1.10. die Saison im Lörracher Burghof und bringt ihr drittes Album Canto mit. Hier folgen zur Einstimmung Auszüge aus zwei Interviews, die ich mit Carminho in den letzten Monaten geführt habe. Weiterlesen