Der Raum zwischen zwei Noten

Behnam Samani & Kayhan Kalhor

Der Cellist Yo Yo Ma hat über die Saitenkunst seines persischen Kollegen Kayhan Kalhor gesagt: “Es gibt etwas in seinem Spiel, das über den Klang, den er erzeugt, hinausgeht. Nicht um die Noten selbst geht es, sondern wie man von einer Note zur anderen kommt. Und Kayhans Musik hat so viel von dem Unhörbaren, Unentdeckten, den unermesslichen Räumen zwischen zwei Noten.“

Das Suchen und Tasten ist ein wesentliches Element der persischen Klangkultur. Ganz anders als in der abendländischen Musik, in der Abläufe von Beginn an meist schriftlich festgelegt sind, entsteht hier anhand des Tonmaterials einer Skala allmählich eine Dramaturgie: Der Solist fühlt sich in die Stimmung einer bestimmten Leiter hinein, erkundet verschiedenste Wege der Ausgestaltung, erschließt sich nach und nach den Übergang in die virtuose Passage eines Stücks. Fast schon ein Sinnbild für dieses Ertasten ist die persische Stachelgeige Kamancheh. Mit ihrem winzigen Resonanzkörper, gefertigt aus Maulbeer- oder Walnussbaumholz, bespannt mit Fischhaut, schafft sie einen großen Raum der Innenschau: Rauschhafte Obertöne bestimmen ihren Klang, er wirkt filigran, durchscheinend, strahlt intensive Wärme aus, aber zugleich wispernde Schmerzlichkeit. Die Kamancheh besitzt vielleicht den berührendsten Klang aller Vertreterinnen der weit verzweigten Streichlauten-Familie vom Balkan über den Nahen Osten bis China.

Auf diesem genauso unscheinbaren wie erstaunlichen Instrument ist der iranisch-kurdische Musiker Kayhan Kalhor der größte Meister seiner Generation. Er spielte bereits als Teenager in Teheran im staatlichen iranischen Orchester, studierte die Traditionen verschiedener Provinzen, besonders des im Norden liegenden Khorasan und Khordestan. Und selbstverständlich ist er im Radif ausgebildet, dem riesigen Schatz der klassischen Musik Persiens. Doch Kalhor war auch schon in jungen Jahren Kosmopolit, ging nach Rom, später nach Ottawa, siedelte schließlich nach Brooklyn über. An allen Wahlheimaten ließ er sich von den neuen Einflüssen befruchten, die biographischen Reibungen spiegeln sich in seiner grenzenlosen Arbeit.

Kayhan Kalhor, aktueller Preisträger des Artist Awards der Weltmusikmesse WOMEX, hat nicht nur für die großen Stimmen der persischen Klassik komponiert, unter ihnen die Sänger Mohamad Reza Shajarian und Shahram Nazeri. Er gründete auch das Ensemble Ghazal, das Gemeinsamkeiten persischer und indischer Klassik und Volksmusik auslotet. Er wurde ein prominentes Mitglied von Yo Yo Mas Silk Road-Ensemble, das seit mehr als zwanzig Jahren Musiker von Amerika bis Fernost zu kreativen Höhenflügen vereinigt und 2016 einen Grammy gewann.

Im abendländischen Kontext spielt Kalhor mit renommierten Kammermusik- oder Jazzensembles, etwa mit dem Kronos Quartet. Von Sufi-Mystik und türkischer Musik ist er ebenso inspiriert wie von den Troubadouren der Renaissance und Versen aus der Feder Walt Whitmans. Zudem hat Kalhor die Spielmöglichkeiten der Kamancheh schrittweise ausgedehnt. Er entwickelte mit der Shah Kaman auch eine neue Variante, eine Kreuzung aus Kamancheh und zwei ihrer Verwandten, der chinesischen Erhu und der türkischen Tanbur. Sie öffnet durch eine fünfte Saite die unteren Register, und so gewinnt ihr Klang an spiritueller Tiefe. Für Kalhor war die Entwicklung dieser neuen Kamancheh-Version eine Reaktion auf die Unruhen in seiner Heimat, die 2009 starteten und immer wieder niedergeschlagen wurden. Den politischen Turbulenzen wollte er mit klanglicher Innenschau, mit Erdung und Festigkeit begegnen.

Diese braucht es umso mehr in der aktuellen Großwetterlage, in der iranische Kulturschaffende nicht nur die Schikanen des eigenen Mullah-Regimes ertragen müssen, sondern auch durch wirtschaftlichen Boykott und militärische Bedrohung seitens der nicht minder menschenverachtenden Trump-Administration aufgerieben werden. Es ist bemerkenswert, dass der Künstler nach 24 Jahren in den USA nun in seine Heimat zurückgekehrt ist. Im vergifteten Klima wollte er als Einwanderer nicht mehr leben. Er und sein Frau wurden angefeindet, die Propaganda von Teilen der Medien gegen den Iran konnte er nicht mehr ertragen, wie er kürzlich dem Magazin Songlines sagte.

Bei seinem ersten Auftritt in Freiburg überhaupt wird Kayhan Kalhor mit dem Perkussionisten Behnam Samani konzertieren, der von Deutschland aus mit seinen Ensembles Dastan und Zarbang als herausragender Vermittler iranischer Trommelkunst wirkt. Auch er ist ein Erneuerer der Schlagwerkkunst auf der Bechertrommel Tombak und der Framedrum Daf, hat mit der Zarbang Udu ein eigenes Instrument geschaffen. Viele Größen der persischen Klassik haben sich während ihrer Auslandstourneen auf ihn als einfühlsamen Rhythmusgeber und Arrangeur berufen.

© Stefan Franzen, erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 10.02.2020

Tourdaten Kayhan Kalhor:
14.2. Moods Zürich – 15.2. Jazzhaus Freiburg – 16.2. Gasteig Black Box, München

Kayhan Kalhor – NPR Music Tiny Desk Concert
Quelle: youtube

Sanfter Umbruch

Die klassische Musik des Iran befindet sich in einem sanften Umbruch. Er mag für Außenstehende kaum wahrnehmbar sein, doch nicht nur im musikalischen Untergrund von Rock und Pop brodelt es, auch die Hochkultur nimmt sich jetzt feine Freiheiten in musikalischer Form und Besetzung heraus. Während einige junge Musiker die offene Konfrontation mit dem Regime und Auftrittsverbote nicht scheuen, weil sie etwa den verbotenen Sologesang von Frauen integrieren, gibt es unter den Neuerern auch gemäßigtere Persönlichkeiten, deren Arbeit trotzdem die rigiden Muster der bisherigen Traditionen aufbricht. Zu diesen gehört der Lautenist, Komponist und Ensembleleiter Hossein Alizadeh, derzeit populärster Mittler zwischen den Generationen.

Derzeit ist der 67-Jährige mit einem großen Ensemble auf Europatournee, das zentral für seine Erneuerungsarbeit ist. Hamavayan, aus dem Farsi übersetzt, bedeutet „Zusammenklang“, und das ist hier in mehrfacher Hinsicht zu verstehen. Zum einen gruppiert Alizadeh alle wichtigen Instrumente der persischen Klassik zueinander: die Langhalslaute, das von ihm selbst entwickelte Saiteninstrument Shurangiz, die Flöte Ney und die Spießgeige Kamancheh, das Hackbrett Qanun und die Bechertrommel Tombak – letztere gespielt von einem Gast, dem in Köln lebenden Iraner Behnam Samani. Zusammenklang heißt hier aber auch: Weibliche und männliche Stimmen agieren miteinander. Alizadeh war und ist es ein Anliegen, Frauen in seine Musik zu integrieren, bis an die Grenzen dessen, was die Moralwächter des Gottesstaates gestatten. Will heißen: Der weibliche Gesang darf nie dominierend werden, geschweige denn allein zu hören sein, das bringe die zuhörenden Männer auf Abwege, so die Dogmatik der Mullahs.

Das von Alizadeh komponierte Programm des Hamavayan Ensembles auf der aktuellen Deutschlandtournee wird zwei Aspekte umfassen: Zunächst stellen die acht Musiker Auszüge aus dem aktuellen Album „Bâdeh Toeï“ vor, in denen Pouria Akhavass die männliche Vokalrolle übernimmt. Die Quellen der Poesievertonungen gehen dabei bis in die moderne Lyrik hinein. Der zweite Teil steht im Isfahan-Modus, eine derjenigen Skalen aus dem persischen Tonleiter-Vorrat, die von einem westlichen Publikum leichter zu verstehen sind. Diesen Programmpunkt werden Hamavayan so gestalten, wie es im Iran selbst nicht möglich wäre: Denn hier tritt mit Sabah Hosseini eine Frau als Solistin hervor.

© Stefan Franzen
(erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 1.2.2019)

das Hamavayan Ensemble ist noch zu erleben:
6.2. Freiburg, Jazzhaus
9.2. Brüssel, Salle M

Hossein Alizadeh & Hamavayan Ensemble: „Badeh Toei“ (Exzerpt)
Quelle: youtube