West Trainz: Montage meets Swiss Radio

Foto: courtesy of Erik West Millette

Mein Freund Erik West Millette, Mastermind des West Trainz-Projekt in Montréal, hat mich gerade über eine wunderbare Video-Montage des Canada 150-Specials von SRF 2 Kultur in Kenntnis gesetzt, das am 16.6. lief. Man bekommt sofort Lust nach Montréal zu fahren und sich in einen der Waggons der Canadian Pacific zu setzen. Auf seiner Facebook-Seite ist das Video zu sehen, das Thierry Francis aus der West Trainz-Crew für Erik erstellt hat.

Erik hat ebenso mitgeteilt, dass er daran arbeitet, die West Trainz-Show nach Deutschland zu bringen. Wir sind gespannt.

Canada 150: Die Radioserie

Die Canada 150-Serie geht auf Sendung.


1.
Es startet mit der Passage im Schweizer Radio SRF 2 Kultur am 16.6. von 20h-21h:

Vielfalt als Stärke
Das rote Ahornblatt aus der kanadischen Flagge, auf den Jubiläumsplakaten wird es derzeit in allen Farben des Regenbogens dargestellt: So schillernd entrollt sich im Jahr 2017 auch die Musikszene. Wer durch Kanada reist, erlebt ein Land, das sich zum 150. Geburtstag am 1.Juli Geburtstag viele Fragen nach seiner Identität und dem Umgang mit seiner Vergangenheit stellt. Musiker sind dabei die sensibelsten Seismographen der aktuellen Stimmung. Ein Rail- und Roadmovie für die Ohren zum runden Geburtstag, beginnend in einem „Train-Laboratorium“ an den Gleisen der Canadian Pacific in Montréal, über die kreativen Brüchen zwischen Franko- und Anglophonem und die bittere Geschichte der First Nations und Inuit bis hin zur experimentellen Klassik und dem Pop der Immigranten.


2.
Am 21.6. wird SWR 2 Kultur um 20h03 mit dem Thema Musik folgen:

Weltgewandt und grenzenlos
„The World needs more Canada“ heißt ein beliebter Werbespruch einer Buchladenkette, den auch schon Barack Obama aufgegriffen hat. Was können wir lernen von diesem zweitgrößten Land der Erde, das am 1. Juli seinen 150. Geburtstag feiert? Einige Antworten gibt die die Vielfalt der Musikkulturen: Die Traditionen der First Nations und Inuit treffen auf urbane Klangexperimente, die Erben von Leonard Cohen und Joni Mitchell sorgen von der Prärie bis zur Ostküste für eine lebendige Songwriter-Szene. Weltgewandter Immigranten-Pop und grenzenlose Worldmusic blüht in Toronto, Québec und die atlantischen Provinzen offenbaren sich als kreative Brutstätten.


3.
Vom 26.6. bis 30.6. gestalte ich in SWR 2 Kultur jeweils von 9h05-10h morgens in der Musikstunde eine ganze Woche zur Musikgeschichte Kanadas:
Montag: I – Terra Incognita: Die klassische Musik Kanadas zwischen europäischem Einfluss und eigenständiger Sprache
Dienstag:  II – Leonard, Joni und ihre Erben: Kanada als Folk- und Songwriter-Land par excellence
Mittwoch: III – Katajaq und Powwow, Protest und Experiment: Die Musik der First Nations und Inuit im Wandel
Donnerstag: IV – Von Akadien in die Diaspora: Franko-kanadische Glanzlichter
Freitag: V – Legenden und Migranten: Von den einstigen Rock-Ikonen zu globalen Popfarben


4.
Am 2.7. ab 23h wird Radio Globo auf NDR Info die Widmungen an Kanada mit einer weiteren Reisereportage beschließen.

So wie ich es überblicke, werden sämtliche Sendungen auch online auf den Seiten der jeweiligen Sender noch 7 Tage lang nach der Erstausstrahlung zu hören sein.

Die folgenden lieben Menschen haben mit ihrem Herz, ihrer Hilfe, ihrer Kunst und ihrem Wissen diese Reise und diese Serie in Wort und Klang möglich gemacht.

Große Dankeschöns an:

in Kanada:
Alejandra Ribera und ihre Band in Montréal und Paris – Alysha Brilla – Ana-Maria Lipoczi – Andrew Morrison – Annie Aningmiuq – Claudine Roy – Cynthia Pitsiulak – David Lavergne – Éliane Lévesque – Erik West Millette & seine West Trainz-Crew – Estelle Roy – Geneviève Toupin – Gina Brault – Jace Lasek – Jaron Freeman-Fox – Jean Massicotte – Jen Eisler – Joel Henderson – Joelle Saint-Pierre – Julie Aubé – Katrine Noël – Kevin Howes – Laurent Saulnier – Marie-Eve Bourdage – Maritza Bossé-Pelchat – Matthew Fava – Matt Holubowski – Maude Laberge Boudreau – Maxime Jarry – Nicole Lizée – Renaud Lussier – Richard Flohil – Stephen Wingfield – Trent Freeman – Trevor Mann – Vivienne Roy

in Deutschland und der Schweiz:
Andrea Samborski – Angela Gobelin – Bernard Senn – Bettina Winkler – Kerstin Unseld – Minusch Afonso – Peter Bürli – Peter Disch – Sabine Trieloff – Sebastian Bargon – Ulrich Schuwey

Besonderer Dank gilt meinem Tonmeister Manuel Braun, der mit seinen feinen Ohren aus meinen Skripts kleine Kunstwerke gemacht hat.

Viel Spaß beim Hören!

Terra Incognita: Kanadas Klassik (#14 – Canada 150)

Das Torontoer Canadian Music Centre (rechts), (Foto: Stefan Franzen)


Matthew Fava & Steve Wingfield (Ontario)
The Canadian Music Centre, Toronto


In der kommenden Woche startet auf SWR 2 Kultur meine Serie zur kanadischen Musikgeschichte. Am morgigen Montag befasst sich das erste Kapitel mit der klassischen Musik Kanadas. Seien wir ehrlich: Über Glenn Gould hinaus müssen die meisten von uns da mit weiteren Kenntnissen passen, auch mir ging das so. Deshalb habe ich im März in Toronto das Canadian Music Centre (CMC) angesteuert, eine Organisation, die seit 60 Jahren kanadische Komponisten vertritt, deren Partituren und Aufnahmen verlegt.

Zwischen den Wolkenkratzern von Downtown duckt sich eine Backsteinvilla mit verspielten Türmchen, als hätte man sie aus dem viktorianischen England importiert. Hier ist das CMC zuhause – aber verstaubter viktorianischer Geist? Fehlanzeige. Matthew Fava, der Direktor der Ontario-Abteilung des CMC und sein Kollege Steve Wingfield haben sehr zukunftsgewandte Ansichten über das kulturelle Selbstverständnis Kanadas. Im vorletzten Teil dieser Blog-Interviewserie ein Auszug aus einem zweistündigen Gespräch mit vielen unerwarteten, überraschenden Seitenpfaden und Erkenntnissen.


Matthew, Steve, was sind die Aufgaben des Canadian Music Centre? Geht es um Unterstützung aktueller Komponisten oder auch um die Pflege des Vermächtnisses von Künstlern früherer Epochen?

Matthew Fava: Viele der heutigen Aktivitäten können auf die Komponisten zurückgeführt werden, die wir in einer CD-Serie namens „Ovation“ versammelt haben. Es ist die erste Generation der Nachkriegskomponisten, mit denen das CMC immer noch eine Interaktion pflegt. Vielfach geht die Grundlage der kanadischen Komponisten dieser Epoche auf den Einfluss europäischer Komponisten zurück. Das CMC diente 30 Jahre nach seiner Gründung diesen Komponisten als Service-Organisation, wo sie ihre Werke hinterlegen konnten, und dann konnte man über sie – in einer Prä-Google-Ära – recherchieren.

Was passierte in der kanadischen Klassik vor der Zeit, die die Ovation-Serie abdeckt, im 17. – 19. Jahrhundert?

Fava: Es gibt eine Gruppe um Komponisten wie John Beckwith, Elaine Keilor und Helmut Kallmann, die ganz frühe Kompositionen ausgegraben und zu einer Collection gebündelt haben.

Steve Wingfield: Das geschah im Rahmen der von diesen Komponisten gegründeten Canadian Music Heritage Society. Allgemein ist es schwierig, aus dieser Epoche etwas zu finden. Die historische Musik Kanadas wurde in Dokumenten zwar beschrieben, aber die Geschichte ihrer Veröffentlichung beginnt erst viel später. James King, der erste Offizier des Entdeckers James Cook etwa hat beschrieben, wie Cooks Mannschaft bei der Ankunft in British Columbia End des 18. Jahrhunderts auf First Nations stieß, die der Besatzung an Bord Musik vorspielten, worauf die englischen Seeleute mit ihrer Musik erwiderten. Später publizierte Musik umfasste Märsche, Parlour Music für zuhause.

Gab es damals schon einen Einfluss aus der Native Music auf die frühen Komponisten?

Wingfield: Nein, das war völlig europäisch geprägt.

Fava: Murray Adaskin hat wohl als Erster ein Stück komponiert, in dem er sich von Field Recordings aus der heutigen autonomen Inuit-Provinz Nunavut inspirieren ließ. Dieser Kontakt zwischen Klassik und Musik der Ureinwohner setzte erst 100 Jahre nach der Staatsgründung ein, in den späten 1960ern. Heute ist das anders: Das Idle No More-Movement war ein Schmelztiegel für indigene Aktivisten und Künstler, um ihre Erfahrungen zu artikulieren und zugleich ihre Kultur. Buffy Sainte-Marie und Tanya Tagaq gewinnen jetzt den Polaris Prize und dringen im Bewusstsein bis in die Kreise der klassischen Musik vor. Als das CMC, die CBC (Canadian Broadcasting Corporation) und der Canadian Council for the Arts gegründet wurde, war man der Meinung, dass Kunst gut für uns ist und eine Rolle spielen kann, das Volk zu einen. Zugleich gab es das hierarchische Denken und man fragte sich, welche Art von Musik oder Filmen ist gut, und dabei hatte die zeitgenössische klassische Musik, die von europäischen Idiomen abgeleitet war, die oberste Priorität in dieser Hierarchie. Heute unterschreiben sehr wenige Menschen in Kanada dieses Denken. Wenn du auf die Straße gehst und die Leute fragst, was kanadische Musik ist, sagt einer vielleicht Gordon Lightfoot, jemand anders würde Tanya Tagaq sagen. Und das alles stimmt!

Gibt es also gar keinen spezifisch „kanadischen Ton“, den man sofort vom europäischen unterscheiden könnte?

Fava: Es gibt natürlich Künstler, die einen dominierenden Stil haben oder sich einer bestimmten Schule verschreiben.

Wingfield: Und besonders die Singer/Songwriter pflegen zu sagen: „Das hört sich irgendwie kanadisch an!“ Die kanadische Identität ist dieses amorphe Mysterium: Man fühlt, was sie ist, kann sie aber nicht in Worte fassen. Man fällt immer wieder darauf zurück, zu sagen, was man nicht ist. Und man ist ganz bestimmt nicht amerikanisch! (lacht) Das macht den feinen Unterschied.

Fava: Der Vorgang des Filterns und Adaptierens von populärer Musik durch die Klassik, das könnte vielleicht etwas typisch Kanadisches sein. Nimm zum Beispiel die Musik der Electropop-Künstlerin Grimes, die gerade von einer Formation namens Plumes klassisch reinterpretiert wird. Aber da die Komponisten, die diese Grenzüberschreitungen wagen, sowohl in Toronto und an der Westküste, aber auch als Kanadier in den USA leben, ist es etwas Grenzüberschreitendes und kann nicht auf ein nationales Stereotyp heruntergebrochen werden.

Diese Grenzüberschreitungen zwischen Pop und Klassik überraschen mich. Ich denke in diesem unerschrockenen Ausmaß finden sie in Deutschland nicht statt. Gestern habe ich eine Uraufführung eines Liederzyklus für Bariton vom Popsänger und -geiger Owen Pallett mit dem Toronto Symphony Orchestra gehört, in ein paar Tagen gibt es in der New Creations-Serie die nächste Premiere eines Stücks der Grenzgängerin Nicole Lizée mit dem Kronos Quartet. Ist dieses Fehlen von Vorurteilen möglicherweise verankert im musikalischen Bildungssystem?

Wingfield: Ich glaube nicht, dass es ein Fehlen von Vorurteilen gibt. Sie existieren. Was du gesehen hast, war ein Versuch zu zeigen, dass wir nicht von Vorurteilen geprägt sind. Für den Rest des Jahres gibt es solche Stücke nicht. Diese New Creations-Serie innerhalb der Mosaic Series des TSO ist eher eine Ausnahme. Owen Pallett wurde ausgewählt, damit mehr Leute in die Halle kommen. Und diese Konzerte machen sie bewusst billig, um junge Leute anzuziehen, normalerweise können sich nur die Betuchten Tickets für das TSO leisten.

Owen Pallett: Live At Massey Hall 2015
Quelle: youtube

Fava: In Toronto  gibt es schon Sphären, wo eine vorurteilsfreie Arbeitsweise und ein Kontakt zwischen den Stilen Alltag ist, in kleinen Spielstätten, die von den Künstlern selbst getragen werden. Und da mischen sich nicht nur Stile, sondern auch Generationen. Das passiert aber nicht auf Institutionsebene. Als Beispiel kann ich dir die Saxophonistin Keren NG nennen, die in Rock- und Metalbands und mit der Popsängerin Feist spielt, aber auch in der Improvisations-Szene aktiv ist. Ihre Offenheit ist vorbildlich.

Wingfield: Die meisten Komponisten, für die das CMC Dienste zur Verfügung stellt, sind akademische Musiker, in dem Sinne, dass sie durch ein Konservatoriums- oder Universitätssystem gegangen sind. Das ist bei den Musikern, von denen Matthew jetzt sprich, nicht unbedingt der Fall. Ein gewisser Standard an Ausbildung und Qualität muss da sein, wenn man Mitglied im CMC werden möchte. Die zeitgenössische Musiskszene in Toronto wird von zahlreichen kleinen Organisationen betrieben, die sich darauf spezialisiert haben, es gibt sie mindestens seit den 1970ern. Der Flötist Robert Aitken ist einer der ersten gewesen, er ist Mitbegründer von New Music Concepts. Junge Komponisten haben daraufhin Array Music gegründet, unter der Leitung des Komponisten Martin Arnold – er hat nicht die Standards durchlaufen, ist also nicht Mitglied beim CMC, entschließt sich aber ab und zu zu Berührungspunkten mit dem akademischen Musikbetrieb.

Bei meinen Recherchen zur kanadischen Musik bin ich auf einen erstaunlich hohen Prozentsatz von Komponistinnen getroffen. Das beginnt bei Jean Coulthard und zieht sich über Norma Beecroft bis zu Jocelyn Morlock. Gibt es dafür eine Erklärung?

Fava: Es gibt immer noch das Problem, das die Komponistinnen im Programm der Konzertabos zu wenig gewürdigt werden. Juliet Palmer, die sowohl herkömmliche Orchesterliteratur schreibt als auch interdisziplinär arbeitet, hat eine Untersuchung angestrengt, die darauf aufmerksam machen soll, dass  Frauen um ihren Platz in der klassischen Musikszene immer noch kämpfen müssen. Von den 75 der permanenten Lehrstühle an den Unis für Komposition sind nur drei oder vier von Frauen besetzt. Wenn sie aus dem universitären Bereich ausscheiden, sehen sie sich mit einer Benachteiligung konfrontiert, sowohl was die Aufführung ihrer Werke wie auch die Bezahlung angeht. Dass sie trotzdem existieren, liegt daran, das sie soviel Biss und soviel Kreativität anzubieten haben. Falls die Bedingungen für sie tatsächlich besser sind, wie in deiner Wahrnehmung, dann deshalb, weil sie sich mit hohem Zeitaufwand reinhängen, gegen Vorurteile angehen.

Sprechen wir von einem anderen Widerstreit: Gibt es in der klassischen Musik Kanadas ein Schisma zwischen den Anglo- und den Frankophonen?

Wingfield: Wir haben einige Erfahrungen damit als eine Organisation, die Zweigstellen im ganzen Land unterhält, Québec eingeschlossen. Die dortige Tradition des Konzertlebens und das Erbe ist sehr stark abgeleitet vom europäischen Modernismus. In Ontario dagegen begann der einflussreiche Professor John Weinzweig als Komponist im romantischen Ton, studierte dann Dodekaphonie in Rochester (USA) und kam nach Toronto zurück, um all seinen Studenten, dieses System überzustülpen. Er entschied, dass das die Zukunft der Musik sei, wie etliche damaligen Mitglieder des CMC. In Québec liegt der Fall anders, denn die französische Tradition ist ganz anders gelagert als die austro-deutsche Entwicklung. Nicht so streng tonal definiert, da waren sie nie ganz klar, sie hatten auch das Modale immer drin und die Kolorierungen – das hat einen großen Einfluss auf die Québecois ausgeübt.
Außerdem ist die akademische elektronische Musik in Québec riesig, sie nennen das „akusmatisch“, während sie im Rest Kanadas keine so große Rolle spielt. Kompositionen, die sich an die Frühzeit von Stockhausen und seiner Arbeiten für Radio Köln anlehnen, für Live-Instrumente und Tonband.

Fava: Und es wird viel in Raumklang investiert, sie nennen es „diffusion“. Es gibt dafür eine große Infrastruktur. Toronto hatte zwar das erste Studio für elektronische Musik in der Uni, doch seit diesen Tagen gab es einen kontinuierlichen Niedergang. Die elektronische Musik außerhalb des akademischen Settings dagegen boomt in Toronto.

Steve, du hast gerade über den europäischen Einfluss gesprochen. Spielte nach dem Zweiten Weltkrieg der Neoklassizimus von Strawinsky und Hindemith eine Rolle, da diese beiden ja in den USA gelehrt haben und meines Wissens etliche Kanadier angezogen haben?

Wingfield: Ich denke, dass ein großer Einfluss in dieser Zeit vor allem Nadia Boulanger war. Ein ganzes Bündel von Komponisten aus Toronto und ich denke auch anderen Landesteilen, gingen zum Studium zu ihr, auch Aaron Copland aus den USA. Sie war für ihre Disziplin bekannt, das solide Training hätten sie hier nicht bekommen, wobei sie ihren Studenten nicht zwingend einen bestimmten Stil auferlegt hat. Weinzweig hat sich in seinen Briefen z.B. immer wieder über Nadias Einfluss geäußert.

Murray Schaefer: „Listen“
Quelle: youtube

Wer unter den kanadischen Komponisten hat denn in der Nachkriegszeit den größten internationalen Bekanntheitsgrad erlangt?

Fava: Claude Vivier aus Montréal spielt da sicher eine herausragende Rolle, neben Murray Schaefer, der eher für seine theoretischen Arbeiten denn als für seine Kompositionen im Ausland bekannt ist. Ligeti hat sich für Vivier eingesetzt. Viele Leute verehren ihn, aber es gibt keine ausgesprochene Nachfolge seiner Schule. Er ist ja früh gestorben.

Als ich die Ovation-Serie durchgehört habe, bin ich immer wieder auf den Einfluss der Natur auf kanadische Kompositionen getroffen. Ich dachte, wir Deutschen seien die Romantiker in der Musik, aber ihr scheint uns zu übertreffen…

Wingfield: Das ist gut möglich, aber du sprichst hier von Kompositionen aus dem früheren 20. Jahrhundert…

Fava: Wir hatten ein Interview mit einem unseren jüngeren Professoren, Robert Rival aus Ottawa. Da bezog er sich auf ein Werk, zu dem er durch einen ruhigen Gang nach einem Schneesturm inspiriert wurde, durch die Stille, ein Kontrast zum quirligen Cityscape. Er sprach über die plötzliche Wahrnehmung der Stille im Vergleich zu den ganzen anderen Dramen, die er erlebte. Er machte dann ein Streichquintett daraus „Traces of a Silent Landscape“. Ich habe zu diesem Genre ein zwiespältiges Verhältnis. Ich will es nicht ein Fehlen von Vorstellungskraft nennen, aber das ist schon so etwas wie ein Stereotyp. Wir wollen ein kanadisches Sütck im Programm haben? Also, holen wir die Landschaft raus!

Wingfield: Für die Komponisten der zurückliegenden Ära war es ein Teil des Versuchs, eine kanadische Identität zu schaffen. Es gab auch eine Schule von Malern, The Group of Seven.

Fava: Sie malten bestimmte Bäume, von denen man gesagt hätte, die kannst du nicht schön darstellen.

Wingfield: Aber sie taten das. Heute ist das ein Klischee geworden, aber man muss anerkennen, dass sie wunderbare Arbeiten schufen. Sie gingen raus in die Natur und das wurde ein Symbol für kanadische Identität. Es gibt Kompositionen, die sich auf diese Bilder beziehen.

Fava: Heute ist die Tendenz unter Komponisten eher, dass man die tatsächliche Quelle der Inspiration für sich behält. Irgendwie musst du dem Publikum eine Rechtfertigung dafür geben, was du tust, es erklären. Und eines der Dinge, die ich an Konzeptmusik hasse, sind die Programmnotizen. Bei einem Gemälde ist es so, dass dir im Museum erlaubt wird, es einfach zu erfahren, selbst zu erkunden, da nebendran manchmal nur der Titel steht. Aber in der zeitgenössischen klassischen Musik, vielleicht in klassischer Musik generell, gibt es dieses Verlangen zu erklären. Deshalb ist es wichtig! Deshalb ist es bedeutungsvoll! Ich liebe die Magie von: „Hier ist das Stück und du wirst eine Erfahrung damit haben.“ Deshalb gibt es vielleicht so ein Übergewicht der Natur: Ich will nicht sagen, dass ein Stück dadurch zwangsläufig schwächer wird, aber du kannst den Wunsch spüren, mehr Leute durch diese Verknüpfung anzuziehen. Etwas anzubieten, dass eine sofortige, spürbare Bedeutung hat. Das ist OK, interessiert mich persönlich aber nicht sehr.

Wingfield: In Deutschland seid ihr durch diese Phase der Programmmusik ja ziemlich bald durch gewesen, wegen der verzögerten Entwicklung der Musikgeschichte in Kanada ist das bei uns noch nicht so lange her.

Vielleicht nicht die Natur, aber der Norden spielt ja immer noch eine große Rolle in den zeitgenössischen Kompositionen. Von Vince Ho gibt es zum Beispiel eine Arctic Symphony. Aber das hat nach meiner Einschätzung auch mit dem Versöhnungsprozess mit den Ureinwohnern zu tun, durch den Kanada gerade geht, mit Stücken wie Going Home Star von Christos Hatzis. Liege ich da richtig?

Wingfield: Ja, diese Teamworks sind in den letzten Jahren verstärkt aufgetreten. Die aktuellen Komponisten wollen ihren Beitrag zum Versöhnungsprozess leisten und diese Kultur anerkennen. Doch es kann manchmal auch peinlich werden. Genau wie Komponisten, die ihre aktuelle Relevanz steigern wollen, indem sie mit Turntable-Artists zusammenarbeiten. In vielen Fällen fühlt sich das nicht natürlich an. Bei Nicole Lizée etwa liegt dagegen der Fall anders: Sie ist eine Turntable-Künstlerin, die Komposition studiert hat. Andere versuchen nur, modische Elemente zu importieren.

Nicole Lizée Interview 2016
Quelle: youtube

Fava: Manche dieser Aktivitäten können peinlich sein, als Vorzeigeprojekt dienen oder gar beleidigend sein. Einige werden Bedeutung haben. Einige Menschen werden aus den Fehlern lernen, andere nicht.

Wie engagiert sich das CMC im Rahmen der Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag Kanadas?

Fava: Viele unserer Komponisten schreiben Sesquis, das sind Zwei-Minuten-Stücke für das Jubiläum, die auch von anderen Orchestern in anderen Städten auf die Bühne gebracht werden. Ich denke, es gibt Leute, die freuen sich über diese Feierlichkeiten, für andere Leute ist es eine Anerkennung der Gewalt des Kolonialismus, denn dieses Datum resultierte in neuen Ideologien und Doktrinen zur kanadischen Identität und Staatsbürgerschaft, legte fest, wer dazu gehört und wer nicht. Sie sagen: Das ist nicht etwas, was ich unbedingt feiern möchte. Ich bin froh, dass kritisch darüber gesprochen wird. Was ich beim CMC 2017 tue, ist im Prinzip das Gleiche, was ich 2016 gemacht habe: Ich investiere in Kollaborationen, Dialog, Austausch über Stile, Generationen und verschiedenste Orte hinweg – unabhängig vom Jahr. Für mich ging es in der kanadischen Musikgeschichte immer um die Mikrohistorien, die kleinen Dinge, die passieren. Dass etwas vor 40 Jahren passiert ist, was dann heute eine neue Verästelung geschaffen hat. Und vielleicht kann ich dazu beitragen, diese kleinen Geschichten zum Ausdruck zu bringen.

Wie stark ist Kanadas klassische Musik 150 Jahre nach der Staatsgründung von den Immigranten geprägt?

Wingfield: Viele der Komponisten, die das CMC vertritt, wurden nicht in Kanada geboren. Ein sehr wichtiger Punkt ist der Immigrantenfaktor. Entweder sie selbst oder ihre Eltern kamen aus einem anderen Land oder einer anderen Kultur und sie haben entweder diese Kultur mitgebracht und hier in ihr Werk integriert oder, wenn sie hier schon geboren wurden, haben sie sich für ihr Familienerbe interessiert und es integriert. Das gilt besonders für die hohe Anzahl Musiker chinesischer Herkunft.

Fava: Wir haben Komponisten aus Sri Lanka, aus Estland, aus dem Iran, die hier eine Community gebildet haben. Das problematisiert die Frage nach der kanadischen Identität noch mehr.

Wingfield: In den 1960ern gab es viele US-Immigranten, York war damals die größte US-Gemeinde außerhalb der USA und die waren sehr einflussreich für die kanadische Musikszene das Perkussionsensemble Naxos zum Beispiel. In York hatten sie Improvsation und Jazz, hatten auch einen indischen Perkussionisten, der dort lehrte. Er ist immer noch da. Sie alle haben auch heutige Komponisten beeinflusst. Die Ethnomusikologie hat ihren Weg in die Komposition gefunden. Gamelan z.B.: Colin McPhee ist in den 1930ern nach Bali gereist, um Gamelan zu notieren und für Piano zu transkribieren. Seine Abhandlung ist in Bali selbst heute noch in Gebrauch.

Es ist bekannt, dass Premierminister Justin Trudeau nach Amtsantritt das Budget für die Kultur im Staatshaushalt verdoppelt hat. Da müsste ja die klassische Musik insgesamt davon profitieren.

Wingfield: Nun ja, dazu muss man wissen, dass sein Vorgänger alles gekürzt hatte.

Fava: Es lässt sich schlecht abschätzen, wie sich das gestiegene Budget auswirken wird. Die Bedingungen für eine Bewerbung um Gelder sind vereinfacht worden für alle die außerhalb des Orchesterspektrums arbeiten. Man kann nun Reisen etc. geltend machen. Klanginstallationen und andere musikfernere Disziplinen werden nun in anderen Kategorien geführt, um sich um Unterstützung bewerben zu können. Aber Trudeau pflückt tief hängende Früchte, denn Steven Harper hat viele progressiven künstlerischen Aktivitäten dezimiert. Auch dafür, dass er eine Kommission zur Untersuchung verschwundener und ermorderter indigener Frauen eingesetzt hat, sollte man ihm nicht auf die Schulter klopfen. Das hätte schon viel früher passieren sollen, das hätte automatisch gehen sollen. Lass uns dann mal die Resultate angucken. Kanada ist großartig darin, Kommissionen einzusetzen, die dann keine Ergebnisse bringen. Aber natürlich ziehe ich Trudeau den despotischen Typen vor.
Von den offiziellen Stellen sollten keine Modelle oder Vorschriften gemacht werden, wie das Musikleben zu funktionieren hat, sondern man sollte die unabhängigen Szenen respektieren und sie machen lassen und mit Geld ausstatten, unabhängig vom kommerziellen Erfolg. Das könnte kanadische Musik künftig definieren, auch wenn das idealistisch klingt.

Matthew Fava & Steve Wingfield (Foto: Matthew Fava)

Wer jetzt noch nicht genug hat: Kanadas reichhaltige Verknüpfungen zwischen Klassik und Folk spiegeln sich beispielsweise in der Arbeit des Streichquartetts The Fretless wider. Die vier Musiker aus Vancouver Island waren im letzten Oktober in Deutschland zu Gast, wo ich sie getroffen und gehört habe. Hier lässt sich diese Begegnung nachlesen.

© Stefan Franzen

The Quartetness of the Universe

Im März konnte ich sie in Toronto bei der Weltpremiere von Nicole Lizées Stück „Black MIDI“ sehen, wo sie öfters mal die Instrumente zur Seite legten, um lustige Schwirrschläuche und elektronische Rappelkisten zu betätigen. Ein Vierteljahr später habe ich Kronos Quartet-Gründer David Harrington an der Strippe, um mit ihm über ein denkbar gegenteiliges Projekt, das neue Album Folk Songs zu sprechen.

David, wie entstand die Idee zu Folk Songs? Kam das von Kronos oder von den beteiligten Sängern?

David Harrington: Bob Hurwitz, der Präsident von Nonesuch zu jener Zeit, hatte die Idee, den 50. Geburtstag des Labels zu feiern. Ein Bestandsteil davon sollten Konzerte sein. Er wusste, dass Kronos über die Jahre hinweg mit vielen Sängerinnen und Sängern gearbeitet hatte, von Dawn Upshaw über Asha Bhosle bis zu Tom Waits und Tanya Tagaq, viele Sänger aus den verschiedensten Ecken der Welt. Für mich klang die Idee mit dem Konzert sehr verlockend, also stellte Bob uns Rhiannon Giddens, Sam Amidon, Olivia Chaney und Nathalie Merchant vor. Die Musik von Rhiannon und Natalie kannte ich schon. Über eine Arbeitsphase von mehreren Monaten dachten wir darüber nach, was die schönsten Songs wären, und als wir die Liste kürzten, überlegten wir dann, wer der Arrangeur der jeweiligen Melodie werden sollte, wer am besten unsere Möglichkeiten in die Arbeit der jeweiligen Sänger übersetzen könnte.

Ihr arbeitet mit drei amerikanischen Sängern aber auch einer Engländerin, und die Stücke sind sowohl aus den Staaten als auch von den Britischen Inseln. Wolltet ihr damit die emigrationsbedingte musikalische Brücke zeigen?

Harrington: Darauf wurde kürzlich hingewiesen. Aber für mich war das kein bewusster Prozess. Mir ging es einfach darum, großartige Songs zu finden. Songs, die sich fürs Quartett richtig anfühlen. Das ist eine tolle Sache bei Sängern: Sie wissen immer, was für sie natürlich ist. Wenn du dein Instrument die ganze Zeit mit dir, in deinem Körper herumträgst, dann weißt du das. Ich habe mich bei der Auswahl also ganz auf die Sänger verlassen.

Ist es für euch eine Art Heimkehr, nach über 40 Jahren Tourneen auf der ganzen Welt und im Repertoire anderer Völker?

Harrington: Ich fühle mich mit jeder Musik, die wir spielen, zuhause. Wenn wir ein Konzert mit Musik von Omar Souleyman eröffnen, dann würde ich gerne bei einer syrischen Hochzeit sein, wenn wir Musik der indischen Geigerin N. Rajam spielen, dann möchte ich so viel über diese Musik und Kultur lernen wie möglich, obwohl ich noch nie physisch in Indien war. Es ist immer wieder überraschend, wie eng miteinander verbunden die Dinge tatsächlich sind, wie du die Ähnlichkeiten entdecken kannst. Ich würde einfach sagen, dass ich mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede zwischen den Kulturen finde, je mehr ich ins Detail gehe. Und Musik ist für mich eine Gelegenheit, die Zahl der Orte zu erhöhen, die ich mein Zuhause nennen kann.

Diese Album ist auffällig um die Zahl vier herum strukturiert. Ihr seid vier Instrumentalisten, habt vier Sänger eingeladen, die Tracklist besteht aus zweimal vier Stücken, mit einem Interludium in der Mitte…

Harrington: Die „Quartetness” des Universums ist wichtig für uns. Ich wünschte, ich könnte dir sagen, dass das geplant war! Aber andererseits, ob es wirklich Zufall war: Wer weiß das schon? Ich bin mir da nicht sicher.

Im Gegensatz zu vielen anderen Kronos-Aufnahmen gibt es hier keine virtuosen Stellen, ihr verwendet auch keine seltsamen Instrumente wie Gravity Tubes oder Schwirrschläuche, nehmt euch sehr zurück, spielt in manchen Stücken nur Bordune. Wollt ihr die introspektive, die spirituelle Seite der Folkmusik zeigen?

Harrington: Wir wollten uns auf jede individuelle Stimme einlassen, uns in ihren Dienst und in den des Songs tellen, nicht im Weg stehen. Einfach da sein und ein komfortables Heim für jeden Songs bereiten. Wir hatten nicht das Bedürfnis, die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken.

Es gibt ein einziges Instrumental, „Last Kind Words“, im Original von der Bluessängerin Geeshie Wiley. Wie hast du auf der Geige diesen unheimlichen, verstimmten Effekt hinbekommen?

Harrington: Es ist tatsächlich ein komplett anderes Instrument, das anders gestimmt ist. Diese Geige hat zwei A-Saiten und zwei D-Saiten. Jeder Pitch wird als Quinte gespielt, und dann spiele ich mit dem Pitch, um diesen Effekt zu kreieren, der sich “verstimmt” anhört. Dasselbe Instrument verwende ich bei einem Omar Souleyman-Stück, außerdem bei unserer Version von Gershwins “Summertime”, die wir durch die Linse von Janis Joplin reflektieren.

Es gibt ein französisches Stück, namens „Montaigne , que tu es haute“, kommt das aus der Rhône-Alpes Region? Das sagt zumindest meine Recherche.

Harrington: Ich bin nicht sicher, wo es herkommt. Ich kann nur sagen, dass ich es liebe und auch, wie  Olivia dieses Lied singt. Sie hat es mitgebracht, es ist ihre ganz eigene Art, das Stück anzugehen, und Jacob hat mit ihr intensiv an einem speziellen Arrangement gearbeitet.

Eines eurer Mitglieder ist ziemlich neu dabei, Sunny Yang, sie spielt seit 2013 auf der Position des Cellos. Wie hat sie den Sound von Kronos verändert?

Harrington: Wir fühlen uns auf jeden Fall erfrischt und erneuert. Sunny bringt ein unglaubliches Gespür für Musik und Rhythmus und Sound und Stil ins Kronos Quartet hinein. Wir lernen sicherlich genauso viel von ihr wie sie von uns. Es fühlt sich sehr natürlich an.

Heutzutage kann man beobachten, wie sich Folkmusiker immer öfter an die Klassik annähern und umgekehrt. Denkt ihr, dass ihr durch eure Pionierarbeit, das Streichquartett von stilistischen Festlegungen zu emanzipieren, dazu beigetragen habt?

Harrington: Ja, in dem Maße, wie unsere Arbeit das Werk anderer Musiker beeinflusst hat. Darauf sind wir sehr stolz. Musik bedeutet immer eine Möglichkeit von Variationen. Jemand hört etwas, mag es, und will es dann selbst versuchen. Geh mal auf unsere Website und schau dir die Sektion über “Fifty For The Future” an, zum Beispiel Rhiannons Stück, das sie für uns geschrieben hat. Wir haben jetzt Stücke von 15 Komponisten gesammelt und Quartette aus 50 Ländern haben Stücke heruntergeladen um sie zu spielen. Kronos hat Stücke bei allen Arten von Komponisten in Auftrag gegeben, nicht nur im Rahmen dieses Projekts, und die werden in Konzertprogrammen anderer Gruppen aufgeführt, da sind wir sehr stolz drauf. Es müssten bis heute ca. 300 unserer Stücke sein, die über die ganze Welt verteilt gespielt werden.

Ihr globalisiert die Literatur des Streichquartetts, dazu auch noch mit kostenlosen Partituren!

Harrington: Ja, denn wir sind daran interessiert, diese Musik unter die Leute zu bringen. Tag und Nacht!

Nach all den Erfahrungen, die du innerhalb des Quartetts gemacht hat, wie würdest du seine Essenz beschreiben. ist es immer noch die „Unterhaltung von vier vernünftigen Leuten“, wie Goethe seienerzeit sagte?

Harrington: Es ist ein ganz wunderbarer Zugang zum Leben, den ich entdeckt habe. Es ist wie eine kleine Familie. Die anderen drei sind im Nebenzimmer und warten darauf, dass wir mit einer Probe beginnen können. Und ich brenne darauf, ihnen etwas vorzustellen, was ich gestern Abend gehört habe. Es fühlt sich wie “wir und den Rest der Welt”. Wir stellen uns der Welt der Musik, saugen alles auf, was wir wunderbar finden, und wir versuchen, unsere Zuhörer zu einer aktiven Entdeckungsreise zu ermuntern, ihnen zu zeigen, wie die Musik allein das Denken verjüngen kann, es uns erlaubt, neue Dinge über die anderen Menschen herauszufinden. Mit John, Hank und Sunny jeden Tag spielen zu dürfen ist eines der größten Vergnügen. Ich genieße es heute mehr als ich es in meinem ganzen Leben getan habe.

© Stefan Franzen

Kronos Quartet feat. Rhiannon Giddens: „Lullaby“
Quelle: youtube

Elza 80

Foto: Stéphane Munnier

Wenn es um den Samba der Neuzeit geht, ist sie seine bekannteste Kultfigur – und heute wird sie 80 Jahre. Seit Anfang der 1960er dominiert Elza Soares das Genre mit ihrer fruchtigen bis grollenden Stimme, Ausflüge in Funk und die elektronische Musik inklusive. Wie so viele der großen brasilianischen Interpreten wächst auch sie in Armut auf, in Rios Favela Água Santa. Schon mit zwölf heiratet sie zum ersten Mal, mit sechzehn gewinnt sie einen Gesangswettbewerb des Komponisten Ary Barroso („Aquarelas Do Brasil“). Schlager und Musicals bestimmen ihre 1950er, der Durchbruch gelingt ihr, als Plattenchef Aloysio De Oliveira sie für Odeon unter Vertrag nimmt.

1961 stellt sie ihren frühen Meilenstein  A Bossa Negra vor, singt im Folgejahr anlässlich der Fußball-WM in Chile an der Seite von Louis Armstrong. Eine folgenschwere Reise, denn dort lernt sie den Ballkünstler Garrincha kennen, mit dem sie eine turbulente Ehe führen wird. Während die Bossa Nova wieder auf dem Rückmarsch ist, fahren die Brasilianer auf Elzas Samba-Platten ab, besonders ihre Duette mit Miltinho werden in den späten Sechzigern Hits. Nach drei Jahren in Rom läutet sie 1972 in der Heimat eine neue, Funk-orientierte Phase mit Elza Pede Passagem ein. Alkoholismus und der Verlust ihrer Popularität zeichnen sie, doch in den 1980ern sorgen eigene TV-Shows für neue Präsenz.

Musikalisch macht sie erst wieder 1997 von sich reden: Trajetória, unter anderem mit Chico Buarque, bringt ihr Kritikerlob ein, und mit Do Cóccix Até O Pescoço schafft sie den Anschluss an die neue Hörergeneration, Gäste sind Carlinhos Brown und Seu Jorge. Mit nahezu 80 Jahren zeigt sie sich trotz gesundheitlicher Probleme als Unverwüstliche: Auf A Mulher Do Fim Do Mundo schreitet sie tief ins Reich experimenteller Klänge hinein, die engagierte Texte über Transsexualität und häusliche Gewalt transportieren. Zum Geburtstag aber ein kleines Schmankerl aus ihrer frühen Blüte.

Elza Soares: „O Neguinho E A Senhorina“
Quelle: youtube

Neue alpine Seele

Alma
Oeo
(col legno / Harmonia Mundi)

Die Musik der Alpen hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten immer mehr zur Welt hin geöffnet. Man spricht in Österreich und der Schweiz, in Südtirol und Bayern von einer „Neuen Volksmusik“, die mit den alten Klischees vom Schuhplatteln und Jodeln nichts mehr zu tun und stattdessen einen jungen, frischen, kosmopolitischen Anstrich hat. Ihre Wurzeln baut diese Generation aber dennoch raffiniert in die neuen Klangwelten ein. Dass das neue Werk des Ensembles Alma Oeo heißt, also einen Jodel-Laut aufgreift, ist mit seinem Bezug zum Alten völlig natürlich. Das Quintett, vier Frauen an Gesang, Geigen, Akkordeon und Kontrabass, sowie ein Mann an der Geige, stellt neben dem Blechblas-Septett Federspiel die Speerspitze der österreichischen Alpen-Avantgarde.

Eine erdige Polka, skandinavisch angehaucht, bekommt urplötzlich einen bluesigen Anstrich. In dichtem harmonischen Satz kreist ein Sommerwalzer, und ein Ländler aus dem Salzkammergut klingt wie ein erhabener Hymnus. Experimentell, ohne Scheuklappen vor der stimmlichen Reibung und der kratzenden Fiedel wird das Titelstück zum fernen, von Jazz aufgeladenen Gruß an vergangene Jodelvokabeln. Bei einem Ausflug ins süditalienische Apulien verbindet sich Liebesschmerz mit archaisch anmutendem Trauergesang. Und in ihrer Widmung an Anton Bruckner knüpfen die fünf Musiker Volkston an sakrale Innigkeit, ebenso wie sich das meditative Wehen des Akkordeons in „Tranquilla“ mit einer zackig-swingenden Sequenz abwechselt, in der die Violine aufschreit. Einen kleinen Einblick ins Paradies gewährt das finale Stück mit dem wunderbaren Titel „Renate grüßt das Universum“, inklusive versteckter Anleihen bei der Country- und Minimal-Musik. Das alles hat neben dem Innovationswillen vor allem viel Herzblut – und viel „Seele“, was ja die eigentliche Bedeutung des beliebten Frauennamens aus dem Alpenland ist.

Alma: „Questa Mattina“ (live)
Quelle: youtube

Wall Of Sound der Wildnis (#13 – Canada 150)

The Besnard Lakes (Saskatchewan)
aktuelle Alben: The Besnard Lakes Are The Divine Wind (EP) /
A Coliseum Complex Museum (beide: Jagjaguwar)


Kanadas Rockmusik ist in meiner Serie bislang etwas kurz gekommen. Vielleicht liegt das daran, dass ich ein wenig Vorbehalte habe, ist man doch als Kind der 70er und 80er durch Leute wie Bryan Adams oder Alanis Morissette nicht optimal vorgeprägt. Doch jenseits des Mainstreams ist die Rockszene des Ahorn-Landes spannend, vielfältig, untergründig, psychedelisch, sphärisch – ein bisschen von alldem findet sich im Sound der Besnard Lakes um das Ehepaar Jace Lasek und Olga Goreas, die in Montréal wirken, aber ihre tiefen Wurzeln in der Einsamkeit von Saskatchewan haben. Mit Lasek habe ich mich bereits im letzten Sommer, vor meiner Kanadareise unterhalten.

Jace, ihr habt die Band nach einem See benannt, und wenn man eure Cover anschaut, könnte man vermuten, dass die Natur euch eine sehr große Inspirationsquelle liefert.

Jace Lasek: 80 bis 90 Prozent unserer Bevölkerung sitzen ja an der kanadisch-amerikanischen Grenze, und der Rest ist einfach Wald und Wildnis. Wir haben unheimlich viel offene Landschaft, das macht es leicht, campen zu gehen. Zum Besnard Lake gehen meine Frau und ich seit 20, 25 Jahren immer wieder hin. Er hat etwas Besonderes, wie jeder Ort, an dem du den Zugang zu Kommunikationsmöglichkeiten verlierst. Es ist sehr abgelegen, du bekommst das Gefühl, dass du dort der einzige Mensch bist. Ich kann da wirklich vom Montréaler Alltag abschalten, wo ich lebe und Platten produziere. Es ist eine so schöne Landschaft, sie inspiriert mich. Wir nehmen manchmal Gitarren mit und schreiben, meistens aber gehen wir dahin, um einfach nichts zu tun und uns zu re-setten, was für jeden Menschen wichtig ist. Weiterlesen

Spaced Out Dalston


Heliocentrics
A World Of Masks
(Soundway/Indigo)

2014 konnte ich Heliocentrics-Bassist Jake Ferguson in Dalston, Nordlondon zum Interview treffen, damals kündigte er dieses Album bereits an. Die Heliocentrics, diese grandiosen Klangarchitekten der soulig-funkigen Psychedelik haben ja bereits mit etlichen großen Männerstimmen von Orlando Julius bis Melvin van Peebles gearbeitet. Dass auf Albenlänge eine Frau in den Nukleus ihrer Arbeit rückt, ist Premiere. Über die Slowakin Barbara Petkova weiß man nicht viel, muss man auch nicht, denn auch so entfaltet sie ihre Vokalmagie auf A World Of Masks. Ihre Stimme ist nie direkt und filterlos aufgenommen, sie trifft patinabesetzt aufs Ohr wie aus einer anderen Ära, klingt mal nach orientalischer Klagefrau oder schnurrender Soul-Katze, nach lasziver Jazzlady, sogar nach verträumter Folk-Elfe mit Schlafzimmerblick.

In der typisch heliozentrischen Hörlandschaft blühen die verschiedensten Kräuter, die mal nach durchgeknallter, beschwipster Marching Band aus New Orleans klingen, an anderer Stelle nach den kosmischen Free Jazz-Attacken eines Sun Ra, dann wie aus einem SciFi-Soundtrack der 1960er hinaufsteigen, oder wiederum Reminiszenzen an „Tomorrow Never Knows“ von den Beatles aufkommen lassen. Exotische Flöten, dreckige Stromgitarren, unheimlich grunzende Bassklarinetten, gurgelnde Lamellophone, verhallte Pianoakkorde, zischende Drum-Fills und ostinate Riffs auf eigenartigen Bassinstrumenten sind nur einige Bestandteile, die diese fantastischen Klanggärten bauen. Zwischen Stimme und instrumentalem Geschehen entsteht so eine unglaublich dichte Dramaturgie. Ein weiteres Kultwerk der Männer aus Dalston, die hier einen weiblichen Spannungspol gefunden haben – es bleibt zu hoffen, dass „Babs“, wie die Jungs sie liebevoll nennen, den Heliozentrischen länger erhalten bleiben wird.

Heliocentrics: „Made Of The Sun“
Quelle: youtube

Pazifisch-arabisches Powerhouse

Haram (British Columbia)
aktuelles Album: Her Eyes Illuminate (Songlines Recordings)

Gegen Ende meiner Canada 150-Serie schiebe ich außer Plan ein Sonderkapitel ein – aus freudigem und aktuellem Anlass: Das Tentett Haram um den Oud-Spieler Gordon Grdina wird in wenigen Tagen in Basel im Parterre gastieren.

Wer den außergewöhnlichen Songwriter Dan Mangan kennt, der ist auch schon mit zwei Namen vertraut, die in den Reihen dieses Kollektivs aus Vancouver Island wirken. Bandleader Gordon Grdina ist ein Weggefährte Mangans und steht hier mit seiner irakischen Oud im Zentrum der Arrangements, Drummer Kenton Loewen spielt ebenso in Mangans Reihen. Die Violinen-Position ist prominent besetzt: Jesse Zubot ist für seine experimentellen Bogenführungen bei der Inuit-Avantgardistin Tanya Tagaq bekannt und berüchtigt.

Experiment wird auch bei Haram großgeschrieben, auf der anderen Seite sind sie tief in einer Tradition verankert. Doch da es in British Columbia wenig eigene Wurzeln gibt, auf die man zurückgreifen könnte, wie schon Jaron Freeman-Fox im Rahmen dieser Serie bekräftigte, treten Haram eine ungewöhnliche Flucht nach außen an: Im Zentrum stehen ihre Versionen von Stücken der populären arabischen Musik vergangener Jahrzehnte: Sie greifen Kompositionen des Libanesen Ziad Al-Rahbani, des ottomanischen Komponisten Cemil Bey oder des syrischen Gesangsstars Farid El Attrache auf, bauen sie zu gewaltigen Kollektiv-Improvisationen aus.

Für vokale Festigkeit in der arabischen Welt sorgt der Sänger Emad Armoush, der den Folk des Nahen Ostens und die klassische Musik verklammert. Mitunter bekommen die arabischen Klangtableaus Farben aus dem Free Jazz der experimentellen Szene Vancouvers und die Energie von ungestümem Rock. Oum Kalthoum ist an Kanadas Westküste angekommen – wohl selten lagen Mittelmeer und Pazifik näher beieinander.

© Stefan Franzen

Haram live:
Parterre Basel, 15.6., veranstaltet von Eclipse Concerts

Haram In Studio
Quelle: youtube

Von der Karibik nach Québec (#12 – Canada 150)


Maritza (Québec)
aktuelles Album: Libérons-Nous (Ste-4 musique)


Maritza Bossé-Pelchats Geschichte spiegelt Kanadas multikulturelle Struktur wider: Sie stammt aus der Donimikanischen Republik und wurde von einer Familie bei Québec Ville adoptiert. Dort ist sie auch aufgewachsen und hat ihre ersten musikalischen Schritte gemacht. Maritza konnte ich vor dem Release-Konzert ihres neuen Albums
Libérons-Nous im prächtig-plüschigen Cabaret Lion D’Or beim Montréal en lumière-Festival zu einem kurzen Gespräch treffen.

Maritza, kannst du deine frühen musikalischen Einflüsse skizzieren?

Maritza: Ich wuchs in L’Ancienne-Lorette auf, das ist bei Québec Ville. Meine erste große Liebe war das Tanzen, aber ich war in einem Schulchor, einfach zum Spaß. Am meisten Spaß machte es mir aber, Choreographien zu erfinden und Shows in meiner Schule zu organisieren. Zu der Zeit hatte ich noch überhaupt keine Ambitionen, Musikerin zu werden, ich hatte auch keine musikalische Ausbildung. Aber die Musik hatte schon eine große Wirkung auf mich, denn ich war sehr introvertiert. Musik half mir, weinen zu können. Ich hörte viel Janis Joplin, ihr „Cry Baby“, Tracy Chapman, hatte auch eine Countryphase, in der ich Johnny Cash hörte…

…aber der war kein Gesangsvorbild für dich….

Maritza:…nein! Außerdem Whitney Houston und Maria Carey, und ich ahmte sie ein bisschen nach, diese 80er-Stimmen, ohne dabei daran zu denken, selbst Musikerin zu werden. Weiterlesen