Side tracks #23: Eisenrösser im Eisland

Högni
Two Trains
(Erased Tapes/Indigo)

Vielleicht gehört das eher zu den Randnotizen der globalen Eisenbahngeschichte: Island hatte vor 100 Jahren mal 2,5 Kilometer Schienennetz. Für den Musiker Högni allerdings, Island-Aficionados bekannt von den Indierock-Bands Gus Gus und Hjaltalín, ist das ein ganz zentrales Kapitel seiner aktuellen Karriere.

Die beiden Lokomotiven Minør und Pionér, die heute noch in Reykjavik zu sehen sind, haben 1913-17 Stein und Kies für den Bau des Hafens transportiert, nach kurzer Zeit aber wurden sie schon wieder ausrangiert. Die beiden Stahlrösser, so sagt Högni, seien für ihn Sinnbild seines Lebens geworden, während einer Phase, in der er unterschiedliche Persönlichkeiten in sich toben fühlte.

Minør im Hafen von Reykjavik, Foto: Manfed E. Fritsche

Die Musik auf Two Trains wird auch durch einen soundtechnischen Zweikampf faszinierend: auf der einen Seite die machtvollen, aber auch fast zärtlichen Männerchöre, die auf die lebendige Chortradition der Insel zurückgehen, auf der anderen lauern elektronische Rhythmen, die auf die Industrie-Ära während des Ersten Weltkriegs Bezug nehmen – jene Zeit, in der Minør und Pionér ihre Arbeit am Hafen verrichteten.

Högni: „Komdu Með“
Quelle: youtube

Erinnerungen an Rio


Anlässlich ihrer kommenden Konzerte im Bird’s Eye Basel (13.+14.10.) und im Jazzhaus Freiburg (15.10.) veröffentliche ich an dieser Stelle nochmals mein Porträt von Viviane de Farias, das im März in der Badischen Zeitung abgedruckt wurde.

„Das brasilianische Ideal des Gesangs ist, dass du so sprichst wie du singst“, sagt Viviane de Farias. „Meine Stimmführung muss die Schönheit der Linie, des Klanges, der Phrasierung haben.“ Vielleicht ist es dieses Bekenntnis, dass ihre Stimme unter den in Deutschland lebenden brasilianischen Vokalistinnen so einzigartig macht. Viviane de Farias kam einst aus Rio de Janeiro nach Karlsruhe und bereichert seit zwei Jahrzehnten die hiesige Szene mit ihrer außergewöhnlichen Arbeit. Denn sie hängt sich weder an Bossa Nova oder Samba, sondern hat einen individuellen Stil entwickelt, in dem Einflüsse aus ihrem klassischen Operntraining und vor allem aus dem Vokabular eines komplexen Brasil-Jazz deutlich hörbar werden.

Verantwortlich dafür ist auch die befeuernde Arbeit ihres Quintetts unter der Leitung des Brasil-verrückten Gitarristen Paulo Morello, der ihr zu ihren Texten die Kompositionen auf den Leib schneidert. Der Regensburger brach zusammen mit dem Flötisten Kim Barth schon vor fünfzehn Jahren nach Rio auf, die beiden tourten mit Bossa-Legenden wie Pery Ribeiro und Johnny Alf, sind jenseits des Atlantiks anerkannte Brasil-Experten. Auf Farias‘ neuem Werk Vivi regieren viele brasilianische Rhythmen von Partido Alto bis Baião, es gibt Anspielungen auf ihr Idol Maurice Ravel in einem strauchelnden Walzer und eine grandiose Hommage an Hermeto Pascoals „Ginga Carioca“. „Ich höre in diesem Stück die Gewalt und die Korruption, die Kanten von Rio, auf der anderen Seite die Schönheit der Stadt mit den Hügeln, dem atlantischen Regenwald, die Lagune von Ipanema, die Strände.

„Ich musste einfach einen Text dazu schreiben“, bekennt de Farias, die den verrückten Multi-Instrumentalisten Pascoal in jungen Jahren zufällig im Flugzeug traf. „Er hat mir damals über den Wolken spontan eine Gesangslinie auf ein Blatt Papier geschrieben, das ich leider verloren habe“, bedauert sie. Vivi ist voll von solchen Anekdoten aus der Vergangenheit, von denen viele auf ihre Kindheit und Jugend in der Cidade Maravilhosa am Zuckerhut verweisen. Zum Beispiel die ruhige Widmung „Domingo“, eine Erinnerung an die Nachmittage mit den „Goal“-Schreien im Transistrorradio und dem Lärm der Zikaden. „Quero Cantar“ ist eine unverhohlene Widmung an den Karneval und den Samba, der gerade 100 Jahre alt wird, doch sämtliche Klischees werden mit einer hibbeligen Melodieführung im Bebop-Stil geschickt umgangen.

Ein weiterer Meisterstreich ist das „Soneto Da Boneca Apática“, geschrieben in einem Moment der Starre und Ermüdung: Hier lebt sie ihr ganzes vokales Spektrum von Sprech- bis Operngesang aus, unterfüttert von den raffinierten Querrhythmen ihres Partners Mauro Martins an den Drums. Schließlich lauert noch eine dicke Überraschung auf Vivi: Der Posaunist Raul de Souza steuert ein wunderbares Solo im Stück „Luminosa“ bei, er ist eine echte Legende: „Raul hat mit allen Brasilianern gespielt, später mit Duke Ellington und Herbie Hancock. Er ist jetzt über 80 und immer noch fit. Wenn du zuhörst, wie er improvisiert und phrasiert, sein Zeitgefühl, dann ist das eine große Schule“, schwärmt de Farias.

Apropos Zeit: „Die Zeit als Thema – das ist die Klammer, die das Album durchzieht, ohne dass ich das wollte“, sagt sie. Am schönsten kristallisiert sich das in „Aéroporto“ heraus: Eine wahre Zeitreise zwischen den Himmelskörpern, in der sich eine weitere Erinnerung verbirgt – an die Tage, als sie der inzwischen erwachsenen Tochter Schlaflieder vorsang. „Vivi“ ist nicht nur die Koseform für Viviane, es heißt übersetzt auch „ich habe gelebt“. Und so umspannt dieses ganz besondere brasilianisch-deutsche Co-Projekt bewegte Jahre aus dem bisherigen Leben der Sängerin und übersetzt diese Rückschau in eine frische Sprache ohne melancholische Wehmut. Unterdessen hat Viviane de Farias schon neue Pläne zwischen den Kontinenten: Ihre brasilianischen Wurzeln wird sie demnächst mit den orchestralen Klängen des WDR-Sinfonieorchester vereinen.

© Stefan Franzen

Viviane de Farias feat. Morello & Barth:
Vivi (In & Out Records/in-akustik) – album snippets
Quelle: youtube

Libanon I: Taxi durch Beirut


2015 habe ich an dieser Stelle einige neue arabische Frauenstimmen vorgestellt, darunter die Libanesin Tania Saleh – von ihr wird es demnächst ein neues Werk geben. Zu erkunden gibt es aktuell auch ihre Landsfrau Yasmine Hamdan. Ihr Nährboden war das Electro-Duo Soap Kills, vor 4 Jahren machte sie sich dann selbständig und hatte einen Auftritt im Jim Jarmusch-Film „Only Lovers Left Alive“. Das brachte ihr weltweite Aufmerksamkeit ein. Hamdan ist die einzige arabische Sängerin, die auch für ein internationales Publikum auf Arabisch singt. Ihr aktuelles, zweites Album Al Jamilat beschäftigt sich mit den Lebensbedingungen in einem Staat, der von Korruption und politischer Bigotterie geprägt ist. Es verleiht den Taxifahrern Beiruts eine Stimme, die die beißenden sozialen Kommentatoren des Libanon sind, und Yasmine Hamdan entwirft dabei ebenso starke, rebellische Frauengestalten, wie im unten zu sehenden Clip „Balad“. Die Musik dazu: arabesk angehauchter, atmosphörischer Indie-Pop, stellenweise sogar folkig, unter anderem von Musikern und Produzenten aus dem Umfeld von Depeche Mode, Brian Eno und Sonic Youth umgesetzt.

Yasmine Hamdan ist live zu erleben:
12.10. Kaserne, Basel/CH
13.10. Moods, Zürich/CH
17.10. La Laiterie, Strasbourg/F
28. + 29.11. Berghain, Berlin

Yasmine Hamdan: „Balad“
Quelle: youtube

Paddy Bush II: Schmuse-Instrumente und ein Phönix

                                              Paddy Bush nach dem Vortrag in Aarau, Foto: Stefan Franzen

Die Schlusstakte von „The Red Shoes“ verklingen, Paddy beantwortet ein paar Fragen und ich blicke unruhig auf meine Uhr. Er sei etwas müde, denn um in die Schweiz zu kommen, war er sehr früh aufgestanden, hat man uns am Anfang schon gesagt. Zudem hat er deutlich die vorgesehene Zeit seines Vortrags überschritten. Im Geiste schreibe ich das versprochene Interview schon ab, oder stelle mich darauf ein, dass ich mich mit einem Viertelstündchen begnügen muss.

Doch nach etlichen Handshakes und Selfies mit den Gästen stellt mich Eva Keller ihm vor, und er setzt überhaupt keine zeitliche Begrenzung. Er hat nur eine Bitte: Eine Tasse Tee möchte er gerne haben. Und so sitzen wir in gemütlichen Ledersesseln in einem hohen Raum mit einem bemalten Fries unter der Decke und starten. Vielmehr: Paddy startet, denn wie sich schnell herausstellt, kann man diesen unvergleichlichen Geschichtenerzähler wenig lenken und erst recht nicht stoppen. Aus dem befürchteten Viertelstündchen werden sagenhafte 70 Minuten, während derer ich meinen Fragezettel bald wegwerfe und einfach zuhöre.

Wie wir auf das Eingangsthema kommen, ist mir im Nachhinein schleierhaft: Weit holt Paddy aus über die Unterschiede des Musizierens zwischen den 1920ern und 1960ern. Die Uilleann pipes, der irische Dudelsack und die sardischen Launeddas klängen auf alten Aufnahmen sehr kantig, Staccato-haft, sagt er, in den Sechzigern sei dann plötzlich ein Flow in die traditionelle Musik hineingekommen, an vielen Orten der Welt unabhängig voneinander. Ein Bewusstseinssprung, wie mit den Affen, die Kartoffeln waschen, werfe ich ein. Ja, oder wie mit den Schafen in Wales, die gemerkt haben, dass sie über das cattle grid rollen können und dann in die Gärten der Nachbarn eingedrungen sind, um sie zu verwüsten, meint Paddy. Das wird ein lustiges Gespräch, denke ich mir. Und nutze eine Sekunde, in der er am Tee nippt , um ihn zu fragen, wie er denn ursprünglich zur Musik gekommen ist.

Bush: Auf der Seite meiner Mutter gab es viele traditionelle Musiker aus Irland. Mein Großvater war auch ein Instrumentenbauer. Sie waren arm, um also Zugang zu bestimmten Dingen zu bekommen, mussten sie sie selbst herstellen. Und ich vertrete die gleiche Sichtweise: Einige Dinge, an die du nicht rankommst, musst du dir eben selbst bauen.

Keltische Musik war also der Startpunkt für dich?

Bush: Es war das Folkrevival der 1960er, das für mich den Ausgangspunkt bildete. Ich machte meine erste Feldaufnahme von traditioneller englischer Tanzmusik als ich dreizehn war. Ich hatte ein Tonbandgerät, das unglaublich viele Batterien verbrauchte, aber Aufnahmen von fantastischer Qualität machte. Das war noch das Zeitalter vor den Kassettenrekordern. Ich habe traditionelle Musik immer geliebt und hatte immer eine sehr fixierte Sicht auf Musik als die einzig wahre Religion. Aber es kamen eben immer wieder Dinge vorbei, die meinen Glauben komplett zerstört haben. Weiterlesen

Paddy Bush I: Ein Zither-Gott und königliches Theater

Paddy Bush
„The Beauty & Complexity of Malagasy Music“

Forum Schlossplatz Aarau, 21.09.2017

Bis in die letzte Stuhlreihe ist der kleine Saal im Forum Schlossplatz besetzt. Als ein „Ort der Reflexion und Debatte“ stellt sich die seit 1994 im schweizerischen Aarau bestehende Einrichtung dar. Das Publikum soll hier “zur Auseinandersetzung mit kulturellen und gesellschaftlichen Fragen der Gegenwart“ angeregt werden. Dafür haben die Macher aber auch wirklich eine schöne Stätte gefunden: eine Villa, die hoch über der Aare thront, am Eingang zur Altstadt der Aargau-Metropole mit ihren trutzigen Häusern. Was hier gleich passieren wird, darauf weisen in diesem schönen Saal mit seinen knarrenden Dielenböden und dem Kronleuchter zwei Dinge hin: Vorne, auf einem kleinen Podest, ruht ein länglicher Metallkasten mit Saiten, den man als Experte vielleicht als die Zither Marovany erkennt. Und an der Wand ist eine kleine Karte von Madagaskar festgepinnt.

Von hinten erschallt ein „Good Evening“ und ein Mann mit grauem Wuschelkopf nimmt im Schneidersitz an der Marovany Platz. Im nächsten Moment ist der Raum erfüllt von filigranen Tongirlanden, die nicht nur Weltmusikfreaks bekannt vorkommen. Auf Kate Bushs Alben The Sensual World und The Red Shoes kann man solche auch entdecken. Kein Wunder, denn besagter Herr mit dem grauen Wuschel und dem fast zarten Lächeln ist ihr Bruderherz Paddy Bush. Klar, er hat sich schon ein wenig verändert, seit er in der Fernsehfassung des Songs „The Wedding List“ den Bösewicht spielte oder auf den Werbefotos für The Red Shoes posierte, doch man erkennt ihn sofort. Was um Himmels willen tut er mitten in der Schweiz? Die Antwort ist denkbar einfach: Er möchte Begeisterung wecken für seine größte Leidenschaft seit Jahrzehnten, die Musik Madagaskars. Weiterlesen

(he)artstrings #20: Symphonische Wetter-Ode


Mr. Blue Sky“ (Jeff Lynne)
aus: Electric Light Orchestra – Out Of The Blue (1977)

Heute wird nicht nur das Album Out Of The Blue des Electric Light Orchestras auf den Tag genau 40 Jahre jung, auch dieser Blog feiert seinen 3. Geburtstag. Die unvergleichliche Truppe um Mastermind Jeff Lynne zum Jahrestag hier zu platzieren, passt umso besser, als ich diesen Blog 2014 u.a. mit der Besprechung des Konzerts im Hyde Park gestartet habe.

Ich weiß nicht, ob mich irgendein Stück Popmusik als 1Neunjähriger mehr begeistert hat als „Mr. Blue Sky“. Es kam wohl erstmals als blau-transparente Vinylsingle meiner nur wenig älteren Tante zu mir, und es beherrschte Anfang 1978 über Wochen die Hitparaden. Für einen Jungen, der vom Elternhaus mit Klassik geprägt wurde, selbst Geige spielte und trotzdem in seinem Jugendzimmer das Ohr an den aktuellen Hits aus UK hatte, gab es wohl keine idealere Stilkombination.

Die Ode an den blauen Himmel, die als Finale des viersätzigen „Concerto For A Rainy Day“ gesetzt war, ist einer der größten Meisterstreiche von Mr. Lynne, mit einer triumphalen Melodie, einem pointierten, bluesig angehauchten E-Gitarren-Soli und einer gewaltigen symphonischen und choralen Schlussformel mit Anklängen von Barock bis Spätromantik.
Das dazugehörige Doppelalbum Out Of The Blue habe ich in seiner Gänze erst Anfang der 1980er gekauft – da waren die Exemplare mit dem beigelegten Falz-Raumschiff schon nicht mehr auf dem Markt.

Es gibt viele grässliche, aber auch ein paar schöne Coverversionen von „Mr. Blue Sky“, z.B. vom Neo-Soulmann Mayer Hawthorne. Auch die Live-Versionen von Lynne und seinen Mannen selbst kommen – wie so oft beim Klangbastler – nicht an die Studioversion heran.
Entstanden ist das Regenkonzert zu aller Überraschung nicht in einem verregneten englischen Herbst, sondern in einem ebensolchen Sommer in München, wo ELO ihre Platte damals in den Musicland Studios einspielten.

Leider existiert im Netz nur eine ziemlich miserable Fassung des Originals (die erst bei 0:13 einsetzt und mit Livebildern unterlegt wurde).

Electric Light Orchestra: „Mr. Blue Sky“
Quelle: youtube

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(he)artstrings #19: Feingewobenes aus Britannien

sandy-denny

„The Music Weaver“ (Sandy Denny)
(aus: Sandy Denny – Sandy, 1972)

Vor exakt 45 Jahren erschien eines der großen Alben des britischen Folkrocks. Es zeigt eine Sängerin auf dem Zenit ihrer poetischen Erfindungskraft, Lieder, die mich in einer Zeit gefesselt haben, in der kaum irgendjemand was von Folk hören wollte. Auf meinen Interrail-Touren und in den frühen Studienjahren hat mich die Musik von Sandy Denny täglich begleitet – und von ihren Liedern und ihren phasenweisen Begleitbands Fairport Convention und The Strawbs ausgehend haben sich für mich unzählige Entdeckungen weiterverzweigt. Ich weiß noch, was für ein Riesenerlebnis es war, 1993 beim Cropredy-Festival in England auf dem heiligen Rasen zu sitzen und Vicky Clayton zusammen mit Fairport die Lieder von Sandy singen zu hören. Oder wie ich 1996 am Tag der Abgabe meiner Magisterarbeit abends im Freiburger Jazzhaus selbst Fairport Convention veranstaltet habe.

Doch zurück zum Album: Ich hätte hier eigentlich jeden Songs für die (he)artstrings auswählen können. Sandy Dennys zweites Solowerk beinhaltet so großartige Hymnen wie „Listen, Listen“ und „It’ll Take A Long Time“. Sie singt mit mächtig geschichteten Chören „Quiet Joys Of Brotherhood“, die englische Fassung des keltischen „My Lagan Love“. Und man findet das elegant-angerockte „Bushes & Briars“, das eigentlich ein Traditional sein könnte, aber aus ihrer Feder stammt. „The Music Weaver“ ist letztendlich der Song, der mich bis heute am meisten berührt – eine zeitlose Ballade über die Einsamkeit des fahrenden Musikanten, dem nichts bleibt als seine Manuskripte und seine Klänge. Wenn am Schluss der inzwischen auch verstorbene Fiddler Dave Swarbrick seine sparsamen Töne über dem gleißenden Orchesterarrangement entfaltet, habe ich immer noch Gänsehaut. Wäre Sandy Denny 1978 nicht eine blöde Treppe runtergefallen, hätte sie die Musik der Insel vermutlich bis heute mit großen Songs bereichert.

Sandy Denny: „The Music Weaver (solo)“
Quelle: youtube
Sandy Denny: „The Music Weaver“ (orchestral)
Quelle: youtube

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Expats gegen den Brexit


Cristobal And The Sea
Exitoca
(City Slang/Universal)

Aus Portugal, Spanien, Frankreich und Ägypten kommen die Mitglieder, doch beheimatet sind sie in London – und von dort aus schaffen sie einen tanzbaren, ansteckenden Pop, der so voll britischem Humor ist, dass man nur konstatieren kann, dass ihre Integration gelungen scheint. Darüber hinaus spielen sie auf ihrem zweiten Album mit den Errungenschaften der Tropical-Szene an der Themse: Kaum merklich werden die Songs aufgeladen mit indischen Rhythmen, afrikanischen Gitarrenriffs, Latin-Perkussion. Die dichten Vokalsätze erinnern an den kalifornischen Sunshine-Pop der Sechziger, und zwischendrin residieren Interludien, die aus Exotica-Soundtracks und dem Labor der frühen Minimalisten zusammengewürfelt sein könnten. Selbst Anklänge an den Discorock der frühen Achtziger werden nicht ausgespart. Ein großes augenzwinkerndes Antidot gegen den neuen Protektionismus auf der Insel und einer der schönsten Muntermacher des Jahres für verdrossene Geister.

Cristobal And The Sea: „Steal My Phone“
Quelle: youtube

Paddy Bushs Trip in die Schweiz

Spannender Besuch in der Schweiz: Paddy Bush, Bruder von Kate, war vorgestern beim Forum Schlossplatz Aarau zu Gast, um über seine große Liebe, die madagassische Musik zu sprechen. Eingeladen hatte ihn die Ethnologin und Madagaskar-Expertin Eva Keller. Sie hat auch die Hör-Ausstellung Teny – Tany – Tantara kuratiert, die noch bis zum 1. Oktober läuft.

Mehr zu Paddys Vortrag und meinem Interview mit ihm, in dem er nicht nur über seine Forschungen auf Madagaskar, sondern auch seinen Instrumentenbau und seinen musikalischen Einfluss auf Kate Bush sprach, hier in Bälde!

Mein Beitrag über Paddy im Schweizer Radio SRF 2 Kultur ist am Dienstag ,den 26.9. um 20h in der Sendung Jazz & World aktuell zu hören, in der Wiederholung am Freitag, den 29.9. um 21h.

Anmut und Gnade

Lizz Wright
Grace
(Concord/Universal)

Erstmals geleitet die Frau aus Georgia mit dem seelenvollen Alt ihre Hörer durch einen ganzen Zyklus von Coverversionen, die alle unter dem Motto „Gnade“ beziehungweise „Anmut“ stehen, beides mögliche Übersetzungen von „Grace“. Für die notwendige Verklammerung auf ihrem sechsten Album sorgt inmitten einer Könnerband – mit unter anderem Marc Ribot an der Gitarre und David Piltch am Bass – Joe Henry, einer der feinfühligsten Roots-Produzenten der Staaten. Denn das Spektrum reicht weit: Vom dunklen Blues „Barley“ über den erhabenen Gospelton in „Seems I‘m Never Tired Lovin‘ You“ geht die anmutige Reise, macht Station bei einem seltenen Bob Dylan-Song („Every Grain Of Sand“) und dem Orgelgeglucker in Ray Charles‘ „What Would I Do Without You“. In der Mitte siedelt mit dem Titelstück eine sehnsuchtsvoll loderne Hymne aus der Feder der Kanadierin Rose Cousins, stark auch die Standard-Ballade „Stars Fell On Alabama“, die hier vom Jazz zum folkigen Hauch getragen wird. Auch mit Fremdmaterial schafft Wright ihre unverwechselbare Verknüpfung von ländlicher Südstaaten-Ästhetik mit glamourfreiem Jazzgesang.

Lizz Wright: „Seems I’m Never Tired Lovin‘ You“ (live)
Quelle: youtube