Sommergroove aus Abidjan


Im berühmten ivorischen Künstlerdorf Ki Yi M’Bock hat sie ihre Karriere begonnen, war später mit ihren Basskünsten bei Zap Mama und startete dann eine feine Sololaufbahn. Auf ihren Alben gehen Funk, Afropop, ivorische Trommelrhythmen und komplexes Songwriting Hand in Hand. Für mich ist Manou Gallo eine der stärksten Frauenfiguren der westafrikanischen Musik. Der Vorbote aus ihrem neuen, im Herbst erscheinenden Album kommt als lustiges Duett mit Bootsy Collins gerade richtig für diese heißen Sommertage.

Manou Gallo feat. Bootsy Collins: „ABJ Groove“
Quelle: youtube

Syrische Hoffnung


Musik aus Syrien bereichert seit einigen Jahren verstärkt die mitteleuropäische Musikszene. Wir kennen alle die bittere Ursache dafür, und wer syrische Künstler zum Interview trifft, wird zwangsläufig mit Schicksalen konfrontiert, die einem die Kehle zuschnüren können. Das ist beim jungen Oudspieler und Komponisten Bahur Ghazi nicht anders. Aus dem Schweizer Exil heraus hat er es geschafft, seine Sehnsucht nach einer friedlichen Heimat zu einer spannenden Synthese von traditioneller arabischer Musik und Jazzimprovisation zu formen. Seine neuen Weggefährten sind vier Könner der helvetischen Jazzszene.

„Bidaya“, der Titel von Bahur Ghazis Debüt-CD, ist das arabische Wort für Anfang, Start, Beginn. Und in der Tat gab es in der noch jungen Vita des Oudspielers gleich mehrfach einen Neustart, privat und musikalisch. Wer ihn zum Interview trifft, sitzt einem hellwachen, vor Begeisterung sprühenden jungen Mann gegenüber, der in sympathisch bündnerisch gefärbtem Deutsch über sich und seine Musik erzählt. „Ich komme aus Dar‘ā an der jordanischen Grenze, eine kleine Stadt mit 40.000 Einwohnern. Die Gegend ist von Bauern geprägt, es gibt viel Gemüse und ein bisschen Musik“, lacht Ghazi. Das „Bisschen“ ist eine glatte Untertreibung, denn die Volksmusik ist überall präsent auf den Straßen, in jedem Haus gibt es eine Oud, wie er gleich hinzufügt. Da bleibt es nicht aus, dass auch er, ältester Sohn in einer Familie mit elf Geschwistern, eine Faszination für die Laute entwickelt und anfängt zu spielen.

Als er elf ist, hört er im Radio eine Oud, die ihn mit ihrem kristallklaren Klang gefangen nimmt. Es ist das Instrument des berühmten irakischen Musikers Naseer Shamma. „Was hat der für Saiten? In welcher Stimmung spielt er? Das fragte ich mich und ging auf die Suche nach CDs und Kassetten von Shamma. Ich fand heraus, dass sie im Irak seit den 1920ern die technischen Möglichkeiten des Instruments vorangetrieben, andere Abmessungen entwickelt haben. So wollte ich auch spielen lernen! Ich versuchte, auf meiner Oud irgendwie Shammas Stücke hinzukriegen.“ Schließlich trifft er bei einem Konzert in Damaskus Shamma persönlich, und nach einem Vorspiel ist der Meister so beeindruckt, dass er ihm in Kairo, wo er lehrt, ein Stipendium ermöglicht. Zuvor hatte Ghazi schon versucht, am Konservatorium in Damaskus aufgenommen zu werden. Doch wer dort etwas werden will, so erfährt er am eigenen Leib, sollte mit der Regierung oder ihren Behörden verbandelt sein. „Als sie hörten, dass ich aus dem kleinen Dar‘ā komme, sagten sie nur zu mir: ‚Geh wieder zurück, Tomaten pflanzen.‘“

Bahur Ghazi gerät in der ägyptischen Hauptstadt während seiner Uni-Zeit mitten in die Aufbruchstimmung des arabischen Frühlings hinein, wohnt er doch nur einige Straßenzüge entfernt vom Tahrir-Platz. „Kurze Zeit später ging es auch los mit der Revolution zuhause“, erinnert er sich. „Wir Künstler, Musiker, Schriftsteller und Grafiker haben in Kairo friedlich vor der syrischen Botschaft für ein freies Land demonstriert. Wir wollten kein Syrien mehr, in dem die Bevölkerung Angst vor ihren eigenen Behörden haben muss.“ Auch musikalisch entwickelt er sich in Kairo, wo er bald selbst an der Musikakademie lehrt, zu einem Freigeist: Aus den herkömmlichen Taktgebungen bricht er aus, entwickelt krumme Metren, neue Melodien. Bei seinen Kollegen erntet er dafür Unverständnis, sie sind der Auffassung, seine Musik sei „falsch“. „Sie wollten nur den Vierviertel-Takt akzeptieren. Aber ich fing eben an, im Elfertakt oder in Fünf- und Siebenachtel-Metren zu schreiben. Das erste Stück, in dem ich freier bin, in dem ich weggehe von der traditionellen Musik, das ist ‚Bidaya‘, und das hat jetzt auch meiner CD den Titel gegeben. Es hat mir so Freude bereitet, dass ich so etwas komponieren konnte. Und wenn du freier komponierst, dann ist es immer interessant!“

Zurück nach Syrien kann Bahur Ghazi bald nicht mehr. Sein Heimatbezirk Dar‘ā wird von den Kämpfen eingeholt: Ein Bruder stirbt fast beim Gang zum Bäcker durch die Laune eines Heckenschützens, ein anderer wird bei der Verweigerung des Militärdienstes verhaftet. Nach und nach verschlägt es viele Geschwister ins Exil, nach Schweden, Venezuela und die USA. Und er selbst ist nach den Demos in Kairo im Visier der Häscher von Assad, denn die Demonstrationen wurden gefilmt. Ein Land, in dem man ohne Angst leben und frei Musik machen kann, findet er schließlich in der Schweiz.

Doch es folgen zunächst vier Jahre im Schwebezustand: Im Asylheim des bündnerischen Cazis wartet er auf eine Entscheidung über seine Zukunft. Als klar ist, dass er bleiben kann, sucht er nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten: „Die erste Zeit war schwierig. Ich habe Sachen gespielt, die ich nicht kenne, die für mich keinen Sinn ergaben. Aber ich habe immer fest daran geglaubt, dass Musik die universelle Sprache ist, wenn man integriert werden will. Ich sagte mir, ich mache weiter, bis die Schönheit hörbar wird.“ Bei den Walliser Seema findet er eine erste musikalische Heimat, spielt mit der Band Chanson, Rock, Reggae, Folk, und er findet mit der Oud in dieser für ihn noch fremdartigen Musik seine Rolle.

Schließlich stößt er auf den Jazzbassisten Luca Sisera, der für ein aktuelles Projekt einen Lautenisten sucht. Er wird für ihn wie ein Bruder, bringt ihm Musik und Sprache der Schweiz nahe. Sie entschließen sich zu langfristiger Zusammenarbeit, Lucas Bruder Dario am Schlagzeug, beider Lehrer Christoph Baumann am Piano und die führende helvetische Akkordeonistin Patricia Draeger kommen dazu. Seine so entstandene neue Band nennt Bahur Ghazi Palmyra, nach der antiken Oasenstadt Syriens.

Bahur Ghazi’s Palmyra: „Longa“
Quelle: youtube

„Ich habe mir immer gewünscht, Palmyra zu besuchen, aber ich war nie da“, bedauert er. „Doch die ganze Geschichte dieser hochstehenden Zivilisation dort mit Kunst und Wissenschaft, dieser Knotenpunkt der Kulturen von Griechen und Persern, von Indien bis nach Marokko, beeindruckt mich. Ich fühle Palmyra so tief in meinem Herzen, den Sonnenuntergang hinter den Tempeln, den Geschmack der Luft, die Wüste.“ Wie das Titelstück der CD „Bidaya“, das für ihn der Anfang für seine neuen musikalischen Abenteuer war, steht auch die Komposition „Palmyra“ in einem ungeraden, „nicht normalen“ Metrum. „Denn was dort passiert ist, ist ja auch nicht normal“, sagt Ghazi. „Es war sehr traurig, von den Zerstörungen zu hören, die der IS da angerichtet hat. Als Musiker musste ich dem mit etwas Schönem begegnen. Musste dem Krieg, dem Hass, der Gewalt etwas entgegensetzen.“

Die CD balanciert mit jazziger Improvisation zwischen lyrischen, geheimnisvollen Momenten und ungestümen, fast rockigen Ausbrüchen. Eine Vierteltontrompete schaut vorbei, plötzlich liegt auch ein Salsa-Rhythmus in der Luft. Ghazis Widmung an den Qasioun, den Hausberg von Damaskus, wird als melancholischer und genauso virtuoser Oudgesang ausgekleidet. Und in der epischen „Salvation Voyage“ gelingt die Verbindung von Orient und Okzident am organischsten, mit singendem Bass und fast balkanischer Schwermut im Akkordeon. Ein Stück schließlich nennt sich „Phoenix Ressumption“: „Ich glaube daran, dass Palmyra wieder aus der Asche ersteht“, sagt Ghazi. Und auch sein Land, so hofft er, werde es dem Phoenix eines Tages gleichtun. Er sehnt sich danach, Syrien und seine Familie wieder besuchen zu können. Zwei Schwestern leben noch dort, versorgen sich mit Gemüsegärten selbst. Über ihnen schweben ständig die todbringenden Flugzeuge, ob es Assad, die Russen, die Amerikaner, die Israelis sind, das weiß man nicht. „Die Politiker und Behörden tun nichts dafür, dass in Syrien wieder irgendwann Frieden sein wird. Wir normalen Menschen müssen dafür Sorge tragen, und Musiker müssen in ihrer Arbeit diese Hoffnung zeigen“, so Bahur Ghazis Überzeugung. Mit „Bidaya“ hat er einen bewegenden Beitrag dazu geleistet.

© Stefan Franzen
dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Folker, Ausgabe 4/2018

Bahur Ghazi ist am 20.7. live auf dem Horizonte-Festival in Koblenz am zu erleben

Bahur Ghazi’s Palmyra
Quelle: youtube

Weltreise an der Saale

Am Sonntagabend ging die 28. Ausgabe des Rudolstadt-Festivals zu Ende.
Impressionen von einer Weltreise zwischen Heidecks- und Ludwigsburg, Stadtkirche, Theater und Heinepark.
(alle Fotos: Stefan Franzen)

Fatoumata Diawara (Mali) – Mittlerin zwischen Afro-Roots, Rock und Funk

Die 80-jährige Legende Shivkumar Sharma aus Kashmir kam mit seinem Sohn Rahul für einen Abendraga

Der Gitano Diego El Cigala (Spanien) verband Flamenco mit Kubanischem und Tango

Betsayda Machado (Venezuela) stellte mit La Parranda El Clavo rituell gefärbte Festmusik vor und brachte den Park zum Tanzen

Mit Lula Pena kam eine moderne Troubadourin Portugals zu einem intensiven Solo-Recital an die Saale

Ganz selten in unseren Breiten zu sehen und zu hören: Salukat – ein balinesisches Gamelan-Orchester inklusive dreier Tänzerinnen

Melancholisch-mitreißenden Pop spielte die Kapverdin Elida Almeida

Die strenge Schönheit der Maqam-Klänge von einer der führenden Sängerinnen der Seidenstraße: Munadjat Yulchieva (Usbekistan)

Das von Pink Floyd- und Nick Drake-Produzent Joe Boyd zusammengestellte Ensemble Saz’iso ließ nachts die Stadtkirche mit albanischer Polyphonie schwingen

Ein Highlight auf der Heidecksburg: Der Senegalese Seckou Keita bei einem Crossover mit dem Kuba-Kollegen Omar Sosa

 

Fischchen und Küsschen werden 60


Im Januar 1958 kam es zu einem denkwürdigen Gipfeltreffen in den Odeon-Studios von Rio de Janeiro: Antônio Carlos Jobim, der mit seinem Lyriker Vinicius de Moraes einen ganzen Zyklus neuer Songs ausgearbeitet hat, gewinnt die Sängerin Elizeth Cardoso, um mit ihr das Album Canção Do Amor Demais einzuspielen. Auf dieser Scheibe ist ein Gitarrist zu hören, der in wochenlanger Detailarbeit auf seinem heimischen Klo (der halligen Akustik wegen!) ein neues Schlagmuster ausgearbeitet hat.

Elizeth Cardoso allerdings stammt noch aus der alten Schule des Samba Canção. Im Studio kommt es über einem der Stücke, „Chega de Saudade“, deshalb zur Auseinandersetzung: Gilberto will das Orchester weglassen,  kritisiert die klassische Manier, in der Cardoso das Stück einsingt, mäkelt am Text herum, der ihm zu dramatisch ist. Wenige Monate später spielt er es daher selbst ein, nach seinen eigenen Vorstellungen. Tom Jobim ist auch dieses Mal Gilbertos Studiopartner, und er muss in nervenzerfetzenden Aufnahmebedingungen Einiges aushalten.

Der Gitarrist stellt Sonderforderungen: Er benötigt zwei Mikrophone, um Stimme und Saitenkunst zu trennen, er besteht auf eine vierköpfige Percussion-Sektion und zwingt das Orchester zur penibelsten Reinheit. Einige Musiker verlassen wutschnaubend das Studio und Jobim muss wieder Frieden herstellen. Doch  Jobim und Gilberto selbst bekommen sich wegen der Harmonien in die Haare. Die Fertigstellung der Single mit Arrangieren, Proben und Aufnahmen dauert schließlich einen Monat. Doch es hat sich gelohnt: Diese eine Minute und 58 Sekunden haben das Gesicht der brasilianischen Popmusik für immer verändert.

Diese Veränderung geschieht allerdings mit Verzögerung: Als die Single „Chega De Saudade“ heute genau vor 60 Jahren erscheint, nimmt niemand Notiz, da der einzige Titel, der im Radio gespielt wird, die Siegeshymne der brasilianischen Seleção ist, die gerade die WM in Schweden gewonnen hatte. Erst im Dezember bekommt der Titel Airplay über den Umweg São Paulo und bahnt sich den Weg an die Spitze der Charts. Anfänglich hatten Marketingbosse auch dort die Platte ignoriert – mit Argumenten wie „Warum nehmen die in Rio mit Sängern auf, die erkältet sind?“

Doch gerade mit seinem damals eigentümlich empfundenen, nasalen, non-chalanten Timbre vollzog João Gilberto eine völlige Abkehr vom pathetischen Samba, transferierte zugleich dessen ganze Perkussionsabteilung auf ein einziges Instrument, seine Gitarre. Und er führte den espritgeladenen Wortwitz ein, der fortan bezeichnend in einem Genre werden wird, für das mit dieser kurzen Single die Keimzelle gelegt ist: die Bossa Nova. Da reimt sich „beijinhos“ auf „peixinhos“ – so viele Küsschen werden bei der Rückkehr der Geliebten ausgetauscht wie  Fischlein im Meer schwimmen. Nur im brasilianischen Portugiesisch hört sich das nicht kitschig an. Bom aniversário, „Chega de Saudade“ – auch nach 60 Jahren ist die Faszination dieser Miniatur aus Rio ungebrochen.

© Stefan Franzen

João Gilberto: „Chega De Saudade“
Quelle: youtube

 

Schatzkiste #34: Rocklyrik aus Atlantis

Medeiros / Lucas
Sol De Março
(Lovers & Lollypops)

Man wir schnell fündig, wenn man auf den Azoren nach typischer Musik sucht: Da gibt es die 12-saitige viola da terra mit zwei tränen- oder herzförmigen Schalllöchern, die ein wenig klingt wie die brasilianische viola sertaneja. Sie dient als Begleitinstrument für traditionelle Gesänge, oder steht bei Tänzen wie der Chamarrita im Mittelpunkt. Dann gibt es die Filarmónias, Bläserbands der kleinen und größeren Orte, die ich sowohl auf Dorffesten als auch bei der Prozession zum Heilggeistfest erlebt habe. Doch die Azoren haben auch eine Popularmusik-Szene, die einen Spagat von Pop bis Metal vollführt – und immerhin können sich mit Nelly Furtado und Katy Perry zwei Superstars eine Herkunft von den Inseln auf die Fahnen schreiben. Nun, die vorliegende Platte ist alles andere als vordergründig azoreanisch, sie steht eher für eine Nischenproduktion im Songwriting. Entdeckt habe ich sie im Plattenladen La Bamba der Hauptstadt Ponta Delgada auf der Insel São Miguel.

Mein Portugiesisch hat schon bessere Jahre erlebt, doch bei der Lektüre der Lyrics kann ich über den Farben- und Klangreichtum der Verse staunen, über die vielen metaphorischen Kniffe und elementaren Bilder. Das Meer spielt dabei naturgemäß eine große Rolle, sieht man es auf den Azoren doch meistens. Die gesamte Platte lebt von einem personellen Gegensatz: hier der reife, etwas grummelige, Suggestivkraft entfaltende Sänger Carlos Medeiros, der Texte des Schriftstellers und Dichters João Pedro Porto singt. Und dort die zwischen Indie- und Folkrock angesiedelten Saiten- und Tasten-Künste des eine Generation jüngeren Pedro Lucas, der von den Azoren nach Kopenhagen ausgewandert ist.

Der Opener „Lampejo“ heißt übersetzt nur „Lichtschimmer“, doch er entfaltet mit einer chromatischen Gitarrenmelodie und den drängenden Vocals eine fesselnde Dramaturgie, die eher strahlt als schimmert. „Podre Poder“ hat ein kreisendes Riff auf Gitarre und Keyboard als Unterbau, die fast höfische Melodie erinnert mich an manche Canções der portugiesischen Liedermacher-Ikone José Afonso. „Obscurantismo“ dagegen wummert mit Synth-Bässen, „Os Pássaros“ verströmt Surfrock-Atmosphäre. Und es bleibt unberechenbar: Mit Kirmesorgel und einer folkloristischen Melodie überrascht „Elena Poena“, eine espritvolle Miniatur kommt in Gestalt von „Em Condicional“ mit Vocoder, Vibraphon und kecker Trompete auf uns zu.

In der Schlusskurve wird es mit „As Calendas“ fast noch etwas jazzig, glimmende Fender Rhodes und gestopftes Blaswerk begleiten den poetischen Gesang, bevor mit dem „Fado Do Salto“ das Nationalgenre des Mutterlandes Portugal mit grandioser Rockmelancholie legiert wird. Ein kleines Meisterwerk, das zufällig mitten  im Atlantik in meine Hände gefallen ist – fernab aller Inselklischees wäre das dennoch eine Platte für das einsame Eiland.

© Stefan Franzen

Medeiros / Lucas: „EA Live Session“
Quelle: youtube

Kapverdische Symmetrie


Himmel spiegelt sich im Meer, Meer wird zum Himmel – die Grenzen zwischen den Elementen sind fließend in der Poesie des Kapverdianers Danilo Lopes da Silva. „Peit Ta Segura“ ist ein wunderbares Kleinod kreolischer Poesie – und zugleich der Single-Vorbote aus dem neuen, dritten Album der Sängerin Aline Frazão. Auf Dentro Da Chuva wird die Angolanerin eine Kreuzfahrt über den Atlantik unternehmen, mit Ankerwürfen in Rio, Bahia, Luanda, den Kapverden und Portugal. Navigierend im großen Flechtwerk lusitanischer Kulturen kehrt sie nach Indierock-Experimenten zurück in eine rein akustische Sphäre. Ich freue mich auf das Werk, das Anfang September auf Jazzhaus Records erscheinen wird.

Aline Frazão: „Peit Ta Segura“
Quelle: youtube

Spagat mit Afro-Fiedel

Foto: Stefan Franzen

Sudan Archives
B-Sides-Festival Luzern/CH, 15.06.2018

Das „B-Sides“ oberhalb von Luzern ist wohl eines der relaxten Sommerfestivals der Eidgenossen. Man fährt mit dem Bähnli auf den Sonnenberg hoch, wo ein paar tausend Zuhörer, viele um die Dreißig, Musik auf drei Bühnen zwischen lokalen Helden und globalen Farben vom Libanon bis nach Kenia entdecken. Ein paar wenige gucken Fußball, man genießt Dinkelbier und Bioburger, und nach kurzem Spaziergang sind da nur noch Kuhglocken und Nachtigall. Ein wenig ist es, als habe die Hippie-Ära ihre Nische im digitalen Zeitalter gefunden.

In der hereinbrechenden Nacht wehen ganz spielerische Geigenklänge heran, eine Silhouette mit Afromähne hebt sich aus dem blauen Nebel der Zeltbühne ab, plötzlich kontrastieren harte Beats von der Loopstation mit der Fiedel. Brittney Denise Parks hat ihren Auftritt begonnen, und sie passt in dieses entspannt-experimentelle Setting wunderbar hinein. Parks, die sich als Künstlerin Sudan Archives nennt, inszeniert sich mit wehendem Umhang und apfelsinenfarbenen Hot Pants, im Gegenlicht der Scheinwerfer hat sie etwas von einer Violine spielenden Yoruba-Gottheit, und die Sounds wirken, als wären Erykah Badu und Laurie Anderson eine heiße Liaison eingegangen.

„Am Anfang war alles klassisch, ich spielte im Schulorchester. Später probierte ich irische Jigs aus, aber irgendwann fing ich auch an, mit Sounds auf meinem iPad zu experimentieren“, sagt die 23-Jährige aus Cincinnati, Ohio vor ihrem Auftritt, während wir im kreativen Chaos des Pressebüros sitzen. Die Idee, ihre Geige mit Elektronik zu kombinieren, hat sie einem Afrikaner zu verdanken. „In einem Vinylladen in Hollywood stieß ich auf eine Platte des Kameruners Francis Bebey, und wie er traditionelle afrikanische Musik mit Synthesizern kombiniert, das hat mich sehr beeinflusst.“ Parks vertiefte sich in seine ethnomusikologischen Schriften und entdeckte dank Bebey die Streichinstrumenten-Familien zwischen dem Sudan und Ghana. Die Riffs der dortigen Musiker wurden stilbildend für ihre Songs.

Sudan Archives: „Water“
Quelle: youtube

„Wie sie spielen, ist faszinierend, rau und kratzend, und irgendwie aber doch weicher als die Geiger des Westens“, findet Parks, die eine Goje, eine einsaitige Fiedel der Haussa genauso spielt wie eine E-Geige mit Effektpedalen und eine MIDI-Violine, die es ihr erlaubt, 900 verschiedene Sounds zu erzeugen. Ihr Künstlername ist zum einen geographische Widmung an die archaischen Musiker – zum anderen will sie das „archives“ durchaus auch als Metapher verstanden wissen: „Es geht darum, tief in seiner eigenen Geschichte zu graben und Sachen zutage zu fördern. Jemand hat meine Musik mal als Verkörperung der ‚black history‘ beschrieben. Das finde ich cool“, meint die junge Frau mit nigerianischen Wurzeln, die auch Jimi Hendrix‘ Gitarrenskapaden und den Komponisten Igor Stawinsky inspirierend findet, weil er in der Klassik der Avantgarde den Weg geebnet hat.

Foto: Stefan Franzen

Im Alleingang auf dem Laptop hat sie sie gebaut, ihre „Songs“, und das Wort kommt einem nicht leicht aus der Feder. Denn viele der Zweiminutenstücke auf ihren zwei bislang erschienenen EPs bestehen gerade mal aus ein oder zwei Lyrik-Zeilen, die sie in nonchalanter Neo-Soul-Manier singt, einem gezupften oder gestrichenen Fiedel-Riff, und einem minimalen Geflecht von emblematischen Beats darunter. „Ich sehe sie wie Samen, oder wie diese kurzen japanischen Gedichte, die Haikus“, sagt Parks, „denn sie bestehen ja eigentlich nur aus einer Phrase und viel Raum. Um ehrlich zu sein: Ich hatte beim Aufnehmen keine Ahnung, wie man Musik produziert. Die EPs sind der Ausdruck von totaler Freiheit. Aber aus diesen Samen wird bald ein großer Garten mit vielen Bäumen, Früchten und Gemüse wachsen.“ Sie spielt auf ihr Debüt an, das bald mit Gastmusikern unter dem Namen „Yorubaland“ erscheinen soll.

Vorerst entdeckt man Sudan Archives‘ Musik am besten via youtube. Denn dort sind zu vielen ihrer Stücke großartige Begleitvideos zu finden, die von einer mythischen, elementaren Bildsprache leben, oft in Afrika eingefangen. Es überrascht nicht, dass sie sich in erster Linie als visual artist begreift. „Eigentlich albere ich ja nur ein bisschen mit Instrumenten und Effekten herum, während ich versuche, meine visuellen Ideen umzusetzen. Die Videos sind meine größte Leidenschaft, und langsam habe ich den Bogen raus, wie ich die Bilder in meinem Kopf auch auf der Bühne umsetzen kann.“ Das Luzerner Publikum jedenfalls war von dem Bühnenspagat zwischen afrikanischer Archaik, Neo-Soul und Electronica ziemlich angetan.

© Stefan Franzen

Sudan Archives: „Nont For Sale“
Quelle: youtube

Glut aus Fischhaut und Maulbeerbaum

alle Fotos: Stefan Franzen

Kayhan Kalhor
Elbphilharmonie Hamburg, 07.06.2018

Beim Hype um den großen Konzertsaal der Elbphilharmonie ist der kleine Bruder etwas ins Hintertreffen geraten. Völlig zu unrecht. Auch diesen Saal, mit topographisch, fast biomorph anmutenden Holzwänden, hat der japanische Akustiker Yasuhisa Toyota entworfen. Für alle, die die Klänge des Planeten über abendländische Klassik hinaus erkunden wollen, ist hier ein feiner Ort. Hier leistet sich die „Elphi“ die Reihe „Klassik der Welt“, in der unser europäischer Absolutheitsanspruch auf Kunstmusik viermal während einer Saison relativiert wird.

Zu Gast ist der persische Streichlautenvirtuose Kayhan Kalhor mit seinem Ensemble. Dass das Programm mit der blumigen Wendung „Die verborgenen Schätze des Gartens der Stille“ („Pardegian Baghe Sokoot“) angekündigt wird, verweist schon auf den introspektiven Charakter dieser Musik. Kalhor ist eine regelrechte Inkarnation der Versunkenheit: die Augen geschlossen, sein Antlitz oft verschleiert von einem langen Vorhang grauen Haupthaars. „Shoegazing“ würde man in Popsprache dazu sagen.

Kalhor ist zugleich aber sicherlich der weltgewandteste unter den Stars der iranischen Klassik unserer Tage: Er ist Kollaborationen mit dem Kronos Quartet, mit Yo Yo Ma, mit Aynur, mit Toumani Diabaté eingegangen, er hat die Spielweise der Kamancheh, der persischen Ausprägung dieser Vertreterin der globalen Streichlautenfamilie erweitert. Sie ist sein Vehikel auf dem Weg zur mystischen Versenkung, kaum ein anderes Instrument könnte das mit seinem rauchzarten, rauschhaften, obertonwispernden Klang in einer solchen Tiefe leisten – und dass, obwohl es nur einen schier winzigen Resonanzkörper aus Maulbeer- oder Walnussbaumholz und Fischhaut besitzt. Die Kamancheh erinnert an eine klingende Spindel, denn nicht etwa der Streichbogen wechselt die Position, um eine andere Saite zu erreichen, es ist das Instrument, das der Spieler dreht.


Während der beiden langen Suiten, die Kalhor mit seinem Quartett entfaltet, kann man immer wieder über seinen improvosatorischen Fluss staunen: ein nicht versiegender Strom der Klage, mit breitem Strich vorgetragen, beredte, atemlose Sehnsucht, vielleicht die nach dem Auflösen der Isolation vom göttlichen Ursprung, vielleicht auch der genauso dringliche Versuch, über das Leiden an der Welt zu berichten und es nicht in genügend Töne fassen zu können. Doch vielleicht ist das auch nur ein Klischee, westlichen Hörgewohnheiten geschuldet. Kalhor steht klar in der Tradition des Radif, des klassischen persischen Skalensystems, doch er erlaubt sich Freiheiten, vor denen ältere Kollegen noch zurückgeschreckt hätten: Echo-Effekte, die er nicht mit Effektgeräten produziert, sondern auf dem Instrument erzeugt durch dynamisches Abebben, viele perkussive Passagen, die nach Pizzicato klingen, oft aber nicht gezupft, sondern mit einer Schlaghand generiert werden.

Es scheint paradox: Gerade der analytische Klang der Toyota-Akustik, im Falle der Orchestermusik im großen Saal oft als zu sezierend kritisiert, kommt dieser meditativen Musik entgegen – gerade weil er durch die präzise Abbildung der vier Instrumente ein tieferes Abtauchen in den Klang eines jeden ermöglicht. Und so kann die Zuhörerschaft die solistischen und die begleitenden Beiträge der drei Mitspieler trennscharf genießen: Santurspieler Ali Bahrami Fard bringt eingängige, geradezu poppige Melodien als Thema ein, der fast mythisch aussehende Tar-Solist Hadi Azarpira hält sich mit der Langhalslaute auffällig zurück, ist aber immer im richtigen Moment mit pointierten Einwürfen da.

Für den erstaunlichsten Moment des Konzerts ist schließlich Tombak-Spieler Navid Afghan verantwortlich. Als Kalhor das Gesangsmikrofon heranzieht und eine hymnisch-schlichte, fast heilige Melodie singt, baut sich darunter unvermittelt eine rasante Jagd auf der Bechertrommel auf, scheinbar ohne rhythmischen Bezug, der aber im ekstatischen Finale auch für europäische Ohren begreifbar wird.

Ein „Garten der Stille“ auf dem Deck des Klangschiffs, umgeben von den Wassern des Nordens an diesem strahlend-leuchtenden Sommerabend.

© Stefan Franzen

Kayhan Kalhor & Ali Bahrami Fard: in Concert“
Quelle: youtube

1968 – Ein guter Jahrgang II

Feine Dinge, die dieser Tage 50 werden!

Caetano Veloso: „Tropicália“ (aus: Caetano Veloso, 1968)
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Aretha Franklin: „You’re A Sweet, Sweet Man“ (aus Aretha Now, 14.6.1968)
Quelle: youtube
Shivkumar Sharma, Brijbushan Kabra & Hariprasad Chaurasia: „Nat Bhairav“ (aus: Call Of The Valley, 1968)
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