Von Valencia nach Persien


Efrén López, Stelios Petrakis, Bijan Chemirani
Taos
(Buda Musique)

Ein imaginäres Klangreich von der spanischen Costa de Azahar über Kreta bis in den Nahen Osten – das entfaltet sich auf dieser CD. Den Multi-Instrumentalisten Efrén López kennt man seit seiner Zeit bei der Gruppe L’Ham de Foc als Erkunder jedes nur erdenklichen Saiteninstruments der letzten acht Jahrhunderte. Stelios Petrakis ist ein Meister der kretischen Streichlaute Lyra, Bijan Chemirani Mitglied einer berühmten iranischen Perkussionsdynastie. Nach seinem Debüt Mavra Froudia von 2011 knüpft das Trio jetzt weiter am Netzwerk zwischen Mittelmeer und Asien.

Mit „Helicobtir“, einer Widmung an die Fragilität der Libelle, geleiten uns die drei mit einem feierlichen Hymnenton in ihr Universum. Wie ein mittelalterlicher Veitstanz schließt sich „Shin U Zer“ an, basierend auf kurdischen Folktönen. Damit ist auch schon der ganzen faszinierenden Spannbreite zwischen kontemplativer und tänzerischer Sphäre der Boden bereitet. „Imeres Siopsis“ beginnt in höfisch-schreitender Eleganz, galoppiert dann aber rasant hinweg. In vielen Stücken wohnt solch eine unglaubliche Mikro-Dramaturgie, die innerhalb weniger Minuten eine vielgesichtige Suite entfaltet.

Es ist dabei vor allem López‘ Instrumentenpark, der immer wieder überraschende Räume öffnet: Eine einsame afghanische Laute lässt etwa in „To Katehon“ an eine Einsiedlergrotte denken, schwingt sich dann im Ensemble aber zu spiritueller Feurigkeit empor. Petrakis‘ Lyra übernimmt mit ihren rauchigen Obertönen dagegen in „Siranush“ die Hauptrolle, singt dieses armenische Liebeslied ohne Worte.

Der Höhepunkt ist mit López‘ Komposition „1oo Ulls“ erreicht, einer farbenprächtigen Widmung an die mythologische Figur des Argus‘ und seiner hundert Augen, die Göttin Hera nach dem Tod ihres Dieners in die Federn des Pfaus versetzte. Das Trio gestaltet sie mit einer rauschhaften Drehleiermelodie und majestätischen Rhythmen der nahöstlichen Perkussion Chemiranis. Der hat im Finale der CD einen grandiosen Soloauftritt, bevor die Reise mit „Nekyia“ endet, ein wehmütig atmendes Lamento der Lyra, inspiriert durch Odysseus‘ Ausflug in den Hades.

© Stefan Franzen

López – Petrakis – Chemirani spielen in der Schweiz:
26.2. Lausanne, Forum du Rolex
27.2. Zürich, Moods
1.3. Delémont, Centre Culturel Régional

Efrén López, Stelios Petrakis & Bijan Chemirani: „Taos“ EPK
Quelle: youtube

Der Mann mit den Fledermausohren

Foto: Stefan Franzen

Jon Gomm
Jazzhaus Freiburg, 17.02.2018

Ein nervtötendes Fiepen durchdringt das Jazzhaus-Gewölbe, niemand kann es lokalisieren. „Da ist ein Scheinwerfer kaputt“, sagt Jon Gomm, und als der Pultmeister ihn abblendet, ist das Fiepen weg. Als er mit seiner Gitarre eine Kick-Drum imitiert und es seltsam scheppert, weiß er gleich: Ein Bierglas auf einer Monitorbox ist der Übeltäter. Schwer vorstellbar, wo die Wahrnehmungsschwelle dieses Mannes endet. Er habe „Fledermausohren“, sagt der 40-jährige Brite über sich selbst, und die nutzt er auf die bestmögliche Art.

Aus der Gitarre ein Einmannorchester machen, das ist in den letzten 80 Jahren von Bukka White bis Andy McKee immer wieder versucht worden. Doch Jon Gomm treibt es auf die Spitze: Wer ihm zuschaut, hat manchmal den Eindruck, dass da ein Mann zum organischen Zahnradwerk wird, dass ein Bildhauer ein Artefakt aus einem Stück Holz heraus schnitzt. Seine sechssaitige Lowden, die er „Wilma“ nennt, muss tatsächlich Einiges aushalten: Im Laufe der Jahre ist sie durch die Bearbeitung mit Handflächen, Fingerkuppen und Knöcheln arg in Mitleidenschaft gezogen worden. Der „shabby look“, dank Jon Gomm ist er auch im Gitarrenmetier angekommen.

Foto: Stefan Franzen

Selten schlägt Gomm noch die Saiten, er praktiziert ein rasantes Tapping mit beiden Händen, zaubert glasige Oberton-Melodien, erzeugt Slide-Effekte mit den Stimmwirbeln. Durch zwei Dutzend verschiedene offene Stimmungen erweitert er den Tonumfang bis in abgrundtiefe Bässe hinein, und Decke, Zargen und Hals werden zu Basstrommel, Snare und Tom. Wohltuend: Unter seinen Effektpedalen findet sich nicht das ausgelutschte Werkzeug namens Loop-Station, um Rhythmen und Melodien zu schichten, selbst Echos setzt er nur sparsam ein. Dieser Working Class-Guitarrero aus Blackpool ist sich selbst Kontrapunkt genug. Nun könnte das alles in akustischer Akrobatik enden, in Trapezkunst zum Selbstzweck.

Als er mal zwei Minütchen rasanten Barock einschiebt, wirkt das wie eine Persiflage auf die selbstverliebten Saltoschläger seiner Zunft. Denn Gomm ist eben nicht die eierlegende Wollmilchrampensau, sondern ein eigentlich bescheidener Musiker mit Wärme und großer Seele, was sich sofort wahrnehmen lässt, wenn man mal die Augen schließt, um das zappelige Bühnengeschehen auszublenden. Bei einem zärtlichen, fast indisch angehauchten Lied für seine kleine Tochter begleitet er sich mit Falsettgesang, an filigranes fernöstliches Lautenspiel erinnert ein Stück, dass er enteigneten chinesischen Bauern widmet.

Und Gomm groovt, völlig unverkopft: etwa, als er für Chaka Khans „Ain‘t Nobody“ zum kompletten Funkorchester wird, oder wenn er seinen Workshop „Wie imitiere ich mit einer Gitarre eine komplette Reggae-Band“ gibt. Richtig unterhaltsam wird die Show, wenn er das Publikum anspricht, teils auf Deutsch, schließlich hat er schon vor zehn Jahren Gig-Erfahrung in kleinen bayrischen Bierbeisln gesammelt, und ein „Fuck Brexit“ kommt ihm herzhaft von den Lippen. Genauso wütend ist er auf die Musikindustrie mit ihren zweifelhaften Erfindungen namens „X-Factor“ und „The Voice“. „Burn the factories down!“, ist denn auch seine Forderung, singend vom Gewölbe unterstützt. Er entzieht sich dieser Maschinerie konsequent, nutzt aber sehr agil die sozialen Medien: Deshalb sitzen im gut besuchten Jazzhaus nicht nur ältere Gitarrenfreaks, sondern auch viele junge Pärchen.

Doch dann wird es ganz still. Jon Gomm erzählt von seiner bipolaren Störung, und im anschließenden Stück, ein ergreifendes, verzerrt-verzweifeltes Lamento, reist man mit ihm in seinen Kopf, erlebt die Depressionen, die Schlaf- und Hilflosigkeit. Wie in keinem anderen Stück an diesem Abend werden Gomm, seine zerfurchte Wilma und das Publikum eins.

© Stefan Franzen

Jon Gomm: “ The Secret Of Learning To Fly Is Forgetting To Hit The Ground“
Quelle: youtube

The Healer

Foto: HP Mosebach

Als er gestern im Volkshaus Zürich an die Bühnenkante trat und ohne jede Mikrofonverstärkung „Grace Beneath The Pines“ sang, war das einer der größten Momente unter meinen Konzerterlebnissen der letzten Jahre. Glen Hansard kann mit seinen Texten und Tönen heilen. „Mission Save-A-Soul“ steht passend auch an der Bühnenorgel, und er hat es zusammen mit seiner 12-köpfigen Band in jedem Song bewiesen. Besonderes Faszinosum: Das Streichertrio mit Paula Hughes, Katie O’Connor und Una O’Kane. Danke, Glen für diesen fantastischen Abend.

Glen Hansard: „Grace Beneath The Pines“ (live)
Quelle: youtube

Geburtstagskind mit Goldkehle

Heute feiert die katalanische Sängerin Sílvia Pérez Cruz Geburtstag.
Genau in einem Monat (15.3., 19h) wird sie in der Philharmonie Luxemburg mit einem Solokonzert gastieren, das ich allen Leser*innen dieses Blogs wärmstens empfehle. Denn oft tritt sie im – in diesem Falle erweiterten – deutschsprachigen nicht Raum auf. Auch das Geburtstagsvideo, das ich ausgesucht habe, ist daher ein Solorecital: Ihre akustische Version des Stückes „Iglesias“ aus ihrem Debütalbum 11 de Novembre.

¡Feliz cumpleaños, Sílvia!

Sílvia Pérez Cruz: „Iglesias“ (off TV)
Quelle: youtube

Aus der gälischen Anderswelt

Julie Fowlis
Alterum
(Machair Records)

Mit Julie Fowlis verbindet sich für mich ein ziemlich amüsante Erinnerung: Als ich 2015 im marokkanischen Fès das Festival des Musiques Sacrées besuchte, musste die Schottin im strömenden Regen ihr Konzert bestreiten, bis von den Veranstaltern eine ziemlich unbürokratische Lösung gefunden wurde.

Jetzt hat Fowlis ihr drittes Album Alterum herausgebracht, dessen Titel sich aus einem Zitat von Plinius dem Älteren ableitet: „alterum orbem terrarum eam appelant“, „sie nennen es die Anderswelt“. Die Anderswelt war auch in den keltischen Sagen stets präsent, und Fowlis hat für ihre Scheibe traditionelle gälische Songs gesammelt, die vom Jenseits, von Aberglaube, vom Übernatürlichen sprechen.

Trotzdem ist Alterum alles, nur keine düstere Angelegenheit: Selten habe ich eine schottische Folk-CD gehört, die mit so viel Detailliebe, Ideenreichtum, Bedacht und l(e)ichter Hand textiert wurde. Zum Folkensemble mit Whistles, Geigen, Bouzouki, Harmonium und Bodhrán tritt hin und wieder ein Streichquartett mit kontrapunktischen Melodien.  Mit Dónal Lunny, Michael McGoldrick oder Donald Shaw sind Eminenzen der letzten fünf Jahrzehnte im Ensemble versammelt.

Viele der Songs sind auf den Äußeren Hebriden wie Barra, North oder South Uist beheimatet. Sie erzählen von einem mythischen Wasserpferd, von Menschengestalt annehmenden Seehunden. Doch die Poesie wird auch mal ganz zeitgenössisch, wenn eine Vertonung eines Abschiedsgedichts der Schriftstellerin Catriona Montgomery ertönt.

Es macht gerade den Reiz des Albums aus, dass Fowlis nicht streng im schottisch-gälischen Reich bleibt: Mit der eleganten Ballade „Camariñas“ geht es auch mal zu den südlichsten keltischen Anrainern nach Galicien, und das melodieselige „Go Your Way“ ist eine berührende Hommage an die große englische Folklady der 1960er, Anne Briggs. Zusammen mit der kürzlich vorgestellten CD von Blue Rose Code, bei denen Fowlis auch gastiert, ist dieses Kleinod für mich ein wunderschöner Beleg für die Zeitlosigkeit des Scottish Folk.

Julie Fowlis: „Dh’èirich Mi Moch Madainn Cheòthar“
Quelle: youtube

Coltrane trifft Sabartrommeln


Seit Youssou N’Dour in den 1980ern ins internationale Rampenlicht trat, hat der Senegal einen exzellenten Ruf als Heimstatt großartiger Musiker. Sie beschränken sich dabei nicht auf ihre Wurzeln: Mittlerweile verknüpfen viele Künstler des westafrikanischen Landes die traditionellen Musikformen der Heimat mit jazzigen Vokabeln. Einen der gekonntesten Brückenschläge zwischen den Trommelrhythmen aus seinem Erbe und US-amerikanischen Harmonien hat der Gitarrist Hervé Samb gemeistert.

Auf hundert Alben, so lässt zumindest seine Plattenfirma verlauten, hat Hervé Samb schon seine Gitarrenakzente gesetzt, etwa für den Jazzbasisten Marcus Miller, für Meshell Ndegeocello oder die Malierin Oumou Sangaré. Seine beiden Werke unter eigenem Namen erreichten bislang nur einen kleinen Kennerkreis. Samb lebte lang in den Staaten, hat sich dort in zeitgenössischen Jazzkreisen getummelt und eine hochvirtuose Gitarrentechnik entwickelt. Dafür hat er sich von einem Pariser Instrumentenbauer eigens ein Exemplar fertigen lassen, das ähnliche Züge trägt wie Django Reinhardts berühmte Maccaferri-Gitarre.

Ausgerüstet mit den langjährigen US-Erfahrungen ist der Senegalese jetzt in seine Heimat zurüückgekehrt und kombiniert die beiden Klangwelten in Teranga (deutsch: Gastfreundschaft), der Name seiner neuen CD und seines Bühnenprogramms. „Normalerweise ist es bei gemischten Projekten ja so, dass europäische oder amerikanische Jazzer ihre Musik mit afrikanischen, indischen, exotischen Kulturen bereichern wollen”, so Samb. „Die umgekehrte Richtung ist viel ungewöhnlicher.” Genau das ist nun sein Ansatz. Er hat dafür in Dakar einige der führenden Perkussionisten aus der Tradition des Sabar-Trommelns um sich geschart, denen er Jazzstandards vorspielte – sie umfassen ein breites Spektrum von John Coltranes „Giant Steps” bis zu Henry Mancinis „Days Of Wine And Roses”.

„Ich habe positive, fröhliche Tunes ausgewählt, die gut in die senegalesische Metrik passen”, sagt Samb. Das US-Material wurde dann in den Studiosessions oft in ein und demselben Stück mit senegalesischen Songs zusammengespannt. Das Ergebnis nennt er „Jazz Sabar” – eine transatlantische Kreuzung, in der die vertrauten Melodien auf komplexe Rhythmen treffen. Für ihn selbst auch eine Neuentdeckung der Klänge, mit denen er als Bub aufgewachsen ist, die er aber zuvor nie studierte: „Ich wollte die traditionelle Musik genauso gut kennen lernen wie den Jazz.”

Die Verknüpfung ist auch abseits der Standards gelungen: Auf vokaler Seite bringt er traditionelle Stimmen mit Rap-Interludien und bezwingendem Pop-Charme zusammen, hier stehen etwa Faada Freddy oder der kürzlich verstorbene Ndiouga Dieng vom Orchestra Baobab auf dem Gastzettel. Alle Texte werden in der Landessprache Wolof gesungen – auch das ein unmissverständliches Signal an die Welt, das bei einer Begegnung der Kontinente nicht automatisch aufs Englische zurückgegriffen werden muss. Ein ganz grandioser Brückenschlag, nach der CD zu urteilen. Und live könnte Herve Samb die afrikanische Offenbarung dieses Winters werden.

© Stefan Franzen

Hervé Samb live: 5.2. Mühldorf, Haberkasten – 6.2. A-Innsbruck, Treibhaus – 8.2. Berlin, A-Trane – 10.2. Tübingen, Sudhaus+Prinz K – 11.2. Freiburg, Jazzhaus – 13.2. F-Paris, Studio de L’Ermitage – 15.4. CH-Cully, Cully Festival

Hervé Samb: „Thiossane“
Quelle: youtube



Von Kairo zum Kap: Crossroads


Clubmusik der Metropolen Afrikas ist in unseren Breiten nicht allzu häufig zu hören. Die Kaserne Basel wagt es nun mit „Masr!“ und „Mzantsi“: zwei Nächte, die sich dem aktuellen Nachtleben Ägyptens und Südafrikas widmen und in ein Festival namens „Crossroads“ eingebettet sind. Getragen wird das dreitägige Ereignis (8.-10.2.) durch eine Kollaboration der Kulturstiftung Pro Helvetia, der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) sowie weiteren Partnern aus Genf und Basel. Mit „Masr!“ werden Spotlights auf die aktuellen Trends in den Clubs von Kairo gerichtet: Zu Gast ist der unumstrittene König des Electro Sha‘abi, Islam Chipsy. Die Soundkünstlerin Nour Emam hat eigens für Crossroads eine Show mit den Schweizer Musikern Janiv Oron (Goldfinger Brothers) und Michael Anklin (UFO) konzipiert.

Während des südafrikanischen Abends namens „Mzantsi!“, der die Entwicklungen in Johannesburg und Durban berücksichtigt, wird unter anderem minimalistischer Electro-Soul von Manthe Ribane (Die Antwoord) zu hören sein., die sich mit dem Genfer Frauenduo Kami Awori (siehe Foto oben) zusammentut. Rap und Kwaito gibt es von Okmalumkoolkat und Dokta SpiZee, die neue südafrikanische House-Spielart Gqom wollen die DJs Lag und Prie Nkosazana zelebrieren. Crossroads ist interdisziplinär angelegt: Neben den Konzerten gibt es es etwa eine Tanzperformance über Homosexualität in Indien, eine Videoinstallation über experimentelle Filmkunst in Afrika oder ein Theaterstück über die Entwicklungen in der arabischen Welt seit 9/11.

Manthe Ribane: „Teleported“
Quelle: vevo

Motowns raueste Versuchung

Seine raugeschmirgelte Stimme wird immer mit dem Hit „Papa Was A Rolling Stone“ in Verbindung bleiben: Dennis Edwards war der charismatische und charaktervolle Leadsänger in der vielleicht spannendesten Phase der Detroiter Supergroup The Temptations. 1968 stieg er als Nachfolger von David Ruffin ein und prägte die psychedelisch gefärbten Hits voller orchestraler Dramatik, neben dem erwähnten Papa etwa „Cloud Nine“, „Psychedelic Shack“ oder „Masterpiece“. Gestern ist Edwards einen Tag vor seinem 75. Geburtstag gestorben.

The Temptations feat. Dennis Edwards: „Psychedelic Shack“
Quelle: youtube

Joyce Moreno 70

                                                        Foto: Markus Kurz

Es war am 23.9.2005, als wir zu einem ganz besonderen Hausbesuch eingeladen waren. Die brasilianische Sängerin Joyce Moreno, seit Ende der 1960er eine Ikone der zweiten Bossa Nova-Generation, empfing Markus Kurz und mich im Rahmen einer Homestory fürs Magazin Jazz thing zuhause in Rio, um über ihre Plattensammlung zu sprechen. Unterhaltsam und hochspannend habe ich diesen Nachmittag in Erinnerung, ein grandioser Streifzug durch mehrere Jahrzehnte brasilianischer Musikgeschichte. Heute wird Joyce 70 Jahre jung, und ich möchte sie mit einem ebensolchen Streifzug durch sieben herausragende Stationen ihrer eigenen Karriere ehren. Bom aniversário, Joyce!

1. Nelson Angelo & Joyce Moreno: „Comunhão“ (1972)
Quelle: youtube

Anfang der 1970er suchte Joyce noch nach ihrem eigenen Ton. Nach der Veröffentlichung ihres etwas schwülstig-orchestralen Debüts von 1968 tat sie sich vier Jahre später mit dem Liedermacher Nelson Angelo aus Belo Horizonte zusammen, der der lyrischen Bewegung der Clube da Esquina verbunden war, unter anderem an der Seite von Milton Nascimento. Herausgekommen ist ein folkiges Kleinod mit leicht psychedelischen Anwandlungen, ein typisches Dokument seiner Zeit. Weiterlesen

Schottlands unentdeckter Folk-Stolz

Blue Rose Code
The Water Of Leith
(Navigator/H’Art)

Die Schotten begehen heute das „Burns Supper“, den Geburtstag ihres „Nationaldichters“ Robert Burns. Zu diesem Anlass möchte ich eine Platte vorstellen, die Ende letzten Jahres zu mir kam und es aus dem Stand noch in meine 2017er-Favoritenliste geschafft hat.

Blue Rose Code um den Sänger und Songschreiber Ross Wilson aus Edinburgh gehören zu den Folkbands, die sich stilistisch weit öffnen, und aus dieser Begegnung neuartige Farben gewinnen. Im Falle dieser Band ist es die Nähe zum Jazz, die sich in Saxophon- und Trompeten-Improvisationen äußert, genauso unvermittelt wie organisch in die Songs eingesetzt. Es ist aber auch das Spiel mit der Klassik, präsent in den leuchtenden Texturen eines Streichquartetts. Und dann ist da in Wilsons Dichterseele das Streifen durch weite inner wie äußere Landschaften, die über die Topoi der keltischen Folkmusik hinausreichen, ein Soul, der vom Heimkommen, von der ewigen Liebe, aber genauso auch vom Wetter spricht.

The Water Of Leith eröffnet mit der großartigen, sich aufschwingenden Ballade „Over The Fields“, die dem verstorbenen Asia-Sänger John Wetton gewidmet ist. Ein melancholischer Folkrock-Ohrwurm voll Liebesschmerz ist „Bluebell“, das schwungvolle „Ebb & Flow“ trägt hellere Farben mit einem Van Morrison-Anklang auf, und „Sandaig“ offenbart einen Einblick ins gälische Erbe der schottischen Westküste. Eine grandiose Verzahnung zwischen Folk und Jazz geschieht in „Nashville Blue“ mit seinem tiefnächtlichen Trompeten-Intermezzi. Selbst vor Country haben Wilson und seine Truppe keine Scheuklappen, wie sich im federnd leichten „Love Is…“ zeigt.

Und kurz vor Ende hat dieses Kammerfolkorchester noch ein heißes Eisen im Feuer: Die freie Improvisation über „The Water“ mündet in das fantastisch schillernde, orchestrale „To The Shore“, vollgesogen mit nordischen Naturbildern – eine kleine Klangodyssee mit cineastischen Streichern, mäaandernder Trompete, Klaviertropfen, Slidegitarre. Vielleicht wird man von Ross Wilson rückblickend eines Tages als Robert Burns des 21. Jahrhunderts sprechen. The Water Of Leith jedenfalls könnte für den schottischen Folk eine neuartige Identität stiften.

© Stefan Franzen

Blue Rose Code: „Bluebell“
Quelle: youtube