Gospel für die Gefallenen

Der südafrikanische Sänger, Schriftsteller und Schauspieler Nakhane Touré schöpft für seine erschütternden Songs Inspiration aus seinem Xhosa-Erbe und elektronischen Sounds, aus dem Kampf um seine sexuelle Selbstbestimmung und der Lossagung von der Kirche.

Nakhane, Ihre Stimme ist sehr besonders und einzigartig. Wenn man überhaupt irgendwelche Vorbilder heraushören möchte, dann landet man bei Scott Walker oder David Bowie…

Nakhane: Ich habe beide viel gehört, denn mir liegt diese Tendenz zum Opernhaften und Lächerlichen, und beide diese Stimmen haben das ja. All meine Tanten und meine Mutter haben klassische Musik in Chören gesungen, damit bin ich aufgewachsen, sie waren meine Heldinnen. Aber meine Mutter hörte auch Soul, und lange Zeit wollte ich Marvin Gaye sein! Doch als ich im Teenager-Alter anfing, selbst Songs zu schreiben, wollte ich nicht mehr klingen wie jemand anders, ich fand so viel Bestätigung in meiner eigenen Stimme und darin, herauszufinden, was ich mit ihr anstellen könnte.

Sie sind auch als Buchautor und Schauspieler erfolgreich – hat irgendeine der drei Tätigkeiten Priorität für Sie?

Nakhane: Singen tue ich, seit ich vier oder fünf Jahre alt bin, die Stimmbänder sind ja ein Teil meines Körpers und in dieser Tatsache liegt sehr viel Kraft. Später erst bekam ich dann Musikunterricht und lernte lesen, und ich merkte, dass ich mich auch für Schauspiel interessierte. Sowohl Schauspielkunst und Literatur als auch Musik und Komposition habe ich dann auch studiert, ohne beruflich damit etwas anstellen zu wollen. Es war einfach die Einstellung: Ich habe das Verlangen etwas zu tun, also tue ich es.

In Ihrer Musik stehen elektronische Elemente im Mittelpunkt, Beats und Synthesizers. Würden Sie sagen, dass sich noch etwas von Ihrem Erbe darin findet, aus der Tradition der südafrikanischen Xhosa?

Nakhane: Ja, das steckt in meiner Art und Weise zu singen, Melodien zu kreieren, Harmonien zu schichten. Mein Produzent und ich streiten uns, wenn es darum geht, die Taktschläge zu zählen. Ich setze oft auf dem Offbeat ein, da zeigt sich der geographische Unterschied zwischen Europa und Südafrika. Als ich mich entschied, ein Album in England aufzunehmen, wollte ich anders klingen, ganz und gar nicht britisch. Deshalb gibt es auch ganz konkret afrikanische Sounds in meinen Songs, etwa das Daumenklavier Mbira aus Simbabwe oder die Chöre, die auf südafrikanischen Gospel zurückgehen. Ein Song wie „Clairvoyant” hört sich sehr südafrikanisch an – ich liebe die Musik meiner Heimat und lasse mich immer wieder von ihr beeinflussen.

Sie haben gerade die Gospelfarbe Ihrer Musik erwähnt. Über die Chöre hinaus gibt es auf Ihrem aktuellen Album You Will Not Die ja auch Kirchenglocken in den Arrangements und jede Menge religiöser Themen in den Texten. Würden Sie Ihre Musik als spirituell bezeichnen?

Nakhane: Ich würde sie als „Gospel für die Gefallenen” bezeichnen. Mir dient die Musik der Kirche dazu, über mein Leben, über meine Sexualität, meine Familie zu schreiben. Dies alles möchte ich preisen anstatt nur eines christlichen Gottes. Mit diesem neuen Album nehme ich Abschied von meiner Kindheit und der Kirche, aber ich wollte dabei nicht zornig klingen. Der christliche Glaube war ein so großer Bestandteil meines Lebens, dass ich ihn nicht als etwas Hässliches darstellen wollte, sondern als etwas voller Wärme und Liebe.

Können Sie uns eine Vorstellung davon geben, welche Schwierigkeiten Sie hatten, als schwuler Mann in Südafrika aufzuwachsen – machte Ihnen die Xhosa-Gemeinschaft da Probleme, oder kamen die nur durch die Kirche?

Nakhane: Ein komplexes Thema. Bei den Xhosa gibt es auf der einen Seite so viel Akzeptanz, andererseits auch Gewalt. Es hängt davon ab, wo du bist, mit wem du zusammen bist, welche Art von Queerness du lebst, was du sagst, wie du dich darstellst, ob du bedrohlich wirkst. Auch, ob du eine Fernsehberühmtheit bist, ob du eine Figur verkörperst, die die Anderen zum Lachen bringt, dann lieben sie dich. Aber in dem Moment, in dem du eine wirkliche Person bist, wird es kompliziert. Auf der anderen Seite gibt es eine sehr vielschichtige Idee von Sexualität in der Xhosa-Gesellschaft, die die europäische übersteigt. Das Geschlecht spielte keine große Rolle – doch dann kam die Kirche und hat ihre Regeln aufgestellt, dass du dich so oder so verhalten musst. Man muss sich vergegenwärtigen, dass wir das fünfte Land auf der Erde sind, dass die gleichgeschlechtliche Heirat legalisiert hat.

Was steckt hinter dem Albumtitel “You Will Not Die“?

Nakhane: Als ich noch ein Christ war, hatte ich die klare Vorstellung, dass ich nach dem Tod in den Himmel kommen würde. Danach wurde dieses klare Bild verschwommen. Ich hatte Angst vor allem:  vor dem Überqueren der Straße, vor dem Besteigen eines Flugzeugs, vor Sex. Doch dann hatte ich einen Traum, in dem mir eine Zahl gezeigt wurde. Ich kenne zwar ihre Bedeutung nicht, doch dieser Traum veränderte mich, ließ wieder zu, dass ich Freude an der Welt und an meinem Dasein hatte, an jedem Moment. Ich hatte nicht mehr diese Einbahnstraße im Kopf, dass alles entweder im Himmel oder in der Hölle enden wird. Meine Songs haben mir geholfen zu erkennen, dass ich nicht böse bin, dass mit mir alles stimmt. Früher habe ich mich immer gegen den Begriff „Katharsis“ gewehrt – doch jetzt akzeptiere ich ihn.

© Stefan Franzen
dieses Interview habe ich für das Programmheft des Stimmen-Festivals geführt, dort wird Nakhane am 25.7. im Rosenfelspark Lörrach auftreten

Nakhane: „New Brighton“ feat. ANOHNI
Quelle: youtube

Der Hirte hat den Beat

Mit dem Terminus „Urban African Music“ wird die elektronische Musik des afrikanischen Kontinents gerne beschrieben. Doch das ist oft zu kurz gedacht. Ein Sänger aus den Bergen von Lesotho, der gerade international durchstartet, ist dafür ein schönes Beispiel. Morena Leraba heißt der Mann aus der Region Mafeteng im kleinen Königreich, das wie eine Insel in der großen Republik Südafrika liegt. Wie viele seiner Landsleute war er zunächst Schafhirte, es ist also nicht nur exotisches Kolorit, wenn er auf der Bühne die Berufsinsignien seines früheren Jobs trägt: einen kegelförmigen Strohhut mit langem Zipfel und einen Hirtenstab, den er für seine Choreographie effektvoll einsetzt, hohe Stiefel und eine grobe Wolldecke als Umhang gegen die Kälte im Hochland.

Morena Lerabas Musik schöpft aus vielen Quellen: Ihre Roots hat sie im staubigen Hochland seiner Heimat, in den Lyrics erzählt er in der Sesotho-Sprache von dörflichen Mythen, von Kräuterkunde und magischen Kräften. Leraba bezieht sich auch auf den Famo, eine Musik, die Migranten aus Lesotho vor bereits fast 100 Jahren in Südafrika spielten, als sie dort in den Goldminen Arbeit fanden. Damals war noch das Akkordeon das zentrale Instrument. Dieses Urmaterial hat Leraba mit HipHop, Reggae und vor allem elektronischer Tanzmusik vermengt. Das tönt ab und an mal sphärisch, meist aber sehr körperlich: Repetitive Melodiephrasen, die grollend bis beschwörend vorgetragen werden und ein rasanter Sprechgesang, durchbrochen von Jauchzern, prägen den Gesang. Darunter liegen House-artige Rhythmen, wie sie auch in der Kwaito- und Gqom-Musik Südafrikas vorkommen, für Gegenmelodien verzahnen sich bassmächtige Keyboards und ein Xylophon. Einen guten Eindruck von seinem Sound bekommt man mit dem Titel „Impepho“.

Erstmals kombinierte Leraba sein Erbe vor fünf Jahren mit Elektronik, als er einen Song mit der deutsch-südafrikanischen Band The Freerangers aufnahm. Später traf er auf den Produzenten Kashaka aus Brooklyn oder dessen brasilianische Kollegen Trapfunk & Alivio, Südafrikas Rapper Spoek Mathambo ist ebenso auf der langen Liste seiner Teamworker. Schließlich wurde auch der britische Popkünstler Damon Albarn auf ihn aufmerksam und integrierte ihn in sein Langzeitprojekt Africa Express. Problematisch, diese Floskel „urban“: Morena Lerabas Sound ist heute in den Clubs von Johannesburg bis London zuhause, und sie wird auf seinem bald erscheinenden Debütalbum die ganze Welt umspannen, mit Gastauftritten von Musikern aus Nigeria, Frankreich und den USA. Doch in ihrem Kern ist sie so „ländlich“, wie man es sich nur vorstellen kann.

© Stefan Franzen, veröffentlicht in der Badischen Zeitung, Ausgabe 08.06.2019
da der Künstler kein Visum erhalten hat, fallen die geplanten Konzerte leider aus!

Morena Leraba: „Impepho“
Quelle: youtube

Kauziger Hexenmeister


Zu Pfingsten wird es in New Orleans wohl eine ganz besonders seelenvolle Second Line geben: Mac Rebenack alias Dr. John hat uns mit 77 Jahren verlassen. Möge er mit seiner Klangzauberei auch die andere Welt beglücken. Ich erinnere an ihn mit seinem großartigen Album Gris-Gris aus dem Jahre 1968.

Dr. John: „Gris-Gris Gumbo Ya Ya““
Quelle: youtube

 

Gladys 75


Ihr Auftritt beim bewegenden Funeral für Aretha Franklin letzten August zeigte: Gladys Knight hat im Gegensatz zu etlichen ihrer KollegInnen aus dem Soulfach noch eine fantastische Stimme, die kaum zu altern scheint. Heute wird die Grande Dame 75, hat Höhen und Tiefen gesundheitlicher und musikalischer Natur hinter sich und kann auf eine fast 60-jährige Karriere zurückblicken.

An ihrem Timbre hat mich immer fasziniert, wie kraft- und ausdrucksvoll sie die tieferen Lagen ausfüllen konnte, mit einer leidenschaftlichen, aufrichtigen Präsenz, die keine glitzernden Tonleitereskapaden oder exaltierten Shoutings benötigte. Natürlich ist ihr „License To Kill“ aus dem James Bond-Film ihr größter Welthit geworden, doch für mich verstecken sich auf den Alben mit ihrer Band The Pips aus den Spätsechzigern und Frühsiebzigern die eigentlichen Schätze aus ihrem großen Katalog, angefangen mit der unerreichten Version von „I Heard It Through The Grapevine“.

Gladys Knights Karriere ist beileibe noch nicht zu Ende: Am 15.7. wird sie auch in unseren Breiten (Zürich, Theater 11) zu hören sein.
Happy Birthday, Gladys!

Gladys Knight & The Pips: „I Don’t Want To Do Wrong“
Quelle: youtube

(he)artstrings #28: Electro-Dramolett


Ultravox
„Vienna“ (Midge Ure, Billy Currie, Warren Cann, Chris Cross)
(aus: Vienna, 1980/81)

In der Nachbetrachtung wurden diese fünf Minuten oft zur größten New Wave-Hymne aller Zeiten erklärt. So weit würde ich vielleicht nicht gehen, doch die Kombination aus den Ultravox-typisch wimmernden Synthesizern, den harten Zisch- und Wummer-Beats vom Roland CR-78, der Piano-Grandezza, verfremdeten Bratschensounds und dem leicht selbstgefälligen Vokalpathos von Midge Ure hat mich als Zwölfjährigen sehr begeistert. Es gab damals wenige Electro-Stücke, die es soweit in den Mainstream geschafft haben, Ghosts von Japan fällt mir aus diesem Zeitraum noch ein.

Das Video erinnert eher an ein Schauermärchen à la Der Golem, wurde in großen Teilen in London und nur auszugsweise in Wien gedreht. Und auch die Geschichte hat eher wenig mit der Donaumetropole zu tun: Ure und Co hatten zwar die Irrfährte gelegt, dass die Lyrics mit der Secession zu tun hätten, stellten aber später richtig, dass es einfach um eine vergangene Liebesaffäre ging. Noch aberwitziger ist, wie die Band überhaupt auf das Wort „Vienna“ kam: Ure wurde angeblich von einer Bekannten angeregt, ein Lied im Stil des Fleetwood Mac-Hits „Rhiannon“ zu schreiben, doch diese hatte den Namen nie richtig verstanden und als „Vienna“ abgespeichert.

Als ich vor Jahren den Roman Die Arbeit der Nacht von Thomas Glavinic las, hörte ich den Ultravox-Song als latenten Begleitsoundtrack in meinem Kopf – die Geschichte von einem, der morgens in einem menschenleeren Wien aufwacht und feststellt, dass er der einzige verbliebene Mensch auf Erden ist, hat eine ebenso düster-morbide Atmosphäre, die die Nerven aber deutlich mehr belastet als diese tolle Electro-Hymne der aufkeimenden Achtziger. Und auch jetzt, bei einem mehrtägigen Aufenthalt in Wien, in Sturm und Regen, ging mir Ultravox nicht mehr aus dem Kopf.

Ultravox: „Vienna“
Quelle: youtube

Heimat ohne Ort

Ein meditatives Plädoyer für die Grenzenlosigkeit der Musik und gegen politische Trennlinien: Placeless, eine gemeinsame CD der iranischen Schwestern Mahsa und Marjan Vahdat mit dem Kronos Quartet.

 

Seit 1973 hat das Kronos Quartet eine Lanze für ungewöhnliche Teamworks gebrochen. Es dürfte nahezu keine Weltgegend mehr geben, die die vier Amerikaner um den Geiger David Harrington nicht schon musikalisch besucht haben. Ihre gemeinsame CD mit dem persischen Schwesterpaar Mahsa und Marjan Vahdat dürfte im riesigen Katalog jedoch eine Sonderstellung einnehmen – ihres spirituellen Tiefgangs wegen, aber auch wegen der Brisanz, die eine US-iranische Kollaboration per se darstellt.

Gleich zu Beginn des Interviews betont Mahsa Vahdat: «Wir möchten mit unserer Arbeit keine politischen Slogans transportieren. Doch unsere Botschaft ist: Alle Einschränkungen, die Politiker uns versuchen aufzuerlegen, alle Mauern, Trennlinien, Antagonismen können Kunst und Musik überwinden.» Die erste Begegnung mit dem Kronos Quartet geht auf das Jahr 2016 zurück: Damals trifft Vahdat in San Francisco, ihrer heutigen Wahlheimat, den Komponisten und Arrangeur Sahba Aminikia, der schon mit den vier Streichern gearbeitet hat und beide Seiten miteinander bekannt macht. «Die Chemie stimmte einfach», erinnert sich Vahdat. Aminikia arrangiert im Folgejahr drei Stücke für Stimme und Quartett. Der norwegische Produzent Erik Hillestad vom Label KKV, auf dem sowohl Mahsa als auch Marjan Vahdat seit etlichen Jahren CDs veröffentlichen, hört das Ergebnis und ist enthusiastisch, will ein ganzes Album mit beiden Schwestern und den Amerikanern produzieren. In einem langen Prozess wird das Repertoire in Oslo erarbeitet.

«Natürlich gab es Herausforderungen», sagt Vahdat, für die es nicht die erste US-iranische Zusammenarbeit ist, zuvor hatte sie schon mit dem Bluesmann Mighty Sam McClain musiziert. «Gerade bei den langsamen, rhythmisch freien Eingangssequenzen, in der persischen Musik heißen sie Avaz, mussten wir sehr detailliert arbeiten. Aber solche Herausforderungen sind notwendig, ohne sie hätte das Resultat keine Bedeutung. Vom ersten bis zum letzten Treffen vor Aufnahmebeginn in der akustisch ausgezeichneten Osloer Kulturkirken Jakob vergingen zwei Jahre. Wir entdeckten immer neue Sounds, je besser wir uns kennenlernten. Zeit und Reife spielten eine große Rolle.»

Dies liegt auch ganz zentral daran, dass die delikaten Wechselwirkungen zwischen Poesie und Musik «erhorcht» werden mussten: Alle Stücke gehen auf Melodien zurück, die Vahdat im Geiste der persischen Klassik und Folklore erfand. «Ich schöpfe Neues aus diesen alten Tonleitern, passe sie meiner eigenen ästhetischen Denkweise an, meinem eigenen Ausdruck. Dabei arbeite ich auch mit regionalen Färbungen, wie etwa im Lied ‘Far Away Glance’, das auf Musik aus Khorasan zurückgeht», erklärt sie. Ihre Melodien transportieren die 800 Jahre alte Dichtung der Sufi-Lyriker Rumi und Hafez, aber auch zeitgenössische Verse von Mohammad Ibrahim Jafari, Atabak Elyasi und Forough Farrokhzad. Letztere hat eine Ausnahmestellung in der iranischen Dichtkunst inne, denn sie schrieb bereits vor 50 Jahren aus einer sehr weiblichen Perspektive heraus, ist also gerade heute, in der Ära der Restriktionen gegen Frauen in der iranischen Gesellschaft eine Symbolfigur. «Dabei haben die alten und die neuen Verse Vieles gemeinsam», meint Vahdat. «Auch Hafez hat schon Heuchelei angeprangert und den Missbrauch der Religion, um Menschen zu beherrschen.» Besonders begeistert sie der zweigesichtige, «schwebende» Charakter der Liebesgedichte: Physisches und Spirituelles mischt sich, konkrete Attribute, wie etwa die Haare der oder des Geliebten können auch eine Metapher für Göttliches sein.

«Meine Schwester und ich haben viele Jahre nach einem Weg dafür gesucht, wie wir Spiritualität und Liebessehnsucht in unserem Gesang wiedergeben können. Viele unserer Zuhörer sind ja keine Iraner, sie wissen nichts über diese Gedichte und sollen sie trotzdem verstehen. Ich glaube, auch das Kronos Quartet hat die spirituelle Stimmung in diesen Gedichten aufnehmen können, ohne unbedingt die Worte zu erfassen.» Und wie klingt das Ergebnis?

Wenn Mahsa und Marjan Vahdat rhythmisch freie, seelenvolle Vokal-Lamentationen singen, liefern die Streicher manchmal lediglich rauchige Bordune und Liegetöne, etwa in Farrokhzads „The Sun Rises“. An anderer Stelle kommt eine ausgefeilte Partitur mit Pizzicati und impressionistischen Harmonien à la Ravel zum Zuge („I Was Dead“). In „Vanishing Lines“ denkt man an einen Quartettsatz, wie er in der abendländischen Romantik gespielt wird. Und fast tänzerische Gesten hellen das ernste Repertoire in „Fate Astray“ auf. Belebend ist dabei immer der Wechsel zwischen den schwesterlichen Stimmen: Mahsa mit ihrem eher lyrischen Ton, der an der persischen Klassik geschult ist, Marjan, die regionale Farben fassen und Akzente imitieren kann – mit einem „furchtlosen Ausdruck“, wie es ihre Schwester nennt.

Eine intensive Zwiesprache zweier Kulturen, die im politischen Tagesgeschäft Erzfeinde sind. Was schließlich zum Titel der CD, Placeless, führt. Er beruht auf einem Rumi-Gedicht aus dem Diwan-e Schams-e Tabrizi, in dem der Sufidichter davon spricht, dass er sich keiner Religion zugehörig fühle, keiner geographischen Herkunft, weder der Erde noch dem Firmament. Er schließt mit dem berühmten Vers: „Mein Ort ist ohne Ort, meine Spur ohne Spur.“ Für Mahsa Vahdat spiegelt sich darin genau der Charakter dieses Projekts wider: „Es bedeutet, sich jenseits aller Grenzen aufzuhalten, keine Fesseln zu haben. Das ist von jeher das Konzept des Kronos Quartets und nun unserer gemeinsamen Arbeit. Auch für mich ist das wichtig, denn ich war während der letzten Jahre viel unterwegs, immer in Bewegung, da ich in meiner Heimat nicht arbeiten kann. Ja, meine Wurzeln liegen im Iran, aber ich kann eins werden mit Zuhörern überall auf der Welt. Der Ort, an dem ich singe, wird dann mein Zuhause und zugleich habe ich das Gefühl einer ‚Ortlosigkeit‘.“

© Stefan Franzen
erschienen auf qantara.de

Mahsa & Marjan Vahdat, Kronos Quartet: „My Ruthless Companion“
Quelle: youtube

Funky folk noir

Frollein Smilla
Freak Cabaret
(t3 records/Galileo)

Nach dem Gewinn der Freiburger Leiter auf der Kulturbörse im Januar meldet sich die quirlige Berliner Kapelle Frollein Smilla mit ihrem zweiten Album zurück. Die acht Musiker um Sängerin Desna Wackerhagen balancieren charmant zwischen morbider Zirkus-Lyrik wie im funkigen Folk Noir des Titelstücks, sommerleichten Liebesballaden auf Deutsch („Wie Es Ist“), einem Hauch Chanson und frecher Nostalgie, die an die Charleston-Ära verweist („Burning Sun“). Dabei spielt die Blechblasektion eine zentrale, aber keine dominante Rolle, das Bandgefüge ist fein austariert zwischen Horns, Stimmen und Saitenriege.

Wird‘s melancholisch, klingt’s mal ein bisschen nach Sophie Hunger-Walzer („Anfang Von Gestern“), ein Streichquartett beduftet zwei Stücke („Dear Bereaved“, The Garden“), feine Vokalsätze werden famos eingewoben. Und dass die Texte kleine kritische Stupfer gegen das System parat halten, gehört zum guten Ironie-Ton einer Berliner Kapelle „(Hunderte Mehr“, oder das ein wenig nach Neue Deutsche Welle tönenden „Klappspaten“). Einzig der Ausflug ins Spanische ist nicht ganz überzeugend geraten.

© Stefan Franzen

Frollein Smilla: „Anfang von gestern“, live bei MDR Kultur
Quelle: youtube

Folksoulige Vielfalt

„Ich bin in einer Baptistenkirche groß geworden, und die Ausrichtung der Musik über das Ego hinaus steckt auch heute noch in meiner Musik“, sagt Lydia Persaud (sprich: pör-sod). „Das kannst du ruhig ‚spirituell‘ nennen.“ In Torontos Szene ist die junge Sängerin eine vielgefragte Stimme, kein Wunder, hat sie sich nach ihrer Jazzausbildung an der Humber School über die vergangenen Jahre doch in jedem Genre ausprobiert und bewährt: Country-esker, kompakter Satzgesang mit dem Frauentrio The O’Pears, Soul- und Pop-Powerballaden mit der Coverband Dwayne Gretzky, intime Jazzfarben auf der frühen EP Lost And Found.

Jetzt erscheint ihr erster Longplayer Let Me Show You. „Alle meine Projekte haben mich zu diesem Album geführt“, so Persaud. „Es stecken das Storytelling und die Harmoniegesänge des Folk drin, den ich erst relativ spät kennenlernte, obwohl es hier in Kanada für dieses Genre einen großen Industriezweig gibt, der immer noch wächst. Aber meine Songs haben auch den emotionalen und stilistischen Drive von R&B und Soul, mit dem ich von klein auf in Berührung war. Ich würde es also Folksoul nennen.“ Für die Ausformung ihres Songwritings nennt sie als prägenden Einfluss unter anderem Rufus Wainwright: Den „stream of consciousness“ seiner Erzählkunst bewundert sie, und ihre Version von Wainwrights „Poses“ berührt mit ihrer brillanten Phrasierung und ihrem großen dramaturgischen Atem tief.

Lydia Persaud: „Poses“
Quelle: youtube

Für Let Me Show You ist Persaud beim Schreiben vom Piano auf die Bariton-Ukulele umgestiegen. Das hat bewirkt, dass die harmonische Dichte ihrer älteren Jazzkompositionen sich auf der neuen CD in eine Leichtigkeit gelöst hat, an der auch die unverschämt locker groovenden Band-Kollegen aus ihrer Heimatstadt großen Anteil haben. In etlichen Stücken geht es um Liebesmelancholie, wie im angenehm verträumten Titelstück. Doch bei aller Relaxtheit des Sounds geht Persaud in ihren Lyrics auch härtere Themen an: Etwa in „No Answer“, wo es um den schwierigen Umgang Kanadas mit den Verbrechen an den Indigenen geht. Sie sitzt tief, die Enttäuschung über Präsident Justin Trudeau, der trotz seiner Bewusstheit für die kulturelle Diversität Kanadas dem Pipeline-Bau durch ein Gebiet der First Nations zustimmte. Persaud, die einen guyanischen Vater und eine ukrainische Mutter hat, solidarisiert sich mit denen, die für die Vielfalt der Gesellschaft sorgen, sei es durch ihre Gene oder ihre Überzeugungen.

„In meinem Blut ist dieses Erbe, aber in meiner Musik nicht. Ich bin ein Produkt Kanadas, und meine wichtigste Erfahrung ist es, wie ich als woman of color hier zu meiner Identität fand.“ Herkunft und Geschlecht ließen sich nicht ignorieren, sagt sie, aber sie seien eben auch nicht alles. Persaud ,die im CD-Booklet ausdrücklich ihre LGBT-Community grüßt, hat der Buntheit und Weiblichkeit Kanadas mit der Singleauskopplung „Honey Child“ eine schöne Hymne geschrieben: „Der Song ist eine Ermutigung, sich selbst zu lieben – egal, was für einen Körper du hast und welche Hautfarbe.“

© Stefan Franzen

Lydia Persaud: „Well Wasted“
Quelle: youtube

Transpazifische Kreuzfahrt

Minyo Crusaders
Echoes Of Japan
(Mais Um Discos/Indigo)

Der Name dieser Combo gibt zunächst einmal Rätsel auf. Wer kreuzt hier wo? Der Reihe nach: Wir haben es hier mit einer zehnköpfigen Bigband aus Nippon zu tun, deren Leader Katsumi Nataka nach dem verheerenden Erdbeben von 2011 auf Wurzelsuche im eigenen Land ging – denn er hatte gespürt, wie schnell eine Kultur ausgelöscht werden könnte. Alte, „Min’yō“ genannte Volkslieder aus dem Repertoire der Fischer, Sumo-Ringer und Minenarbeiter förderte er zutage, doch seine Band hat diese fern jeglicher Nostalgie oder musikethnologischer Sprödigkeit arrangiert. Denn die Folksongs aus den verschiedenen Präfekturen von Fukushima bis Yamagata haben neue Partner auf anderen Kontinenten gefunden, und die heißen Cumbia, Beguine, Boogaloo, Ethio-Jazz und Reggae.

Wie die expressiven Falsett-Vocals, gewürzt mit theatralischem Vibrato, von Latin-Rhythmen und -Bläsern flankiert werden, das klingt zumindest amüsant, in vielen Momenten aber richtig gelungen. Der Geist eines Verstorbenen kehrt zu einem Afrobeat-Rhythmus zurück, Japans winzigstem Vogel wird funky gehuldigt, und ein Reggae ist einem pockennarbigen Mann gewidmet. Stellenweise erinnert man sich schmunzelnd an Señor Coconuts Kraftwerk-Adaptionen. Ein transpazifischer Brückenschlag, der weit davon entfernt ist, nur Klamauk zu sein. Vielmehr wird das fernöstliche Erbe aus einer Perspektive beleuchtet, die es in eine weltweit verständliche und zudem noch tanzbare Sprache umsetzt.

© Stefan Franzen

Minyo Crusaders: „Aizu Bandaisan“
Quelle: youtube

Duoreise durch die Zeiten

Unter den herausragenden Jazzstimmen der deutschen Szene, die ich während der letzten Jahre auf diesem Blog vorgestellt habe, hat Simin Tander eine ganz persönliche Färbung. Das setzt sich auch in ihren aktuellen Arbeiten fort. Vor wenigen Tagen hat sie eine Facette daraus mit dem Cellisten Jorg Brinkmann auf der Messe Jazzahead in Bremen vorgestellt. Eine Duoreise durch die Jahrhunderte in nur vier Stücken: Sie reicht vom französischen Barock über Guillaume de Machaut bis zu einer Eigenkomposition und einer Adaption der afghanischen Sängerin Gulnar Begum – stets aus der Perspektive starker Frauen. Berührend und verblüffend, wie die beiden Zeiten und Geographien überwinden.

Simin Tander & Jörg Brinkmann: Live At „Jazzahead“ 2019
Quelle: jazzahead / radiobremen