Versöhnung für die Zukunft

Als einer der großen Vordenker des Kontinents schwimmt der Kameruner Blick Bassy kräftig gegen den Strom. Seine Mittel sind sparsam, seine Botschaften stark: Sein neues Album 1958 widmet er dem kamerunischen Freiheitskämpfer Ruben Um Nyobé und erzählt in akustischen Miniaturen exemplarisch an seinem Heimatland, was die Europäer in Afrika angerichtet haben. Hier spricht Blick Bassy ungekürzt im greenbeltofsound-Interview.

Blick Bassy, der Sound auf Ihrem neuen Werk 1958 ähnelt dem des Vorgängers Akö, aber es gibt mehr Instrumente. Wie würden Sie die Unterschiede charakterisieren?

Blick Bassy: Mit diesem vierten Album wollte ich ein bisschen weitergehen als auf Akö. Auf Akö hatte ich ein Cello, ein Banjo und eine Posaune. Auf der Bühne experimentierte ich auch mit vielen Effektpedalen, viele elektronische Sounds, ein bisschen Synthesizer. Was den Sound angeht, habe ich eine Trompete hinzugefügt, wir sind jetzt vier Musiker. Dieses Mal spiele ich nicht mehr Banjo, sondern elektrische Gitarre. Ich bin also weiterhin in der Spur von Akö, habe sie aber ausgebaut und modernisiert. Produziert habe ich mit Renaud Letang. Die Idee war, wieder in das Pariser Studio Ferber zu gehen, das ich sehr mag, und auch Letangs Arbeitsweise mag ich sehr. Nach und nach hat er angefangen, uns Ideen vorzuschlagen. Ich brauchte das, dass jemand von Außen draufguckt, denn wenn du an einem Album arbeitest, hast du so einen Tunnelblick, dass du einige Sachen einfach nicht mehr siehst ohne diesen Gegencheck.

Findet man auf dem neuen Album immer noch traditionelle kamerunische Elemente, besonders aus Ihrem Volk, den Bassa?

Bassy: Ja, in den Rhythmen findet man da immer etwas bei mir. Mein Ausgangspunkt sind immer kamerunische Melodien, um die herum ich dann alles Weitere konstruiere. Mir ist wichtig zu sagen, dass die Sprache die Basis für alles ist, denn sie konstruiert das Musikalische. Sie bringt nicht nur die Melodie, sondern auch den Rhythmus, alles fügt sich um die Sprache.

Sie haben Ihr Album 1958 genannt, das ist das Todesjahr des Freiheitskämpfers Ruben Um Nyobé. Warum kennt man in Europa Thomas Sankara oder Patrice Lumumba viel eher als ihn?

Bassy: Um Nyobé ist tatsächlich unbekannter als alle anderen afrikanischen Freiheitskämpfer, und das liegt daran: Unter denen, die für die Unabhängigkeit kämpften, gab es zwei Gruppen. Die eine forderte die totale Unabhängigkeit, die andere akzeptierte die teilweise Unabhängigkeit, wie sie Frankreich vorschlug. Die zweite ist jetzt an der Spitze des Staates Kamerun seit der Unabhängigkeit, das ist Ahmadou Ahidjo, und in der Regierung von Ahidjo war Paul Biya, der auch heute noch, 37 Jahre später Staatspräsident ist. Es ist normal, dass die, die sich mit den Kolonialherren verbündeten und heute noch an der Macht sind, die geschichtlichen Ereignisse weiterhin verheimlichen. Noch gar nicht lange her, als ich bei meinem Großvater war und wollte, dass er mir ein bisschen erzählt, was sich ereignet hat, hatte er Angst, er flüsterte. Bis in die 1970er wurden die Moumiés, die Ouandiés, Kämpfer an der Seite von Um Nyobé, umgebracht. Man hat immer noch damit weitergemacht, diejenigen zu ermorden, die die totale Unabhängigkeit forderten. Man hat sie nicht nur körperlich umgebracht, man hat auch versucht, alles, wofür sie standen, zu beerdigen. In unseren Geschichtsbüchern in der Schule wurde Um Nyobé als Terrorist bezeichnet. Mir hat man noch beigebracht, dass das Bösewichte sind. Viel später erst habe ich die Realität erfahren, sie wollten, dass diese Geschichte vollkommen verschwiegen wird.

Hat das Album für Sie auch eine ganz persönliche Bedeutung? Ihr Vater war auch Teil der kolonialen Geschichte und arbeitete für die Franzosen…

Bassy: Ich bin in dieser Sache völlig in zwei Hälften gerissen. Mein Vater gehörte der französischen Kolonialregierung an, meine Mutter musste als Kind versteckt werden, ist im Wald mit meinem Großvater von einem Ort zum anderen gewechselt, denn man hat die Menschen gefoltert und getötet, die in den Dörfern nahe des Dorfes von Um Nyobé waren. Ich komme aus dem Volk der Bassa, das Dorf meines Großvaters war ein Nachbardorf von dem Um Nyobés. Man hat die Erwachsenen gefoltert, um herauszufinden, wo die Widerstandskämpfer waren, wo sich Um Nyobé versteckt hielt. Ich stand also im Zentrum dieser Geschichte von zwei Fronten.  Auch wenn mein Vater der anderen Seite angehörte, hat meine Mutter durch Zufall einen Moment ihres Lebens im Kampf für unsere Freiheit verbracht.

Es ist genau 100 Jahre her, dass die Deutschen sich aus Kamerun zurückzogen, die Kolonialgeschichte begann mit ihnen. Sehen Sie auch eine Verantwortlichkeit Deutschlands für das heutige Kamerun?

Bassy: Absolut. Kamerun zählte zu den wenigen Ländern, die offiziell gar nicht kolonisiert wurden, aber gleichwohl wie eine Kolonie behandelt wurden. Das fing mit den Deutschen an, und die haben dem Land seinen Namen gegeben, zuvor hieß es „Rio de Camerões“, also Krabbenfluss. Dieser Name stammte von den Portugiesen. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg hat Deutschland Kamerun an England und Frankreich abgegeben. Aber die Kolonisierung hatte schon angefangen, mit Zwangsarbeit. Und einer der Punkte im Befreiungskampf von Um Nyobé war, die Menschen von der Zwangsarbeit zu befreien, ihnen wenigstens eine angemessene Entschädigung zu geben. Die Deutschen waren also die erste Macht, die auf dem Territorium präsent war, das man heute „Kamerun“ nennt, die ersten, die die Menschen gezwungen haben, sie behandelt haben, als gehörten sie einer anderen Menschenklasse an. Ja, Deutschland hat eine Verantwortung, mit dem einen Unterschied, dass es unter ihrer Herrschaft weniger Druck und Einmischung in die politischen Geschäfte des Landes gab als mit England und Frankreich.

Sie haben einmal gesagt, dass das Kamerun sein kulturelles Erbe vergessen hat, das ist das Thema des Stücks „Woñi“. Ist das im Falle von Kamerun besonders spürbar oder gilt das nicht in gewissem Maße für viele afrikanische Länder?

Bassy: Ich glaube, dass es sogar ein globales Phänomen ist. Ich denke, dass 98 Prozent der afrikanischen Länder an der gleichen Krankheit leiden. Es ist nicht einmal das Vergessen des Erbes, denn die Sache ist die: In dem Moment, wo man den Menschen andere Modelle von Bildung, Politik, von Kultur übergestülpt hat, ohne ihnen eine andere Wahl zu lassen, werde diese Modelle für die Generation danach die Basis. In dieser Situation findet sich heute der Großteil Afrikas, daher kommen fast alle ihre Probleme. Stellen wir uns vor, dass man den Deutschen ein syrisches oder türkisches Lebensmodell aufpropft, und heute würden die Deutschen versuchen, exakt nach diesem syrischen oder türkischen Modell zu leben, dann wäre das sehr kompliziert. Denn die Umgebung gibt einem ja die Lebensweise vor, die natürlichen Bedingungen, bei uns die Sonne und die Hitze. Unsere Sommerferienzeit zum Beispiel entspricht nicht der französischen, denn dann ist bei uns die große Regenzeit, und doch nehmen wir exakt die gleiche Ferienzeit wie Frankreich. Dass so zwei untershciedliche Länder nach dem gleichen Modell leben, hat das Chaos ausgelöst, das jetzt herrscht. Es ist dringend nötig, dass wir uns wieder mit dem verbinden, was und wer wir sind.

Blick Bassy: „Woñi“
Quelle: youtube

Sicherlich spielt auch die viel zu schnelle Aneignung der digitalen Epoche in Afrika eine Rolle. Die Jungen haben quasi ein Zeitalter übersprungen…

Bassy: Ich denke, in dem Moment, wo es ein Chaos gibt, und du das Digitale, die Demokratisierung der neuen Technologien dazu gibst, wird sich das Chaos verzehnfachen. Die Menschen saßen zwischen zwei Stühlen: Sie wussten gar nicht, dass sie eigentlich noch dem Gestern angehören, und jetzt versuchen sie, Avatare einer Moderne zu sein, die nie die ihre sein wird. Sie können gerade so überleben, und dann gibt man ihnen Internet und soziale Medien. Die digitale Welt bietet ja ein enormes positives Potenzial, das es erlaubt, ein komplett neues Modell zu schaffen, die unserer Wirklichkeit entspricht. Aber bei ihnen verstärkt es das Chaos.

Sprechen wir über einige Stücke von 1958. Für uns Europäer klingt „Ngwa“ ein bisschen wie Musik zu einer Beerdigung, ein Trauermarsch…

Bassy: Für die Menschen hier kann es vielleicht schon wie eine Trauerfeier klingen, aber bei uns sind diese Feierlichkeiten anderer Natur. Sie finden erst ein Jahr nach dem Tod statt, der Verstorbene wird gefeiert und das dient dem Zweck, dass er sich mit uns wieder vereinigt. Währenddessen essen und tanzen die Leute, einige weinen auch. Die Erinnerung des Toten wird geehrt. Doch in „Ngwa“ wende ich mich an Um Nyobé wie an einen Freund, als würde er mir gegenüberstehen, ja, als würde ich wie bei seiner Trauerfeier vor seinem Foto stehen. Dann zeichne ich alles nach, was er für uns getan hat, was er hinterlassen hat, wofür er gekämpft hat. „Ngwa“ bedeutet einfach „mein Freund“, „mein Lieber“, man sagt es zu jemandem, der einem nahe steht. Meine Eltern zum Beispiel haben sich untereinander so genannt, man kann sich aber auch unter Freunden so nennen.

Sie zeichnen in den beiden Songs “Sango Ngando” und “Poché” Charaktere, die nicht gerade vorbildlich sind. Exisitieren diese Personen wirklich?

Bassy: Ich habe diese Figuren erfunden und wollte damit versuchen, die Wirklichkeit zu skizzieren. Der eine ist arbeitslos und der andere ist ein Verräter. Damit will ich einfach ausdrücken: Die Verbindung zwischen diesen beiden Personen ist, dass sie nicht ihre Geschichte kennen oder sie verraten. Und bei alldem gibt es auch eine Verbindung zu Um Nyobé und zu 1958. Ich erzähle die Geschichte von Um Nyobé nicht nur aus persönlichen Gründen. Wenn man das Chaos in verschiedenen afrikanischen Ländern anschaut, in Kamerun seit den letzten Wahlen, und das Stammesdenken, das gerade wieder hochkommt, dann muss man sich bewusst werden, dass das in der Unkenntnis unserer Geschichte wurzelt. Das hängt alles zusammen. Als ich versucht habe, das aktuelle Chaos zu verstehen, hat mich das zu den Schriften von Um Nyobé gebracht, die er im Widerstand verfasst hat. Es ging ihm in seinem Kampf nicht nur um die Freiheit, Gleichheit und Rechte, sondern er wollte uns darauf aufmerksam machen, dass wir uns wieder mit unseren Wurzeln verbinden müssen, uns fragen, wer wir sind. Ohne dies kommen wir nicht aus dem Chaos raus. Und in diesen beiden Chansons spreche ich von Sango Ngando, der seine Zeit toschlägt, jeden Abend ausgeht und keine Ahnung hat, wer er ist, genau wie Poché, der die Seinen hintergeht.

Ein Ausblick: Ruben Um Nyobé hat auch gegen die Teilung Kameruns in eine anglo- und eine frankophone Region gekämpft. Diesen Konflikt zwischen den beiden Regionen gibt es heute verstärkt wieder, die Angst vor einem Bürgerkrieg ist da. Wie sehen da Ihre Zukunftsprognosen aus?

Bassy: Dieses Problem hängt mit all dem zusammen, worüber ich gesprochen habe. Heute erlebt man, wie Kameruner über andere Kameruner sagen, das seien „Anglophone“, als würden sie von anderswo kommen. Auch wir als Französisch-Sprechende wurden so erzogen, die Anglophonen nicht zu mögen, denn es sind ja die Frankophonen, die von Anfang an die Macht innehaben. Mein Gymnasium war zweisprachig, es gab eine anglophone Abteilung, und wir haben sie „les anglofous“ (die Angloverrückten) genannt. Für uns waren sie minderwertig, hatten einen schlechten Geschmack, verhielten sich eigenartig. So sind wir erzogen worden, unbewusst! Wenn ich heute mit kamerunischen Landsleuten darüber diskutiere, dann sind sie der Meinung, dass diese Position nicht dazu führen sollte, dass das Land destabilisiert wird und der Frieden Kameruns gefährdet wird. Und ich halte ihnen entgegen: Wenn ihr anglophon wärt, hättet ihr dann den Eindruck, dass Kamerun wirklich ein Land ist? Ich würde sagen nein! In dem Moment, in dem euch die Anliegen der Anglophonen nichts angehen und ihr behauptet, wir wären EIN Land, gibt es ein Problem. Das ist der Grund dafür, dass der Krieg, den die Anglophonen führen, sie nichts angehen möchte und sie sagen, dass die Anglophonen ihn provoziert hätten. Doch wir wissen sehr gut, dass der Kampf aufgrund von legitimen Ansprüchen begonnen hat und dass von ihrer Emanzipation alle Kameruner profitieren könnten. Ich hoffe, dass unsere Regierung begreift, dass es sich um Kinder des gleichen Landes handelt. Die Tatsache, dass man sich am Punkt der beiden Sprachen aufhält, ist ein Schwindel, denn wir sind ja ohnehin kein bilinguales Land, Kamerun ist multilingual. Unsere Kolonialherren haben gesagt, das sind keine Sprachen, das sind Dialekte. Wir haben das unglücklicherweise akzeptiert, und sie haben beschlossen, dass die einzige wahre Sprache Französisch ist. Daraus ist ein Konflikt entstanden, der bis heute anhält, von dem die Frankophonen so tun, als ginge er sie nichts an, und all das in Kenntnis, dass die Anglophonen und die Frankophonen wissen, dass sie fast die gleiche Sprache sprechen.

© Stefan Franzen

Blick Bassy live:
15.4. – Paris, La Cigale
17.5. – Dortmund, Klangvokal-Festival

Blick Bassy spricht mit dem Schauspieler Binda Ngazolo über Ruben Um Nyobé
Quelle: youtube

Der Bischof rechtfertigt sich

Im Falle der vermeintlichen Rattengift-Drohung eines brasilianischen Bischofs (siehe letzter Eintrag) hat sich jetzt der Beschuldigte in einem ausführlichen offenen Brief an Caetano Veloso gewandt. Darin stellt er dar, dass er während der Messe Velosos Liedtext „É Proibido Proibir“ (Verbieten verboten) zitiert habe, um zu zeigen, dass es nach der christlichen Lehre keine absolute Freiheit ohne Verbote gibt. An keiner Stelle habe er den Musiker mit Rattengift bedroht oder ihn töten wollen.  Er habe mit dem Gift nur einen Fall zur Bibelauslegung konstruiert und wörtlich gesagt:

„Wenn ich denjenigen treffen würde, der den Liedtext geschrieben hat, würde ich ihn fragen: ‚Würdest du es also akzeptieren, Rattengift oder Zyanid essen?‘ Es ist also eine Frage, kein Wunsch. Tatsächlich ist es ja in der Kunst der Rhetorik oder Apologetik so, dass der Gesprächspartner eine hypothetischen Fall konstruiert, um den Widerspruch einer These aufzuzeigen. In diesem Fall ist die These: Es ist verboten, etwas zu essen. Die nicht akzeptable Gegenthese: Es ist verboten zu verbieten, etwas zu essen.“

Der Bischof bedauert, dass durch die unredliche Wiedergabe seiner Predigt die eigentliche Aussage in der Presse verzerrt worden sei. Im Anschluss bringt er, der nun seinerseits Morddrohungen erhält, seine Wertschätzung gegenüber Caetano Velosos Mutter, einer treuen Christin zum Ausdruck und zitiert mit „Agnus Dei“, eine „schöne Musik“, die Caetano komponiert hat, um das Erbarmen des Herrn für alle zu erbitten, die in diesem Falle einem Irrtum unterlagen.

Aus der europäischen Distanz lässt sich nur mit Vorsicht analysieren. Die Geschichte zeigt, wie – zurecht – empfindlich die Stimmung derzeit in Brasilien unter denjenigen ist, die während der Militärdiktatur entweder selbst alltäglichem Staatsterror ausgesetzt waren oder die heute  politisch auf der Seite der damals Vefolgten stehen. Denn sie befürchten unter dem neuen Präsidenten, der ein Klima des Hasses gegenüber liberalen Kräften gesät hat, eine Wiederholung der Ereignisse. Diese Stimmung hat – nach aktuellem Kenntnisstand – zu einer Überreaktion geführt. Wir setzen voraus, dass der Bischof die Wahrheit sagt. Dann bleibt die Frage: Warum zitiert ein Militärgeistlicher, in Anwesenheit von Generälen aus dieser schlimmen Zeit, den Text des populärsten Regimekritikers (, den er bei dieser Gelegenheit „Dummkopf“ nennt)? Nur, um mit umständlichen exegetischen Winkelzügen dessen Poesie als der christlichen Lehre gegenläufig zu enttarnen?

© Stefan Franzen

Bischof bedroht Caetano

Die Situation für liberale Künstler und Kulturschaffende hat sich in Brasilien verdüstert, seit ein Rassist und Sexist das Präsidentenamt innehat. Nun ist die Stimmung so weit gekippt, dass ein katholischer Geistlicher ungehindert Morddrohungen gegen den berühmtesten Musiker des Landes ausstoßen darf. So geschehen am vergangenen Sonntag, wie die Zeitschriften Veja und Época berichten. Am 55. Jahrestag des brasilianischen Militärputsches zelebrierte Bischof José Francisco Falcão in Brasilia eine Messe, bei der mehrere ranghohe Generäle und die Witwe eines besonders berüchtigten Generals des damaligen Regimes anwesend waren. Während der Messe äußerte der Bischof, dass es in den Siebzigern einen „Dummkopf“ gab, der “É Proibido Proibir“ (Verbieten verboten) sang. Ihm würde er gerne „Rattengift verabreichen“.

Das Lied stammt von Brasiliens populärstem Sänger und Philosoph Caetano Veloso und war 1968 als Hymne der Auflehnung gegen die Diktatur, die zwischen 1964 und 1985 Zehntausende von Menschen zensierte, folterte und verschwinden ließ, berühmt geworden. Der jetzige Präsident ist ein Verharmloser dieser dunklen Jahre und hat die kirchliche Gedenkfeier für den Jahrestag des Militärstreiches ausdrücklich gebilligt. Veloso fordert den Bischof nun auf, er solle vor Gericht den Namen dessen nennen, den er töten wolle.

Während der Diktatur war Caetano Veloso für Jahre ins europäische Exil gedrängt worden. Wie bitter, dass er nach all seinen Verdiensten um die brasilianische Kultur weltweit im Alter von 77 Jahren eine neue Bedrohung in seiner Heimat erdulden muss. Die zuständige Erzdiözese verneint diese Version der Vorkommnisse. Sie verweist darauf, Falcão habe ohne Nennung eines Musikers lediglich über eine Stelle aus dem Neuen Testament gepredigt, die davon spricht, dass es absolute Freiheit ohne Verbote nicht gebe. Nun sind die Verantwortlichen der katholischen Kirche gefordert.

Caetano Veloso: „É Proibido Proibir“
Quelle: youtube

Marvins Mosaik

Motowns Labeleigner Berry Gordy war ein konservativer Knochen. Entscheidende Meisterwerke des größten Soul-Labels aller Zeiten konnten nur wegen der Durchsetzungskraft seiner Künstler und Produzenten erscheinen, während der Chef versuchte, Bremsklötze in den Weg zu legen. Denn mit der Tagespolitik wollte der Detroiter Plattenmogul nicht anecken. Als Marvin Gaye 1971 mit What’s Going On seinen Schmerz über den Vietnamkrieg, polizeiliche Übergriffe und Umweltzerstörung in eines der ersten Konzeptalben der Soulgeschichte goss, verweigerte er anfänglich seine Zustimmung. Zumal er die Hits vermisste.

Doch Gordy hatte sich gewaltig getäuscht. What’s Going On verhalf Gaye zu einem Imagewandel vom klassischen Soulcrooner zum sensiblen Kommentator seiner Ära. Es traf den Nerv der Zeit und wurde so erfolgreich, dass Motown den Sänger mit einem neuen Millionenvertrag ausstattete. Das verlieh Marvin Gaye 1972 offenbar kreative Flügel. Die reichen Früchte dieser Schaffensphase werden nun erstmals auf einer Doppel-LP gebündelt, die Anlässe sind Gayes 80. Geburtstag, den er heute feiern würde, sowie die Feierlichkeiten zu Motowns 60-jährigem Bestehen.

You‘re The Man ist kein „verschollenes Album“, wie etwa der Rolling Stone titelte. Die siebzehn Songs waren fast alle schon mal auf CD-Kompilationen erschienen, das Titelstück gar als Single. Weil aber genau die erfolglos war, zauderte dieses Mal Gaye selbst vor der Veröffentlichung eines Albums. Dass die Songs, die ursprünglich für einen Longplayer vorgesehen waren, jetzt mit weiterem Material auf vier Plattenseiten zusammengebacken werden, ist problematisch: Gaye arbeitete im Laufe von 1972, sich selbst eingeschlossen, mit fünf verschiedenen Produzententeams. Wegen der großen Spannbreite der Soundästhetik und Besetzung kommt ein dramaturgischer Flow, der den Vorgänger What’s Going On so erschütternd machte, nicht zustande.

Bei den von Willie Hutch produzierten, Blechbläser-betonten Tracks blitzt funky Fröhlichkeit à la Jackson 5 auf. Die übrigen Titel wirken entweder wie Überbleibsel von What’s Going On oder ein Herantasten ans folgende Let’s Get It On – ohne an die verzweifelte Melancholie des ersten und die intensive sexuelle Schwüle des letzten Werks heranzureichen. Auch die Themen schwanken zwischen beiden: Im Titelstück geht Gaye hart mit dem Wahlkämpfer Nixon ins Gericht, mit „I Want To Come Home For Christmas“ hat er eine fast kitschige Ballade für alle Vietnam-G.I.s geschrieben. Ganz der butterweiche Womanizer des kommenden Albums ist er dagegen schon in „Symphony“ oder in „I‘d Give My Life For You“. Und im Finale versucht er sich mit den Musikern der Hamilton Bohannon-Band noch als Blueser.

Unangetastet vom Mosaikcharakter bleibt Marvin Gayes Stimme, an deren überirdisches Falsett-Eros, an deren schmerzliche Empfindsamkeit kein anderer Soul Man seiner Ära heranreichte. Am schönsten ist das in „My Last Chance“ zu hören, einer schmelzenden Liebeswerbung, die Amy Winehouse-Produzent Salaam Remi etwas zeitgemäßer remixt hat. Diese Stimme adelt das Material und ist das eigentliche Faszinosum der vier Plattenseiten.

© Stefan Franzen
erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 2.4.2019

Marvin Gaye: „My Last Chance“ (Salaam Remi-Remix)
Quelle: youtube

Wiedergeburt zwischen zwei Städten

„180 Tage in einem tiefen Traum, in tiefem Frieden, nicht wie einer, der schläft, nicht wie einer, der stirbt, aber fast.“ Salvador Sobral singt die Eingangszeilen seines neuen Albums in verletzlichem Falsett, und dazu scheppert und poltert das Schlagzeug wie ein verschleppter Herzschlag. Dieser Mann hat eine Menge hinter sich. Kurz nachdem er 2017 den Eurovision Song Contest gewonnen hat, wird bekannt, dass sein eigenes Herz ihn nicht mehr lange am Leben erhalten würde. Kurzatmig, mit 25 Litern überflüssigem Wasser im Körper übersteht er kaum die Torturen des ESC, seine Schwester Luísa, Ko-Autorin des Siegertitels „Amar Pelos Dois“, fängt ihn auf, wo es geht.

Ein halbes Jahr zermürbender Warterei folgt. Doch Sobral findet einen Spender, und nach erfolgreicher Transplantation kehrt der heute 29-Jährige Schritt für Schritt ins Leben zurück, legt nun ein wunderbares neues Werk namens Paris, Lisboa vor. „Dieser erste Song auf dem Album steht für meine Katharsis“, sagt Sobral am Telefon aus Lissabon. Auch seine Sprechstimme hat dieses Empfindsame, Poetische, das ihn beim Singen so auszeichnet. „Es ist der Moment, in dem ich von Neuem starte, meine Wiedergeburt. Danach beginnt das eigentliche Album, frisch und leicht.“ Doch der Weg dorthin ist ein Kraftakt. Nach der OP geht er durch eine lange Reha-Phase, Sobral hört sich seine alten Alben an, versucht, die Kraft zum Singen zurückzugewinnen. „Natürlich hatte sich meine Stimme nicht nur auf physischer, sondern auch auf psychologischer und emotionaler Ebene verändert“, erinnert er sich.

Der Spross aus einer portugiesischen Adelsfamilie begeisterte sich schon früh für Jazz, nahm an der Castingshow „Ídolos“ teil, studierte an der Taller de Músics in Barcelona. Seine Auffassung vom Genre ist allerdings eine sehr freigeistige: „Ja, ich sehe mich selbst als Jazzmusiker, aber ich habe einen ganzen Haufen Bands, und in jeder erforsche ich verschiedene Charaktere und Persönlichkeiten. In meinem englischen Projekt Alexander Search bin ich eher ein Rocker, in einer anderen Band steht der Tanz im Vordergrund. Ich will ja schließlich nicht vor Langeweile sterben!“

Diese Experimentierfreude erklärt auch, dass er sich auf das Abenteuer ESC eingelassen hat. Heute sieht er diesen Ausflug mit seinem ganzen außermusikalischen Bohei sehr kritisch, spricht sogar davon, dass der Grand Prix „seine Prostitution“ war.
Wenn man Paris, Lisboa, Sobrals drittes Werk anhört, erkennt man schnell, dass er ein denkbar untypischer ESC-Sieger ist. Der Titel ist an „Paris, Texas“ von Wim Wenders angelehnt, dessen Filme Sobral mag, nicht musikalisch, aber wegen des Schwebezustands zwischen den beiden Orten. „In ihm befand ich mich die letzten achtzehn Monate, physisch und sentimental, denn meine Liebe lebt in Paris. Paris bedeutete für mich Befreiung nach dem Krankenhaus, endlich konnte ich wieder reisen! Ich ging ins Kino, in Museen, spazierte endlos durch die Straßen.“ Seine „Liebe“ ist die französische Schauspielerin Jenna Thiam, mit ihr ist er inzwischen verheiratet, sie hat das reizende Chanson „La Souffleuse“ für das Album beigesteuert.

Ein Album, das meist in Quartettbesetzung gekonnt durch die Stile etlicher Weltgegenden steuert, jazzige Improvisation mit englischem Songwriting und südamerikanischer Sonne verknüpft. Ein kubanischer Bolero erzählt vom Meer, ein Samba aus Brasilien, Sobrals größtes musikalisches Steckenpferd, wandelt sich in eine Jazzballade. Und ein fast philosophisches Liebesgedicht von Fernando Pessoa löst sich in spielerische Leichtigkeit. Schwester Luísa ist auch dabei, mit ihr singt er nur zur Harfenbegleitung die Miniatur „Prometo Não Prometer“. Die Geschwister verstehen sich blind, sangen schon als Kleinkinder stundenlang miteinander auf Urlaubsfahrten.

Der eigentliche Star ist Salvador Sobrals wandelbare Stimme, deren frühere Flexibilität er sich fast zurückerobert hat, wie er erzählt. „Während meiner Jazzausbildung habe ich gelernt, wie ich die Timbres von Caetano Veloso, Billie Holiday und Sílvia Pérez Cruz in einen großen Topf werfe, sie vermische und dann kam diese Stimme heraus.“  Schelmisch fügt er hinzu: „Ich bin ja nur ein Dieb.“ Aber ein sehr cleverer, kann man hinzufügen. Am Ende von „Paris, Lisboa“ mündet alles in einen ausgelassenen Tanz mit der kleinen Rajão-Gitarre aus Madeira, eine Erinnerung an einen Inselurlaub. Auf dieser roots- und popgefärbten Jazzscheibe, die kräftig untermauert, wie ein Musiker seine Schaffenskraft zurückerlangt hat, ist es ist die letzte, sonnigste Station. „Jedes Mal, wenn ich diese kleine Gitarre höre“, sagt Sobral, „denke ich an den Sommer in Madeira. Und dann muss ich lächeln.“

© Stefan Franzen
erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe vom 29.03.2019

Salvador Sobral: „Cerca Del Mar“
Quelle: youtube

Mango-Metamorphose

Eine Widmung an eine tropische Frucht stellt sie ins Zentrum ihres ersten Werks seit fünf Jahren. Mayra Andrade lässt aus ihren kapverdischen Wurzeln ein elegantes Urban Africa-Gewächs erblühen. Vor einem Konzert im Zürcher „Moods“ konnte ich Mayra zum Interview treffen.

Mayra, dein Album hast du Manga genannt, nach dem portugiesischen Wort für Mango. Warum?

Mayra Andrade: Aus mehreren Gründen, Es ist meine Lieblingsfrucht, die Königin der tropischen Früchte. Sie ist gut fürs Herz. Es ist eine Frucht, die sehr sinnlich ist und für mich sehr gut die Weiblichkeit repräsentiert. Während ihres Reifungsprozess macht sie eine Wandlung durch, ihre Farbe wechselt, ihr Geschmack, ihr Duft. Und es ist eine tropische Frucht, sie ist sehr sonnenliebend. Ich finde, sie ist eine hübsche Metapher für mein Album.

Was Manga von deinen früheren Werken unterscheidet ist der diskrete elektronische Sound. Die beiden Beatmaker heißen 2B und Akatché. Wie bist du auf sie gestoßen und warum hast du dich entschieden, einen anderen Sound auszuprobieren?

Andrade: Das Album wurde von 2B und Romain Billharz koproduziert. Billharz ist kein Beatmaker, er ist künstlerischer Leiter und hat zum ersten Mal ein Album produziert. Akatché ist ein Teil des Kerns dieser Musiker, zu denen auch JC, der Gitarre gespielt hat, gehören. Wir haben sehr lange nach Leuten gesucht, mit denen wir dieses Album produzieren könnten, haben viele Versuche mit anderen gemacht, die nicht funktioniert haben, die sich nicht dem Sound genähert haben, den ich im Kopf hatte. Erstmals habe ich Demos verschickt, und diese Musiker haben mir ein, zwei Titel zurückgeschickt, die nach dem klangen, was ich wollte. Sie hatten begriffen, was ich vorhatte, und deshalb haben wir dann das ganze Album mit ihnen gemacht. Du hast Recht, wenn du sagst, dass die Beats diskret sind, ich würde es so formulieren: Sie sind organisch. Sie sind sehr präsent, aber sie fügen sich organisch ein. Das war mir sehr wichtig, denn ich komme aus einem akustischen Universum, und ich wollte, dass die Akustik anwesend ist durch eine traditionelle kapverdische Gitarre, das Cavaquinho, durch meine Stimme, die sehr warm ist. Ich wollte also Beats und Soundprogramme, aber ich suchte nicht nach einer kalten und digitalen Ästhetik. Die Beats sollten effektvoll sein, aber in warmen und organischen Farben.

Es gibt gerade eine große afro-portugiesische Szene in Lissabon, junge Musiker, die von den Kapverden, aus Angola und Mosambik kommen, deren Musik sehr clubtauglich, tanzbar ist, sich auf Rhythmen wie den Kuduro und die Kizomba beruft. Versuchst du dich mit dem Stilwechsel den Fans dieser Musik anzunähern?

Andrade: Ich glaube mit diesem Album habe ich mich sehr auf die aktuelle Zeit ausgerichtet, habe mich meiner eigenen Generation angenähert. Da ist es ganz natürlich, dass man ein jüngeres Publikum anzieht. Ich habe zum Beispiel mit Branco gearbeitet, einem der Leader von Buraka Som Systema, und die sind eine der führenden Köpfe dieser afro-lusophonen Szene in Lissabon. Dieses Teamwork, das ich vor drei Jahren einging, hat mir gezeigt, dass ich mich auch in anderen Klangfarben ausdrücken kann. Das Stück heißt „Reserva Pra Dois“ und die Leute lieben es. Dass ich in dieser Tonsprache angekommen bin, ist also ganz natürlich geschehen. Nach und nach habe ich mehr Lust bekommen, légerer zu werden, Spaß auf der Bühne zu haben, mich mit meiner Musik zu amüsieren, zu tanzen. Vor drei Jahren bin ich nach Lissabon umgezogen und habe dort viele Verbindungen zur afro-lusophonen Szene geknüpft. Ich habe auch eine Reise nach Ghana unternommen, wo ich in die Afrobeatz-Szene eingetaucht bin, eine Bewegung, die aus Nigeria und Ghana kommt und die ganze Welt beeinflusst hat. Da bin ich keine Ausnahme: Ich bin Westafrikanerin, und lasse mich von meinem Kontinent inspirieren, um eine Musik für die heutige Zeit vorzustellen.

Foto: Stefan Franzen

In mehreren Stücken gibt es diese in höchsten Lagen gespielten E-Gitarrenriffs. Das erinnert mich an die Rumba Congolaise, den Soukouss der 1960er bis 1980er…

Andrade: Das ist eine Kreuzung verschiedener Epochen, da steckt das Afrika der 1960er und 70er drin,  zugleich aber mischt sich das mit dem zeitgenössischen Afrika, fast urban. Das war eine Musik, die den ganzen Kontinent zum Tanzen gebracht, andere Kulturen beeinflusst hat, und die auch heute immer noch funktioniert.

Im Gegensatz zum Vorgängeralbum Lovely Difficult singst du etliche Stücke auf Kriolu. Welche Bedeutung hat die Sprache für dich? Hilft sie dir, deine Identität zu wahren?

Andrade: Auf Kriolu zu schreiben, heißt für mich, den Esprit eines Volkes zu transportieren. Die Kapverden sind ein sehr kleines Land mit 500.000 Einwohnern und einer Million Emigranten. Die Diaspora ist viel größer als die Menschen, die daheim leben. Und die Brücke zwischen den Kapverden und seinen Kindern, die über die ganze Welt verstreut leben, ist Kriolu , nicht Portugiesisch, auch wenn es auf den Inseln als offizielle Sprache gesprochen wird. Die Kapverdier, die in den USA leben, das ist eine halbe Million, sprechen Englisch und Kriolu, die in Holland Niederländisch und Kriolu, die in Frankreich Französisch und Kriolu, nicht Portugiesisch. Das Kreolische ist unsere „Flagge“. Und ich denke, auch wenn es für mich eher leicht ist, in verschiedenen anderen Sprachen zu singen, in Englisch, Französisch und Portugiesisch, bleibt Kriolu die Sprache, in der ich eine größere Ausdruckskraft habe, mehr Esprit. Wenn ich auf Kriolu singe, dann fühle ich, dass da etwas in mir wohnt. Das ist ein sehr lusophones Moment, also wollte ich auch auf Portugiesisch singen, und bemerkenswerterweise habe ich das noch nie zuvor getan. Vier portugiesische Songs sind auf dem Album. Auf Französisch und Englisch hatte ich dieses Mal keine Lust. Ich mag es, Alben zu machen, die der Aufrichtigkeit des Moments entsprechen, ohne Kalkül.

Wenn du auf Kriolu Texte schreibst, greifst du dann auf Vorbilder zurück, oder ist die Art, wie du Worte verwendest eine neue kreolische Poesie?

Andrade: Ich weiß nicht, ob ich einen neuen Stil geschaffen habe, auf jeden Fall ist mein Stil sehr persönlich, das ja. Ich antworte nicht auf eine bestimmte Linie oder eine Schule, meine Sprache ist sehr vielfältig ist, bilderreich, und bietet viele Möglichkeiten der Deutung, wenn man sich ein bisschen hineingräbt.

“Vapor Di Imigrason” klingt sehr traditionell, ist das deine Art und Weise eine Coladeira zu modernisieren?

Andrade: Ja. Dieses Stück ist tatsächlich traditioneller, ich habe es schon 2002 geschrieben. Aber ich habe es nie aufgenommen, denn ich fühlte, dass es noch nicht bereit war. Meine Freunde haben so oft gesagt: «Warum nimmst du dieses Stück nicht auf ? » Es hatte etwas sehr Besonderes, aber auch irgendetwas, das nicht passte. Jetzt habe ich es umgearbeitet, es bereichert. Mich berührt das Lied sehr, denn ich widme es allen Emigranten, und die Kapverdier sind ja immer ein Volk von Emigranten gewesen. Heute hat dieses Thema einen aktuellen Bezug, es spricht von den Opfern, die man bringen muss, wenn man auswandert, und von der Hoffnung, dass man eines Tages nicht mehr von zuhause weggehen muss. Man muss sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass sehr wenige Menschen aus freien Stücken ihr Land, ihre Familie, ihre Kultur verlassen. Die Umstände sind manchmal sehr schwierig, sehr dramatisch. Es ist oft eine Frage des Überlebens. Dass sich das Lied traditioneller anhört, liegt also daran, dass es schon 17 Jahre alt ist. Damals habe ich gerade das Haus meiner Mutter verlassen, um in Paris zu leben, ich war 17. Und ja, es hat diesen Esprit der Coladeira, der die Leute anzieht, besonders im Refrain.

Mayra Andrade: „Vapor Di Imigrason“ (live aux Bouffes du Nord)
Quelle: youtube

In “Segredu” sprichst du von einer Sirene, von den Wellen, vom Sand– maritime Bilder sind herausragend in deiner Poesie.

Andrade: Die maritimen Bilder sind eine kapverdische Konstante. Wir sind Insulaner, und das Meer kann verschiedenste Sachen verköprern. Es kann für den Abschied stehen und die Rückkehr. Es kann eine Brücke aber auch eine Trennung sein, es ist wie eine Straße, auf der uns viele Sachen passieren können. Ich kann dir nicht erzählen, um was es in diesem Lied geht. Der Titel heißt „Geheimnis“, und tatsächlich geht es dabei um ein Geheimnis, das mir jemand anvertraut hat. Wenn man die Geschichte liest, dann ist das eine Ebene, aber diese Person und ich kennen die zweite Bedeutung.

Den Löwenanteil der Stücke hast du selbst komponiert, aber es gibt auch Übernahmen von anderen Songwritern. “Tan Kalakatan” zum Beispiel ist von Princezito, der eine sehr wichtige Persönlichkeit ist in der Musik von Cabo Verde. Welche Bedeutung hat er für dich?

Andrade: Princezito ist ein Sänger, den ich mit 15 Jahren getroffen habe. Auf meinem ersten Album habe ich ein Lied von ihm aufgenommen, das „Lua“ heißt. Vor der Aufnahme habe ich die Kapverden 2001 beim internationalen Wettbewerb „Jeux de la Francofolie“ in Kanada vertreten. Dort habe ich „Lua“ und drei andere Lieder gesungen und habe für die Kapverden die Goldmedaille geholt. Das war ein wichtiges Debüt für mich. Fünf Jahre später habe ich mein erstes Album aufgenommen und dieses Lied draufgepackt. Bis heute singe ich es in Konzerten, denn das Publikum verlangt danach. Wir haben alle ein paar „Pflicht-Lieder“ und mit „Lua“ vebrinden die Menschen meine Musik, ich habe zehn oder fünfzehn Arrangements davon. Aber seitdem hatte ich nie mehr ein Lied von Princezito aufgenommen. Jetzt komme ich mit einem aus seiner Feder zurück, das ich sehr stark finde. Es gibt so einige Komponisten, von denen ich nicht viel aufnehme, aber wenn ich es dann tue, dann schaffe ich es, die spezielle Perle zu finden.

“Terra da Saudade” stammt von Luisa Sobral, der Schwetser des ESC-Siegers Salvador Sobral. Es scheint mir, dass sie den Terminus Saudade in einer auf den Kopf gestellten Weise einsetzt, es geht um einen ort, an dem niemand träumt, niemand liebt, niemand küsst…

Andrade: In diesem Text geht es nicht um Portugal und es geht auch nicht um die Kapverden. Vielmehr geht es um einen imaginären Ort. Inspiriert ist der Text von der wichtigen mosambikanischen Autorin Mia Couto. Ich habe zu Luisa gesagt: “Glaubst du nicht, dass die Leute denken, dass sei eine bizarres Bild von den Kapverden?“ Und sie meinte: „Aber nein, das hat mit den Kapverden gar nichts zu tun, ich beschreibe genau das Gegenteil!“

Der einzige Chanson, der ganz akustisch bleibt, ist “Guardar Mais” von Sara Tavares. Seid ihr beiden als kapverdische „Schwestern“ eng miteinander?

Andrade: Ja, wir sind seit langem enge Freundinnen. Wir haben schon zusammen auf der Bühne gesungen. Sara ist jemand, vor der ich enormen Respekt und Bewunderung habe. Wir wohnen in Lissabon nicht weit auseinander. Sie hat meine Version von “Guardar Mais” sehr gemocht. Ich weiß nicht, warum sie das Lied nie selbst aufgenommen hat, aber es freut mich, dass sie es mir angeboten hat.

Schon auf Lovely Difficult hast du über die Insel Santiago gesungen, hier taucht sie mit „Festa Santo Santiago“ wieder auf. Welche Verbindung hast du zu dieser Insel?

Andrade: Das ist meine Insel! Es war die erste kapverdische Insel, die bevölkert wurde und zugleich die afrikanischste. Man findet dort Rhythmen wie die Funaná, den Batuque, die Tabanka, die findet man auf anderen Inseln nicht. Die Hälfte der kapverdischen Bevölkerung lebt auf Santiago. Die Einwohner heißen Badiu, ich bin eine Badia. Man sagt von ihnen, dass sie etwas zäher sind, wie Bauern, Menschen, die die Erde bearbeiten. Wir lächeln nicht ohne Grund, sind aber trotzdem sehr warmherzig, es sind Menschen, die authentisch sind.
Das Lied „Île de Santiago“ auf dem letzten Album war eine Widmung an alle Songschreiber aus Santiago, an alle Folkloremusiker. Dieses Lied, „Festa de Santo Santiago“ bezieht sich auf den Heiligen der Insel, den San Tiago, für ihn gibt es viele Feste in den Bergen, auf dem Land, viele Konzerte werden veranstaltet, es ist sehr volkstümlich. Das Lied beschreibt all die Festlichkeiten, die Messen, das Essen. Es wird vom Badiu mit seinem Messer gesprochen, das er als Zeichen des Respekts trägt und von seinem Akkordeon, auf dem er die Funaná spielt.

Und gibt es dort auch Mangobäume?

Andrade: Ja, wir haben sehr, sehr gute Mangos!

© Stefan Franzen
Mayra Andrade tritt am 26.7. im Rahmen des Stimmenfestivals im Rosenfelspark Lörrach auf.

Mayra Andrade: „Manga“
Quelle: youtube

Afro-Jam aus London Town II

Kokoroko
Kokoroko EP
(Brownswood Recordings/Rough Trade)

Es sind nur vier Stücke, aber die haben es ziemlich in sich: Kokoroko zählen zu den interessantesten Newcomern in Londons quirligem Afrobeat-Zirkel. Aus dem Genre, das vor rund 50 Jahren Tony Allen und Fela Kuti in Nigeria geprägt haben, holt dieses Oktett mit einem ausschließlich weiblichen Bläsersatz um Trompeterin Sheila Maurice-Grey einen unorthodoxen Ansatz heraus. Die Hornsection agiert dreckig und fast nachlässig in „Adwa“, macht Platz für ein sehr jazziges, freies Gitarrensolo. Maurice-Greys Trompete geht in „Tide“, einem träumerischen Zwischenspiel mit trillernder Gitarre auf eine abenteuerliche Reise, bevor sich fast gospelige Chorharmonien durchsetzen. „Uman“ wird von funkigen Gitarrenriffs vorangetrieben, Achterbahn fahrende Bläser prägen diese Hommage an die schwarze Frau. Das gemächlich schaukelnde „Abusey Junction“ verweist mit beschwipstem Saitenspiel sogar an die süffige Palmwine Music. Übersetzt aus dem Orobo-Idiom heißt der Bandname „Sei stark!“ Das hat diese famose Combo, die das Jazzfestival in Basel eröffnen wird, schon bewiesen.

© Stefan Franzen

Kokoroko live: 26.4. Basel, Kaserne (support für Somi) – 8.5.  Zürich, Exil – 9.5. Berlin, XJazz Festival – 16.+18.5. Strasbourg, Pelpass Festival – 1.6. Hamburg, Elbjazz Festival

Kokoroko: „Uman“
Quelle: youtube

Bissig-samtener Soulprinz

Gute Stimmen, die den Retro-Soul pflegen, gibt es seit mindestens zehn Jahren wie Sand am Meer. Da muss man kein Zyniker sein: Es ist schon von Vorteil, wenn der Künstler noch eine besondere Biographie aufweisen kann, damit er sich unter Seinesgleichen heraushebt. Und die hat J.P.Bimeni:  Er ist mütterlicherseits Spross der Königsfamilie von Burundi, das wie der Nachbar Ruanda in den 1990ern vom Konflikt zwischen Tutsi-Minderheit und Hutu-Mehrheit heimgesucht wurde. Auch Bimeni kam bei der Flucht vor dem Genozid zwischen die Fronten: Seine Brust wurde von einer Kugel durchbohrt, im Krankenhaus verabreichten ihm die Ärzte eine Giftspritze, sie hielten ihn für einen Militärangehörigen. Er überlebte nur knapp, kam nach Nairobi, fand heraus, dass er steckbrieflich gesucht wird. Großbritannien gewährte dem 16-jährigen Geflüchteten Asyl, und auf dem College in Wales, noch gezeichnet von Gift und Schmerzmitteln, entdeckte er die Musik.

Es sind die Großen des klassischen Soul, die ihn fesseln: Marvin Gaye, Otis Redding, Ray Charles. Ihnen will er nacheifern und tut das zunächst parallel zum Politikstudium in kleinen Pubs. Singen wird seine Medizin, hilft ihm, die Traumata der Jugend zu vergessen. 2001 wird London seine Wahlheimat. Langsam, aber stetig geht er seinen Weg im Namen des Soul, Sessions mit Roots Manuva und den Noisettes flankieren ihn. Der Durchbruch ist 2013 eine Einladung, in einer Otis Redding-Revue mitzusingen, sowie die Begegnung mit der spanischen Band The Black Belts, die fortan seine Begleitcombo wird. Seit Herbst letzten Jahres liegt das Debüt „Free Me“ vor, das er jetzt auf deutsche Bühnen bringt.

J.P.Bimenis Repertoire neigt der raueren Seite des Soul zu, wie er in den 1960ern und 70ern auf dem Label Stax gepflegt wurde. Mit Vergleichen sollte man immer vorsichtig sein, doch in seinem Timbre wohnt tatsächlich etwas von Otis Reddings Bissigkeit, gepaart mit dem samtenen Falsett des frühen Al Green. Am besten gelingen ihm die Midtempo-Stücke, da kann Bimeni Dramatik mit großem Besteck ausspielen. Die Black Belts liefern ihm einen wunderbaren Groove aus flink federndem Schlagzeug, Gluckerorgel, trockenem Bass, knackigen Gitarenriffs und einem feinen Bläsersatz, der sich diszipliniert im Hintergrund hält. Und nach mehrmaligem Hören lässt sich befinden: Dieser Mann wird unter der harten Soul-Konkurrenz unserer Tage bestehen – da muss man gar nicht auf seine bittere Lebensgeschichte verweisen.

© Stefan Franzen, erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 15.03.2019

J.P. Bimeni live: 19.03. Freiburg, Restaurant Schiff – 20.03. Bonn, Harmonie

J.P. Bimeni: „Honesty Is A Luxury“
Quelle: youtube

Afro-Jam aus London Town I

Nubiyan Twist
Jungle Run
(Strut/Indigo)

Londons Szene scheint mit umso aufregenderen neuen Bands zu pulsieren, je absurder das Brexit-Theater wird. Auf seinem zweiten Album swingt das zwölfköpfige Kollektiv Nubiyan Twist zwischen den Koordinaten Jazz, Funk, HipHop, Brasil und Afrobeat. Benannt nach Nubiyan Brandon, der soulig schmachtenden bis cool rappenden Stimme im Epizentrum von vier Stücken, geizt die Band nicht mit weiteren Protagonisten. Denn nicht weniger seelenvoll ist Nick Richards, der für das funkige „Tell It To Me Slowly“ vom Sax auf die Vocals umsattelt und fast Marvin Gaye-Qualitäten entfaltet.  „Basa Basa“ und vor allem das atemlose „They Talk“ bündeln mit dem Ghanaer K.O.G. am Mikro eine ganze Palette westafrikanischer Anklänge. In „Addis To London“ drängen sich im dichten Bläsersatz die mysteriösen Skalen des Ethiojazz nach vorne, Stargast Mulatu Astatke am glimmenden Vibraphon inklusive. „Borders“ wartet mit schwülen brasilianischen Jazzharmonien in geschichteten Flöten und Stimmen auf. Und im Intro zum Finale „Sugar Cane“ blitzt plötzlich eine Art HipHop-Billie Holiday auf.

© Stefan Franzen

Nubiyan Twist: „Tell It To Me Slowly“
Quelle: youtube