Die Weite Manitobas, der Puls von Montréal (#5 – Canada 150)

Geneviève Toupin (Manitoba)
aktuelles Album: Willows (Productions Sirène des Plaines)
aktuelles Projekt: Chances

Nachdem ich einen spannenden Songwriter-Abend im Verre Bouteille in Montréal verbracht hatte, entdeckte ich am Ausgang einen Flyer, auf dem ihr neues Projekt „Chances“ angekündigt wurde. Geneviève Toupins Musik kannte ich schon, seitdem Ulrich Schuwey, der wohl rührigste Experte franko-kanadischer Klänge unserer Breiten mich auf sie aufmerksam gemacht hatte. Grund genug, das Établissement im Norden der Stadt wieder aufzusuchen und Geneviève spontan für ein Interview zu treffen. Während des anregenden Gesprächs über Identitätsfindungen und -trennungen durch zwei Sprachen und drei kulturelle Wurzeln habe ich gelernt, dass die französische Diaspora über ganz Kanada verstreut ist – und ich habe auch zum ersten Mal richtig das Französisch von der anderen Seite des Atlantiks verstanden.

Geneviève, vor einigen Jahren hast du parallel ein Album auf Französisch und eines auf Englisch veröffentlicht. Sind da zwei Welten, zwei Identitäten in deinem Kopf? Weißt du bei den ersten Ideen für ein Lied schon, das wird auf Englisch oder das wird auf Französisch sein?

Geneviève Toupin: Das ist wirklich eine gute Frage. Ja, ich spüre, dass ich zwei Identitäten habe. Wenn ich auf Englisch schreibe, ist das ein ganz anderer Prozess. Die Melodien, selbst die Themen, über die ich schreibe, unterscheiden sich, es ist eine andere Intimität da. Auf meinem letzten Album Willows habe ich versucht, beide Welten ein bisschen zu vermischen. Es war ein interessantes schöpferisches Experiment, zu gucken, was dabei herauskommen wird. Ich habe gemerkt, dass ich trotzdem weiterhin getrennt in den beiden Sprachen kreiere. Und ja, sobald ich ein paar Akkorde für einen Song habe, weiß ich, ob ich ihn auf Französisch oder Englisch schreiben werde. Warum das so ist, kann ich dir nicht einmal sagen, das geht nach meinem Instinkt – und ich bin eine sehr instinktive Schreiberin. Es ist einfach so, dass ich merke, dass dieses oder jenes Gefühl in der einen bestimmten Sprache ausgedrückt werden möchte.

Wie war das mit den Sprachen während deiner Kindheit?

Toupin: Mein Vater spricht zwar französisch, ist aber eher anglophon, meine Mutter ist zweisprachig. Unter sich haben meine Eltern englisch gesprochen, mit uns Kindern aber französisch. Daraus ist eine interessante Dynamik entstanden: Wir haben zugehört, wie die Erwachsenenunterhaltungen auf Englisch geführt wurden, und die Gespräche mit uns auf Französisch. Das hat in meinem Gehirn eine emotionale Zuordnung der Sprachen verursacht. Da es in Manitoba nicht viele Frankophone gibt und wir mit unseren Freunden zwangsläufig Englisch gesprochen haben, wollten meine Eltern, dass wir die französische Sprache pflegen und bewahren. Das Englische hatte für mich also immer den Bezug zu den Geheimnissen, wir haben es gebraucht, wenn wir etwas ausheckten. Es war das, was meine Eltern nicht wollten, während das Französische, das wir auch in der Schule sprachen, immer verbunden war damit „die Sachen gut zu machen“.

Ich bin sicher, dass die Deutschen nur die Frankophonen in Québec kennen und nichts oder nicht viel wissen über die Minderheiten der anderen Provinzen. Vielleicht kannst du erklären, was es heißt, in einer franko-manitobischen Diaspora aufzuwachsen?

Toupin: Manitoba ist eine große Provinz, aber sehr dünn besiedelt. Wir haben 1,5 Millionen Einwohner, davon vielleicht 50-60.000 Frankophone. Wir sind also eine Minderheit, aber es gibt eine Infrastruktur für Schulen und Organisationen, die die frankophone Kultur aufrechterhalten. Wenn du in Manitoba französisch sprichst, sprichst du gezwungenermaßen auch englisch, aber natürlich nicht umgekehrt. Wir haben also automatisch eine sprachliche Dualität. Unsere Kultur ist stark, verglichen mit den Québecois oder Akadiern sind wir aber jung. Mein Dorf Saint-Claude wurde erst 1892 gegründet. Wir sind immer noch dabei, diese Kultur zu formen, sie in Worte, Musik zu übertragen. Gerade diese Jahre sind sehr interessant für die Franko-Manitober: Wir Künstler aus dieser Gemeinde wollen uns bestätigen, definieren, versammeln. Ich bin jetzt zehn Jahre in Montréal, aber ich habe immer noch den Akzent von zuhause, und die Art wie ich spreche, trage ich stolz mit mir herum und ich spreche gerne über meine Herkunft, das ist wichtig für mich.

Dein Erbe ist aber auch Métis: Findet sich da ein Einfluss in deiner Musik, in den Rhythmen doer sogar in der Musik?

Toupin: Es passiert immer wieder, dass Leute nach einem Konzert zu mir kommen und sagen: Da sind First Nations-Rhythmen in deiner Musik. Doch ich mache das nicht bewusst, erst im Nachhinein stelle ich fest, dass das stimmt. Ich bin ganz natürlich dazu hingezogen: Als ich klein war, hat mein Vater mich zu den Powwows mitgenommen. Da sitzen singende Männer um eine heilige Trommel, außerdem gibt es Tänzer, die ebenfalls heilige Kleider anhaben, an denen kleine Glöckchen hängen. Das hat mich in meiner Jugend sehr geprägt und ist sicherlich unbewusst in meine Musik eingeflossen. Späte rhabe ich angefangen, diese Tradition ganz bewusst einzusetzen. Auf meinem letzten Album Willows ist ein Song, den ich teils auf Ojibwe singe, eine der Sprachen aus dem Erbe meines Vaters. Auch mit meinem neuen Projekt Chances erkunde ich diese Seite meines Erbes: Wir singen einen Song, den man übersetzen kann mit „das Licht tragen“. Ich habe immer mehr Lust darauf, diese Seite meiner Wurzeln zu erforschen.

Geneviève Toupin: „Valley Of Fire“
Quelle: youtube

Du hast auch eine Weile in Paris gelebt – hat das deine Karriere beeinflusst?

Toupin: Ja, auf jeden Fall. Als ich nach Paris ging, war ich neunzehn. Ich nahm ein Jahr eine Auszeit von der Uni, und als ich zurückkam wusste ich, dass ich ein Album aufnehmen möchte. Das war ein Wendepunkt für mich, denn ich entschied mich damals für die Musik. Und ich wusste auch, dass ich irgendeinmal Sachen auf Englisch machen würde, aber beginnen wollte ich auf Französisch. Ich war mit neunzehn in einer so großen Stadt, das war ein Moment der Introspektion und des Schaffens. In dem Vorort, in dem ich lebte, gab es eine kleine Bar mit einem Piano, da bin ich oft hingegangen und habe eine Unmenge Lieder geschrieben, die ich dann nach Kanada zurückgebracht habe.

Kommen wir zum französischen Album. Darauf befindet sich ein Chanson namens „L‘Hiver“, das ist mein Lieblingslied: Eine Frage, die ich vielen kanadischen Musikern stelle: Hat der strenge Winter, diese extremen Witterungen einen Einfluss auf deine Musik? Bist du vielleicht im Winter sogar am kreativsten?

Toupin: In den Texten meiner Lieder spielen die Natur und die Jahreszeiten eine wichtige Rolle. Ich versuche mittlerweile, mich davon zu entfernen, denn das Leben wird hier so bestimmt vom Wetter, alles dreht sich um die Temperatur. In Manitoba wird im Winter manchmal für Tage die Schule geschlossen, weil es auf minus 50 Grad runtergeht. Ich bin mit großer Kälte und heftigen Stürmen aufgewachsen, klar, dass das meinen Schaffensprozess beeinflusst. Aber ich würde nicht sagen, dass ich im Winter sehr produktiv bin. Eher schon im Herbst, das ist die Zeit, in der man wieder zur Schule geht, und dieser neue Start in ein Schuljahr, das ist als Impuls irgendwie in mir drin geblieben. Es ist nicht mehr so heiß, die Blätter färben sich, man hat Lust, etwas Neues zu beginnen.

Geneviève Toupin: „L’Hiver“
Quelle: youtube

Manitoba und die Nachbarprovinzen sind ja von der Prärie dominiert, dieser unermesslich weite Raum. Wie spiegelt sich der in deiner Musik wider?

Toupin: Diese Frage mag ich sehr. Unter so einem weiten Himmel aufzuwachsen, wo man buchstäblich den Horizont in Hunderten von Kilometern Entfernung sieht, prägt einen. Für mich ist das eine große Schönheit, diese Weite. Wie meine Kollegen, die auch aus der Prärie kommen, hat das meinen Sound beeinflusst, wir haben da etwas gemeinsam. Es zeigt sich in den Melodien, in der Stimmung, auch in der Stimme. Ich würde es nicht Melancholie nennen, aber ich habe keine Angst vor der Stille. Ich bin auch sehr von der nordischen Musik angezogen, von der der Niederlande. Es gibt da etwas sehr „Luftiges“ in meiner Musik.

Wenn ich Lieder wie „Desert & Ocean“ anhöre oder „Leaving Me“ ordne ich das aus meiner europäischen Perspektive dem Country zu. Ich kann mir aber vorstellen, dass du als Kanadierin damit nicht einverstanden bist, weil Country ja mit Amerika assoziiert wird…

Toupin: Ich würde eher Folk dazu sagen! Wenn ich Country höre, dann denke ich an Hank Williams. Auf der anderen Seite ist Folk natürlich auch ein weiter Begriff. Bei „Leaving Me“ denke ich schon mehr an Folk, wohingegen ich verstehen kann, wenn du bei „Desert & Ocean“ an Country denkst, mit dem Banjo. Aber der Begriff ist so stereotypisiert, man hört immer das „twang“ mit!

Dein englisches Album heißt Ocean Pictures Project – da denkt man an eine Ausstellung mit Bildern vom Meer. Hat dieses Album ein maritimes Konzept?

Toupin: Bei diesem Album wollte ich mich von der Welt der Träume inspirieren lassen, auch von den Bildern, die aus den Träumen erwachsen. Und das Wasser war ein sehr zentrales Element während der Entstehungsphase dieses Albums. Für mich steht das Wasser sinnbildlich auch für Gefühle. „Ocean Pictures“ bedeutet für mich, dass das kleine Filme sind, die man sieht, während man träumt.

Ich liebe das Lied „Popsicle“ sehr…

Toupin: Das ist eigentlich ein Scherz, das sollte gar nicht aufs Album! Es ist wie ein Kinderlied. Wir haben das in einem Studio aufgenommen, in dem es wahnsinnig heiß war, wir sind fast umgekommen. Da habe ich meine Gitarre genommen und mit der Zeile „I Wish I Had A Popsicle“ angefangen zu spielen. Wir haben ihn dann aufs Album genommen, damit es da ein bisschen was zu lachen gibt.

Aber es gibt eine sehr bedeutsame Zeile im Text: „I wish I had a country I could be proud of“. Bist du also nicht stolz auf Kanada?

Toupin: Zu dieser Zeit war ich nicht sehr stolz auf Kanada. Der konservative Stephen Harper war gerade ins Amt des Premierministers gewählt worden. Ich war damit gar nicht einverstanden, und ich machte mir Sorgen um meine Neffen und Nichten, die damals noch ganz klein waren. Ich wusste nicht, was die Zukunft für sie bringen würde. Auch heute noch bin ich beunruhigt, nicht unbedingt aus den gleichen Gründen. Damals kam die Zeile aus der Furcht: „Ohje, was wird das nur für sie geben?“

Kann Kanada mit dem neuen Premier Justin Trudeau ein Gegenkonzept zu den USA sein, oder ist das aus europäischer Sicht ein bisschen naiv?

Toupin: Verglichen mit den USA auf jeden Fall! Ich habe viel mehr Hoffnung für Kanada als zu dem Zeitpunkt als ich „Popsicle“ schrieb. Wir werden sehen.

Dieses Jahr feiert Kanada den 150. Geburtstag der Konföderation. Ist das für dich ein abstraktes Datum oder kannst du einen persönlichen Bezug dazu herstellen?

Toupin: Ich habe nicht wirklich einen Bezug zu diesem Datum. Für mich ist das eine delikate Frage. Ich habe als Métisse First Nations-Wurzeln und als solche sage ich, dass die Geschichte Kanadas nicht erst vor 150 Jahren begann, sie ist viel, viel älter. Es gibt viele politische Festivitäten um dieses Datum herum, aber persönlich sagt mir das gar nichts. Viele Sachen sind im Moment zu reparieren. Wir sind auf einem Weg der Heilung, ja, aber es ist sehr komisch für mich, so ein Jubiläum zu feiern.

Zum Ende kannst du vielleicht über deine aktuellen Projekte sprechen. Für deine letzte CD hast du den Namen „Willows“ angenommen – was verbirgt sich hinter diesem Namen?

Toupin: Die Trauerweide habe ich immer gemocht, ich finde sie sehr schön, sie hat für mich etwas Romantisches, auch Poetisches. „Willows“ ist aber auch eine Geisterstadt in Saskatchewan, in unserer Nachbarschaft, und es gibt auch in Kalifornien eine Stadt, die so heißt. Ich mochte diese Parallele sehr, denn mein Album entstand teilweise in Kalifornien, bezog seine Inspirationen gleichzeitig aber auch vielfach aus meiner Heimat, der Weite, meinen Métis-Wurzeln, es sollte ein Projekt werden, das von A-Z meine Identität verkörpert. Ich hatte auch ein wenig genug davon, eine CD rauszubringen, wo mein Name draufsteht, also habe ich mein drittes Album unter diesem anderen Namen veröffentlicht. Das hat interessante Diskussionen bei den Journalisten, aber auch bei meinem Publikum ausgelöst. Es hat mir erlaubt, anders über meine Wurzeln zu sprechen, auch wenn es einen marketingtechnisch kleinen Rückschritt bedeutete, weil mein Name eben nicht erkannt wurde.

Geneviève Toupin: „Tout ça passera“
Quelle: youtube

„Chances“ wiederum ist etwas komplett Anderes. Ich wollte in andere musikalische Sachen eintauchen, ausloten, was es heißt, in einem Team mit Chloé Lacasse und Vincent Carré zu schreiben, die Arbeit auf eine rhythmischere Basis zu stellen. Vincent kreiert einen Loop und wir bauen die Melodien darüber. Das ist das völlige Gegenteil von meiner bisherigen Arbeitsweise, bei der ich immer zuerst die Worte und die Melodie hatte, und dann die anderen Instrumente dazugebaut habe. Es geht nicht darum, meine bisherige Arbeit ad acta zu legen, ich wollte nur einen kleinen Seitenpfad einschlagen und schauen, wohin mich das dann in meiner Soloarbeit führt. Ich könnte dieses Popprojekt in meiner Soloarbeit nicht machen, das ist zu verschieden, das würde in meiner künstlerischen Identität nicht funktionieren.

© Stefan Franzen

PS: Über Genevièves Alben hinaus, lege ich ihre Reihe „La Tournée des Cafés“ auf youtube ans Herz: eine spannende Reise durch die Cafés und die Musikszene Montréals!

Multi-Tasking mit Mallets (#4 – Canada 150)

Foto: William Mazzoleni

Joëlle Saint-Pierre (Québec)
aktuelles Album: Et Toi, Que Fais-Tu? (Eigenverlag)

Sie habe ich in einer Kneipe namens Le Verre Bouteille im Norden Montréals entdeckt, in Sichtweise des schiefen Olympiaturms. Dort treten immer wieder Musiker aus dem Songwriterfach auf, die man als ausländischer Kanada-Gast nicht unbedingt auf der Rechnung hat – am fraglichen Abend meines Besuches dort während des Montréal en Lumière-Festivals Mathieu Berubé, Chassepareil und eben sie. Joëlle schreibt ihre eigenen Lieder, zu denen sie sich aber nicht auf der Gitarre oder am Piano begleitet, sondern: auf dem Vibraphon. Das dürfte sie ziemlich einzigartig machen – nicht nur in Kanada.

Das Vibraphon ist ein Instrument, das man ja nicht oft im Chanson oder in der Popmusik findet. Wie hat deine Beziehung, deine Liebe zum Vibraphon angefangen? Kannst du beschreiben, was es für dich bedeutet?

Joelle Saint-Pierre: Als ich ein Kind war, habe ich Piano gelernt und dann Drums. Mit 12 bin ich aufs Konservatorium in Saguenay gegangen und habe dort das Fach Perkussion und klassische Perkussion belegt, ohne zu wissen, was mich erwartet. Ich musste mich da auch mit den Perkussionsinstrumenten mit Klaviatur befassen, also Marimba, Vibraphon und Xylophon. Die haben mir am meisten Spaß gemacht, denn die sind sehr spielerisch. Das Vibraphon spiele ich sehr zart, denn ich mag den Klang, wenn der Anschlag leise ist, die Obertöne sind reicher und das finde ich beruhigend. Der Klang des Vibraphons führt mich zu einer gewissen Einfachheit zurück, und das ist mein Ziel: in meinen Chansons die einfachen Sachen zum Ausdruck zu bringen. Weiterlesen

Amour avec le grand A

Heute beginnt die senegalesisch-französische Sängerin Awa Ly ihre Deutschlandtournee. Ihre Wurzeln gründen im Senegal, aufgewachsen ist sie jedoch in Paris und gelebt hat sie in Italien. Kein Zweifel, Awa Ly ist eine Kosmopolitin, und das hört man ihrer Musik auch an. Die 40-Jährige mit dem dunklen Timbre entwirft Songs, die Soul und Pop vereinen, mit jazzigem Flair spielen und hin und wieder auch die Zart- und Einfachheit des Folk zulassen. Für ihr viertes Album, mit dem sie erstmals in Deutschland in Erscheinung tritt, hat sie eine Band um sich geschart, die mit Bassist Greg Cohen sowie Produzent Jean Lamoot (Nneka, Salif Keita) internationale Größen ins Boot holt. Inspiriert zu diesem Zyklus wurde sie durch einen Traum, in dem ihr eine Schamanin erschien und die Ideen für Liedtexte einhauchte. Vom erdig-gospeligen „Storyteller“ über den leichtfüßigen Afro-Pop „Here“ mit dem senegalesischen Gast Faada Freddy bis zur fragilen Akustik von „Sunflowers“: Awa Lys Lieder entfalten sich mit Bedacht, offenbaren mal eine ruhige Pianolinie, hier eine chinesische Kniegeige, dort eine flirrende Linie auf der Stegharfe. Am besten gefallen hat mir die genauso schlichte wie sanfte Hit-Hymne „Wide Open“, die sie selbst als „Amour avec un grand A“ bezeichnet. Die Tourdaten gibt es hier.

Awa Ly: „Wide Open“
Quelle: youtube

 

Die Freiheit der Westküste (#3 – Canada 150)

Foto: Nick Merzetti

Jaron Freeman-Fox (British Columbia)
aktuelles Album: Jaron Freeman-Fox & The Opposite Of Everything (Eigenverlag)

Kanada kann sich zwischen Halifax und Vancouver mit einer ganzen Riege erstklassiger Violinisten schmücken, doch unter den lebenden Meistern des Instruments ist er derjenige mit dem universellsten Ansatz: Jaron Freeman-Fox. Während meiner Reise war es nur möglich, ihn an einem ganz bestimmten Tag zu treffen, und dafür musste ich zehn Stunden im Zug sitzen. Wie sich schnell herausstellte, hat sich jede einzelne Minute der Fahrt gelohnt, denn selten habe ich ein so profundes und anregendes Gespräch führen können.

Als ich nachmittags um drei in der ruhigen Straße im Westen von Toronto eintreffe, sitzt Jaron auf seiner Veranda und frühstückt. Es ist noch Ende Februar und die trügerische Frühlingsluft, die vom Lake Ontario in die Stadt weht, lässt die Temperatur auf sieben, acht Grad plus hochschnellen. Jaron geleitet mich in sein Arbeitszimmer, wo seine Instrumente und sein kleines Studio untergebracht sind, und schon mit seiner ersten Antwort tauche ich in eine faszinierende Welt ein.

Jaron, wie stellte sich deine musikalische Kindheit dar? Welchen Einflüssen warst du ausgesetzt? War da von Anfang an die Geige?

Jaron Freeman-Fox: Mit vier wollte ich schon Geige spielen, mit sieben bekam ich dann eine. Ich wuchs ganz im Norden von British Columbia, in der Nähe zu Alaska auf, und dort zählte die Musik der Indigenen zu den Highlights. Was die, nennen wir sie mal „koloniale Musik“ angeht: Sie wird durch die Freiheit von Geschichte bestimmt. Das gilt für Kanada im allgemeinen, aber besonders für British Columbia, das ein sehr junger Bestandteil des Landes ist. Es gibt dort keine richtige eigene Tradition. Wofür ich dankbar bin! Im Gegensatz zu einem Fiddler, der in Schottland mit einer immensen Tradition aufwächst oder einem jungen Inder, dem man nahe legt, zuerst die indische klassische Musik zu lernen, ist es für mich einfach Fiddlemusik, ganz gleich, ob ich eine keltische Melodie oder Bluegrass lerne. Es gibt dort oben viele Musikfestivals, die nach dem Prinzip der Hippiezeit funktionieren. Die Leute kaufen einen Flecken Land, entscheiden sich, eine große Party zu schmeißen, und über die Jahre wächst es zu einem großen Festival. Und das macht die Musik da zu etwas sehr Eigenem. Als Teenager klagte ich darüber, dass ich keine Tradition hatte, die ich meine eigene nennen konnte, in die ich eintauchen konnte. Aber jetzt, wo ich älter werde, merke ich, dass es wirklich ein Spektrum gibt zwischen Geschichte und Kreativität: Je größer die Abwesenheit von Geschichte ist, desto notwendiger, dringlicher die Kreativität. Und das siehst du sehr gut an der kanadischen Westküste. Weiterlesen

Stille im Herz der Dinge

2004 brach der kanadische Geiger Oliver Schroer zu einer Pilgerreise auf dem St. Jakobsweg auf. Entlang der Wegstrecke suchte er Kirchen auf, in denen er mit seiner fünfsaitigen Violine Aufnahmen machte – meditative, spirituelle Improvisationen, die von einem Freigeist geprägt sind, wie er unter den Künstlern British Columbias oft zu finden ist, da dieser junge Teil Kanadas über kaum eigene Traditionen verfügt. So erinnert Schroers Spiel manchmal an die Solopartiten von Johann Sebastian Bach, manchmal an alte norwegische Hardangerfiedelmusik, dann wieder an keltische Prägungen. Camino, das Klangtagebuch dieser Reise ist eine der schönsten Solovioline-CDs, die je eingespielt worden sind.

2008 ist Oliver Schroer an Leukämie gestorben – seine Geige hat ihn bis zu seinen letzten Momenten begleitet: Bei einem Benefizkonzert, das Freunde für ihn in der St. Trinity Church in Toronto veranstaltet haben, spielte er für sie selbst noch ein Stück, und an seinem letzten Tag komponierte er das Stück „Poise“ – Gelassenheit. Sein Instrument hat Schroer seinem Schüler Jaron Freeman-Fox vererbt, den ich vor kurzem treffen konnte – ein Porträt folgt in Kürze.

Oliver Schroer: „Tears Of Mary“
Quelle: youtube

Vintage-Ladies aus Akadien (#2 – Canada 150)

hay babies
Les Hay Babies (Nouveau-Brunswick)
aktuelles Album: La Quatrième Dimension (Simone Records)

Die atlantische Provinz Nouveau-Brunswick ist Kanadas einzige Region mit offizieller Zweisprachigkeit. Das Englische und das Französische siedeln hier so eng beieinander, dass sie eine abenteuerliche Mischsprache, das Chiac gebildet haben. Davon machen auch drei junge Damen in ihren Texten ausgiebig Gebrauch. Die Hay Babies (Julie Aubé, Katrine Noel und Vivienne Roy) sind das aktuelle Aushängeschild einer akadischen Kultur, die sich nicht auf Traditionen festklopfen lässt, den Bonvivant-Aspekt der französischstämmigen Bewohner aber umso mehr feiert. Julie Aubé und Katrine Noel habe ich auf dem Festival Montréal en lumière getroffen, wo sie mir auch von ihrem besonderen Verhältnis zum Premier Justin Trudeau erzählt haben.

Eine offensichtliche Frage zu Beginn: Was bedeutet das „hay“ in eurem Namen?

Katrine Noel: Wir haben als 18-jährige Freundinnen angefangen, Musik zu machen, viel gejamt, Songs geschrieben, wir waren mit Feuereifer dabei. Dann haben wir einen ersten Auftritt bekommen, haben ein Foto für die Ankündigung gemacht, hatten aber noch keinen Namen. Wir waren einfach drei Mädchen, die Folk gespielt haben. Wir haben uns alle möglichen Namen ausgedacht, und Les Hay Babies hat die Zustimmung von allen drei bekommen. Eine richtige Bedeutung hat das nicht, aber es passt zu dem Folk und Country, den wir damals gespielt haben, und wir waren damals halt einfach noch Babies.

Les Hay Babies: „Fil De Téléphone“
Quelle: youtube

Jetzt gibt es einen hörbaren Stilwechsel in eurem Sound. Habt ihr das von langer Hand geplant oder ist das zufällig passiert? Weiterlesen

(he)artstrings #16: Der Brexit als Allegorie

john smithJohn Smith
„England Rolls Away“ (John Smith)
(aus: Great Lakes, 2013)

Die Größe eines Songwriters ermisst sich unter anderem darin, dass sämtliche Vergleiche nicht mehr taugen. Und dass seine Songs vielerlei Deutungen zulassen. Beides ist beim bärtigen Herren aus dem UK zutreffend. Man hat John Smith mit Nick Drake, John Martyn und anderen verglichen, aber die Färbung seiner waidwunden Stimme ist durch und durch eigenständig- und -sinnig. Ebenso verhält es sich mit den Lyrics: Man könnte diesen Text heute als Allegorie auf den Brexit lesen, doch Smith hat ihn schon 2013 geschrieben. Und so ist es wohl eher die tieftraurige Geschichte über ein gebrochenes Herz, das an einer Dame namens England leidet, und an der er nach eigener Aussage über ein Jahr lang geschrieben hat.

John ist ab dem 19.4. in Deutschland und der Schweiz unterwegs, besonders empfehle ich den Termin im Basler Parterre am 29.4., den Andrea Samborski im Rahmen ihrer neuen Reihe Eclipse Concerts organisiert hat. Und Mitte Mai erscheint sein neues Werk Headlong.

John Smith: „England Rolls Away“
Quelle: youtube

Rudolstadt-Vorfreude 2017

rudolstadt 2017Das Rudolstadt-Festival hat heute sein Programm veröffentlicht. Neben dem Länderschwerpunkt Schottland möchte ich schon mal drei Empfehlungen aussprechen, für die allein es sich lohnt, vom 6. bis 9. Juli nach Thüringen zu fahren:

1. Alma (Österreich): „Morocco“
Quelle: youtube
2. Bears Of Legend (Kanada): „Be Mine, All Mine“
Quelle: youtube
3. Osei Korankye (Ghana): „Adampan Ohimnu“
Quelle: youtube

https://rudolstadt-festival.de/de/