Stripped down Beethoven


Arash Safaian, Sebastian Knauer  & Zürcher Kammerorchester
This Is (Not) Beethoven
(Modern Recordings/BMG/Warner)

Ludwig van Beethoven beginge heute seinen 250. Tauftag. Anlass, ihn heute Morgen und heute Abend mit zwei akustischen Seitenpfaden zu würdigen.

Eine kräftige Bremse hat das Corona-Virus dem Beethoven-Jubiläumsjahr verpasst. Was auf vielen Bühnen zum 250. Geburtstag des Komponisten geplant war, musste notgedrungen zusammengestrichen oder ganz aufgegeben werden. Anders sieht es bei den CD-Produktionen anlässlich der Feierlichkeiten aus. Unter ihnen hebt sich dieser Tage eine Neuerscheinung heraus, die eine ungewöhnliche Perspektive auf den Meister der Wiener Klassik wagt. Der Komponist Arash Safaian und Pianist Sebastian Knauer haben für This Is (Not) Beethoven die alte Verfahrensweise der Variation mit neuem Anstrich versehen.

Zwar finden sich unter den Beethoven-Würdigungen 2020 auch Begegnungen der abendländischen Klassik mit dem Osten. Wer eine solche bei Arash Safaian vermutet, geht allerdings in die Irre. Der 39-Jährige ist zwar in Teheran geboren, kam allerdings schon als Kind nach Bayreuth, seine Sozialisation fand innerhalb der europäischen Tonsprache statt. Anschießend studierte er in Nürnberg Malerei und in München Komposition. Seitdem wirkt er als Schöpfer orchestraler Werke, Opern und Filmmusik. Safaians erster Kontakt mit Beethoven fand allerdings schon in den ersten Jahren seines Lebens statt: Er erinnert sich an einen Besuch in einem Teheraner Plattenladen namens „Beethoven“, dessen Werke wurden damals noch auf Kassetten angeboten. Dieses Kindheitserlebnis, verknüpft mit dem Kennenlernen des 3. Klavierkonzerts, waren prägend für den Knaben – und die Initialzündung dafür, dass er selbst zum Klavier fand.

Es ist nicht die erste kompositorische Auseinandersetzung des Teams Safaian/Knauer mit einem Giganten der abendländischen Musikgeschichte: In der Produktion „ÜberBach“ von 2016 übertrugen sie Musik von Johann Sebastian Bach für Tasteninstrumente, Choräle und Orchesterwerke in Arrangements mit dem Zürcher Kammerorchester, Klavier und Vibraphon. Bachs Kompositionspraxis spann Safaian weiter, in dem er das barocke Baukastenprinzip mit seinen Sequenzen und Wiederholungen schlüssig und sinnträchtig „verlängerte“, eigene Fortbewegungen und harmonische Entwicklungen erfand.

Für die Tonsprache der darauffolgenden Klassikepoche, in der die Verarbeitung von thematischem Material komplexer geschieht, sich harmonisch, dynamisch und rhythmisch vielschichtiger abwandelt, kann eine solche Fortspinnung nicht mehr so einfach unternommen werden. Oder doch? Tatsächlich stellt Safaian mit dem Marsch aus Beethovens 7. Sinfonie eine der Kompositionen Beethovens ins Zentrum, die am meisten von mathematischer Motorik geprägt sind. Dieses Marschthema des zweiten Satzes beleuchtet Safaian fantasievoll aus jedem erdenklichen Hörwinkel in zwölf Variationen. Er verdichtet die Tonsprache harmonisch bis hin zu Dissonanzen, die auf Schockeffekte der heutigen Filmmusik verweisen, und er gibt ihr eine bombastische Fülle, die einen auch mal an Rachmaninoff denken lassen („Heroic“). Er lässt Instrumentengruppen wirkungsvoll in Zwiesprache mit dem Piano treten, die Streicher mit gleißenden Obertönen, die Bläser mit bellenden Fanfaren. Oder er löst den Marsch in einen pathetischen Walzer auf („Aria in Black“), lässt das Orchester sich an einem einzigen Ton festbeißen, während das Piano dazu das Thema auf ein Skelett reduziert („Grid“). In der Variation „Ricercar“ schafft er es sogar, Beethoven in den Barock zurückzugeleiten.

Damit die zwölf Marsch-Abwandlungen beim Hörer nicht zu Ermüdungserscheinungen führen, bereichert Safaian diese „Fantasy For Piano And Orchestra“ (so der CD-Untertitel) durch Adaptionen aus Beethovens Klavierwerk und einige andere Werkzitate. Eine opulente Einleitung der CD hat er anhand einer leuchtend-cineastischen Einfärbung der „Mondscheinsonate“ geschaffen, spiegelt dabei clever die Motivik und setzt sie in eine höhere Lage. Die Orchesterbegleitung verleiht dem berühmten Eingangssatz einen ganz anderen Atem, bläht ihn aber fast ein wenig zu pompös auf. Nicht fehl am Platz ist dieser dramatische Duktus beim freien Aufgreifen der Schlussfuge aus der „Hammerklaviersonate“, die hier zu einem Schaukasten für Knauers emotionale Expressivität wird. Genau wie die „Kammermusik 3“: Hier verzahnen sich das Spiel der norwegischen Geigerin Eldbjørg Hemsing und von Knauer zu einem wiederum eher nach Bach klingenden Kontrapunkt.

Als „Adagietto“-Nachbetrachtung mit dem Soloklavier klingt diese zu meisten Teilen nicht nur gelungene, sondern auch spannende „Weiterdichtung“ Beethovens melancholisch aus – wie ein verschollener Satz einer Klaviersonate selbst. Beethoven und nicht Beethoven zugleich: Die Klammer in der Titelgebung ist treffend. In jedem Falle ist Safaians „Fantasie“ eine wertvolle musikalische Neuschöpfung. Safaian und Knauer hoffen, wie bei „ÜberBach“ auch klassikferne und jüngere Hörer zu erreichen. Sie sind dabei aber nicht der Versuchung erlegen, die Beethovenbilder der Popularkultur zu reproduzieren, etwa das vom „ersten Rocker der Musikgeschichte“. Vielmehr gelingt es ihnen auch stets in den freieren Passagen, die Abstand vom Originalmaterial nehmen, den vielschichtigen musikalischen Charakter Beethovens ohne Klischees widerzuspiegeln.

© Stefan Franzen, erschienen im Iran Journal

Arash Safaian, Sebastian Knauer & Zürcher Kammerorchester: „Una Fantasia“
Quelle: youtube

Saint Quarantine #20: Papa Chicos Plattenteller


Unter den vielen Streaming-Initiativen und -Projekten, die sich während der Pandemie etabliert haben und die natürlich auch während des jetzt startenden zweiten Lockdowns weiterlaufen, ist  #inFreiburgzuhause ein sehr rühriges und vielfältiges. Alle möglichen Disziplinen und Genres aus der Kulturszene Freiburgs sind hier vertreten. Besonders gut gefällt mir die launige Swamp Radioshow, die Carmelo Policicchio alias Papa Chico in seiner – derzeit leeren – Musikkneipe aufgegleist hat.

Er selbst plaudert mit lokaler und nationaler Prominenz über Musik, Fußball und das Leben an sich, und zwischendurch gibt es tönende Streifzüge durch die Musikhistorie. Man muss kein Lokalpatriot sein, um hier ein paar amüsante Stunden zu verbringen. Die 4. Ausgabe startet am Donnerstag, den 17.12. um 20h und hat Nicole Herman aka Sister Midnight und Ralf Welteroth aka Levy Shoemaker zu Gast am Kneipentisch und am Plattenteller. Dass man beim Lausch- und Guckgenuss auch ein bisschen spenden sollte, versteht sich von selbst.

Klangfenster zu den Nachbarkünsten

Sílvia Pérez Cruz
Farsa
(Universal Spain)

Diese Platte hat eine lange Vorgeschichte. Eigentlich wollte Sílvia Pérez Cruz sie bereits im Frühjahr veröffentlichen – als Endresultat ihrer Beschäftigung mit den Nachbarkünsten Theater, Poesie, Tanz und Film, die sich bereits über zwei Jahre hingezogen hatte. Doch dann kam…wir wissen es alle. Und so blieben diese 16 Stücke nochmals ein halbes Jahr im Nirwana hängen, beziehungsweise im Netz, wo viel davon schon zu sehen und zu hören war.

Man könnte davon ausgehen, dass das Teamwork mit den anderen Disziplinen zu einem Konzeptalbum geführt hätte. Doch Farsa gleicht eher einem Kaleidoskop ohne zusammenhängenden dramaturgischen Bogen, selbst innerhalb der vier Kapitel (auf der Doppel-LP, deren Cover oben abgebildet ist, je eine Seite) ist die Variationsbreite so hoch, dass man keine Geschlossenheit in Besetzung, Instrumentation oder Stimmung erkennen kann. Pérez Cruz hat betont,  dass diese Brückenschläge für sie ein Experiment gewesen sind und genau diesen Charakter hat Farsa bis ins Endstadium auch nicht abgelegt.

Was nicht heißen soll, dass mitunter nicht großartige Songs darauf zu finden sind: „Pena Salada“ etwa, der Eröffnungstrack, der mit dem Perkussionisten Aleix Tobias in eine Urschicht spanischer Folklore entführt, oder das jazzige „Estimat“, das genauso eine Komposition aus der Blütezeit des kubanischen Bolero sein könnte. „Todas La Madres Del Mundo“ ist ein wunderbar wiegendes Loblied auf die Kraft der Mutterschaft (ein zweiter, latenter Faden durch das Werk) mit großem Akustikensemble, aufgeladen mit der dramaturgischen Kraft der Streicher und einer Melodie, die Pérez Cruz Stimme so zur Wirkung kommen lässt, wie sie am meisten glänzt – im ruhigen Fluss mit nur ganz spärlichen expressiven Ausbrüchen. In „Mañana“ wiederum ist ihr ein Liebeslied gelungen, dass mitten aus der mexikanischen Terzenseligkeit stammt.

Farsa – CD-Cover

Mit „Grito Pelao“ erreicht Farsa seinen audio-visuellen Zenith: eine grandiose Kollaboration mit dem Gitarristen Mário Mas und der unorthodoxen Flamenco-Tänzerin Rocío Molina (siehe Video unten) – aus dem gemeinsamen Programm von Pérez Cruz mit ihr ist auch der Titel entlehnt. Auch der anschließende Tango ist ein Meisterwurf, featuret nicht nur den Bandoneón-Könner Marcelo Mercadante, sondern auch ein Outro mit Waldhörnern, die hier eine völlig genre-untypische Farbe ins Spiel bringen. Dann allerdings fasert das Geschehen ausgerechnet auf der Danza-Seite ohne rhythmisch klare Linie ins Deklamatorische und Sphärische ab – vielleicht ist dies mein Hauptkritikpunkt am Album: dass Momente der Band-Stringenz einfach zu selten sind.

Versöhnlicher wieder die finale Sektion, dem Kino gewidmet: Wie in „Plumita“ der Flug einer Feder erst mit Oberton-Streichern und dann im Pizzicato-Taumel ausgestaltet wird, geleitet von traumhaft flexiblen Vocals, das ist Sílvia Pérez Cruz in Höchstform. Und mit ihrer Lesart von „The Sound Of Silence“ aus dem Soundtrack zu Álvaro Brechners „La Noche De 12 Años“ hat die Katalanin einen totgenudelten Klassiker  zwar fast neu erfunden – doch die jüngere, gitarristischere Live-Version, die nicht auf Farsa enthalten ist,  hat viel mehr Zunder. Ein bisschen angeklebt wirkt die explosive Rausschmeisser-Milonga, doch man wünscht sich fast ein ganzes argentinisches Album von Pérez Cruz als nächsten Schritt ihrer Karriere, so fantastisch ist das gesungen.

Ich mochte dieses Doppelalbum anfangs nicht sehr, was bei meiner Vorliebe für die Sängerin schon bemerkenswert ist. Immer noch finde ich es sperrig und stellenweise so heterogen, dass es fast auseinanderfällt. Die Klasse vieler einzelner Kapitel ist aber unbestreitbar und selbst ein paar Verklammerungen gewinne ich bei jedem Hören. Und dieser allmähliche Gewinn anstatt unmittelbarer Überwältigung zeichnet ja oft große Meisterwerke aus.

© Stefan Franzen

Sílvia Pérez Cruz: „Grito Pelao“
Quelle: youtube

 

Banale Beilage? – Eine notwendige Stellungnahme

Dies ist ein Musikblog, doch von Zeit zu Zeit muss ich hier auch zu politischen Ereignissen Stellung nehmen. Es gibt für mich als freien Autor der Badischen Zeitung hierfür leider einen dringenden Anlass.

Am 6.12. fanden die Leser der kostenlosen Zeitung „Der Sonntag“, die der Badische Verlag Freiburg herausgibt, eine 12-seitige Beilage namens „Stadt im Blick“ zwischen den Werbebroschüren. Diese Beilage wurde von den AfD-Stadträten im Freiburger Gemeinderat verantwortet.

Es ist richtig, dass unsere Demokratie die AfD aushalten muss und auch, dass ein Verlag – über die Redaktion hinweg – entscheiden kann, welche Inhalte er in seiner Anzeigenabteilung abwickelt, sofern sie nicht den demokratischen Grundprinzipien widersprechen.

Die Grenze ist für mich allerdings überschritten, wenn hinter diesen Inhalten Menschen stehen, die eine rechtsradikale, völkische, hetzerische Gesinnung erkennen lassen. Das ist zumindest bei einem der beiden Stadträte, sein Name muss nicht erwähnt werden, seit langer Zeit klar erkennbar. Er steht vor Gericht für Tätlichkeiten gegen einen Demonstranten und ist Anfang des Jahres mit AnhängerInnen vor das SWR-Gebäude in Baden-Baden gezogen, um dort JournalistInnen zu bedrohen, mit Anlehnungen an ein Vokabular, das Mitte der 1930er der Reichspropagandaminister in antisemitischen Zusammenhängen verwendet hat. Seine Positionen waren dem Verlag selbstverständlich bekannt.

Dem Verlag hat außerdem das Layout und der Inhalt der Beilage vorgelegen (sie wurde juristisch geprüft!), aus denen hervorgeht, dass diese 12 Seiten Parolen an der Grenze zur Hetze gegenüber Geflüchteten enthalten und dass die AfD-Urheberschaft dieses Blattes kaum zu erkennen ist. So gab es auch LeserInnen, die die Beilage für einen Redaktionsinhalt hielten.

Der Badische Verlag rechtfertigte sich zunächst für die Verteilung und ließ dazu online keine Kommentare zu. Erst am Dienstag wurde auf Druck des Protestes in der Leserschaft eine weitere Stellungnahme lanciert, in der man zu dem Schluss kommt, dass die Entscheidung falsch war. Dieses Lavieren hört sich für mich nicht überzeugend an. Man betont außerdem, dass der wirtschaftliche Nutzen der Veröffentlichung unerheblich war, es sei um ausgewogene Darstellung der Parteienlandschaft gegangen.

Mit Berufung auf die Pressefreiheit wurde einem, der selbst die Pressefreiheit bedroht, ein ausführliches Forum zur Selbstdarstellung gegeben. Auch die Berufung auf ausgewogene Darstellung des demokratischen Spektrums greift nicht, denn der fragliche Stadtrat hat sich mit seinen Positionen wiederholt außerhalb seiner eigenen Partei gestellt.

Ärgerlich ist, dass die Reaktionskette und ihr Resultat komplett vorhersehbar waren: Empörung der Leserschaft, notwendige Stellungnahme und Zurückrudern des Verlags und – entscheidend – damit verbunden eine breite, völlig unnötige Aufmerksamkeit für den Stadtrat. Die Entscheidung für die Veröffentlichung ist meines Erachtens getragen von einem Mangel an politischer Bildung und der Unfähigkeit, die Wiederholung geschichtlicher Prozesse zu erkennen.

Obwohl mich der Vorgang sehr befremdet und erschreckt, wäre es für mich eine unpassende Reaktion, meine freie Zusammenarbeit mit der Badischen Zeitung zu beenden. Damit würde ich die falschen Leute treffen, sprich: die viele Jahre bestehende gute Kollegialität mit meinen RedakteurInnen übergehen und die gegnerische Seite stärken. Es gilt, die kritischen Kräfte innerhalb der Redaktion zu stützen, denn viele in der Belegschaft müssen jetzt eine Diskrepanz zu ihrer eigenen Überzeugung ebenso aushalten.

Eine weitere Aufarbeitung des Geschehenen ist wünschenswert. Ein gangbarer Weg wäre für mich, dass die Verleger die Einnahmen aus der Beilage öffentlich machen und diese belegbar einer gemeinnützigen Organisation oder einer Flüchtlingsunterkunft spenden. So könnte mit AfD-Geldern noch etwas Sinnvolles getan werden. Eine Alternative wäre auch, die Gelder für Veranstaltungen zur politischen Bildung einzusetzen – in Anwesenheit der Verantwortlichen.

Es gibt derzeit einen treffenden Aufkleber mit dem Aufdruck: „Wenn du dich jemals gefragt hast, was du beim Aufkeimen des Faschismus getan hättest, frage dich, was du jetzt gerade tust.“ Hier hat der Badische Verlag fahrlässig und unverantwortlich gehandelt. Als freier Autor der Badischen Zeitung schäme ich mich für den Vorgang und möchte mich von der Entscheidung mit allem Nachdruck distanzieren.

Stefan Franzen

Update 12.12.2020
Der Badische Verlag hat in der heutigen Samstagsausgabe der Badischen Zeitung auf den anhaltenden Protest reagiert und will die Erlöse aus der AfD-Beilage spenden:
In eigener Sache: BZ spendet Erlös der AfD-Beilage an Verein und Aktion Weihnachtswunsch – Wir über uns – Badische Zeitung (badische-zeitung.de)

Soulfolkige Achterbahn

Bastien Keb
The Killing Of Eugene Peeps
(Gearbox Records)

Achtung, diese Scheibe versetzt gleich in etliche Parallelwelten, und man muss schon musikalische Achterbahnfahrten mögen, um hier nicht aus der Hörkurve zu fliegen. Mit The Killing Of Eugene Peeps hat der Londoner Gitarrist, Multiinstrumentalist, Sänger, Komponist und Arrangeur einen imaginären Filmsoundtrack geschaffen, der zwischen allen Stilen und Stühlen sitzt. Kebs geschichteter, falsettiger Heulgesang erinnert an Bon Iver, sein Narrator Kenneth Viota setzt ein abgründiges Bassorgan dagegen, das er wohl in einem muffigen Keller hat dröhnen lassen („Can’t Sleep“).

Tieftraurige Balladen mit Piano, Streichern, Gitarre, Vibraphon und Standbass („Lucky“ / „Rabbit Hole“) wechseln ab mit orchestralen Drohgebärden zwischen Blaxploitation und Erinnerungen an Hitchcock-Komponist Bernard Herrmann. Plötzlich strahlt eine Insel der Soul-Seligen hervor, mit Flötenklang und zarten Frauenvocals, die dem Philly-Sound der Frühsiebziger huldigt („All That Love In Your Heart“). Soul-Referenzen spielen auch mal ins Afro-Funkige hinein, mit zittriger Orgel und sumpfigem Bläserapparat „(Street Clams“), nur um in einen Rap mit dem Gast Cappo zu münden. Die BBC und Jamie Cullum verehren diesen Meister der Verschrobenheit – nicht die schlechtesten Referenzen.

© Stefan Franzen

Bastien Keb: „Rabbit Hole“
Quelle: youtube

Burkina Faso trifft Breisgau

Dirama
Kele Mani
(SiSu Records)

Westafrikanische Musik hat in Südbaden schon lange ihren festen Platz. Wie sich das im Jahre 2020 anhört, dem lässt sich jetzt auf Kele Mani nachhorchen. Personell und musikalisch schlägt das Trio Dirama mit neun Gastmusikern eine Brücke zwischen Burkina Faso und dem Breisgau, zwischen Griot-Tradition und Jazz, der teils auch etwas angerockt sein kann. Zentrale Gestalt des Ensembles ist Laminé Traoré, sein mehrspuriges Geflecht auf dem Balafon, seine gesprochenen und gesungenen Erzähllinien sind die Blutbahnen in den elf Stücken.

Improvisation vermählt sich mit der Afro-Textur mal eher klassisch-jazzig wie in den Sax-Einlagen („Kambele Ba“), mal entfaltet sie sich über einem trabenden, gemächlichen Groove mit Geige (Katharina Mlitz-Hussain in „Dougou Mansa“), regelrecht funkig wird es dagegen mit Sigi Suhrs überblasener Flöte in „Baya“. Es gibt Momente, in denen sich die „afropäische“ Begegnung aufs Nachhorchen, die Besinnlichkeit einlässt, wenn sich etwa wie in „Jakuba“ Bilder vom Dorfleben in der Savanne einstellen mögen. Das Highlight ist ohne Zweifel „Djarabi“: Hier ist die Abmischung der verschiedenen perkussiven Spuren mit den melodischen Anteilen am schönsten gelungen, gekrönt durch ein explosives Finale.

(zu beziehen über: www.trommelworkshop.org)

Klanggemälde im Dämmerlicht

Die griechische Pianistin und Komponistin Tania Giannouli entwirft Klanggemälde, die im Kopf der HörerInnen starke Bilder auslösen. Klassisch ausgebildet bewegt sie sich zwischen Avantgarde, jazzigen Improvisationen, Folk-Anklängen und Minimalismen. Jetzt hat sie mit einem ungewöhnlich instrumentierten Trio (Piano – Trompete – Oud) ein neues Album eingespielt und sich mit mir darüber unterhalten.

SRF 2 Kultur sendet meinen Beitrag in der Sendung Jazz & World aktuell am Dienstag, den 1.12. ab 20h, Wdh. am Freitag, den 4.12. ab 21h.

Hier dann live zu hören im Stream (in CH auch nach der Ausstrahlung):
https://www.srf.ch/audio/jazz-und-world-aktuell/mit-peter-buerli?id=11867364

Tania Giannouli Trio live at Jazzfest Berlin
Quelle: youtube

Saint Quarantine #19: Brasil-Groove von der Saar

Im Advent möchte ich die Serie Saint Quarantine wiederbeleben und sowohl bekanntere als auch weniger vertraute Namen bei ihren Aktivitäten vorstellen, die sich gegen die pandemischen Zeiten stemmen. Denn nach wie vor ächzt die Kulturszene unter den Beschränkungen und Auflagen und sieht einer ungewissen Zukunft entgegen.

Heute bringt der saarländische Jazzgitarrist und Buchautor Ro Gebhardt zusammen mit seinem Nachwuchs Alec am Bass brasilianisches Feeling in die 1. Advent-Stuben. Ro hatte die tolle Idee, an jedem Adventswochenende ein Stück online zu stellen. Begonnen hat er allerdings mit den Vater-Sohn-Sessions schon vor zwei Wochen – in einer grandiosen Version von Robert Schumanns „Hasche-Mann“. Unterstützen kann man Ro Gebhardts feine Gitarrenarbeit hier.

Alec & Ro Gebhardt: „Tudo Bem“
Quelle: youtube

Fließende Erdung

Foto: Matthis Kleeb

Sehr selbstbewusst und direkt schaut Simin Tander vom Cover ihres neuen Werks. Der Blick ist Programm: In den letzten zehn Jahren ging sie unbeirrt ihren künstlerischen Weg – von einer vielversprechenden Jazz-Newcomerin über die Interpretation von Sufi-Gedichten und Hymnen hin zu einer Klangwelt, die sich nun nicht mehr unter Jazz, Songwriting oder Pop fassen lässt. Doch von alldem steckt etwas drin in ihrem dritten Soloalbum Unfading, das auf dem Freiburger Label Jazzhaus Records erschienen ist.

Es hätte für sie so weitergehen können: Das Album „What Was Said“ mit Vertonung mystischer Lyrik für den großen ECM-Verlag bescherte ihr 2016 an der Seite des norwegischen Pianisten Tord Gustavsen große Erfolge, eine Welttournee und den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Doch in Simin Tanders Kopf reiften neue Visionen, die sich nur auf einem anderen Pfad, mit anderen Instrumenten verwirklichen ließen. „Die Besetzung war nicht unbedingt geplant, aber auch kein Zufall“, erläutert sie im Interview. „Ich hatte tatsächlich nach einem etwas dunkleren Sound gesucht, hatte zuerst noch ein Klavier im Kopf, wusste aber auch, dass das Schlagzeug einen dunkleren Groove spielen soll. In meinen Stücken sollte bei allem Fließenden, Sanften, nach oben Gewandten auch eine Erdverbundenheit vertreten sein. Und das ist für mich auf jeden Fall etwas sehr Weibliches.“

Im Schweizer Drummer Samuel Rohrer und dem schwedischen Bassisten Björn Meyer fand Tander zwei Musiker, die feingliedrig und zugleich flächig arbeiten können, einen Tieftöner, der sich in filigrane Höhen schrauben, ein Schlagzeug, dass auch mal sehr muskulös wirken kann. Das entscheidende fehlende Puzzleteil im Sound kam aus unerwarteter Ecke: „Ich hörte ein altes Jan Garbarek-Album. Da war ein Instrument drauf, das ich nicht einordnen konnte. Cello? Bratsche? Mich faszinierte der obertonreiche, zugleich aber tiefe, satte Klang. Ich recherchierte und fand heraus, dass es eine barocke Viola d’Amore ist.“ Mit dem Tunesier Jasser Haj Youssef agiert nun ein Könner auf diesem Instrument, der gleichzeitig den von ihr gewünschten orientalischen Aspekt einbringt.

Kein Zweifel, beim ersten Hören von Unfading muss man ein paar Hürden nehmen, denn die Kombination der Instrumente ist anspruchsvoll. Doch sie fallen mit der Zeit und machen den Weg frei für einen unwiderstehlichen Sog. Das liegt vor allem an Tanders Stimme: „Ich habe das Album im sechsten Schwangerschaftsmonat aufgenommen, man sagt, die Stimme wird da ein bisschen tiefer, oder wärmer vielleicht. Doch ich hatte mich zuvor schon ganzheitlich mit meiner Stimme auseinandergesetzt, versucht, die Stimme als Spiegel der Seele zu entdecken, immer weiter und transparenter zu sein.“ Sie sagt, das funktionierte ganz unterschiedlich: Ein spanisches Wiegenlied habe sie ganz breit ausgesungen, gar nicht geflüstert, ins englische Titelstück hingegen sei sie ganz „zart eingetaucht“.

Der Albumtitel signalisiert für Tander eine „sanfte, endlose Bewegung“. Verbunden sind die fünfzehn Stücke durch eine ausgeprägt weibliche Perspektive. Sie nahm ihren Anfang bei einer Dichtung von Sylvia Plath, die sie mit hypnotischer Wirkung in Szene setzt. Und sie hatte auch das Bedürfnis, wie schon auf früheren Alben in Pashto, der Sprache ihres Vaters, zu singen. Mehrfach tut sie das: einmal in einer Widmung an die Paschtunenheldin Nazo Tokhi des 17. Jahrhunderts, oder zeitgenössisch mit Versen der Lyrikerin Sohayla Hasrat-Nazimi, in deren Gedicht „Sta Lorey“ sie ganz funky wird. Auch Gulnar Begum, der großen Schauspielerin und Sängerin der 1960er, huldigt sie fast punkrockig. Nicht zu vergessen Tanders eigene Verse voll maritimer Symbolik und ihre spontanen Improvisationen. „Insgesamt empfinde ich ‚Unfading‘ als direkter und klarer im Vergleich zu meinem letzten Solo-Album“, sagt Simin Tander. „Ich möchte jede Melodie, jede Note zelebrieren und dabei auch die Stille sprechen lassen. Dieser Ansatz hat mich sehr reifen lassen.“

© Stefan Franzen, erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 27.11.2020

Simin Tander: „Unfading“ album trailer
Quelle: youtube

Schwereloser Saitentanz

Für viele ist sie die Königin der persischen Instrumente: Die Kamancheh, eine Stachelgeige aus Maulbeer- oder Walnussbaumholz mit winzigem Resonanzkörper, wird aufgrund ihres obertonreichen, melancholischen Klanges nahe der menschlichen Stimme gerühmt. „Der Wechsel zwischen der hohen und tiefen Lage ist wie ein Dialog zwischen einem reifen, weisen Menschen und einem jüngeren, energetischen”, sagt Misagh Joolaee (sprich: misaag dschulai). „Mein erster Meister pflegte immer zu sagen: ‚Ich weine oft mit der Kamancheh, mit der europäischen Geige komme ich nur selten an diesen Punkt.‘“

Auch Joolaee, einer der spannendsten Vertreter der jungen Generation von Kamanchehspielern, hat diesen unmittelbaren Vergleich der Streichinstrumente erfahren: Mit sieben Jahren beginnt er, den reichen Schatz der persischen Kunstmusik, den Radif, auf der Violine zu erlernen. Doch als er über seinen jüngeren Bruder die Kamancheh entdeckt, wird ihm klar: Diese Musik kann viel besser auf der persischen „Schwester“ umgesetzt werden. Als Teenager entwickelt er parallel aber ein Interesse für die abendländische Klassik, Beethovens Violinkonzert habe ihn total umgehauen, verrät er. Die Beschäftigung mit zwei Musikwelten und die Beherrschung beider Instrumente bringt ihn auf einen außergewöhnlichen Weg: „Ich fing an, meine Hörerlebnisse in der europäischen Musik auf die Kamancheh zu übertragen. Doppelgriffe und Bogentechniken der Violine wie Staccato und Spiccato, die bisher nicht üblich waren. Außerdem inspirierten mich Zupftechniken von der Langhalslaute Setar, später auch das Anreißen der Saiten (Rasgueado) aus dem Flamenco.“ Diese Erschließung neuer Klangräume ist eine Pionierarbeit.

Wie unzählige andere freigeistige Künstler stößt Misagh Joolaee 2006 an seine Grenzen im Alltag unter dem iranischen Regime. Um sich entfalten zu können, entschließt er sich zur Ausreise nach Deutschland. Heute lebt er in Berlin. Doch das Erbe des Iran, insbesondere seiner Heimatprovinz Mazandaran im Norden, trägt er weiter im Herzen: „Die Region hat eine eigene abgeschlossene Musiktradition entwickelt, mit einer Gesangstechnik, die ganz außergewöhnlich ist. Diese „Mazari“-Tradition hat stark auf die persische Kunstmusik eingewirkt“, sagt Joolaee. Die Sehnsucht des Exilanten nach seiner ersten Heimat ist in sein Solo-Debüt, die CD „Ferne“ eingeflossen. Anfang des Jahres wurde sie mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik prämiert. Joolaee hat sie mit dem aus Freiburg stammenden Perkussionisten Sebastian Flaig eingespielt, einem profunden Kenner der orientalischen Musik, der auch schon mit den berühmten bulgarischen Frauenstimmen musiziert hat.

Von melancholischer Meditation über Trennung bis hin zu schwerelosem Tanz auf den Saiten und ekstatischem Kreisen reicht das Ausdrucksspektrum der Kompositionen, die die beiden in greifbar intensiver Zwiesprache live im Studio eingespielt haben. „Man strebt als Künstler immer an, so ein kleines Fenster von Transzendenz zu erreichen, das schafft man vielleicht ein paar wenige Male im Leben““, sagt Joolaee. Mit Flaig sei er diesem Zustand nahe gekommen, besonders in einem Stück namens „Berauscht“, das den verzückten Zustand der Sufis in ihrer Suche nach dem Höchsten abbildet.

Misagh Joolaee hat diese stille Zeit des zweiten Lockdowns genutzt, seine zweite CD aufzunehmen, in der er die Auslotung neuer Techniken in freieren Improvisationen noch konsequenter vorantreibt. Zur Kehrseite der Pandemie zählen natürlich auch abgesagte Konzerte: Das Haus der Kultur, ein rühriger Verein unter Leitung des iranischen Konzertpianisten Shafagh Nosrati, hatte einen Abend mit ihm und Flaig im Freiburger Humboldtsaal gebucht, der entfallen muss. Doch nach etlichen Bemühungen, so der aktuelle Stand, konnte das Konzert durch  Verlegungen in die nahe Schweiz gerettet werden.

© Stefan Franzen, erschienen in der Badischen zeitung, Ausgabe 24.11.2020

CD: „Ferne“ (erhältlich über https://pilgrims-of-sound.com/)
Live: Misagh Joolaee & Sebastian Flaig, Kleines Museum Klingental Basel, 28.11., 20h (Beschränkung auf 15 Personen) und Kulturscheune Liestal, 29.11. 14h30 und 17h, (Beschränkung auf 30 Personen), Infos:
www.hausderkultur.com

Misagh Joolaee: „Fern der Geliebten“
Quelle: youtube