Öko-Poesie aus Marrakesch

Oum
Daba
(MDC/LOF Music/Galileo)

Die Marokkanerin Oum El Ghait Benessahraoui ist eine Vorkämpferin für die moderne arabische Frau in der Musik – diesen Anspruch untermauert sie mit ihrem dritten Werk. Die Vorzeichen sind ein wenig anders als auf den ersten beiden Alben. Als Aufnahmeort hat sie sich die Berliner Jazzanova-Studios auserkoren, wo eine andere starke Persönlichkeit der frauenbewegten arabischen Szene, Kamilya Jubran, ihre künstlerische Leiterin war. Durch diese Konstellation hat Oums Klangwelt noch an Konturen gewonnen. Der Sound ist smoother und hat zugleich mehr Raum zum Atmen, Oud, Sax, Trompete und Bass klingen eingebundener in ein Bandgefüge, verzichten auf lange Soloimprovisationen, schaffen einen aufregenden orientalischen Sog.

Oums Stimme hat in ihren Melismen mehr Souveränität, klingt blumiger, wie im Opener „Fasl“ auch geheimnisvoller als früher, wie etwa in dem grandios sich steigernden „Rhyam“. Mit Bedacht wurde elektronische Textur eingeflochten – das ist geglückt, da sie nur pointiert und nicht durchgängig spürbar ist. Ihre Lyrics hat Oum dieses Mal sehr ökologisch angelegt, preist die Natur, insbesondere den Ozean, und sie hat mit ihrer poetischen Kraft eine große Brücke von der Flüchtlingsproblematik bis zu zarter Liebeslyrik gespannt – im finalen Stück „Sadak“ gipfelt diese Dichtkunst in gemeinsamen Versen mit Jubran.

© Stefan Franzen

Oum: „Daba“
Quelle: youtube

Unterwassernotizen

Die wunderbare Meldung zum Wochenende kommt aus Kanada: Der großartige Patrick Watson aus Montréal hat für den 18. Oktober sein neues Album Wave (Domino) angekündigt. Verschiedene Schicksalsschläge haben ihn wie eine Welle überrollt, sagt er, und er hat sie, während diese Welle über ihn wegrollte, in berührende melancholische Balladen kanalisiert. Eine davon ist die „Melody Noir“, die dem Albumrelease schon vor einiger Zeit als Single vorangestellt wurde.

Patrick Watson: „Melody Noir“
Quelle: youtube

Waschprogramm mit Wiedergeburt

Als sie Anfang der Neunziger beginnt, Fado zu singen, interessiert sich niemand für das Genre. Nicht zuletzt dank ihrer Vision, Portugals Nationalstil zu erneuern, kann er heute auf seine große Erfolgsgeschichte zurückschauen. Nun hat Mísia selbst eine Wiedergeburt erfahren – nach zwei schlimmen Jahren, die sie auf Pura Vida (Galileo) verarbeitet.

Im Booklet ihres neuen Werks sieht man ein seltsames Bild: Mísia schlüpft aus der Waschtrommel heraus wie aus einem Mutterleib, umgeben von Gegenständen, die ihr lieb und teuer sind: darunter befinden sich etwa ein Foto ihrer Mutter, ein Fernando Pessoa-Figürchen, eine Marienstatue. „So war das Leben von 2016 bis 2018 zu mir, wie eine Waschmaschine“, sagt die 63-Jährige. „Nur wusste ich nicht, welches Programm eingestellt war, wann Wasser kam, wann der Schleudergang – und wann das Ganze aufhören wird.“ Mísia spricht mit fester Stimme, da ist nicht Anklagendes, nichts Pathetisches.

Wer einmal Krebs gehabt hat, für den ist nichts mehr wie zuvor. Und natürlich wirkt sich eine überstandene Krankheit auch auf den Schöpfungsprozess einer Künstlerin aus. Mísia hat sie zum Leitthema des Albums gemacht, nie plakativ, immer mit poetischem Feingespür. Und sie hat anhand ihrer Leidensgeschichte und Wiedergeburt den Fado, den sie seit fast 30 Jahren immer wieder neu erfunden hat, nochmals auf eine andere Stufe transzendiert. Da ist nichts von klassischer Besetzung mit Bass, portugiesischer und spanischer Gitarre. Vielmehr beginnt Pura Vida mit einer Bassklarinette. Später rückt immer wieder eine E-Gitarre in den Mittelpunkt, mal vordergründig rotzig, mal unterschwellig und noisy. „Alle großen Weltreligionen sagen, dass das Leben mit einem Atemhauch anfing. Die Klarinette steht für diesen Atem, der wieder in mein Leben trat. Und die Elektrische steht für das Dunkle, Gefährliche, die Störung, für die Nähe zum Tod, die ich erfahren habe. Deshalb bat ich den Musiker auch, sie sehr rau zu spielen. Die portugiesische Gitarre dagegen verkörpert das Spirituelle, das Kristalline, den Himmel.“

Halb Spanierin, halb Portugiesin hat Mísia stets eine gesunde Distanz, eine Außenperspektive zum Fado pflegen können, löste sich immer wieder von ihm, beschritt Seitenpfade in den Pop, die Klassik, den Tango. „Pura Vida“ ist in diesem Sinne radikal: „Wie der Titel schon sagt, wollte ich pure musikalische Noten, reine Musik ohne Klassifizierung. Ich sagte zu meinem künstlerischen Leiter, dem Pianisten Fabrizio Romano: ‚Nimm diese Melodien, aber behandle sie in den Arrangements nicht als Fado, gib ihnen alle Freiheiten.‘ Denn auch das ist die Erkenntnis der letzten beiden Jahre: Ich habe gelernt, frei zu sein.“ Und so lässt sie Fado mit Tango verschmelzen und kollidieren, legt unter Amália Rodrigues‘ Hymne „Lágrima“ einen E-Gitarren-Kontrapunkt, verleiht dem „Fado Dos Dois Pardais“, in dem der Körper als Käfig besungen wird, den Duktus eines Schubert-Liedes. Und, schöner Kunstgriff, sie beklagt sich mit den Worten ihres favorisierten Dichters Tiago Torres da Silva, der ihr vier Texte geschrieben hat, beim Fado selbst: „Jedes unserer Schicksale ist wie eine Beleidigung.“

Nein, fatalistische Akzeptanz lag ihr fern während ihres Krebsleidens. Selbst mit Infusionen unter ihrer Bühnengarderobe ging sie auf die Bühne, ließ kein einziges Konzert ausfallen. Und sie beteuert, dass ihre Stimme nicht unter der Krankheit gelitten hat: „Sie hat sich nur in puncto Ausdruck der Gefühle verändert, das Timbre, die Tonalität sind die gleichen geblieben. Sie ist menschlicher, organischer geworden. Es ist als hätte ich einen Ort entdeckt, zu dem ich gehen konnte, um meine Stimme wiederzubekommen, einen Ort, wo sich die Stimme meines Inneren und meines Äußeren neu begegnen konnten.“

Die intensivsten Momente auf „Pura Vida“ sind diejenigen, auf denen sie sich der Vermählung mit dem Tango hingibt, einmal mit dem Gast Melingo, einmal in ihrer Adaption von Horacio Ferrers „Prelúdio Para El Año 3001“. „Der Tango ist dem Fado viel näher als der Flamenco, sie sind eine Familie“, sagt Mísia. „Doch der Tango fährt dir mehr in die Eingeweide, ist temperamentvoller. Schon früher, nach einem Konzert in Buenos Aires, sagten mir Leute, ich sollte doch mal das ‚Prelúdio‘ interpretieren, es sei wie geschrieben für mich. Jetzt war der richtige Zeitpunkt dafür, denn am Ende des Textes heißt es: ‚Ich werde wiedergeboren werden!‘ Als ich das im Studio sang, musste ich weinen. Sehr reinigend war das, tatsächlich wie eine Waschmaschine.“

© Stefan Franzen, erschienen in Jazz thing #130

Mísia: „Ausência“
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Alpine Zukunftsmusik

Andreas Gabriels „Verändler“
Tinguely-Museum Basel
30.08.2019

An dieses Bild werden sich die Zuhörer sicher noch lange erinnern: Seinen Büchel blasend steht Balthasar Streit auf einer Plattform der monströsen, begehbaren Maschine von Jean Tinguely, Naturtonreihe und verspielte Technik, Urtümliches und modernes Wagnis treffen aufeinander. Es ist ein schönes Sinnbild für das, was ein paar Meter weiter seine Mitmusiker auf der Bühne anstellen bei diesem nachmittäglichen Konzert im Tinguely-Museum: Irgendwie alpin, ja, aber weit hineingestossen in ungeahnte Gefilde von Minimal Music, Jazz und Klassik von einem zehnköpfigen Projekt mit dem treffenden Namen „Verändler“.

Es ist das Geisteskind des 36-jährigen Geigers Andreas Gabriel. Er ist in die Nidwaldner Volksmusiktradition hineingewachsen, hat nach seinem Studium vergessene Tänze und Melodien neu belebt, definiert Fiedelmusik der Alpen und aus aller Welt durch nie dagewesene Experimente neu. Seine Bigband mit zumeist jungen Musikern ohne stilistische Scheuklappen ist ein sanfter Quantensprung für die Schweizer Tradition.

Allein, was sie mit dem „Schottisch“ zum Auftakt des Sets anstellen: Das Tanzthema aus dem Muotathal baut sich wie ein minimalistisches Flechtwerk in den drei Geigen auf, fast tönt es, als seien Steve Reich oder Philip Glass in eine Stubete hineingeraten. Das Wirbeln wandert hinüber zum Akkordeon (Fränggi Gehrig), im Kontrabass (Pirmin Huber) leuchtet dunkel eine Gegenmelodie, bevor in einem nachdenklichen Intermezzo der Balg schwelgt und Albin Brun ein Solo auf dem Tenorsax aufblühen lässt. Innig, wie ein eng geführter Gesang der drei Violinen dann das Finale einleitet. Mit Volksmusik hat das ungefähr noch so viel zu tun, wie ein Popsong mit einer Progressive Rock-Suite à la Yes oder Genesis, die ja damals gerne eine ganze Plattenseite dauerte.

Die Stärke von Andreas Gabriels Kompositionen liegt nicht nur darin, dass sie Orchestrales zu einem mächtigen Gesamtklang bündeln. Nein, es gibt auch immer wieder feine, leise Zwischentöne, intime Dialoge verschiedener Musiker, von denen jeder der zehn hier ein brillanter Solist ist. Etwa, als sich Geige und Kontrabass inbrünstig vereinigen zu einer lyrischen Widmung an den Brisen, den Berg in Gabriels Nidwaldner Heimat. Oder als sich über einem Pizzicato-Groove von Bass und Cello (Kristina Brunner) mit vielen Sprüngen und jauchzenden Glissandi fast zärtliche Dialoge aufbauen, wie eine kammermusikalische „Sweet Soul Music“ mutet das an. Grandios auch, als eine Polka dank des herzblutenden Bläsersatzes plötzlich einen kleinen Touch Dixieland abbekommt – da liegen die Zentralalpen plötzlich hinter New Orleans.

Und schließlich das Glanzstück des Repertoires, der „Verändler“, den Gabriel als „kleine Symphonie“ angelegt hat: Die ursprüngliche Ländlermelodie bricht immer wieder kreisend durch, ist aber eingebettet in ein chromatisches und auch mal dissonantes Gegenfeuern der Bläser. Ein majestätisches Nebenthema taucht auf, tatsächlich ganz wie im Sonatensatz einer klassischen Symphonie, Dur und Moll, Aufhellungen und Eintrübungen wechseln manchmal fließend, manchmal abrupt wie die Wetterumschwünge im Gebirge. Über gleißenden Liegetönen hat die Posaune (Roger Konrad) ihre Sternstunde, und ein einsamer Gesang des Euphoniums führt über zu einem weihevollen Ton, in dem nur die Streicher agieren. Als am Ende der Ländler zurückkehrt, noch wirbelnder und rasanter, ist klar: Andreas Gabriel hat unerschrocken und fantasievoll den Boden bereitet für eine Alpinmusik des 21. Jahrhunderts. Das Publikum quittiert es enthusiastisch.

Stefan Franzen, erschienen in der bz basel, Ausgabe vom 02.09.2019
weiteres Konzert: Bird‘s Eye Basel, 3.9.

Andreas Gabriels „Verändler“ (Asschnitte)
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Knusprige Kammermusik

In seiner reiferen Phase hat Rabih Abou-Khalil zu einem anderen Schaffenstempo gefunden. Sieben Jahre Albumpause gab es seit „Hungry People“, sein neues Werk The Flood And The Fate Of The Fish (enja) hat er entspannt zuhause eingespielt. Stefan Franzen unterhielt sich mit ihm über das Lebensgefühl in Frankreich, den Klang der Bass-Oud, knusprigen Studiosound und Orson Welles‘ Werbespots.

„Hast du dir eigentlich schon mal überlegt, was bei der Sintflut mit den Fischen passiert?“ Rabih Abou-Khalil lacht herausfordernd, im Hintergrund hört man die Brandung der Côte d’Azur. „Ich habe richtig Ärger gekriegt, als ich die Frage gestellt habe. Für mich ist sie ein Sinnbild dafür, wie wir als Menschen vor offensichtlichen Tatsachen und Problemen die Augen verschließen, wenn wir ein anderes Ziel haben.“ Den Elefanten im Raum nicht sehen wollen – das gilt im Privaten genauso wie auf klimapolitischer Ebene, selbst wenn es um unser Überleben geht. Doch Abou-Khalil ist kein strenger Mahner, bei ihm spricht die Musik für sich, Titel für seine Stücke und Alben findet er oft erst im Nachhinein, und die können dann schon mal humoresk bis sarkastisch ausfallen.

Das Meeresrauschen als Background für unser Gespräch schmeckt nach Urlaub. Hat sein neuer Wohnsitz bei Cannes auf seine Musik abgefärbt? „Ich bin ja nicht mit zwanzig hier hingezogen, wo ein Ortswechsel dich noch verändert“, sagt der Libanese. „80 Prozent der Leute, die hier leben, kommen gar nicht von hier. Südfrankreich ist, abgesehen von den großen Städten, ein kulturelles Vakuum, und das gefällt mir, denn ich habe hier völlige Freiheit zu tun, was ich will.“ Es ist ein wenig paradox: Mit sieben Musikern sind so viele Künstler an einem Abou-Khalil-Album beteiligt wie schon lange nicht mehr, neben den festen Triomitgliedern Jarrod Cagwin (dr) und Luciano Biondini (acc) sind Saxophonist Gavino Murgia und Ney-Virtuose Kudsi Ergüner dabei, eine zentrale Rolle spielt der portugiesische Fadista Ricardo Ribeiro und ganz neu in Abou-Khalils Arche ist die Japanerin Eri Takeya, die als klassische Violinistin lange Haltetöne als Textur für die vielen kurztönigen Instrumente lieferte. Trotzdem klingt alles durchlässiger, intimer.

Das liegt daran, dass von Stück zu Stück die Konstellationen wechseln, nie alle gleichzeitig spielen. „Ich habe viele Stücke mit verschiedenen Besetzungen versammelt, an denen ich parallel gearbeitet habe. Aber ich wollte keine drei CDs rausbringen, und so entstand die Idee mit den kammermusikalischen Gruppen. Und wichtig war mir, dass das nicht an zwei oder drei Tagen gemacht wird, sondern dass wir uns Zeit nehmen, und zwar bei mir zuhause, wo wir zusammen essen, leben und aufnehmen. Ich denke, das hört man auch.“ „Kammermusikalisch“ heißt allerdings nicht, dass das Werk einen besonders intimen Sound hätte, im Gegenteil. Günther Kasper, der die Aufnahmen nach dem Tod des langjährigen Pultmannes Walter Quintus beendete, hat einen präsenten, rockigeren Sound rausgekitzelt. „Knuspriger!“, sagt Rabih Abou-Khalil, und spielt damit auf ein grandioses, zickzack-metriges Stück namens „Crisp Crumb Coating“ an – den Titel hat er einem Commercial von Orson Welles für Fischstäbchen entlehnt. Da sind sie schon wieder, die Fische.

Ganz wesentlich prägt den Sound auch eine instrumentatorische Neuerung: „Seit vielen Jahren habe ich eine Bass-Oud, die eine Oktave tiefer gestimmt ist“, verrät Abou-Khalil. „So ein Instrument wurde schon vom arabisch-persischen Philosophen und Wissenschaftler Al-Farabi im Mittelalter beschrieben. Ich habe mir das damals von meinem Instrumentenbauer in München fertigen lassen, aber es war so groß, dass ich nicht darauf spielen konnte. Jetzt habe ich mich konsequent dahintergeklemmt, und siehe da: Der Körper passt sich an alles an!“ Da Michel Godard mit seinem Fuhrpark an Bassinstrumenten dieses Mal nicht dabei ist, haben alle, Abou-Khalil selbst, Akkordeonist Biondini und auch Schlagzeuger Jarrod Cagwin Bass-Funktionen übernommen.

Zentral aber sind die Gesangsstücke: Abou-Khalils long time companion Ricardo Ribeiro glänzt in einer Vertonung des bekannten, religionskritischen „Kyrie“ vom Poeten Ary Dos Santos, in „Falso Amor“ führt er die Hörer zurück in die Zeit, als Portugal arabisch war, und bei „Grãos De Area“ stellen sich Ribeiro und Kudsi Ergüner auf einen Dialog zwischen Stimme und Flöte ein – für beide eine chromatische Herausforderung. Ribeiro, so Rabih Abou-Khalil, habe es auch dieses Mal wieder geschafft, den Fado zu transzendieren. „Diese Fähigkeit, über das hinaus zu gehen, was das Ureigene ist, aber gleichzeitig nie das zu verlieren, was einen auszeichnet: Die suche und schätze ich bei vielen Musikern, mit denen ich arbeite. Ich glaube, ich habe ein besonderes Talent das zu erkennen.“

© Stefan Franzen, erschienen in Jazz thing #130

Rabih Abou-Khalil: „Crisp Crumb Coating“
Quelle: youtube

(he)artstrings #29: Mit Engelszungen

Eddi Reader – Rudolstadt Festival 2014 (Foto: Stefan Franzen)

Boo Hewerdine: „Patience of Angels“ (1994)
(aus: Eddi Reader – Eddi Reader)

Wenn ich mich recht entsinne, war sie die erste Künstlerin, die ich auf großbritannischem Boden live gesehen habe, 1992 beim Cambridge Folk Festival. Eddie Reader habe ich als Stimme von Fairground Attraction „(It’s got to beeeee, ….perfect!“) zwar noch nicht bewusst wahrgenommen, aber mit ihren Soloalben ging es dann los. Wunderbar ihr selbstbetiteltes Album von 1994 mit dem hier gewürdigten „Patience Of Angels“, das mich jahrelang begleitet hat, noch schöner ihre Adaption von Robert Burns-Songs aus dem Jahr 2003. 2014 dann durfte ich ich sie für eine Titelgeschichte im Folker interviewen.

Es wurde dank einer sehr gesprächigen Musikerin eines meiner längsten Interviews überhaupt: Eddi hat mir ihr ganzes Leben erzählt, bis hin zur Enthüllung, dass sie deutsche Vorfahren hatte, die „Rader“ hießen. Paradoxerweise fand dieses Interview statt, während sie in Japan auf Tour war, wo man ihre Musik vergöttert. Ihre Erklärung: „Die haben einen sehr weichen Zugang zum Leben.“ Ihr Auftritt in Rudolstadt im gleichen Jahr hat mir Tränen in die Augen getrieben, und das ausgerechnet bei einem Cover von Édith Piafs „La Vie En Rose“. Heute wird die kosmopolitische Schottin, die wie keine andere Songwriting, Pop und schottische Roots zusammengebracht hat, 2 x 30 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch, Eddi!

Eddi Reader: „Patience Of Angels“
Quelle: youtube

Die Sounds der grünen Lunge

Diverse
Jambú E Os Míticos Sons Da Amazônia
(Analog Africa/Groove Attack)

Vor nahezu fünf Jahren habe ich diesen Blog als musikalische Plattform ins Leben gerufen und bislang ganz bewusst so weit als möglich politische Anliegen aus diesen Seiten herausgehalten. Das ändert sich jetzt. Es gibt zu viele – im wahrsten Sinne des Wortes – brennende Probleme auf dem Planeten, zu viel Dummheit und Skrupellosigkeit in höchsten politischen Etagen, zu viel latenten und offenen Rückfall in rassistisches Denken, zu viel Schändung der Schöpfung. Ich werde ab jetzt meine musikalischen Artikel, wenn es mir angebracht scheint, explizit mit politischen Links verknüpfen.

Wenn dieser Tage eine Kompilation mit Musik aus dem Amazonas erscheint, muss man mit blutendem Herzen an die Tausende von Bränden im Regenwald denken, die nicht nur, aber auch die Folge des Handelns eines Rassisten, Sexisten und Umweltvernichter an der Spitze des brasilianischen Staates sind. Der Druck auf diesen Machthaber ohne jegliche Moral kann nur über Geld funktionieren, und ich hoffe, dass die G7 ihn dadurch in die Knie zwingen werden – auch wenn es bei den Industriestaaten zuhause natürlich alles anderes als vorbildhaft aussieht.

Mit Jambú E Os Míticos Sons Da Amazônia taucht das Label Analog Africa, spezialisiert auf Vintage-Vinyl der 1960er  bis 80er in eine neue Welt ein. Plattensammler Samy Ben Rejeb kam durch den australischen DJ Carlos Xavier auf die Spur der Popmusik im amazonischen Belém, Hauptstadt des Bundesstaates Pará. In der vierhundertjährigen Geschichte der Kautschukmetropole verschmolzen die Traditionen der Indigenen mit der der Afrikaner und Portugiesen. Ab den 1940ern spielte das Radio eine große Rolle dabei, dass Beléms Klänge bereichert wurden durch Musik aus Kolumbien, Surinam, Guyana, Kuba und Peru. Die Plattenindustrie, die in den 1970ern in der Stadt ins Rollen kam, machte die amazonischen Sounds massentauglich.

Ein Gewirr von Stilen entstand: Der Carimbó, über den bis heute debattiert wird, ob er aus indigenen oder afrikanischen Quellen entsprang,  der Siriá, geformt aus den Traditionen entflohener Sklaven mit Zutaten von Mambo und Merengue, die E-Gitarren-zentrierte Guitarrada, schließlich die Hit-Genres Lambada und Brega. Ein zündendes Gemisch aus schlurfender Perkussion, feuchter Blechblassektion, wimmernden Orgeln und Chören, die sich auch aus den afro-brasilianischen Religionen speisen.

Rejeb versammelt hier 19 patinagetränkte Aufnahmen von Musikern, die er in den letzten Jahren teils auch zum Interview treffen konnte (Auszüge aus den Gesprächen sind im Booklet abgedruckt). Legenden wie Mestre Cupijó, Pinduca, Verequete und Janjão lernen wir kennen, trinkselige und rituell gefärbte Miniaturen, die mal zum Tanzen animieren, mal zum melancholischen Nachhorchen in die grüne Lunge – eine Lunge, die gerade mit Tausenden von Feuern vergiftet wird, allein im letzten Jahr einer halben Milliarde ihrer Bäume beraubt und auf der eine Fläche von 500.000 Fußballfeldern einplaniert wurde.

Hier geht es zu zwei Petitionen – eine will Druck auf den brasilianischen Kongress machen, die andere auf den Gemeinderat meiner Heimatstadt Freiburg. Begreift man die Erde als ein großes Öko-System, ist jeder Baum wichtig, und auch in der „Green City“ Freiburg sollen 190 Bäume geopfert werden, zugunsten eines Parkplatzes für ein Heilbad.

https://secure.avaaz.org/campaign/de/amazon_apocalypse_loc/

https://www.change.org/p/freiburger-stadtbau-verbund-gesch%C3%A4ftsf%C3%BChrung-magdalena-szasblewska-und-ralf-klausmann-kein-kahlschlag-am-eugen-keidel-bad-b%C3%A4umem%C3%BCssenbleiben

Stefan Franzen

Mestre Cupijó E Seu Ritmo: „Despedida“
Quelle: youtube

Zärtliche Dekonstruktion


Caoimhín Ó Raghallaigh & Thomas Bartlett
Caoimhín Ó Raghallaigh & Thomas Bartlett
(RealWorld/PIAS/Rough Trade)

Nordwest-europäische Seelenmusik: Der irische Geiger und der US-amerikanische Pianist, beide Mitglieder der Formation The Gloaming, haben auf ihrem selbstbetitelten Album noch mehr als in ihrem Stammquartett keltische Musik auf ihre meditative Tiefensubstanz untersucht. Wie die Dance Tunes und Melodien aus Irland entschleunigt werden und buchstäblich in ihre Partikel zerfallen, das übt einen faszinierenden Sog aus, gerade auch durch den gedeckten Klang der Hardanger D‘Amore-Fiedel. Es ist aber auch immer eine Gratwanderung, denn ohne Bündelung durch Gesang droht das Duo-Spiel gerade in den längeren Stücken auch mal aus dem Folk-Orbit in den leeren Raum abzudriften. Eine zärtliche Dekonstruktion. (VÖ: 27.9.)

© Stefan Franzen

Caoimhín Ó Raghallaigh & Thomas Bartlett: „Kestrel“
Quelle: youtube

Gott, Schweiß und Tränen

Gospel war der Ankerplatz ihrer Seele. Dank ihres Vaters, Reverend C.L.Franklin, und ihrer musikalischen „Tanten“, den berühmten Sängerinnen Clara Ward und Mahalia Jackson, erhielt die heute vor einem Jahr verstorbene Queen of Soul, Aretha Franklin, von Geburt an den Nährstoff der Baptistenmusik, auf den sie immer wieder zurückgriff. Auf dem Zenit ihres Soul-Erfolgs nahm sie im Januar 1972 eine Doppel-LP auf, die zur erfolgreichsten Gospelplatte aller Zeiten wurde.

Die Vorzeichen in der New Temple Missionary Baptist Church in Los Angeles standen günstig, schaut man sich die Mitwirkenden an: Reverend James Cleveland, ein Freund der Familie, leitete die Zeremonien mit warmherzigem, humorvollem Kommando. Mit ihm hatte Aretha bis zu fünfstimmige Chorsätze ausgearbeitet, sie vereinen die swingenden Dreiertakte der Baptisten mit den vorwärtspreschenden, feurigen Anrufungen der Pfingstkirche. Zu einem einzigen beseelten Körper schweißte der quirlige Dirigent Alexander Hamilton die 28 Stimmen des Southern California Community Choirs zusammen. Und die Band schlägt mit Drummer Bernard Purdie und Gitarrist Cornell Dupree die Brücke zum Soul und Funk. Wäre da nicht dieses eine große Missgeschick unterlaufen: Regisseur Sydney Pollack sollte den Gospelgipfel auf Filmrolle bannen, doch das Material wurde unbrauchbar, da Bild- und Tonspur nicht synchron liefen. Mit digitalen Mitteln ließ sich das später beheben, Franklin aber, unzufrieden mit dem Ergebnis, verweigerte die Veröffentlichung. Erst nach ihrem Tod gab die Familie den Film frei – und nach einer 47-jährigen Odyssee kann die Welt dieses Dokument nun endlich auch auf DVD zu Gesicht bekommen. Doch braucht man bei einem so innerlichen, religiösen Ereignis die Bilder?

Sie öffnen zumindest eine weitere Dimension, denn die Spiritualität des afro-amerikanischen Gospels ist auch eine sehr physische und visuelle. Das Hin- und Herwiegen, das Zittern und Klatschen des Publikums. Das Aufspringen der Chormitglieder bei eruptiven Momenten. Und im Zentrum natürlich: Die unendlich vielen Nuancen von Verzückung und Entrückung in Franklins schweißüberströmtem Gesicht, wenn sie mit geschlossenen Augen am Predigerpult singt, ihre Erschöpfung, ihre Seligkeit. Zu sehen, wie Stimme und Körper in Einklang von einem ekstatischen Strahl getroffen werden, fesselt auch alle, die nichts mit Gospel am Hut haben.

Für „Amazing Grace“ schrieb der Heilige Geist die Dramaturgie, nicht Sydney Pollack. Denn der nahm offenbar nicht seine besten Leute mit in die Kirche, die Bilder sind oft verwackelt, die Kameramänner suchen die Schärfe, zeigen fast nie die Band, sind selten im entscheidenden Moment zur richtigen Stelle. Oft sieht man den Choir und Dirigent Hamilton: Seiner Begeisterung zuzuschauen, dürfte für jeden Chorleiter, egal welchen Genres, Genuss und Inspiration sein. Berührend wird „Amazing Grace“ auch durch Momente abseits der Musik, bei denen auch ein Quäntchen Schauspielerei dabei ist: Etwa als Arethas Vater zum Pult tritt und ihr bei einem Solo den Schweiß von der Stirn wischt. Als Cleveland beim Titelstück ergriffen auf eine Seitenbank zusteuert und dort anfängt, wie ein kleines Kind zu weinen. Und nicht zuletzt ist es auch ein Stück Zeitgeschichte: Wenn die Kamera durchs Publikum dieser schmucklosen Kirche, ein ehemaliges Kino, in L.A.s „Problemviertel“ Watts schweift, zeigt sie die schwarze Gemeinde in einer Zeit heftiger Rassenunruhen. Kirchgänger in feinem Putz treffen auf junge Civil Rights-Bewegte, ein paar weiße Hippies mischen sich darunter, Mick Jagger und Charlie Watts von den Rolling Stones bestaunen als Hinterbänkler, wie der Spirit auf den Raum herniedergeht.

Unbegreiflich, dass es „Amazing Grace“ über die Berlinale hinaus nicht in die deutschen Kinos geschafft hat, selbst bei der jetzt erschienenen DVD muss man auf einen Frankreich-Import zurückgreifen. Doch es gibt wohl kaum einen anderen Film der Popgeschichte, in dem Musik und Mysterium so miterlebbar ineinandergreifen.

© Stefan Franzen (erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 16.08.2019)

Aretha Franklin: „Amazing Grace“ (Trailer)
Quelle: youtube