Norient – Neustart

Während der letzten zwei Jahrzehnte war die Plattform Norient eine der führenden journalistischen Internet-Angebote rund um die globale Musik und viele Nachbardisziplinen. Nun ist ein neuer Norient Space mit dem Namen „The Now In Sound“ am Entstehen, „eine virtuelle, transdisziplinäre Galerie und Community-Plattform zwischen Kunst, Journalismus und Wissenschaft“. Dafür hat Norient eine Crowdfunding-Kampagne ins Leben gerufen, die bis zum 31.01. 999 Gründungsmitglieder werben will.

„Wir wollen unsere über viele Jahre gewachsene Community von über 700 Denker*innen und Künstler*innen aus 50 Ländern enger zusammenführen, Aufträge generieren, faire Honorare zahlen und ihre Ideen für die Zukunft einer breiten Öffentlichkeit vorstellen“, heißt es zur Begründung der Transformation in der Presseerklärung. Ziel soll es sein, „politischer, tiefgründiger, verspieltet und experimenteller“ als bisher jenseits von Eurozentrismus, Exotismus und Diskriminierung über die aktuelle Musik des Planeten zu berichten. greenbeltofsound unterstützt diese Idee, denn in Zeiten eines zunehmend oberflächlichen Kulturjournalismus in Print und Radio braucht es gerade im Netz Konzepte für die Klangnischen und globalen Farben dieser Welt!

Mehr Infos zum Start von „The Now In Sound“ und zu den Möglichkeiten der Unterstützung gibt es hier:
https://norient-beta.com/

Südpolare Klangtableaus

Foto: Alex Kozobodis

Das Penguin Café ist kein konkreter Ort, es ist ein künstlerisches Idyll. Hier ist alles möglich. Von diesem Ort der Spontaneität, des Zufalls, des Irrationalen hatte der Gitarrist Simon Jeffes 1972 nach einer überstandenen Fischvergiftung geträumt. Und er wollte ihm hörbare Formen geben. Das gelang ihm mit dem Zusammenschluss eines lockeren Ensembles von etwa zehn Freunden, die auf Gitarre, Cello, Violine, Ukulele, Piano, Klarinette, Oboe, Posaune eine einzigartige Klangwelt zwischen Klassik und Popularmusik schufen. Gegen alle Trends und Stiletikette veröffentlichten die Musiker auf einem Label ihres Förderers Brian Eno präzise getimte Kammermusik, die so eingängig war wie Pop, so loop-verliebt wie Minimal Music und die immer ein Fünkchen britischen Humors in sich trug.

Einmal entwickelte Jeffes ein reizendes kleines Stückchen um ein Telefon-Besetztzeichen herum, ein anderes Mal schrieb er ein Stück für ein Harmonium, dass er in Japan auf der Straße gefunden hatte. Die Inspirationen waren grenzenlos, vom Barock bis zur afrikanischen Trommelwelt, immer organisch, nie elektronisch. Trotzdem – auch das gehört zu den Kuriositäten des Penguin Café Orchestras – hatten sie ihren ersten Live-Auftritt im Vorprogramm von Kraftwerk. Ihre Musik schaffte es in Werbespots der Eurotunnel-Company und von Coop, wurde von DJ Avicii gesampelt.

Als Simon Jeffes 1997 an einem Gehirntumor starb, versuchten die Bandmitglieder es allein, aber schließlich wurde das Café der Pinguine dicht gemacht – bis sich sein Sohn, der Pianist Arthur Jeffes unter dem verkürzten Namen „Penguin Café“ entschloss, die Historie mit neuen Musikern weiterzuschreiben. Seit 2009 hat das imaginäre Café also wieder seine Pforten geöffnet und mittlerweile vier Platten veröffentlicht. Der instrumentalen Kammerpop-Philosophie treu geblieben ist auch die neue Besetzung, die sich aus klassisch ausgebildeten Musikern genauso zusammensetzt wie aus temporären Mitgliedern der Bands Suede und Gorillaz.

Das aktuelle, vierte Werk Handfuls Of Night (Erased Tapes/Indigo) ist das bislang sphärischste und Piano-zentrierteste, und mit ihm betreten Arthur Jeffes‘ und seine Mitstreiter die Antarktis. Was läge näher, mit dem Pinguin als „Wappentier“ des Ensembles? Das dachten sich auch Greenpeace, als sie auf der Suche nach passender Musik im Rahmen einer Fundraising-Kampagne für bedrohte Pinguinarten auf Jeffes zukamen und ihn baten, musikalische Charakterbilder der Seevögel zu gestalten. Es gibt aber noch einen anderen, familiäreren Zusammenhang für Jeffes polare Affinität: Seine Urgroßmutter war in erster Ehe mit dem Forscher Robert Falcon Scott verheiratet, der 1912 nach dem Wettlauf mit dem Norweger Roald Amundsen auf dem Rückweg vom Südpol starb.

Jeffes’ antarktische Soundscapes sind die ideale Background-Musik für eine Welt ohne Winter, in der man die Sehnsucht nach Kälte im heimischen Wohnzimmer auslebt: Seine Widmungen an die Zügel- und Kaiserpinguine sind zart gewebt und haben doch cineastische Breitwandzüge mit warmem Streichergeflecht. Grazil und funkelnd malt er den Tauchgang der Adélie-Pinguine, melancholisch die beschwerliche Wanderung der Tiere durch Fels und Eis. Zu Tastenspiel und Geigen treten sehr dezent Harmonium und Ukulelen-Töne, ruhig, manchmal kaum wahrnehmbar schreiten die Rhythmen unter den melodieverliebten Stücken, ein jazziger Bass tritt da schon fast überraschend hervor. Eingerahmt wird die Suite von zwei Widmungen an das unwirkliche Licht der Mitternachtssonne. Und inmitten all der antarktischen Klangtableaus knüpft Arthur Jeffes auch an die Ära seines Vaters Simon an: Plötzlich ertönt der recycelte Loop jenes Besetztzeichens, das das Penguin Café Orchestra einst so berühmt gemacht hat.

© Stefan Franzen, erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 16.01.2020

Penguin Café live:
17.1. Christuskirche Bochum, 21.1. Bogen F Zürich, 22.1.  Elbphilharmonie Hamburg, 23.1. Tollhaus Karlsruhe

Penguin Café: NPR Music Tiny Desk Concert
Quelle: youtube

 

Grillen grillen

„Was bei uns in so kurzer Zeit passiert ist, ist kaum vergleichbar mit einer anderen Band in letzter Zeit“, sagt Bassist Lukas Kranzelbinder. „Und das meine ich jetzt nicht selbstlobend, sondern einfach euphorisch, begeistert darüber, wie das alles explodiert ist.“ „Bei uns“, das heißt beim Septett Shake Stew, in dem sich mit hochsolistischem Bläsersatz sowie doppelt besetztem Schlagzeug und Bass eine neue Jazzdimension öffnet. Eine, die arabische Farben und afrikanisches Flair einbezieht, die Filigranes mit Funk und Free verknüpft. Regelmäßig rastet das Publikum bei Shake Stew-Shows aus, bekundet seine Sympathie mit „Schreien von ganz innen“, wie Kranzelbinder erzählt, mit Komplimenten wie „eure Musik kann die Toten erwecken“.

Was ist das Geheimnis dieses jungen Haufens exzellenter Musiker, in denen Persönlichkeiten von der Steiermark bis Hamburg aufeinanderclashen? Zunächst ist es die harte Arbeit am Arrangement. Nachdem Kranzelbinder die Stücke geschrieben hat, arbeiten die Bandmitglieder von der vierköpfigen Rhythm Section ausgehend detailliert an den Grooves und Patterns. „Ich gebe zunächst ganz klar alles vor, und ich bin auch der Leader, aber was dann musikalisch passiert, ist das Ergebnis eines Kollektivs“, sagt der 31-jährige Klagenfurter. Dieses Ergebnis ist derzeit nicht nur auf der Bühne zu belauschen, sondern auch auf dem Magnum Opus der Band, „Gris Gris“, ihr drittes Werk, das während eines intensiven zweitägigen Studio-Flows in eine Doppel-CD ausgeufert ist.

„Klar, ich mag schon die frühe Phase von Dr. John und sein Debütalbum ‚Gris Gris‘“, preist Kranzelbinder die im letzten Sommer verstorbenen New Orleans-Ikone. „Aber wir beziehen uns auch auf den Begriff, der viel älter ist: Er bezeichnet in etlichen Kulturen ja ein Objekt, einen Fetisch, der Energie verleiht, ganz wie in unserer Musik.“ In den mitunter 15 Minuten und mehr dauernden neuen Stücken offenbaren sich tatsächlich spiralförmige Steigerungen, die zuweilen in Ekstase münden können. Da entlädt sich in „I Can Feel The Heat Closing In“ eine hitzige Jagd zwischen Swing und Free zu epischen Trompeten- und Saxophonsoli. New Orleans und zugleich der Miles der Cool-Ära lugen in „No More Silence“ durch die Blechtextur.

Mit geheimnisvollem Mäandern und anschließender Sax-Ekstase wird in „You Let Go You Fly“ den Rhythmen der marokkanischen Gnawa-Bruderschaften gehuldigt. „Für mich ist die Musik der Gnawa wahnsinnig magisch“, sagt Kranzelbinder. „Seit ich begonnen habe, die archaische Gnawa-Laute Gimbiri zu spielen, hat das auch meinen Zugang zum Bass verändert. Und ich kann mich sehr gut mit dem Trance-Aspekt identifizieren: Da werden ja die Geister angerufen, und ich bin der Überzeugung, dass Musik dazu da ist, die Menschen zu erhöhen, sie ‚raufzubringen‘.“ „Raufgebracht“ werden die Hörer auch mit einem epischen Stück wie „Grilling Crickets“, das er bei großer Hitze als Spannungsbogen zwischen Sahel-Blues und der Saitensprache eines Bill Frisell komponierte und das schließlich in Disco-Flair mündet. Für die Bühne dürfte das jede Menge Zündstoff geben. Wie fasst Kranzelbinder das Erlebnis einer Shake Stew-Show zusammen? „Unglaubliche Konzentration und Fokus, gepaart mit körperlicher Energie am Limit.“

© Stefan Franzen, dieser Artikel erschien in der bz basel, Ausgabe 09.01.2020

Radiotipp: am 14.1. sendet SRF 2 Kultur in der Sendung „Jazz & World aktuell“ meinen Beitrag mit dem Interview mit Lukas Kranzelbinder ab 20h, hier im Live-Stream

live: 14.1. Theaterforum Gauting, 16.1. Moods Zürich, 17.1. Sudhaus Tübingen, 18.1. Kulturtreff Baudergraben Altdorf bei Nürnberg

Shake Stew: „Grilling Crickets In A Straw Hut, pt.1“
Quelle: youtube

Der Puls von Rush


Ihr „Spirit Of The Radio“ war 1980 sicher mein erster Kontakt mit kanadischer Rockmusik. Später haben mich Rush durch die ganzen Achtziger begleitet. Einer von den dreien ist jetzt nicht mehr hier. Die Rockwelt trauert um einen der Größten seines Fachs, und ich möchte mit der grandiosen Hymne „Mission“ von ihm Abschied nehmen, zu der er – als einer der wenigen textenden Schlagzeuger der Rockgeschichte – auch die Worte geschrieben hat. Rest In Power, Neil Peart!

Rush: „Mission“ live
Quelle: youtube

Large Landscapes


Mit dem beginnenden Jahr 2020 eröffne ich eine neue Rubrik:
!green belt ON AIR!
Hier weise ich auf meine Radiobeiträge hin, was ich bisher im Rahmen des Blogs nur unregelmäßig getan habe.

Los geht es mit der Klarinettistin Rebecca Trescher, die zu den interessantesten Persönlichkeiten der jungen deutschen Jazz-Szene zählt.
Mit ihrem Large Ensemble setzt die Nürnbergerin die Tradition eines Gil Evans fort, für eine große Gruppe im Bigband-untypischen Sound zu arrangieren, und hält sich mit ihren großen Klanglandschaften im Spannungsfeld von Klassik, Neuer Musik und Jazz auf. Zu ihren Inspirationsquellen gehören neben Evans Ravel, Messiaen und Strawinsky genauso wie Brad Mehldau oder Steve Reich.

Über ihr neues Album Where We Go habe ich mit Rebecca gesprochen, die sich gerade für ein Stipendium in Paris aufhält.
Meinen Beitrag könnt ihr hier in der Sendung Jazz & World aktuell am Di, 7.1. ab 20h auf SRF 2 Kultur im Live-Stream hören, wiederholt wird die Sendung am 10.1. um 21h. In der Schweiz ist er auch noch nachträglich abrufbar.

Den Fuß nicht auf die Herzbremse!

Jahreswechsel sind auch die Zeit für ein bisschen Nostalgie, zumal wenn eine neue Ziffer vorne steht.
Den Eintritt in die Zwanziger nutze ich, um 40 Jahre zurück, in das Adieu an die Siebziger zu blenden.

Am 28.12.1979 strahlte die BBC das „Christmas Special“ von Kate Bush aus, eine 45-minütige Show mit Songs aus ihren ersten beiden Alben, aber mit „Violin“, „Egypt“, „The Wedding List“ und der B-Seiten-Rarität „Ran Tan Waltz“ auch schon ein Vorgeschmack auf das dritte Werk Never For Ever, das im September 1980 erscheinen wird. Es markiert den Übergang von ihrer kräftezehrenden „Tour Of Life“ hin zu neuen kreativen Höhenflügen, die unter anderem im Antikriegs-Song „Breathing“ kulminieren werden.

Auch heute sind das noch zeitlos grandiose Aufnahmen, die ihren Bruder Paddy featuren sowie einen Gastauftritt von Peter Gabriel, mit dem sie im tieftraurigen „Another Day“ duettiert, und als Intermezzo gibt es eine unerwartete Erik Satie-Adaption. Das Finale hat es besonders in sich: eine lederjackenschwangere Ausgabe von „Don’t Push Your Foot On The Heartbrake“, einer der rockigsten Songs von Kate bis heute. Danke an zararity für die berichtigte Synchro dieses BBC-Highlights.

Kate Bush: Christmas Special 1979
Quelle: youtube

Listenreich I: 20 Songs für 2019

Mayra Andrade (Cabo Verde): „Manga“
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Natacha Atlas (Ägypten/B/GB): „Moonchild“
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Blick Bassy (Kamerun): „Ngwa“
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Nils Frevert (D): „Putzlicht“
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Ali Ghamsari (Iran): „Khabar In Ast“
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Asmâa Hamzaoui & Bnat Timbouktou (Marokko): „Foulani“
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Lakou Mizik + 79rs Gang feat. Régine Chassagne & Preservation Hall Jazz Band (Haiti/USA/CAN): „Iko Kreyòl“
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The Lost Words (Schottland): „Charm On, Goldfinch“
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Leyla McCalla (Haiti/USA): „Money Is King“
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Alogte Oho & His Sounds Of Joy (Ghana): „Mam Yinne Wa“
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Sílvia Pérez Cruz (Katalonien): „Plumita“
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Lydia Persaud (CAN): „Honey Child“
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Roseaux feat. Ben L’Oncle Soul (F): „I Am Going Home“
Quelle: youtube
Céline Rudolph (D/F): „Pearls“
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Lucas Santtana (Brasilien): „Ninguém Solta A Mão De Ninguém“
Quelle: youtube
Small Island Big Song feat. Charles Maimarosia (Salomonen/Austronesien): „Naka Naka Wara To’o“
Quelle: youtube
Salvador Sobral (P): „Cerca Del Mar“
Quelle: youtube
Dudu Tassa & The Kuwaitis (Israel): „Ya Um Al-‚abayah“
Quelle: youtube
Vampire Weekend (USA): „Harmony Hall“
Quelle: youtube
Patrick Watson (CAN): „Here Comes The River“
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Listenreich II: 20 Alben für 2019

Ambäck (CH): Chreiselheuer (Eigenverlag)
Mayra Andrade (Cabo Verde): Manga (Columbia)
Claire Antonini & Renaud Garcia-Fons (F/E): Farangi – Du Baroque À L’Orient (E-Motive Records)

Natacha Atlas (Ägypten/B/GB): Strange Days (Whirlwind Records)
Blick Bassy (Kamerun): 1958 (NoFormat)
Nicholas Britell (USA): OST If Beale Street Could Talk (Invada Records)

Chicuelo & Marco Mezquida (Catalunya): No Hay Dos Sin Tres (Galileo)
Roberto Fonseca (Kuba): Yesun (3ème Bureau)
Niels Frevert (D): Putzlicht (Grönland Records)

Kayhan Kalhor & Rembrandt Frerichs Trio (Iran/NL): It’s Still Autumn (Kepera Records)
Lakou Mizik (Haiti): HaitiaNola (Cumbancha)
Mísia (P): Pura Vida (Galileo)

Lydia Persaud (CAN): Let Me Show You (Next Door Records)
Roseaux (F): Roseaux II (Tôt Ou Tard)
Céline Rudolph (D/F): Pearls (Obsessions)

Javier Ruíbal (E): Paraísos Mejores (Karonte)
Shake Stew (A/D): Gris Gris (Traumton)
Salvador Sobral (P): Paris, Lisboa (Warner)

Vampire Weekend (USA): Father Of The Bride (Sony)
Patrick Watson (CAN): Wave (Domino Records)

Listenreich III: 20 Konzerte für 2019

Sílvia Pérez Cruz, Café de la Danse Paris, 7.2.
WINTER
– Sílvia Pérez Cruz &  Marco Mezquida + Quinteto de Cordas (Katalonien) – Cafe de la Danse Paris, 7.2. + 8.2.
– Gyedu Blay-Ambolley (Ghana) – New Morning Paris, 8.2.
– Les Ballets de Monte Carlo (Monaco) – Théâtre des Champs-Elysées Paris, 9.2.
– Mayra Andrade (Cabo Verde) – Moods Zürich, 21.2.

Gyedu-Blay Ambolley, New Morning Paris, 8.2.
FRÜHLING
– JP Bimeni (Burundi/UK) – Schiff Freiburg, 19.3.
– Tonkünstlerorchester, Yutaka Sado (A/JP) – Gustav Mahler, Symphonie Nr.2 – Musikvereinssaal Wien 21.5.
– Franui & Guests (A/Verschiedene) – Festival „Gemischter Satz“, Konzerthaus Wien, 23.5.
– Anna Netrebko u.a. (Verschiedene) –  Umberto Giordano „Andrea Chénier“ – Staatsoper Wien, 24.5.

JP Bimeni, Schiff Freiburg, 19.3.
SOMMER
– Festivalensemble Boswil (Verschiedene) – Gustav Mahler, Das Lied von der Erde – Kirche Boswil 29.6.
– Ali Ghamzari (Iran) – Neumarkt Rudolstadt, 5.7.
– Ivan Vilela (Brasilien) – Theater im Stadthaus Rudolstadt, 7.7.
– Sudan Archives (USA) – Reithalle Riehen, 18.7.
– Andreas Gabriels Verändler (CH) – Museum Tinguely Basel, 30.8.

Ivan Vilela,  Theater im Stadthaus Rudolstadt, 7.7.
HERBST
– Danish String Quartet & Guests (Dänemark/Verschiedene) – Bygningskulturens Hus København, 3. – 5.10.
– Tony Allen (Nigeria/F) – Jazz No Jazz Zürich, 1.11.
– Daniil Trifonov (Russland) – Gewandhaus Leipzig, 7.11.
– Niels Frevert (Deutschland) – Jazzhaus Freiburg, 2.12.
– Arianna Savall Septett (Katalonien/N/D) – Forum Merzhausen, 7.12.
– Orchestre Philharmonique de Strasbourg, Ltg. Josep Pons (F/E) – Gustav Mahler, Symhonie Nr.6 – Palais des Congrès Strasbourg, 13.12.
– SWR Symphonieorchester, Ltg. Teodor Currentzis (D/GR) – Gustav Mahler, Symphonie Nr.9 – Konzerthaus Freiburg, 20.12.
Tony Allen, Jazz No Jazz Zürich, 1.11.
alle Fotos Stefan Franzen, außer Tony Allen Band (Marqs Kurz)

Ein Blick ins Jenseits

Wenn Teodor Currentzis über Gustav Mahler spricht, erzählt er gerne Geschichten aus seinem eigenen Leben. Wie kürzlich diese, beim Stuttgarter Werkstattgespräch: Als Student in St. Petersburg grübelt der angehende Dirigent über die Bedeutung einer Passage aus dem Adagio der Neunten Symphonie. Für wen bloß ist diese Musik, fragt er sich. Ein Freund führt ihn zu verlassenen Gleisen, an denen eine Frau sitzt, leergeweint, doch immer noch sehnend und hoffend auf einen Zug, der nie kommen wird.

Was hat es mit diesem Werk auf sich, diesem 80-minütigen Koloss, der das Ende der Spätromantik verkörpert und so intensive Gefühlsausbrüche in sich birgt, dass das Hören zur gewaltigen seelischen Erschütterung geraten muss?

Stellen Sie sich einen Mann von knapp 50 Jahren vor. Er weiß, dass sein Herz ihn nicht mehr lange leben lassen wird und er leidet mit jedem Atemzug unter dieser Beklemmung. Seine geliebte Tochter ist ihm vor zwei Jahren gestorben und mit der Vitalität seiner viel jüngeren Frau kann er nicht Schritt halten. Als Dirigent an der Metropolitan Opera in New York bricht er unter permanenter Arbeitsüberlastung fast zusammen. Um seiner eigentlichen Berufung, dem Komponieren, nachgehen zu können, bleiben Gustav Mahler nur die Sommermonate, die er im idyllischen Toblach in den Sextener Dolomiten verbringt. Hier hat er sich unter Fichten eine schlichte Bretterhütte zimmern lassen, und in diesem entrückten „Komponierhäusl“ schreibt er 1909 vier Sätze, wie sie die Symphonik zuvor noch nicht gekannt hat.

Man kann die paar Quadratmeter heute noch besichtigen, der Verschlag hat die 110 Jahre überdauert. Inmitten eines Streichelzoos mit Wildsauen, Ziegen und Emus steht das „Häusl“, karg bestückt mit Fototafeln. Drumherum die mächtigen Felszinnen der Kalkalpen, und sie müssen in diesem auch heute noch behäbigen Kurort auf Mahlers Schöpferkraft abgefärbt haben. Ja, man kann die Neunte, Mahlers letzte vollendete, mit ihren vielen Hornrufen und volksmusikhaften Drehfiguren oberflächlich als „alpin“ hören. Doch sie erzählt vor allem vom metaphysischen Kampf eines hochsensiblen Künstlers, der sein Ende kommen spürt.

Mahlers Komponierhäusl in Toblach, Foto: Herbert Franzen

Musikalisch über den Tod nachgedacht hatte Gustav Mahler seit seiner zweiten Symphonie immer wieder. Doch während er zuvor Sterben, Jüngstes Gericht und Auferstehung ganz plastisch auskomponierte, ist in seinen späten Jahren diese katholische Gewissheit weggefegt. Um sein Verzweifeln abzubilden, stellt er in der Neunten alle herkömmlichen Regeln der Symphonik auf den Kopf, Satzabfolge, thematische und harmonische Entwicklung. Im langsamen Eröffnungssatz stürzt das innig von Hörnern, Holzbläsern und Geigen gesungene Lebewohl mehrfach in düstere bis schlichtweg brutale Abgründe. In Bruchstücken springt einem im nachfolgenden Ländler die österreichische Volkskultur als Totentanz entgegen, ein groteskes Rondo schließt sich furios lärmend an, heute würde man diese Musik als „industrial“ bezeichnen: Die Welt aus den Fugen, ihr Getümmel ein absurdes Theater.

Und dann das Schlussadagio, das größte und ergreifendste der abendländischen Musikgeschichte. Teodor Currentzis hat es letzte Woche in seinem Stuttgarter LAB-Gespräch „Vehikel zur Unendlichkeit“ genannt. Mahler zitiert Beethovens Klaviersonate „Les Adieux“ und zugleich das trostsuchende Kirchenlied „Abide with me“. Doch Gott scheint kein verlässlicher Begleiter auf diesem letzten Weg, nach wenigen Tönen wandelt sich der Choral zu einem herzblutenden Gesang, der fast taktweise zwischen Gebet, Hingabe, Sehnsucht, Furcht vor dem Tod und Auflehnung gegen das Schicksal schwankt. Currentzis nennt das ein „Wunderland des Schmerzes“. Hier wohnt die Frau an den Gleisen, aber hier wohnt auch jeder Sterbliche, jeder Zweifelnde, jeder von uns.

Zerschnitten wird dieser zutiefst bewegende Gesang mehrfach von eigenartigen, leisen Passagen mit Fagott und Flöte, ein Schattenreich, in dem wie aus einer anderen Dimension Johann Sebastian Bachs strenger Kontrapunkt nachhallt. Nach langem Widerstreit glüht zart himmlisches Licht auf, schließlich löst sich alles in körperloses Nichts. Die Pausen übernehmen die Hauptrolle. Der irdische Zeitbegriff ist außer Kraft gesetzt. Mahler, das ist die Deutung von Leonard Bernstein, ist nach schmerzvollem Abschied von der Schönheit der Erde nun bereit, sein Ich aufzugeben, ohne zu wissen, was ihn „drüben“ erwartet. Dieses endgültige Hingeben in Töne zu fassen, ist vielleicht keinem anderen Komponisten in so zutiefst menschlicher Ehrlichkeit gelungen. Es im Konzertsaal mitzuvollziehen, kann ein Leben verändern. Denn am Ende schwingt die Tür ins Jenseits auf – und auch in eine neue musikalische Epoche.

Stefan Franzen
dieser Text erschien in einer gekürzten Form in Der Sonntag, Ausgabe 15.12.2019

Teodor Currentzis dirigiert Mahlers 9. Symphonie, SWR Symphonieorchester:
16.12. Konzerthaus Wien, 18.12. Elbphilharmonie Hamburg, 19.12. Konzerthaus Dortmund, 20.12. Konzerthaus Freiburg, 22.12. Mozartsaal Mannheim