Armenisch-türkische Versöhnung

Vardan Hovanissian & Emre Gültekin
Karin
(Muziek Publique/Galileo)

Oft wirken musikalische Versöhnungsprojekte gewollt und gekünstelt. In diesem Falle aber steht die Zwiesprache zweier Ausnahmekönner im Mittelpunkt, die einen grandiosen Flow zwischen einem ganzen Mosaik von Regionen des Kaukasus und Anatoliens herstellen. Der armenische Duduk-Virtuose Vardan Hovanissian, Enkel eines Genozid-Überlebenden und der türkischstämmige Saz-Spieler Emre Gültekin beschreiten diese Brücke mit belgischen Mitmusikern an Kontrabass und Perkussion zum zweiten Mal auf einem Album. Es nennt sich Karin und feiert eine Ära des friedlichen Miteinanders in der gleichnamigen armenischen Metropole von einst, die heute türkisch ist und jetzt Erzurum heißt. Traditionelle Stücke aus der Zeit des armenischen Barden Sayat Nova wechseln sich mit Neukompositionen ab,Instrumentals mit gesungenen Stücken in vier Sprachen (Armenisch, Türkisch, Kurdisch, Georgisch).

Ein ergreifender und melancholischer Ton liegt über der gesamten CD, reich wird die Textur durch das Ausreizen aller Mitglieder der Saz-Familie sowie weiteren Saiteninstrumenten wie der Kopuz oder der Shvi-Flöte. Das kammermusikalische Musizieren wird immer dann besonders intensiv, wenn Vokalisten hinzutreten: So etwa in “Mawda”, einer Widmung der Sängerin Gülçiçek Bakur an ein erschossenes kurdisches Flüchtlingsmädchen, oder in der tiefen Spiritualität des alevitischen Gedichts “Medet Erelner”, in der sich Gültekin selbst als seelenvoller Bariton erweist. Lebhafte Einschübe wie “Hamchena Par”, ein 9/8-Tanz der armenischen Hemshin-Minderheit, ein Hochzeitstanz aus der Schwarzmeermetropole Trabzon oder ein georgisches Lied über enttäuschte Liebe mit kehligem Chorgesang bilden ein schönes Gleichgewicht zur Innerlichkeit.

© Stefan Franzen

Vardan Hovanissian & Emre Gültekin: „Vard Siretsi“
Quelle: youtube

Motown 60


Es schmerzt noch immer, dass ich vor zwei Jahren nicht den Detroit River unterqueren konnte, um die heiligen Hallen von Hitsville zu betreten… Happy 60th Birthday, Motown & Tamla Records, mit einigen meiner Lieblingsplatten aus deinem unermesslichen Fundus!

The Miracles: „Keep On, Keepin‘ On (Doin‘ What You Do)
Quelle: youtube

 

50: Das Testosteron-Luftschiff

Auf diese Debüt-LP, die heute 50 Jahre alt wird, habe ich sehr verspätet reagiert. Inmitten der musikalisch düsteren Achtziger (1984, um genau zu sein), haben mein Cousin und ich sie in Endlosschleife gehört (und versucht, „You Shook Me“ nachzukrähen).

Ich war zu jung, um Robert Plant und die Seinen während ihrer Blütezeit in Aktion zu erleben. Die zwei Mal, die ich Plant auf der Bühne sah, waren trotzdem besonders: 1993 auf einem riesigen Feld in Oxfordshire, wo er für 10.000 Folkies spielte, eingeladen von der befreundeten Band Fairport Convention. Und dann, ein Vierteljahrhundert später, beim letztjährigen Stimmen-Festival mit seinen Sensational Spaceshifters, die noch deutlicher die latente Nähe zum Britfolk zelebrierten, die es bei Led Zepp immer gab.

Heute schreit sich ein großer Teil der Hardrocker Melodien aus der Kehle, die auch auf einem Kindergeburtstag laufen könnten, und Deutschlands führende Rockzeitschrift muss Werbung für die Bundeswehr schalten. Umso größer ist die Wehmut, die einen angehörs dieser ungestümen Anfänge des Genres erfasst.

Led Zeppelin: „Dazed And Confused“ (1969 live fürs dänische Radio)
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Auftakt mit Steinobst


Der Auftakt zu diesem Musikjahr ist tropisch grün – ein schöner Kontrapunkt zum grauen Winter, der im Flachland wieder nicht weiß werden will. Die kapverdische Sängerin Mayra Andrade wird in wenigen Wochen nach fünfjähriger Pause ihr neues Werk Manga veröffentlichen. Das ist das portugiesische – und in ihrem Falle auch kreolische – Wort für die Mango. Was dieses Video nicht enthält: Hinweise auf die korrekte Schältechnik des Steinobstes, dabei hätte ich die mal dringend gebraucht. Dafür gibt es bezwingende Klickgitarren, dezent-elegante afro-lusitanische Beats und einen sinnlichen Text mit fruchtigen Metaphern für körperliche Freuden. Demnächst im Blog mehr zu Senhora Andrades neuen Klängen.

Mayra Andrade: „Manga“
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Navegare necesse est

Caetano Veloso: „Os Argonautas“
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2019 – das Jahr runder Jubiläen von Entdeckern und Eroberern.

Am 20.7.1969 setzt erstmals ein Mensch seinen Fuß auf den Mond, 50 Jahre später trägt die dunkle Seite des Erdtrabanten erste chinesische Schriftzeichen.

Vor 500 Jahren, am 10.8.1519 startete Fernão de Magalhães, bei uns als Magellan bekannt, bei Sevilla zur ersten Weltumseglung, die er selbst nicht vollendete, dehnte damit das portugiesische Weltreich mit all seinen dunklen Konsequenzen für die lokalen Völker aus.

„Navegare necesse est, vivere non est necesse“ – Navigieren ist eine Notwendigkeit, leben nicht. Diesen Satz, den Plutarch Pompeius Magnus zuschrieb, lässt sich dichterisch, philosophisch und metaphysisch weiterspinnen, und viele haben es getan, Fernando Pessoa und Caetano Veloso unter ihnen.

Und so setzt der Brasilianer, der 2018 auf greenbeltofsound beschlossen hat, auch wieder den Startpunkt in diesem Jahr der Argo- und Astronauten – mit dem Mondlied „Lua, Lua, Lua, Lua“ (1975) und „Os Argonautas“ (1969).

Caetano Veloso: „Lua, Lua, Lua, Lua“
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