Gospel für die Gefallenen

Der südafrikanische Sänger, Schriftsteller und Schauspieler Nakhane Touré schöpft für seine erschütternden Songs Inspiration aus seinem Xhosa-Erbe und elektronischen Sounds, aus dem Kampf um seine sexuelle Selbstbestimmung und der Lossagung von der Kirche.

Nakhane, Ihre Stimme ist sehr besonders und einzigartig. Wenn man überhaupt irgendwelche Vorbilder heraushören möchte, dann landet man bei Scott Walker oder David Bowie…

Nakhane: Ich habe beide viel gehört, denn mir liegt diese Tendenz zum Opernhaften und Lächerlichen, und beide diese Stimmen haben das ja. All meine Tanten und meine Mutter haben klassische Musik in Chören gesungen, damit bin ich aufgewachsen, sie waren meine Heldinnen. Aber meine Mutter hörte auch Soul, und lange Zeit wollte ich Marvin Gaye sein! Doch als ich im Teenager-Alter anfing, selbst Songs zu schreiben, wollte ich nicht mehr klingen wie jemand anders, ich fand so viel Bestätigung in meiner eigenen Stimme und darin, herauszufinden, was ich mit ihr anstellen könnte.

Sie sind auch als Buchautor und Schauspieler erfolgreich – hat irgendeine der drei Tätigkeiten Priorität für Sie?

Nakhane: Singen tue ich, seit ich vier oder fünf Jahre alt bin, die Stimmbänder sind ja ein Teil meines Körpers und in dieser Tatsache liegt sehr viel Kraft. Später erst bekam ich dann Musikunterricht und lernte lesen, und ich merkte, dass ich mich auch für Schauspiel interessierte. Sowohl Schauspielkunst und Literatur als auch Musik und Komposition habe ich dann auch studiert, ohne beruflich damit etwas anstellen zu wollen. Es war einfach die Einstellung: Ich habe das Verlangen etwas zu tun, also tue ich es.

In Ihrer Musik stehen elektronische Elemente im Mittelpunkt, Beats und Synthesizers. Würden Sie sagen, dass sich noch etwas von Ihrem Erbe darin findet, aus der Tradition der südafrikanischen Xhosa?

Nakhane: Ja, das steckt in meiner Art und Weise zu singen, Melodien zu kreieren, Harmonien zu schichten. Mein Produzent und ich streiten uns, wenn es darum geht, die Taktschläge zu zählen. Ich setze oft auf dem Offbeat ein, da zeigt sich der geographische Unterschied zwischen Europa und Südafrika. Als ich mich entschied, ein Album in England aufzunehmen, wollte ich anders klingen, ganz und gar nicht britisch. Deshalb gibt es auch ganz konkret afrikanische Sounds in meinen Songs, etwa das Daumenklavier Mbira aus Simbabwe oder die Chöre, die auf südafrikanischen Gospel zurückgehen. Ein Song wie „Clairvoyant” hört sich sehr südafrikanisch an – ich liebe die Musik meiner Heimat und lasse mich immer wieder von ihr beeinflussen.

Sie haben gerade die Gospelfarbe Ihrer Musik erwähnt. Über die Chöre hinaus gibt es auf Ihrem aktuellen Album You Will Not Die ja auch Kirchenglocken in den Arrangements und jede Menge religiöser Themen in den Texten. Würden Sie Ihre Musik als spirituell bezeichnen?

Nakhane: Ich würde sie als „Gospel für die Gefallenen” bezeichnen. Mir dient die Musik der Kirche dazu, über mein Leben, über meine Sexualität, meine Familie zu schreiben. Dies alles möchte ich preisen anstatt nur eines christlichen Gottes. Mit diesem neuen Album nehme ich Abschied von meiner Kindheit und der Kirche, aber ich wollte dabei nicht zornig klingen. Der christliche Glaube war ein so großer Bestandteil meines Lebens, dass ich ihn nicht als etwas Hässliches darstellen wollte, sondern als etwas voller Wärme und Liebe.

Können Sie uns eine Vorstellung davon geben, welche Schwierigkeiten Sie hatten, als schwuler Mann in Südafrika aufzuwachsen – machte Ihnen die Xhosa-Gemeinschaft da Probleme, oder kamen die nur durch die Kirche?

Nakhane: Ein komplexes Thema. Bei den Xhosa gibt es auf der einen Seite so viel Akzeptanz, andererseits auch Gewalt. Es hängt davon ab, wo du bist, mit wem du zusammen bist, welche Art von Queerness du lebst, was du sagst, wie du dich darstellst, ob du bedrohlich wirkst. Auch, ob du eine Fernsehberühmtheit bist, ob du eine Figur verkörperst, die die Anderen zum Lachen bringt, dann lieben sie dich. Aber in dem Moment, in dem du eine wirkliche Person bist, wird es kompliziert. Auf der anderen Seite gibt es eine sehr vielschichtige Idee von Sexualität in der Xhosa-Gesellschaft, die die europäische übersteigt. Das Geschlecht spielte keine große Rolle – doch dann kam die Kirche und hat ihre Regeln aufgestellt, dass du dich so oder so verhalten musst. Man muss sich vergegenwärtigen, dass wir das fünfte Land auf der Erde sind, dass die gleichgeschlechtliche Heirat legalisiert hat.

Was steckt hinter dem Albumtitel “You Will Not Die“?

Nakhane: Als ich noch ein Christ war, hatte ich die klare Vorstellung, dass ich nach dem Tod in den Himmel kommen würde. Danach wurde dieses klare Bild verschwommen. Ich hatte Angst vor allem:  vor dem Überqueren der Straße, vor dem Besteigen eines Flugzeugs, vor Sex. Doch dann hatte ich einen Traum, in dem mir eine Zahl gezeigt wurde. Ich kenne zwar ihre Bedeutung nicht, doch dieser Traum veränderte mich, ließ wieder zu, dass ich Freude an der Welt und an meinem Dasein hatte, an jedem Moment. Ich hatte nicht mehr diese Einbahnstraße im Kopf, dass alles entweder im Himmel oder in der Hölle enden wird. Meine Songs haben mir geholfen zu erkennen, dass ich nicht böse bin, dass mit mir alles stimmt. Früher habe ich mich immer gegen den Begriff „Katharsis“ gewehrt – doch jetzt akzeptiere ich ihn.

© Stefan Franzen
dieses Interview habe ich für das Programmheft des Stimmen-Festivals geführt, dort wird Nakhane am 25.7. im Rosenfelspark Lörrach auftreten

Nakhane: „New Brighton“ feat. ANOHNI
Quelle: youtube

Marvins Mosaik

Motowns Labeleigner Berry Gordy war ein konservativer Knochen. Entscheidende Meisterwerke des größten Soul-Labels aller Zeiten konnten nur wegen der Durchsetzungskraft seiner Künstler und Produzenten erscheinen, während der Chef versuchte, Bremsklötze in den Weg zu legen. Denn mit der Tagespolitik wollte der Detroiter Plattenmogul nicht anecken. Als Marvin Gaye 1971 mit What’s Going On seinen Schmerz über den Vietnamkrieg, polizeiliche Übergriffe und Umweltzerstörung in eines der ersten Konzeptalben der Soulgeschichte goss, verweigerte er anfänglich seine Zustimmung. Zumal er die Hits vermisste.

Doch Gordy hatte sich gewaltig getäuscht. What’s Going On verhalf Gaye zu einem Imagewandel vom klassischen Soulcrooner zum sensiblen Kommentator seiner Ära. Es traf den Nerv der Zeit und wurde so erfolgreich, dass Motown den Sänger mit einem neuen Millionenvertrag ausstattete. Das verlieh Marvin Gaye 1972 offenbar kreative Flügel. Die reichen Früchte dieser Schaffensphase werden nun erstmals auf einer Doppel-LP gebündelt, die Anlässe sind Gayes 80. Geburtstag, den er heute feiern würde, sowie die Feierlichkeiten zu Motowns 60-jährigem Bestehen.

You‘re The Man ist kein „verschollenes Album“, wie etwa der Rolling Stone titelte. Die siebzehn Songs waren fast alle schon mal auf CD-Kompilationen erschienen, das Titelstück gar als Single. Weil aber genau die erfolglos war, zauderte dieses Mal Gaye selbst vor der Veröffentlichung eines Albums. Dass die Songs, die ursprünglich für einen Longplayer vorgesehen waren, jetzt mit weiterem Material auf vier Plattenseiten zusammengebacken werden, ist problematisch: Gaye arbeitete im Laufe von 1972, sich selbst eingeschlossen, mit fünf verschiedenen Produzententeams. Wegen der großen Spannbreite der Soundästhetik und Besetzung kommt ein dramaturgischer Flow, der den Vorgänger What’s Going On so erschütternd machte, nicht zustande.

Bei den von Willie Hutch produzierten, Blechbläser-betonten Tracks blitzt funky Fröhlichkeit à la Jackson 5 auf. Die übrigen Titel wirken entweder wie Überbleibsel von What’s Going On oder ein Herantasten ans folgende Let’s Get It On – ohne an die verzweifelte Melancholie des ersten und die intensive sexuelle Schwüle des letzten Werks heranzureichen. Auch die Themen schwanken zwischen beiden: Im Titelstück geht Gaye hart mit dem Wahlkämpfer Nixon ins Gericht, mit „I Want To Come Home For Christmas“ hat er eine fast kitschige Ballade für alle Vietnam-G.I.s geschrieben. Ganz der butterweiche Womanizer des kommenden Albums ist er dagegen schon in „Symphony“ oder in „I‘d Give My Life For You“. Und im Finale versucht er sich mit den Musikern der Hamilton Bohannon-Band noch als Blueser.

Unangetastet vom Mosaikcharakter bleibt Marvin Gayes Stimme, an deren überirdisches Falsett-Eros, an deren schmerzliche Empfindsamkeit kein anderer Soul Man seiner Ära heranreichte. Am schönsten ist das in „My Last Chance“ zu hören, einer schmelzenden Liebeswerbung, die Amy Winehouse-Produzent Salaam Remi etwas zeitgemäßer remixt hat. Diese Stimme adelt das Material und ist das eigentliche Faszinosum der vier Plattenseiten.

© Stefan Franzen
erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 2.4.2019

Marvin Gaye: „My Last Chance“ (Salaam Remi-Remix)
Quelle: youtube

Bissig-samtener Soulprinz

Gute Stimmen, die den Retro-Soul pflegen, gibt es seit mindestens zehn Jahren wie Sand am Meer. Da muss man kein Zyniker sein: Es ist schon von Vorteil, wenn der Künstler noch eine besondere Biographie aufweisen kann, damit er sich unter Seinesgleichen heraushebt. Und die hat J.P.Bimeni:  Er ist mütterlicherseits Spross der Königsfamilie von Burundi, das wie der Nachbar Ruanda in den 1990ern vom Konflikt zwischen Tutsi-Minderheit und Hutu-Mehrheit heimgesucht wurde. Auch Bimeni kam bei der Flucht vor dem Genozid zwischen die Fronten: Seine Brust wurde von einer Kugel durchbohrt, im Krankenhaus verabreichten ihm die Ärzte eine Giftspritze, sie hielten ihn für einen Militärangehörigen. Er überlebte nur knapp, kam nach Nairobi, fand heraus, dass er steckbrieflich gesucht wird. Großbritannien gewährte dem 16-jährigen Geflüchteten Asyl, und auf dem College in Wales, noch gezeichnet von Gift und Schmerzmitteln, entdeckte er die Musik.

Es sind die Großen des klassischen Soul, die ihn fesseln: Marvin Gaye, Otis Redding, Ray Charles. Ihnen will er nacheifern und tut das zunächst parallel zum Politikstudium in kleinen Pubs. Singen wird seine Medizin, hilft ihm, die Traumata der Jugend zu vergessen. 2001 wird London seine Wahlheimat. Langsam, aber stetig geht er seinen Weg im Namen des Soul, Sessions mit Roots Manuva und den Noisettes flankieren ihn. Der Durchbruch ist 2013 eine Einladung, in einer Otis Redding-Revue mitzusingen, sowie die Begegnung mit der spanischen Band The Black Belts, die fortan seine Begleitcombo wird. Seit Herbst letzten Jahres liegt das Debüt „Free Me“ vor, das er jetzt auf deutsche Bühnen bringt.

J.P.Bimenis Repertoire neigt der raueren Seite des Soul zu, wie er in den 1960ern und 70ern auf dem Label Stax gepflegt wurde. Mit Vergleichen sollte man immer vorsichtig sein, doch in seinem Timbre wohnt tatsächlich etwas von Otis Reddings Bissigkeit, gepaart mit dem samtenen Falsett des frühen Al Green. Am besten gelingen ihm die Midtempo-Stücke, da kann Bimeni Dramatik mit großem Besteck ausspielen. Die Black Belts liefern ihm einen wunderbaren Groove aus flink federndem Schlagzeug, Gluckerorgel, trockenem Bass, knackigen Gitarenriffs und einem feinen Bläsersatz, der sich diszipliniert im Hintergrund hält. Und nach mehrmaligem Hören lässt sich befinden: Dieser Mann wird unter der harten Soul-Konkurrenz unserer Tage bestehen – da muss man gar nicht auf seine bittere Lebensgeschichte verweisen.

© Stefan Franzen, erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 15.03.2019

J.P. Bimeni live: 19.03. Freiburg, Restaurant Schiff – 20.03. Bonn, Harmonie

J.P. Bimeni: „Honesty Is A Luxury“
Quelle: youtube

Motown 60


Es schmerzt noch immer, dass ich vor zwei Jahren nicht den Detroit River unterqueren konnte, um die heiligen Hallen von Hitsville zu betreten… Happy 60th Birthday, Motown & Tamla Records, mit einigen meiner Lieblingsplatten aus deinem unermesslichen Fundus!

The Miracles: „Keep On, Keepin‘ On (Doin‘ What You Do)
Quelle: youtube