An Der Quelle

Solche Konzerterlebnisse zählen zu den absoluten Raritäten: Irgendwann kommt man in einen Flow rein, der es einem erlaubt, nicht mehr mit den Ohren, sondern dem ganzen Körper zu hören. So ist mir das nach langer, langer Zeit am Freitagabend in Zürich wieder bei Tony Allens „The Source“-Sextett geschehen. Nach 2008 in Paris und 2014 in Essaouira durfte ich der mittlerweile fast 80-jährigen nigerianischen Drummer-Legende das dritte Mal begegnen, und jedes Mal, ob – Konzert oder Interview – war inspirierend, intensiv und unvergesslich.

Auch ein Journalist muss mal überwältigt schweigen. Deshalb nur: Danke, Tony – für 80 Minuten polyrhythmische Finessen, spirituellen Jazz und groovigen Afrobeat an der Quelle. Weil ich in einer anderen Sphäre war, hat Markus Kurz die Fotos gemacht.

Tony Allen: „Cruising“
Quelle: youtube

Schatzkiste #37: Der Schmerz als Quelle

Jimmy Scott
The Source
(Atlantic, 1969)

gefunden durch: Fences (Denzel Washington)

Als ich vor einiger Zeit Denzel Washingtons Film Fences sah, berührte mich eine ruhige Szene besonders. Während ihr hörte ich eine Stimme, die ich geschlechtlich kaum zuordnen konnte. Der Abspann brachte dann Aufklärung. Jimmy Scotts Erkrankung am Kallmann-Syndrom schenkte ihm tatsächlich eine androgyne, unverwechselbare, berührende Stimme – doch sie erleichterte ihm sein langes Leben ganz gewiss nicht. Über das Persönliche hinaus wurden dem Mann aus Cleveland, der 2014 im Alter von 88 Jahren starb, auch musikalisch etliche Tiefschläge beschert. Mit Lionel Hampton und Charlie Parker hatte er einige frühe Erfolge, eine Platte mit seinem Bewunderer Ray Charles wurde allerdings kaum beachtet. Verzweifelt zog er sich in den 1970ern von der Musik zurück, wurde Nachtportier, in den 1990ern entdeckte man ihn vorübergehend wieder, und in seinen hohen Achtzigern kam er nochmals mit seinem Vermächtnis I Go Back Home zu Ehren, dessen Genese vom Düsseldorfer Filmemacher Ralf Kemper begleitet wurde.

The Source stammt aus der Phase kurz vor Scotts verbittertem erstem Rückzug aus dem Geschäft. Es erschien auf Atlantic, was per se schon ein Gütesiegel ist. Allein von der Titelliste her klingt Scotts Songauswahl unspektakulär und spiegelt seine Spezialität, die tiefenräumlich orchestrierten Balladen wider: Folksongs wie „Sometimes I Feel Like A Motherless Child“ oder gar Schnulzen wie die „Unchained Melody“ sind darunter, ferner der Soundtrack zu „Exodus“. Doch was Jimmy Scott aus diesen wohlbekannten Stücken macht, ist in seiner unerwarteten, verzögerten Phrasierung, seinem herzzereißenden, waidwunden Timbre und seinem unendlichen Hinüberziehen der Töne einzigartig. Mehr zu Jimmy Scott und Kempers Film über ihn gibt es am 9.11. im Forum Merzhausen.

Jimmy Scott: „Day By Day“
Quelle: youtube