Kapverdische Symmetrie


Himmel spiegelt sich im Meer, Meer wird zum Himmel – die Grenzen zwischen den Elementen sind fließend in der Poesie des Kapverdianers Danilo Lopes da Silva. „Peit Ta Segura“ ist ein wunderbares Kleinod kreolischer Poesie – und zugleich der Single-Vorbote aus dem neuen, dritten Album der Sängerin Aline Frazão. Auf Dentro Da Chuva wird die Angolanerin eine Kreuzfahrt über den Atlantik unternehmen, mit Ankerwürfen in Rio, Bahia, Luanda, den Kapverden und Portugal. Navigierend im großen Flechtwerk lusitanischer Kulturen kehrt sie nach Indierock-Experimenten zurück in eine rein akustische Sphäre. Ich freue mich auf das Werk, das Anfang September auf Jazzhaus Records erscheinen wird.

Aline Frazão: „Peit Ta Segura“
Quelle: youtube

Die Humanistin

Es gibt wenige Sängerinnen, die entlang ihrer Lieder und ihrer Interviews eine ganze Welt entwerfen – zwischen Lyrik, Literatur, Geschichte, Politik und Biographie. Die Sizilianerin Etta Scollo gehört zu diesen Sängerinnen, und wer das Glück hat, mit ihr zu sprechen, vergisst die Zeit. Auf ihrem neuen Album Il Passo Interiore bschwört sie einmal mehr die für sie zutiefst menschliche Kraft der Poesie. Sie ist die einzige Hoffnung, die wir  haben, sagt sie.

Signora Scollo, wer zum ersten Mal mit Ihrer Musik in Kontakt kommt, der wird – bevor er sich um die Texte kümmert – zuerst von Ihrer unvergleichlichen Stimme berührt. Wie würden Sie sie selbst beschreiben?

Scollo: Für mich war meine Stimme immer etwas, was mehr mit der Erde zu tun hat als mit der Freiheit oder der Luft. Vielleicht, weil ich als Kind schon große Schwierigkeiten hatte mit ihr. Ich bin in einer Wolke von Nikotin aufgewachsen, mein Vater war Kettenraucher, schon als ich ganz klein war, bekam meine Stimme dadurch einen Belag. Wenn ich etwas sagen wollte, was mir am Herzen lag, war da so etwas wie ein Gewicht auf den Stimmbändern. Ich singe nicht, weil ich dachte, ich habe großes Talent, im Gegenteil. Ich habe nur instinktiv gesungen. Singen ist für mich Arbeit, ich muss immer wieder sehr viel üben. Als ich die Biographie von Frida Kahlo gelesen habe, habe ich sie verstanden, wie sie aus diesem Krüppel-Sein Kunst geschaffen hat. Meine Art, Lieder zu singen, kommt aus diesem fast schmerzhaften Zustand. Ich muss jeden Tag üben wie ein Sportler, der seine Muskeln weich kriegen will.

Aber Sie haben, wie mir scheint, eine sehr passende musikalische Umgebung für Ihre Stimme gefunden, mit Cello, Akkordeon, Mandola, Piano, ein bisschen Klarinette, Perkussion und einem Gesangstrio. Mich erinnert das fast an den Klang von Renaissance und Barock.

Scollo: Die Renaissance- und Barockmusik hat mich mein Leben lang begleitet, und sie fließt in Italien auch oft ein in die populäre Musik. Ich fühle eine gewisse Freiheit in diesen Klängen und Harmonien, mag auch sehr die Idee des „recitare cantando“ aus den Opern: eine singende Erzählung, in der alles miteinander verbunden ist. Es ist wie ein schönes, freies Spiel, und das hat auch wiederum eine Verbindung zur modernen Jazzimprovisation.
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Die Reise zum Kern

simin tander  - where water travels home
Simin Tander: Where Water Travels Home (Jazzhaus Records/in-akustik)
„Wo das Wasser nach Hause fließt“ – das bedeutet für die Sängerin aus Köln eine Erkundung ihrer afghanischen Gene.  Dieses Album ist ein Horchen auf ihre Wurzeln – nicht, um irgendein schickes Kolorit zu erzeugen,  sondern aus einem tiefen Bedürfnis heraus. Die Klangsprache berührt: Jazz-Improvisationen begegnet sehr persönlichem Songwriting, Gedichte auf Paschtu einer Miniatur in Fantasiesprache, gekrönt von Tanders ergreifender Adaption eines Brel-Chansons. Eine der außergewöhnlichsten Stimmen aus Deutschland derzeit und eine heiße Kandidatin für die Platte des Jahres. Simin Tander ist bis Dezember auf Tournee – nicht verpassen.

Simin Tander: De Kor Arman (live at Bimhuis Amsterdam)
Quelle: youtube