Eine Chaconne für Cremona

Liebe Freund*innen,

seit heute haben wir in meiner Heimatstadt Freiburg eine – noch – milde Form der Ausgangssperre.

Es wird ganz langsam ruhiger über und in der Stadt: Keine Business- und Freizeitflieger mehr am Himmel, weniger Autoverkehr, kaum Baustellengetöse. Die Kreissäge in der Nachbarschaft und die Ausmister im Haus sind noch munter zu hören. Besser ist jetzt schon die Luft: Wer durch den Wald geht, kann das Aufblühen und Aufatmen der Natur mit allen Sinnen spüren. Selbst ein ganz und gar nicht esoterischer Typ wie Joachim Löw ist der Ansicht, dass sich die Erde gerade vielleicht gegen den Menschen wehrt. Sie will möglicherweise eine Pause haben von Vielfliegern, Plastikverschwendung, wirtschaftlicher Ausplünderung.

Das sind die durchaus lehrreichen Seiten des potenziell tödlichen Virus, der jetzt die eigentlichen Träger unserer Gesellschaft noch viel mehr ins Rampenlicht stellt. Die vielen Schwestern, Pfleger, Ärzt*innen, Kassierer*innen, Müllmänner… Wie wäre es, wenn die Politiker nach Corona eine Einkommensgrenze festsetzten, damit unanständige Boni und Vorstandsgehälter umgeleitet werden auf die miserabel bezahlten und kaputtgesparten sozialen und kreativen Berufe? Eine naive linksversiffte Utopie?

Was ein solcher Lockdown mit der Kulturszene machen wird, ist im Moment noch nicht überschaubar, aber sicherlich wird es gerade vielen Kleinen an die Existenz gehen. Selbständige Musiker, die keine Auftrittsmöglichkeiten mehr haben, Clubs, denen die Eintrittsgelder fehlen, unabhängige Labels, die ohnehin von Tag zu Tag wirtschaften mussten. Ich hoffe inständig, dass die angekündigten Hilfsfonds einen Teil der Misere abfangen können und am Ende nicht nur wieder die globalisierte Wirtschaft neu angekurbelt wird.

Wir als Freelance-Journalist*innen werden selbst hart getroffen, doch immerhin gibt es ja Corona-unabhängig weiterhin Themen, über die geschrieben und gesendet werden kann. Am schlimmsten ist die Lage sicherlich für die ausübenden Künstler*innen, und nochmals besonders für die, die in einer musikalischen Nische unterwegs sind, um die ich mich schreibend kümmere.
Viele von ihnen stemmen sich gegen die Zukunftsangst und die Verzweilfung über ihre Existenznöte mit dem, was sie so außergewöhnlich macht – mit ihrer Kreativität und ihrem Einfallsreichtum, mit Wohnzimmerkonzerten, Instagram-Streams, originellen Verkaufsaktionen. Auch diese Menschen brauchen jetzt unsere Solidarität.

Damit die finanzielle Schieflage der Nischenkulturschaffenden ein klein wenig milder ausfällt, könnt ihr sie unterstützen, indem ihr sie entdeckt – einige von euch haben dazu jetzt mehr Zeit als sonst – und sie für ihre Kreativität direkt entlohnt.
Vielleicht kann ich einen winzigen Beitrag leisten, indem ich ein paar von ihnen im Verlauf der nächsten Zeit mit ihren Aktionen, generell mit ihrem Schaffen vorstelle.

Wenn ihr Musiker*innen, Veranstalter*innen oder Labels seid: Bitte schickt mir Hinweise auf solche Aktionen, damit ich sie zu jeweils aktuellem Anlass online stellen kann.

Dazu wird es hier eine Serie geben mit dem Namen „Saint Quarantine“.
Sie startet heute Nacht mit der malayischen Sängerin und Sape-Spielerin Alena Murang.

Zuvor lade ich euch ein, der Chaconne aus der 2. Partita für Violine solo von Johann Sebastian Bach zu lauschen. Giuliano Carmignola spielt sie auf einer Geige von Pietro Guarneri, dem berühmten Geigenbauer des 18. Jahrhunderts aus Cremona. Dort spielt sich gerade eine Tragödie ab. In dieser Krise möchte ich vor allem an die Alten, Kranken und Schwachen denken, und ihnen möchte ich in aller Bescheidenheit diesen Blog-Eintrag mit einem der bewegendsten Stücke Musik der Menschheit widmen.

15 Minuten, in denen Schmerz sich in einen geradezu spirituellen Tanz hineinlöst.

Giuliano Carmignola: J. S.Bachs „Chaconne“ aus der 2. Partita für Solovioline
Quelle: youtube

Bleibt gesund und bleibt zuhause,

Liebe Grüße,
Euer Stefan

Kopenhagens intimes Klassik-Labor

Danish String Quartet Festival
Bygningskulturens Hus på Nyboder, København
3. – 5.10.2019

Das Danish String Quartet ist eine Klassikinstitution in der dänischen Kapitale. Und das, obwohl Rune Tonsgaard Sørensen (Violine), Frederik Øland (Violine), Asbjørn Nørgaard (Bratsche) und Fredrik Schøyen Sjölin (Violoncello) noch alle in ihren Dreißigern sind – ein junges Ensemble, das sich auf ungewöhnlichen Pfaden im Klassikbetrieb bewegt, denn sie verknüpfen immer wieder Töne der skandinavischen Folklore mit den großen Werken von Barock bis Romantik und kümmern sich auch um wenig gespielte Stücke der Moderne. Jedes Jahr leistet sich das DSQ ein dreitägiges Festival, das im familiären, intimen Rahmen in einem alten Kulturhaus im Norden Kopenhagens stattfindet, und zu dem sich das Ensemble Gäste aus aller Welt einlädt. Das Motto in diesem Jahr war die „spørgsmål“, um genau zu sein, die „ubesvaret spørgsmål“, also die unbeantwortete Frage, die in ihrer Gestalt als Charles Ives‘ „Unanswered Question“ auch im Fokus des zweiten Abends stand.

Als ich an diesem saukalten, windigen Frühoktoberabend meine Schritte in Richtung des Bygninskulturens Hus lenke, komme ich an endlos wirkenden puppenstubenartigen Reihenhäusern vorbei, die im knalligen Gelborange gestrichen sind (OK, ich habe mit dem Filter ein bisschen nachgeholfen): Wie ich später von einer Festivalbesucherin erfahren werde, sind das ehemalige Militärbaracken, die König Christian IV. bereits im 17. Jahrhundert erbauen ließ, für die Marine. Heute leben Hipster darin, die – natürlich, wir sind in Kopenhagen – alle Fahrrad fahren und ein Heidengeld für ihr stylishes Heim hinblättern. In diese Umgebung also ist das Festival eingebettet, auf das sich das Publikum schon frierend in langer Schlange am Eingang freut. Dann werden wir eingelassen, drinnen ein schöner, mit Schnitzereien vertäfelter Raum mit Rundumbrüstung. Ein paar Würfel stehen dekorativ an der Bühne, eine Mini-Montgolfière hängt von der Decke, und an der Bar mit Namen „The Oracle“ blinkt psychedelisch eine Kristallkugel. Zum Biergenuss auch während der Darbietungen wird man geradezu offensiv in den Programmtexten aufgefordert, soviel kann ich übersetzen.

Eröffnet wird das Festival vom angesagten isländischen Pianisten Vikingur Ólafsson, der in seinen Bachbearbeitungen wuchtig bis poppig-dramatisch wirkt, aber auch ein wenig maniriert mit abrupten Ausbrüchen und gezierten Gesten. In Bent Sørensens Komposition „Rosenbad – Papillons“ für Klavier und Streichquartett gefällt er mir besser. Das Stück aus einer Trilogie des bedeutenden dänischen Zeitgenossen, der auch selbst – leider exklusiv auf Dänisch – in sein Werk einführt, wird zur Entdeckung des Abends für mich: In seiner Klangsprache verbindet er einen romantischen Ton mit dissonanten Schichtungen, die Streicherarbeit ist oft ätherisch-glasig, viele Flageoletteffekte kommen zum Einsatz und Tremoli, geisterhafte Dämpfer-Effekte. Selten habe ich zwei musikalische Epochen in einer Komposition so aufregend kombiniert gehört. Beim abschließenden Ernest Chausson tritt noch eine Solo-Violine zur Besetzung hinzu, in Gestalt des Kammermusik-Spezialisten Alexi Kenney aus Kalifornien, der sehr physisch und fast jugendlich-heroisch spielt. Die – sehr beredte und fließende, kaum einmal pausierende – Tastenarbeit übernimmt Wu Qian. Es entsteht ein flimmerndes Spannungsfeld zwischen impressionistischen Harmonien, Wagner-Dramatik und dem melodischen Überfluss eines Schubert. Vor allem die Mittelsätze, eine ohrwurmhaft tänzerische „Sicilienne“ und ein „dickes“, schwermütiges Grave begeistern mich.

Enger geschnürt wird die Besetzung zunächst am zweiten Abend, das Eingangswerk hat aber ebenso Raritätencharakter: Ernst von Dohnányis C-Dur-Serenade für Streichtrio glänzt mit schönen Einfällen, etwa dem Bratschenthema im 2. Satz oder einer einfallsreichen Textur aus Pizzicati und Tremoli, ab und an bricht in der ersten Geige ein slawisch tönendes Schluchzen heraus. Mit dem anschließenden Mosaik um Ives‘ „Unanswered Question“ habe ich Schwierigkeiten: Das Ausgangsstück wird räumlich aufgefächert, die Streicher, Flöten und die Trompete gruppieren sich oben in den Ecken der Brüstung. Romantische Impromptus auf dem Klavier, fetzen- und floskelartige, aggressive bis geräuschhafte Miniaturen auf der Bratsche (Jennifer Stumm) und eine tieftraurige Schostakowitsch-Cellosonate (grandios in seinem intensiven, vollen Ton: Toke Møldrup) konterkarieren unten auf der Bühne, bis sich das Geschehen schließlich in ein Barockfenster öffnet: Henry Purcells „Chacony“ spielt das Danish String Quartet mit fast verzweifeltem Kreisen – hier wird die Frage nach dem Sinn musikalisch in großartiger Schmerzlichkeit eingefangen, mehr als 40 Jahre vor Bachs berühmter d-moll-Chaconne aus der zweiten Partita für Solovioline.

Geradezu konservativ nimmt sich dagegen der Finalabend aus: Aus dem Schumannschen Klavierquartett bleibt mir ein fliegender, „gehetzter“ zweiter Satz in Erinnerung, er erinnert mich and das Spukhafte aus den „Märchenbildern“. Und zum Schluss endlich wieder Skandinavisches: Das Streichoktett von Johann Svendsen ist so reich an verschiedenen Konstellationen und Zueinandergruppierungen und Dialogen von Stimmen, dass es nie langweilig wird. Mit seiner Ausreizung eines ständig präsenten Springrhythmus wirkt der erste Satz zwar fast ermüdend, doch im zweiten gibt es vielschichtige Anlehnungen an norwegische Folklore mit Doppelgriffen,Tremoli und Zupfpassagen, es riecht förmlich nach Tanzboden. Auch im langsamen Satz drückt die Atmosphäre der Volksmusik durch, wenn auch gemessener, subtiler, wie eine traurige, gesungene Weise, bevor spritzige, miniaturhafte Einwürfe das Finale prägen. Und als Zugabe: Eine bewegende, feingesponnene dänische (?) Volksweise in majestätischer Achter-Stärke.

Ein Festival in einem Land zu besuchen, dessen Sprache – und daher auch Ansagen und Programmtexte – ich nicht ansatzweise verstehe, war eine interessante Erfahrung. Denn so musste ich mich jenseits jeglicher vorauseilender Deutung auf die Aussagekraft der Musik selbst konzentrieren – und zwangsläufig blieben eine Menge Fragen offen. Doch vielleicht ist es genau dieser Effekt, den die vier Herren ohnehin erzielen wollten – denn wie schrieben sie im Geleitwort: „Normalerweise stellen wir Fragen, wenn wir Wissen erwerben möchten. Aber die wichtigen, ewigen Fragen sind die, bei denen die Antwort nicht klar und messbar ist.

© Stefan Franzen

…demnächst mehr: die „Gustav Mahler-Passage“ dieser herbstlichen Interrail-Tour in Tschechien und Südtirol…

Danish String Quartet: „Æ Rømeser“
Quelle: youtube