Kopenhagens intimes Klassik-Labor

Danish String Quartet Festival
Bygningskulturens Hus på Nyboder, København
3. – 5.10.2019

Das Danish String Quartet ist eine Klassikinstitution in der dänischen Kapitale. Und das, obwohl Rune Tonsgaard Sørensen (Violine), Frederik Øland (Violine), Asbjørn Nørgaard (Bratsche) und Fredrik Schøyen Sjölin (Violoncello) noch alle in ihren Dreißigern sind – ein junges Ensemble, das sich auf ungewöhnlichen Pfaden im Klassikbetrieb bewegt, denn sie verknüpfen immer wieder Töne der skandinavischen Folklore mit den großen Werken der Klassik und kümmern sich auch um die Aufführung wenig gespielter Stücke der Moderne. Jedes Jahr leistet sich das DSQ ein dreitägiges Festival, das im familiären, intimen Rahmen in einem alten Kulturhaus im Norden Kopenhagens stattfindet, und zudem sich das Ensemble Gäste aus aller Welt einlädt. Das Motto in diesem Jahr ist die „spørgsmål“, um genau zu sein, die „ubesvaret spørgsmål“, also die unbeantwortete Frage, die in ihrer Gestalt als Charles Ives‘ „Unanswered Question“ auch im Fokus des zweiten Abend steht.

Als ich an diesem saukalten, windigen Frühoktoberabend meine Schritte in Richtung des Bygninskulturens Hus lenke, komme ich an endlos wirkenden puppenstubenartigen Reihenhäusern vorbei, die im knalligen Gelborange gestrichen sind (OK, ich habe mit dem Filter ein bisschen nachgeholfen): Wie ich später von einer Festivalbesucherin erfahren werde, sind das ehemalige Militärbaracken, die König Christian IV. bereits im 17. Jahrhundert erbauen ließ, für die Marine. Heute leben Hipster darin, die – natürlich, wir sind in Kopenhagen – alle Fahrrad fahren und ein Heidengeld für dieses stylishe Heim hinblättern. In diese Umgebung also ist das Festival eingebettet, auf das sich das Publikum schon frierend in langer Schlange am Eingang freut. Dann werden wir eingelassen, drinnen ein schöner mit Schnitzereien vertäfelter Raum mit Rundumbrüstung. Ein paar Würfel stehen dekorativ an der Bühne, eine Mini-Montgolfière hängt von der Decke, und an der Bar mit Namen „The Oracle“ blinkt psychedelisch eine Kristallkugel. Zum Biergenuss auch während der Darbietungen wird man geradezu offensiv in den Programmtexten aufgefordert, soviel kann ich übersetzen.

Eröffnet wird das Festival vom angesagten isländischen Pianisten Vikingur Ólafsson, der in seinen Bachbearbeitungen wuchtig bis poppig-dramatisch wirkt, aber auch ein wenig maniriert mit abrupten Ausbrüchen und gezierten Gesten. In Bent Sørensens Komposition „Rosenbad – Papillons“ für Klavier und Streichquartett gefällt er mir besser. Das Stück aus einer Trilogie des bedeutenden dänischen Zeitgenossen, der auch selbst – leider exklusiv auf Dänisch – in sein Werk einführt, wird zur Entdeckung des Abends für mich: In seiner Klangsprache verbindet er einen romantischen Ton mit dissonanten Schichtungen, die Streicherarbeit ist oft ätherisch-glasig, viele Flageoletteffekte kommen zum Einsatz und Tremoli, geisterhafte Dämpfer-Effekte. Selten habe ich zwei musikalische Epochen in einer Komposition so aufregend kombiniert gehört. Beim abschließenden Ernest Chausson tritt noch eine Solo-Violine zur Besetzung hinzu, in Gestalt des Kammermusik-Spezialisten Alexi Kenney aus Kalifornien, der sehr physisch und fast jugendlich-heroisch spielt. Die – sehr beredte und fließende, kaum einmal pausierende – Tastenarbeit übernimmt Wu Qian. Es entsteht ein flimmenrdes Spannungsfeld zwischen impressionistischen Harmonien, Wagner-Dramatik und dem melodischen Überfluss eines Schubert. Vor allem die Mittelsätze, eine ohrwurmhaft tänzerische „Sicilienne“ und ein“dickes“, schwermütiges Grave begeistern mich.

Enger geschnürt wird die Besetzung zunächst am zweiten Abend, das Eingangswerk hat aber ebenso Raritätencharakter: Ernst von Dohnányis C-Dur-Serenade für Streichtrio glänzt mit schönen Einfällen, etwa dem Bratschenthema im 2. Satz oder einer einfallsreichen Textur aus Pizzicati und Tremoli, ab und an bricht in der ersten Geige ein slawisch tönendes Schluchzen heraus. Mit dem anschließenden Mosaik um Ives‘ „Unanswered Question“ habe ich Schwierigkeiten: Das Ausgangsstück wird räumlich aufgefächert, die Streicher, Flöten und die Trompete gruppieren sich oben in den Ecken der Brüstung. Romantische Impromptus auf dem Klavier, fetzen- und floskelartige, aggressive bis geräuschhafte Miniaturen auf der Bratsche (Jennifer Stumm) und eine tieftraurige Schostakowitsch-Cellosonate (grandios in seinem intensiven, vollen Ton: Toke Møldrup) konterkarieren unten auf der Bühne, bis sich das Geschehen schließlich in ein Barockfenster öffnet: Henry Purcells „Chacony“ spielt das Danish String Quartet mit fast verzweifeltem Kreisen – hier wird die Frage nach dem Sinn musikalisch in großartiger Schmerzlichkeit eingefangen, mehr als 40 Jahre vor Bachs berühmter d-moll-Chaconne aus der zweiten Partita für Solovioline.

Geradezu konservativ nimmt sich dagegen der Finalabend aus: Aus dem Schumannschen Klavierquartett bleibt mir ein fliegender, „gehetzter“ zweiter Satz in Erinnerung, er erinnert mich and das Spukhafte aus den „Märchenbildern“. Und zum Schluss endlich wieder Skandinavisches: Das Streichoktett von Johann Svendsen ist so reich an verschiedenen Konstellationen und Zueinandergruppierungen und Dialogen von Stimmen, dass es nie langweilig wird. Mit seiner Ausreizung eines ständig präsenten Springrhythmus wirkt der erste Satz zwar fast ermüdend, doch im zweiten gibt es vielschichtige Anlehnungen an norwegische Folklore mit Doppelgriffen,Tremoli und Zupfpassagen, es riecht förmlich nach Tanzboden. Auch im langsamen Satz drückt die Atmosphäre der Volksmusik durch, wenn auch gemessener, subtiler, wie eine traurige, gesungene Weise, bevor spritzige, miniaturhafte Einwürfe das Finale prägen. Und als Zugabe: Eine bewegende, feingesponnene dänische (?) Volksweise in majestätischer Achter-Stärke.

Ein Festival in einem Land zu besuchen, dessen Sprache – und daher auch Ansagen und Programmtexte – ich nicht ansatzweise verstehe, war eine interessante Erfahrung. Denn so musste ich mich jenseits jeglicher vorauseilender Deutung auf die Aussagekraft der Musik selbst konzentrieren – und trotzdem blieben eine Menge Fragen offen. Doch vielleicht ist es genau dieser Effekt, den die vier Herren erzielen wollten – denn wie schrieben sie im Geleitwort: „Normalerweise stellen wir Fragen, wenn wir Wissen erwerben möchten. Aber die wichtigen, ewigen Fragen sind die, bei denen die Antwort nicht klar und messbar ist.

© Stefan Franzen

Danish String Quartet: „Æ Rømeser“
Quelle: youtube

Nordischer Tanz und gleißende Sonne

Eldbjørg Hemsing & argovia philharmonic
Musik- und Kongresshaus Aarau, 22.09.2019

Der Name Edvard Grieg überstrahlt in der internationalen Konzertliteratur bis heute alle seine norwegischen Kollegen. Ohne Zweifel liegt dies auch am stets präsenten nordischen Kolorit, das naturgemäß starke Wirkung auf ausländische Hörer ausübt. Eher den Spuren Wagners und der italienischen Oper dagegen folgte Griegs rund zwanzig Jahre jüngerer Landsmann Hjalmar Borgstrøm: Er hat nicht so sehr den Bonus des exotischen Klangreizes. Ihn weltweit bekannt zu machen, ist das Ziel der jungen Geigerin Eldbjørg Hemsing, seit sie sein Violinkonzert aus dem Jahre 1914 entdeckt hat, ein einziges Mal war es zuvor öffentlich gespielt worden. Am Sonntag erlebte nun unter dem Motto „Wiederentdeckt“ Aarau die Schweizer Erstaufführung des Werkes – in einem grandiosen Auftakt zur neuen Saison der argovia philharmonic ohne festen Dirigenten.

Dass Hemsing dieses Stück, ja, ihr Instrument innig liebt, kann schon in den Anfangstakten niemandem im Publikum verborgen bleiben. Mitten ins Geschehen wirft Borgstrøm die Hörer, denn das Allegro beginnt mit einer solistischen Kadenz, aus der sich ein überbordender Gesang herauslöst. Hemsing gestaltet diesen Anfang genauso souverän wie voller Süße, die kurzen Dialoge mit dem Orchester geraten äußerst wach, da Gastdirigent Leo McFall für eine pointierte Verzahnung sorgt. Und dann das Hauptthema: Eigentlich besteht es nur aus zwei Seufzern, die Hemsing aber mit schmerzlich intensiver Melancholie auskostet, untermalt durch gedeckte, nordische Orchesterharmonien, die nicht so sehr an Grieg wie an Sibelius erinnern. In der anknüpfenden Doppelgriffpassage leuchten die Farben der Hardangerfiedel, Norwegens bordunreiches Nationalinstrument hervor, die die Solistin glaubhaft verkörpert, sie ist auch in der Volksmusik erfahren.

Ganz anders das Adagio: keine Farben skandinavischer Kühle, hier herrscht gleißende mediterrane Sonne. Fast wie eine Opernarie à la Puccini mutet die Dramaturgie an, und Hemsing lässt die Violine mit schier endlosem Atem singen. Ihr Timbre ist immer ausgewogen, in den Tiefen nie zu dick, in den Höhen nie zu spitz, dabei lässt Borgstrøm den Tonraum so emporstreben, dass er ihn durch künstliches Flageolett erweitern muss. Atemberaubend der nahtlose Übergang in den Schluss-Satz: Ein übermütiges, über die Saiten wippendes Thema lässt an norwegische Tänze wie den Springar denken, und hier kann Hemsing mit rauschender Virtuosität glänzen.

Volksmusikanklänge auch im Eröffnungsstück des Abends: Die „Chilbizite“ des – ebenso wiederentdeckten – Aargauer Komponisten Werner Wehrli will „nur“ einen Jahrmarkt porträtieren, vereint aber Heiter-Festliches, Heroisches im Stil von Richard Strauss und romantische Idylle. Kecke Klarinetteneinwürfe und schönen Oboengesang mit dramatischen Tutti, und dann noch mit einem Überraschungsauftritt eines Akkordeons in ein homogenes Klangbild zu packen: Der Engländer Leo McFall schafft das mit viel Herzblut.

Was für ein Glücksfall seine Verpflichtung ist, zeigte sich auch an seiner Lesart von Franz Schuberts „großer“ Symphonie Nr.8: Den „dicken Roman in vier Bänden“ (Zitat Robert Schumann) gestaltet McFall als spannenden „Pageturner“: Vom zügig genommenen Einstieg mit der berühmten Hornmelodie gelingt ihm eine überzeugende Bündelung des Orchesters ins punktierte Thema hinein, in dynamischen Wellen lässt er die Durchführung strömen. Wenn er im langsamen Satz das Marschartige fast etwas übertrieben herausmeisselt, hat der dissonante Abbruch und die Generalpause einen umso atemberaubenderen Effekt. Vor dem geradezu rasant swingenden Finale schafft das Orchester mit dem Scherzo sein Glanzstück: Wie ein Motor rattert das wuchtige Ländlerthema, während im Trio-Teil, die Holzbläser – über die ganzen vier Sätze feinsinnig agierend – wonnige Walzer-Ländlichkeit verströmen. Ein fulminanter Abend zwischen Romantik und Rückbezügen auf die Volkskultur.

© Stefan Franzen
erschienen in der Aargauer Zeitung, Ausgabe vom 22.09.2019

Eldbjørg Hemsing: Hjalmar Borgstrøm, Violinkonzert op.25, 1.Satz
Quelle: youtube