Katalanischer Spätsommer II

                                                                         Foto: Stefan Franzen

Sílvia Pérez Cruz & Jaume Llombart
Theaterspektakel Zürich – Seebühne, 29.08.2017

„Mein Name ist Sílvia, ich komme aus Barcelona, ich liebe Musik – und das ist alles.“ Mit diesem schlichten Satz stellte sich gestern eine der großen Stimmen Iberiens am Ufer des Zürichsees vor. In Spanien, wo sie jeder kennt, würde das Publikum sicherlich schmunzeln, käme Sílvia Pérez Cruz mit einer so grundlegenden Visitenkarte auf die Bühne.

Für ihre Premiere in Zürich hatte sich die Katalanin eine Sommernachts-Traumkulisse ausgesucht: Auf quasi schwimmenden Brettern, umsäumt vom Licht der ab- und anlegenden Dampfer, dem sanften Plätschern der Wellen und dem Klonken der vom Wind durchwehten Bootsmasten brachte sie ein intimes Duo-Recital mit dem Saitenzauberer Jaume Llombart mit – ein neues Programm quer durch Stile und Epochen, eine Abwechslung vom herausragenden Album Vestida De Nit, das sie gerade mit Streichquintett veröffentlicht hat.

Mehr kann man sich von einer Stimme nicht wünschen: Pérez Cruz malt ihre Töne auf die nächtlichen Wellen wie kleine Schaumkronen, von der jede einzelne eine andere Färbung bekommt. Ihr helles Timbre umfasst Lieder von Andalusien bis zu den Anden: In mikroskopischen Arabesken leitet sie den Abend a cappella mit der Flamenco-Adaption „La Estrella“ von Enrique Morente ein und legt dann eine ganze Wegstrecke auf lusophonem Terrain zurück. Da ist ihre Version des bittersüß schaukelnden „Dança da Solidão“ von Paulinho da Viola, ein herzzereißendes Fado-Tribut an Amália und das fast naive, 100 Jahre alte Liebesständchen „Carinhoso“, das es in Brasilien zur heimlichen Nationalhymne geschafft hat.

Die Geschichten der verflossenen, unmöglichen Liebe über den Tod hinaus, gestaltet sie am schönsten: An anderer Stelle habe ich schon behauptet, ihre Versionen von „Cucurrucucú“ überträfen alle bestehenden, und das bestätigt sich noch mehr im Live-Eindruck. Von der Taube zur Lerche: Der Flug der „Skylark“ aus dem Great American Songbook erfährt bei Sílvia Pérez Cruz neue zärtliche Schleifen und Kapriolen. Und auch die glückliche Liebe kommt zum Zuge, als Édith Piafs „Hymne À L’Amour“ in triumphaler Innigkeit über den See klingt.

Im Schein des Mondes greift sie die „Tonada De Luna Llena“ auf, ein fast weinender, ursprünglich venezolanischer Sehnsuchtsgesang an den Erdtrabanten, raffiniert mit Rhythmuswechseln ausgestattet, die der Gitarrist Jaume Llombart mit feinem Zeitgespür ausgestaltet. Er entpuppt sich als grandioser, feinfühliger Dialogpartner, der folkloristisches Setting und Jazzharmonik federleicht miteinander vereinbart, in seinen Improvisationen immer aufmerksam auf die Vokallinien reagiert.

Der Zamba „Balderrama“ nimmt das Duo die marschartige Strenge, wie sie noch in der Interpretation von Mercedes Sosa vorherrschte, und kombiniert den Canción der argentinischen Diva mit einem neuen Kleinod aus Pérez Cruz‘ Feder, der reizenden „Plumita“. Unfreiwilliger Höhepunkt dieser bewegenden Klangnacht am See: In das Finale von „My Dog“, einem Song aus dem Film „Cerca De Tu Casa“, fällt das Horn eines einlaufenden Dampfers in der zufällig passenden Tonart als Verstärkung ein.

Sílvia Pérez Cruz ist dabei, auch in unseren Breiten Gehör zu finden. Einen passenden Soundtrack zu diesen letzten Sommertagen lege ich der Blog-Leserschaft noch ans Ohr – dieses Mal nicht im See- sondern im Meeres-Kontext: ihre Version einer Habanera, die ihre Eltern vor mehr als 30 Jahren geschrieben haben, zugleich Titelstück des aktuellen Albums.

© Stefan Franzen

Sílvia Pérez Cruz: „Vestida De Nit“
Quelle: youtube

Im Kleid der Nacht

Sílvia Pérez Cruz
Vestida De Nit
(Universal Spain)

Über den romanischen Kulturraum hinaus hat ihr Name kaum eine Bedeutung. Vielleicht ist das ein Beweis dafür, wie wenig Europa immer noch zusammengewachsen ist. Wie sonst könnte es möglich sein, dass man wenige Hundert Kilometer von ihrer Heimat wenig bis nichts von ihr weiß, wo die Katalanin doch – und da lege ich mich fest – über eine Stimme verfügt, die rückblickend vom Jahre 2100 zu einer der schönsten des Jahrhunderts gehören wird.

Bevor ich überhaupt über ihre Biographie oder ihre neue Platte spreche, möchte ich zwei ihrer Versionen des mexikanischen Klassikers „Cucurrucucú Paloma“ voranstellen. Klar, dass sie von der Lesart Caetano Velosos aus dem Film „Hable Con Ella“ inspiriert sind, doch in der unmittelbaren Fokussierung auf das Duospiel geht die Katalanin noch weiter. Es reicht, sich einen der beiden Clips anzuschauen, in jedem steckt eigentlich alles, was musikalische Zwiesprache überhaupt ausmacht.

Sílvia Pérez Cruz & Raül Fernández Miró: „Cucurrucucú Paloma“
Quelle: youtube

Sílvia Pérez Cruz & Mario Mas: „Cucurrucucú Paloma“
Quelle: youtube

Sílvia Pérez Cruz wird 1983 in Palafrugell geboren und erhält zunächst klassischen Gesangs- und Saxophonunterricht. Sie ist doppelt musikalisch vorgeprägt: Ihr Vater ist der galicische Sänger Cástor Pérez, ihre Mutter die Poetin, Komponistin und Sängerin Glória Cruz. Die erste Band, mit der sie in Erscheinung tritt, ist das Frauenquartett Las Migas, das sie bereits während ihrer Studienzeit in Barcelona mitbegründet und mit dem sie sich vor allem auf dem Flamenco-Parkett erprobt. Es folgen verschiedenste Experimente, etwa ein Teamwork mit dem Hang-Spieler Ravid Goldschmidt oder eine Platte mit der spanischen Popband Immigrasons.

Mit dem Bassisten Javier Colina taucht sie intensiv in eine Jazzerfahrung ein, bevor 2012 ihre erste Soloplatte unter dem Titel 11 De Novembre, Geburts- und Todestag ihres Vaters, erscheint. Das Debüt ist ein intimes Tagebuch mit teilweise Hörspielcharakter: Regenrauschen, Fahrradgeräusche und Samples aus „Moon River“ sind hineingewoben in die ausschließlichen Eigenkompositionen, leise Klanggedichte mit Gitarren, Englischhorn, Blechbläsern und Streichern. Familienmitglieder steuern Chöre bei, ein Loblied auf die Mutter, Schwester und Oma wird zum Samba. Ihrer berührenden Sopranstimme hört man den Schmerz über den Verlust des viel zu früh verstorbenen Vaters noch an. Produziert hat der Gitarrist Raül Fernández Miró (Refree), der auf dem Folgewerk Granada auch Duopartner wird.

Hier schlagen die beiden, durchaus in einer Indie-Folk-Philosophie, einen Spagat, der von Schumann-Liedern über Piafs Liebeshymne und einer psychedelischen Nummer aus dem Tropikalismus Brasiliens bis zur glühenden Vertonung von Féderico Garcia Lorca in „Pequeño Vals Vienés“ reicht – stets in einer nackten, aufs Skelett reduzierten Textur, die auch mal in harsche Stromgitarrenattacken münden kann. Wenig später geht Pérez Cruz unter die Schauspielerinnen, übernimmt die Hauptrolle in „Cerca De Tu Casa“, einem unter die Haut gehenden Sozialdrama über die Schicksale jener Spanier, deren Existenz durch die Immobilienblase vernichtet wird – den Soundtrack (Domus) schreibt sie gleich mit.

Und nun Vestida De Nit, ihre atemberaubende Visitenkarte für die klassische Sphäre. Mit dem Streichquintett um den Cellisten Joan Antoni Pich arbeitete Pérez Cruz seit mehr als drei Jahren auf großen Bühnen zwischen Cádiz und San Sebastian, bis sie sich nun zur Studioeinspielung entschloss. Das Repertoire umfasst etliche Lieder, die sie bereits in anderen Fassungen über Jahre erprobt hat, doch in diesem Kontext, Arrangements von vier verschiedenen Musikern, entfalten sie ungekannten Glanz und ein ausgearbeitetes Relief. Die „Tonada de Luna Lleva“, ursprünglich ein lyrischer Sehnsuchtsgesang an den Mond des venezolanischen Volkssängers Simón Díaz, wird hier in große Serenadendramaturgie gekleidet. „Loca“ zieht mit seinen Stimmenschichtungen über dem simplen Akkordwechsel in einen Vokalstrudel hinein, unentrinnbar und voll glühender Verzweiflung, und „Mechita“ lebt von pfiffigen Dialogen zwischen tänzerischer Stimme und Pizzicati der Instrumente.

Pérez Cruz‘ Affinität zum lusophonen Kulturraum zeigt sich in dem Wagnis, einen Amália Rodrigues-Fado zu covern, völlig freigeräumt von divenhaftem Pathos. Und ein fast spirituelles Geleit für ihren Vater, ebenfalls auf Portugiesisch, ist die Neufassung ihres „Não Sei“, das die Streicher introspektiv verfeinern. Mit „Ai, Ai, Ai“ veredelt sie Latinpop à la Shakira, und die bolivianisch-brasilianische „Lambada“ , Welthit der späten Achtziger, bekommt eine ganz andere Färbung, die die melancholische Grundsubstanz herausmeißelt.

Selbst das seit Leonard Cohens Tod ad absurdum genudelte „Hallellujah“ lässt sich hier wieder gut hören, gekrönt von einem Arrangement, das subtile Anleihen bei Dvořák und Ravel nimmt. Der emotionale Kern der ganzen Scheibe ist allerdings das Titelstück: Vor mehr als dreißig Jahren haben es Sílvias Eltern zusammen geschrieben, eine Habanera, die mit zarten Naturbildern von zimtbestreuten ruhigen Buchten und Wiegen aus Muschelschalen erzählt. Eine Gratwanderung, hier nicht in Kitsch abzurutschen – doch Pérez Cruz überhöht diese Lyrik zu einer zeitlosen Nostalgie, die zu Tränen rührt.

Sílvia Pérez Cruz ist in der Kategorie der größten Stimmen Iberiens anzusiedeln, schon jetzt, mit 34, vereinigt sie die Facetten einer Maria del Mar Bonet, einer Mariza, einer Lola Flores – und ich schreibe das im Bewusstsein, dass all diese Vergleiche hinken. Sie vereint die kulturellen Spektren und Sprachen von Lissabon bis Barcelona, plus Seitenpfade ins Latino-Gefilde, mit einer Gefühlsintensität, die nur ganz wenige Sängerinnen unserer Zeit erreichen. Mit ihrem Sopran kann sie mediterrane Sonnenkraft, südamerikanische Ausgelassenheit und die Archaik Jahrhunderte alter Arabesken bündeln. Ein Kritiker kommentierte, er würde sich gerne in eine Ameise in ihrem Haar verwandeln, um immer ihre Stimme hören zu können. Man muss es ja nicht übertreiben. Es genügte schon, ein größeres Publikum entdeckte sie endlich auch in unseren Breiten.

© Stefan Franzen

Sílvia Pérez Cruz: „Vestida De Nit“ (live in San Sebastian)
Quelle: YouTube


Silvia Perez Cruz live in unserer „Nähe“:
30.5. Teatre Fortuny, Reus/Catalunya
13.7. Festival Les Suds, Arles/F
weitere Termine auf silviaperezcruz.com

Fliehkraft aus dem Fado

cristina-branco                                                                     Foto: Pedro Ferreira

Als Nationalgenre übt der Fado in Portugal eine solche Gravitation aus, dass es schwierig ist, sich konsequent von ihm zu lösen. Cristina Branco hat es geschafft, genügend Fliehkraft zu entwickeln, indem sie sich mit der Indierock-Szene zusammengeschlossen hat. Kurioserweise ist Menina (VÖ 6.1.2017) gerade dadurch ihr reifstes Album geworden. In Köln konnte ich Cristina Branco zu ihrem neuen Werk befragen.

Auf Ihrem letzten Album Alegria sind Sie in die Schuhe von verschiedenen Persönlichkeiten geschlüpft. Auf Menina geht es weiter mit diesen Charakterporträts. Wie unterscheiden sich die beiden Alben?

Auf Alegria habe ich zwölf verschiedene Charaktere geschaffen, die ich verschiedenen Autoren gegeben habe. Die Charaktere waren nicht zwangsläufig Frauen, auch ein Clown war zum Beispiel dabei. Menina handelt aber ausschließlich von Frauen, ihrer Zerbrechlichkeit und ihrer Stärke. Im Portugiesischen können Frauen vom Moment ihrer Geburt bis zu ihrem Tod „menina“ genannt werden. Es ist das kleine Mädchen, die Tante, die eine alte Jungfer geblieben ist, die Witwe, die lange Beziehungsgeschichten hinter sich hat, auch die Prostituierte. Nur die verheiratete Frau heißt „senhora“. „Menina“ ist ein Kosewort, um Weiblichkeit zu feiern. Es wird auch verwendet, wenn man das Alter einer Frau nicht einschätzen kann. Ein blödes Beispiel: Als mir neulich ein Postbote ein Päckchen brachte, fragt er mich: „Sind Sie Menina Cristina Branco?“ „Und ich sagte: „Ja, das bin ich!“! Da war ich natürlich geschmeichelt. Ich fragte für dieses Album sehr junge Autoren an, sie kommen aus der portugiesischen Indierock-Szene. Ich bat sie, über mich zu schreiben. Sie sollten sich darauf konzentrieren, was ich heute bin, was ich bis jetzt getan habe, und versuchen, etwas über die Voraussetzungen zu schreiben, was es bedeutet, eine Frau zu sei. Eine Sichtweise junger Leute darauf. Und es geht nicht nur um mich: Es geht um ihre Mütter, ihre Geliebten, ihre Schwestern. Weiterlesen