Wohin statt Woher!

Rabih Lahoud von Masaa (Foto vom Künstler zur Verfügung gestellt)

Drei deutsche Jazzmusiker und ein deutsch-libanesischer Sänger-Poet: Aus dieser Kombination entsteht bei Masaa eine einzigartige Klangwelt. Die Stimme der Band, Rabih Lahoud, reflektiert im Interview über das Ankommen in Deutschland, sein Verhältnis zu einer sich verändernden arabischen Sprache und über die Kategorisierungen in Weltmusik und Jazz.

aktuell: SRF 2 Kultur strahlt meinen Beitrag mit Masaa am Dienstag, den 2.5. ab 20h in der Sendung Jazz & World aktuell aus: Radio SRF 2 Kultur – SRF

Rabih Lahoud, wenn man das neue Masaa-Album Beit (Veröffentlichung: 28.4.) hört, hat man den Eindruck, dass die Musiker sehr direkt die Hörer ansprechen, der Sound ist nah und warm. „Beit“ bedeutet ja auch „Haus“, „Heim“. Heißt das, Masaa sind nach Jahren der Wanderschaft zuhause angekommen?

Lahoud: Das würde ich bejahen, zumindest ist auch das mein eigenes Gefühl. Nach 20 Jahren bin ich jetzt hier ein bisschen mehr angekommen. Die Hälfte meines Lebens bin ich jetzt hier, mitgestaltend, nicht als Gast. Ich sage nicht mehr: „Hier bin ich woanders“. Sondern: „Jetzt bin ich hier“. Und diese Musik, diese meine Ideen tragen dazu bei, wie die Klanglandschaft hier ist.

Was bedeutet Beit als Albumthema genau, in einer Zeit, in der immer mehr Menschen gezwungen sind, ihren Schutzraum zu verlassen, in der viele Häuser zerstört werden, durch die gewaltige Explosion im Hafen von Libanon, durch den Krieg in der Ukraine? Haben diese Ereignisse Einfluss gehabt auf die Entstehung der Platte?

Lahoud: Ja, absolut. Das ist eine Überlegung, die sich intensiviert hat nach diesen Ereignissen. Ich sehe das Konzept von „Haus und Heim“ als ein doppeltes. Zum einen, das historische Sesshaftwerden der Menschheit. Zum anderen aber auch etwas Internes: Was bedeutet das wirklich, sich zuhause zu fühlen? Was für viele Menschen normal ist, jst heute für viele, viele nicht mehr selbstverständlich, sondern ein Privileg geworden. Am Ende des Titelstücks singe ich immer wieder: „Keine Häuser zerstören, Häuser bauen!“ Das kann man auch metaphorisch verstehen. „Hatdem“ heißt zerstören, „dammara“ aufbauen. Die arabische Sprache ist da sehr rhythmisch in ihrer Struktur, und daher hört sich das fast an wie ein Spiel mit Rap.

Daheim kann man sich ja auch in einer Sprache fühlen. Auf früheren Alben haben Sie auch auf Deutsch gesungen, das ist jetzt weggefallen, die meisten Ihrer Texte sind auf Arabisch, und die sind länger geworden als früher. Ist das Arabische trotz der langen Abwesenheit vom Libanon immer mehr Ihr Zuhause?

Lahoud: Ich glaube schon. Meine Beziehung zum Arabischen hat sich verändert. Ich fühle mich wohler im Sprechen, deshalb verwende ich vielleicht auch mehr Wörter. In meinem Alltag als Jugendlicher war vor allem der Klang der Sprache etwas Schönes, nicht die Bedeutung der Worte. Jetzt langsam haben für mich die Wörter neue Bedeutungen, neue Erfahrungen, ich habe das Gefühl, ich kann das zulassen. Es klingt jetzt mehr nach Rabih als nur nach Arabisch.

Wo steht die arabische Sprache heute als künstlerisches Ausdrucksmedium?

Mein Gefühl ist, dass die arabische Sprache etwas durch die osmanischen und europäischen Einflüsse eingebüßt hatte. Besonders im Libanon war dieser Einfluss ja groß und wir haben dort heute eine Mischung von Sprachen. Das ist einerseits wunderbar, denn der Mensch ist ein Wesen, das sich anpassen kann, um der Kommunikation willen Dinge transformieren kann. Das ist insbesondere ein libanesischer Wesenszug: Man verlässt Identitäten, um in Kommunikation zu bleiben, es geht darum, dass man sich versteht. Andererseits hat diese wunderbare Sprache dadurch auch ein bisschen ihr Herz verloren, indem sie sich vielleicht minderwertig oder nicht up to date fühlt. Denn es gibt viele Wörter der modernen Welt, für die das Arabische heute keine Entsprechungen hat. Das Arabische braucht meiner Meinung nach eine künstlerische Unterstützung. Es darf nicht die Fähigkeit verlieren, dass man Schönheit und Zärtlichkeit und Kraft ausdrücken kann.

Verändert sich die arabische Sprache auch durch die Umwälzungen seit dem „Arabischen Frühling“?

Lahoud: Ja, total. Ich fühle einen Umbruch, eine Wende, eine Veränderung im Bewusstsein der jungen Menschen, vor allem der Generation, die jetzt nachkommt, nach dem „Arabischen Frühling“. Die Sprache wird als etwas behandelt, das wiedergeboren werden muss. Ich habe den Eindruck, junge Leute verwenden in den Social Media Dialektausdrücke aus den einzelnen Regionen jetzt pan-arabisch, und dadurch entsteht eine neue Hochsprache, eine neue Ausdruckskraft. Das wird in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren auch in den Strukturen der arabischen Gesellschaft sichtbar werden.

Haben Sie nur zur arabischen Sprache eine neue Einstellung gewonnen, oder auch zur Musik Ihrer ersten Heimat?

Lahoud: Früher habe ich nicht mit arabischen Skalen gearbeitet, war eher auf Distanz. Inzwischen fasziniert mich die klassische arabische Musik und ich recherchiere über sie. Ich merke jetzt, wie wertvoll das ist, wenn wir diese Schatzkiste in den Masaa-Sound hineinnehmen. Ein Stück auf „Beit“, eine Widmung an den Musiker „Zeryab“ aus dem Córdoba des 8./9. Jahrhunderts, steht zum Beispiel im Nahawand-Modus. Das ist eine Skala, die mit dem europäischen Moll verwandt ist. Aber es gibt in der arabischen Musik eben viele Molls: In Aleppo hört sich Moll durch andere Mikrointervalle ganz anders an als in Kairo. Durch diese feinen Unterschiede öffnen sich ganz verschiedene Welten.

Im Stück „Nabad“ gibt es die schöne Zeile: „Nimm das Gewicht der Vorfahren weg“. Ist das ein Plädoyer dafür, dass wir uns als bloße Menschen begegnen sollten, unbelastet von politischen Altlasten der Vergangenheit?

Lahoud: Ja, in dem Sinne: Wir müssen leichter damit umgehen, mit welchen Menschen wir uns verbinden, um es der Zukunft zu ermöglichen, dass sie anders aussieht. Das gilt aber auch für das überholte Denken in musikalischen Stilen. Wir müssen uns von der jahrzehntelang gehegten Sortierarbeit befreien, in der es immer hieß: „Was ist Jazz, was ist Weltmusik?“. Das ist für mich auch ein Gewicht. Die Einordnung unserer Band in die „Weltmusik“ ist nicht immer böse gemeint, aber der Begriff fragt immer wieder: „Woher kommst du?“ Jazz in seinem ursprünglichen Geist fragt eher: „Wohin willst du? Was willst du mit dem machen, was du hast?“ Lass uns Musik so betrachten: Guckt sie wohin? In die Zukunft? Macht sie Hoffnung? Vibriert sie im Magen oder nicht? Und lass uns das suchen und stärken und fördern.

© Stefan Franzen, erschienen auf qantara.de

Masaa: „Freedom Dance“
Quelle: youtube

Wie ein Außerirdischer

Starten Sie einmal eine Umfrage unter Liebhabern des portugiesischen Fado: Was verbinden sie neben dem Gefühlszustand der typischen Schwermut, der „Saudade“ vor allem damit? Richtig: Frauenstimmen. Heute vor einem Jahrhundert wurde Amália Rodrigues, die bekannteste Fadista aller Zeiten geboren. Mit ihr wurde Weiblichkeit zur zwingenden Voraussetzung für internationalen Erfolg im Genre. Ein Blick auf deutsche Bühnen während der letzten 20 Jahre bestätigt das: Mariza, Carminho, Gisela João, Cristina Branco… Zum 100. Geburtstag von Amália ist es an der Zeit, die Perspektive zurechtzurücken – und ein Sänger namens Telmo Pires hilft dabei.

„Fado als Mann? Vergiss es, Telmo, funktioniert nicht!“ Mehr als einmal musste sich der heute 47-jährige Telmo Pires das von Agenturen anhören. An seiner Arbeit ist aber nicht nur besonders, dass er sich gegen die weibliche Dominanz behaupten muss. Pires stammt aus Bragança in Nordportugal, wächst aber im Ruhrpott auf. „Dadurch habe ich eine ganz andere Schule. In Deutschland gab es natürlich nicht an jeder nächsten Ecke ein Fadohaus. Bevor ich mich mit portugiesischer Kultur auseinandergesetzt habe, war Prince mein erstes Jugendidol, ich hatte viele Einflüsse im Pop“, erinnert er sich im Interview. Doch das Land seiner Herkunft fasziniert ihn bereits, wenn er mit seinen Eltern als Kind die Sommerurlaube dort verbringt, und als Teenager zieht er dann alleine durch die Gassen des nächtlichen Lissabons, dessen Reiz des etwas Kaputten, Morbiden ihn in den Bann zieht. Von Deutschland aus beginnt er, sich für das Erbe seiner Vorfahren zu interessieren, saugt portugiesische Literatur und den Fado auf, sammelt zugleich Erfahrungen am Theater. „Bis heute gehe ich an Texte eher ran wie ein Schauspieler: Was kommt dem Text zugute, wie kann ich das Publikum mit diesen speziellen Versen erreichen? Ich möchte für jeden Song einen anderen Ton finden, jedem Wort seine Schwere geben.“ Auch das hat dazu beigetragen, dass Pires keine typische Fadostimme hat, sich gegen die Vereinheitlichung zur manchmal fast opernhaften Stimmgebung sträubt.

In Berlin startet er damit, Alben aufzunehmen. Experimentiert mit Besetzungen, die es im traditionellen Fado gar nicht gibt, mit Piano und Jazzgitarre. Nie sei es sein Anliegen gewesen, den Fado zu revolutionieren sagt er, er wollte sich lediglich an einen eigenen Stil herantasten. 2009 wird das Heimatland auf ihn aufmerksam und lädt ihn in eine TV-Talkshow. Die Portugiesen sind fast etwas ungläubig, dass da ein Landsmann in Berlin ihre Sprache singt. Telmo Pires fasst nach diesem Erlebnis Mut, siedelt 2011 in seine Traumstadt Lisboa über. „Ich bin hier eigentlich wie ein Außerirdischer im Fado gelandet mit meiner persönlichen Geschichte. Habe wirklich bei null angefangen, bin in den Fadohäusern aufgetreten, habe Kontakte geknüpft und dann den großartigen Produzenten David Zaccharia kennengelernt.“ Mit ihm, der auch mit der Sängerin Dulce Pontes arbeitet, kann er seine Visionen umsetzen.

Bis heute passt Telmo Pires nicht in die Sphäre des Fado hinein, besser: in das, was man für typisch Fado hält. Die Lieder über Sehnsucht nach Verlorenem, aufgeladen mit Metaphern, aber auch über augenzwinkernd erzählte Alltagsgeschichten schälten sich bereits vor 200 Jahren in den Altstadtvierteln heraus, aus brasilianischen und arabischen Quellen vermutlich, auch aus dem Gesang einheimischer Seeleute. In den kleinen Kneipen wird Fado bis heute sowohl von Männern als auch Frauen gesungen. Auf den großen Bühnen aber dominieren die Frauen, und daran ist Portugals Musikikone Amália Rodrigues schuld: Mit ihrer Omnipräsenz ab den 1960ern wurden vormals gar nicht traditionelle Insignien wie das schwarze Kleid und die Stola, auch der Bass neben der spanischen Gitarre und der tropfenförmigen Guitarra Portuguesa verbindlich. Erst recht nach ihrem Tod, als die leere Floskel „legitime Erbin von Amália“ zum höchsten Lob für eine junge Fadista wurde. 2020, zu ihrem 100. Geburtstag, sind Lissabons Bühnen voll mit Widmungen und Musicals, oft von durchwachsener Qualität. „Amália ist mit ihrem Charisma eine Übermutter“, urteilt Telmo Pires. „Das Bild des Mannes ist halt leider verstaubt geblieben: Da steht jemand im schwarzen Anzug auf der Bühne, kommuniziert nicht viel. Egal wo in Europa ich auftrete, kommen nachher Leute zu mir und sagen: ‚Herr Pires, wir wussten ja gar nicht, dass Männer auch Fado singen!‘ Die großen Plattenfirmen können und wollen das nicht verkaufen.“

Telmo Pires: „Sem Peso Ou Medida“
Quelle: youtube

Pires hat das Glück, ein kleines engagiertes deutsches Label gefunden zu haben, das ihm von Beginn an die Treue hält. Ohne dass seine Homosexualität zwingend Thema sein muss in seiner Kunst, geht er gegen das konservative Männer-Image des Genres an, bewegt sich bei seinen Konzerten fast wie ein Schauspieler, erklärt die Stücke, bricht Stimmungen. Sein Outfit mit Bart, Undercut-Frisur und enganliegendem Shirt zielt eher Richtung Jugendkultur. Beim Betrachten des Covers seines neuen Albums Através Do Fado würde man ihn vielleicht eher im Hiphop verorten – auch das wieder ein Stereotyp. Doch er ist sogar zur rein klassischen Fadobesetzung zurückgekehrt, weil er mit ihr heute am intensivsten seine Haltung, seine Stimme transportieren kann.

Die Palette der Stücke zum Beispiel den bedrückenden Klassiker „Medo“ aus dem Repertoire Amálias, in dem er die existentielle Angst und Einsamkeit, die sich abends mit dir ins Bett legt, beklemmend ausformt. Aber er greift mit Carlos Do Carmo auch den großen männlichen Fadista auf, der dieser Tage mit 80 Jahren seine Karriere beendet hat, eine Verbeugung vor der maskulinen Energie im Genre. Auf der anderen Seite interpretiert er mutig eine Ballade der portugiesischen Grand Prix-Teilnehmerin Maria Guinot aus den Achtzigern, hat sie in die Fadobesetzung übergesiedelt. Pires macht keinen Hehl daraus, dass er großer Fan des Eurovision Song Contests ist: „Ich habe dreimal in der EST-Geschichte für meinen Favoriten angerufen, und alle drei Mal hat dieser Song dann gewonnen, das letzte Mal bei Salvador Sobral. Ich sollte mich bezahlen lassen dafür“, lacht er.

Zentral auf Através Do Fado sind aber die Eigenkompositionen, unter ihnen das quirlige „Era Uma Vez“ über die Gentrifizierung, den Ausverkauf Lissabons, an der – unbequeme Wahrheit – die deutschen Easy Jet-Touristen erheblich Mitschuld tragen: „Klar, man muss sehen, dass Portugal am Tourismus verdient und auch deshalb geht es uns besser als vor vielen Jahren“, wägt Pires, der in Graça, einem der betroffenen Viertel lebt, ab. „Doch wenn es so weitergeht, dann ist die ganze Innenstadt sehr bald ein einziges Boutique-Hostel und die Deutschen und Franzosen kommen hierher, um sich gegenseitig anzugucken. Der Charme, den die Stadt in meiner Jugend hatte, die alten, verfallenen Häuser, das verlieren wir rasant.“ Alteingesessene Bewohner werden nach Jahrzehnten mit Ultimaten der Investoren aus ihren Häusern vertrieben, ein ehemaliges Krankenhaus in der Alfama wird zu einer Luxus-Wohnanlage umgebaut. Kürzlich, auch das ist Thema in diesem ironischen Song, wollte er in seiner Stammkneipe einen Cafézinho trinken, doch die neue Bedienung verstand gar kein Portugiesisch.

Telmo Pires sucht Tiefe in seiner Umgebung und im Alltag, sucht Tiefe auch in sich selbst. Das zeigen allein die beiden Songs, die das Album umrahmen, auch sie hat er selbst geschrieben: Am Ende des Werks das ausdrucksstarke A Cappella-Stück „No Espelho“ über das Akzeptieren seiner selbst mit allen Fehlern. Und zu Beginn „Só Meu Canto“: „Es geht darum, dass uns nichts gehört auf dieser Welt. Nicht einmal die Liebe. Uns gehört nur diese innere Stimme. Und durch meine Stimme hindurch sehe ich meine Kunst, meine Musik, mein Leben. Der Fado ist mein Vehikel, mein sehr persönlicher Fado natürlich.“ Dieser sehr persönliche Fado von Telmo Pires, er hat es verdient, den Klischees und Gesetzen der Musikindustrie zum Trotz mehr Gehör zu finden.

© Stefan Franzen, in einer gekürzten Version erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe 23.7.2020

Telmo Pires: „Era Uma Vez“
Quelle: youtube

Gefühlte Muttersprachen

Ein freigeistiges Instrumentalquartett und eine herausragende Männerstimme – das sind die Zutaten für die vielleicht glücklichste Verbindung von Jazz und arabischer Färbung, die sich derzeit in Deutschland finden lässt. Das Quartett Masaa ist auf seinem dritten Album Outspoken zur Meisterschaft gereift: Die Stücke haben nun die Stringenz von Popsongs, und wie Geistesblitze fliegen die Improvisationen zwischen der Stimme des gebürtigen Libanesen Rabih Lahoud und der Trompete von Markus Rust hin und her. Am Piano liefert Clemens Pötzsch vorwärtsdrängende Akkorde und lyrische Passagen, erfindungsreich gestaltet Perkussionist Demian Kappenstein die perkussive Arbeit, auch mit Schrotteilen und Glöckchen. Anlässlich des Release habe ich mit Rabih Lahoud gesprochen.

Rabih, euer drittes Album heißt Outspoken. Dass ihr diesen Titel so formuliert habt, könnte ja implizieren, dass auf den Vorgängern noch eine Vorsicht da war, dass Manches nicht so direkt ausformuliert wurde…

Rabih Lahoud: Der Titel Outspoken signalisiert auf jeden Fall eine Weiterentwicklung von uns als Musikern, und auch von mir selbst als Sänger und Texter. Ich habe selbst das Gefühl, dass das jetzt gerader ist und stärker nach vorne ausgesprochen. Ich habe das im Rückblick wahrgenommen: nach der Einspielung habe ich die älteren Aufnahmen angeschaut, und auf meine Stimme, auf die Art des Zusammenspiels geachtet. Und da hatte ich sofort den Eindruck, dass jetzt alles klarer ist, wie ein Spiegel, der sauber gemacht wurde. Der Titel der CD hat aber auch damit zu tun, dass so viele verschiedene Botschaften durch die unterschiedlichen Sprachen drinstecken: Die Möglichkeit, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln das sagen zu können, was einen gerade bewegt. Weiterlesen

Leiermann Reloaded

matthias loibner - lichtungen

Matthias Loibner
Lichtungen
(Traumton/Indigo)

Sie steht nicht gerade im Verdacht, ein sexy Instrument zu sein: Von alters her assoziiert man die Drehleier – siehe Schuberts „Winterreise“ – eher mit Armut und Monotonie. Kein Wunder, dass der schnurrende Kasten von modernen Leiermännern wie Valentin Clastrier elektronisch aufgepimpt wurde. Die wahre Herausforderung besteht aber darin, das Äußerste aus ihrer naturbelassenen Akustik herauszuholen, und das beherrscht der Steirer Matthias Loibner wie kein anderer. Auf seinem aktuellen Solowerk wirft der umtriebige Mann, der mit Jazz- und Balkanorchestern, Anarchofolkern und in der Klassik arbeitet, sämtliche Grenzmarken des klobigen Kastens über den Haufen. In „Glutsbrüder“ wird sein Instrument zum waidwunden, obertönig klagenden Biest, in „Folhas Cintilantes“ gruppieren sich barocke Leuchteffekte zu einer Mechanik, die wie ein Taubenschlag flattert. Der „Kitchen Rain“ tänzelt mit arabeskem Pizzicato über den Boden. „Haut“ und „L’Eau Dans La Mer“ klingen wie versonnene Meditationen eines Organisten in einer Dorkirche, „Wings“ wie die Reise eines mächtigen urzeitlichen Sagenvogels. Loibners Leier erzählt die Musik des ganzen Planeten – und auch des Himmels. Man kann ab sofort von „Hurdy Gurdy-Soul“ sprechen.

Matthias Loibner live
Quelle: youtube