Eine kleine Revolution in der Stadt der Lichter

 Fotos © Oliver Seifert & Stefan Franzen

Sílvia Pérez Cruz
L’Olympia, Paris
08.03.2026

30 Jahre auf der Bühne? Für eine 43-Jährige ist das eine schier unfassbare Strecke. Die Katalanin Sílvia Pérez Cruz feierte das Jubiläum trotz erkennbarem Respekt vor dem Ort des Geschehens in familiärer, warmherziger Atmosphäre und mit kleinen bis großen musikalischen Überraschungen in atemberaubenden 120 Minuten.

Es ist dieser rote Vorhang, der so viele Erinnerungen wachruft. Jacques Brel und Juliette Gréco standen vor und hinter ihm, Charles Aznavour und Oum Kalthoum. Sílvia Pérez Cruz wählt ihn zur Begrüßung des ausverkauften, altehrwürdigen Saals als Kulisse für ein A-Cappella-Traditional. Es setzt den Rahmen dafür, was an diesem Abend immer im Mittelpunkt stehen wird: ihre unvergleichliche Stimme, die Menschen auf verschiedenen Erdteilen zu Tränen rührt, ganz gleich, ob sie das kraftvoll-erdige Timbre wählt oder das Wispern in feinen Schleifen.

Hinter den roten Samtfalten wartet aber schon ihr Quartett, das seit dem Werk Toda La Vida, Un Día zum festen Ensemble geworden ist: Ihr langjähriger Begleiter, der Violinist Carlos Montfort, die Cellistin Marta Roma und der Bassist Bori Albero steigen ein, mit einem neuen Stück, das vom noch unveröffentlichten Album stammt, und bald wird als erster Höhepunkt das ausgelassene „Moreno“ angestimmt, die neue Single, ein kammermusikalischer Samba mit neckischem Refrain, den das Auditorium gleich aufgreift.

Stichwort Publikum: Wie üblich fragt die Protagonistin die Nationalitäten ab und erntet viel Applaus von den katalanischen, spanischen, portugiesischen, südamerikanischen Communities. Es wird also ein Abend, während dem ihre Bühnensprache sich bei den lebhaften, fast geschwätzigen Zwischenansagen nicht im Französischen einpendelt. Das Olympia: eine iberische Insel mitten in der Stadt der Lichter.

Und der Stadt der Liebe: Eng am Ton von Édith Piaf stimmt Pérez Cruz „L’Hymne À L’Amour“ an, verbindet sie aber mit den Abgründen des Liebeslebens in Andeutungen an Leonard Cohens „Hallelujah“ und „Pequeno Vals Vienés“ und den surrealen Sprachbildern von Federico García Lorca, um jegliche Paris-Klischees hinwegzufegen. Genau wie sie in Zwiesprache mit Bori Albero „Sounds Of Silence“ in seine Bestandteile auflöst, in eine freie Spielwiese, die die Klänge des Schweigens mit Verzweiflungsausbrüchen konfrontiert.

Eng rückt nun das Quartett zusammen, und die Anfangsakkorde lassen erkennen, dass der „Cucurrucucú“-Moment gekommen ist: Sílvia Pérez Cruz hat dieses Lied von Tomás Mendez so oft interpretiert, dass es zu einer Art Signatur ihres Bühnenwesens geworden ist. Das Quartett spielt es an diesem Abend mit einer ungeahnten Diversität: mit vielen Tempowechseln, hinein in einen galoppierenden Ranchera-Rhythmus, etlichen überwältigenden Momenten des Innehaltens, der fantastischen Ausgestaltung der unsterblichen Liebessehnsucht. Das Olympia spendet minutenlang Standing Ovations, mitten in der Show. Es ist für die Anwesenden ein Moment fürs ganze Leben, man sieht, sie kann diese Begeisterung selbst kaum fassen.

Nach einem kurzem Runterkühlen zaubert sie weitere Freunde hervor: Geigerin Elena Rey und Bratschistin Anna Aldomà komplettieren die Band zum Streichquintett. Es ist die – wenn auch nicht ganz personengetreue – Besetzung des Albums „Vestida De Nit“, auf das es jetzt eine bewegende Rückschau gibt, etwa mit der von Pizzicato-Eleganz gespickten peruanischen Miniatur „Mechita“. Und schließlich das Titelstück selbst, geschrieben von ihren Eltern, vor denen sie sich hier verbeugt, mit einem besonders liebevollen Gruß an den Einfluss ihrer dichtenden Mutter. Und während sie diese Habanera singt, scheint sie fast wie eine Ikone im Strahlenkranz vom Ufer der Costa Brava hinaus zu segeln.

Doch der Abend hat noch eine Überraschung in petto: Bereichert wird das Streichquintett nun durch drei Waldhornisten (Ionuț Podgoreanu, Pau Armengol i Díaz, Pablo Emiliano Cadenas San Jose). Ein feiner Verweis auf die katalanische Tradition der Cobla-Kapellen vielleicht, in denen das Blech immer eine wichtige Rolle gespielt hat? Hier kommt nun auch verstärkt neues Songmaterial zum Zuge, etwa eine erdige Chacarera, die Montfort mit wuchtiger Trommel stützt, von der Chefin mit einem Power-Dirigat angeheizt.

„Capitana“ lässt erahnen, dass sich dieses Lied über die Führungskraft der Frauen, um die es an diesem 8. März, dem Weltfrauentag natürlich auch immer geht, zu einer ganz starken Hymne unter den vielen in ihrem Repertoire mausern könnte. Wunderschön und machtvoll textieren die Hörner hier das Geschehen. Mit ihnen hat sie nochmal eine dichte Zwiesprache in „Liquído“, das die lydische Skala als besonderes katalanisches Stilelement feiert. Und sie brillieren in einem wunderbaren Arrangement von Carlos Montfort für den zweiten französischen Moment an diesem Abend, „L’Amour Reprend Ses Droits“, das Salvador Sobrals Frau Jenna Thiam getextet hat.

Und schließlich eine betörende Version von Chicho Sánchez Ferlosios „Gallo Rojo, Gallo Negro“, 1963 mitten im Franco-Regime als Statement der Linken gegen den Faschismus geschrieben, der heute von Teheran bis Washington in verschiedensten Masken ungebremst zu wüten scheint. Sílvia Pérez Cruz interpretiert das Antifa-Lied mit den acht Musikern im roten Bühnennebel mit schmerzlicher Raserei. „Eine kleine Revolution in dieser hässlichen Welt“ könne die Musik sein, hatte sie früher am Abend gesagt, und dass wir uns um die uns nahestehenden Menschen kümmern und so die Welt verbessern. Nichts anderes bleibt uns – doch das kann viel sein.

Für die Zugaben rückt wieder der rote Vorhang des Olympia in den Fokus: Es gehört eine große Portion Mut dazu, Brels „Ne Me Quitte Pas“ hier zu interpretieren, wo der Urheber es mehrfach in erschütternden Auftritten gesungen hatte. Pérez Cruz ist der Respekt deutlich anzumerken, auch die Ehrfurcht vor der Wucht dieser Worte, die Bedürftigkeit bis zur äußersten Selbsterniedrigung widerspiegelt. Sie findet ihren eigenen überzeugenden Ton, unterstützt durch eine geisterhafte Hand, die ihr Augen und Mund liebeserblindend verdeckt. Sie braucht im stürmischen Applaus ein paar Momente, um sich zu erholen – bevor das sonst so intime „Mañana“ in grandiosem Arrangement als Schlusspunkt aufleuchten darf.

Ein Abend, der die größte Stimme der Iberischen Halbinsel mitten in Europa mit viel Herz und Seele aufblühen ließ.

© Stefan Franzen

Listenreich I: 25 Songs für 2025

Cantares Do Andarilho (Portugal/Mosambik/Angola/Azoren/Asturien): „Venham Mais Cinco“
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Carminho (Portugal): „Canção À Ausente“
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Eishan Ensemble (Australien/Iran): „Nim Dong“
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ELSA (Österreich): „Courage“
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Piers Faccini & Ballaké Sissoko (UK/Mali): „Shadows Are“
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Ganna (Ukraine/Deutschland): „Kupala“
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Garden Of Silence (Schweden/Schweiz/Iran/Deutschland/Ägypten): „Neither You Nor I“
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Yumi Ito (Japan/Polen/Schweiz): „What Seems To Be“ (piano version)
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Marcos Jobim (Brasilien): „Silêncio“
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Misagh Joolaee & Bakr Khleifi (Iran/Palästina/Deutschland): „Az Bahar“
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Kokoroko (UK): „Ti-de“
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Dafné Kritharas (Griechenland/Frankreich): „XAPA“
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Ledisi (USA): „BLKWMN“
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Awa Ly (Frankreich/Senegal): „Breathe In, Breathe Out“
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Maxjoseph (Deutschland): „Samt“
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Nusantara Beat (Indonesien/Niederlande): „Tamat“
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Sílvia Pérez Cruz & Salvador Sobral (Katalonien/Portugal): „Ben Poca Cosa Tens“
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Céline Rudolph, Henrique Gomide, João Nogueira (Deutschland/Brasilien): „Embaixo Da Imensidão“
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Matthieu & Camille Saglio (Spanien/Frankreich): „Iberian Ballad“
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Tania Saleh (Libanon): „Qul“
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Noura Mint Seymali (Mauretanien): „Guéreh“
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Mavis Staples (USA): „Anthem“
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Simin Tander (Deutschland): „Nursling Of The Sky“
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Tribeqa (Frankreich): „Respire“
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uKanDanZ (Äthiopien/Frankreich): „War Pigs“
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Listenreich II: 25 Alben für 2025

Christa Abels (Deutschland): Mit den Zugvögeln fort (Eigenverlag, christaabels.de)
Ambäck (Schweiz): Wolkenbödeler (Eigenverlag, ambaeck.ch)
Thiago Armud (Brasilien): Enseada Perdida (Rocinante)
Cantares Do Andarilho (Portugal/Mosambik/Angola/Azoren/Asturien): Wanderer Songs – Ao Vivo No Teatro Faialense (Mais 5)
Carminho (Portugal): Eu Vou Morrer De Amor Ou Resistir (Sony Portugal)
Maurício Einhorn & Idriss Boudrioua Orchestra (Brasilien): Maurício & Horns (In & Out Records)
Eishan Ensemble (Australien/Iran): Northern Rhapsody (Acel)
ELSA (Österreich): Jump! (Jazzhaus Records)
Piers Faccini & Ballaké Sissoko (UK/Mali): Our Calling (No Format)
Ganna (Ukraine/Deutschland): Utopia (Berthold Records)
Garden Of Silence (Schweden/Schweiz/Iran/Deutschland/Ägypten): Neither You Nor I (Bazaarpool)
Yumi Ito (Japan/Polen/Schweiz): Lonely Island (enja)
Marcos Jobim (Brasilien): Singelinha (Musik | Marcos Jobim)
Misagh Joolaee & Bakr Khleifi (Iran/Palästina/Deutschland): Hajr (GWK Records)
Kokoroko (UK): Tuff Times Never Last (Brownswood Recordings)
Dafné Kritharas (Griechenland/Frankreich): Prayer & Sin (Horizon Musiques)
Awa Ly (Frankreich/Senegal): Essence & Elements (Naïve)
Maxjoseph (Deutschland): Nau (MAXJOSEPH | Neue Volksmusik I Bayern)
Sílvia Pérez Cruz & Salvador Sobral (Katalonien/Portugal): Sílvia & Salvador (Warner Music)
Céline Rudolph / Henrique Gomide / João Nogueira (Deutschland/Brasilien): Amaré (Challenge Records)
Matthieu Saglio & Camille Saglio (Frankreich/Spanien): Al Alba (ACT)
Kengo Saito & Japanistan Trio (Japan/Frankreich/Afghanistan): Douce Errance (Felmay)
Tania Saleh (Libanon): Fragile (Association Tantune)
Santrofi (Ghana): Making Moves (Outhere)
Simin Tander (Deutschland): The Wind (Jazzland Recordings)

Listenreich III: 25 Konzerte für 2025

Ledisi, Heidecksburg Rudolstadt 4.7.2025
WINTER
„Ohren auf Weltreise“ feat. Awa Ly & Lucie Cravero 01.02.
 Alondra de La Parra, David Enhco, Duisburger Philharmoniker, Mercatorhalle Duisburg 19.02.
 „Ohren auf Weltreise“ feat. Matthieu Saglio, Schloss Allensbach / Stadtscheuer Waldshut 14.+15.03.
Aynur, Theater Freiburg 16.03.
FRÜHLING
Arezoo Rezvani & Liron Meyuhas, Tamburi Mundi 20.04.
Sophie Hunger, Kaserne Basel 03.05.
Marco Mezquida Trio +Matthieu Saglio Quartet, Gare du Nord Basel 05.05.
Salvador Sobral, Stadthalle Waldshut 17.05.
„Alcina“ (Georg Friedrich Händel), Maeve Höglund u.a., André de Ridder, Philharmonisches Orchester Freiburg 18.05.
„Éclairs de L’Au-Delà“ (Olivier Messiaen), Philharmonisches Orchester Freiburg, André de Ridder, Konzerthaus Freiburg 27.05.
„Sinfonie der Tausend“ (Gustav Mahler), Tonkünstlerorchester, Yutaka Sado, Musikvereinssaal Wien 04.06.
„Das Lied von der Erde“, (Gustav Mahler), Wiener Philharmoniker, Iván Fischer, Konzerthaus Wien 05.06.
Joolaee Trio + Wishamalii, Porgy & Bess Wien 06.06.
„Der Rosenkavalier“ (Richard Strauss), Ann-Beth Solvang u.a., Georg Fritzsch, Badische Staatskapelle, Badisches Staatstheater Karlsruhe 19.06.
SOMMER
Rita Payés, JazzBaltica Timmendorfer Strand 27.06.
Ledisi & Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt, Heidecksburg Rudolstadt 04.07.
Daniel Lazar & Almir Meskovic, Theater Rudolstadt 06.07.
Maxjoseph, Stadtkirche Rudolstadt 06.07.
ELSA, Jazzhaus Freiburg 20.09.
HERBST
Carolin Trischler, Jazzhaus Freiburg 23.09.
Owen Pallett & Philharmonisches Orchester Freiburg, André de Ridder, Theater Freiburg 8.10.
Simin Tander, Jazzhaus Freiburg 19.10.
Sílvia Pérez Cruz & Salvador Sobral, Elbphilharmonie Hamburg 17.11. / Philharmonie Köln 21.11.
Pedros Klampanis Trio, Jazzhaus Freiburg 30.11.
Monty Alexander Trio, Tonhalle Villingen, 13.12.
alle Fotos © Stefan Franzen

Winterglück im Wohnzimmer

Sílvia Pérez Cruz & Salvador Sobral
Elbphilharmonie Hamburg, 16.11.2025
Philharmonie Köln, 21.11.2025

Bunte Vintage-Lampen, ein paar Stühle, dazu das kleine Beistelltischchen mit Wählscheibentelefon, ein schlichter Teppich. Das Bühnenbild soll die Atmosphäre eines intimen Wohnzimmerkonzerts vermitteln – und das inmitten der größten, philharmonischen Konzerthäuser Deutschlands. Doch wer kann einen solchen Spagat mit Leben und Authentizität füllen?

Arm in Arm kommen die beiden, die das vermögen, auf die Bühne – er in sportiver Freizeitkleidung, sie, als möchte sie mit Rock und schicker Bluse auf ein dörfliches Tanzfest gehen. Gefunden haben sie sich, weil sie sich in ihrer gegenseitigen Bewunderung wohl einfach finden mussten: die schönste, warmherzigste und virtuoseste Stimme der katalanischen Musik, und der einstige Eurovision Song Contest-Held, nach dramatischer Herztransplantation einer der führenden Kreativköpfe der neuen portugiesischen Szene. Ihr gemeinsames Album Sílvia & Salvador ist ein unspektakulärer, intimer Meisterstreich, der die Kraft der Menschlichkeit und die Liebe zur Stimme in allen Facetten feiert, ohne Angst vor Sentimentalitäten und Wohlklang, von Barcelona und Lissabon hineingreifend nach Uruguay, Mexiko, Brasilien und auch ins Chanson und in Country-esques.

In Deutschland hat das Paar ungleiche Voraussetzungen: Sobral ist durch den ESC und vorherige hiesige Tourneen bekannt, und er kann sich auf eine große Anzahl von Exil-Portugiesen im Auditorium stützen, spricht ein wenig Deutsch, was er in augenzwinkernden Ansagen charmant ausprobiert. Sílvia Pérez Cruz ist nach 25 Jahren Karriere tatsächlich das erste Mal auf deutschen Bühnen zu hören – doch es ist schnell spürbar: Ihr fliegen dank ihres ergreifenden, gewinnenden Naturells und ihrer überwältigenden, vokalen Wärme schnell die Herzen zu.

Bereits im Eröffnungsstück ist klar, dass das Intime im philharmonischen Großbau bestens funktioniert: „Ben Poca Cosa Tens“, mit Worten des Dichters Miquel Martí i Pol, erzählt von der Trennung und der Einsamkeit, und wie diese in einem gewagten Aufschwung im frischesten Licht („llum fresquíssima“) Trost findet. Die beiden Stimmen, verwandt in Timbre und hohem Register, schrauben sich mit großem Atem in höchste Höhen, fliegen schließlich, als würden die Schmerzensschreie in Schwerelosigkeit münden. Und hier muss gleich auch das Loblied der drei Bandmusiker gesungen werden: Berklee-Absolventin Marta Roma bringt durch ihren feinen, eleganten und genauso pfiffig-rhythmischen Cello-Strich kammermusikalisch-klassisches Flair hinein, Dario Barroso aus Tarragona ist ein souveräner, ideenreicher Riff-Kapitän. Die Überraschung im Trio ist aber der Mallorquiner Sebastià Gris, der vor allem mit Mandolinen und Banjo eine feinmaschige Zupf-Textur gestaltet, Volkstümliches clever mit Virtuosentum verknüpft.

Familiäre Nährstoffe bezieht die Show von vielen Freunden und Verwandten der Protagonisten: Der Uruguayo Jorge Drexler hat Sobral und Pérez Cruz „El Corazón Por Delante“ geschenkt, ein mit seligen Terzen gefüllter Gesang, der bei vielen anderen Interpreten ein wenig kitschig anmuten könnte, hier aber zum leutseligen Walzer mit Publikumsbeteiligung wird. Schwester Luisa Sobral und Ehefrau Jenna Thiam sind in der Autorinnenriege zu finden – letztere sorgt mit „L‘Amour Reprend Ses Droits“ (Musik: Carlos Montfort) für den Chanson-Moment des Abends: In Sílvia Pérez Cruz‘ Phrasierung leuchtet hier ein wenig Édith Piaf durch, allerdings befreit von jeglicher Härte der Pariserin. Endgültig zum Wohnzimmer werden die Elb- und die Kölner Philharmonie aber durch „Someone To Sing Me To Sleep“. Barroso leitet hier mit vielen Themenanspielungen romantisch und wehmütig ein, dann verschmilzt er mit den beiden tiefempfundenen Stimmen (der sonst so falsett-verliebte Sobral in erstaunlichen Bass-Lagen) zum spätnächtlichen Lagerfeuer-Moment. Hinter mir sind bewundernde Seufzer zu vernehmen.

Es ist ein Abend, der auch von wechselnden Konstellationen lebt: Sobral lässt es sich nicht nehmen, mit Marta Romas Pizz-Begleitung Max Raabes „Kein Schwein ruft mich an“ aus seiner Überraschungskiste frei zu lassen, in Hamburg lässt das alle hanseatische Reserviertheit schmelzen, im karnevalesken Köln sowieso. Dann schaltet er radikal auf die waidwunde Samba-Ballade „Ella Disse-Me Assim“ um, brüllt seinen Liebesschmerz ohne Mikro in den Saal. Pérez Cruz sorgt für Atemlosigkeit im Auditorium, als sie Lorcas Gedicht „Pequeño Vals Vienés“ von Leonard Cohen zurückstiehlt – dunkler und mit allmählicher Steigerung in Hamburg, dramatischer in Köln mit großer Ornamentik und improvisatorischer Fantasie, die auch einen Seitenpfad zu „Hallelujah“ öffnet. Hier zeigt sich: Aus jedem Song schöpft sie ihr eigenes lichterfülltes Universum.

Der finalen Kurve sind die lebhafteren, mitreißenderen Stücke vorbehalten: Mit beherztem Schlag auf der großen Trommel kommt Erdigkeit in Sobrals „Mudando Os Ventos“. Und in „Muerte Chiquita“ geht Pérez Cruz auf eine genauso spielerische wie feurige Flamenco-Exkursion, die einen in die Knie zwingt. Das Publikum fordert Zugaben und bekommt zwei denkbar grandiose: Für ihr „Mañana“ im Stil einer bittersüßen mexikanischen Ranchera wird Sílvia Pérez Cruz zur Gesangslehrerin, und die steifen Ränge der Philharmonie quellen über vor Herzschmerz. Schlussschwung gibt es mit Sobrals „Anda Estragar-Me Os Planos“, mit einem zarten Hauch von Western-Saloon. Der Abstecher der beiden Koryphäen von der Iberischen Halbinsel brachte eine große Portion Winterglück in diese klirrend kalten Novembertage.

© Stefan Franzen

 

Frischestes Licht

Sílvia Pérez Cruz & Salvador Sobral
Sílvia & Salvador
(Warner Music International)

Zwei der ganz Großen der Iberischen Halbinsel treffen sich zum Duo-Gipfel: Er, langjähriger Fan seiner Partnerin, hat die portugiesische Musik für den Indie-Pop und den Chanson geöffnet (und vor Uhrzeiten einmal den ESC gewonnen…). Sie, zweifelsohne die derzeitig unangefochtene Queen der katalanischen Musik, hat schon lange ein Faible für lusophone Töne, während er seit seinem Studium in Barcelona eine Verankerung in der Region hat. Sílvia Pérez Cruz und Salvador Sobral: Hier kann man nur die höchsten Erwartungen an hohe Liedkunst haben, und sie werden auch erfüllt, mit zarten Flügelschlägen aller Facetten der Música Latina, die die beiden mit befreundeten Song- und Verseschmieden zum Leben erwecken.

„Ben Poca Cosa Tens“, ein Trostpflaster für alle, die Abschied nehmen mussten von einem geliebten Menschen, mit Versen des Dichters Miquel Martí i Pol, schwingt sich in melodieseligen Terzen zu einer bewegenden, wunden Klimax auf, dann, wenn neues Leben durch „llum fresquíssima“, frischestes Licht, einfließt. Dann regieren die Dreiertakte: Ein Wehmutswalzer von Jorge Drexler wird angestimmt, im fragilen 3/4 wird in „Hoje Já Não É Tarde“ von Sobrals Schwester Luisa Fado schwebend sublimiert. Spielerisch flink mit Musette-Reminiszenzen kommt „L’Amour Reprend Ses Droits“ daher , das Sobrals Frau Jenna Thiam beigesteuert hat. Und ganz ohne Cheesyness gelingt den beiden in „Someone To Sing Me To Sleep“ ein country-esques Lullaby. Einmal nur wird es etwas physischer, wenn sich in „Muerte Chiquita“ die Rumba-Färbungen Kataloniens bemerkbar machen.

Die delikate Verletzlichkeit der beiden Stimmen -Pérez Cruz oft mit ihren berühmten zitternden Schleifen, Sobral gerne in seiner typischen Falsett-Lage – ist die Hauptattraktion der Scheibe. Sie ist aber eingebettet in ein sagenhaft intimes Instrumental-Dekor: Marta Romas lyrischer Cello-Strich, Dario Barrosos unauffällige gitarristische Ausgestaltung mit kurzen romantischen Einwürfen und vielen Flageoletts, und die Banjo-, Mandolinen- und Lap Steel-Tupfer von Sebastiá Gris. Der ruhige, hymnische Schluss, fast wie eine wortlose Bruckner-Motette im Trio mit Marco Mezquidas Klavier gestaltet, gehört dem Mitgefühl mit dem Leiden der palästinensischen Zivilbevölkerung. Eine Platte, die ganz auf die Innigkeit zweier Stimmen gerichtet ist und die Zeiten überdauern wird.

© Stefan Franzen

Sílvia Pérez Cruz & Salvador Sobral: „Ben Poca Cosa Tens“
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Listenreich I: 24 Songs für 2024

Arooj Aftab (Pakistan/USA): „Aey Nehin“
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Bab L’Bluz (Marokko/Frankreich): „AmmA“
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Ana Lua Caiano (Portugal): „O Bicho Anda Por Aí“
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Córas Trio (Irland): „George White’s“
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Dal:um (Republik Südkorea): „Cracking“
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Danish String Quartet (Dänemark): „Once A Shoemaker“
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Dogo Du Togo (Togo): „Nyè Dzi“
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Zé Ibarra (Brasilien): „San Vicente“
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Joolaee Trio (Iran/Deutschland): „Sharar“
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MARO feat. Darío Barroso & Pau Figueres (Portugal/Katalonien): „Lifeline“
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Louis Matute (Schweiz/Honduras): „Marcovaldo
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Niall McCabe (Irland): „Stonemason“
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Hani Mojtahedi & Andi Toma (HJirok) (Kurdistan/Deutschland): „Yâhu“
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Orquestra de Musiques d’Arrel de Catalunya (Katalonien): „Arrel Transhumana“
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Sílvia Pérez Cruz & Juan Falú (Katalonien/Argentinien): „Oración Del Remanso“
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The Piyut Ensemble (Israel): „Hoshana“
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Zaho de Sagazan & Tom Odell (Frankreich/UK): „La Symphonie Des Éclairs“
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Camille & Matthieu Saglio (Spanien/Frankreich): „Alba“
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Abel Selaocoe (Südafrika/Großbritannien): „Sarabande, (aus J.S.Bachs Cello-Suite Nr.6)
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Sun Ra Arkestra (USA): „Lights On A Satellite“
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Waaju & Majid Bekkas (UK/MArokko): „Fangara“
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Lizz Wright (USA): „Sparrow“
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Feven Yoseph (Äthiopien): „Sewer Fiqir“
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Listenreich II: 24 Alben für 2024

272227– Àbáse (Ungarn/Deutschland): Awakening (Oshu Records)
– Aga Khan Master Musicians (Syrien/VR China/Tadschikistan/Tunesien/Usbekistan): Nowruz (Smithsonian Folkways)
– Arooj Aftab (Pakistan/USA): Night Reign (Verve/Universal)
– Bab L’Bluz (Marokko/Frankreich): Swaken (Real World Records/Harmonia Mundi)
– Adam Bałdych / Leszek Możdżer (Polen): Passacaglia (ACT/edel)
– Ana Lua Caiano (Portugal): Vou Ficar Neste Quadrado (Glitterbeat)
– Córas Trio (Irland): Córas Trio (Coracle Records/corastrio.bandcamp.com)
– Dal:um (Südkorea): Coexistence (Glitterbeat)
– Danish String Quartet (Dänemark): Keel Road (ECM)
– Rusan Filiztek (Kurdistan/Spanien): Exils (Accords Croisés/Harmonia Mundi)
– Iria Folgado (Galicien): Ecos De Breogán (Poliédrica)
– Joolaee Trio (Iran/Deutschland): Morgenwind (GWK Records/gwk-online.de/joolaee-trio-morgenwind)
– Bassekou Kouyaté & Amy Sacko (Mali): Djudjon (One World)
– Lusitanian Ghosts (Portugal): III (Mais Cinco)
– Mahler Academy Orchestra /Philip von Steinäcker (Verschiedene): Mahler Sinfonie Nr.9 (alpha)
– Louis Matute (Schweiz/Honduras): Small Variations From The Previous Day (Neuklang/in-akustik)
– Meretrio (Brasilien/Österreich): 20 Years (Session Work Records)
– Hani Mojtahedi & Andi Toma (Kurdistan/Deutschland): HJirok (Altin Village & Mine/hjirok.bandcamp.com)
– MOMO. (Brasilien): Gira (Batov Records/!K7 Music)
– Sílvia Pérez Cruz & Juan Falú (Katalonien/Argentinien): Lentamente (El Pez Producciones)
– Sun Ra Arkestra (USA): Lights On A Satellite (In & Out Records/in-akustik)
– Wishamalii (Palästina/Jordanien/Äthiopien/Finnland): Al-Bahr (Nordic Notes)
– Lizz Wright (USA): Shadow (Virgin/Universal)
– Feven Yoseph (Äthiopien): Gize (Blue Pearls/Indigo)

Listenreich III: 24 Konzerte für 2024

WINTER
– Hani Mojtahedi & Andi Toma, Theater Freiburg, 26.01.
– Sílvia Pérez Cruz, Théâtre Bouffes du Nord, Paris (F), 30.01.

– John Adams: „Harmonielehre“ (SWR Symphonieorchester, Robert Treviño), Konzerthaus Freiburg, 10.3.
– „Winterreise – Weltreise“, Theater Freiburg, 15.03.
– „Jewish Music Night“ (Reflektor André Heller), Elbphilharmonie Hamburg, 18.03.
FRÜHLING
– „The Joy Of Spring“ (Marco Ambrosini u.a.), Tamburi Mundi, E-Werk Freiburg, 01.04.
– „Ohren auf Weltreise“ (mit Matthieu Saglio), Jazzhaus Freiburg, 05.05.

– Zsofia Baros, Kloster Sankt Lioba, 11.05.
SOMMER
– Ayom, Rosenfelspark Lörrach, 18.07.
– Marisa Monte, Zeltmusikfestival Freiburg, 02.08.

– Wesli, Afrika Festival Emmendingen, 04.08.
– Ghalia Benali – Constantinople – Kiya Tabassian: „In The Footsteps Of Rumi“, Festival Arabesques, Opéra de la Comédie, Montpellier (F), 10.09.

– Daniel Herskedal, Gasthaus Schützen Freiburg, 17.09.
HERBST
– Anton Bruckner: Sinfonie Nr.9 (Les Siècles), Brucknerhaus Linz (A), 09.10.
– Arooj Aftab, Karlstorbahnhof Heidelberg, 21.10.

– João Bosco & Jacques Morelenbaum, Volkshaus Basel (CH), 22.10.

– Joolaee Trio, Stubenhaus Staufen, 27.10.
– Leyla McCalla, Le PréO Oberhausbergen (F), 06.11.
– „Musica Baltica“ (John Sheppard Ensemble), Dreifaltigkeitskirche Freiburg-Littenweiler 09.11.
– A Cantadeira & Omiri, Burghof Lörrach, 15.11.

– MARO Trio, ZOOM Frankfurt, 18.11.

– „A Tribute To John Adams“ (Holst Sinfonietta), E-Werk Freiburg, 04.12.
– Preisträgerkonzert Murat Coskun, E-Werk Freiburg, 08.12.

dieses Foto: Heinz-Peter Mosebach, Matthieu Saglio: Matthias Hilpert, alle anderen: Stefan Franzen
– „Ohren auf Weltreise“ (mit Misagh Joolaee & Bakr Khleifi), Kommunales Kino Freiburg, 20.12.

 

 

Wintergast unterm Gewölbe

Paris, Ende Januar.

Die Menschen scheinen sanft und milde geworden zu sein, genau wie das Licht, das über einen wolkenbelebten, frischluftigen Himmel streicht.

Ein Theater mit Vergangenheit, unscheinbar von außen, wo es sich direkt neben die Métro und in eine wenig wirtliche Umgebung schmiegt. Von Peter Greenaway bis Michel Piccoli hat es alle gesehen. Steinbalkone, hohe Ränge, rieselnder Verputz:

Das „Bouffes du Nord“ pflegt den Charme des Maroden, man fühlt sich fast, als säße man im Freien, in einer antiken Stätte.

Mit ihrer Musik ist sie hier gut aufgehoben, die Katalanin im Kreise ihres neuen Streichertrios.

Toda La Vida, un Día, ihr Programm, das in fünf Kapiteln ein ganzes Leben von der Geburt zur Wiedergeburt erzählt, mit spielerischen, kindlichen Melodien, dunklen Balladen und Lamentos, tänzerischem, kubanischem Finale.

Wie immer ein großes Erlebnis und eine große Freude, „La Música“ zuzuhören.