Kapitänin statt Meerjungfrau

Sílvia Pérez Cruz
Oral_Abisal
(Sony)

Mit Oral_Abisal macht die katalanische Sängerin Sílvia Pérez Cruz das Album-Dutzend voll. Auch das neue Werk ist wiederum ein Konzeptalbum, das sich mit dem Gegensatz zwischen himmlischer Sphäre und maritimem Abgrund befasst, zwischen menschlicher Wärme und der Kälte des Todes. Noch einmal erweitert diese Jahrhundert-Stimme das Ausdrucksspektrum ihres Ensembles. Erstmals arbeitet sie mit einem Trio von Querflöten und Waldhörnern, die in „Líquido“ effektvoll wie eine alpine Trauerkapelle tönen. Dazu treten die wohlvertrauten warmen Streichertrio-Farben als Antagonisten.

Marta Roma, Bori Albero, Sílvia Pérez Cruz, Carlos Montfort im Jardin des Tuileries; Paris 19.7.2026,
Foto: Stefan Franzen

Leichte Tanzhaftigkeit und eine unverkennbare Liebe zu Brasilien sind Thema in „Moreno“, sogar eine Bossa-Miniatur im Stil von João Gilberto flicht sie ein. Eine Exkursion ins Reich der indigenen Musik der Arhuacos Nordkolumbiens bringt Erdigkeit in dieses insgesamt eher ätherische Album. Das trotzdem in den Liedern übers Meer seine stärksten Momente erreicht: „Mar De Na Catalina“ hat mit seinem freien Flow die Kraft einer mythischen Erzählung, und „Capitana“ ist eine atemraubende Hymne über weibliche Selbstermächtigung, die die Zeiten überdauern wird. Kapitäninnen sollten die Frauen werden, und nicht Meerjungfrauen bleiben, so Pérez Cruz über dieses Lied, das sie ihrer Tochter gewidmet hat.

© Stefan Franzen

Sílvia Pérez Cruz: „Capitana“
Quelle: youtube