Mönchskopfliebhaber

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Foto: Stefan Franzen

Nein, mit dem Titel spiele ich nicht so sehr auf seine eigene Tonsur an, vielmehr auf seine Vorliebe für den Berner Käse Tête-de-moine, die er gestern ausgiebig auf der Bühne  äußerte.

Ed Motta, Brasiliens gigantischster Klangkörper war gestern zu Gast in der Kaserne am Jazzfestival Basel, mit einer unvergesslichen Show aus Funk, Postbop, AOR, souliger Disco und herzschmelzenden Balladen im Donny Hathaway-Style, mitsamt glänzend eingestellter, von Keyboarder Matti Klein zusammengetrommelter Band und der grandiosesten Scat-Einlage, die er wohl je gegeben hat. Und er hatte ein Aretha-T-Shirt an: weiterer Pluspunkt.

Ed Motta ist im deutschsprachigen Raum demnächst noch zu hören:
10.5. Kaufleuten, Zürich (CH)
24.-26.6. Bingen swingt, Bingen (D)
30.6. Porgy & Bess, Wien (A)
14.7. Rosenfelspark, Lörrach (D)

Genialer Stubenhocker

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Lange hat es gebraucht, bis Europa ihn entdeckt hat. Dabei ist er für den brasilianischen Anspruchs-Pop, für raffinierten Funk und Soul made in Rio seit den Neunzigern das, was Tom Jobim für die Bossa Nova war. Zudem ist er: Wunderkind und Weinkenner mit eigenem Sommelier-Blog, Musicalschreiber, Filmesammler und Comic-Connoisseur. Um Ed Mottas Eigenschaften getreu abzubilden, ließen sich Seiten füllen. Und auch der Interviewtermin mit dem in jeder Hinsicht kolossalen Sänger, Keyboarder, Komponist und Arrangeur uferte mehrstündig aus. Anlässlich seiner neuen Platte Perpetual Gateways (Must Have Jazz/Membran) und bevorstehender Tourdaten in Deutschland und der Schweiz die besten Ausschnitte aus einem für mich denkwürdigen Gespräch.

Ed, weil du die europäische Kultur so liebst, bist du nach Berlin übergesiedelt. Wie kommt man als Carioca mit den deutschen Temperaturen zurecht?

Motta: Kein Problem! In Rio hatten meine Frau und ich eine so starke Klimaanlage im Apartment, dass sie sich immer beklagt hat. Und jetzt in Berlin sagt sie: „Geh doch mal raus, du liebst doch die Kälte.” Aber ich bin ein Stubenhocker, gehe kaum vor die Tür. Meine Musik entsteht im Innern meines Hauses, nicht aus Erlebnissen von der Straße. Sie entsteht aus absolut intellektuellen Erfahrungen, aus dem Studium meiner Platten- und Filmsammlung, da geht es nicht um das „wirkliche Leben”. Aber irgendwie ist das doch auch das „wirkliche Leben“, oder nicht?
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Side tracks #15: O Trêm do Tom

antonio carlos jobim - antonio brasileiro

flagge-brasilienAntônio Carlos Jobim / Manuel Bandeira:
„Trem De Ferro“ (aus Antônio Brasileiro, 1994)

 

Wie letztes Jahr zum 8.12. auch 2015 eine kleine Hommage zu Jobims Todestag, dieses Mal in der Eisenbahnabteilung, die ich ja gerade insbesondere brasilianisch aufarbeite.

Dass „Antônio Brasileiro“ so viel mehr war als der Bossa-Vater, zeigt sich in seinen Spätwerken. Das hier ist der allerletzte Track aus seinem allerletzten Album. Ed Motta, den ich vor kurzem zum Interview getroffen habe (2016 mehr dazu), hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass Jobim nicht nur seine Debussy- und Ravel-Einflüsse immer wieder verarbeitet hat, sondern ab und an auch wohl sein früher Lehrer Hans-Joachim Koellreutter (ein  Zwölftonkomponist, der 1937 nach seinem Musikstudium in Freiburg nach Rio emigrierte) abgefärbt hat.

Hätte Jobim noch ein paar Jahre länger gelebt, wäre er dann auf den atonalen Pfad eingeschwenkt? „Trem De Ferro“ jedenfalls, sein spätester Meisterstreich scheint sich in den Schlusstakten tatsächlich aus der Funktionsharmonik zu lösen. Darüber hinaus ist es eines der grandiosesten, lautmalerischesten Eisenbahnlieder, die ich kenne, und knüpft damit natürlich auch an “ O Trenzinho De Caipira“ aus der Bachiana Brasileira No.2 von Heitor Villa-Lobos an. Die Verse stammen vom Poeten Manuel Bandeira.

(Anmerkung: Die unten wiedergegebene Version ist eine verschlankte – ohne Perkussion und Orchester. Die viel raffiniertere Albumfassung ist in Deutschland von SME gesperrt.)

Antônio Carlos Jobim & Banda Nova: „Trem De Ferro“
Quelle: youtube

Die Allerheiligenwucht

ed motta yachtEd Motta
Club des Theaters der Künste Zürich, 01/11/14

Wiedersehen nach 12 Jahren. Das erste und bislang einzige Mal, dass ich ihn auf der Bühne gesehen habe, war 2002 in einem riesigen Einkaufszentrum in Brasilia mit dem magischen Namen Taguatinga. Damals war mir seine Musik noch relativ schnuppe, er hatte seinerzeit ein Album namens Dwitza rausgebracht und wirbelte einen – für mich – harmonisch überkomplexen Jazz aus seiner Wurlitzer-Orgel heraus. Fünf Stockwerke hoch hing das Publikum über den Balustraden, lagerte draußen in der Abendhitze der brasilianischen Steppe, um ihn auf Großleinwand zu verfolgen. Da wurde mir klar, dass dieser Mann in seiner Heimat ein Superstar ist.

In Europa hat es Ed Motta bis heute über Spezialistenkreise hinaus nicht geschafft. Der großartige, in aller Hinsicht kolossale Musiker und Entertainer passt nicht in die Brasilien-Schemata unserer dornröschenschlafenden Tagespresse. Umso höher muss man es dem jazznojazz-team anrechnen, dass sie ihn als Abschluss ihres Festivals nach Zürich geholt haben. Sein erster Auftritt in der Schweiz: Eine Allerheiligenwucht in schwitziger Clubatmosphäre. Motta de todos os santos. Weiterlesen

Ein kolossaler Nerd

ed motta - aor

Wein, Vibes und Gesang
– ein Interview mit Ed Motta

Er wirkt seit Ende der 1980er als die Referenzgröße des Soul und Funk in Brasilien schlechthin. Ed Motta, der Neffe des früh verstorbenen Soulgiganten Tim Maia, ist eine Ausnahmeerscheinung in der Musikszene des Riesenlandes. Es gibt keine Musikepoche, in der sich der Vinylfreak nicht auskennt, kaum einen Stil, den er nicht schon mit eigenen Kompositionen selbst beackert hat. Ed Motta: ein umtriebiger Hedonist und in jeder Hinsicht kolossaler Nerd, der zudem auch noch grandioser Hobbykoch, Tee-, Bier- und vor allem Weinkenner ist. Vor seinen Konzerten beim Zürcher Jazznojazz-Festival (1.11.) und im Club des Bahnhofs Ehrenfeld in Köln (5.11.) habe ich ihn befragt. Weiterlesen