Ein kolossaler Nerd

ed motta - aor

Wein, Vibes und Gesang
– ein Interview mit Ed Motta

Er wirkt seit Ende der 1980er als die Referenzgröße des Soul und Funk in Brasilien schlechthin. Ed Motta, der Neffe des früh verstorbenen Soulgiganten Tim Maia, ist eine Ausnahmeerscheinung in der Musikszene des Riesenlandes. Es gibt keine Musikepoche, in der sich der Vinylfreak nicht auskennt, kaum einen Stil, den er nicht schon mit eigenen Kompositionen selbst beackert hat. Ed Motta: ein umtriebiger Hedonist und in jeder Hinsicht kolossaler Nerd, der zudem auch noch grandioser Hobbykoch, Tee-, Bier- und vor allem Weinkenner ist. Vor seinen Konzerten beim Zürcher Jazznojazz-Festival (1.11.) und im Club des Bahnhofs Ehrenfeld in Köln (5.11.) habe ich ihn befragt.

Sie haben Ihr aktuelles Werk AOR sowohl auf Portugiesisch als auch auf Englisch veröffentlicht. Heißt das, dass Sie sich dem europäischen Markt öffnen?

Ed Motta: Ich wurde in Rio de Janeiro geboren und bin dort auch aufgewachsen, aber die lingua franca meines musikalischen Stiles ist Englisch, denn der baut auf Soul, Jazz, Broadway, Rock und Funk auf. Seit 1999 habe ich Aufnahmen auf Englisch gemacht, seit meinem Album Segundas Intenções auf dem ich einen Shuffle namens “Suddenly You” drauf hatte. 2008 veröffentlichte ich Chapter 9, mein erstes Album, das ich exklusiv auf Englisch gesungen habe.

Erst in meinen Zwanzigern habe ich angefangen, brasilianische Musik zu hören, da hatte ich schon mein drittes Album Entre e Ouça draußen, das erste Album Lateinamerikas, auf dem Technologie der 1960er und 70er, Vintage-Equipment verwendet wurde. Seit 1988 habe ich ein großes Publikum in Brasilien und das erwartet natürlich von mir, dass ich auf Portugiesisch singe, damit sie eine natürliche Verbindung zur Musik aufbauen können. Doch wenn ich auf Englisch singe, dann fühle ich mich wie Klaus Meine von den Scorpions, als sie ihre Alben auf Englisch aufgenommen haben. Genau darum geht es, mit einem größeren Publikum kommunizieren zu können.

“AOR” steht ja für “adult orientated rock”, der in den USA ganz klar auf eine bestimmte Art von Rockmusik à la Foreigner oder Boston zielt. Sie haben auf AOR zwar eine merklich andere musikalische Sprache verwendet als auf jazzigeren Alben wie zum Beispiel Dwitza oder Aystelum,oder auf der elektrischen Disco-Platte Pique Nique. Bei Ihnen bedeutet „AOR“ allem Anschein nach “laid back”. Gab es ein Schlüsselerlebnis, ein so relaxtes Repertoire aufzunehmen?

Motta: In meiner Musik spiegelt sich sehr stark meine Natur des Plattensammlers und Nerds wider. Ich habe fast 30.000 Platten aus allen Stilen und Ländern. Auf AOR stehe ich, seit ich ein Teenager bin, ohne dass ich diese Abkürzung kannte. Ja, für mich war das mit melodischem Hardrock wie Journey, Foreigner oder Loverboy verbunden. Die Westcoast-Variante des AOR von Leuten wie Stephen Bishop, den Alessi Brothers, Ned Doheny, Hall & Oates, Christopher Cross, den Pages und den Doobie Brothers habe ich fälschlicherweise immer “Sunshine Pop” genannt. Aber Sunshine-Pop gab es schon vor AOR, das sind Bands wie The Association, The Turtles, und warum nicht auch die Väter des sophistcated Pop selbst, die Beatles. Aber ich sah immer einen stilistischen Bezug zwischen Pet Sounds von den Beach Boys und Aja von Steely Dan, und für mich war das deshalb “Sunshine Pop”.

Diese Musik, zusammen mit Jazz, Soundtracks und Musicals ist seit vielen Jahren mein Hauptinteresse, wobei meine Besessenheit von AOR in den letzten 4, 5 Jahren zugenommen hat. Ich muss jede Platte haben und habe auf Facebook die größte AOR-Fangruppe eröffnet.
Aber selbst auf meinem Album Aystelum gibt es ein Stück namens “A Charada”, das auf diesem neuen Album sein könnte, nicht nur, was die Komposition betrifft, auch die Abmischung, die Phrasierung des Solos. Auf Dwitza hat der Song “Lindúria” einen starken Nat Adderley/ Horace Silver-Einfluss, aber als ich die Rhythmusspur aufgenommen hatte, dachte ich mir, dass er ein Steely Dan-Solo braucht.

Wird die Abkürzung AOR auch für brasilianische Musik dieser Richtung verwendet oder sind die Platten dieses Stils in Brasilien eher unter dem dort für so ziemlich alles anzuwendenden Begriff MPB (Música Popular Brasileira) eingeordnet?

Motta: Leute, die dieses Akronym kennen, sind Plattensammler und Musikfreaks. Die große Mehrheit aber hört diese Musik, wenn sie Radiosender der eher leichten Ausrichtung einschalten, sie lieben es, haben aber nicht auf dem Schirm, dass das ein eigener Stil sein könnte. Dabei gibt es in Brasilien seit den 1970ern herausragende AOR-Musik, zum Beispiel von Lincoln Olivetti, dem großen Genie hinter Produktionen von Rita Lee, Junior Mendes, Biafra und Claudia Telles. Er ist unser Quincy Jones der 1970/80er. Er führte im Studio eine strenge Disziplin für die Musiker und Toningenieure ein, mit ihm wurden brasilianische Aufnahmen akkurater in technischer Hinsicht, bekamen Politur. Olivetti ist noch ein unentdeckter Schatz für Hörer außerhalb Brasiliens.


EdMotta
Auf diesem Album haben Sie mit den beiden Gitarristen David T. Walker und Jean-Paul “Bluey” Maunick von Incognito gespielt – wie haben Sie den Kontakt zu ihnen hergestellt?

Motta: Bluey ist ein guter Freund und ich hatte schon die große Ehre, auf Incognitos CD Who Needs Love mitzuwirken. Ich liebe seine Musik seit der Band Light Of The World. Er ist die Antwort der 1990er auf die herausragenden Produktionen von Norman Connors, perfekte Sänger, perfekte Melodien. Ich liebe seine Musik so sehr!
Und David T. Walker ist einer meiner Allzeitlieblinge auf der Gitarre. Es gibt einen großartigen Satz von Orson Welles, der auf diese Musiklegende genau zutrifft: “More than a lucky star you need style!“ T. Walker ist der Style in Person, du hörst zufällig ein Stück, dann kommt irgendwann in der Mitte sein Solo, und du weißt sofort: Oh yeah, das ist David T.Walker. Ich schickte ihm eine Email, wir haben uns nie getroffen, haben alles übers Internet erledigt. So würde ich gerne mit mehr internationalen Musikern arbeiten, zum Beispiel mit Indra Lesmana, dem Genie aus Jakarta.

Sie sind der Auffassung, dass der Sound der AOR-Musik “glänzen” soll. Wie erzeugen Sie dieses Glänzen im Studio?

Motta: Ich habe in meinem Haus seit 2000 ein Studio, wo ich mit freier Zeiteinteilung ganz nach Belieben meine Musik mixen kann, über Tage, Wochen, Monate. Mario Léo, mein Toningenieur ist ein Nerd wie ich, die audiophile Qualität habe ich seinem Wissen zu verdanken, wir haben an diesem Sound sehr lange gearbeitet, bis er so war, wie wir ihn wollten. Die Rhythmustracks und die Blechbläser sind in einem neuen Studio ganz in der Nähe meines Hauses im Botanischen Garten von Rio aufgenommen worden. Du hast das Gefühl, dass du total außerhalb von Rio bist, ein Naturreservat mit seltenen Vögeln und Bäumen. Dort hat auch Tom Jobim fast sein ganzes Leben gelebt. Ein toller Ort für ein Studio.

Als Sie in den 1980ern Ihre Gesangstechnik entwickelt haben, wer waren damals Ihre Idole, und wen bewundern Sie noch bis heute?

Motta: Maurice White, Stevie Wonder, Charlie Wilson, die Atlantic Starr-Sänger, The Whispers, vor allem aber Donny Hathaway. Er ist für mich der beste Sänger aller Zeiten. Aber ich hatte auch meine lustige Hardrock-Vergangenheit! Ich hatte eine Band, die nannte sich Kabbalah, da war ich zwölf oder dreizehn, trommelte und sang, ich versuchte, Ronnie James Dio zu imitieren! Mein Hintergrund war zunächst Curtis Mayfield, Earth Wind & Fire, Shalamar, denn meine Familie hörte eben Soul und Funk. Aber als ich in die Schule kam, erwachte dieses Interesse für Hardrock, mit Cactus, Humble Pie, Led Zeppelin, Free, Rory Gallagher, Family und so weiter.

Können Sie beschreiben, wie stark der Einfluss Ihres Onkels Tim Maia auf Sie war, der ja als der größte Soulsänger Brasiliens gilt?

Motta: Meine Mutter, also seine Schwester war sehr eng mit ihn, er vermachte ihr seine ganze Plattensammlung, und auch ein Drumkit von Ludwig. Es hat meine Einstellung zur Musik total verändert, als ich versuchte, diese Drums zu Soulplatten von Brick, B.T.Express und den Isley Brothers zu spielen. Aber als musikalischer Einfluss war Cassiano mein größter Einfluss – der brasilianische Stevie Wonder mit Lo-Fi-Charme.

Ihre Plattenfirma nennt sich “Dwitza Records”, so wie das Album, das Sie vor zehn Jahren veröffentlicht haben. Können Sie uns verraten, was hinter diesem Namen steckt?

Motta: Das ist eine Ode an den Neologismus. Das Wort ist mir als Sound eingefallen, aber es bedeutet für mich auch etwas Visuelles. Es hört sich ein bisschen afro an, aber auch ein bisschen russisch. Als würde Alexander Skrjabin im 6/8-Takt Afropercussion in einem Amsterdamer Coffee Shop spielen.

Wir wissen, dass Sie neben der Musik auch ein Weinexperte sind. Für alle, die sich für brasilianischen Wein interessieren: Haben Sie da ein paar Tipps?

Motta: Der beste brasilianische Weißwein ist Era Dos Ventos, ein sehr komplexer Wein, oxidiert wie Coulée Du Serrant, aus der seltenen Traubensorte Peverella hergestellt. Was Rotwein angeht: Fulvia Pinot Noir von Marco Danielle, der König der Bioweine in Brasilien. Dieser Wein hat die Eleganz des Burgunders, und man kann außerhalb von Burgund ja kaum einen guten Pinot Noir finden. Dann gibt es noch einige junge Winzer, die Schaumweine nach der Art von Jacques Selosse produzieren, die sind einzigartig.

Saude, und vielen Dank für das Interview!

© Stefan Franzen

Ed Motta Live:
1.11. Festival Jazznojazz Zürich, Club im Theater der Künste, 22h
5.11. Club Bahnhof Ehrenfeld Köln, 20h

Ed Motta: „Simple Guy“
Quelle: youtube

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