Violinen-Verve von Vancouver Island

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The Fretless
Bird’s Nest
(Eigenverlag)

Folkmusik und Klassik rücken seit einigen Jahren enger zusammen, das ist ein unüberhörbarer Trend. Diese Dame und drei Herren von Vancouver Island, für ihr Schaffen in Kanada hochdekoriert, pflegen die Verknüpfung der Genres auf atemberaubendem Niveau. Fiddle-Melodien und Folksongs, teils aus schottischen, teils aus kanadischen Traditionen haben sie neu arrangiert und stecken sie ins Gewand eines Streichquartetts. Anders als bei einer herkömmlichen Folk-Kapelle wandern hier die Themen in raffinierter Art und Weise durch die Stimmen, Bratsche und Cello verleihen satte Konturen, einzelne Melodiepartikel verselbständigen sich, führen ihr Eigenleben. Trotz aller Detailarbeit grüßt nach wie vor der Tanzboden, ein Jig bekommt gar minimalistischen Flair, und über dem Titelstück liegt eine anrührende tänzerische Wehmut. So hat man Folk bisher selten gehört.

Bis zum 9. Oktober sind die Kanadier noch auf Deutschlandtournee, Daten gibt es hier.

The Fretless: „Bird’s Nest“
Quelle: youtube

 

Seelenvoll in Basel

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Die musikalische Geschichte der Annie Goodchild, geboren in Boston, beginnt mit Klavierunterricht und Singen in Gospelchören. Doch das einschneidende Erlebnis trägt sich während einer Abenteuerreise in einer Tequilabar in Guatemala zu: Dort trifft sie den Gitarristen Maarten Swan während eines Open Mic-Abends und gründet mit ihm die Band Melou. Das Repertoire der Akustikcombo gründet auf der Arrangierkunst Swans, aber vor allem auf dem satten, flexiblen Alt von Goodchild, der sich in Soulstücken wohl fühlt. Aber – und das ist ihr großer Bonus – er kann auch orientalische und indische Färbungen annehmen.

Eine erste CD nehmen Melou in Barcelona bereits 2009 auf, aber es ist die Veröffentlichung „Skylark“ vier Jahre später, die Goodchilds Stimme, mittlerweile durchs Berklee Collge of Music geschult, in neue Dimensionen katapultiert. Man höre sich nur das Titelstück an, in dem sie mühelos arabeskes Umherschweifen und dichte Vokalsätze mit leicht psychedelischem Folkpop verknüpft. Weitere Erfahrungen sammelt sie in der britischen Theatertruppe Punchdrunk, bei der es ihre Aufgabe ist, vokales Flair der 1930er zu erzeugen. Einem ähnlich retro-orientierten Training unterzieht sie sich im Rahmen des US-Projekts Postmodern Jukebox, das aktuelle Pophits mit Vintage-Atmosphäre umsetzt. Goodchilds Beitrag „Roar“, im Original von Katie Perry, wird zum Youtube-Hit.

Seit drei Jahren ist ihr neuer Standort Basel, und diesen neuen Lebensabschnitt krönt Annie Goodchild nun mit der vor ein paar Tagen veröffentlichten EP. Im „Green Eyed Monster“ tastet sie sich mit einem fantastischen Sinn für Dramaturgie von den suggestiven Tiefen in die hohen Lagen empor – das mit Streichern kolorierte Stück mutet an wie eine Kreuzung aus einem schweren orientalischen Klanggemälde und psychedelischem Indie-Rock. Mit einem Touch Electronica sind die Arrangements des „Black Swan“ belegt, ein großartiger Hymnus, der zwischen geheimnisvollen Geigen, tribaler Percussion und einer Popmelodie voller Strahlkraft wechselt. Als Single hat Goodchild „Rooster“ ausgekoppelt, begleitet durch ein sinnliches Video, das die Weiblichkeit feiert – zu einem Arrangement, das Motown mit modernem R&B und House koppelt. Und schließlich noch der „Maneater“ von Daryl Hall und John Oates, den sie als betörenden Dub vertont.

© Stefan Franzen

Annie Goodchild tritt am 24.9. im Rahmen der Klangbasel in einem Doppelkonzert mit der ebenfalls in Basel lebenden Kanadierin Andrea Samborski auf.

Melou feat. Annie Goodchild: „Just Take The Edge Off“
Quelle: youtube

 

Glühender Klangsturm

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Noura Mint Seymali
Arbina
(Glitterbeat/Indigo)

Guten Gewissens lässt sich sagen, dass die Frauenstimmen Mauretaniens die eindringlichsten aus dem ganzen Universum der Wüstenrock-Sounds sind. Auf ihrem zweiten internationalen Release entfesselt die Sängerin aus Nouakchott einen glühenden Sandsturm, der sich noch grobkörniger aufschwingt als zuvor. In den atemberaubenden, meckernden Vokalmelismen stecken dabei sehr alltagsnahe Texte über Brustkrebsvorsorge, dann aber auch philosophische Betrachtungen über göttliche Fügung. Unter den gitarristischen Widerhaken und der ruppigen Harfe windet sich ein abgründiger Bass in die Eingeweide, mal wird mit kantigen Tempowechseln gearbeitet, mal wird mit dubbiger, aber nie davondriftender Auffächerung der Horizont geweitet. Für diesen Rock braucht es keine Kasbah, nur den weiten Wüstenhimmel.

Noura Mint Seymali: „Na Sane“
Quelle: youtube

Genesis in Belo Horizonte

graveola - camaleo borboletaGraveola
Camaleão Borboleta
(Mais Um Discos)

Wenn heute die olympischen Spiele in Rio zu Ende gehen, wird sich das mediale Interesse wieder schnell von Brasilien abwenden. Deshalb ein kleiner Beitrag gegen die sportgesteuerte Medienlandschaft. Aus der Metropole Belo Horizonte kamen seit Milton Nascimento schon immer sehr tiefgehende Beiträge zum brasilianischen Rock und Pop. Graveola, ein Kollektiv aus neun Musikern, setzt diese Tradition fort und baut auf dem dritten Werk die abenteuerlustige Mixtur in der Nachfolge der Tropikalisten aus. In ihren Songs siedeln Melodien von sonnigem Überschwang neben den erdigen Rhythmen des Nordostens („Maquinário”), ein nonchalanter Tango-Rock wird mit schrägen Bläsern und verstimmt blubbernder Orgel gewürzt („Aurora”). Was wie ein harmloser Reggae beginnt („Tempero Segredo”), wechselt im Laufe von vier Minuten zur melancholischen Ballade und in einen querstehenden Experimentalblock, und auch die Sambavariante aus Bahia wird mit stolzen Türmen aus E-Gitarren geschmückt. Viele musikalische Welten stecken hier collagenhaft in jedem Song. Wären Genesis in den späten Siebzigern in Brasilien gestrandet, sie hätten sich vielleicht bald so angehört.

Graveola: „Lembrete“ live
Quelle: youtube

 

Nah- und fernöstliche Suiten

hawniyazwu wei wang li - overtonesKayhan Kalhor, Aynur, Salman Gambarov & Cemil Qoçgiri
Hawniyaz
Wu Wei & Wang Li

Overtones
(Latitudes/Harmonia Mundi)

Die Philosophie der 2015 gestarteten CD-Serie „Latitudes“ von Harmonia Mundi ist es, Künstler vorzustellen, die durch eine poetische Vision „zu allen Menschen der Welt jenseits von Sprache oder Stil spricht“, so das Label. Im jungen Katalog finden sich in traditionellen Musikformen wurzelnde Interpreten des Nahen Ostens und Asiens, die sich auf zeitgenössisches Terrain wagen: Das chinesische Duo Wu Wei und Wang Li erprobt auf Overtones das Zusammenspiel der Mundorgel Sheng mit der Maultrommel Kouxian, was auch recht anstrengend wird, aufgrund der faszinierenden Lautmalerien verliert man mitunter den dramaturgischen Halt. Hawniyaz, das Quartett um den grandiosen persischen Kniegeigenspieler und die kurdische Sängerin Aynur hat sich auf dem Osnabrücker Morgenland-Festival gefunden. In langen Suiten mit Kamancheh, Stimme, Piano und Langhalslaute forschen sie nach neuen Wegen, wie sich nahöstliche Traditionen gegenseitig durchdringen können, beziehen dabei auch Strukturen abendländischer Klassik und Jazz mit ein. Ein Meisterwerk für alle Ohren, die zu Versenkung in meditative Abläufe bereit sind.

Hawniyaz live auf dem Morgenland-Festival Osnabrück
Quelle: youtube

Erdige Breitwand

the breath - carry your kin

The Breath
Carry Your Kin
(RealWorld/PIAS/Rough Trade)

Wenn der Gitarrist des Cinematic Orchestra und eine erdige nordirische Sängerin zusammen kommen, trifft Tradition auf Breitwand. Das kann gehörig in die Hose gehen, hier wird es zu einem Wunderwerk. Stuart McCallum baut mit großem Besteck neun Klanggemälde: Streichertextur, twangy Gitarren, lyrisches Piano und dynamisch gezügelte, aber vielfältige Drum-Arbeit sind die Farben, über denen die charakterstarken Vocals von Rioghnach Connolly mal solo, mal in kompakten Schichtungen schweben. Eine richtige Wall Of Sound wird weitestgehend vermieden, Transparenz ist das Gebot der Stunde. Anders als beim manchmal verkopften Cinematic Orchestra steht die Kraft suggestiver Melodik im Fokus – und die speist sich mit den sanften Kometschweifen der keltischen Seele stets aus dem Mutterboden Connollys.

The Breath: „Antwerp“
Quelle: vimeo

Crescent City-Funk des Altmeisters

aaron neville - apacheAaron Neville
Apache
(Tell It Records/Rough Trade)

75 Jahre jung, 56 Jahre Karriere, und immer noch eine schmelzende Stimme, die man vor allem aus Balladen kennt. Mit Apache jedoch feiert Aaron Neville die ganze Palette knackiger New Orleans-Sounds, vereint die Sozialkritik des Siebziger-Motownsouls mit dampfendem Funk à la Meters und Neville Brothers. Ungebremste Bläserenergie entlädt sich im Opener „Be Your Man”, die beschwipsten Horns des Südens swingen in „Stomping Ground”, und die Jamsession „Fragile World” könnte geradwegs aus einer Kneipe im French Quarter tönen. „Ain´t Gonna Judge You” verströmt den schwülen Funk der Sümpfe mit tonnenschweren Bassriffs, dicke Soul-Patina schillert im sinnlich aufgeladenen „All Of The Above” und mit „Heaven” taucht der Mann mit dem charakterstarken Falsett tief in Gospelgefilde. Und dann zaubert der Grandseigneur für seine Gattin noch ein Doo Wop-Liebesständchen hin („Sarah Ann”), bei dem jede Dame schwach werden muss. Ohne Zweifel schon jetzt eines der Soulalben des Jahres.

Aaron Neville: „Be Your Man“ (live)
Quelle: youtube

Runengesang revisited

maarja nuut

Zwischen den Polen Arvo Pärt und Massenchor-Festivals gibt es in Estland eine Menge Spielraum. Folkmusik, die dort bei der Jugend den Stellenwert von Pop hat, wird gerade rundumerneuert, etwa von der 30-jährigen Geigerin und Sängerin Maarja Nuut, die Texte von Runenliedern mit experimentellen Ansätzen und Loop-Philosophie koppelt. Maarja kommt ab dem 1.7. auf Tournee in Deutschland, der Schweiz und Frankreich, ihr Album Une Meeles erscheint am 24.6. auf Indigo.

Tourdaten:
1.7. Silent Green, Berlin (D)
3.7. Rathaus Binzen (D)
4.7. Café Verkehrt, Murg-Oberhof (D)
5.7. Fondation Fernet-Branca, Saint-Louis (F)
8.7. Kulturhotel Guggenheim, Liestal (CH)
10.7. Werkraum Schöpflin, Lörrach-Bromach (D)

Maarja Nuut: „Hobusemäng“
Quelle: youtube

Berührender Abschiedswalzer

christa couture - long time leaving

Christa Couture
Long Time Leaving
(Black Hen Music/Alive)

Kanadas große Tradition exquisiter Songschmiedinnen bekommt gerade in letzter Zeit immer mehr Aufwind. Eine bei uns völlig zu Unrecht wenig bekannte Dame mit feiner Feder ist Christa Couture. Die Grundsubstanz ihres neuen Albums könnte man als Countrypop charakterisieren, doch ihre empfindsame Stimme konterkariert diese vorschnelle Einordnung. Befasst man sich mit Coutures Geschichte – Krebserkrankung als Teenagerin, Verlust eines Beines, der Tod zweier Kinder – kann man kaum begreifen, wie sie diese sanft gewobenen, niemals larmoyanten Melodien schaffen konnte. Und dann ist dieses Opus zudem noch ein Trennungsalbum. Das Spektrum reicht von Rocknummern mit einem Twang („If I Still Love You”) bis zu dem von federleichter Slidegitarre getragenen „Alone In This”, vom zarten Tänzchen zur Countryfiedel (Lovely Like You”) bis zur vom Piano getragenen Ballade „In the Papers”. Das schönste Kleinod der ganzen CD versteckt sich in der Miniatur am Schluss: „Aux Oiseaux” ist ein zart schlurfender Abschiedswalzer, der einem richtig an die Nieren geht.

Christa Couture: „That Little Part Of My Heart“
Quelle: youtube

Schottisches Glitzern

fraser anderson

Fraser Anderson
Under The Cover Of Lightness
(Membran)

Ich verfolge schon seit etlicher Zeit den Gedanken, dass Schottland die feinsinnigste Art von Soulmusik hervorbringt, die man sich vorstellen kann. Bei Mr. Anderson manifestiert sich Seelenvolles in Überfülle: Spätestens seit seinem Album Little Glass Box hat er eine wunderbar empfindsame Brücke zwischen folkigem und souligem Songwriting offenbart, die er jetzt auf seinem neuen Opus (VÖ: 29.4.) ausbaut. Mit schwebenden Gitarren, rauschend-gedämpften Blechbläsern und einer verletzlichen Stimme zaubert er Perlen hin, die den weiten Raum zwischen frühem Van Morrison und Nick Drake ausloten. Eine traditionelle Flöte mogelt sich in „The Wind And The Rain“ zur glimmenden Hammondorgel, durch das ergreifende „Crying From My Heart“ schnurrt eine Fiedel, und eine schreiende E-Gitarre konterkariert den herzblutenden Tenor in „Feel“.  Der neuen Heimat Bristol geschuldet, gibt es plötzlich auch mal elektronisch unterfütterte Strukturen, die an den Triphop verweisen – und mit einem Rap, in dem er seine Überforderung als Vater bekennt, widerlegt er alle Mackerposen des Genres. Und überhaupt: Der Opener sollte sofort heilig gesprochen werden (s.u.)

Fraser Anderson: „Simple Guidance“
Quelle: youtube