Eine kleine Revolution in der Stadt der Lichter

 Fotos © Oliver Seifert & Stefan Franzen

Sílvia Pérez Cruz
L’Olympia, Paris
08.03.2026

30 Jahre auf der Bühne? Für eine 43-Jährige ist das eine schier unfassbare Strecke. Die Katalanin Sílvia Pérez Cruz feierte das Jubiläum trotz erkennbarem Respekt vor dem Ort des Geschehens in familiärer, warmherziger Atmosphäre und mit kleinen bis großen musikalischen Überraschungen in atemberaubenden 120 Minuten.

Es ist dieser rote Vorhang, der so viele Erinnerungen wachruft. Jacques Brel und Juliette Gréco standen vor und hinter ihm, Charles Aznavour und Oum Kalthoum. Sílvia Pérez Cruz wählt ihn zur Begrüßung des ausverkauften, altehrwürdigen Saals als Kulisse für ein A-Cappella-Traditional. Es setzt den Rahmen dafür, was an diesem Abend immer im Mittelpunkt stehen wird: ihre unvergleichliche Stimme, die Menschen auf verschiedenen Erdteilen zu Tränen rührt, ganz gleich, ob sie das kraftvoll-erdige Timbre wählt oder das Wispern in feinen Schleifen.

Hinter den roten Samtfalten wartet aber schon ihr Quartett, das seit dem Werk Toda La Vida, Un Día zum festen Ensemble geworden ist: Ihr langjähriger Begleiter, der Violinist Carlos Montfort, die Cellistin Marta Roma und der Bassist Bori Albero steigen ein, mit einem neuen Stück, das vom noch unveröffentlichten Album stammt, und bald wird als erster Höhepunkt das ausgelassene „Moreno“ angestimmt, die neue Single, ein kammermusikalischer Samba mit neckischem Refrain, den das Auditorium gleich aufgreift.

Stichwort Publikum: Wie üblich fragt die Protagonistin die Nationalitäten ab und erntet viel Applaus von den katalanischen, spanischen, portugiesischen, südamerikanischen Communities. Es wird also ein Abend, während dem ihre Bühnensprache sich bei den lebhaften, fast geschwätzigen Zwischenansagen nicht im Französischen einpendelt. Das Olympia: eine iberische Insel mitten in der Stadt der Lichter.

Und der Stadt der Liebe: Eng am Ton von Édith Piaf stimmt Pérez Cruz „L’Hymne À L’Amour“ an, verbindet sie aber mit den Abgründen des Liebeslebens in Andeutungen an Leonard Cohens „Hallelujah“ und „Pequeno Vals Vienés“ und den surrealen Sprachbildern von Federico García Lorca, um jegliche Paris-Klischees hinwegzufegen. Genau wie sie in Zwiesprache mit Bori Albero „Sounds Of Silence“ in seine Bestandteile auflöst, in eine freie Spielwiese, die die Klänge des Schweigens mit Verzweiflungsausbrüchen konfrontiert.

Eng rückt nun das Quartett zusammen, und die Anfangsakkorde lassen erkennen, dass der „Cucurrucucú“-Moment gekommen ist: Sílvia Pérez Cruz hat dieses Lied von Tomás Mendez so oft interpretiert, dass es zu einer Art Signatur ihres Bühnenwesens geworden ist. Das Quartett spielt es an diesem Abend mit einer ungeahnten Diversität: mit vielen Tempowechseln, hinein in einen galoppierenden Ranchera-Rhythmus, etlichen überwältigenden Momenten des Innehaltens, der fantastischen Ausgestaltung der unsterblichen Liebessehnsucht. Das Olympia spendet minutenlang Standing Ovations, mitten in der Show. Es ist für die Anwesenden ein Moment fürs ganze Leben, man sieht, sie kann diese Begeisterung selbst kaum fassen.

Nach einem kurzem Runterkühlen zaubert sie weitere Freunde hervor: Geigerin Elena Rey und Bratschistin Anna Aldomà komplettieren die Band zum Streichquintett. Es ist die – wenn auch nicht ganz personengetreue – Besetzung des Albums „Vestida De Nit“, auf das es jetzt eine bewegende Rückschau gibt, etwa mit der von Pizzicato-Eleganz gespickten peruanischen Miniatur „Mechita“. Und schließlich das Titelstück selbst, geschrieben von ihren Eltern, vor denen sie sich hier verbeugt, mit einem besonders liebevollen Gruß an den Einfluss ihrer dichtenden Mutter. Und während sie diese Habanera singt, scheint sie fast wie eine Ikone im Strahlenkranz vom Ufer der Costa Brava hinaus zu segeln.

Doch der Abend hat noch eine Überraschung in petto: Bereichert wird das Streichquintett nun durch drei Waldhornisten (Ionuț Podgoreanu, Pau Armengol i Díaz, Pablo Emiliano Cadenas San Jose). Ein feiner Verweis auf die katalanische Tradition der Cobla-Kapellen vielleicht, in denen das Blech immer eine wichtige Rolle gespielt hat? Hier kommt nun auch verstärkt neues Songmaterial zum Zuge, etwa eine erdige Chacarera, die Montfort mit wuchtiger Trommel stützt, von der Chefin mit einem Power-Dirigat angeheizt.

„Capitana“ lässt erahnen, dass sich dieses Lied über die Führungskraft der Frauen, um die es an diesem 8. März, dem Weltfrauentag natürlich auch immer geht, zu einer ganz starken Hymne unter den vielen in ihrem Repertoire mausern könnte. Wunderschön und machtvoll textieren die Hörner hier das Geschehen. Mit ihnen hat sie nochmal eine dichte Zwiesprache in „Liquído“, das die lydische Skala als besonderes katalanisches Stilelement feiert. Und sie brillieren in einem wunderbaren Arrangement von Carlos Montfort für den zweiten französischen Moment an diesem Abend, „L’Amour Reprend Ses Droits“, das Salvador Sobrals Frau Jenna Thiam getextet hat.

Und schließlich eine betörende Version von Chicho Sánchez Ferlosios „Gallo Rojo, Gallo Negro“, 1963 mitten im Franco-Regime als Statement der Linken gegen den Faschismus geschrieben, der heute von Teheran bis Washington in verschiedensten Masken ungebremst zu wüten scheint. Sílvia Pérez Cruz interpretiert das Antifa-Lied mit den acht Musikern im roten Bühnennebel mit schmerzlicher Raserei. „Eine kleine Revolution in dieser hässlichen Welt“ könne die Musik sein, hatte sie früher am Abend gesagt, und dass wir uns um die uns nahestehenden Menschen kümmern und so die Welt verbessern. Nichts anderes bleibt uns – doch das kann viel sein.

Für die Zugaben rückt wieder der rote Vorhang des Olympia in den Fokus: Es gehört eine große Portion Mut dazu, Brels „Ne Me Quitte Pas“ hier zu interpretieren, wo der Urheber es mehrfach in erschütternden Auftritten gesungen hatte. Pérez Cruz ist der Respekt deutlich anzumerken, auch die Ehrfurcht vor der Wucht dieser Worte, die Bedürftigkeit bis zur äußersten Selbsterniedrigung widerspiegelt. Sie findet ihren eigenen überzeugenden Ton, unterstützt durch eine geisterhafte Hand, die ihr Augen und Mund liebeserblindend verdeckt. Sie braucht im stürmischen Applaus ein paar Momente, um sich zu erholen – bevor das sonst so intime „Mañana“ in grandiosem Arrangement als Schlusspunkt aufleuchten darf.

Ein Abend, der die größte Stimme der Iberischen Halbinsel mitten in Europa mit viel Herz und Seele aufblühen ließ.

© Stefan Franzen

Lorca, Bruckner und der Klang der Stille

Sílvia Pérez Cruz & Marco Mezquida / Sílvia Pérez Cruz & Quinteto de Cordas
Café de la Danse, Paris, 07.02. & 08.02.2019

„In der Musik ist es wie im Leben – manchmal geht es mit jemandem, manchmal nicht. Und hier…“ Sílvia Pérez Cruz beendet den Satz in ihrem charmant improvisierten Französisch im rappelvollen Pariser Café de la Danse nicht einmal. Sie zeigt nur auf ihren Bühnenpartner, Marco Mezquida. Das Publikum weiß da schon seit fast zwei Stunden, dass es ging.

Das Duo mit dem katalanischen Pianisten ist die neueste Bühnenkonstellation für Iberiens schönste Stimme. Und sie klappt deshalb so gut, weil Mezquida wie seine Partnerin über Genregrenzen nicht einmal nachdenkt, sich in alle erdenklichen Klangtableaus hineinversetzen kann. Rücken an Rücken beginnen die beiden mit dem Jazzstandard „My Funny Valentine“ am Pianino, ein Instrument, so warm und gedämpft, man könnte es sich in einem alten kubanischen Salon vorstellen. „Vestida De Nit“, die von ihren Eltern geschriebene Meereshymne erklingt am Flügel, doch Mezquida dämpft die Saiten, unterlegt den melismatischen Gesang von Pérez Cruz zackig-hölzern, was den stolzierenden Habanera-Rhythmus viel mehr herausmeißelt als bei allen anderen Versionen. In der hübschen Miniatur „Plumita“, das auf einem Kurzgedicht des uruguayischen Dichters Mauricio Rosencof basiert, spannt das Duo einen wunderbaren Bogen von fast zitternder Intimität der kleinen Feder bis zum monströsen Aufbäumen des Konzertflügels, in gewaltig tremolierenden Akkorden.

Immer wieder begeistert der Tastenmann mit seinen Umschwüngen von kleinzelliger, intimer Spielweise in den Habitus des romantischen Konzertpianisten mit voluminösem Gestus. Der Abend lebt nicht nur von dynamischen, auch von transatlantischen Sprüngen – und die ungewöhnliche Adaption des Liedgutes: Den Fado „Barco Negro“, der mit seiner Sklavenschiff-Thematik Afrika in sich birgt, lässt Mezquida ansatzweise zum Blues mutieren, das Regenwunschlied „Asa Branca“ aus Brasiliens trockenem Nordosten bekommt jazzige Improeinlagen. Zum lockeren Tänzchen am Klavier fordert „Siga El Baile“ heraus, Pérez Cruz verfeinert das polternde Stück aus der Tango-Sphäre mit verführerischer Eleganz. Das Schweigen und die Stimme sind Thema in Federico García Lorcas „El Niño Mudo“ – Verse, die einst von der chilenischen Politfolk-Gruppe Quilapayún vertont wurden, und hier nun im ergreifenden, dichten Duo, vierhändig begleitet, immer wieder im Nachhorchen und Verklingen der Worte verharren.

Schließlich wird auch der hispanische Kulturkreis durchbrochen. Das Schweigen und die Stimme, noch einmal: Ein wenig vergaloppiert hat sich Sílvia Pérez Cruz vielleicht in ihrer Lesart von „The Sound Of Silence“: Paul Simons enigmatische Verse zerpflückt sie in die Einzelteile, der schlichte folkige Flow wird dadurch gehemmt. Doch zum erstaunlichsten Brückenschlag wird das Finale, dem mit dem Wort Medley nicht beizukommen ist: Sitzend am Flügel interpretiert Pérez Cruz Anton Bruckners „Christus Factus Est“ mit kristallin-sakraler Ergriffenheit, fast wie ein Chorknabe, der sich dann wortlos in Ornette Colemans „Lonely Woman“ löst, Mezquida baut eine wahre Akkordkathedrale auf. Doch letztlich sinkt alles wieder in die melancholische Verlorenheit von „My Funny Valentine“ zurück. Zwei Zugaben zeigen nochmals das gewaltige Spektrum dieses Traumpaares, dem man ein langes Bühnenleben wünscht: Für Radioheads „No Surprises“ wird eigens ein Toy Piano auf die Bühne getragen, die Pophymne in pures Spielzeugland aufgelöst. Nur um einen letzten Kontrast heraufzubeschwören: mit Leonard Cohens Lorca-Adaption „Pequeño Vals Vienés“, das ins spanische Original zurückgeführt wird und in dem große Flamenco-Dramatik siedet.

Sílvia Pérez Cruz & Marco Mezquida
Quelle: youtube

Während das Duo weiterhin weltweit zu hören sein wird, gestaltet Sílvia Pérez Cruz in ihrer Kurzresidenz im Café de la Danse den zweiten Abend mit einem Auslaufmodell: Dabei hätte es das Streichquintett-Programm „Vestida de Nit“, hier schon mehrfach besprochen, verdient, immer weiter gegeben zu werden. Denn  der Vergleich zum Konzert in Girona vor 16 Monaten zeigt, wie viel an Intensität und neuen Variationen das Zusammenspiel von Sängerin und den Streichern um Cellist Joan Antoni Pich nochmals gewonnen hat. Alle sechs warten mit neuen Improvisationseinfällen auf, Sílvia Pérez Cruz pflegt mit jedem einzelnen Quintettmitglied befeuernde Dialoge.

Ihre „Lambada“ durchschreitet sie noch kantabler, „Ai, Ai, Ai“ wird fast zum Volksfest mit Publikumsgesang. Noch inniger und bittersüß-verschmitzt kommt das Mexikos Pathos nachempfundene „Mañana“ im Duo mit Carlos Montfort daher, „No Hay Tanto Pan“, diese Hymne für alle Verlierer der Immobilienkrise in Spanien, gipfelt in fast atemloser Verausgabung. Und die schönste Überraschung: Das Lied von der Taube, „Cucurrucucú“, es wurde seit Caetano Velosos meditativer Version aus dem Film „Hable Con Ella“ nicht mehr volkstümlich interpretiert – Sílvia und ihr Quintett schaffen eine tänzerische Rückführung aufs Mariachi-Parkett ohne jeglichen Kitsch.

© Stefan Franzen

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