Debussy im blauen Gras


Claude Debussy ist heute vor 100 Jahren gestorben.

Ich möchte ihn ohne Worte würdigen – mit einer Bluegrass-Interpretation seines „Passepied“ aus der „Suite Bergamasque“.
Das allein zeigt, wie universell seine Musik ist – und wie genial die Punch Brothers, die sich auf diesen Spagat eingelassen haben.

Punch Brothers: „Passepied“ (live)
Quelle: youtube

Ravel, der Remixer


Seit einem Jahrzehnt zählt das Trio Vein zu den bekanntesten Jazz-Acts in Basel, doch Pianist Michael Arbenz, sein Bruder Florian am Schlagzeug sowie Bassmann Thomas Lähns arbeiten parallel auch in der klassischen Musik. Aus diesem doppelten Erfahrungsschatz erwuchs jetzt ihre Platte Vein Plays Ravel. Vor dem Konzert in Basel, das die Offbeat-Saison eröffnet, habe ich mit Michael Arbenz über die Hommage an den Impressionisten gesprochen.

Michael, was kann Maurice Ravel 80 Jahre nach seinem Tod heute einem Jazzmusiker sagen?

Michael Arbenz: Es gibt viele Facetten, die aus heutiger Sicht interessant sind. Da wäre seine Arbeitsweise, oft Stücke aus anderen Musikstilen aufzugreifen, sei es aus der spanischen Musik, dem Barock, oder eben auch aus dem Jazz. Mit einem modernen Wort gesagt hat er schon so etwas wie Remixes gemacht. Das ist ein guter Aufhänger für eine Hommage. Ravel ist auch deshalb spannend, weil er genau auf der Schnittstelle von gegenständlicher Musik des 19. Jahrhunderts zur abstrakten Musik des 20. Jahrhunderts gewirkt hat. Das Wichtigste aber: Die Musik von Ravel ist einfach wunderschön, er ist ein Meister der Klangfarben, der Melodien, auch der Rhythmen, dessen Poesie uns schon lange immer sehr berührt und auch begleitet hat. Weiterlesen

Kondolenz an die Angst

benjamin-clementineBenjamin Clementine
Laiterie Strasbourg, 24/03/15

Die Molkerei ist fast zum Bersten voll – alle sind sie gekommen, um den neuen Orpheus zu sehen, diesen 27 Jahre jungen Nordlondoner ghanaischer Herkunft, der aus seiner Heimat aufbrach, um in Paris sein Glück zu machen.  Zu absonderlich war es in Edmonton gewesen, dass ein schwarzer Junge sich für die Klänge von Erik Satie, Giacomo Puccini und Claude Debussy begeisterte, im Klavierspiel seine Zuflucht suchte. Von der Métro hat sich Benjamin Clementine nun bis auf die Weltbühne gespielt – nicht nur mit dem Piano, auch mit einer Stimme, die in ihrem Timbre an Scott Walker und Antony Hegarty erinnert, in ihrer melancholischen Verzweiflung an Nick Drake.

Nur sein Flügel nimmt die Bühne ein. Der hochgewachsene Mann mit kantigem Afro und gehrockartigem Anzug über der nackten Brust sitzt auf seinem hochgeschraubten Hocker in der Vogelflugperspektive über den Tasten. Die Klassik hat er für sein Universum adaptiert, rollende Arpeggien hier, zarte Triller da, doch die Struktur der Songs, sie ist reiner Pop. Wären da nicht die Geschichten, die er erzählt, von London, das ihn obsessiv verfolgt, von der Steinbox, in der er an Einsamkeit fast verendet, vom triumphalen Sieg über die Angst, der er ein Kondolenzschreiben schickt. Denn diese Geschichten sprengen jedes Versmaß, ihnen muss sich der Verlauf des Stückes beugen, und manchmal berichtet der Dichter gleich mit Sprechstimme weiter, lässt den Song innehalten.

Diese Stimme, sie glimmt verletzlich im engelsgleichen Falsett, sie donnert soulig, manchmal trotzig in den tieferen Lagen. Sie ist einzigartig, und die Straßburger lauschen gebannt, brechen in frenetische Sympathie aus, wenn der letzte Akkord verklingt.  Macht Clementine Ansagen, flüstert er allerdings so krankhaft schüchtern, dass man ihn nicht versteht. Oder kokettiert er mit seiner Unnahbarkeit? Frei von Prätention ist das, was sich da auf der Bühne abspielt nicht: Sein Schweigen vor den Stücken, um den Genius herabzurufen, das Kreisen der Finger über der Taste, das Zelebrieren von schlichten Halbtonrückungen. Dass ihn bei manchen Stücken dann die Cellistin Barbara Le Liepvre begleitet, meist mit warmen Liegetönen, manchmal auch mit gerupften Staccati, macht das Klangbild zwar angenehmer, führt aber auch in die Nähe eines klischierten Schönklangs, der seinen Songs die Intensität nimmt. Als er Nick Drakes „River Man“ covert, seine einzige Adaption, funktioniert das nicht. Man fühlt, seine eigene Musik ist schon einen Schritt weiter, jeder Rückverweis auf seelenverwandte Weltverzweifler überflüssig.

Wenn Pop und Klassik sich treffen, kann das genauso abgründig wie gekünstelt enden. Benjamin Clementine könnte einen Brückenschlag etablieren, der mehr als ein flüchtiger Flirt bleibt. Meine größte Befürchtung: Dieser Mann ist von seiner geheimnisvollen Anmut geradezu prädestiniert dazu, dass er nicht nur von der Musik-  sondern auch der Modeindustrie in Beschlag genommen wird. Hoffentlich strahlt er uns demnächst nicht von einem Yves Saint Laurent-Werbeplakat entgegen.

©Stefan Franzen

Benjamin Clementine: „Cornerstone“ (live at Later…with Jools Holland)
Quelle: youtube