Von Griogair zu den Griottes

afro celt sound system - the sourceAfro Celt Sound System
The Source
(ECC Records)

Eine ganze Dekade haben sie stillgehalten, nur um jetzt, zum 20. Jubiläum eines ihrer besten Werke rauszuhauen. Alles schien möglich für die Afrokelten um den Produzenten Simon Emmerson und den seelenvollen Sean Nós-Sänger Iarla Ó Lionáird, als sie 1996 auf Gabriels Label RealWorld antraten, keine globale Klammer zu abwegig, keine Brücke von Rajasthan über den Senegal bis zur irischen Westküste zu absurd. Doch im Laufe der Jahre hat sich das Konzept des weltumspannenden Kelten-Dancefloor abgenutzt, ging zwischendurch auch mal auf zu technoide Abwege. The Source knüpft an die besten organischen Tugenden des Kollektivs wieder an, fährt den Soul der Uillean Pipes genauso auf wie die Chorgesänge des guineischen Frauenquintetts Les Griottes, lässt die Dhol Foundation den Erntebeat des Punjab schlagen und den schottischen Rapper Griogair brillieren – allein sein „Ghettocroft“, eine Art gälischer Öko-HipHop, macht die Platte schon hörenswert. Man sollte dringend mal wieder in die Highlands. Als Vorgeschmack zur VÖ am 29.4. hier schon mal die erste Single:

Afro Celt Sound System: „Cascade“
Quelle: youtube

 

Slowing Down St. Patrick

the gloaming - 2The Gloaming
2
(RealWorld/PIAS/Rough Trade)

Zum heutigen St- Patrick’s Day, der eher für feucht-fröhliche Kneipenlaune bekannt sein dürfte, ein Ruhepol im turbulenten Guinessschaum. Schon das Debütalbum der irisch-amerikanischen Formation um den Sean Nós-Sänger Iarla Ó Lionáird hatte es mir Ende 2013 angetan. Nun legen die Entschleuniger des irischen Folks neue Metamorphosen der Tradition vor. Die flirrend-kristallinen, obertonseligen Flüge der Geige und Hardangerfiedel, Iarla Ó Lionáirds ergreifender Keltensoul und die Kontrapunkte auf Gitarren und Klavier (von Sufjan Stevens-Mitstreiter Thomas Bartlett) ergeben eine entschleunigte Suite, die mal kontemplativ, mal hymnisch strahlt. Was einst im Pub die schönste Nebensache war, ist jetzt für die feinsten Konzertsäle der Welt zugeschnitten. Gekrönt wird das Werk wieder durch ein Cover der großartigen Fotokünstler Robert und Shana ParkeHarrison.

The Gloaming: „Fáinleog (The Wanderer)“
Quelle: youtube

 

 

Kataloniens schönste Stimme

silvia perez cruz

Sílvia Pérez Cruz
Domus
(Universal Spain)

Es gibt eine Handvoll Stimmen auf dem Planeten, die mich unmittelbar zu Tränen rühren – ihre gehört dazu. Sílvia Pérez Cruz ist hierzulande – wenn überhaupt – nur Jazzhörern bekannt, weil ein Album mit dem Bassisten Javier Colina in den deutschen Vertrieb kam. Doch die 33-jährige ist weitaus vielfältiger, singt katalanischen und südamerikanischen Folk, Flamenco, Pop, kann vor der Textur einer Bigband bestehen und im Duo mit einer Konzertgitarre fast unhörbar wie Espenlaub zittern. Die Hauskonzerte, die sie auf youtube gestellt hat, die Session mit ihrem Vater in einer Kneipe, aber vor allem ihre Jahrhundertversion von „Cucurrucucú Paloma“, haben mich völlig umgehauen: Da sitzt diese Frau in einer Scheune, ihre Gitarre, und auch das Banjo vom Begleiter Raül Fernández sind ein wenig verstimmt, sie findet kaum den Einstieg, stockt später im Text, verliert fast den Rhythmus, eine Fliege krabbelt ihr über die Hand. Doch dieses spontane Setting ist berührender, echter als jede Konzertsituation, und wenn der Ruf der Taube kommt, setzt der Takt aus, und da ist nur noch eine Innerlichkeit, die einem das Herz zerreißt. Und man denkt sich einen ganz schlichten Satz:  So muss Musik eigentlich sein.

Ihre in Katalonien und Spanien gerade erschienene neue CD basiert auf einem Soundtrack, den sie für den Schicksalsfilm Cerca De Tu Casa über die Eurokrise in Spanien geschrieben hat. Fürs Album hat sie das Rohmaterial zu melancholisch-folkigem Ohrenschmaus ausgebaut. Die Songs leben von der vokalen Empfindsamkeit mit filigranem Vibrato, und für ihren Gesang schafft sie von Stück zu Stück verschiedene Settings: Harfe, zarte Gitarrentöne, kreiselndes Piano, Streichquartett, auch mal ein paar rustikale Chöre oder ein akkordeongetriebener Lambada-Rhythmus. Domus gibt es nur über Import –  ein großes Versäumnis der deutschen Musikindustrie.

Sílvia Pérez Cruz: „Verde“
Quelle: youtube

Highlife auf der Harfenlaute

osei korankye - seperewa of ghanaOsei Korankye
Seperewa Of Ghana 
(Akwaaba Music/bandcamp)

Diese Musik ist für mich schlicht und ergreifend die schönste, die in Ghana gespielt wird. Verantwortlich dafür ist der elegant pluckernde Klang der Harfenlaute Seprewa, ein außerhalb des Landes stiefmütterlich behandeltes Instrument, das über verschlungene Wege auch mit der Kora verwandt ist. Dank Osei Korankye kommt sie wieder zu Ehren; er hat heute sein Album via bandcamp auf Akwaaba Music veröffentlicht. Von Osei gibt es auch ein paar youtube-Clips, die er just in jenem Innenhof der Musikabteilung der Legon University bei Accra gedreht hat, in dem ich 2010 die Highlife-Legende Ebo Taylor interviewt habe. Dekan am Musikdepartment ist der langjährige englische Ghana-Experte John Collins, der hier zusammen mit Osei Korankye fachkundig über die Seprewa spricht.

Osei Korankye: „Kesewa“
Quelle: youtube

 

Leiermann Reloaded

matthias loibner - lichtungen

Matthias Loibner
Lichtungen
(Traumton/Indigo)

Sie steht nicht gerade im Verdacht, ein sexy Instrument zu sein: Von alters her assoziiert man die Drehleier – siehe Schuberts „Winterreise“ – eher mit Armut und Monotonie. Kein Wunder, dass der schnurrende Kasten von modernen Leiermännern wie Valentin Clastrier elektronisch aufgepimpt wurde. Die wahre Herausforderung besteht aber darin, das Äußerste aus ihrer naturbelassenen Akustik herauszuholen, und das beherrscht der Steirer Matthias Loibner wie kein anderer. Auf seinem aktuellen Solowerk wirft der umtriebige Mann, der mit Jazz- und Balkanorchestern, Anarchofolkern und in der Klassik arbeitet, sämtliche Grenzmarken des klobigen Kastens über den Haufen. In „Glutsbrüder“ wird sein Instrument zum waidwunden, obertönig klagenden Biest, in „Folhas Cintilantes“ gruppieren sich barocke Leuchteffekte zu einer Mechanik, die wie ein Taubenschlag flattert. Der „Kitchen Rain“ tänzelt mit arabeskem Pizzicato über den Boden. „Haut“ und „L’Eau Dans La Mer“ klingen wie versonnene Meditationen eines Organisten in einer Dorkirche, „Wings“ wie die Reise eines mächtigen urzeitlichen Sagenvogels. Loibners Leier erzählt die Musik des ganzen Planeten – und auch des Himmels. Man kann ab sofort von „Hurdy Gurdy-Soul“ sprechen.

Matthias Loibner live
Quelle: youtube

Der Sahelrocker und die Elfe

toure easterlin - touristesVieux Farka Touré & Julia Easterlin
Touristes
(Six Degrees/Exil)

Der rührige Sohn von Ali Farka Touré hat in den Jahren nach dem Tod seines Vaters einen gewaltigen Karrieresprung gemacht, der nun acht Alben umfasst. Sein neues Teamwork ist eine Paarung, wie man sie sich kaum ausdenken kann: Der Saitengott vom Rand der Wüste trifft auf die experimentellen Vokalmäander von Julia Easterlin aus New York, die Philip Glass und Björk als Idole zitiert. Von dieser Polarität zwischen ruppigen Bluesskalen und elfenhaften Gesangslinien lebt Touristes: Dylans „Masters Of War“ funktionieren die beiden um zu einer Klage auf das gebeutelte Mali und die Weltpolizei Amerika, „Took My Brother Down“ ist ein bewegender Nachruf auf den in Ferguson erschossenen Michael Brown. Hinter „I’m Not Done“ ist unschwer Nirvanas „Where Did You Sleep Last Night“ zu erkennen, das ursprünglich mal ein Appalachen-Traditional war. Und in „Little Things“ legt ein grandioser Sahelgroove mit der Spießlaute Ngoni das Fundament für die sanften Irrlichter Easterlins. Was hier förmlich nach einem akustischen Pophit reicht, geht auf das Traditional „Kaira“ zurück, das schon Vieuxs Vater Ali aufgenommen hat. Diese Scheibe klingt wie eine lustvolle Zeugung aus Erde und Luft.

Hier stellen Vieux und Julia in einer Unplugged-Version die Single „Little Things“ vor – und geben dem Musikjournalisten-Nachwuchs eine Chance.

Vieux Farka Toure & Julia Easterlin: „Little Things“
Quelle: youtube

 

 

Meisterin der Entschleunigung

alejandra ribera - la bocaAlejandra Ribera
La Boca
(Jazz Village/Harmonia Mundi)

Heute möchte ich an dieser Stelle eine Stimme vorstellen, die mich seit Tagen in ihren Bann schlägt. Das Album erscheint erst in ca. 6 Wochen, doch zur Einstimmung sei schonmal neugierig gemacht.

Heimatland Kanada, binationale Herkunft, eine Stimme von empfindsamer, ein bisschen verlebter, rauchiger Tiefe – klar, dass mancher bei diesen Referenzpunkten an eine neue Lhasa de Sela denkt. Doch die argentinisch-schottische Sängerin hat viele geistige Ziehmütter. Und sie kann auch mit ihrer Stimme mehr anstellen, auf ihren gewagten melodischen Gratwanderungen schraubt sie sich schon mal in unverschämte Sopranhöhen. Sie hat einen Hang zur fast aufreizenden Entschleunigung, wie im Wehmuts-Choral “St. Augustine” oder ihrem Cover von “500 Miles”. Produzent Jean Massicotte hat diesem dreisprachigen Songzyklus kräftige Reliefs verliehen, die nie dem Arrangementkonsens gewöhnlicher Popsongs entsprechen wollen. So ist “No Me Sigas” eine verschrobene Fluchtballade mit knöcherner Percussion, und die Gitarre scheint aus einem mexikanischen Schwarz-Weiß-Film hineinzustolpern. “Cien Lunas” schwelgt in nächtlicher Pedal-Steel-Romantik. Ganz grandios das verlebte “Bad Again”, Riberas Lesart eines New Orleans-Soul à la Irma Thomas mit Triolenpiano. “Un Cygne, La Nuit”, ein Duett mit Arthur H, spielt mit Satie-hafter Verlorenheit. Und die glasigen Anfangsakkorde der hymnischen Singleauskopplung “I Want” bekommt man einfach nicht mehr aus dem Kopf. Mehr kann man sich von einem Newcomeralbum nicht wünschen. (VÖ: 27.11.!)

Alejandra Ribera: „La Boca“
Quelle: youtube

 

Armenisches Doppel

hamaysan - eskenian

ECM liefern uns dieser Tage gleich zwei Produktionen mit neuen armenischen Klängen. Mit Hintergründen und Interviews zu diesen beiden außergewöhnlichen Projekten feiert greenbeltofsound.de seinen ersten 1. Geburtstag. An dieser Stelle auch ein dickes Danke an alle, die mir konstruktive Rückmeldung gegeben haben im Verlauf der letzten 12 Monate.

Vor kurzem war das kleine Land am Rande Europas in aller Munde – dem schrecklichen Umstand zuschulden, dass sich 2015 ein Völkermord zum hundertsten Male jährte. Die Klangkultur Armeniens erfährt dagegen kaum mediale Aufmerksamkeit, obwohl sie die älteste des Kontinents ist. Der Verlag ECM bildet seit Keith Jarretts Einspielung sakraler Hymnen von 1980 da eher die Ausnahme. In diesem Herbst widmet man sich zweifach der armenischen Vergangenheit, als Führer fungieren Jazzpianist Tigran Hamasyan und Musikforscher Levon Eskenian. Weiterlesen

Nach dem Gospel Sinnenfreude

lizz wright - freedom & surrenderLizz Wright
Freedom & Surrender
(Concord/Universal)

Auf ihrem letzten Werk „Fellowship“ war sie tief in den Gospel hinabgetaucht. Nun ist die 35-jährige aus Hahira, Georgia mehr der irdischen Liebe zugetan, der sie diesen neuen Songzyklus mit all ihren Facetten gewidmet hat. Produzent Larry Klein (Joni Mitchell, Tracy Chapman, Melody Gardot) lässt ihren fantastischen Alt in dem genauso sinnenfreudigen wie entspannten Album zur Geltung kommen. Funky der Einstieg mit „Freedom“, bluesrockend mit Twang-Gitarre und blubbernder Orgel „The New Game“. In „Lean In“ residiert eine erotische Spannung zu pumpendem Bass, die Wright mit belegt-schmachtender Stimme als „Katz- und Maus-Spiel“ auskostet. Nick Drakes „River Man“ gestaltet sie mit träumerischem Wandeln zwischen Dur und Moll, Till Brönner mogelt sich mit ein paar Trompetentrillern rein. Der Überflieger ist jedoch das sehr räumliche „Somewhere Down The Mystic“, in dem eine sphärische Folkpop-Dramaturgie hingezaubert wird. Im Finale wird mittels der glühenden Chorsätzen von „Blessed The Brave“ und „Surrender“ schon fast wieder sakrale Qualität erreicht: So schließt sich der Kreis vom Irdischen zum Himmlischen.

Lizz Wright: Freedom & Surrender – behind the scenes
Quelle: youtube

Pastoraler Soulfolk

eska - eskaEska
Eska
(Naim/Indigo)

Nach dem dritten Hören bin ich mir sicher: Eine heiße Anwärterin auf die Scheibe des Jahres. Die Schnittstelle zwischen Retrosoul und Folk ist derzeit im UK schon durch Michael Kiwanuka besetzt, doch die Newcomerin mit simbabwischer Abstammung zeigt sich an ebenjener Naht weitaus ausgefuchster: Eska eint unter der Pultregie von Matthew Herbert verschiedene Welten, in denen sanfte Gitarren und Glockenspiel genau so Raum haben wie ein ausgewachsener symphonischer Apparat und eine poppige Rhythmussektion zu einer zeitlosen Soul-Pastorale, die auch ein paar psychedelische Anteile hat. Mit einem triumphal-ätherischen Timbre, das an die sehr frühe Joni Mitchell erinnert, führt sie durchs versponnene „To Be Remembered“, „Boundaries“ bäumt sich großorchestral auf, einen filigranen Roots Reggae zaubert sie in „Heroes & Villains“. Clevere Stimmenschichtungen bauen die fantastische Marschhymne „Gatekeeper“ auf, „She’s In The Flowers“ könnte mit luftigem Dulcimer und dräuendem Bass-Ostinato eine verlorene Nokturne des britischen Folkrevivals sein. Und im unangezweifelten Hit dieses grandiosen Debüts, „Shades Of Blue“ finden Sitarrock der Sechziger und R&B der Neuzeit zusammen. Release in Deutschland am 7.10.

Eska: „She‘ s In The FLowers“ (Barn Sessions)
Quelle: youtube