Von der Karibik nach Asien I

sosa keita - transparent waterOmar Sosa / Seckou Keita
Transparent Water
(World Village/Harmonia Mundi)

Eine sehr ungewöhnliche Begegnung realisieren der kubanische Weltstar und der senegalesische Weltbürger, die weit übers Afro-Kubanische hinausweist. Denn eine bloße Duoplatte ist das nicht: Zum delikaten Pianospiel Sosas, zu den Kora-Geflechten sowie dem seelenvollen Tenor Keitas treten die chinesische Mundorgel Sheng und Kürbisoboe Bawu, japanische und koreanische Griffbrettzithern (teils von der Jazz-erprobten Mieko Miyazaki gespielt), und das Tempelinstrument Nagadi aus Kaschmir. Selbst in den groovenden Passagen ist diese Platte, die unter Pultregie von Steve Argüelles entstand, von leuchtend-meditativem Charakter, in den ruhigen Stücken ist sie pure Meditation. „In The Forest” wirkt wie ein ruhiger Gesang während eines Spaziergangs, der “Black Dream” öffnet durch die glasigen Schwelltöne der Sheng im Dialog mit Keitas Gesang weite Räume der Imagination. Eine vollends in der Schwebe befindliche Stimmung erzeugt “Another Prayer”, in der sich die fernöstlichen Instrumente zu jazzigen Harmoniewechseln mit ganz sachte eingesetzer Elektronik paaren, bevor ein schmatzender Galopp einsetzt. Bei alledem gerät die intensive Zwiesprache der beiden Hautpakteure nicht aus dem Blickwinkel: In “Peace Keeping” etwa kreieren sie komplexe Zwitterfärbungen zwischen Blues und Latin. Eine faszinierende imaginäre Folklore dreier Kontinente.

Omar Sosa & Seckou Keita: „Tama-Tama“
Quelle: youtube

Kurdische Auferstehung

nishtiman project - kobaneNishtiman Project
Kobane
(Accords Croisés/Harmonia Mundi)

Es könnte das wichtigste Projekt der kurdischen Musikhistorie werden, denn hier werden die erzwungenen Grenzziehungen der Türkei, des Irak und Iran überwunden, indem gemeinsames Klangerbe neu auskundschaftet wird. Doch was musikalisch auf Kobane passiert, ist völlig unabhängig von dieser Relevanz noch weitaus bewegender. Ohne Zweifel wurde die Musik Kurdistans mit all ihren Facetten noch nie in einer so fantastischen, zeitgenössischen Dramaturgie präsentiert. Die Stücke, die teils in die Ära des Mitras- und Zoroaster-Kults zurückweisen, gestaltet das Sextett um den künstlerischen Leiter und Perkussionisten Hussein Zahawy in Suiten mit Schalmei, Spießgeige, Langhalslaute, Santur und mächtigen Unisono-Chören, mitreißend und galoppierend oder von tiefer Wehmut gezeichnet. Im Fokus die nie artifizielle, immer sehr volksnahe Stimme von Donya Kamali, die von der zerstörten Stadt Kobane berichtet, von metaphernreichem Liebespreis und der lebensspendenden Kraft der Sonne.

Nishtiman Project live
Quelle: youtube

 

Die Jasminheldin in NY

emel mathlouthi 3

Dass nun ein Sexist und Rassist an der Spitze der USA steht, könnte einen verzweifelt und hilflos machen, nicht mehr an demokratische Institutionen glauben lassen. Dass gleichzeitig in den Staaten aber kritische Medien einen verstärkten Zuspruch erfahren, nährt einen Funken Hoffnung, dass türkische oder russische Verhältnisse dort noch abzuwenden sind. Wir Journalisten dürfen vor Größenwahn und Dummheit kein Haar breit zurückweichen – dazu gehört auch, dass wir immer wieder über Künstlerinnen und Künstler berichten, die mit Herz, Mut und Verstand für all das stehen, was das neue Individuum im Weißen Haus bekämpfen möchte.

Emel Mathlouthi ist eine solche Künstlerin.
Vor genau sechs Jahren stand sie auf der Avenue Bourguiba in Tunis und half mit ihrem Gesang, den Diktator Ben Ali zu stürzen. Ihr Song „Kelmti Horra“ wurde zur Hymne der jungen Generation. Im Film „No Land’s Song“ war sie Teil der Band, die unter Leitung der Iranerin Sarah Najafi dafür kämpfte, im Gottesstaat eine Konzerterlaubnis auf öffentlicher Bühne für Frauen durchzusetzen. Heute lebt die musikalische Heldin der Jasminrevolution in New York. Das Vokabular des neuen Präsidenten erinnere sie an das der ehemaligen tunesischen Führung, sagte sie in einem neuen Gespräch mit pitchfork.

Auf ihrem zweiten Album Ensen pflegt Mathlouthi einen Electro-Sound, der eher kosmopolitisch denn arabisch ist. Das Werk wurde unter anderem vom Sigur Rós-Produzenten Valgeir Sigurðsson betreut. Ihre Stimme faltet Mathlouthi von zerbrechlichem Sopran bis zu suggestivem Dräuen in hymnischen Chören auf. Rhythmische Impulse kommen zwar auch mal von traditionellen Lauten-Riffs oder rauchiger Flöte, vielmehr aber von scharfkantiger, martialischer Perkussion, und Keyboards von kühlem bis verzerrtem Zuschnitt füllen die Textur. In „Ensen Dhaif“ singt sie vom Kampf gegen die Hoffnungs- und Hilflosigkeit, die einen wie ein Tier anfallen kann, „Princess Melancholy“ könnte tatsächlich aus dem frühen Björk-Katalog stammen. Ensen wird in Deutschland am 24.2. veröffentlicht, unten ein Vorgeschmack daraus.
Hier ist nochmals mein Interview mit ihr aus dem Jahr 2015 nachzulesen.

Emel Mathlouthi: „Ensen Dhaif“
Quelle: YouTube

Jobim zum Neunzigsten

carminho jobim

Carminho
Canta Jobim
(Warner)

Heute wäre Antônio Carlos Jobim, Erfinder der Bossa Nova, 90 Jahre alt geworden. Portugals jüngster Fado-Superstar wagt zum Jubiläum den Sprung über den Atlantik nach Rio. Ein Spagat zwischen tropischer Coolness und lusitanischem Pathos: In den impressionistisch geprägten Balladen wie „Sabiá” oder „Modinha” gestaltet die expressive Stimme aus Lissabon die Melancholie grandios aus. In „Luiza“ schafft sie es, die Wagnerianische Schwüle herauszuarbeiten. Ein gestalterischer Höhepunkt ist „Estrada Do Sol“: Im Duett mit Marisa Monte umwinden, flattern und schweben die beiden Stimmen tatsächlich diese Sonnenstraße entlang. In „A Felicidade” oder „Meditação“ wird deutlich, dass die pathetische Phrasierung des Fado in der brasilianischen Sphäre auch bemüht klingen kann, und der gealterte Samba-Poet Chico Buarque kann in „Falando De Amor“ nur bedingt neben der jungen Kollegin glänzen. Die Instrumentalabteilung mit Jacques Morelenbaum und den Jobim-Nachkommen (Sohn Paulo an der Gitarre und Enkel Daniel am Piano) ist allerdings über jeden Zweifel erhaben: Unter diesem Aspekt werden Erinnerung an das Jahrhunderttribut „Casa“ wach, das Jacques und Paula Morelenbaum vor 15 Jahren mit dem Japaner Ryuichi Sakamoto eingespielt haben.

Carminho & Marisa Monte: „Estrado Do Sol“
Quelle: youtube

Die Melancholie der Entwurzelung

grèn sémé

Das Jahr ist noch jung, doch hier kommt schon ein heißer Kandidat für meinen Song 2017. Geschrieben hat ihn der kreolische Poet Carlo de Secco von der Île de la Réunion für seine Band Grèn Sémé. Das Quintett spielt einen „Maloya Évolutif“: Die typischen Dreierrhythmen des Nationalgenres Maloya von der Insel im Indischen Ozean koppeln sie mit Rock, Chanson und HipHop.

In „Hors Sol“ singen sie – begleitet durch ein eindrückliches Video – von der Entfremdung des Menschen von der Natur und dem Leben selbst. Von den Auswüchsen einer modernen Landwirtschaft, vom Einebnen der Gärten zu Rasen, von Bäumen die nur als schmückender Saum von Straßen funktionieren, vom  Zwang der ständigen Hygiene. De Secco findet so auch  Metaphern für die Entwurzelung von Menschen in der großen Flüchtlingstragik unserer Tage, Ein unglaublich starker Song, der Jahrhunderte alte Rhythmen als Basis ganz aktueller Verse nutzt.

Grèn Sémé: „Hors Sol“
Quelle: YouTube

Seemannsgarn aus Trois-Rivières

bears-of-legend-ghostwritten-chronicles

Bears Of Legend
Ghostwritten Chronicles
(Absilone/Galileo)

Es ist Zeit, die CD des Jahres 2016 zu enthüllen. Im Todesjahr von Leonard Cohen war Kanada etwas mehr als sonst im Fokus der musikalischen Berichterstattung – und auch die Bears Of Legend, die aus Trois-Rivières zwischen Montréal und Québec City stammen, pflegen auf ihrem zweiten Werk Ghostwritten Chronicles großartige Liedkunst, allerdings an der Schnittstelle zum Folkpop und mit komplett anderer vokaler Färbung.

Der Songzyklus des Septetts ist von maritimen Themen getränkt: Das Ertrinken wird zur Metapher für Herzeleid, ein Strudel steht für die hilflose Verstrickung in Gefühlen, das Leben ist der endlose Ozean mit der Liebe als schaukelndem Boot darauf. Sänger David Lavergne trägt seine Verse mit waidwunder Stimme vor, ihn umweben ein melancholisches Akkordeon, munteres Banjo und Ukulele, ein warmes Cello, ausgeklügelte, fast klassische Piano-Linien und ab und an kräftige Rockdrums.

Die Stimmung schwankt zwischen großen Hymnen inklusive Chor wie “When I Saved You From The Sea” bis zu kompakten Popsongs (“Be Mine, All Mine”) oder auf Französisch gesungenen Sehnsuchtsballaden wie “Encore”. So gelingt es den “Bären” tatsächlich, einen großen Bogen vom Pop-Appeal à la Coldplay zur kleinen Folkkneipe um die Ecke zu spannen. Als Logbuch ist das Booklet mit seinen Bleistiftzeichnungen, Tusche-Lyrics und bunten Karten angelegt. Ein Gesamtkunstwerk, das endlich einmal wieder an die Kraft großer Melodien glauben lässt.

Bears Of Legend: „When I Saved You From the Sea“
Quelle: youtube

Edelstein aus Krems

federspiel-smaragd

Federspiel
Smaragd
(col legno/Harmonia Mundi)

Die Wachau ist als Weingegend auch über die Grenzen Austrias hinaus bekannt, aber die Qualitätsstufen der dortigen Tropfen dürften nur Önologen ein Begriff sein. „Federspiel“ etwa heißt ein trockener Wein von ordentlicher Kabinett-Güte, Smaragd (benannt nach der Smaragdeidechse, die in den Rebmauern umherflitzt) ein edler, kraftvoller Wein, der auch international konkurrenzfähig ist. So wie das Septett aus Krems an der Donau, die in der Neuen Volksmusik ihrer Heimat momentan federführend sein dürften. Passenderweise auf dem Wiener Label col legno, die in ihrem breiten, bis in zeitgenössische Klassik reichenden Katalog immer wieder außergewöhnliche Alpinklänge fördern, erscheint ihr neues Werk. Die Musiker mit sechsmal Blech (Trompeten, Flügelhorn, Posaunen, Tuba), Klarinette und Zither bauen eine abenteuerliche Brücke von Melancholischem bis Fetzigem und teils chromatisch Aufgebrochenem aus der Heimat zur ungeraden Balkanmetrik und zum Gershwin-betupften Jazz. Als Prunkstücke zwischen all den Hörnern siedeln innig gejodelte Apfelbauern- und Klarinett-Dudler.

Federspiel: „Avsked“
Quelle: youtube

Klangtheater ohne Bilder

kate-bush-before-the-dawn

The KT Fellowship (Kate Bush)
Before The Dawn (3CD / 4LP)
(Fish People)

Wer vor zwei Jahren eines ihrer Konzerte im Londoner Eventim Apollo mitverfolgen konnte, spricht noch heute zurecht von einem Jahrhundertereignis. 35 Jahre nach ihrer bislang einzigen Tour ging Kate Bush wieder auf die Bretter, um ein Spektakel zu präsentieren, das zwischen Shakespeare-Theater, Schauermär und Rock-Konzert begeisterte. Da einige der bildgewaltigen Shows mitgefilmt wurden, rechnete man mit einer DVD, doch die Britin dokumentiert ihre Bühnen-Serie jetzt überraschenderweise mit einer Tripel-CD (Spieldauer 155 Minuten).

In der eröffnenden Rocksektion ohne szenische Elemente funktioniert das auch grandios: „Lily“ hat erdig-soulige Züge mit strahlender Orgel, die Hits „Hounds Of Love“ und „Running Up That Hill“ kommen als machtvolle Hymnen daher, mit aufheulender Gitarre (David Rhodes) und wuchtig galoppierender Rhythmussektion (Omar Hakim & Mino Cinelu). In „Never Be Mine“ (der Track wurde nur in den Proben gespielt) kommt die Vielfältigkeit des feinen Bühnenchors zur Geltung, die das Trio Bulgarka aus dem Original würdig vertreten. Sukzessive steigert sich die eruptive Elvis-Hommage „King Of The Mountain“ in ein zuckendes Soundgewitter. Bushs manchmal mit etwas mit zu viel Echo- und Hall-Effekten aufgeladene Stimme ist treffsicher, hat sogar die Angriffslust einer Rocklady, und trotzdem scheint noch das leuchtend-warme Timbre früherer Tage durch.

Akt 2 und 3 sind eher ein Genuss für Insider: Die als Klangtheater präsentierten Stücke sind jetzt Hörspiele, deren Dramaturgie nur von eingefleischten Kate Bush-Fans dechiffriert werden kann, wo Bilder nicht unterstützen. The Ninth Wave“, diese gruselige Nocturne über eine Ertrinkende, wurde an einigen Stellen gezielt mit Erzählpassagen und musikalischen Abwandlungen erweitert. Der Disput mit dem Unterwassermonster („Waking The Witch“) wird zum peitschenden Rock-Tribunal, und „Hello Earth“ mutiert von der Orchesterballade zur Bandhymne, bevor „The Morning Fog“ als folkig-zärtlicher Rundgesang aus dem Albtraum erlöst.

„A Sky Of Honey“, der 3. Akt, muss als bloßes Tondokument zwangsläufig verblassen. Inszeniert in einem pastoralen Rausch aus Pastelltönen, der auf der Bühne einen ganzen Tag in der englischen Countryside abbildete, sind hier rein akustisch die Längen in der ersten Hälfte nicht mehr zu überspielen. Doch dann nimmt das Geschehen aus unerwarteter Ecke Fahrt auf: Bush Sohn Albert singt seine hingebungsvolle Anrufung an den „Tawny Moon“. Den Übergang von der „Nokturn“ in den finalen Sonnenaufgang von „Aerial“ kann man dann auch ohne Bühnenbild als großartige Steigerung mit gleißendem Orgelpunkt erleben.

Versöhnt mit allen Unzulänglichkeiten wird man von einer durch und durch packenden Zugabe in Form eines zackigen „Cloudbusting“, und wenn das ganze Auditorium das „Yee-ii-yoo“ mitsingt, laufen auch zwei Jahre nach der Show noch Gänsehaut über den Rücken. Fazit: So schön dieses Audio-Protokoll der Shows für Kenner und alle, die in London dabei sein konnten, so unentbehrlich wäre eine DVD. Pläne für eine Veröffentlichung hat Bush im Mojo Magazine jedoch gerade verneint.  Fair wäre außerdem gewesen, die Aufnahmedaten anzugeben. So erwecken die drei CDs den Eindruck eines Zusammenschnitts aus den jeweils besten Passagen – bei der Perfektionistin Kate Bush wäre das nicht auszuschließen.

© Stefan Franzen

Kate Bush: „And Dream of Sheep“ (live)
Quelle: youtube

Die Eröffnungssequenz aus The Ninth Wave – in der Show über Videoleinwand eingespielt – wurde in einem Wassertank gefilmt: Kate Bush wollte durch dieses Setting in die Haut der ertrinkenden Protagonistin schlüpfen. Mikrophone wurden an ihrer Schwimmweste und über dem Wasser platziert. „And Dream Of Sheep“ wurde so zu einer verstörenden musique concrète, die einem Schauer über den Rücken jagt: Der Atem der Unterkühlten und ihre Verzweiflung kommen in den Vocals absolut glaubhaft zum Ausdruck.

Türkischer Untergrund-Honig

gaye-su-akyol-hologram-imparatorlugu

Gaye Su Aykol
Hologram Imparatorlugu
(Glitterbeat/Indigo)

Ende 2004 stand ich in Istanbul auf dem Galata-Turm und ließ mir den frischen Wind des neuen künstlerischen Aufbruchs und der jugendlichen Freiheit um die Nase wehen. Dass zwölf Jahre später diese Freiheit in Scherben liegt, hätte sich damals niemand ausgerechnet. Und wie steht es um die Musik? Zumindest diese CD lässt einen im Glauben, dass der Underground am Goldenen Horn quicklebendig ist. Am Werk ist eine der Veteranninen der Szene, die in unseren Breiten bislang von prominenten Namen wie Sezen Aksu überschattet wurde. Schon die ersten Takte des Openers “Hologram” überwältigen mit einem Streichorchester aus einem wildgewordenen Bienenschwarm, dazu knattert eine heftige Surfgitarre. Und der dramatische Auftakt setzt die Vorzeichen für alles Weitere: Wehmütige Trompeten in “Akil Olmayınca” oder Tremolo-Ästhetik à la Dick Dale in “Fantastiktir Bahtı Yarimin” versetzen den Bosporus unmittelbar vor die Tore Tucsons. Paukenintro, flirrende Geigen, ein trauriger Analog-Synthesizer und flatternde Oud zimmern das grandiose “”Kendimden Kamaktan”, schaurige Männerchöre und ein hyperventilierender Bass machen “Eski Tüfek” zum Soundtrack für einen orientalischen Film Noir. Und selbstredend ist es immer wieder Akyol mit ihrer Stimme, die wie ein schweres Duftwasser in ihren Bann zieht, mit erdschwerer Laszivität und federleichter Ornamentik zugleich. Ein Album wie eine urbane Fata Morgana.

Gaye Su Akyol: Kemdinden Kaçmaktan (live)
Quelle: youtube

Zeitlose Anmut

josienne-clarke-ben-walker-overnight

Josienne Clarke & Ben Walker
Overnight
(Rough Trade/Beggars Group)

Meistens passiert es ganz früh oder ganz spät, dass das Album des Jahres sich offenbart: Hier ist ein großer Kandidat dafür. Entstanden sind diese elf Perlen von zeitloser Anmut in der walisischen Parklandschaft, in den Rockland Studios – dort, wo einst Queen, Oasis und Julian Lennon aufgenommen haben. Josienne und Ben sind mit dem BBC Radio 2 Folk Award dekoriert, schaffen auf ihrem dritten Werk aber einen gewaltigen Sprung aus dem herkömmlichen Folkbezirk heraus.

Von Eigenkompositionen bauen sie eine Brücke zu John Dowland und dem seltenen Spätromantiker Ivor Gurney, und dann weiter zu Jackson C. Frank und Gillian Welch – und es ist kein wackeliges Gebilde, das da entsteht, sondern ein homogene Dramaturgie. Josiennes Stimme kombiniert helle Zartheit mit bitteren, waidwunden Tönen, ihr Saitenpartner gehört eher in die Kategorie ausgefeilter Texturgeber denn in die der Folkbarden, die die Gitarre nur als Begleitinstrument nutzen.

Fleisch und Blut bekommt diese Scheibe durch die grandiosen Arrangements: Da weben mal dunkle Blockflöten einen schweren Vorhang der Melancholie, Bassklarinette, Euphonium und Horn sorgen für eine nicht alltägliche Bläserfarbe, ein Streichquartett legt satte Liegetöne unter das Gitarrenflageolett. So entsteht ganz mühelos ein Mosaik, das die Ästhetik der Renaissance mit der Folkrock-Philosophie à la Nick Drake und Sanny Denny verknüpft. Und in der Singleauskopplung „The Waning Crescent“ geht es mal kurz in den britischen Easy Listening-Pop der 1960er hinein.

Die Kollegen von Big Comfy Sessions haben die beiden zum Interview auf die Couch gebeten, anschließend spielen sie – ganz stripped down – einen der schönsten Songs vom Album (startend bei 6’14“):

Josienne Clarke & Ben Walker: „Sweet The Sorrow“
Quelle: youtube