„Ich bin ein ballad guy“

Wenn nach wochenlanger Konzertdürre urplötzlich an allen Orten Deutschlands gleichzeitig hörenswerte Shows über die Bühne gehen, von denen man dann zwangsläufig die Hälfte verpassen muss, kann das nur eines heißen: Der Juli steht vor der Tür. Das Stimmen-Festival Lörrach hat sich unter seinem neuen künstlerischen Leiter Markus Muffler erkennbar von der Musik aus aller Welt abgewandt. Trotzdem präsentiert man im Dreiländereck einige Programmpunkte, die sich wohltuend vom üblichen Festivalbetrieb abheben.

Dazu gehört in allererster Linie der Auftakt am 2.7. mit Ivan Lins, einem der größten Songwriter der Welt (sorry, schon wieder so ein Superlativ, aber ich bin mit dieser Meinung nicht allein). Der Lokalkolorit-Clou: Lins hat auf seiner CD „Cornucopia“ mit dem brasilophilen Freiburger Musikprofessor Ralf Schmid und der SWR Big Band kollaboriert. Was es damit auf sich hat, im nachfolgenden Interview, das ich mit Lins geführt habe, als der völlig überraschend 2011 in Freiburg eintrudelte.

Und an dieser Stelle noch etwas verspätet:
Bom aniversário, Ivan!
Der Mann ist vorgestern unfassbare 70 geworden.
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TFF-Vorfreude #1

noura mint seymaliDas TFF Rudolstadt ist eines der ganz wenigen Festivals, die noch konsequent die globale Musikvielfalt präsentieren, nachdem viele andere Veranstalter in unseren Breiten und Längen immer mehr auf die anglo-amerikanische Konsensschiene einschwenken (oder schon immer auf ihr gefahren sind). Die so oft beschworene Interkulturalität Deutschlands, auf den Bühnen muss man sie mit der Lupe suchen. Umso mehr freue ich mich, dass es in knapp zwei Wochen an der Saale wieder losgeht, auch wenn ich 7 Stunden Anfahrt habe. Nur im thüringischen Städtchen lassen sich zum Beispiel Künstler wie die Mauretanierin Noura Mint Seymali erleben, mit der das Label Glitterbeat seine Vorliebe für Sounds aus dem Trockengürtel Westafrika untermauert. Seymali ist die Stieftochter der großen Dame der mauretanischen Musik, Dimi Mint Abba. Auf ihrem Album „Tzenni“ werden die traditionelle Stegharfe Ardine und Spießlaute Tidinit in ein kompaktes Rocksetting gefügt, das dank der E-Gitarre vom Gatten Jeiche Ould Chighaly auch mal psychedelisch werden kann – und überraschenderweise entfaltet die melismatisch verschlungene Vokalarbeit der Frontfrau dadurch noch mehr ungezähmte Flugkraft. Allein für dieses Konzert lohnt sich die Fahrt.

Noura Mint Seymali: „Tzenni“
Quelle: youtube

 

Der Duft der Nacht

debashish bhattacharya - from dusk till dawnDebashish Bhattacharya
Slide Guitar Ragas – From Dusk Till Dawn
(Riverboat Records/Harmonia Mundi)

Kleiner Nachtrag zum Festival Musiques Sacrées in Fès letzte Woche, wo dieser Mann ein beseeltes Duokonzert mit dem Malier Ballaké Cissoko gegeben hat: „Chaturangui“ könnte das schönste Wort im indischen Kulturraum sein. Diese vier Silben klingen nicht nur reizend, sie sind auch der Name für eine der vielen Eigenkreationen des Slidegitarristen und Instrumentenerfinders Debashish Bhattacharya. Mit der 24-saitigen Neuschöpfung, aber auch mit der indischen Ukulele Anandi hat der Meister aus Kalkutta seine Ausdrucksmöglichkeiten um ein Vielfaches erweitert. Nach etlichen cross-kulturellen Experimenten, etwa mit Bob Brozman oder John McLaughlin, konzentriert er sich hier solo auf die breite Ausgestaltung von Improvisationen, die einen von der Abenddämmerung durch die tiefe Nacht bis zum Sonnenaufgang führen. Eine virtuose, große Nachtmusik.

Debashish Bhattacharya & Subharsis Bhattacharjee live at Vilnius
Quelle: youtube

Arabesque #18

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAbschied von Fès, der gigantischen Mausefalle – Abschied von Marokko.

Erlebnis- und lehrreiche 18 Tage gehen zu Ende – mit etlichen Überraschungen, einigen Ärgernissen und vielen Denkanstößen.

Letzte Eindrücke vom Festival vor dem Rückflug, der mit der Bahn nach Casablanca erreicht wird- mit der epischen Erzählkunst der Musicians Of The Nile aus Luxor, dem korsischen Vokalenemble A Filetta und einer zweiten Sufi-Nacht, die – nach der Tarika Machichiya am Vorabend – ebenso „uplifting“ aber rein vokal von der Tarika Skaliya bestritten wird.
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Als Abschiedsbild die schmucke Gare des Trains von Fès. Hätten wir bloß auch so schöne Bahnhöfe!

OLYMPUS DIGITAL CAMERAalle Fotos © Stefan Franzen

 

Arabesque #17

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Musiques Sacrées in Fès, letzter Teil – mit einigen lustigen und erhebenden Erkenntnissen.

Dieses Festival zerfällt in komplett unterschiedliche Gesichter mit ebenso unterschiedlichen Zuhörerschaften.
Die Würdenträger in der Bab Makina-Arena, einschließlich der wichtigen Makhzen-Leute, der königlichen Entrourage.
Die französischen und amerikanischen Touristen im Garten des Batha-Museums und in den eleganten Innenhöfen der Medina: Wer hier noch keine 60 ist, kommt sich blutjung vor. Man ist hier unter sich, die marokkanische Öffentlichkeit nicht präsent.

Und dann dieses Erlebnis, fast eine Erweckung:

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Im nächtlichen Garten des Dar Tazi spielen jede Nacht Sufi-Bruderschaften aus unterschiedlichsten Gegenden des Landes. Fast ausschließlich Frauen in Djerbala und Kopftuch strömen hier um 23 Uhr mit kleinen Kindern auf die Teppiche. Nie habe ich die Frauen auf meiner Reise so ausgelassen, fröhlich, ja überschwänglich erlebt, sie lachen und scherzen, es duftet überall ein wenig nach Rosenwasser.

Die Musiker, eine lokale Gruppe, deren Namen ich noch erkunden muss, entern die Bühne, 16 an der Zahl, neun Sänger, Oud, Geige und Hackbrett, drei Perkussionisten. Über eine schepprige Anlage tönt seelenvoller, responsorischer Gesang durch die Nachtluft, so mitreißend und erhebend, man ist vom ersten Moment elektrisiert.

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Jetzt kommen auch junge Kerle in den Garten, obwohl sie alle Insignien der US-Kultur am Leib tragen, singen sie jeden Vers dieser heiligen Musik mit, Sprechchöre schallen den Musikern entgegen.

Kinder toben – es ist inzwischen weit nach Mitternacht – über die Teppiche, es herrscht Volksfeststimmung und trotzdem ist das hier ja ein Gottesdienst im wahrsten Wortsinn.
Und ein offenbar gehandicapter Mann, der buchstäblich auf den Teppich geführt werden musste, beginnt plötzlich zu tanzen.

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Zum Ende hin erheben sich die Musiker, intensivieren ihre Anrufungen mit feurigem Herzblut. Jetzt sind es die jungen Männer im Publikum, denen man tagsüber in der Medina eher die Zuneigung zum Hiphop als die Hingabe an Sufiklänge zutrauen würde, die fast in Trance auf- und abspringen. Was sich hier beim sogenannten Off-Festival abspielte, das nicht einmal im Programmheft berücksichtigt wird, es war die intensivste musikalische Erfahrung dieser Reise.

Auch wenn die Rückreise morgen um 5h30 beginnt: Ich muss diesen Garten der erhabenen Klänge heute Nacht nochmals aufsuchen.

alle Fotos © Stefan Franzen

Arabesque #16

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Inmitten der Arabesken eine Romaneske.

Schon die alten Römer wussten, dass die Umgebung des heutigen Fès und Meknès eine der fruchtbarsten Marokkos ist. Inmitten von Olivenhainen und wuchtigen Zypressen lassen sich die Überreste ihrer damaligen Stadt Volubilis mit Capitol, Basilika, Forum, breiter Prachtstraße und vielen Patriziervillen besichtigen. Den endgültigen ruinösen Garaus hat diesen alten Steinen erst das berühmte Lissabonner Erdbeben von 1755 gemacht.

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Am meisten Spaß macht es hier, sich die teil prächtig erhaltenen Mosaikböden anzuschauen.
Meine Lieblinge: Der Rückwärtsritt im „Haus des Akrobaten“ und die badende Diana, die vom Jäger Acteon beobachtet wird. Zur Strafe dafür wachsen im Hörner.

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Einen – weiten – Steinwurf entfernt von Volubilis: Moulay Idriss, dessen weiße Häuser spektakulär an einem kleinen Berg kleben. Wer fünf Mal hierhin pilgert, kann sich die Reise nach Mekka sparen. Grund: Der Gründer der ersten richtigen marokkanischen Dynastie, zugleich Ururenkel von Mohammed, ist hier begraben. Die Aussicht auf diese pittoreske Stätte kostete 5 kleine Mandelkuchen.
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OLYMPUS DIGITAL CAMERAalle Fotos © Stefan Franzen

 

Arabesque #15

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEndlich – der Regen hat das Zepter an die Musik übergeben in Fès.
Zwei herrliche Nachmittage und Abende mit seelenvollen Begegnungen zwischen Korameister Ballaké Cissoko und dem indischen Mandolinisten Debashish Bhattacharya der höfischen Stegharfenkunst Malis in zehnfacher Ausführung und der Sufipoesie der tunesischen Sängerin Sonia M’Barek. Die Schauplätze der Konzerte, teils tief in der Medina und nur für Mutige, Labyrintherfahrene zu finden (oben das Complexe Culturel Ben Youssef) sind da bei stets die heimlichen Stars.

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 Zu den Herren unten, die mir tief in der Nacht eines der fantastischsten Musikerlebenisse überhaupt beschert haben, folgt mehr.

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alle Fotos © Stefan Franzen

Arabesque #14

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEin zweiter Besuch in der Medina, diesmal mit offizieller Führung. Doch so „offiziell“ sie auch sein mag, es führt kein Weg um die Verkaufsstuben der Berberteppichhändler, Weber und Gerber herum. Dass ich – überrascht ob dieser geballten Shopping-Offensive – die Wirtschaft der Altstadt dennoch nur mit einem schönen Leinenschal angekurbelt habe, kommt mir schon fast schäbig vor.

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Mitgenommen habe ich außerdem Eindrücke (in der Reihenfolge ihres fotografischen Auftretens) von der Koranschule Bou Inania, der ehemaligen Karavanserai Nejjarine, einer Stoffauktion, dem Mausoleum des Stadtgründers Moulay Idriss II., den Chaouwara-Gerbereien und dem Schrein von Sidi Ahmed Tijani, Vater des Tijaniyya-Sufi-Ordens.

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Was die Musik angeht, eigentlicher Grund meines Besuchs hier: Untenstehendes Bild vom Auftritt der schottischen Sängerin Julie Fowlis spiegelt die Hilflosigkeit der Festivalveranstalter gegenüber dem Regen fast liebenswürdig wider. Die Abendkonzerte wurden ob der Fluten – in der Herberge stand das Wasser knöchelhoch – abgesagt. Wie heißt es so schön bei Katastrophenmeldungen: Und für morgen ist neuer Regen vorhergesagt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAalle Fotos © Stefan Franzen

 

Arabesque #13

OLYMPUS DIGITAL CAMERADas Abendrot über den Zinnen von Fès (inklusive unheimlicher Flugobjekte) mag darüber hinwegtäuschen. Doch ein mittelprächtiger Regenschauer von 45 Minuten hat das Festival kräftig durcheinander gewirbelt zu einer ganz besonderen Arabeske.

Nicht, dass Regen in Fès im Mai etwas völlig Absonderliches wäre, man hätte damit rechnen können. Aber man wollte es offensichtlich nicht. Der Schirm des Königshauses konnte da auch nichts mehr ausrichten. Und so musste im Garten des Batha-Museums das kurdische Payiz Ensemble mit seinen kostbaren Instrumenten wie die begossenen Pudel im Schauer spielen, während sich ihr Publikum – zu großen Teilen steinalte Franzosen – unter die Arkaden retten durfte. Unter großem Geklapper räumte man während des Konzerts die königlich roten Polsterstühle weg.

Das war in der großen Bab Makina-Arena nicht mehr gelungen. Nachdem das Publikum nach einer Stunde Wartens vor den Toren im Presswurstverfahren EInlass erhielt, musste es feststellen, dass auch royaler Plüsch sich nachhaltig vollsaugt. Pech für die schicken Abendroben der Damen und die schnieken Bügelfaltenhosen der Herren. Pech auch für den Journalisten, dessen dicker Stadtplan von Fès nur ein paar Minuten Distanz zwischen kühlem Nass und Sitzfleisch aufrecht erhielt.

Doch davon hätte es heute Abend viel mehr gebraucht. Denn zwischen 21h (offizieller Konzertstart) und 22h15 hörte man dem Soundcheck des tunesischen Stars Saber Rebai zu, der sich nicht merklich weiterentwickelte. Auch von einer angekündigten Fusion zwischen Bretonen und Marokkanern kein Tönchen.

Mit durchweichter Rückansicht und Geduld sowie sehr wenigen Takten Musik kommt der Reisende so zu einer unverhofft frühen Nachtruhe.

Das Foto des Tages gebührt den tapferen Kurden.
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Arabesque #12

OLYMPUS DIGITAL CAMERAVerloren in der Medina.

Freitagnachmittags ist eine gute Zeit, um die Medina von Fès zu erkunden. Die Läden sind geschlossen, mann weilt in der Moschee, ohne allzu viel Behelligung lässt es sich durch die verlassenen, abschüssigen Gassen streifen. Doch es gibt eben auch nicht viele Menschen, die einem aus dem Labyrinth wieder heraushelfen.

Sich eine Stunde lang ganz bewusst zu verirren in diesem größten Gewirr der islamischen Welt mit seinen gelben Trutzmauern (die dritte Medinafarbe nach Marrakech Lehmrot und Essaouiras Weiß) gleicht noch einem Abenteuer, ab der zweiten Stunde wird es mühsam.

19km Umfang hat dieser alte Teil von Fès angeblich, im Herzstück die Kairaouine-Moschee, in der 20.000 Gläubige Platz finden.
Die unmittelbare Wirkung dieser gigantischen Mausefalle ist eher beunruhigend denn faszinierend, starke Benzin- und Uringerüche umwehen den Verirrten, ab und an trifft man mal auf einen Schuhmacher oder einen Naschwarenhändler, die ihre Pforten nicht geschlossen haben, kichernde Mädchen, Fußball spielende Jungs. Selbst die dicken Regentropfen am Schluss der mäandernden Wanderung finden hier nur vereinzelt hinein.

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 alle Fotos © Stefan Franzen