Von Bolgatanga nach Berlin

the polyversal souls - invisible joyThe Polyversal Souls
Invisible Joy
(Philophon/Groove Attack)

Mit seinem Bruder Jan war der Münchner Schlagzeuger Max Weissenfelt einst Mitglied der Poets Of Rhythm, einer legendären Truppe, die lange vor den Amerikanern und Briten den Retrosoul-Sound erfand. Seitdem ist Weissenfeldt durch die Welt gereist, um Einflüsse aus Kulturen von Burma bis Algerien aufzufangen. Ghana war hierbei in den letzten Jahren sein bevorzugtes Reiseziel, was sich auch auf der aktuellen CD seines internationalen Kollektivs Polyversal Souls widerspiegelt. Mit Größen des Landes hat er Reggae, HipHop, Gospel und FraFra-Tradition in das patinabesetzte Bigband-Gefüge eingepasst, was wie im Opener „Yelle Be Bobre“ zu einem fantastischen Amalgam aus ruppigem Afro-Banjo, Flöten und der kehligen Stimme von Guy One, einem Griot aus Bolgatanga führt. Dazu kommen sich windende äthiopische und indische Skalen mit einer geradezu unheimlichen Färbung. Auch die jazzigen Vorbilder sind präsent: Sun Ra wird mit einem beschwörenden „Love In Outer Space“ gehuldigt und Duke Ellingtons „Race“ ist mit fantastisch schwülen Bläsern dabei. Grandios.

The Polyversal Souls feat. Guy One: „Yelle Be Bobre“
Quelle: youtube

 

Hoffnung für Tunesien?

emel mathlouthi 1

Ich setze heute meine Reihe der Interviews mit Sängerinnen aus der arabischen Welt fort.

Während der Jasminrevolution wurde sie in ihrer Heimat Tunesien mit dem Lied „Kelmti Horra“ („meine Rede ist frei“) zur Symbolfigur der Jugend. Heute steht Emel Mathlouthi an der Spitze der selbstbestimmten Künstlerinnen mit arabischen Wurzeln, lebt in Paris und New York. Anlässlich ihres bevorstehenden Auftritts beim Stimmen-Festival in Lörrach (Rosenfelspark, 21.7.) habe ich dieses Interview mit ihr geführt – wenige Tage vor den Anschlägen auf den Badeort Sousse, der einige ihrer optimistischen Ausblicke hoffentlich nicht zunichte machen wird.
Weiterlesen

Schatzkiste #20: Dubpapst in Marrakesch

gnawa night spirit mastersNight Spirit Masters
Gnawa Music Of Marrakesh
(Axiom, 1990)

Marokko weht noch heftig nach seit dem Trip im Mai. Vor wenigen Tagen durfte ich diese phänomenale Aufnahme entdecken, die Bill Laswell vor einem Vierteljahrhundert mit Gnawa-Musikern in der Medina von Marrakesch für sein eigenes Label Axiom gemacht hat. Der Dubpapst hat es dabei irgendwie geschafft, diese Musik extrem räumlich darzustellen, der Puls der Basslaute Gimbri scheint fast unter die Haut zu kriechen. Ganz das Gegenteil von den vielen dumpfen, dürftigen Feldaufnahmen, die vom schwarzen Erbe Marokkos existieren.  Danke an Markus, der mich zu dieser LP hingestupft hat.

Mustapha Baqbou: „Baba L’Rouami“
Quelle: youtube

The Planets In Pop

pluto systemHeute erreicht die Raumsonde New Horizons nach neun Jahren Flug den Pluto. Über Sonne und Mond wurden unzählige Pophymnen geschrieben, und Gustav Holst hat mit seiner Suite The Planets dem Sonnensystem vor exakt einem Jahrhundert Tribut gezollt (damals noch ohne den 1930 entdeckten Pluto). Aber wie sieht es mit den Planeten im Pop aus? Der Soundtrack für einen, der seit kurzem gar nicht mehr dazugehört. Weiterlesen

„Die Schweiz braucht eine klare Vision“

sophie hunger - supermoon

Eigentlich wollte sie nach einem unaufhaltsamen Überflug von sechs Jahren eine Auszeit in den Staaten nehmen. Doch in Kalifornien fing Sophie Hunger gleich wieder an Songs zu schreiben. Auf dem Marktplatz Lörrach stellt sie beim Stimmen_Festival am kommenden Samstag, 18.7. das Resultat, ihr Album „Supermoon“ vor. Ich habe mit ihr über das neue Werk, ihre Zeit in den USA, die Männer in Berlin und ihre Sicht auf die Schweiz gesprochen.

Weiterlesen

Schatzkiste #19: Chicagos Gospelbrunnen

martha bass - I'm so gratefulMartha Bass 
I’m So Grateful
(Checker, 1966)

Ihre Tochter Fontella ist in der Soulwelt erheblich bekannter. Doch der eher unbekannten Mama muss unter den Gospelsängerinnen ein ebenbürtiger Platz neben Clara Ward (aus deren Chor Martha kam) und Mahalia Jackson eingeräumt werden. Und auch wenn meines Wissens Aretha sie nie als Vorbild genannt hat, höre ich doch etliche Phrasierungen raus, die ganz ähnlich sind. Beseeltes Dynamit, ein feuriger Antwortchor und grandiose Verschlingung von Orgel und Piano.

Martha Bass: „I’m Getting Nearer To My Home“
Quelle: youtube

Chris Squire R.I.P.

Noch ein trauriger Anlass heute morgen: Chris Squire, extravaganter Bassmann von Yes ist gestorben. Was er auf dem Instrument anstellte, war das, wofür der Bass einer Rockgruppe eigentlich nicht gedacht war. Seine „kontrapunktische Arbeit“ und der Sound der Yes-LPs von 1970-1977 haben meine Jugend geprägt, viel mehr als ihre Rivalen Genesis oder Pink Floyd. Letztes Jahr durfte ich ihn noch sehen, in Mainz, mit einem Komplettdurchgang durch drei ihrer Alben. R.I.P., Chris.

Yes: „The Gates Of Delirium“ (Live 1975)
Quelle: youtube

Geboren als blaue Melodie

Seinen Sohn Jeff, ähnlich tragisch ums Leben gekommen, habe ich 1995 noch gesehen. Er selbst ist heute vor 40 Jahren gestorben: In memoriam Tim Buckley, begnadeter Traumtänzer zwischen Folk und Jazz, der von sich selbst in einem Song schrieb, er sei „als blaue Melodie geboren worden“. Ausgesucht habe ich einen somnambulen Track von seinem vierten Album Blue Afternoon (1969).

Tim Buckley: „Café“
Quelle: youtube

 

Schatzkiste #18: Himmlische Archaik

pitcvh gusman story - in the storm so longVarious Artists (1967-78)
In The Storm So Long
(Mississippi Records, 2008)

Hinter dieser Scheibe versteckt sich die abenteuerliche und ergreifende Geschichte des Waymon „Gusman“ Jones, einem Gospel-verrückten aus Savannah, Georgia. In den 1960ern eröffnete er einen Plattenladen, der zum Treffpunkt lokaler Gospelgruppen wurde. Jones nahm etliche unter seine Fittiche und machte Aufnahmen, die er auf seinen eigenen Labels Pitch und Gusman veröffentlichte. Mississippi Records, die Schatzgräber obskuren Vinyls aus Portland haben 12 Aufnahmen aus Jones‘ Bestand vor dem Vergessen bewahrt. Es rumpelt, knattert, krächzt und eiert – aber diese Einblicke in die glühende Spiritualität der Südstaaten aus einer vergangenen Ära ergreifen einen vieltausendfach mehr als der kommerzialisierte Plastikgospel von heute.  Danach muss die Gänsehaut sehr lange ins Abklingbecken. Danke an Gina für diese Perle!

The Lightly Singers Of Estill, South Carolina: „In The Morning When The Trumpet Sounds“
Quelle: youtube