Side tracks #22: Von Mile End in die Welt (#6 – Canada 150)

Erik West Millette (Québec)
aktuelle Alben: West Trainz / Train Songs (L-Abe)


Ganz am Ende des Künstlerviertels Mile End in Montréal stößt man auf die Avenue Van Horne. Hier ist ein kleiner Park im Gedenken an die 2010 verstorbene Lhasa de Sela eingerichtet, auf einer anderen Freifläche stehen grandiose Schrottskulpturen von Glen Lemesurier, und hinter einer schweren Eisentür verbergen sich die Werkstätten etlicher Künstler. Hier hat auch Erik West Milette sein Headquarter, Chef des West Trainz-Projekt, ich möchte behaupten, des fabelhaftesten musikalischen Eisenbahn-Unternehmens unserer Zeit. Erik empfängt mich am Tor, als Gastgeschenk habe ich eine Ausgabe des deutschen Eisenbahnkuriers zum 125. Geburtstag der Höllentalbahn dabei.  In wenigen Minuten sind wir tief in der Historie der Canadian Pacific Railway drin – und in seiner eigenen Geschichte, die sich von Louisiana bis Québec quer über den nordamerikanischen Kontinent zieht.

Erik, kannst du zu Anfang etwas über deinen musikalischen Werdegang erzählen?

Erik West Millette: Ich bin klassisch ausgebildet, auf dem Kontrabass, dem Cello und in Komposition. Ich habe auch elektroakustische Musik gespielt. Ich habe in Russland studiert, danach einige Meisterklassen in Lübeck besucht. Es war fantastisch, sechs Monate lang in Norddeutschland zu sein. Da ging es hauptsächlich um historische Musik, Bach und andere Organisten. Da war ich zwanzig, später war ich am Rimsky-Korsakoff-Konservatorium, um Prokojieff und Rimsky-Korsakoff zu studieren, auch Meisterklassen auf dem Kontrabass zu machen. Danach habe ich eine Weile in Südfrankreich studiert, bevor ich nach Québec zurückkam, nach Montréal. Ich habe auch Gitarre, Keys und die Hammond B3 gespielt, die liebe ich. Sehr bald finge ich an, selbst Instrumente zu entwerfen, denn ich bin ein Klangforscher und suche nach der Seele des Sounds.

Dein Großvater war Eisenbahner, hat das dein Interesse für das ganze Thema geweckt?

West Millette: Auf jeden Fall. Mein Großvater Leo West hat für die CNR gearbeitet, die Canadian National Railway. Als ich vier Jahre alt war, hat er mich mit allen Leuten in der Kaboose bekannt gemacht, dem letzten Waggon, in dem die Arbeiter mitfahren, auch mit dem Lokomotivführer, und ich war sehr beeindruckt. Das war eine Diesellok, den Geruch fand ich toll. Meine Familie kam über New Orleans, Kansas, Chicago und New York hierher nach Montréal, mein Opa war Afroamerikaner und verliebte sich in eine Upper Class-Lady aus Québec City. Ich habe also immer noch Familie in Louisiana und Florida. Mein Urgroßvater arbeitete außerdem für die Canadian Pacific Railway und parallel war er musical director – vielleicht kam von ihm die Inspiration, die Themen Musik und Eisenbahn zu mischen. Weiterlesen

Side tracks #20: Steve Reich zum 80.

steve-reich

Steve Reich
„Different Trains“ (1988)

Kann der Holocaust vertont werden? Lässt sich etwas Unfassbares in Töne zwingen?
Der amerikanische Minimal-Pionier Steve Reich hat es 1988 gewagt. In seinem dreisätzigen Stück „Different Trains“ erzählt er mit Streichquartett und Samples  die Geschichte von Zügen in Amerika und Europa, vor, während und nach dem 2. Weltkrieg. Im Mittelsatz kollagiert er das Pfeifen der Lokomotiven, die Aussagen von Überlebenden der Konzentrationslager und das unerbittliche Hämmern der  Streicher zu einem Soundscape  der Vernichtung.

Für mich ist der Mittelsatz von „Different Trains“ das wichtigste Stück, das Reich geschrieben hat – und soll an diesem „Tag der deutschen Einheit“ ein Mahnmal sein gegen den gerade heftig wieder aufkeimenden Fremdenhass.

Steve Reich wird heute 80 Jahre alt.

Steve Reich: „Different Trains“ part 2
Quelle: youtube

Feinmechaniker

Der Hamburger Perkussionist Sven Kacirek ist ein grandioser Feinmechaniker. Sein ungewöhnliches Schlagwerkarsenal nutzt er, um mit Musikern in Kenia, Okinawa oder daheim in seinem Studio in Wilhelmsburg ein Universum zu schaffen, in dem Marimba und Porzellanvasen, ein Spielzeugklavier auf Glas und Papier trifft. Kacirek baut eine Klangwelt, die von Steve Reich und John Cage ihren Nährboden bezieht, aber genauso von den groovigen Patterns afrikanischer Rhythmen – und von der ganz bewusst eingesetzten Stille. Mitte November erscheint auf dem kleinen, feinen Label Pingipung Records sein neues Album, auf dem er Tschaikowkys „Nussknacker“ auf seine Art und Weise behandelt. Themengerecht sage ich schon mal: Ich freue mich wie ein Mäuse- und Schneekönig.

Sven Kacirek: „Pas De Deux“
Quelle: youtube