Ne me quitte pas, Brasil


Maria Gadú & Tribalistas

Baloise Session Basel, 2.11.2018

Am letzten Sonntag wurde in Brasilien ein rassistischer, frauenfeindlicher und homophober Ex-Leutnant ins Präsidentenamt gewählt, der sich gerne an die Zeit der Militärdiktatur erinnert. Während dieser düsteren Jahre (1964-85) hatten viele der prominenten Songschreiber und Dichter unter täglicher Gängelung und Zensur zu leiden, mussten teilweise ins Exil gehen. Ein Abend mit großen brasilianischen Musikern, wie jetzt bei der Baloise Session, kann derzeit nicht losgelöst von diesen aktuellen Ereignissen erlebt werden. Zumal sich fast alle Künstler des Landes gegen den Wahlsieger positionierten, jetzt ihre Schockstarre überwinden müssen.

Da ist zum Beispiel Maria Gadú: In der Heimat ist die 31-Jährige als offen lesbische Künstlerin Rollenmodell für Vielfalt und Toleranz. Als er sie entdeckte, nannte der große Caetano Veloso sie einen „Jungen mit der Stimme einer Prinzessin“. Doch Gadú hat sich ganz signifikant gewandelt. Nur mit ihrem Drummer Felipe Roseno kommt sie auf die Bühne, und allein ihr Outfit, roter Arbeiter-Overall und Kriegsbemalung einer Xingu-Indigenen, ist schon eine Kampfansage. Wo sie zu Beginn der Karriere ihre Lieder noch oft im lyrischen Folkpop-Ton sang, fährt sie jetzt mit einer schrundigen Telecaster-Gitarre lautere Geschütze auf. Mit viel Hall-Effekten und ausgefuchster Schlagwerkvarianz ersetzt das Duo in intensivem Dialog eine ganze Band. Gadús Stimme kann noch immer sehr sanft und vollmundig klingen, aber im richtigen Moment auf zornig und ruppig umschalten.

Als sie sich direkt ans hochprozentig brasilianische Auditorium wendet, beschwört sie den demokratischen Zusammenhalt und stellt klar, dass sie natürlich auch weiterhin mit ihrer Ehefrau zusammenleben wird. Völlig unbegleitet lässt sie eine kraftstrotzende Version des berühmten Jacques Brel-Songs folgen, der auch zum Flehen an die Heimat wird: „Ne me quitte pas, Brasil.“ Dafür erntet sie fast geschlossen stehende Ovationen. Und gleich danach der zweite Höhepunkt mit dem afrobrasilianischen „Axé Acappella“: Sie hatte das Lied schon für die Großdemos vor der Fußball-WM geschrieben – es wird nun als Schlachtruf der Straße hochaktuell bleiben.

Nach diesem starken Auftritt wird der ausgelassen feiernde Saal in die Siebziger zurückkatapultiert: Schreiend bunt und hippie-esk treten die Tribalistas an, Brasiliens schillerndste Songwriter-Supergroup, nach ihrem zweiten Album innerhalb fünfzehn Jahren erstmals überhaupt auf Tour. Alle drei für sich schon Stars, kann man ihre gemeinsame Kreativkraft mit dem Output von Lennon-McCartney vergleichen: jeder Song ein Dreiminuten-Ohrwurm-Meisterwerk, melodienselig und mit cleveren Harmonien bestückt. Als Fee im lila Samtmantel singt Marisa Monte ihre schönen Sopranschleifen, Carlinhos Brown wirkt mit seinem Perkussionsarsenal wie ein tropischer Sultan im Glitzerfrack, und der mit abgrundtiefem Bass gesegnete Arnaldo Antunes inszeniert sich in einer Art Priesterkutte.

Jammerschade: Vor allem dem Unisono-Gesang, aber auch dem fantasiereichen Akustikzauber gehen in einem rumpeligen, breiigen Sound die Feinheiten verloren. Und davon gibt es viele: Afrobrasilianische Glocken, marokkanische Kastagnetten, Horntröte, Vogelpfeife. Glockenspiel und Melodica zieren die Arrangements, die immer dann grandios aufleuchten können, wenn sich der Drummer aus der Begleitband zurückhält. Die Botschaft freilich, sie ist auch hier unüberhör- und sehbar: Bekenntnis zur Regenbogen-Pracht statt furchtgesteuerte Politik.

© Stefan Franzen
erschienen in der Badischen Zeitung, Ausgabe vom 5.11.2018

Maria Gadú: „Ne Me Quitte Pas“ live
Quelle: youtube

Triângulo maravilhoso

15 Jahre mussten wir warten – bis Brasiliens schönste Ménage à trois wieder ins Studio ging. Über das zweite Album der Tribalistas schweigt der Kritiker vorerst in Verzückung: zeitlos schöne Popmusik auf einer Stufe mit den Beatles – mindestens.
Obrigado,  Marisa, Carlinhos & Arnaldo!

Tribalistas: Baião Do Mundo“
Quelle: youtube

Elza 80

Foto: Stéphane Munnier

Wenn es um den Samba der Neuzeit geht, ist sie seine bekannteste Kultfigur – und heute wird sie 80 Jahre. Seit Anfang der 1960er dominiert Elza Soares das Genre mit ihrer fruchtigen bis grollenden Stimme, Ausflüge in Funk und die elektronische Musik inklusive. Wie so viele der großen brasilianischen Interpreten wächst auch sie in Armut auf, in Rios Favela Água Santa. Schon mit zwölf heiratet sie zum ersten Mal, mit sechzehn gewinnt sie einen Gesangswettbewerb des Komponisten Ary Barroso („Aquarelas Do Brasil“). Schlager und Musicals bestimmen ihre 1950er, der Durchbruch gelingt ihr, als Plattenchef Aloysio De Oliveira sie für Odeon unter Vertrag nimmt.

1961 stellt sie ihren frühen Meilenstein  A Bossa Negra vor, singt im Folgejahr anlässlich der Fußball-WM in Chile an der Seite von Louis Armstrong. Eine folgenschwere Reise, denn dort lernt sie den Ballkünstler Garrincha kennen, mit dem sie eine turbulente Ehe führen wird. Während die Bossa Nova wieder auf dem Rückmarsch ist, fahren die Brasilianer auf Elzas Samba-Platten ab, besonders ihre Duette mit Miltinho werden in den späten Sechzigern Hits. Nach drei Jahren in Rom läutet sie 1972 in der Heimat eine neue, Funk-orientierte Phase mit Elza Pede Passagem ein. Alkoholismus und der Verlust ihrer Popularität zeichnen sie, doch in den 1980ern sorgen eigene TV-Shows für neue Präsenz.

Musikalisch macht sie erst wieder 1997 von sich reden: Trajetória, unter anderem mit Chico Buarque, bringt ihr Kritikerlob ein, und mit Do Cóccix Até O Pescoço schafft sie den Anschluss an die neue Hörergeneration, Gäste sind Carlinhos Brown und Seu Jorge. Mit nahezu 80 Jahren zeigt sie sich trotz gesundheitlicher Probleme als Unverwüstliche: Auf A Mulher Do Fim Do Mundo schreitet sie tief ins Reich experimenteller Klänge hinein, die engagierte Texte über Transsexualität und häusliche Gewalt transportieren. Zum Geburtstag aber ein kleines Schmankerl aus ihrer frühen Blüte.

Elza Soares: „O Neguinho E A Senhorina“
Quelle: youtube

(he)artstrings #6: Inbrunst gegen Trockenheit

marisa-monte

 Marisa Monte
„Segue O Seco“ (Carlinhos Brown)
(aus: Verde, Anil, Amarelo, Cor-de-Rosa & Carvão, 1994)

Mit Rose & Charcoal (so der kurze englische Titel des Albums) und Carlinhos Browns Alfagamabetizado hat meine Brasilien-Affinität ihren Lauf genommen. Etliche Jahre, bevor ich selbst das erste Mal hingeflogen bin, reimte ich mir Vieles übers Hören von Liedern wie diesem zusammen – und natürlich war dann nachher alles ganz anders. Die brasilianische Musik ist mir bis heute in all ihren Schattierungen geblieben, von Choro über Bossa bis zum Experimental-Pop. Und Marisa Monte, die ich inzwischen auch interviewen konnte, steht mit Paula Morelenbaum unantastbar im Olymp der Frauenstimmen des Landes.

„Segue O Seco“ ist ein inbrünstiges Flehen um Regen, eine persönliche Ansprache an den Himmel, dass er doch endlich die Tropfen hinuntersenden möge in den Sertão, das knalltrockene Hinterland des Nordeste. Die erbarmungslose Dürre, die es nicht kümmert, dass der Bach und der Pfad längst ausgetrocknet sind und sogar das Schicksal vertrocknet, sie wird hier grandios mit tränenreichem Akkordeon, spindeldürrem Musikbogen Berimbau und klagenden Afro-Chören ausgestaltet.

Marisa Monte: „Segue O Seco“
Quelle: youtube

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