Brooklyns Königin der Seelen

„Zu fett – zu schwarz – zu alt“, hat sie selbst über sich gesagt, um ihren Misserfolg zu erklären. Mit Mitte vierzig kam der dann doch für die ehemalige Wachfrau, dank der Retro-Soulwelle, die uns eine der fantastischsten Stimmen des neuen Millenniums beschert hat.

Ich durfte sie nur einmal sehen, in Zürich mit den Dap-Kings, und seitdem habe ich nur ganz wenige vergleichbare, derart intensive, seelenvolle Tanzpartys erlebt.

Sharon Jones, die so tapfer nach ihrer Krebsdiagnose noch einmal eine Platte aufnahm und auf die Bühne ging, ist vorgestern mit 60 Jahren verstummt – zumindest in dieser Sphäre. Danke für über zehn Jahre Soulfood für meine Ohren.

Sharon Jones & The Dap-Kings: „If You Call“
Quelle: youtube

 

Türkischer Untergrund-Honig

gaye-su-akyol-hologram-imparatorlugu

Gaye Su Aykol
Hologram Imparatorlugu
(Glitterbeat/Indigo)

Ende 2004 stand ich in Istanbul auf dem Galata-Turm und ließ mir den frischen Wind des neuen künstlerischen Aufbruchs und der jugendlichen Freiheit um die Nase wehen. Dass zwölf Jahre später diese Freiheit in Scherben liegt, hätte sich damals niemand ausgerechnet. Und wie steht es um die Musik? Zumindest diese CD lässt einen im Glauben, dass der Underground am Goldenen Horn quicklebendig ist. Am Werk ist eine der Veteranninen der Szene, die in unseren Breiten bislang von prominenten Namen wie Sezen Aksu überschattet wurde. Schon die ersten Takte des Openers “Hologram” überwältigen mit einem Streichorchester aus einem wildgewordenen Bienenschwarm, dazu knattert eine heftige Surfgitarre. Und der dramatische Auftakt setzt die Vorzeichen für alles Weitere: Wehmütige Trompeten in “Akil Olmayınca” oder Tremolo-Ästhetik à la Dick Dale in “Fantastiktir Bahtı Yarimin” versetzen den Bosporus unmittelbar vor die Tore Tucsons. Paukenintro, flirrende Geigen, ein trauriger Analog-Synthesizer und flatternde Oud zimmern das grandiose “”Kendimden Kamaktan”, schaurige Männerchöre und ein hyperventilierender Bass machen “Eski Tüfek” zum Soundtrack für einen orientalischen Film Noir. Und selbstredend ist es immer wieder Akyol mit ihrer Stimme, die wie ein schweres Duftwasser in ihren Bann zieht, mit erdschwerer Laszivität und federleichter Ornamentik zugleich. Ein Album wie eine urbane Fata Morgana.

Gaye Su Akyol: Kemdinden Kaçmaktan (live)
Quelle: youtube

Schatzkiste #28: Golden Era Highlife

stargazers-broadway-dance-band

Stargazers & Broadway Dance Bands
Those Days
(Decca 1976, orig. 1950/60s)

OK, es ist nur eine Kompilation, aber da die Aufnahmen mit frühem Highlife so unglaublich schwierig zu bekommen sind, ist auch die Gold wert. Während westafrikanische Klänge der späten 60er und 70er durch die Vinyldigger gerade bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet werden, ist die Ära ca. zehn Jahre davor noch ein weitestgehend weißer Fleck. Die Stargazers und die Broadway Dance Band waren im Ghana der frühen Unabhängigkeit führend im Bigband-Highlife, Combos, die sich nach amerikanischem Vorbild zusammenfanden, um die akustische Palmwine-Musik mit Bläsern auszuschmücken.  Bei den Stargazers aus Kumasi war unter anderem auch mal der großartige Sänger und Gitarrist Ebo Taylor Mitglied, der vor einigen Jahren durch die Afrofunk-Retrowelle im hohen Alter zu neuen Ehren kam und als der ghanaische Fela Kuti gilt. Man muss keinen Palmwein trinken, um diese auf Twi gesungenen feinen Stücke zu genießen, sie kommen auch gut als Alternative zum Sonntagmorgen-Jazz.
Gefunden habe ich das schwarze Gold Ghanas auf der Plattenbörse in Freiburg am Stand dieses Herrn: www.lp-house.com

Stargazers Dance Band: „Won Ntuntun Hewura Edusei“
Quelle: youtube

Schockbewältigung aus Halifax

wintersleepEine Woche ist es her, und der Schock sitzt immer noch in den Knochen. Auf politische Ereignisse musikalische Heilmittel zu finden, ist dieses Mal fast nicht möglich. Diese vier Herren aus Halifax, Nova Scotia haben schon im Januar dieses Jahres eine prophetische  Gabe bewiesen, als sie die verzweifelte Rockhymne „Amerika“ als Opener ihres sechsten Albums The Great Detachment („die große Ablösung“!) veröffentlichten. Wintersleep ließen sich von Walt Whitmans berühmtem idealistischen Gedicht gleichen Namens mit der Zeile „perennial with the earth, with freedom, law and love“ inspirieren – und setzen die Furcht dagegen, die Amerikas Ausstrahlung heute auf den großen, kleinen Nachbarn im Norden hat. Begleitet durch die subtile Apokalypse eines Kurzfilms.

Wintersleep: „Amerika“
Quelle: youtube

Constant as a Northern Star

Mit ihm ging es mir so, wie es mir mit Bob Dylan geht: Die Stimme versperrt mir vielfach den Zugang zu seiner Liedkunst. Großartig fand ich es immer, wenn ihn andere gecovert haben (Sandy Denny, Jeff Buckley, Rufus Wainwright…) oder wenn über ihn gedichtet wurde (allen voran in Joni Mitchells „A Case Of You“). Oft hat er selbst Frauenstimmen in den Vordergrund gestellt, um seine Poesie umzusetzen, wie Sharon Robinson oder Anjani. Zum Tod von Leonard Cohen,  dem Meister des Liebesdunkels und des Liebesflüchtigen, ein unbeschwerter Folksong aus seiner späten Feder. Wohl nie mehr wird es eine Nachtigall mit einer tieferen Stimme geben.

Anjani & Leonard Cohen: „Nightingale“
Quelle: youtube

Lagos: And the winner is…

wax-dey-yemi-aladeWer diesen Blog verfolgt, weiß, dass ich ab und zu auch einen Blick auf die aktuelle afrikanische Musikszene werfe. Und die hat mit den Afro-Acts, die hierzulande wahrgenommen werden, herzlich wenig zu tun.

Am Wochenende gingen im nigerianischen Lagos die All African Music Awards (AFRIMA) über die Bühne, und sie unterstreichen das kräftig. Der Vocoder-verliebte R&B regiert immer noch zwischen Johannesburg und Dakar, aber er wird manchmal mit äußerst witzigen Videos gewürzt. Von den in 22 Kategorien vergebenen Awards habe ich mal den Best Male Artist in Central Africa herausgepickt, den Kameruner Wax Dey, der mit der Nigerianerin Yemi Alade hier zu einer Makossa-Variante des 21. Jahrhunderts auf den staubigen Tanzboden geht. Wir erinnern uns: Makossa, der kamerunische Stil, der von Manu Dibango in den frühen Siebzigern mit Soul und Funk aufgepeppt sogar weltweiten Erfolg verbuchen konnte. Auch ein Michael Jackson bediente sich beim Hit „Soul Makossa“ des Sax-Altmeisters und musste dafür nachträglich zahlen. Vielleicht drückt Manu bei seinem Landsmann ein Auge zu, denn auch der hat die berühmte Sequenz verwendet.

Die gesamte Gewinnerliste der AFRIMA gibt es hier.

Wax Dey feat. Yemi Alade: „Saka Makossa“
Quelle: youtube

Side tracks #21: Im Schlafwagen der verlorenen Liebe

joni-mitchell

flagge-kanada-flagge-button-50x75Joni Mitchell:
„Just Like This Train“
(aus: Court & Spark, 1974)

Mit der Canadian Railroad Trilogy hat Gordon Lightfoot vor einigen Wochen die kanadische Eisenbahnsektion eröffnet – und eine Trilogie schaffen wir hier in Kürze auch – mindestens.

Im bittersüßen Sarkasmus enttäuschter Liebe führt uns Joni Mitchell auf die Gleise, vergleicht ihren Zustand mit dem eines immer verspäteten Zuges, der in den Bahnhof hineinwackelt. Und während sie über die Gründe nachdenkt, warum sie ihre Liebe verloren hat, nimmt sie in einem überfüllten Wartesaal Platz und besteigt schließlich einen Schlafwagen, der sie und ihren Liebesschmerz hinweg trägt. Besonders sympathisch macht die Geschichte natürlich die Erwähnung einer „bottle of German wine“.

Es gibt von diesem Song seit diesem Jahr auch eine Version von Jochen Distelmeyer, mit der ich persönlich gar nicht anfangen kann. Jonis Original vom Album Court & Spark ist hier . Mochte ich bislang Blue und vor allem das allererste Werk Song To A Seagull am liebsten, entwickelt sich Court & Spark langsam aber sicher zu meiner Lieblingsscheibe. Es hat schon ein paar jazzige Züge, aber nicht zu viele,  ist unglaublich raffiniert instrumentiert bis hin zu fein aufgefächertem Symphonieorchester, und ist durch diese reichen Arrangements nicht mehr so direkt schmerzlich, so offensichtlich autobiographisch wie Blue.

2002 hat sie „Just Like This Train“ erneut mit Orchester eingespielt (auf dem Album Travelogue), und in den 1990ern hat sie den Song solo im Fernsehstudio aufgegriffen. Bei dieser Gelegenheit: Happy Birthday, Joni!

Joni Mitchell: „Just Like This Train“ (live 1996)
Quelle: youtube

Segensspruch für Paris

Vor einem halben Jahrhundert gründete der französische Sänger, Songschreiber und Comédien Pierre Barouh das Label Saravah, benannt nach einem Segensspruch aus den brasilianischen Macumba-Ritualen. Saravah hat nicht nur französischen Größen wie Jacques Higelin oder Brigitte Fontaine Tür und Tor geöffnet, der Verlag mischte auch im Jazz mit Veröffentlichungen von Barney Wilen, Richard Galliano oder Steve Lacy mit. Schließlich war Saravah bereits in den 1970ern auch ein Vorreiter der Weltmusik und kümmerte sich um Naná Vasconcelos oder Pierre Akendengue. Saravah wird bis nach Japan als Kultabel geschätzt. Der runde Geburtstag wird am 20. November im Pariser Trianon gefeiert. Während dieses Abends präsentieren Pierre Barouh selbst, seine Tochter Maia, aber auch Jazz- und Singer/Songwriter-Größen von Séverin bis Jeanne Cherhal noch einmal die bekanntesten Chansons und Songs aus dem Katalog dieses einzigartigen Labels. Eine CD-Kompilation wird Anfang November unter dem Titel „50 ans Saravah“ auf den Markt kommen, zu hören hier unter anderem Olivia Ruiz, Maia Barouh und Yolande Moreau.

Bon anniversaire, Saravah!

Pierre Barouh: Ce N’est Que De L’Eau“
Quelle: youtube

Von Vietnam über den Senegal ins Tessin

building-bridges-klein

                                                                    Foto: Johannes Rühl

Man stelle ein halbes Dutzend Musiker diverser Kulturen zusammen, lege einen Beat drunter und lasse jeden ein paar typische Versatzstücke aus seiner Heimat aus dem Ärmel schütteln. So funktionierte vielfach die Weltmusik der Achtziger und Neunziger. Doch diese Philosophie des kleinsten gemeinsamen Nenners ist längst überholt. Wenn sich heute Musiker zu einem globalen Projekt treffen, geht es oft darum, die Verschiedenheiten herauszumeißeln und während langer Prozesse zu einem Verstehen der Klangwelt des Anderen vorzudringen. Musik ist eben gerade eines nicht: eine Weltsprache.

Diese Überzeugung hat auch Johannes Rühl. Der ehemalige Vizeleiter des Freiburger Kulturamts, Forscher an der Hochschule in Luzern und Leiter des Festivals Alpentöne in Altdorf/Uri stellt für das Projekt „Building Bridges“ jedes Jahr sieben Künstler aus Hochkulturen des ganzen Erdballs zusammen. „Das Anliegen ist, ihnen eine Möglichkeit zu geben, in fast klösterlicher Ruhe zusammen zu arbeiten“, so der Produktionsleiter. „Dabei sollen sie nicht zwanghaft nach gemeinsamen Vokabeln suchen, sondern sich vielmehr über die verschiedenen Systeme zu unterhalten, über das, was der jeweils Andere gar nicht verstehen kann.“ Als Partner hat Rühl die Londoner Ethnologin Angela Hobart gewonnen, die in Ascona, unmittelbar unter dem Monte Veritá ein Begegnungszentrum betreibt, das bisher vor allem für völkerkundliche Symposien genutzt wurde. Rühl begeisterte sie für das musikalische Unterfangen, und so stellt Hobart nun neben den Räumlichkeiten – zusammen mit Zuschüssen von Behörden – auch die Geldmittel zur Verfügung.

Wer die Liste der diesjährigen Musiker studiert, kann sich klanglich kaum vorstellen, wie da derzeit im Tessin eine Verständigungsbasis gefunden wird: Da treffen der indische Sitarmeister Gaurav Mazumdar, ein Mitmusiker des Stargeigers Daniel Hope, auf das Bandoneón der Weltmusik-erfahrenen Schweizerin Helena Rüegg. Das Cello der Französin Sarah Lauet, eine Spezialistin für Alte Musik, wird sich mit dem Hackbrett des Persers Alireza Mortazavi arrangieren müssen – Rühl hat letzteren bereits vor zehn Jahren im Rahmen der Freiburger Städtepartnerschaft mit Isfahan kennengelernt. Klassische arabische Lautentradition bringt der Syrer Bahur Gazi mit ein, er arbeitete an renommierten Einrichtungen von Kairo bis Qatar, musste im Zuge des „arabischen Frühlings“ in die Schweiz fliehen.

Der exotischste Beitrag dürfte vom Vietnamesen Ngô Hông Quang kommen, der die Traditionen der Bergvölker studierte und eine Kniegeige sowie ein Monochord namens Dan Bao mitbringt. Schließlich ist auch der Senegalese und Wahlfreiburger Pape Dieye mit von der Partie – der Multiinstrumentalist hat durch die Asien-Reisen mit dem Freiburger Schlagzeugprofessor Bernhard Wulff bereits interkulturelle Erfahrungen. „Bei der Auswahl der Musiker spielen sowohl die Klangfarben als auch die Persönlichkeiten eine Rolle“, so Rühl, der auch zu berichten weiß, dass es bei der Probenarbeit übers Musikalische schon mal hinausgeht. „Letztes Jahr haben sich die Frauen untergebuttert gefühlt, und das musste dann erst mal ausdiskutiert werden.“ Und als ein nigerianischer Trommler mit seinem indischen Kollegen an der Tabla menschlich überhaupt nicht warm wurde, tauschten sie zwecks Annäherung kurzerhand die Instrumente.

Wie kann man das Ergebnis beschreiben, das bei Konzerten in der Schweiz und Deutschland präsentiert wird? „Es gibt improvisatorische Parts, von daher könnte man sagen, dass das Resultat teils dem Jazz verwandt ist“, meint Rühl. „Jeder Musiker bringt Stücke mit, die das Ensemble dann neu entwickelt. Wir kennen ja alle indische Klassik, und wir kennen alle Bandoneón, sind also im Grunde mehrfach zuhause in dieser Musik. Doch hier können wir miterleben, wie sich das Vertraute zu etwas Neuem, Spannendem zusammenfügt.“

© Stefan Franzen

Building Bridges live:
Friday, 28 October 2016, 8:30 pm, Teatro Dimitri, Verscio (CH)
Saturday, 29 October 2016, 8:45 pm, Teatro Sociale, Bellinzona (CH)
Sunday, 30 October 2016, 8:00 pm, E-werk, Freiburg (D)

(he)artstrings #10: Epischer Ghettowalzer

Terry Callier
„Dancing Girl“ (Terry Callier)
(aus: What Color Is Love, 1972)

Es gibt eine ganz einfache Textzeile in diesem Stück, die mich immer wieder mitnimmt und die eine tiefe Wahrheit in sich trägt. Nachdem Terry Callier von seinem Traum erzählt, in dem ihn das tanzende Mädchen an einen Ort der Freiheit trägt, schwenkt sein Blick auf das Ghetto – und er sieht „Bird“,  Charlie Parker beim Improvisieren auf dem Sax. „All those notes won’t take the pain away“, singt Callier. Und er hat Recht: Du kannst so viele Noten spielen oder singen wie du willst, der Schmerz wird davon nicht weggehen. Aber du kannst mit ihm sprechen, mit dem Schmerz.

Terry Callier hat das in etlichen seiner Songs getan – und meistens hat er deutlich weniger Noten dazu gebraucht als Bird. Manchmal aber hat dieser Mann mit dem ruhigen, herzenswarmen Bariton sich zu kleinen Soul-Opern aufgeschwungen, mit irisierenden Streichern, glitzernder Celesta und aufbrausenden Bläsern. „Dancing Girl“ ist mit seinen neuen Minuten nur noch mit gutem Willen als „Song“ zu fassen, ist Folkwalzer, Jazz-Scat, orchestraler Soul in einem.

2002 habe ich Terry Callier in Baden-Baden getroffen. Am Schluss des Interviews signierte er meine Platte und schrieb mir seine Telefonnummer in Chicago auf eine Serviette – man weiß ja nie.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Heute kann man Terry Callier nicht mehr anrufen. Auf den Tag vor vier Jahren hat der sicherlich sensibelste Folksoul-Barde der Musikgeschichte die Welten gewechselt. Ich denke, er weiß jetzt, welche Farbe die Liebe hat.

Terry Callier: „Dancing Girl“
Quelle: youtube

Klick hier zum Hintergrund von (he)artstrings