Polyphone Offenbarung


Ein weißer Fleck auf der musikalischen Landkarte, gibt es das noch? Tatsächlich lässt sich mitten in Europa noch eine Klangkultur finden, die den akustischen Schatzsuchern weitestgehend entschlüpft war. Wer könnte von sich schon sagen, er wäre mit der Musik des albanischen Südens vertraut? Selbst der Amerikaner Joe Boyd, der seit den 1980ern durch sein Label Hannibal maßgeblich am Aufschwung der Weltmusik beteiligt war, hatte das kleine Land lange Zeit nicht auf dem Zettel.

Der schillernde Produzent war schon in den 1960ern beim Newport-Festival Produktionsleiter, als Bob Dylan zum Entsetzen der Folkies seine E-Gitarre einstöpselte. Er war 1967 für die erste Pink Floyd-Single verantwortlich, wurde Mentor des schwermütigen Songwriters Nick Drake und entdeckte die Folkrocklegenden von Fairport Convention. Seine wilden Sechziger beschreibt er in dem spannenden Buch „White Bicycles“. Im besten Alter, mit 75, hat Boyd jetzt aber noch mal ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen. „Albanische Musik hatte mich schon seit einiger Zeit fasziniert“, erzählt er mir im Interview. „Das lag natürlich auch daran, dass man fast keinen Zugang zu ihr hatte, es gab kaum Platten. Es muss 1986 gewesen sein, dass ich Videos vom großen Festival in Gjirokastra sah. Es schien mir fast surreal: Diese Musiker mit den konischen Hüten, die wehenden Fahnen und die Bergkulisse im Hintergrund. Und dann diese polyphonen Gesänge namens Saze! Für mich war klar, da muss ich hin.“

Doch es dauerte fünfundzwanzig Jahre, bis ihn die BBC-Kollegin Lucy Duran für eine Sendereihe in den Südosten Europas mitnahm. Eine Reise, die für Boyd mehrere Konsequenzen hatte: Er lernte dort seine zukünftige Frau Andrea Goertler kennen, in Albanien für die Gesellschaft für Zusammenarbeit tätig und mit der dortigen Musik bestens vertraut. Zusammen mit ihr und weiteren Experten initiierte er das Projekt Saz’iso, in dem nun die besten Musiker der südalbanischen Polyphonie versammelt und auf einer CD verewigt sind. Die Sessions hat der feinfühlige Jerry Boys geleitet, der auch schon in Havanna den Buena Vista Social Club aufnahm.

Saz’iso: Sessions zur CD „At Least Wave Your Handkerchief At Me“
Quelle: youtube

Was ist nun das Einzigartige an dieser Musik, dem Saze? Auch all die, deren Ohren mit allen Wassern der exotischen Klänge gewaschen sind, müssen beim Lauschen an Stimmen aus einer anderen Welt denken. „Die Kombination eines Borduns mit zwei Stimmen, die sich improvisierend umkreisen, das gibt es meines Wissens nach nirgendwo anders auf dem Balkan“, sagt Boyd. Musikethnologen sprechen von „iso-polyphonisch“. Unter den genauso schneidenden wie warmen Stimmen liegt die Llautë, eine Laute mit Metallsaiten, Klarinette und Geige treten mit verzierungsreichem, schluchzendem Spiel hinzu. Die Instrumentalformen heißen „Vale“ und „Kaba“ – und mit letzterem verbindet sich eine berühmte Entstehungsanekdote: Als ein Mann über den nahen Tod seiner Ehefrau klagte, rief die vom Totenbett: „Hol deine Klarinette und lass sie an deiner Stelle weinen.“ Für uns ist der Gesamteindruck von Saze und Kaba trotz der manchmal tänzerischen Rhythmen in der Tat ausgesprochen melancholisch. “Die Geschichten sind sehr traurig“, bestätigt Boyd.

„Da singt etwa ein Schäfer, den Banditen töten werden, sein Abschiedslied. Emigrantenlieder sind dabei, denn viele Albaner mussten immer ins Ausland, um Arbeit zu finden, und ihre Familie erfuhr dann oft Jahrzehnte nichts über ihren Verbleib.“ Das ist auch ganz konkret der Fall bei den Musikern auf der CD: Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Apparats unter dem Autokraten Enver Hodscha gingen Saz’isos Sängerinnen Donika Pecallari und Adrianna Thanou beide nach Athen, ihre Musikausübung aufrecht zu erhalten, war schwierig. Die männliche Stimme dagegen, Robert Tralo, ist von Berufs wegen eigentlich orthodoxer Priester, tauscht abends das Messgewand für Auftritte bei Hochzeitspaaren, die er kurz zuvor in der Kirche gesegnet hat. „Hodschas Herrschaft war ein zweischneidiges Schwert“, urteilt Boyd. „Er liebte den Saze und förderte ihn, auf der anderen Seite hatte die Musik positiv zu sein, sollte den Sozialismus preisen. Heute gibt es die Zwangsjacke nicht mehr, aber eben auch keine Förderung.“

Der Saze ist von der UNESCO mittlerweile als immaterielles Kulturerbe anerkannt. Doch wird das seiner Zukunft nützen? Boyd ist verhalten optimistisch: „Die stilbildenden Sänger und Instrumentalisten sind tot. Doch auf den Hochzeiten ist die Musik immer noch lebendig. Die Albaner lieben ihre Volkstradition und schauen nicht auf sie herab wie manche andere Länder, und es gibt auch ein paar junge Musiker, die neben Jazz und Rock den Saze spielen.“ Im Sommer lässt sich dank Saz’iso diese einzigartige Musik nun auf ausgesuchten Festivals auch in unseren Breiten erleben.

© Stefan Franzen
dieser Artikel erschien in der Zeitschrift Folker, Ausgabe 3/2018

Saz’iso live: Domizil Dortmund, 19.5., Rudolstadt-Festival 6. +7.7.

Saz’iso: „Tana“
Quelle: youtube

Anmut und Gnade

Lizz Wright
Grace
(Concord/Universal)

Erstmals geleitet die Frau aus Georgia mit dem seelenvollen Alt ihre Hörer durch einen ganzen Zyklus von Coverversionen, die alle unter dem Motto „Gnade“ beziehungweise „Anmut“ stehen, beides mögliche Übersetzungen von „Grace“. Für die notwendige Verklammerung auf ihrem sechsten Album sorgt inmitten einer Könnerband – mit unter anderem Marc Ribot an der Gitarre und David Piltch am Bass – Joe Henry, einer der feinfühligsten Roots-Produzenten der Staaten. Denn das Spektrum reicht weit: Vom dunklen Blues „Barley“ über den erhabenen Gospelton in „Seems I‘m Never Tired Lovin‘ You“ geht die anmutige Reise, macht Station bei einem seltenen Bob Dylan-Song („Every Grain Of Sand“) und dem Orgelgeglucker in Ray Charles‘ „What Would I Do Without You“. In der Mitte siedelt mit dem Titelstück eine sehnsuchtsvoll loderne Hymne aus der Feder der Kanadierin Rose Cousins, stark auch die Standard-Ballade „Stars Fell On Alabama“, die hier vom Jazz zum folkigen Hauch getragen wird. Auch mit Fremdmaterial schafft Wright ihre unverwechselbare Verknüpfung von ländlicher Südstaaten-Ästhetik mit glamourfreiem Jazzgesang.

Lizz Wright: „Seems I’m Never Tired Lovin‘ You“ (live)
Quelle: youtube

 

Bob Dylans Idol zu Ehren

alan-lomax
Zum 100. Geburtstag würdigt eine LP-Box den Liedersammler und Feldforscher Alan Lomax

Wer auch immer sich ernsthaft mit US-Folk oder Weltmusik auseinandersetzt, wird früher oder später auf seinen Namen stoßen. Alan Lomax, der 2002 verstorbene Liedersammler und -forscher kann sich anrechnen, dass ohne ihn das Folkrevival in den USA einen anderen Weg genommen oder vielleicht gar nicht stattgefunden hätte – war er doch der erste, der die Songs des singenden Aktivisten Woody Guthrie aufnahm. Lomax war ein Pionier des „field recordings“, er ging hinaus, um mit seinem Tonbandgerät die Folklore der Völker einzufangen, in den Staaten, aber auch in der Karibik, im Mittelmeerraum, im keltischen Kulturkreis.

Ein ganzes Jahrhundert hat dieser Mann durchmessen: 1915 in Austin, Texas geboren unterbrach er sein Harvard-Studium, um bereits mit siebzehn seinen Vater John Lomax zu begleiten. Der arbeitete für die Library of Congress und zeichnete in den Südstaaten Lieder von Sträflingen und Farmpächtern auf. Ab 1935 führte der Sohn bis in die 1990er selbständig weiter, was der Vater begonnen hatte: den Stimmen derer lauschen, die sonst kein Gehör fanden und sie für die Nachwelt festhalten. Diese Arbeit ging nicht immer ohne Behinderung vonstatten: Bereits vor Beginn der McCarty-Ära war dem Parlament Lomax‘ Arbeit beim Archive of American Folk Song suspekt, man witterte kommunistische Umtriebe.

Der bedrängte Lomax ging in den 1950ern nach Europa, entdeckte dort irischen und englischen Folkgesang, Lieder aus Spanien und Mallorca, durchreiste Italien von Sizilien bis in die Lombardei. Seine Perspektive auf die Welt gewann weitere Dimensionen. Nach seiner Rückkehr forschte er weiter von Texas bis West Virginia, durchstreifte die Karibik Insel für Insel, ging nach Russland und Marokko. Unzählig sind die Aufnahmen, die seit den 1990ern auf CD und im Internet zugänglich gemacht worden sind. Durch seine Arbeit bewahrte Lomax nicht nur, er machte die Kulturen der Welt auch für neue Generationen von Musikern zugänglich, die seine Feldaufnahmen neu interpretierten, von Bob Dylan, den er in den Folk einführte über Michelle Shocked bis zu Betty Bonifassi, eine kanadische Sängerin, die Songs aus seinen afroamerikanischen Sammlungen gerade auf ihrem neuen Album Lomax mit hartem Bluesrock gepaart hat.

root-hog-or-die

Zu Lomax‘ 100. Geburtstag hat das Label Mississippi Records mit Root, Hog Or Die eine Box mit – passenderweise – 100 Songs auf sechs LPs veröffentlicht, die nun mit über einem Jahr Verspätung auch in Deutschland zu haben ist und exzellent als Einstieg in seine Arbeit dienen kann. Die Box soll, so die Kuratoren, als Würdigung und nicht wissenschaftliche Aufarbeitung verstanden werden, deshalb werden Chronologien und Geographien bunt durcheinander gewürfelt. Das führt umso deutlicher vor Ohren, wie global dieser Mann geprägt war, wie grenzenlos er dachte. Die Box offenbart auch, wieviel Prominenz Lomax neben all den namenlosen Männern, Frauen, Kindern und Congregations vor dem Mikro hatte: den Bluesmann Skip James, Pianist Jelly Roll Morton, die gerade wiederentdeckte britische Folklady Shirley Collins oder auch Bob Dylan, dessen erste Version von „Masters Of War“ er auf Band bannte.

Begleitet werden die LPs von einem schmalen Textheftchen, in dem auch ein Essay von Lomax selbst abgedruckt ist. Eine klar zuordbare Listung der Aufnahmedaten fehlt, die wäre schon wünschenswert gewesen. Die Entdeckerfreude beim Hören schmälert das ein bisschen. Und während man den Aufnahmen einer vergangenen Ära lauscht, die getreu der ursprünglich analogen Herangehensweise nur auf – exzellent klingendem – Vinyl präsentiert werden, mag man sich fragen, was Alan Lomax heute noch für eine Bedeutung hat. „Ich will, dass alle Kulturen gleichermaßen verbreitet werden“, sagt er in dem abgedruckten Aufsatz. „Kulturelle Gleichheit sollte in die Liste aller anderen wichtigen menschlichen Grundrechte aufgenommen werden.“ Allein dieser Satz zeigt, wie bitter nötig wir eine Persönlichkeit wie Alan Lomax heute hätten.

© Stefan Franzen

Root Hog Or Die (6LPs)
(Mississippi Records/Fenn Music Vertrieb)

 

Constant as a Northern Star

leonard-cohen
Mit ihm ging es mir so, wie es mir mit Bob Dylan geht: Die Stimme versperrt mir vielfach den Zugang zu seiner Liedkunst. Großartig fand ich es immer, wenn ihn andere gecovert haben (Sandy Denny, Jeff Buckley, Rufus Wainwright…) oder wenn über ihn gedichtet wurde (allen voran in Joni Mitchells „A Case Of You“). Oft hat er selbst Frauenstimmen in den Vordergrund gestellt, um seine Poesie umzusetzen, wie Sharon Robinson oder Anjani. Zum Tod von Leonard Cohen,  dem Meister des Liebesdunkels und des Liebesflüchtigen, ein unbeschwerter Folksong aus seiner späten Feder. Wohl nie mehr wird es eine Nachtigall mit einer tieferen Stimme geben.

Anjani & Leonard Cohen: „Nightingale“
Quelle: youtube