“The winter can take its toll, but it can’t take our lives.”
(Raine Maida)
alle Fotos © Stefan Franzen

„Carry Me“ ist die erste Single aus dem neuen Album This Island von Alejandra Ribera – heute erscheint sie in Deutschland. Die kleine Geschichte um das Verlassen der Heimat und das erneute Finden von Geborgenheit hat die Kanadierin mit der Videokünstlerin Kristina Wagenbauer im Winter von Montréal in einen bewegenden Videoclip verpackt.
Alejandra Ribera ist in Kürze auf Tour in Deutschland:
21.03.2017 Berlin, Grüner Salon – 22.03. Münster, Schnabulenz – 23.03. Lauenau, Clubhaus – 24.03. Wawern, Synagoge – 25.03. Freiburg, Jazzhaus – 26.03. Landsberg, Stadttheater – 28.03. Wien, Sargfabrik – 19. + 20.05. Flensburg, folkbaltica – 21.05. Bernau, Siebenklang-Festival – 22.05. Hamburg, Nochtspecher Club – 23.05. Oldenburg, Theater – 24.05. Köln, Studio –
25.05. Hannover, Pavillon – 26.05. Erlangen, E-Werk – 27.05. Offenbach, Hafen 2
Erik West Millette hat wohl alle transkontinentalen Bahnstrecken dieser Welt bereist. Was ihn aber aus den Tausenden von Trainspottern heraushebt: Der Montréaler Musiker verarbeitet die auf seinen Trips gesammelten Sounds zu grandioser Musik zwischen New Orleans-Flair, Soul und Blues, Arabesken und Industrial-Anklängen. Und ganz nebenbei fertigt er mit seinem West Trainz-Team Skulpturen aus allem, was er im Umfeld der Bahnstrecken so findet. Demnächst gibt es in der Kolumne Side tracks auf diesem Blog mehr von Erik.
Vielen Dank, Erik, für ein fulminantes Konzert im Club Soda und einen wunderbaren Interviewnachmittag in deinem Laboratorium! Die oben abgebildete Skulptur hat Erik „Gretschen“ genannt…;-)
Joy, das Berliner Gleisdreieck hat nicht nur eine wechselvolle Geschichte seit über einem Jahrhundert, es ist auch in die „Die drei Detektive“ oder Udo Lindenbergs „Sonderzug nach Pankow“ verewigt. Du bist in diesem Areal aufgewachsen – warum gerade jetzt die Widmung an diesen Ort?
Joy Denalane: Das Album war schon fertig, hatte aber noch keinen Titel. Eines Morgens bin ich mit der U-Bahn am Gleisdreieck vorbei gekommen und hatte die Eingabe, dass dieser Titel gleich auf mehreren Ebenen passt: Zum einen bin da ich mit meiner DNA begründet, zum anderen ist es auch eine Metapher: Diese Gabelung, an der man um- und aussteigt, sich begegnet und verabschiedet, immer mit der Möglichkeit des Zurückkehrens. Das fand ich poetisch und treffend. Weiterlesen
Omar Sosa / Seckou Keita
Transparent Water
(World Village/Harmonia Mundi)
Lizz Wright
Jazzhaus Freiburg
15.02.2017
Die Pfarrerstochter aus Hahira, Georgia ist mit ihrer seelenvollen, erdigen Altstimme ein allegorischer Gegenentwurf zu all den spaltenden Absurditäten aus Übersee, die uns die Tagespolitik derzeit um die Ohren haut. Sie eint Gospel und Jazz, Folk und Country, schöpft aus der Poesie des Civil Rights Movements, besucht aber auch Neil Young oder die Bee Gees. Kurzum: Sie formt die Vielfalt Amerikas zu ihrer Marke. Welche Bühnensouveränität die 36-Jährige in den letzten Jahren dabei gewonnen hat, zeigt sich schon, als sie nur mit ihrem Pianisten Kenny Banks beginnt: Das zärtliche „The Nearness Of You“ aus dem Repertoire von Ella Fitzgerald lebt von großen Gesten mit ausgebreiteten Armen und Dialogen von fröhlicher Sinnlichkeit, geht fast nahtlos in „Walk With Me, Lord“ mit seinen dunklen Spiritual-Farben über: Das Miteinander von Gospel und irdischer Liebe ist bei Lizz Wright selbstverständlich geworden.
Vor dem Auftritt sei sie automatisch Richtung Theater gelaufen, verrät sie augenzwinkernd, denn da sang sie vor ein paar Jahren zum Jubiläum des Jazzhauses. Als ihr dann klar wurde, dass sie im „Keller“ spielen soll, habe sie sich schon gefragt: „Bin ich runtergestuft worden?“ In Wahrheit empfindet jeder diesen Abend, inklusive Lizz Wright selbst, als „Upgrade“: Im engen Gewölbe kommt es zu einer Schwingung mit dem Publikum, wie man sie nur ganz selten erlebt. Neil Youngs „Old Man“ geht donnernd aufs Auditorium herab, mit kochender Orgel und einer großartigen Bluesrock-Einlage des Gitarristen Martin Kolarides, der an anderer Stelle fließende Jazzlyrik im Stil von Pat Metheny zaubert. In „Somewhere Down The Mystic“ malt Wright spirituelle Naturbilder, ihre Stimme schwingt sich majestätisch auf wie ein Adler über der Schlucht, und Bassist Nicholas D‘Amato flicht in sein singendes Bass-Solo organisch ein paar funkige Slaps ein. Von samtener Traurigkeit ist „Stop“, ein Flehen darum, dass eine Liebe nicht zu Ende gehen möge, eingeleitet nur mit Tropfen aus dem Piano. Und mit leisem Pinselstrich begleitet Drummer Che Marshall, der oft mit feinmechanischem Wirbeln und Strichen auf den Zimbeln auffällt, die Ballade „Stars Fell On Alabama“: Als sie über den Meteorschauer singt, wird Wrights Stimme zum ehrfürchtigen Hauch.
„Freiheit, rufe mich, und ich antworte“, singt sie zu den aufgekratzten, funkigen Rhythmen des Finalstücks. „Wir haben unser Wasser verloren, durch Verletzung und Gier, aber ich kann dir einen ganzen Fluss weinen aus meinem Kampf, aus Mühe und Not. Freiheit, du hast es schwer in einer Welt wie dieser.“ Als sie sich ein letztes Mal verbeugt, mit ihrer Hand auf dem Herz, ist Lizz Wright anzumerken, wie ergriffen sie vom Minuten dauernden Applaus ist. Der Triumph des wahren, freien Amerikas, er ließ sich für zwei Stunden mit Ohren hören und Händen greifen.
© Stefan Franzen
Nishtiman Project
Kobane
(Accords Croisés/Harmonia Mundi)
Es könnte das wichtigste Projekt der kurdischen Musikhistorie werden, denn hier werden die erzwungenen Grenzziehungen der Türkei, des Irak und Iran überwunden, indem gemeinsames Klangerbe neu auskundschaftet wird. Doch was musikalisch auf Kobane passiert, ist völlig unabhängig von dieser Relevanz noch weitaus bewegender. Ohne Zweifel wurde die Musik Kurdistans mit all ihren Facetten noch nie in einer so fantastischen, zeitgenössischen Dramaturgie präsentiert. Die Stücke, die teils in die Ära des Mitras- und Zoroaster-Kults zurückweisen, gestaltet das Sextett um den künstlerischen Leiter und Perkussionisten Hussein Zahawy in Suiten mit Schalmei, Spießgeige, Langhalslaute, Santur und mächtigen Unisono-Chören, mitreißend und galoppierend oder von tiefer Wehmut gezeichnet. Im Fokus die nie artifizielle, immer sehr volksnahe Stimme von Donya Kamali, die von der zerstörten Stadt Kobane berichtet, von metaphernreichem Liebespreis und der lebensspendenden Kraft der Sonne.