Großes Intro für Robert

Robert Plant hat nie einen Hehl aus seiner Achtung vor dem britischen Folk gemacht. Auf dem vierten Led Zeppelin-Album sang sogar die größte englische Folklady aller Zeiten, Sandy Denny die Ballade „The Battle Of Evermore“. Immer wieder tauchte der Bandleader im Folkkontext auf, so auch etwa beim Fairport Convention-Festival auf einer Wiese bei Cropredy im Jahre 1993, als sich Tausende von Folkies plötzlich mit einem kompletten Überraschungsauftritt des Led Zepp-Frontmann konfrontiert sahen.  Und gerade in jüngeren Jahren rekurrierte Plant immer wieder  auf das Roots-Terrain: Sei es mit der Bluegrass-Queen Alison Krauss, sei es mit seiner aktuellen Band The Sensational Space Shifters mit dem Violinisten Seth Lakeman, die gestern auf dem Marktplatz Lörrach eine Show zwischen neuinterpretierten Led Zeppelin-Klassikern, orientalisch gefärbten Tönen, Bluegrass, Blues und britischer Folkverpflichtung gaben. Am stärksten: die als „Black Forest“-Song angekündigte Version von „Little Maggie“ mit Banjo und dessen Vorläufer, der westafrikanischen Ngoni.

Plants Dauerflirt mit dem Folk wurde auch bei der Auswahl des Supportduos Rechnung getragen. Auf seine Empfehlung kamen die im UK preisgekrönte Sängerin Josienne Clarke und Gitarrist Ben Walker, geliebt vom Guardian und der BBC gleichermaßen. Ihr Magnum Opus Overnight haben sie in den Rocklands Studios in Wales eingespielt, wo auch Plant Anfang der 1980er seine ersten Solo-Gehversuche unternahm. Als Clarke das Traditional „Reynardine“ anstimmte, bekam sie Szenenapplaus: So berührend und kraftvoll leuchtend ist ihre Stimme, eine würdige Nachfolgerin von Plants einstiger Duopartnerin Denny. Josienne und Ben entgrenzen den Folk von seinen Wald- und Wiesenklischees: In seinem Begleitspiel auf der E-Gitarre ging Walker in Indie-Gefilde hinein, einen Dolly Parton-Song löste Clarke feinsinnig aus dem Country heraus. Ab und zu meinte man sogar höfische Renaissance-Klänge zu entdecken. Wie viel stärker noch hätte dieser Auftritt etwa in einem Setting des Lörracher Rosenfelsparks gewirkt. Ich hoffe, auf eine Rückkehr der beiden in intimerem Rahmen, und diese gibt es als nächstes in unserer Region am 28.11. in der Züricher Lokalität Bogen F.

Josienne Clarke & Ben Walker: „Overnight“
Quelle: youtube

Zeitlose Anmut

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Josienne Clarke & Ben Walker
Overnight
(Rough Trade/Beggars Group)

Meistens passiert es ganz früh oder ganz spät, dass das Album des Jahres sich offenbart: Hier ist ein großer Kandidat dafür. Entstanden sind diese elf Perlen von zeitloser Anmut in der walisischen Parklandschaft, in den Rockland Studios – dort, wo einst Queen, Oasis und Julian Lennon aufgenommen haben. Josienne und Ben sind mit dem BBC Radio 2 Folk Award dekoriert, schaffen auf ihrem dritten Werk aber einen gewaltigen Sprung aus dem herkömmlichen Folkbezirk heraus.

Von Eigenkompositionen bauen sie eine Brücke zu John Dowland und dem seltenen Spätromantiker Ivor Gurney, und dann weiter zu Jackson C. Frank und Gillian Welch – und es ist kein wackeliges Gebilde, das da entsteht, sondern ein homogene Dramaturgie. Josiennes Stimme kombiniert helle Zartheit mit bitteren, waidwunden Tönen, ihr Saitenpartner gehört eher in die Kategorie ausgefeilter Texturgeber denn in die der Folkbarden, die die Gitarre nur als Begleitinstrument nutzen.

Fleisch und Blut bekommt diese Scheibe durch die grandiosen Arrangements: Da weben mal dunkle Blockflöten einen schweren Vorhang der Melancholie, Bassklarinette, Euphonium und Horn sorgen für eine nicht alltägliche Bläserfarbe, ein Streichquartett legt satte Liegetöne unter das Gitarrenflageolett. So entsteht ganz mühelos ein Mosaik, das die Ästhetik der Renaissance mit der Folkrock-Philosophie à la Nick Drake und Sanny Denny verknüpft. Und in der Singleauskopplung „The Waning Crescent“ geht es mal kurz in den britischen Easy Listening-Pop der 1960er hinein.

Die Kollegen von Big Comfy Sessions haben die beiden zum Interview auf die Couch gebeten, anschließend spielen sie – ganz stripped down – einen der schönsten Songs vom Album (startend bei 6’14“):

Josienne Clarke & Ben Walker: „Sweet The Sorrow“
Quelle: youtube