Africa Express presents In C Mali (Transgressive Records/Alive)
Normalerweise bin ich überhaupt kein Fan von den Dingen, die Damon Albarn in Westafrika treibt. Jetzt hat aber der von ihm mitinitiierte Tross namens Africa Express eine grandiose Platte veröffentlicht. Auf afrikanischen Instrumenten wird 50 Jahre nach ihrem Entstehen Terry Rileys Komposition In C nachmusiziert, unter die malischen Musiker hat sich auch Brian Eno gemischt. Von der Wesensverwandtschaft zwischen Minimal Music und afrikanischen Patterns profitierend bekommt der Klassiker eine organisch-erdige Glasur. Es macht einen Riesenspaß mitzuverfolgen, wie die Originalinstrumentation auf den Klangkosmos Malis übertragen wurde. Und man kann sich das in einer Liveversion aus der Tate Modern hier auch komplett anschauen.
Als Virtuose auf dem fünfsaitigen Kontrabass hat Renaud Garcia-Fons in der mediterranen Musik und im Jazz eine einzigartige Klangsprache entwickelt. Mit dem türkischen Streichlautenspieler Derya Türkan hat er sich nun zu einem besonders beglückenden Duo zusammengeschlossen. In vierzehn Klangtableaus ergänzen und umgarnen sich die beiden in grandiosen Konstellationen. Einmal liefert der Bass einen springenden Rhythmus, über dem die Istanbul-Kemence einen zart-rauchigen, obertonreichen Flug vollführt, wie in „A Girl From Istanbul“. Garcia-Fons wagt sich auch in Frequenzbereiche vor, die eher seinem Partner vorbehalten sind, etwa in „Kaman Tché“ – das macht die Interaktion umso reizvoller, die in der gegenseitigen Verzahnung in „Dokuz Sekiz“ auf die Spitze getrieben wird. Ganz intensiv wirkt die orientalische Tongebung im „Prayer Song“, in dem sich der Bass mit glühender, spiritueller Stimme erhebt. Ein wenig Alte Musik-Flair blitzt in der „Bosphorus Nostalgia“ auf, wenn sich Gast Claire Antonini an der barocken Theorbe hinzugesellt. Eine leidenschaftliche, imaginäre Folklore zwischen Nahem Osten, Bosporus und Mittelmeer.
Er ist die Wiedergeburt von Herman Melvilles Bartleby. Oder der von Byung-Chul Han geforderte Prototyp einer Müdigkeitsgesellschaft. Hut ab vor Andreas Kümmert und seinem „I would prefer not to“!
Er hat sicherlich nicht eine so funky Stimme gehabt wie seine Kollegin Nichelle Nichols alias Lieutenant Uhura. Aber die 5 LPs, die er zwischen 1967 und 1970 für Dot Records eingespielt hat, sind es schon wert, dass man mal die Ohren spitzt (sorry for that pun…). In diesem Sinne verabschiede ich mich von Mr. Spock mit einem Stück Hoffnung aus seinem vierten, geradezu folkig-romantischen Werk The Touch Of Leonard Nimoy.
Am Wochenende wäre sie 82 geworden. Eine kleine verspätete Hommage an die Frau, die für eine ihrer Platten plakativ „High Priestress Of Soul“ genannt wurde, aber in Wahrheit eine der wahrhaftigsten Stimmen des 20. Jahrhunderts besaß – und das von Jazz über Pop bis hinein in die Klassik.
5. „You Can Have Him“ (live in NYC, 1959)
Quelle: youtube
1. „Tomorrow Is My Turn“ (live in London, 1968)
Quelle: youtube
Auf diese Version von „Tomorrow Is My Turn“, (im Original Charles Aznavours „L’Amour C’est Comme Un Jour“) hat mich Rhiannon Giddens vor ein paar Tagen im Interview aufmerksam gemacht. Für mich seitdem die bewegendste Live-Aufnahme von Nina Simone – und sie wurde zudem wohl wenige Tage nach meinem Geburtstag eingespielt.
Von Rhiannon Giddens gibt es in ein paar Tagen mehr.
Punch Brothers The Phosphorescent Blues (Nonesuch/Warner)
Aus all dem Weird Folk- und Americana- und wie die tollen Termini sonst noch so heißen – Hype der letzten Jahre ragen immer wieder einsame Perlen heraus: Das Quintett um Sänger und Mandolinist Chris Thile webt mit dem Vokabular der Country-Musik ausgefeilte Songs mit unerwarteten Tempowechseln und harmonischen Überraschungseffekten, einen hymnischen Akustikpop, der trotzdem immer kammermusikalisch bleibt. Grandios, wie sich in „Familiarity“, dem Opener dieses dritten Albums, die virtuose Mandoline zu einem ganzen Orchester aufzubauschen scheint, wie der Ticktock-Puls von „Julep“ sich unmerklich zu wisperndem Falsettgesang wandelt. In „My Oh My“ hallen die wunderbaren Melodien der alten Musik aus den Appalachen wider, und die Band swingt in kompakter Kehligkeit. Mit „I Blew It Off“ findet sich auch ein astreiner Charts-Songs im Aufgebot. Neu sind die Bezüge zur Klassik: Debussys „Passepied“ und ein „Prélude“ von Skrjabin glitzern völlig selbstverständlich im folkigen Gewand. Für das fein abgestimmte Klangbild sorgte Produzent T-Bone Burnett, der Grandseigneur unter allen Veredlern der US-Roots Music.
Im November hatte ich die Gelegenheit, die letzte Diva des Buena Vista Social Clubs zu treffen. SRF 2 bringt am Freitag, den 20.2. um 21h mein Porträt von Omara Portuondo (wdh. am 22. um 18h). Eine Zeitreise durch die kubanische Musikgeschichte von der Ära der Trovadores in den 1930ern über die Blüte der Mambo und Rumba vor der Revolution bis heute – und als Reiseführerin eine immer noch quicklebendige 84-jährige Sängerin.
Orchestre Rail-Band de Bamako: Rail-Band Orchestra Of Bamako (Reissue Mississippi Records, orig. 1970)
Es ist eine der legendärsten Aufnahmen der frühen afrikanischen Popmusik. Als Mali noch ein sozialistischer Staat war, unterhielt die Regierung verschiedene Unterhaltungsorchester. Dieses hier stellte der Direktor der malischen Eisenbahngesellschaft zusammen, naturgemäß hatte es im Bahnhofsgebäude der Hauptstadt Bamako seine Residenz. In seinen Reihen: ein sehr junger Salif Keita, der ab 1972 dann durch den Griot Mory Kanté aus Guinea ersetzt wurde. Tatsächlich wurzeln in dieser Band, die die ganzen Siebziger hindurch das Bahnhofsbuffet für die Fahrgäste an der Linie Dakar – Niger in einen groovenden Hexenkessel verwandelte, viele Komponenten des späteren weltmusikalischen Booms Westafrikas. Melismatische Gesangslinien, raues Sax und klackernde Gitarrensoli – der Sound der Rail-Band hat bis heute an Faszination nicht verloren.
In verschiedenen Metamorphosen hat die Rail-Band (als Super Rail Band) bis ins neue Jahrtausend überlebt. Der Bahnstrecke dagegen geht es nicht so gut: Die 1300km lange Trasse zwischen dem Atlantik und der Wüste bröckelt schon lange vor sich hin, die wenigen Züge, die noch zwischen der malischen Grenzstadt Kayes und Bamako verkehren, entgleisen des öfteren, die Waggons sind in einem erbärmlichen Zustand. Man hört in regelmäßigen Abständen von Renovierungsplänen und Investoren aus dem Ausland. Die Strecke zu bereisen, war mal ein Traum von mir – im Moment ist es eher fraglich, ob der noch wahr wird. Halten wir uns also an die Musik.
Orchestre Rail-Band de Bamako: „Mali Cèbalenw“
Quelle: youtube