Konzertieren mit dem Zilpzalp

ian fisher

Ian Fisher ist ein 27-jähriger Songwriter aus St. Genevieve /Missouri – dort leben seit 150 Jahren Nachkommen aus Mittelbaden, insbesondere der Region Offenburg. Das allein wäre ja nun für mich keine Sensation, doch brach Ians Urururgroßvater einst von einem Nachbardorf jenes Ortes auf, in dem ich aufgewachsen bin. Mittlerweile lebt der Kosmopolit Ian in Berlin und hat schon einige Besuche bei seinen hiesigen Verwandten absolviert, stand aber in Offenburg noch nie auf der Bühne. Das holt er im Rahmen seiner derzeitigen Deutschlandtournee am 26.2. nach.

Seine Songs zwischen Country und Neofolk spielt Ian übrigens nicht nur im Studio ein, wie auf seinem aktuellen Album Nero. Vorletztes Jahr hat er sich mit zwei Mitmusikern in ein fränkisches Waldstück gestellt und dort das Forest Recording aufgenommen, das es nur auf Vinyl gibt, abgesehen von zwei youtube-Clips. Hier mehr zu Ian Fisher und den noch alemannisch schwätzenden Auswanderernachfahren, die in einem bemerkenswerten Film verewigt wurden, für den Ian den Soundtrack beigesteuert hat.

Ian Fisher: „Upside Down“
Quelle: youtube

Der wahre Löwe von Äthiopien

Mit seinem Ethio-Jazz hat er Haile Selassie und Mengistu überlebt und eine der spannendsten, originellsten Jazzspielarten der Welt kreiert: Altmeister Mulatu Astatke gab sich am Freitag in Mulhouse die Ehre, am Vibraphon, am Piano, an der Wurlitzer und an der Perkussion – umgeben von seiner jungen britischen Step Ahead-Band. Seine dichte, zuweilen unheimliche, manchmal skurrile Kombination von Fünf- und Zwölftonskalen hat schon Jim Jarmusch begeistert. Auf der Bühne hat der 72-jährige sein Vermächtnis präsentiert: Das Album Sketches Of Ethiopia, mit dem er allen Ethnien Äthiopiens und ihren Melodien und Rhythmen ein Denkmal setzt – und zwar so, dass es auch für den westlich geprägten Jazzhörer zum unvergesslichen Erlebnis wird. Merci Mulatu, merci à la Filature de Mulhouse pour ce spectacle merveilleux!

Mulatu Astatke: „Hager Fiker“
Quelle: youtube

Die Mystik zweier Welten

gustavsen tander vespestad

Es mag zunächst weit hergeholt klingen: Norwegische Kirchenhymnen werden mit der afghanischen Sprache Paschtu neu eingekleidet und wechseln sich ab mit Texten des persischen Mystikers Rumi, die wiederum auf Englisch gesungen werden. Doch je tiefer die Beschäftigung mit spirituellen Traditionen, desto mehr lösen sich Grenzen auf, werden Parallelen von Islam und Christentum spürbar. Gerade mit musikalischem Fokus kann eine solche Verschränkung zu einem beglückenden Resultat führen. So wie bei What Was Said (ECM), dem gemeinsamen Album der deutsch-afghanischen Sängerin Simin Tander mit den beiden norwegischen Musikern Tord Gustavsen und Jarle Vespestad. Simin Tander im ungeschnittenen Interview.

Simin, du hast mehrfach betont, wie großartig du Tord Gustavsen findest, und dass mit dieser Zusammenarbeit ein Traum in Erfüllung geht. Was ist für dich das Besondere an seinem Spiel?

Er schafft es, auf eine natürliche Art und Weise sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Er ist sehr leidenschaftlich und trotzdem oft reduziert, er traut sich das. „Trauen“ verbindet man ja oft mit einer sehr wilden Art zu spielen, aber ich finde, man muss es auch erst mal wagen, sich auf kleine Melodien, auf einen einzigen Ton konzentrieren, ohne das Gefühl zu haben, man müsste mehr machen. Ich glaube, es geht ganz vielen Musikern so, wenn sie sehr virtuos sein möchten, dass das auch ein Hindernis sein kann. Tord kann alles spielen, es mangelt ihm nicht an Virtuosität. Er fühlt sehr schnell, worum es ihm geht, was ist der Kern des Stückes, des Sounds. Es ist ein tolles Gefühl, mit einem Pianisten zu spielen, der jeden Atemzug von einem mitnimmt und trotzdem Freiraum gibt. Tord hat ja mit sehr vielen Sängerinnen gespielt und auch schon als er jung war viele Kirchenchöre begleitet, er ist also sehr stimmenorientiert. Er kann meiner Phrasierung genau folgen, er fühlt auch genau, wann es Zeit ist nah zu sein und wann, ein Stück zurückzugehen.
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Senegals Sternenreise

ibaaku

Ein weiteres starkes  Kapitel aus dem Afro-Futurism, den Künstler wie die Kenianer von Just A Band oder der Südafrikaner Okmalumkoolkat seit einigen Jahren generieren. Großartiger Soundtrack vom Senegalesen Ibaaku zur Modeshow der Designerin Selly Raby Kane. Ibaakus komplettes Album ist digital soeben bei Akwaaba Music erschienen.

Ibaaku: „Djula Dance“
Quelle: youtube

Jazz mit Japonismen

mieko myazaki - koto

Foto: Jean-Pierre Dalbéra

Gestern Abend bot sich im Freiburger Gasthaus Schützen die seltene Gelegenheit, eine japanische Koto im jazzigen Kontext zu hören, anlässlich des Release-Konzerts von „River Silver“ (ECM), der neuen CD des Quintetts Ethics um den französischen Basissten Michel Benita. Zusammen mit Michel Mathieu (flgh,tp), Philippe Garcia (dr), Eivind Aarset (g) und Mieko Miyazaki (koto) hat der 61-jährige eine ganz seltene, glückliche Verbindung von fernöstlichen Klängen und europäischem Jazz geschaffen, mit der 13-saitigen, ursprünglich höfischen Wölbbrettzither als heimlichem Star.
Danke an den Jazzkongress, der seit 10 Jahren spannende Künstler einlädt und am 1.2. sein Jubiläum feiert.

Ethics: „Haikool“ (live in Paris, 2010)
Quelle: youtube

Bon anniversaire, Kathrin!

Dass sie mit ihren Schlagern wie keine andere in den 1950ern das Fernweh der Deutschen befeuert hat, wollen wir hier mal weitestgehend außer Acht lassen. Zum 85. Geburtstag dieser großartigen Sängerin gibt es sieben Titel, die Caterina Valente als Jazzstimme, weltgewandte Entertainerin und nachdenkliche Interpretin zeigen.

1.  „Every Time We Say Goodbye“ (mit Chet Baker, 1956)
Quelle: youtube 

Ihre Teamworks mit Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Dean Martin oder Perry Como haben bewiesen, dass Caterina Valente auch in den Staaten respektiert wurde – sowohl im Jazz als auch in der leichteren Unterhaltung. Ihre Aufnahmen mit dem Trompeter Chet Baker gehören für mich zu den schönsten aus der Jazzsparte, die sie gemacht hat.

2. „No Te Importa Saber“ (mit Silvio Francesco, 1957)
Quelle: youtube

Mit ihrem Bruder Silvio Francesco entstanden sowohl deutsche Schlager als auch internationale Evergreens. Zu meinen Favoriten zählen da die spanischen Lieder, die sie ohne Orchester in der reduzierten Besetzung mit Gitarre und Stimme eingespielt haben.

3. „Scandinavian Song“ (mit dem Stanley Black Orchestra, 1962)
Quelle: youtube

Auch als nordische Melancholikerin brillierte die Valente gelegentlich. Bei dieser Aufnahme frage ich mich, ob die Erben Edvard Griegs nicht Sturm gelaufen sind – denn der Titel ist ein unverblümtes Plagiat von Peer Gynts „Solveigs Lied“.

4. „Manha De Carnaval“ (mit Luis Bonfá, 1963)
Quelle : youtube

Wenige europäische Vokalisten beherrsch(t)en das brasilianische Portugiesisch akzentfrei. Caterina Valente tat nicht nur das, sie spielte mit einem der wichtigsten Bossa Nova-Komponisten auch gleich eine ganze LP ein – hier eine Live-Version der berühmten Ballade aus dem Film Orfeo Negro.

5. „Kismet“ (1965)
Quelle: youtube

Mitte der Sechziger wurden auch die deutschen Lieder der Valente mitunter etwas nachdenklicher. Dieses Kleinod ist in der Schlagerwelt so etwas wie ein frühes, zaghaftes Beispiel für weibliche Selbstbestimmung.

6. „Malagueña“ (TV, 1970)
Quelle: youtube

Anderthalb Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung tönt Valentes erster großer Welterfolg nicht mehr exotisch-mädchenhaft, sondern jazzig-reif. Die für mich schönste Version.

7.“Scarborough Fair“ (live in London, 1975)
Quelle: youtube

Das Londoner Konzert von 1975 ist vielleicht das Highlight schlechthin für die ungeheure Bühnenpräsenz von Caterina Valente. Ich habe hier ganz bewusst mal einen völlig untypischen Song aus ihrem Repertoire ausgewählt – um zu zeigen, was sie selbst aus einem Folksong machen kann.

Die Geige aus dem Feuer

helge leiberg - serenadeHelge Leiberg: Serenade 2013, Acryl auf Leinwand 150x180cm

Im kleinen, feinen Kunstmuseum Villa Haiss in Zell am Harmersbach sind noch bis Ende März Bilder des Malers Helge Leiberg zu sehen. Leiberg beschäftigt sich in farbgewaltigen, großformatigen Gemälden mit Musik und Tanz, ihm gelingt es,  Töne und Bewegungen zu einem sinnlichen Rausch zu verknüpfen, in dem ich auch Parallelen zu afrikanischer Malerei oder den afro-brasilianisch geprägten Zeichnungen von Carybé entdecke. Meine Empfehlung: Unbedingt ansehen.

 

Side tracks #16: Der blaue Zug

flagge-brasilienLô Borges: „Trem Azul“
(Orig.: Clube Da Esquina, 1972)

Unter den vielen brasilianischen Eisenbahnliedern ist dieses hier mein Allerliebstes. Der Canção über den blauen Zug stammt aus der Feder des Songwriters Lô Borges, einer der Gründer der Clube da Esquina-Bewegung. Diese Bewegung aus Belo Horizonte, der auch Milton Nascimento angehörte, verband bildgewaltige, teils psychedelische Poesie mit Art Rock à la Genesis und der lyrischen Grundstimmung, die der Musik des Bundesstaates Minas Gerais so oft zu eigen ist. Ob Borges einen bestimmten blauen Zug gemeint hat? Das Nachrichtennetzwerk O Globo meint, dass es dieser hier war:

trem azul 2Foto: Márcia Foletto

Dieser Trem Azul verkehrte bis in die Neunziger hinein im Staat Rio de Janeiro  als Touristenbahn zwischen Miguel Pereira und Conrado. Seit Oktober 2015 soll er laut O Globo seinen Betrieb wieder aufgenommen haben. Ein doppelter Anlass, dieses Lied zu würdigen, denn nicht nur ist der Zug wieder in der Spur, Lô Borges wird heute auch 64 Jahre jung.

Der „Trem Azul“ erschien im Original auf dem ersten Clube da Esquina-Album im Jahr 1972 und wurde in der Folge von vielen weiteren Künstlern der Música Popular aufgegriffen, bis hin zu Tom Jobim und Elis Regina, die ihre große Liveshow 1981 sogar unter diesem Titel laufen ließ.  Der Refrain von Borges‘ Kollegen Ronaldo Bastos („du nimmst den blauen Zug, die Sonne im Kopf, die Sonne nimmt den blauen Zug, dich im Kopf“) gehört zu den schönsten der brasilianischen Popmusik.

Flavio Venturini, Lô Borges und Beto Guedes: „Trem Azul“ (live 1999)
Quelle: youtube

Das Waldhorn entert den Strand

It was fifty years ago today, als der Pop denken lernte, könnte man ein wenig zugespitzt formulieren. 2016 lassen sich 50 Jahre Autorenpop feiern, und  neben dem Rubber Soul-Album der Beatles, das bereits im Dezember 1965 erschien, war es vor allem Brian Wilson, der die Popmusik in ungeahnte Dimensionen hineinstieß. Die Sessions in den kalifornischen Western Recorders-Studios zu „God Only Knows“  (Teil 1 und 2) dokumentieren, aus welcher visionären Vorstellungskraft der 23-jährige schöpfen konnte, die er den erfahrenen Studiomusikern Schritt für Schritt beibringen musste.  Komplexe Vokallinien wie in einem romantischen Kunstlied, Arrangements mit Waldhorn, Fagott, Flöte, Cembalo, Akkordeon, Orgel und Streichern – ab da war Pop nicht mehr einfach Pop, und die Beach Boys keine Strandjungen mehr.

The Beach Boys: „God Only Knows“
Quelle: youtube