Als das letzte Mal auf dieser Seite ein Trekkie auftauchte, war das mit dem Tod von Leonard Nimoy ein trauriger Anlass. Jetzt gibt es Grund zum Feiern: In der kommenden Woche wird Star Trek 50 Jahre alt. Den Soundtrack dazu liefert uns das Mitglied aus dem Bordpersonal, das am besten singen konnte, mit Abstand!: Nichelle Nichols alias Lieutenant Uhura von ihrer Soulplatte Down To Earth aus dem Jahre 1967. James „Scotty“ Doohans Version von „Muss i denn zum Städele hinaus“ hätte ich gerne kredenzt, habe sie aber nicht gefunden…
Herzlichen Glückwunsch!
Nichelle Nichols: Know What I Mean“
Quelle: youtube
Franco & Le T.P.O.K. Jazz En Colère – On Entre O.K. On Sort K.O. (Makossa International Recordings, 1980)
gefunden auf: ebay
Der 1989 verstorbene kongolesische Gitarrenkönig mit seiner Bigband in Hochform. Die Aufnahme stammt aus der Phase, als die rootsige kongolesische Rumba sich zum plakativen Soukouss verdichtet hatte, aber noch nicht mit Drummaschinen und klebrigen Keyboards aufgefüllt wurde. Vier epische Stücke, in denen sich elegante Mänerchöre, Bläser, die mich schon fast an die Basler Guggenmusik erinnern, swingende Polyrhythmik und vor allem Francos glitzernde Gitarrenphrasen zwischen dem 22. und 24. Bund austoben. Mein Soundtrack zum Augustausklang.
Franco & Le T.P.O.K. Jazz: „Tomkoma Bacamarade Pamba“
Quelle: youtube
Wenn heute die olympischen Spiele in Rio zu Ende gehen, wird sich das mediale Interesse wieder schnell von Brasilien abwenden. Deshalb ein kleiner Beitrag gegen die sportgesteuerte Medienlandschaft. Aus der Metropole Belo Horizonte kamen seit Milton Nascimento schon immer sehr tiefgehende Beiträge zum brasilianischen Rock und Pop. Graveola, ein Kollektiv aus neun Musikern, setzt diese Tradition fort und baut auf dem dritten Werk die abenteuerlustige Mixtur in der Nachfolge der Tropikalisten aus. In ihren Songs siedeln Melodien von sonnigem Überschwang neben den erdigen Rhythmen des Nordostens („Maquinário”), ein nonchalanter Tango-Rock wird mit schrägen Bläsern und verstimmt blubbernder Orgel gewürzt („Aurora”). Was wie ein harmloser Reggae beginnt („Tempero Segredo”), wechselt im Laufe von vier Minuten zur melancholischen Ballade und in einen querstehenden Experimentalblock, und auch die Sambavariante aus Bahia wird mit stolzen Türmen aus E-Gitarren geschmückt. Viele musikalische Welten stecken hier collagenhaft in jedem Song. Wären Genesis in den späten Siebzigern in Brasilien gestrandet, sie hätten sich vielleicht bald so angehört.
Es könnten die absurdesten Textzeilen der Popmusikgeschichte sein: „Jemand hat den Kuchen da draußen im Regen gelassen. Ich glaube, das halte ich nicht aus, denn es war so schwierig ihn zu backen und ich werde das Rezept nie mehr auftreiben.“ Die Musik zu dieser Klage über eine Liebe, die sich nicht erfüllen konnte, wird aufs Dramatischste ausgestaltet, mit vollem Symphonieorchester, Tempowechseln und der zutiefst larmoyanten Stimme des Sängers Richard Harris. „McArthur Park“ ist nur eines der einzigartigen Lieder, die Jimmy Webb geschaffen hat. Der Songwriter, Komponist und Arrangeur aus Oklahoma, der heute 70 Jahre alt wird, schaut auf ein halbes Jahrhundert von Hits zurück, im Olymp der US-Songschmiede ist ihm schon jetzt neben Burt Bacharach ein Thron sicher. Zum 70. Geburtstag die – für meine Ohren 7 spannendsten Songs des Songschmiedes.
Heute wird das Beatles-Werk Revolver 50 Jahre alt.
Die einzige Art und Weise für mich, das Album gebührend zu würdigen ist mit einer Top 7 der Coverversionen von „Tomorrow Never Knows“, dem zeitlosesten Beatles-Titel (dessen Benennung auf die Kappe von Ringo geht) – und offensichtlich dem universellsten, wie die Interpretationen aus Klassik, Soul und Jazz, aus indischem Ethnopop und brasilianischem Punk zeigen. Weiterlesen →
Nive Nielsen ist eine der momentan auffälligsten Persönlichkeiten der kleinen grönländischen Songwriterszene. Die Frau aus Nuuk hat ihre Musik mit ihrer amerikanisch-dänisch-schwedischen Band The Deer Children zwischen der Wüste Arizonas und der Küste Westgrönlands zu einer verspielten bis melancholischen Indierock-Klanglandschaft entwickelt. Auf dem Rudolstadt Festival konnte ich sie zu einem – leider zeitlich knapp bemessenen – Interview treffen.
Kayhan Kalhor, Aynur, Salman Gambarov & Cemil Qoçgiri Hawniyaz Wu Wei & Wang Li Overtones (Latitudes/Harmonia Mundi)
Die Philosophie der 2015 gestarteten CD-Serie „Latitudes“ von Harmonia Mundi ist es, Künstler vorzustellen, die durch eine poetische Vision „zu allen Menschen der Welt jenseits von Sprache oder Stil spricht“, so das Label. Im jungen Katalog finden sich in traditionellen Musikformen wurzelnde Interpreten des Nahen Ostens und Asiens, die sich auf zeitgenössisches Terrain wagen: Das chinesische Duo Wu Wei und Wang Li erprobt auf Overtones das Zusammenspiel der Mundorgel Sheng mit der Maultrommel Kouxian, was auch recht anstrengend wird, aufgrund der faszinierenden Lautmalerien verliert man mitunter den dramaturgischen Halt. Hawniyaz, das Quartett um den grandiosen persischen Kniegeigenspieler und die kurdische Sängerin Aynur hat sich auf dem Osnabrücker Morgenland-Festival gefunden. In langen Suiten mit Kamancheh, Stimme, Piano und Langhalslaute forschen sie nach neuen Wegen, wie sich nahöstliche Traditionen gegenseitig durchdringen können, beziehen dabei auch Strukturen abendländischer Klassik und Jazz mit ein. Ein Meisterwerk für alle Ohren, die zu Versenkung in meditative Abläufe bereit sind.
Hawniyaz live auf dem Morgenland-Festival Osnabrück
Quelle: youtube
Bon Anniversaire, Mireille.
Man kann über sie sagen, was man will, aber sie ist eine von sehr wenigen, die mir ein Lied gewidmet haben.
Deshalb: Was meine Kollegen der Tageswoche über ihren Alkoholgenuss geschrieben haben, möchte ich in Abrede stellen. (Liebe Schweizer, ihr müsst das scharfe S wieder einführen…)
Mireille Mathieu: „Sweet Souvenirs of Stefan“
Quelle: youtube
The Breath Carry Your Kin (RealWorld/PIAS/Rough Trade)
Wenn der Gitarrist des Cinematic Orchestra und eine erdige nordirische Sängerin zusammen kommen, trifft Tradition auf Breitwand. Das kann gehörig in die Hose gehen, hier wird es zu einem Wunderwerk. Stuart McCallum baut mit großem Besteck neun Klanggemälde: Streichertextur, twangy Gitarren, lyrisches Piano und dynamisch gezügelte, aber vielfältige Drum-Arbeit sind die Farben, über denen die charakterstarken Vocals von Rioghnach Connolly mal solo, mal in kompakten Schichtungen schweben. Eine richtige Wall Of Sound wird weitestgehend vermieden, Transparenz ist das Gebot der Stunde. Anders als beim manchmal verkopften Cinematic Orchestra steht die Kraft suggestiver Melodik im Fokus – und die speist sich mit den sanften Kometschweifen der keltischen Seele stets aus dem Mutterboden Connollys.
Aaron Neville Apache (Tell It Records/Rough Trade)
75 Jahre jung, 56 Jahre Karriere, und immer noch eine schmelzende Stimme, die man vor allem aus Balladen kennt. Mit Apache jedoch feiert Aaron Neville die ganze Palette knackiger New Orleans-Sounds, vereint die Sozialkritik des Siebziger-Motownsouls mit dampfendem Funk à la Meters und Neville Brothers. Ungebremste Bläserenergie entlädt sich im Opener „Be Your Man”, die beschwipsten Horns des Südens swingen in „Stomping Ground”, und die Jamsession „Fragile World” könnte geradwegs aus einer Kneipe im French Quarter tönen. „Ain´t Gonna Judge You” verströmt den schwülen Funk der Sümpfe mit tonnenschweren Bassriffs, dicke Soul-Patina schillert im sinnlich aufgeladenen „All Of The Above” und mit „Heaven” taucht der Mann mit dem charakterstarken Falsett tief in Gospelgefilde. Und dann zaubert der Grandseigneur für seine Gattin noch ein Doo Wop-Liebesständchen hin („Sarah Ann”), bei dem jede Dame schwach werden muss. Ohne Zweifel schon jetzt eines der Soulalben des Jahres.
Aaron Neville: „Be Your Man“ (live)
Quelle: youtube