50: Das Testosteron-Luftschiff

Auf diese Debüt-LP, die heute 50 Jahre alt wird, habe ich sehr verspätet reagiert. Inmitten der musikalisch düsteren Achtziger (1984, um genau zu sein), haben mein Cousin und ich sie in Endlosschleife gehört (und versucht, „You Shook Me“ nachzukrähen).

Ich war zu jung, um Robert Plant und die Seinen während ihrer Blütezeit in Aktion zu erleben. Die zwei Mal, die ich Plant auf der Bühne sah, waren trotzdem besonders: 1993 auf einem riesigen Feld in Oxfordshire, wo er für 10.000 Folkies spielte, eingeladen von der befreundeten Band Fairport Convention. Und dann, ein Vierteljahrhundert später, beim letztjährigen Stimmen-Festival mit seinen Sensational Spaceshifters, die noch deutlicher die latente Nähe zum Britfolk zelebrierten, die es bei Led Zepp immer gab.

Heute schreit sich ein großer Teil der Hardrocker Melodien aus der Kehle, die auch auf einem Kindergeburtstag laufen könnten, und Deutschlands führende Rockzeitschrift muss Werbung für die Bundeswehr schalten. Umso größer ist die Wehmut, die einen angehörs dieser ungestümen Anfänge des Genres erfasst.

Led Zeppelin: „Dazed And Confused“ (1969 live fürs dänische Radio)
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Auftakt mit Steinobst


Der Auftakt zu diesem Musikjahr ist tropisch grün – ein schöner Kontrapunkt zum grauen Winter, der im Flachland wieder nicht weiß werden will. Die kapverdische Sängerin Mayra Andrade wird in wenigen Wochen nach fünfjähriger Pause ihr neues Werk Manga veröffentlichen. Das ist das portugiesische – und in ihrem Falle auch kreolische – Wort für die Mango. Was dieses Video nicht enthält: Hinweise auf die korrekte Schältechnik des Steinobstes, dabei hätte ich die mal dringend gebraucht. Dafür gibt es bezwingende Klickgitarren, dezent-elegante afro-lusitanische Beats und einen sinnlichen Text mit fruchtigen Metaphern für körperliche Freuden. Demnächst im Blog mehr zu Senhora Andrades neuen Klängen.

Mayra Andrade: „Manga“
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Navegare necesse est

Caetano Veloso: „Os Argonautas“
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2019 – das Jahr runder Jubiläen von Entdeckern und Eroberern.

Am 20.7.1969 setzt erstmals ein Mensch seinen Fuß auf den Mond, 50 Jahre später trägt die dunkle Seite des Erdtrabanten erste chinesische Schriftzeichen.

Vor 500 Jahren, am 10.8.1519 startete Fernão de Magalhães, bei uns als Magellan bekannt, bei Sevilla zur ersten Weltumseglung, die er selbst nicht vollendete, dehnte damit das portugiesische Weltreich mit all seinen dunklen Konsequenzen für die lokalen Völker aus.

„Navegare necesse est, vivere non est necesse“ – Navigieren ist eine Notwendigkeit, leben nicht. Diesen Satz, den Plutarch Pompeius Magnus zuschrieb, lässt sich dichterisch, philosophisch und metaphysisch weiterspinnen, und viele haben es getan, Fernando Pessoa und Caetano Veloso unter ihnen.

Und so setzt der Brasilianer, der 2018 auf greenbeltofsound beschlossen hat, auch wieder den Startpunkt in diesem Jahr der Argo- und Astronauten – mit dem Mondlied „Lua, Lua, Lua, Lua“ (1975) und „Os Argonautas“ (1969).

Caetano Veloso: „Lua, Lua, Lua, Lua“
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Listenreich I: 20 Songs & Tunes für 2018

47soul (Palästina/Jordanien/Israel/USA/UK): „Gamar“
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Carminho (Portugal): „A Mulher Vento“
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Fatoumata Diawara (Mali): „Nterini“
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Fainschmitz (Österreich): „Delphine zählen“
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Die Feuersteins (Deutschland): „Trinklied vom Abgang“
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Great Lake Swimmers (Kanada): „The Talking Wind“
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Guy One (Ghana): „Bangere Tomme“
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Glen Hansard (Irland): „Time Will Be The Healer“
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Vardan Hovanissian & Emre Gültekin (Armenien/Türkei): „Vard Siredsi“
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Sophie Hunger (Schweiz): „I Opened A Bar“
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M3nsa feat. Amaarae (Ghana): „SDI“
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Medeiros / Lucas (Azoren): „Galgar“
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Ayça Miraç (Deutschland/Türkei/Lasistan): „E Aisye“
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Ed Motta (Brasilien): „The Tiki’s Broken There“
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John Smith (England): „Hummingbird“
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Talisk (Schottland): „Montreal“
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Vaudou Game (Togo/Frankreich): „Tata Fatiguée“
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Villagers (Irland): „Sweet Saviour“
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Dina El Wedidi (Ägypten): „Bzogh Elamar“
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Yad-e Doust Ensemble (Iran): „رابط صفحة القناة على الفايسبوك „
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Listenreich II: 25 Alben für 2018

3MA (Marokko/Mali/Madagaskar): Anarouz (Mad Minute)
Idris Ackamoor & The Pyramids (USA): An Angel Fell (Strut)
Baul Meets Saz (Türkei/Indien): Namaz (Galileo)
Stefano Bollani (Italien): Que Bom (Alobar)
Manu Delago (A/UK): Parasol Peak (One Little Indian)
Fatoumata Diawara (Mali): Fenfo (Wagram)
Dreamers‘ Circus (Dänemark/Schweden): Rooftop Sessions (Vertical)
Issa Ghaffari & Haleh Seyfizadeh (Iran): Sorrow, Like The Scent Of A Dress (Eigenverlag)
Bahur Ghazi’s Palmyra (Syrien/Schweiz): Bidaya (Jazzhaus Records)
Great Lake Swimmers (Kanada): The Waves, The Wake (Nettwerk)
Guy One (Ghana): #1 (Philophon)
Glen Hansard (Irland): Between Two Shores (Anti)
Vardan Hovanissian & Emre Gültekin (Armenien/Türkei): Karin (Muziek Publique)
Sophie Hunger (Schweiz): Molecules (Caroline)
López/Petrakis/Chemirani (Spanien/Griechenland/Iran): Taos (Buda Musique)
Medeiros / Lucas (Azoren): Sol Do Março (Lovers & Lollipops)
Ayça Miraç (Deutschland/Türkei/Lasistan): Lazjazz (Jazzhaus Records)
Ed Motta (Brasilien): Criterion Of The Senses (Must Have)
Punch Brothers (USA): Ashore (Nonesuch)
Indra Rios-Moore (USA/Puerto Rico/Dänemark): Carry My Heart (Verve)
John Smith (England): Hummingbird (Commoner Records)
Talisk (Schottland): Beyond (Talisk Records)
TotoBonaLokua (Martinique/Kamerun/DR Kongo/Frankreich): Bondeko (NoFormat)
Various Artists (Deutschland/Ghana/Verschiedene): Bitteschön, Philophon Vol.1 (Philophon)
Dina El Wedidi (Ägypten): Manam / Slumber (Kirkelig Kulturverksted)

 

Listenreich III: 20 Konzerte für 2018

Fatoumata Diawara, Heine-Park Rudolstadt 8.7. (Foto: Stefan Franzen)

WINTER
– Glen Hansard (Irland) – Volkshaus Zürich, 16.2.
– Sílvia Pérez Cruz (Katalonien) – Philharmonie Luxembourg, 15.3.
– Reis – Demuth – Wiltgen mit Joshua Redman & Vince Mendoza (Luxemburg/USA) – Philharmonie Luxembourg, 16.3.
– Nagash Ensemble (Armenien) – Salmen Offenburg, 21.3.Glen Hansard, Volkshaus Zürich, 16.2. (Foto: Heinz-Peter Mosebach)


FRÜHLING
– 3MA (Marokko/Mali/Madagaskar) – PROGR Bern, 18.4.
– João Nuno Bernardo Trio (Portugal) – Hot Clube de Portugal Lissabon, 24.5.
– Kayhan Kalhor (Iran) – Elbphilharmonie Hamburg, 7.6.
– Gustav Mahler: „Das Lied von der Erde“: Badische Staatskapelle, Daniela Sindram, Norbert Ernst (Deutschland) – Badisches Staatstheater Karlsruhe, 17.6.Kayhan Kalhor, Elbphilharmonie Hamburg, 7.6. (Foto: Stefan Franzen)

SOMMER
– Saz’iso (Albanien) – Stadtkirche Rudolstadt, 6.7.
– Shivkumar & Rahul Sharma (Indien) – Theater im Stadthaus Rudolstadt, 7.7.
– Fatoumata Diawara (Mali) – Heinepark Rudolstadt, 8.7.
– Indra Rios-Moore (USA/Puerto Rico/Dänemark) – Reithalle Riehen, 2.8.Shivkumar & Raul Sharma, Theater im Stadthaus Rudolstadt, 7.7. (Foto: Stefan Franzen)

HERBST
– Sophie Hunger & Matt Holubowski (Schweiz/Kanada) – Laiterie Strasbourg, 17.10.
– Idris Ackamoor & The Pyramids (USA) – Kaserne Basel, 9.11.
– Lloyd’s Choir London, Collegium Vocale Strasbourg-Ortenau, Sing-Akademie Ortenau (UK/Frankreich/Deutschland) – Église Saint-Paul Strasbourg, 17.11.
– John Smith / Josienne Clarke & Ben Walker (UK) – Bogen F Zürich, 28.11.
– Pulsar Trio (Deutschland) – E-Werk Freiburg, 8.12.
– Lula Pena &  Peter Schröder (Portugal/Deutschland) – Ev. Stadtkirche Lörrach, 9.12.
– Yumi Ito Orchestra (CH/PL/UK/F/E/GR/D) – Waldsee Freiburg, 11.12.
– Keren Ann & Quatuor Debussy (F) – Filature Mulhouse, 18.12. Keren Ann & Quatuor Debussy, Filature Mulhouse 18.12. (Foto: Stefan Franzen)

Terra 50


Das letzte 50-jährige Geburtstagskind für 2018.

Vor genau 50 Jahren, am Heiligabend 1968, nahm die Apollo 8-Mission diesen Erdenaufgang auf – und erstmals sah die Menschheit ihren eigenen Planeten aus Mondentfernung.

Caetano Veloso hat über diesen Anblick das schönste Lied geschrieben.

Allen Blog-Leser*innen fried- und seelenvolle Festtage und einen guten Start ins Jahr 2019.

Caetano Veloso: „Terra“
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Radiotipp: „Ich bin Soul ’69“


„Ich bin Soul ‘69“ – eine Aretha Franklin-Platte erzählt
SRF 2 Kultur – Passage
21.12.2018, 20h00 (Wdh. 23.12.2018, 15h03)

Eine Hommage von Stefan Franzen

Am 16. August dieses Jahres starb Aretha Franklin. Oft ist ihr Leben nachgezeichnet worden, von Biographen, Musikkritikern, Wegbegleitern. Eine Schallplatte allerdings hat wohl noch nie Franklins Vita erzählt. Im Januar wird „Soul ‘69“, das sechste Album der Sängerin für Atlantic Records 50 Jahre alt – und kurz vor ihrem runden Geburtstag lässt sie das Leben der Queen of Soul durch ihre Rille ziehen.

„Mein Körper ist voller Schrunden und Schrammen, aber meine Seele habe ich von Aretha“, sagt „Soul ’69“. Wenn die alte Schallplatte erzählt (Sprecherin: Sabine Trieloff), wird Aretha Franklins Geschichte lebendig: Von ihrer Geburt in Memphis zu den frühen Prägungen in der Gospelschule des Vaters, von ihrer Verehrung für Dinah Washington und ihrer Freundschaft zum späteren Motown-Star Smokey Robinson bis zu den Jazz- und Easy Listening-Jahren bei Columbia Records. Und schließlich ihre Metamorphose zur größten Soulstimme aller Zeiten bei Atlantic, mit Hits wie „Respect“ und „Natural Woman“. Hier wurde sie auch zur Ikone der schwarzen Bürgerrechtler und der für Gleichberechtigung kämpfenden Frauen.

Die Hörer tauchen in die Entstehung und die Musik von „Soul ’69“ ein. Franklins sechstes Werk für Atlantic Records hat eine Sonderstellung unter ihren Alben für das New Yorker Label: Produzent Jerry Wexler paarte Arethas vorwiegend weiße Begleitband mit der ersten Riege der New Yorker Jazzszene. Größen wie Ron Carter, Junior Mance, Joe Zawinul, King Curtis und David Newman waren bei den Sessions mit von der Partie.


Die zwölf Stücke, unter ihnen bekannte Songs wie „Crazy He Calls Me“, „Gentle On My Mind“ oder „Tracks Of My Tears“ überwinden stilistische Grenzen und Epochen: Franklin selbst wählte sie aus, vereint in ihrer machtvollen Soulstimme Blues, Gospel, Pop, Country und Folk, all dies gebündelt in den Bigband-Arrangements von Arif Mardin. Im Studio erwies sich jedoch Franklin selbst als die Dirigentin des Geschehens, die mit ihrer unvergleichlichen Vokalkraft das gesamte Orchester unter Kontrolle hatte.

„Soul ‘69“ entstand darüber hinaus in einer turbulenten Zeit für die Protagonistin: Kurz vor dem Start der Sessions wurde ihr enger Freund Martin Luther King erschossen, die Aufnahmen musste sie für ihre erste, triumphale Europatournee unterbrechen, und die dramatische Trennung von Ehemann Ted White hinterließ ebenso ihre Spuren in den Aufnahmen.

Aretha Franklins Gesang war zeitlebens geprägt von dem Dilemma zwischen der bitteren Erde und der himmlischen Glut, zwischen dem Käfig des Körpers und der spirituellen Sphäre. „Den Körper braucht es den für den Soul“, sagt die Schallplatte „Soul ‘69“. Denn in ihrem eigenen schwarzen Leib aus Vinyl erklingt die Stimme der Königin, lebt weiter, auch nach Franklins Tod.

Die Sendung ist hier zu hören und auch downloadbar:
https://www.srf.ch/sendungen/passage/ich-bin-soul-69-eine-aretha-franklin-platte-erzaehlt

Am 25.12. um 20h gibt es dann die Sendung „Aretha Franklin – eine spirituelle Sängerin auf der Bühne“, in der es um „Live At Filmore West“ und insbesondere um das Gospel-Album „Amazing Grace“ geht – hierfür ist auch ein Pfarrer ins Studio eingeladen. Dieser Tage wurde bekannt, dass Sydney Pollacks Film zu diesen Gospelsessions nach 46 Jahren tatsächlich Anfang 2019 in die Kinos kommen soll.
https://www.srf.ch/sendungen/srf-2-kultur-musik/aretha-franklin-eine-spirituelle-saengerin-auf-der-buehne

Aufbruch aus dem Korsett

Carminho
Maria
(Warner)

Mit drei in rascher Folge erschienenen Alben hat sich Portugals Shootingstar einen festen Platz in der jungen Fadoszene gesichert, bevor sie sich 2016 auch mit Jobim-Interpretationen auf Brasilianisches eingelassen hat. Die Rückkehr zum Fado auf Album Nummer fünf geschieht nun unter veränderten Vorzeichen. Carminho präsentiert auf „Maria“ (Warner) etliche Eigenkompositionen, die dem klassischen Klang des Genres eigene Feinheiten hinzufügen. Wie sie es auch gerne in Liveshows handhabt, interpretiert sie einen Fado a cappella – ein grandioser Streich, mit dem sie die souveräne Expressivität ihrer Stimme gleich zum Auftakt untermauert. In der Folge wechseln „konservative“ Fado-Besetzung im Quartett mit einer freien Sprache ab, die das strenge harmonische Korsett des portugiesischen Nationalgenres verlässt.

„O Menino E A Cidade“ ist so ein Highlight, auf dem die guitarra portuguesa durch eine Schicksalsballade für einen Stadtjungen leitet. In „As Rosas“ lässt sie sich im fast romantisch-liedhaften Sinn nur vom Piano begleiten. Am weitesten von der Schwerkraft des Fados entfernt sich Carminho in „Estrela“, wenn sie erstmals in ihrem Repertoire überhaupt zur E-Gitarre greift und eine nackte Indierock-Ballade in ihrer ureigenen Machart erschafft. „Pop Fado“ transferiert die fröhlichen und tänzerischen Farben des Fadorepertoires auf eine genauso elektrifizierte Besetzung. Und eine grandiose Dramaturgie wohnt in „ A Mulher Vento“, ein Reverenz an die weibliche Stimme als Naturkraft. Carminhos Weg von der Fadista zur Songwriterin erzeugt kein Entweder-Oder, vielmehr bringt sie beide Facetten erstmalig überzeugend unter ein Dach.

Carminho: „A Mulher Vento“
Quelle: youtube

Abschied von der Wandelbaren

Gestern Abend ist im Alter von 81 Jahren die großartige US-amerikanische Sängerin Nancy Wilson gegangen. Mit eleganter Stilsicherheit, souveränem Gespür für den richtigen Song und mit genauso erhabener wie neckischer dunkler Wärme hat sie die durchlässigen Linien zwischen Jazz, Soul und Pop Jahrzehnte lang gekreuzt. Wohl nie hat eine Vokalistin die betrogene Frau mit so überzeugender Geste gesungen wie sie in ihrer Interpretation des Standards „Guess Who I Saw Today“ vom frühen Capitol-Album Something Wonderful (1960).

Nancy Wilson: „Guess Who I Saw Today“
Quelle: youtube