Wall Of Sound der Wildnis (#13 – Canada 150)

The Besnard Lakes (Saskatchewan)
aktuelle Alben: The Besnard Lakes Are The Divine Wind (EP) /
A Coliseum Complex Museum (beide: Jagjaguwar)


Kanadas Rockmusik ist in meiner Serie bislang etwas kurz gekommen. Vielleicht liegt das daran, dass ich ein wenig Vorbehalte habe, ist man doch als Kind der 70er und 80er durch Leute wie Bryan Adams oder Alanis Morissette nicht optimal vorgeprägt. Doch jenseits des Mainstreams ist die Rockszene des Ahorn-Landes spannend, vielfältig, untergründig, psychedelisch, sphärisch – ein bisschen von alldem findet sich im Sound der Besnard Lakes um das Ehepaar Jace Lasek und Olga Goreas, die in Montréal wirken, aber ihre tiefen Wurzeln in der Einsamkeit von Saskatchewan haben. Mit Lasek habe ich mich bereits im letzten Sommer, vor meiner Kanadareise unterhalten.

Jace, ihr habt die Band nach einem See benannt, und wenn man eure Cover anschaut, könnte man vermuten, dass die Natur euch eine sehr große Inspirationsquelle liefert.

Jace Lasek: 80 bis 90 Prozent unserer Bevölkerung sitzen ja an der kanadisch-amerikanischen Grenze, und der Rest ist einfach Wald und Wildnis. Wir haben unheimlich viel offene Landschaft, das macht es leicht, campen zu gehen. Zum Besnard Lake gehen meine Frau und ich seit 20, 25 Jahren immer wieder hin. Er hat etwas Besonderes, wie jeder Ort, an dem du den Zugang zu Kommunikationsmöglichkeiten verlierst. Es ist sehr abgelegen, du bekommst das Gefühl, dass du dort der einzige Mensch bist. Ich kann da wirklich vom Montréaler Alltag abschalten, wo ich lebe und Platten produziere. Es ist eine so schöne Landschaft, sie inspiriert mich. Wir nehmen manchmal Gitarren mit und schreiben, meistens aber gehen wir dahin, um einfach nichts zu tun und uns zu re-setten, was für jeden Menschen wichtig ist.

Könnte man sagen, dass eure Musik diese offenen Landschaften widerspiegelt? Dieser Wall Of Sound, der in euren Stücken zu hören ist, auch die Tatsache, dass die Gesangsspuren nicht im Vordergrund sind, sondern als Textur in das Geschehen eingewoben sind?

Lasek: Ich denke ja. Das und auch die Länge der Songs, die Zeit, die sie brauchen, um sich zu entwickeln und der Raum, der durch diese Zeit entsteht. Wir kreieren gerne Atmosphären und Landschaften, die sich aufbauen. Ich bin in der Prärie groß geworden, da ist es topfeben. Und der Klangcharakter dieser Ebene, dieser Flachheit übersetzt sich für mich in lange Borduntöne, die lange brauchen, um sich in irgendetwas zu verwandeln. Ich liebe Bordune, und dieser Aspekt der Musik ist sehr wichtig für die Band, die Natur hat einen großen Einfluss darauf. Viele Leute sagen ja, dass die Prärie nicht schön ist, weil sie einfach nur flach ist. Aber ich denke, gerade deshalb ist sie schön, das Schöne liegt im Subtilen. In einer Bergwelt das Schöne zu entdecken, ist einfach, aber in der Prärie musst du schon genau hinschauen, um sie zu entdecken. Und das übersetzt sich dann eben in die Musik, die Ambience. Du musst dich hinsetzen und auf die Schönheit warten, du bekommst keine sofortige Befriedigung. Ich mag es nicht, wenn die Natur ein Feuerwerk auf mich abschießt. Du musst dir diese Schönheit verdienen. Und damit kommen wir zurück zu den Besnard Lakes: Du musst deinen Geist leeren, zuhören und ein Teil der Hörerfahrung werden, die du gerade machst. Nicht ein Knall, und dann geht man zum nächsten Ding über, so wie das heute jeder will im Internetzeitalter.

Diese vielen Gesangsspuren, die ihr übereinander legt: habt ihr da Einflüsse von den Beach Boys übernommen, von ihrem Pet Sounds-Album? Oder um eine etwas jüngere Parallele zu zitieren: Die Fleet Foxes?

Lasek: Von den Beach Boys und auch den frühen Bee Gees auf jeden Fall. Als ich aufwuchs, hat mein Dad im Auto immer diese beiden Bands gehört. Das habe ich als Kind aufgesogen und es wurde ein Teil von mir. Vokalmusik ist für mich das Größte, wenn ich Harmonien höre, dann bin ich aus dem Häuschen. Bei den Fleet Foxes stehen die Vocals ja mehr im Vordergrund, wir legen Wert darauf, dass sie eher Textur, Ambience sind. Wir wollen, dass sie „drinsitzen“, als ein Instrument von vielen und nicht nach dem Motto „Vocals und der Rest der Band“.

Vor einiger Zeit seid ihr von Vancouver nach Montreal gezogen. Wie hat sich diese neue Heimat auf den Sound der Besnard Lakes ausgewirkt?

Lasek: Die Stadt hatte immer eine sehr experimentelle Szene, die musique concrète zum Beispiel war sehr wichtig. Als ich das erste Mal 2000 nach Montréal gezogen bin, gab es dort Alien 8 Records und Constellation Records, die kümmerten sich um Bands wie Fly Pan Am und Godspeed! You Black Emperor oder Tim Hecker. Die haben damals das Spektrum erweitert, haben die Indierock-Szene begründet. Wir haben diese Einflüsse aufgesogen und auch für uns wurde es wichtig, neue Grenzen auszuloten, wir dachten, wir sind das in dieser Stadt unseren Mitstreitern schuldig. Wir wollten das ohnehin tun, hatten aber bis dahin nur Entmutigung erfahren. Zu sehen, dass um uns herum Leute sind, die damit erfolgreich sind, führte uns vor Augen, dass wir es auch schaffen könnten, und dass wir stolz darauf sein könnten. Es war für uns damals der perfekte Ort, ungehindert das zu tun, was wir wollten, ohne dass man auf uns herabschaut, im Gegenteil: Alle waren sehr hilfsbereit.

Bist du Teil der Mile End-Szene?

Lasek: Mein Studio Breakglass ist nördlich von Mile End. Ich habe fünfzehn Jahre in Mile End gelebt. Jetzt lebe ich außerhalb der Stadt, habe aber immer noch einen Platz zum Schlafen dort. Über die Jahre sind wir in Mile End gute Freunde geworden, ich habe beim ersten Wolf Parade-Album mitgewirkt, Godspeed! sind Freunde von mir, ich kenn ein paar Leute von Arcade Fire. Es ist eine Szene, aber das liegt daran, dass wir einfach alle im selben Viertel leben. In Montreal sind die Musiker sehr freundlich zueinander. Ich war in anderen Städten nie ein Teil einer Szene, deshalb kann ich das schlecht vergleichen. Aber Bands, die die Vergleiche kennen, sagen, dass das Besondere an Montréal ist, dass es ein Miteinander und keinen Wettbewerb gibt. Wenn du Erfolg hast, dann freuen sich die anderen für dich. Und das Musikgeschäft ist hart, es gibt viel Eifersucht, also ist es cool, in einer solchen Umgebung zu sein.

Montréal hat ja im Gegensatz zu Vancouver einen harten Winter. In meinem Lieblingstrack „Pressure Of Our Plans“ vom Coliseum…-Album habe ich ein paar Schneemotive entdeckt. Hat der Winter einen Einfluss auf euren kreativen Prozess?

Lasek: Auf jeden Fall! Der Winter isoliert dich. Wo ich aufwuchs, am Besnard Lake in Saskatchewan, da wird es wirklich richtig kalt, da willst du nicht raus. In Montréal ist es lang nicht so schlimm, außer im Januar, Februar. Da schreiben wir das Gros unserer Songs, du bleibst einfach drinnen. Ich möchte trotzdem immer an einem Ort sein, wo es Winter gibt, denn es ist cool drinnen zu bleiben, ein Feuer anzumachen, es gemütlich zu haben und Musik zu erfinden. Du weißt dann, du bist isoliert, draußen ist viel Schnee, niemand kann dich hören: Alle diese Faktoren ergänzen sich. In Breakglass ist unsere umtriebigste Zeit Januar bis März, niemand will auf Tour gehen.

Bekommt ihr mit eurer außergewöhnlichen Musik Airplay über die spezialisierten Sender hinaus, gibt es eine mediale Infrastruktur, die euch unterstützt?

Lasek: Ja, wir bekommen da Unterstützung. Es gibt bei der CBC ein drittes Programm, da spielen sie uns. Die große Rockstation in Montreal spielt uns ebenso. Von ein paar Songs gibt es editierte Versionen, die radiofreundlich sind, zum Beispiel von „Golden Lion“ oder „Albatross“. Wir sind überrascht, dass die das spielen!

The Besnard Lakes: „Albatross“
Quelle: youtube

Ihr setzt auf dem aktuellen Album etliche analog klingende Keyboards ein, mich erinnert das an den Mellotron-Sound. Ist das eure Philosophie, „alte“ Sounds zu verwenden?

Lasek: Wir haben immer analoges Equipment geschätzt. Wenn du dich an ein altes Instrument setzt, passiert etwas ganz Anderes, als wenn du mit einem digitalen Instrument spielst. Du sitzt da mit dem Bewusstsein, dass vielleicht ein paar hundert Leute das Ding über die 30 zurückliegenden Jahre gespielt haben und es inspiriert dich, es gut zu spielen, Spaß damit zu haben. Das Alter der Instrumente verursacht kleine Eigenarten, irgendetwas funktioniert daran nicht, und du kannst diese Marotten auch verwenden und einarbeiten. Deshalb verwenden wir auch Tapes für den Hall, denn die arbeiten nie ganz lupenrein, sie eiern. Wie beim Mellotron-Sound, obwohl ich zugebe, dass wir ein digitales Mellotron verwendet haben.

Kommen wir zum Album Coliseum Complex Museum. Was ist das für ein Museum?

Lasek: Wir fuhren durch Texas. Da sahen wir ein Hinweisschild, auf dem stand: „Coliseum“. Dann folgte ein Pfeil und der wies auf „Complex“, und dann ein weiterer Pfeil, der wiederum zu „Museum“ wies. Ich sah die drei Wörter zusammen und dachte mir: „Oh, ein Coliseum Complex Museum, das würde ich gerne besuchen und rausfinden, was das ist!“ Ich schrieb es auf, und dann hatten wir die Idee für dieses perfekte Cover dazu. Wenn ich anfange, Texte zu schreiben, starte ich gern mit einem Bild oder einer Szene. Dieses Museum wurde zu einem Ort, das ich vor meinem inneren Auge erstehen lassen konnte, während ich die Texte schrieb. Die Kugel auf dem Cover ist der Außerirdische, der den Eingang zum Museum unter Wasser ermöglicht.

Das hört sich alles sehr nach Science Fiction an. Eurer Cover sieht auch ein bisschen aus wie eine Serie, die bei uns in den 1960ern lief, „Raumpatrouille Orion“. Da kam ein Raumschiff aus dem Wasser heraus.

Lasek: Das gibt‘s doch nicht!

Ich habe noch eine andere Science-Fiction-Anspielung gefunden: Der Titel „Necronomicon“ ist ja auch eine Geschichte von H.P. Lovecraft. Seid ihr Science-Fiction-Fans?

Lasek: Ja, sicher. Ich lese nicht viel, schaue aber viele Filme. Für mich geht es da mehr um das Unerforschte, das außerirdische Leben, das Paranormale. „Necronomicon“ ist ja kein wirklich existierendes Buch, man hat versucht, es als etwas Reales darzustellen. Die Idee des Paranormalen wird ja dazu benutzt, seltsame Welten zu erschaffen, das ist der Science Fiction-Aspekt, der mich fasziniert.

The Besnard Lakes: Necronomicon“
Quelle: youtube

Und was hat es mit diesen Symbolen, den Piktogrammen in der CD auf sich?

Lasek: Das sind Siegel, die meine Frau Olga entworfen hat. Es sind elf, und jedes hat eine andere Bedeutung. Es gibt einen Prozess, den du durchläufst, um sie zu schaffen. Du schreibst Dinge auf, die du erreichen willst, alle positiv, zum Beispiel Liebe, Erfolg oder Gesundheit. Am Schluss bleiben Buchstaben übrig, die du auseinandernimmst, und dann entsteht ein solches Symbol, ein Siegel. Du sollst sie dann visualisieren, und dann werden deine Wünsche wahr.

Funktioniert das denn?

Lasek: In gewisser Weise ja. Olga hat das im Scherz angefangen, um zu sehen, ob es denn funktioniert. Es ist wie beim Lotto: Wenn du einmal einen Schein ausgefüllt hast, dann machst du das jede Woche, denn wenn du eine Woche auslässt, glaubst du, dass du genau in dieser Woche gewonnen hättest. Aber wir führen ohnehin ein ziemlich glückliches Leben, und das können wir nicht alles diesen Siegeln zuschreiben (lacht).

In den ersten beiden Songs geht es scheinbar um seltsame Tiere: „The Bray Road Beast“ und der „Golden Lion“. Was hat es mit denen auf sich?

Lasek: Da spielt wieder das Paranormale rein. „The Bray Road Beast“ war ein Wesen, das in Amerika gesichtet wurde, so eine Art Bigfoot oder Yeti. Als ich die Texte geschrieben habe, stellte ich mir vor, wie das Beast an die Tür des Museums kommt und die Leute grüßt. Der „Golden Lion“ ging herum und servierte Drinks. Es sind diese komischen Wesen, halb Tier, halb Mensch, die in einer Sphäre existieren, die nicht real ist. Wesen, die in diesem im Museum zu finden sind.

Der letzte Song auf dem Album nennt sich „Tungsten 4 – Refugee“. Es geht also einerseits um das Element Tungsten (deutsch: Wolfram), und dann um einen Flüchtling – spielt ihr damit auf die aktuelle Situation der Flüchtlinge weltweit an? Und wie passen diese beiden Teile zusammen?

Lasek (lacht lange und herzlich)

Wenn es ein Geheimnis bleiben soll, ist das für mich auch OK!

Lasek: Also erst einmal „Tungsten“. Ich habe einen Abschluss als Fotograf gemacht. Tungsten bezeichnet auch das Verhältnis von Filmmaterial und Licht, das davon abhängt, wie viele Kelvin-Einheiten das Licht hat. Vor Jahren, als ich Musik in der Anfangsphase dieser Band schrieb, erfand ich einen 20 Minuten langen Songs, derhieß „Live Rarely Begins With A Tungsten Film“. Ich war damals auf der Kunsthochschule und wir sprachen über den Tungsten-Film. Dieser Song wurde nie veröffentlicht, aber als ich weitere Songs schrieb, entnahm ich Elemente daraus. Daraus wurde „Tungsten 1,2, und 4“. 3 ist noch nicht veröfentlicht.

„The Refugee“ haben wir geschrieben, als die Flüchtlingskrise erst anfing. Es hat nichts mit ihr zu tun, hat aber durch den neuen Zusammenhang ein Eigenleben entwickelt, und das mag ich an Songs. Eigentlich geht es um die 1700 und 1800er in den USA, den Wilden Westen. Um eine Figur, die heimatlos herumstreift, Gold stiehlt, eine Art Robin Hood-Charakter, der aber auch Böses tut. Es geht  um berühmte Menschen, die aber auch schlecht sind, wie Charles Manson zum Beispiel, dem wir gerne dabei zusehen, wie er schlimme Dinge tut, und wie wir sie dadurch berühmt machen, weil wir uns an ihren schlechten Taten nähren. Aktuelles Beispiel: Donald Trump. Wir verschlingen Artikel über ihn, finden ihn grauenhaft, aber er ist wie ein Autounfall, dem du einfach zugucken musst.

Darum liest man nicht viel über Trudeau.

Lasek: Ja! (lacht) Er scheint noch alles richtig zu machen!

© Stefan Franzen

The Besnard Lakes: Live @ The Guess Who
Quelle: youtube

Zum Weiterlesen: Ein Interview mit Scenic Route To Alaska, einer weiteren aktuellen kanadischen Rockband, Herkunftsprovinz Alberta, findet sich hier.