Side tracks #19: Texas Eagle & Sunset Limited

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flagge-vereinigte-staaten-von-amerika-usa-flagge-button-50x75Billy Bragg & Joe Henry
Shine A Light
(Cooking Vinyl/Sony) 

Für einen Produzenten, der im Studio einen sehr eigenen, ausgetüftelten Sound schafft, müssen Feldaufnahmen wohl ein Graus sein. Nicht im Falle von Joe Henry: Mit seinem britischen Kumpan Billy Bragg nutzte er Schlafwagen, Gleise und Bahnhofshallen als Aufnahmeort. Die musikalische Zugreise quer durch die USA erscheint nun als Shine A Light. Zum Album habe ich Joe Henry interviewt.

Wenn die beiden Herren mit ihren Gitarren an diesem frühen Märzmorgen durch die große Halle der neoklassizistischen Chicago Union Station schreiten, fällt dem Zuschauer des Promoclips vor allem eines auf: die heutige Überdimensionierung des fast leeren Gebäudes. Bahnfahren in den USA scheint im Jahre 2016 kein großes Thema mehr zu sein. Fast beschwörend sagt Billy Bragg: „Wir wollen die Kunde verbreiten, dass es noch einen anderen Weg gibt, Amerika zu durchqueren.“ Die Idee des britischen Woody Guthrie-Verehrers und politisch engagierten Songwriters: Mit seinem alten Freund Joe Henry, der schon sein letztes Werk Tooth & Nail produziert hatte, die Staaten auf Schienen zu bereisen und die Unplugged-Reise auf einem Album zu dokumentieren.

„Für dieses Thema musste jemand kommen, der aus der Distanz draufschaut, der die Bedeutung der Eisenbahn für unser Selbstverständnis und unsere Mythen quasi aus der Vogelperspektive begreift“, erläutert Henry mir am Telefon in seinem kalifornischen Domizil. Doch wie ließ es sich verhindern, dass eine solche Liederreise nicht in den Fallsticken der Nostalgie landet? „Es stimmt, viele Amerikaner denken, dass Bahnfahren etwas furchtbar Antiquiertes ist, dabei hängen auch heute noch so viel Industriezweige, so viele Frachtbewegungen von ihr ab. Unser Leben wird nach wie vor von den Schienensträngen gewoben, die Eisenbahn ist ein aktiver, kein toter Teil unserer Mythologie“, befindet Henry.

Um die Verbindung zwischen Vergangenheit und Heute zu untermauern, wählte das transatlantische Duo zwei Strecken, die sowohl große Geschichte als auch einen zeitgemäßen Bezug haben: Der Texas Eagle zwischen Chicago und San Antonio brachte währen der Depression unzählige Arbeitssuchende aus dem Süden in die Ballungszentren des Midwest, der Sunset Limited von Texas nach Los Angeles fährt einen guten Teil der Strecke an der US-mexikanischen Grenze entlang, die heute ständig in den Schlagzeilen ist. Einen zeitgemäßen Bezug hat aber auch das Repertoire: Natürlich sind einschlägige Klassiker wie Jean Ritchies „The L&N Don‘t Stop Here Anymore“ zu hören, oder „Waiting For A Train“ vom Jodelkönig des Country Jimmy Rodgers, ferner Leadbellys „Midnight Special“ oder das von Doc Watson bekannt gemachte Tribut an den legendären Stahlarbeiter John Henry.

Doch abseits der Country-, Folk- und Blues-Standards siedeln auch jüngere Songs im Reisetagebuch. „Es ging uns nicht nur um die Lieder unserer Eltern, wir wollten auch mit neueren Titeln zeigen, wie sich das Verhältnis zur Eisenbahn während unserer eigenen Lebenszeit verändert hat“, erläutert Herny. „Nimm ‚Early Morning Rain‘ von Gordon Lightfoot: Der Erzähler bedauert den Einbruch der Zukunft und spielt auf die Flugzeuge an, während er, der im Hobo Jungle, dem Umfeld der Obdachlosen lebt, immer noch an der Eisenbahn festhält. Oder ‚Gentle On My Mind‘ von John Hartford: Das lyrische Ich läuft die Gleise lang, die Eisenbahn steht nicht im Fokus, aber die Schienenstränge begleiten ihn, legen die Stimmung fest. Du kannst das damit vergleichen, dass ein Songwriter in den Lyrics das Wetter einbaut.“

Der Album-Untertitel Field Recordings From The Great American Railroad ist hier ganz wörtlich zu nehmen: Zuvor hatten die beiden zwar einen Grundstock von Songs in Henrys Haus geprobt, doch auch während der Jamsessions im Schlafwagen wurden noch neue Stücke in die Liste eingebaut, um auf das Gefühl des Unterwegsseins live zu reagieren. Je nach Aufenthaltsdauer des Zuges konnten sie die Mikros hastig am Gleis aufbauen und ein, zwei Takes aufnehmen, ab und zu auch mal in der Bahnhofshalle ein Set spielen. „Für viele Leute waren wir einfach ein Geräusch auf dem Bahnsteig“, lacht Henry. „Groß beachtet haben sie uns nicht. Wir wurden ein Teil ihres Alltags, so wie in der Zeit von Woody Guthrie, als es überhaupt nichts Außergewöhnliches war, dass da ein Typ mit einer Gitarre am Gleis steht und singt.“ Nach viereinhalb Tagen schließlich erreichten die beiden L.A.: Zum Zirpen der Grillen stellten sie sich an die Gleise, ein letztes Stück wurde im Morgengrauen eingespielt. Dann ging es zurück -per Flugzeug freilich.

© Stefan Franzen

Billy Bragg & Joe Henry: „Midnight Special“
Quelle: youtube