Sechzehn Jahre gereift

Seu Jorge
The Other Side
(Amor In Sound)

Whisky reift sechzehn Jahre. Aber ein Album? Klingt rekordverdächtig, doch die lange Entstehungsgeschichte hat sich gelohnt: „The Other Side“ (Amor In Sound), das neue Werk des Brasilianers Seu Jorge, ist ein ganz großer Wurf, der auch einen großflächigen Sound braucht. Der Engländer sagt „cinematic“ dazu, und das passt ja auch bei diesem Mann, der seit seiner Rolle in „Cidade De Deus“ (2002) mindestens ebenso Leinwandheld wie Musiker ist. „The Other Side“ entstand in L.A. im engen Austausch mit Produzent Mario Caldato Jr. (Beastie Boys) und ist getränkt von einer süffigen, räumlichen Streicher-Ästhetik, wie sie ihn in den 1970ern in Brasilien etwa ein Artur Verocai gepflegt hat.

Vom ersten Moment mit „Crença“ wird man in diese Traumsphäre hineingezogen, wenn Seu Jorge zu schwülen Geigenoktaven und Orgel-Hicksern seinen charismatischen Reibeisen-Bariton ins Spotlight stellt. Aus der träumerischen Herbsthymne „Vento De Maia“, ein Duett mit Maria Rita, der Tochter von Elis Regina, die es einst selbst sang, wird ein erschütterndes Drama, flankiert von flirrenden Tremoli und Bläserfanfaren. Den einstigen Psychedelic-Soulkracher „Girl You Move Me“ wandelt er zu balladesker Orchestergrandezza. Leichtfüßig tänzelnde

Samba-Interludien wie etwa „Quando Chego“ mit Marisa Monte bilden das notwendige Gegengift zum Breitwandigen. Ein klein wenig beliebig mit Sonnenuntergangs-Romantik wird es ausgerechnet mit Gastsängerin Marie Deaulne von Zap Mama – was aber wieder wettgemacht wird durch die coole Erotik-Bossa an die „Beleza Bárbara“, demütiges Bekenntnis eines Verfallenen.

© Stefan Franzen

Seu Jorge: „The Other Side“
Quelle: Bandcamp

 

Radiotipp: Musikalischer Farbkasten

Foto: Vladim Vilain

Musikalischer Farbkasten
– ein Porträt der Sängerin Dominique Fils-Aimé

JazzFacts im Deutschlandfunk – Donnerstag, 9.7.2026 – 21h

Sie ist das bekannteste Gesicht der franko-kanadischen Black Music-Szene. In den Songs von Dominique Fils-Aimé begegnen sich Blues, Jazz und Soul, karibische Rhythmen, Stimmenschichtungen à la Zap Mama und Bobby McFerrin. Für Fils-Aimé hat Klang eine heilende Kraft – und er hat auch eine visuelle Komponente: Die 41-Jährige aus Montréal verfügt über die Gabe der Synästhesie, sie sieht Farben in den hörbaren Frequenzen.

Spät kam sie zur Musik: Nachdem sie als Psychologin mit autistischen Menschen gearbeitet und ein Burn Out erlitten hatte, entdeckte Fils-Aimé den Gesang als neuen Anker in ihrem Leben. Durch Solo-Experimente mit ihrer Stimme entwickelte die Frau mit haitianischen Wurzeln einen unverwechselbaren Stil, der zudem durch Farben geprägt ist: Ihre erste Alben-Trilogie widmete sich der afro-amerikanischen Musikgeschichte mit Blues, Jazz und Soul in den Grundfarben Blau, Rot und Gelb. In ihrer zweiten Trilogie erzählt sie persönlichere Geschichten in Mischfarben: Ihr aktuelles Werk „My World Is The Sun“ ordnet sie dem Farbton Violett und dem Kronen-Chakra zu, das für Spiritualität und den Kontakt zur göttlichen Sphäre steht.

Im April konnte ich Dominique Fils-Aimé in Mulhouse zu einem langen Interview treffen. Die JazzFacts im Deutschlandfunk strahlen nun mein Porträt aus, am Donnerstag den 9.7. von 21 bis 22 Uhr. Viel Spaß beim Zuhören !

JazzFacts

Dominique Fils-Aimé live:
8.7. Gretchen Berlin, 9.7. Kulturzelt Kassel, 11.7. ELBJAZZ Hamburg, 12.7. Jazz Festival Gent (BE), 14.7. Kulturfestival St.Gallen (CH), 15.7. Autostadt Sommerfestival Wolfsburg, 17.7. Kulturarena Jena

Sommergroove aus Abidjan


Im berühmten ivorischen Künstlerdorf Ki Yi M’Bock hat sie ihre Karriere begonnen, war später mit ihren Basskünsten bei Zap Mama und startete dann eine feine Sololaufbahn. Auf ihren Alben gehen Funk, Afropop, ivorische Trommelrhythmen und komplexes Songwriting Hand in Hand. Für mich ist Manou Gallo eine der stärksten Frauenfiguren der westafrikanischen Musik. Der Vorbote aus ihrem neuen, im Herbst erscheinenden Album kommt als lustiges Duett mit Bootsy Collins gerade richtig für diese heißen Sommertage.

Manou Gallo feat. Bootsy Collins: „ABJ Groove“
Quelle: youtube