Ein Mann weint nicht

João Afonso
Todo Tempo

(Lusitanian/Broken Silence)

Vertraut klingt der Name im musikalischen Kontext – und tatsächlich: João Afonso ist der Neffe des 1987 verstorbenen Liedermachers und Dichter des Nelkenrevolution-Liedes „Grândola, Vila Morena“, José „Zeca“ Afonso. Im Laufe der letzten 30 Jahre hat der Songschreiber, Sänger und Gitarrist im ruhigen Gang neun Alben veröffentlicht, die hierzulande meist Kennern vorbehalten blieben. Todo Tempo bündelt seine Schöpferkraft musikalisch und poetisch. Im Titeltrack paaren sich trabende rhythmische Ausgestaltung und eine melancholische Melodie zu ruhigen Bläsersätzen. Fast klassisch wird es in Balladen wie „Pernoitas Em Mim“, nur mit Klavier und Cello textiert. Mit „Um Homem Não Chora“ (ein Mann weint nicht) ist eine eingängige Folkpop-Hymne gelungen.

Im Mittelpunkt steht dabei immer Afonsos sensible Stimme, die sich zwischen Verletzlichkeit und kräftigem Volksliedton aufspannt. Ein wichtiger Aspekt des Songzyklus ist Afonsos persönlicher Hintergrund: Er wuchs noch während der Kolonialzeit in Mosambik auf, afrikanische Tönungen scheinen daher in der reichen rhythmischen Ausgestaltung, aber auch in Melodien und Instrumentierung durch, etwa in der Gitarrenarbeit von „Matope“ oder der tänzerischen Unbeschwertheit von „Sonhei-te“, der Rão Kyãos Flöten-Interludien sogar einen Schuss Indien-Flair hinzufügen. Organisch wird der tropische Aspekt zur rustikalen Tönung portugiesischer Saiteninstrumente gruppiert. Schwelgerischer Höhepunkt: Die ruhige Nummer „Guardião Das Estrelas“, bereichert durch den Frauenchor CouraVoce.

© Stefan Franzen

João Afonso: „Todo Tempo“

Die Musik der Morgenröte

Foto: Nick Boothman

Heute darf ich euch auf eine Passage im Schweizer Rundfunk hinweisen, in der es um den portugiesischen Liedermacher José Afonso geht:

SRF 2 Kultur – Passage
Freitag, 13.01.2023 – 20-21h
José Afonso – musikalischer Pionier zwischen Poesie und Politik

von Stefan Franzen

Sein Lied „Grândola, Vila Morena“ gab am 25. April 1974 das Startsignal für die Nelkenrevolution. Für viele Portugiesen ist José Afonso eine der wichtigsten Persönlichkeiten des Landes. Nun wird sein Werk auf dem eigens gegründeten Verlag Mais 5 neu aufgelegt.

Lehrer, Sänger, Antifaschist – die biographischen Facetten des 1987 verstorbenen Liedermachers sind vielfältig. Mit bildreicher Poesie kämpfte er gegen die Diktatur, wurde zum Sprachrohr der Arbeiter und Studenten, zur Ikone des Neubeginns. Seine Musik gilt als pionierhaft: Sie vereint Volksliedtraditionen mit afrikanischen Einflüssen, eine ausdrucksstarke Stimme mit spannenden Arrangements. Im Gespräch mit Afonsos Tochter Helena und dem Musikproduzenten Nuno Saraiva sowie anhand seiner musikalischen Meilensteine zeichnet Stefan Franzen das Bild eines Mannes, der mit seinem humanistischen Ansatz wieder hochaktuell ist.

José Afonso: „Venham Mais Cinco“
Quelle: youtube